Verlag: Penguin Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Mittagsstunde E-Book

Dörte Hansen  

(0)
Bestseller

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Mittagsstunde - Dörte Hansen

Endlich - der neue Roman von Dörte Hansen!

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.





Meinungen über das E-Book Mittagsstunde - Dörte Hansen

E-Book-Leseprobe Mittagsstunde - Dörte Hansen

Was bleibt von uns, wenn alles, was wir kannten, untergeht? Der große Roman über Verlust und Neuanfang.

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.

DÖRTE HANSEN, geboren 1964 in Husum, arbeitete nach ihrem Studium der Linguistik als NDR-Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print. Ihr Debüt »Altes Land« wurde 2015 zum »Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels« gekürt und avancierte zum Jahresbestseller 2015 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Dörte Hansen lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland.

»Dörte Hansen findet für ihre herrlich eigensinnigen Figuren immer den richtigen Ton. Mal ironisch, mal anrührend.« BRIGITTE über »Altes Land«

»Dieser Roman ist wohltuend anders. Keine Romantik. Klischeefrei. Starke, knorrige Charaktere. Eine Geschichte, die lange nachklingt, wie das Ächzen und Knarren in dem großen dunklen Bauernhaus.« NDR, Buch des Monats März 2015, über »Altes Land«

Besuchen Sie uns auf www.penguin-verlag.de und Facebook.

Dörte Hansen

Mittagsstunde

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichen

von Penguin Books Limited und werden

hier unter Lizenz benutzt.

2. Auflage

Copyright © 2018 Penguin Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka unter Verwendung eines Bildes von Alexander Eckener

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-16783-7V001

www.penguin-verlag.de

Christa, Dirk, Inke, Oke – för jem.Un för de Schlosser.

1 Ich schau den weißen Wolken nach

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen. »De Welt geiht ünner«, sagte Marret Feddersen und sah die Zeichen überall.

Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Wester­ende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten. Ihre Blätter wurden plötzlich gelb, die Kronen kahl, im Juni schon. Sie standen noch ein Jahr wie abgedankte Könige. Dann kam Karl Martensen mit seinen Leuten, und ihre Motorsägen kreischten lange, bis sie die Ulmenstämme auf dem Wagen hatten. Hartes Holz, das ewig trocknen musste, bis man es hobeln oder fräsen konnte. Marret kam, sie holte sich ein Stück der grauen Borke ab und eine Handvoll Ulmenfrüchte, dann ging sie wieder durch das Dorf, von Tür zu Tür, wie sie es immer tat, wenn sie ein Zeichen sah: »De Welt geiht ünner.«

Die Welt ging unter, als auf der neuen Straße der jüngste Sohn von Hamkes überfahren wurde, kaum dass die weißen Striche in der Mitte trocken waren. Und als die Jäger bei der Treibjagd im November den ganzen Tag über die leeren Felder zogen und nicht einen Hasen fanden, den sie hätten schießen können, ging sie wieder unter. Und dann noch einmal ein paar Sommer später, als Paule Bahnsens Ältester mit einem Dominator 76, dem größten Mähdrescher, der je im Dorf ­gesehen worden war, ein Rehkitz überfuhr. Es hatte sich im hohen Korn versteckt, weil junge Rehe nicht vor Feinden fliehen. Sie machen sich ganz klein und bleiben liegen, bis die Gefahr vorüber ist. Oder das Schneidwerk eines Dominator 76 sie erwischt, 3,60 Meter breit und nagelneu. Knochen, Blut und Fell im Messerbalken. Ein junger Bauer, der nie wieder dreschen will.

Man konnte Marret Feddersen von Weitem hören, wenn sie in ihren weißen Klapperlatschen angelaufen kam. Sie trug die alten Dinger immer. Schiefgetretene Holzsandalen, auch bei Schnee und Eis. Wozu noch Schuhe kaufen.

Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder. Man hatte Bohnen einzuwecken, den Motorblock des Schleppers auszubauen, man stand gerade am Sortierband mit den Frühkartoffeln oder hängte die gewaschenen Gardinen auf – und dann kam Marret angeklappert. Es passte manchmal schlecht.

Sie brauchte nicht zu klopfen, natürlich kam sie durch die Hintertür, denn an die Haustür gingen nur die Fremden und Hausierer. Wenn niemand da war, setzte sie sich an den Küchentisch, malte summend ein paar Blumen oder Tiere auf Notizblöcke und Einkaufszettel, kritzelte mit Kugelschreibern Schafe, Schweine, Kühe auf die Rückseite des Bauernblatts und Rosenranken an den Rand der Tageszeitung. Manchmal trank sie ein Glas Wasser oder nahm sich einen Apfel. Wenn dann noch immer keiner kam, versuchte sie es in der nächsten Küche. Sie ging auch in die Ställe, in die Werkstätten, stand in den Klapperlatschen plötzlich an der Hobelbank, am Amboss, in der Bäckerei am Ofen. Sie erschreckte Kalli Jensen einmal fast zu Tode an der ­Melkmaschine, der Kompressor war so laut, er hatte sie nicht kommen hören und sackte halb zu Boden, als ihm Marret plötzlich auf die Schulter tippte. Er japste, lehnte sich schwer atmend an die Stallwand und wollte dann kein Wort mehr hören von irgendwelchen Untergängen.

Die toten Fische, Bäume, Kinder, Rehe, der Sommer ohne Störche und die Felder ohne Hasen, sie waren Vorzeichen der großen Katastrophe, die Marret schriftlich hatte, schwarz auf weiß in ihrem Blatt. DIE ZEIT LÄUFT AB! Ein altes Heft im DIN-A5-Format, mit Tesafilm an vielen Stellen schon geklebt. Sie hatte es auf einem Tisch gefunden im Gasthof Feddersen, wo sie den Boden wischte jeden Abend, es musste jemand dort vergessen haben. Das Titelbild sah aus, als hätte sich ein Jahrmarktsmaler an der Apokalypse versucht: berstende Häuser vor loderndem Himmel und Menschen, die mit aufgerissenen Mündern um ihr Leben rannten. Der Untergang in Airbrushtechnik. ERWACHET! Die Wahrheit stand in diesem Heft, sie trug es immer bei sich, wenn sie ihre Runde machte.

Sie kam gewissenhaft und zuverlässig wie die Post oder der Mappenmann, der jeden Donnerstag von Tür zu Tür ging und die Lesezirkelhefte tauschte.

Man war gewöhnt an Marret Ünnergang wie an die Kinder zu Silvester, die jedes Jahr als Rummelpott verkleidet an die Türen kamen, auf Trommeln oder Töpfe schlugen und laut ihr Lied über ein Schiff aus Holland sangen. Dor kummt een Schipp ut Holland, dat het so’n scheeve Wind. Kein Mensch verstand das Lied. Warum das Schiff aus Holland kam und was ein schiefer Wind war, wusste niemand. Es spielte keine Rolle. Man hörte zu, man nickte, lachte, gab den Sängern Süßigkeiten und ­versuchte unter den Perücken und den Masken die Nachbarskinder zu erraten. Bekam ein frohes neues Jahr gewünscht und ließ sie weiterziehen. Marrets Untergangsgeschichten waren wie der Wind aus Holland – schief und seltsam, mehr auch nicht. Man nickte, hörte zu und ließ sie weiterziehen.

Selbst Pastor Ahlers nahm es hin, dass das Orakel in den weißen Klapperlatschen von Zeit zu Zeit durch die Gemeinde zog. Er fand es nicht ganz glücklich, dass Marret ihre Prophezeiungen auch noch mit einer Werbeschrift der Zeugen Jehovas untermauern musste, aber nach vielen Jahren Dienst in der nordfriesischen Provinz war Ahlers Schlimmeres gewohnt. Auf solche Kleinigkeiten kam es gar nicht an, die Leute glaubten sowieso nichts. Er hatte es weiß Gott versucht, die Seelen zu erquicken und sie aus dunklen Tälern zu befreien, aber der Hirtenjob war hart hier draußen. Seine Sorte Schaf schien gegen jeden Glauben imprägniert zu sein. Wind- und wetterdichtes Fell, nichts Frommes drang da durch. Alles Göttliche lief ab an ihrem Fell wie Wasser am Gefieder einer Gans. Sie glaubten ihm kein Wort. Aber an Marrets Untergänge glaubten sie genauso wenig. Verrückte und Pastoren, einfach klappern lassen.

Nur Carsten Leidig, der in der alten Mühle hauste, hatte Angst vor Marret Ünnergang. Er fluchte schon und fuchtelte mit seinem Rübenmesser, wenn er sie nur von Weitem sah, als wäre das, was Marret hatte, ansteckend. Oder das, was ihr fehlte.

Sie war wohl immer noch normaler als der kahle Fremde, der jedes Jahr im März oder April die Dorfstraße entlanggehumpelt kam, in einem kurzen, himmelblauen Rock. Er hatte nur ein Bein, das andere war aus Holz. Er schliff die Messer und die Scheren, man konnte Bürsten bei ihm kaufen, Schnürsenkel und Schuhcreme, und die Kinder durften nicht so gucken, wenn er kam. Aber Weggucken war ganz unmöglich, wenn ein Mann im Rock mit weißen Feinstrumpfhosen an die Türen klopfte und unbedingt gesehen werden wollte.

Der kahle Scherenschleifer ging nicht in die Küchen, er musste an der Haustür stehenbleiben. Es lag nicht an den ­Feinstrumpfhosen und dem himmelblauen Rock, es lag daran, dass er ein Fremder war. Man nickte, kaufte eine Nagelbürste und ließ ihn nicht hinein.

Marret mit den Klapperlatschen und dem zerfledderten ERWACHET!-Heft gehörte zu den Leuten aus dem Dorf, den Nachbarn und Bekannten, den Zustellern und Lieferanten, die durch die Hintertüren in die Häuser kamen und auf den Küchenbänken sitzen durften. Man legte Zigaretten auf den Tisch, holte Weinbrand oder Bier und stellte, wenn Marret kam, ein bisschen Saft und Schokolade hin. Manchmal sang sie nach den Zeichen und der Wahrheit noch ein Lied. Stand auf und breitete die Arme aus und sang wie Connie Francis oder Heidi Brühl, weil sie die Schlagerlieder noch mehr liebte als die Untergänge.

In den Liedern, die sie sang, wollten die Menschen siebzehn sein. Mit siebzehn träumte man, dann kam das Glück, dann wurde alles gut. Ich schau den weißen Wolken nach und fange an zu träumen.

Dass manchmal auch das Unglück kam, das war ein anderes Lied: Mit siebzehn träumte man, dann kam ein Kind, dann wurde man verrückt. Vielleicht war man auch erst verrückt, dann kam das Kind, die Reihenfolge war in Marrets Fall nicht klar.

Der Vater ihres Kindes konnte keiner aus dem Dorf gewesen sein, so viel stand fest. Denn Marret Feddersen, so klein sie war, hatte die Brinkebüller Bauernjungen gar nicht angesehen, wenn sie auf den Festen mit ihr tanzten. Auch an den Tischler- und den Bäckersöhnen immer stur vorbeigeschaut, von ihnen weg, den Blick schräg über ihre Köpfe, in die Ferne, in die Höhe.

Zu schräg für Sönke Feddersen, der hinter seinem Tresen fast die Gläser in der Hand zerdrückte, wenn er die Tochter so mit ihrer hohen Nase tanzen sah. Auch das Verwehte und das Flackernde an ihr, das Singen immer und dann plötzlich Schreierei und dann drei Tage lang kein Wort, es machte Sönke Feddersen verrückt. Mal ging es eine Weile gut, dann hörte sie, wenn jemand mit ihr sprach, und gab auch Antwort wie ein ganz normaler Mensch. Dann wieder dieses Flackern.

Wurde siebzehn, wurde schwanger, sagte niemandem, von wem. Und ließ sich auch nicht heiraten von Hauke Godbersen, der sie genommen hätte, mit ihrer hohen Nase und dem Rest.

Marret Feddersen war nicht zu retten, schon damals nicht.

Mit ihrem Unbekannten musste es gewesen sein wie in den Liedern, die sie sang. Schöner fremder Mann… Einer von drei jungen Ingenieuren, einquartiert im Gasthof Feddersen im Sommer 1965, als Landvermesser für die Flurbereinigung … du bist lieb zu mir.

Er hinterließ die Brinkebüller Feldmark aufgeräumt und übersichtlich, baum- und heckenlos, die breiten Wirtschaftswege wie mit dem Lineal gezogen, die Felder riesengroß, die Wälle und die Streuobstwiesen weggehobelt.

Die Welt von Marret Feddersen verließ er wie sein Fremdenzimmer: Verwüstet und zerwühlt, alles ruiniert von seinen schweren Stiefeln.

Sie war verdreiht, sie konnte Fledermäuse hören und auf gepflügten Feldern Feuersteine finden, aber wenn Ella Feddersen für achtzig Mann Rouladen kochen musste, war ihre Tochter keine Hilfe. Es reichte nicht mal zum Kartoffelschälen, sie summte vor sich hin und schnitzte Muster in die Schalen, bis Ella ihr das Messer wegnahm und sie an den Schultern aus der Küche schob.

Sie sah die großen Falten nicht, die sie in Leinendecken oder Bettbezüge bügelte. Ging vorbei an leeren Gläsern auf den Tischen, an vollen Aschenbechern und verstaubten Fensterbänken. An den Betrunkenen, die noch am Tresen lehnten, wenn sie zum Melken ging am Morgen. Auch an den Schnarchenden und Lallenden, die nach den großen Festen in der Eckbank hingen wie ausgesetzte Meuterer.

Weil Marret sie nicht sah und Sönke selbst am Tisch hing, zog Ella sie allein an ihren Schlipsen hoch und führte sie am kurzen Zügel durch den Saal zum Flur. Lehnte sie kurz an die Garderobe, drückte ihnen die Prinz-Heinrich-Mützen auf und schob sie Richtung Tür mit einer Drehung, als wollte sie ein schweres Fass über den Boden rollen oder Gasflaschen aus Stahl. Sie packte sie, wie Krankenpfleger oder Viehhändler es machten mit ihren widerspenstigen Klienten. Geübter Griff, nicht allzu grob, nur fest genug, um klarzumachen, dass es ernstgemeint war.

Aber Marret fand die letzten Glockenblumen oder Klatschmohnblüten, die auf den kunstgedüngten Feldern noch zu blühen wagten, pflückte sie und presste sie im Shell-Atlas, dem einen großen Buch, das die Familie Feddersen besaß.

Sie fütterte die Tiere, zog Küken, Ferkel, Kälber groß. Und wenn sie ausgewachsen waren, schwer genug zum Schlachten und Verkaufen, sah sie sie nicht mehr.

Sie fütterte den Jungen auch, sie wusch und kämmte ihn und rieb ihm jeden Abend seine Brust mit Wick-Erkältungssalbe ein, dem aufgesackten Kind, das wie ein Husten war, nicht wieder loszuwerden. Ein chronischer Infekt, der mit Erkältungssalbe nicht mehr wegzureiben war. Menthol auf seine Brust, weil er ihr Leiden war. Es wurde besser, als er größer wurde und mit Sönke Feddersen hinter dem Tresen stehen konnte. Manchmal sah sie ihn dann gar nicht mehr.

Sie bohnerte die Böden vor den Festen, das Parkett im großen Saal, und wenn es blank war, tanzte sie zu ihren Schlagerliedern. Augen zu und weitersingen, siebzehn sein und bleiben, ein Mädchen in Schwarz-Weiß wie auf dem alten Foto, das im Gasthof an der Wand hinter dem Tresen hing: Marret mit der Tanzkapelle im großen Brinkebüller Saal. Die Barracudas, ernste Jungs mit schmalen Schlipsen, Gitarre, Bass und Schlagzeug, und in der Mitte ein toupiertes Mädchen mit dem Mikrofon. Spitze weiße Schuhe und im Haar ein schwarzes Tuch mit Punkten, ihr Lächeln viel zu groß für einen Gasthof in Nordfriesland. Marret Feddersen, die singen konnte. Stern von Brinkebüll.

Sie ging durchs Dorf in ihren Klapperlatschen, als in den Jahren nach der Flurbereinigung die ersten Starfighter der Bundeswehr in Richtung Nordsee über Brinkebüll geflogen kamen. Es klang wie eine Explosion, wenn der Pilot die Schallmauer durchbrach, ein Donnern, das vom Himmel kam, es konnte nur ein Zeichen sein. Na, Marret, geiht de Welt mol wedder ünner?

Nach diesen ersten Düsenjägern kamen viele, manchmal täglich, sie starteten vom alten Fliegerhorst, der seine zweite Blüte jetzt im Kalten Krieg erlebte, er lag knapp zwanzig Kilometer weit vom Dorf entfernt. Ihr Donnern wurde so alltäglich wie die Motorsägen von Karl Martensen oder das Schleifen aus der Landmaschinenwerkstatt. Sie gehörten bald zum Dorf wie das Gebell der Hunde auf den Höfen, das Rattern der Traktoren auf den Feldern, das Brüllen junger Rinder, die zur Viehwaage getrieben wurden, wie die Tanzmusik im Gasthof Feddersen an jedem Wochenende.

Die Flieger hinterließen Spuren, weiße Streifen, Parallelen, Kreuze. Der Himmel über Brinkebüll war voller Zeichen, aber außer Marret sah sie niemand.

2 Old man, look at my life

Im November stand das Wasser auf den Feldern, und der Himmel legte Steine auf das Land, Schleifsteine und Schieferplatten, Beton, Granit, Zement, Kies, Schotter. Dicke Stapel schweres Grau, als müsste dieses Land noch flacher ­werden.

Wolken wie Mühlsteine auf durchgeweichten Feldern, auf Häusern, Ställen, Scheunen, Carports, auf geduckten Feldsteinkirchen, die diesem Himmel auch nicht ganz zu trauen schienen. Auf einem dünnen Pferd, das mit gesenktem Kopf am Gatter seiner nassen Koppel stand, die Hinterhand geknickt. Ein Kiesel noch, dann würde es wahrscheinlich fallen. Es stand sehr still, den Kopf nach Osten, weg vom Westwind, der in den kahlen Bäumen randalierte wie ein durchgedrehter Feldherr, an Zweigen riss und Eichenstämme rempelte, ein alter Wind, der viel gesehen hatte, Findlinge geschliffen. Jetzt peitschte er den Regen und ließ die Fahnen stramm an ihren Masten stehen, drei Tage ohne Pause, wenn ihm danach war.

Man machte es am besten wie das dünne Pferd, man duckte sich und blieb ganz still, den Rücken in den Wind, den Kopf gesenkt, norddeutsche Schonhaltung. Dem großen Mahlwerk möglichst wenig Angriffsfläche bieten, man gewöhnte sich das an, wenn man hier aufgewachsen war. So sehr, dass man im Auto noch die Schultern hochgezogen hielt, wenn man durch diese Landschaft fuhr. Er merkte es und ließ sie sinken, stellte den Scheibenwischer auf die höchste Stufe.

Er fuhr die Strecke jetzt so oft. Windböen, die ihm ins Lenkrad griffen, das große Heulen an der Seitenscheibe, ein toter Fuchs am Straßenrand. Don’t let it bring you down, er sang das Lied seit über dreißig Jahren mit. Neil Young im Auto, immer schon. Wenn jemand mitfuhr, ließ er die CD im Handschuhfach verschwinden, er hatte keine Lust mehr auf die Kommentare, er lebte seine Liebe zu Neil Young seit vielen Jahren heimlich aus. Andere fälschten Geld im Keller oder teilten Tisch und Bett mit einer Latexpuppe. Er fühlte sich seit dreieinhalb Jahrzehnten von einem Kerl getröstet, der Karohemden trug und mit wimmernder Stimme von goldenen Herzen und alten Männern sang.

Und wenn er im November über die menschenleeren Straßen der schleswigschen Geest fahren musste, dann war ihm das Gewimmer dieses Mannes eine große Stütze.

Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.

Das hier war Altmoränenland, es hatte ewig unter Gletschereis gelegen, es war geschliffen und verschrammt, das bisschen Wind und Regen machte ihm nichts aus.

Er war nicht blind, er sah das alles: Die zerrupften Krähen, die in den Furchen eines nassen Stoppelfeldes wateten, die Silagehügel unter weißen Plastikhäuten, beschwert mit alten Reifen, verpackte Ballen Heu auf den verwaisten Feldern, die großen Tanks der Biogasanlagen, ihre grünen Kuppeln wie die Wahrzeichen des Maiszeitalters. Bauernhäuser, die irgendwann mit weißem Klinkerstein verkleidet worden waren, jetzt standen sie an ihren vollverzinkten Gartenzäunen wie unglückliche Bräute, die keiner haben wollte. Die Felder, auf denen außer Mais nur noch Solaranlagen oder Windturbinen wuchsen. Die Wartehäuschen an den Haltestellen, Fahrpläne hinter Plexiglas für Busse, die dann doch nie kamen. Die hohen Straßenlampen mit dem bleichen Licht, die in den starken Böen schwankten.

Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut. Es vertrösten auf die guten Tage, wenn der Himmel steinfrei war, windstille Tage, manchmal gab es das. Singvögel, Feldlerchen, Schwalben, blühende Kastanien und Silberpappeln, Kiefern, die in der Sonne dufteten. Tage mit Farben: Raps und Löwenzahn, Sommergras, Heidekraut, schwarzbunte Rinder, Sonnenauf- und -untergänge. Bei klarer Sicht ein bisschen Glanz vom Wattenmeer.

Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgeliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.

Auch das ein Fall fürs Handschuhfach, Klappe zu und keine Kommentare, besten Dank.

Er war, was das anging, kuriert, seit Ragnhild ihn das erste Mal hierher begleitet hatte, die Füße auf dem Armaturenbrett, die Tabakkrümel ihrer Selbstgedrehten auf dem Sitz, La­kritzstangentüte und Handcremetube im Schoß, die Taschentücher überall verteilt. Das alles war ihm damals ganz egal gewesen, aber ihr Feixen aus dem Autofenster nicht, ihr »O Gott« bei jedem Blumenkübel aus Waschbeton und jeder Plastikhaustür aus dem Baumarkt. Besonders nicht ihr »Ach du Scheiße«, als sie beim Brinkebüller Ortsschild waren, und dann noch einmal, grinsend, auf dem Parkplatz vor dem Gasthof Feddersen. Er, schafstreu und schwer getroffen, hatte ihr das lange nicht verziehen. Vor allem nicht sich selbst verzeihen können, dass sie ihn so gesehen hatte. Den Jungen aus dem Dorf, am Bauch kein Fell, so tölpelhaft verletzt.

Don’t let it bringyou down, it’s only castles burning.

Er sah sich manchmal selbst im Bauerngang über den Kieler Campus stiefeln, mit langen, tiefen Schritten, als hätte er die Schubkarre noch immer vor dem Bauch. Oder die Sackkarre mit Bierfässern und Brausekisten, die in den Kühlraum mussten. Den Bohnerbesen für das Parkett im großen Saal. Er sah sich in den hohen Fensterscheiben der philosophischen Fakultät, ein Landmann auf dem Weg zur Arbeit, kein Anzug konnte das verbergen und kein weißes Hemd. An manchen Tagen roch es in der Seminarbibliothek nach Bohnerwachs. Der Boden war aus Eichenholz, ein breites Fischgrätmuster, bernsteinfarben, wie im Brinkebüller Saal.

Man konnte dort am Vormittag nicht arbeiten, weil sich die Erstsemester dann mit ihren Bücherlisten durch die Gänge wühlten wie Frischlinge durchs Unterholz. Aber am frühen Morgen oder gegen Abend waren die Lesesäle still wie Geisterschiffe. Er trieb dort manchmal ohne Ziel und Richtung durch die Zeiten zwischen Urkunden und Sammelbänden, die seit Jahrzehnten niemand in die Hand genommen hatte.

Die Bücher, die er brauchte, standen meist im Keller, wo es noch Zettelkästen gab und Neonröhren, die ein nervöses Licht verströmten. Oft machte er sie gar nicht an, weil ihm die kleinen Leselampen lieber waren, die auf den Tischen in den Ecken standen.

An manchen Tagen las er sich in alten Dokumenten fest, saß lange dort wie etwas Heimliches, das unter Steinen lebte, nur hin und wieder von Studenten aufgestöbert, die ahnungslos das grelle Deckenlicht einschalteten und dann vor ihm erschraken.

Wie gestern diese junge Frau, Strickjacke und Schal, eine von denen, die es schafften, in einer überheizten Bibliothek zu frieren.

Sie hatte das Licht gleich wieder ausgeschaltet, hastig ihre Bücher aufgehoben, die ihr vom Arm gefallen waren, dann war sie weggelaufen Richtung Lesesaal. Er war kurz in Versuchung aufzuspringen und ihr stöhnend hinterherzuhumpeln, Quasimodo Feddersen, das Phantom der Ur- und Frühgeschichte. Der Mann, dem man im Dunkeln nicht begegnen möchte, der regungslos in schummerigen Ecken kauerte, im knitterigen Hemd, und manchmal hing es ihm dann auch noch hinten aus der Hose. Der große Bleiche aus dem Keller, wahrscheinlich sah er selbst an manchen Tagen aus wie etwas Freigelegtes, Ausgegrabenes.

Sehr gute Chancen als Erschrecker bei der Geisterbahn, falls es mit der Vertragsverlängerung nicht klappen sollte.

Er wäre nicht der Erste, der in diesem Fachbereich zum Schrat geworden war. Man musste sehen, dass man als Prähistoriker die Kurve kriegte, man durfte nicht zu lang in irgendwelchen Kellern, Gruften oder Höhlen sitzen, sonst fing man früher oder später an, nach Atlantis zu graben, man fantasierte über Moorleichenlegenden oder marschierte in römischer Legionärsausrüstung über die Alpen, alles schon dagewesen. Kollege Dahlmann verbrachte die Semesterferien als Klingenschmied in einem Bronzezeit Erlebnispark. Sechs Wochen lang im Fell am Amboss stehen – dann lieber Geisterbahn.

Die Frau, die vor ihm weggelaufen war, hieß Sünje Gregersen. Sie war in seinem Seminar, eine von den Stillen, nur ihr Name war ihm aufgefallen. Mehr musste er auch gar nicht wissen. Er konnte solche Namen lesen wie Familienbücher oder Lebensläufe. Sünje Gregersen, so hieß nur jemand, der aus Nordwesten kam. Kreis Nordfriesland, Abitur in Niebüll oder Husum, vielleicht in Westerland, vielleicht in Wyk auf Föhr, aber er tippte mal auf Festland, Kraut- und Rübenkindheit auf der Geest. Es klang für ihn nach einem Bauernhof auf einem Boden, der nichts taugte. Nach Kiefern, Flugsand. Ziemlich flach, aber nicht platt.

Ein Name wie ein Schlüsselloch. Er guckte durch und konnte alles sehen: die Schülerin mit Monatskarte, frühmorgens an der Haltestelle in irgendeinem kleinen Dorf mit »-büll« am Ende. Er sah den norddeutschen Schrägregen und die Kapuze, die sie mit beiden Händen am Gesicht festhielt, damit der Wind sie nicht herunterzerren konnte.

Er konnte den Schulbus sehen mit den beschlagenen Scheiben, der wieder ewig brauchen würde für die zwanzig, dreißig Kilometer bis nach Niebüll oder Husum, der behäbig wie ein Kartoffelroder über die Geestdörfer fuhr, um all die anderen Kapuzenkinder auch aufzulesen. Kleine Saatkartoffeln, aus dem sandigen Boden gerüttelt und ins Gymnasium gesteckt, damit aus ihnen mal was würde. Er konnte sehen, wie Sünje Gregersen im Halbschlaf vor der Schule stand, bevor der Hausmeister um kurz vor sieben endlich mit dem Schlüssel kam.

Und sah, wie sie am Nachmittag um zwei aus dem Kartoffelroder stieg und durch ihr Dorf ging, das um diese Zeit im Koma lag, nicht ansprechbar. Das schulbusbleiche Kind, das durch die Hintertür ins Haus schlich und dann auf Strümpfen in die Küche. Er konnte sehen, wie es aß, mit einem Buch neben dem Teller, dann vorsichtig die Treppe hochstieg, dabei nicht mit der Tasche ans Geländer schlug und auch nicht an der Wand entlangschleifte. Wie es in sein Zimmer huschte und dort blieb, bis seine Eltern unten vom Sofa aufgestanden waren.

Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde.

Der Name Sünje Gregersen verriet ihm mehr, als sie je über sich erzählen würde. Den Rest verriet ihm ihr Gesicht, sehr hell, ein bisschen eingesunken, wie Holländer sie malten oder Flamen auf den alten Bildern. Nordseegesichter, das Profil von Westwind abgeschliffen. Nichts ragte vor, nichts stach heraus, man übersah sie leicht.

Es gab nicht wenige von dieser Sorte, und sie erkannten sich.

Alles, was er von ihr wissen konnte, wusste sie auch über ihn. Sie brauchte nichts als seinen Namen, Ingwer Feddersen. Dass vor dem Namen jetzt ein »Dr.« stand, dass er ihr Hochschul­lehrer war, Dozent und Grabungsleiter, das spielte alles keine Rolle. Abitur in Husum, Studium und Promotion in Kiel. Er war einer, der im Kartoffelroder gesessen hatte. Er konnte sehr leise essen.

Eins von den Kapuzenkindern, die wie blinde Passagiere in die Hörsäle und Seminarräume geschlichen kamen, wie Gäste, die niemand eingeladen hatte. Bis heute staunte er ­darüber, dass er in all den Jahren niemals aufgeflogen war. Dass keinem Menschen eingefallen war, dass er dort gar nicht hingehörte. An manchen Tagen schien er immer noch ­darauf zu warten, dass jemand kommen und ihn aussortieren könnte, ihn auf den anderen Kartoffelhaufen legen.

Dass jemand ihn dabei erwischen könnte, wie er in seinem Keller saß, Grabungsberichte und Pollendiagramme vor sich, de Nääs in de Böker, statt etwas Richtiges zu tun: Mais zu häckseln, den Kotflügel am Schlepper zu schweißen oder im großen Saal den Tanzboden zu bohnern und dann für achtzig Gäste einzudecken.

Hundert Kilometer lagen zwischen Uni Kiel und Gasthof Feddersen, er war seit dreißig Jahren nicht mehr Kümmerling gewesen, der Junge mit dem Tresen vor der Brust, aber sobald er einen dieser Namen hörte, stand er im Brinkebüller Saal. Oder saß in einem Wartehäuschen an der Haltestelle und zog den Kopf ein unter einem Mühlsteinhimmel.

Manchmal, wenn er in seinem vollgestapelten Büro am Schreibtisch saß, schien plötzlich Sönke Feddersen vor ihm zu stehen, in seiner schwarzen Breitcordhose, die Hände in den Seiten, auf den Teppichboden spuckend, weil ihm das alles unbegreiflich war. Wie man so dumm sein konnte: hinter Bücherstapeln kauern und in verstaubten Seiten wühlen, das Leben einer Milbe, einer Assel führen. Wie einer fünfzehn Hektar Land und einen Gasthof liegen lassen konnte, um Steine und kaputte Töpfe auszubuddeln.

Sönke Feddersen, de Kröger. Er hatte das Menschenmögliche getan, um aus dem vaterlosen Jungen von Marret Ünnergang wat halfweegs Normales zu machen. Hatte ihn auf dem Bohnerbesen über das Parkett geschoben, bis er groß und stark genug war, um das schwere Ding alleine zu schieben. Ihn an den Tresen gestellt, auf eine umgedrehte Sprudelkiste, damit er an den Zapfhahn kam, und hatte ihn, sobald die Beine lang genug gewesen waren, an das Steuer des IHC-Schleppers gesetzt. Hatte ihn Heu pressen, Mist streuen, melken lassen, abends in der Gaststube die Aschenbecher leeren und morgens nach den Festen die Toiletten schrubben.

Kaufte ein Tenorhorn, als er sieben wurde, ließ ihn mit zwölf im Takt marschieren mit dem Musikzug Brinkebüll und schickte ihn mit fünfzehn zu den Übungsabenden der Jugendfeuerwehr. Schnitt ihm die Haare mit dem Messer, auf einem Schemel vor dem Stall, alle sechs Wochen, dat du mol wedder as een Minsch utsiehst.

Und dann Gymnasiast. Bis heute wusste Sönke Feddersen nicht, was da schiefgelaufen war. Womit er das verdient hatte.

Hä! Op de hoge School!

Er hatte dieses Hä! in hohem Bogen ausgespuckt, als hätte er auf etwas Widerwärtiges, Verdorbenes gebissen. Sein Spucken fing im fünften Schuljahr an. Sexta, sagten sie in Husum am Gymnasium. Hä!, sagte Sönke Feddersen und hörte mit dem Spucken nicht mehr auf. Quinta, Quarta, Tertia … Spuckte weiter bis zum Abitur. Verstand die Welt nicht mehr, als Ingwer Feddersen sich dann auch noch vor seinem Wehrdienst drückte, um als Zivildienstleistender die Tattergreise abzuputzen, die im Seniorenheim in ihre Bettbezüge sabberten. Und was nicht noch alles.

Spuckte auf den BAföG-Antrag, das Diplom, den Doktor­titel.

Und hielt im Gasthof Brinkebüll die Stellung. 93 Jahre alt, Arthrose und auf einem Auge blind, genau wie Marret Ünnergang: Er sah nur, was er sehen wollte.

Dass Fremde grinsten, wenn sie auf ein Bier und eine Bockwurst in seine abgeschrammte Schankstube geschneit kamen, sah er nicht. Wenn er mit der Bestellung in die Küche schlurfte, zeigten sie auf seinen grünen Sparclubkasten und die verstaubte Wurlitzer-Musikbox in der Eichenholzverkleidung. Sie rollten mit den Augen, wenn sie die Bilder von fidelen Tippelbrüdern an der Wand entdeckten oder die Aschenbecher, die ihm ein Schnapsvertreter vor Jahrzehnten mal geschenkt hat: Nette Menschen trinken gerne Kümmerling.

Und Sönke Feddersen, de Kröger, zuckte nicht, wenn E-Bike-Pärchen oder Hünengrab-Touristen, die sich in seine Gaststube verirrten, die aufgeplatzte Bockwurst überschwänglich lobten und beim Bezahlen seine Schulter klopften, als wäre er ein altes Zirkuspferd. Er stellte sich in Positur an seinem Zapfhahn und ließ sie ihre Handyfotos machen von diesem krummen Gastwirt in der Dorfkaschemme, der kaum noch über seinen Tresen schauen konnte. Er spielte sturer Findling, er würde sich von seinem Platz nicht wegbewegen.

An schlechten Tagen brauchte er jetzt den Rollator, an guten nahm er sein Tenorhorn aus dem Koffer und spielte Sternschnuppen-Polka, so weit er mit der Luft noch kam.

Als er noch jung gewesen war und wütender, hatte er Gruß an Kiel gespielt, fast jeden Sonntagabend, wenn Ingwer Feddersen die Sachen packte, um nach dem Brinkebüller Wochenende zurückzufahren zu den »Studierern«.

Studierer wie Verlierer, wie Zerstörer, wie Verbrecher – wer ihn nicht kannte, hätte denken können, dass Sönke ­Feddersen ein solches Wort nur zufällig benutzte, ein bisschen ungeschickt, gar keine böse Absicht. Aber was er sagen wollte und was nicht, das wusste Sönke Feddersen genau. Jeder Schuss ein Treffer, mit jedem Spucken konnte er ein Schiff versenken.

Old man, look at my life.

Es wurde dunkel, als er auf die Bundesstraße abbog, vierzehn Kilometer noch bis Brinkebüll. Der Regen hackte auf die Windschutzscheibe ein, der Scheibenwischer hetzte. Am Himmel blinkten, hundert Meter hoch, die roten Warnlichter der Windkraftanlagen. Dutzende von ihnen im immergleichen Takt, ein stetiges Pulsieren. Es schien aus einer anderen Welt zu sein, als sollten diese roten Lichter eine Landebahn für fremde ­Raumschiffe markieren. Oder die Beatmung für ein großes ­kosmisches Organ kontrollieren. Die Leute hassten ­dieses ­Leuchten, es hagelte ­Proteste gegen Windanlagen, die jeden Kirchturm überragten, den Horizont verstellten und an den Sonnentagen ­unaufhörlich ihre Schatten auf die Felder und die Straßen schlugen.

Er wünschte sich noch mehr von ihnen. Mehr von den roten Leuchten, die diesen Himmel nicht so ernst zu nehmen schienen, aufmüpfig blinkten, Clownsnasen für einen, der keinen Spaß verstand. Noch mehr von den Rotoren, die den Choleriker von Wind vor ihren Karren spannten. Er hatte hier so lange sinnlos vor sich hin gewütet, Sturmfluten hochgepeitscht, Bäume umgeknickt und Häuser abgedeckt, er konnte sich jetzt endlich nützlich machen. Ins Geschirr mit ihm.

Hinter den atemlosen Scheibenwischern konnte er den Stollberg sehen, 43 Meter hoch, vierthöchste Erhebung des Landkreises Nordfriesland, Altmoräne aus der Saale-Eiszeit. Sein Heimatkundewissen schien ihm wie ein Hund vorauszurennen, verlässlich sprang es auf, sobald er an der Bundesstraße 5 den kleinen Hügel kommen sah, den nur ein Deichvolk ernsthaft als Berg bezeichnen konnte.

Sandersande, Kiessande, Geschiebemergel, er hätte immer noch im Schlaf den Längsschnitt durch den Gletscher zeichnen können, den er im vierten Schuljahr in sein quergelegtes Heft gezeichnet hatte. Grundmoräne, Endmoräne, Sander, Urstromstal. Auswendig, wie ein Heimatlied.

Seltsam kreisten die Kartoffelkinder lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern. Treue Mondgesichter, die an ihrer alten Erde hingen.

Kiel war fern genug für ihn. Hundert Kilometer weit konnte selbst Sönke Feddersen nicht spucken. Und nah genug, denn wenn man dort über die Felder ging, konnte man fast die gleichen Steine finden wie hier. Windkanter, die von den Eiszeitgletschern irgendwann vergessen worden waren, eine Landschaft, die ein paar Hunderttausend Jahre lang geschliffen worden war – nicht so hart und gründlich wie die Geest bei Brinkebüll, aber es reichte ihm.

Er grub schon, seit er denken konnte. Drehte Steine um an Straßenrändern. Wühlte, wenn er an der See war, jeden Spülsaum durch und suchte Bernsteine und Donnerkeile, See­igel-Fossilien. Er konnte gar nicht anders: Volksschule Brinkebüll, vier Jahre Heimatkunde. Man war bei Lehrer Steensen um das Graben nicht herumgekommen.

Mit Spaten, Handschaufeln und Hämmern in die Feldmark, in Zweierreihe zu dem großen Acker, der gleich hinter dem Schulwald lag. Den alten Feldrucksack geschultert, die Ärmel hochgerollt, so hatte Steensen seine Schüler zu den Grabungen geführt, um sie in die Geheimnisse der norddeutschen Vorzeit einzuweihen. Sie hatten Flintsteine gesucht und Hühnergötter, Pfeilspitzen und Faustkeile.

Schon seine Mutter hatte das getan, 1955 eingeschult, Steensen musste damals noch ein junger Mann gewesen sein, viel jünger jedenfalls, als Dr. Ingwer Feddersen jetzt war.

Alle Steensen-Schüler hatten graben müssen. Alle hatten schleunigst damit aufgehört, sobald sie ihre Brinkebüller Grundschultage hinter sich gelassen hatten, nur Ingwer Feddersen grub immer weiter, drehte Steine um.

Er sah die Krähen über nasse Felder flattern wie Lehrer Steensen früher, der seinen Blick beharrlich auf die Erde richtete, Flintdolche, Rundbeile suchend. Steensens Ära war die Jungsteinzeit, er dachte nicht daran, nach vorn zu sehen.

Nicht zu lange mit gesenktem Kopf durch Ackerfurchen gehen – noch eine Mahnung an alle Prähistoriker, wenn sie die Kurve kriegen wollten, man konnte sie am Beispiel Steensen ­lernen.

Old man, look at my life. I’m a lot like you were.

Jemand musste das Brinkebüller Ortsschild angefahren haben, es stand schief, am letzten Sonntag war davon noch nichts zu sehen gewesen. Er ging vom Gas. Fuhr vorbei an Carsten Leidigs alter Mühle, die wieder Flügel trug, nachdem sie drei Jahrzehnte lang als Stumpf in der Kurve gestanden hatte. Vor der umgebauten Meierei hatte der Sturm die Wertstofftonne umgeweht, eine leere Dose rollte Richtung Rinnstein, auf ihrem weißen Etikett stand »ja!«, und dünne ­Plastiktüten huschten mit ihr über die Dorfstraße. Auf dem Fußweg zerrte ein Jugendlicher mit Kapuzenjacke an der Leine eines Cockerspaniels, Ex-Wunschhund und Ex-Hundewünscher, beide schienen sich den Abend anders vorgestellt zu haben. Sonst war niemand unterwegs im Dorf, blau flimmerten die Stubenfenster am frühen Freitagabend.

Im Gasthof Brinkebüll lief NDR 1 Welle Nord, Hits & Oldies aus dem kleinen Lautsprecher in der Schankstubenecke. Marmor, Stein und Eisen bricht, am Tresen Sönke Feddersen, heute ohne den Rollator. Er zapfte Pils für Paule Bahnsen, der allein am Stammtisch saß und jetzt den Schraubverschluss von einer ­kleinen ­Flasche drehte, die in seinen Pranken fast verschwand. »Moin, Ingwer.« Dann trank er seinen Kümmerling. Klemmte sich den Flaschenhals zwischen die Zähne, legte den Kopf in den Nacken und ließ die 35 Vol.-% Halbbitter freihändig in seine Kehle laufen.

Ingwer stellte den Rucksack ab, zog die Jacke aus und legte sein Schlüsselbund auf den Tresen. »Koppwehwetter«, sagte Sönke Feddersen und schob ihm einen Kümmerling über die Theke, den zweiten kippte er selbst.

3 Schuld war nur der Bossa Nova

Die Landvermesser ließen Bier- und Weinbrandflaschen in den Fremdenzimmern stehen und bürsteten den Schmutz von ihren Stiefeln in die Waschbecken, bevor sie ihre Koffer packten und den Gasthof Feddersen verließen. Marret, die die Zimmer putzen sollte, fand Kippen in den Aschenbechern und eine leere Packung Stuyvesant auf einer Fensterbank. Sie sammelte die ausgedrückten Zahncremetuben ein, den Kamm, das kleine, schmuddelige Seifenstück, das auf dem Boden lag. In einem der drei Zimmer hing an einer Tür im Kleiderschrank noch eine einsame Krawatte. Die Seide schimmerte nachtblau, wenn man darüberstrich. Kommode leer und Nachttisch leer. Das Bett zerwühlt, das Handtuch schmutzig. Schöner fremder Mann. Er hatte seine Stiefelspuren damit vom Linoleum gewischt.

Als Ella kam und frische Bettbezüge brachte, lag ihre Tochter auf der abgezogenen Matratze, das Laken über ihrem Kopf. Sie hielt es fest, als ihre Mutter daran zog. Und Ella Feddersen, die sich seit langer Zeit schon nicht mehr über Marret wunderte, ließ ihre Tochter liegen. Räumte den Teller wieder weg, als sie zum Mittagessen nicht herunterkam, stellte die Tasse in den Küchenschrank zurück, als sie zum Kaffee immer noch nicht unten war. Zur Melkzeit hatte Sönke Feddersen die Nase voll. Drei Tage lang kein Wort, dann große Schreierei um nichts, dann Schlagerlieder auf dem leeren Saal, jetzt stellte sie sich unter einem weißen Laken tot. Nu langt dat. Er polterte die Treppe zu den Fremdenzimmern hoch, zog ihr das Betttuch weg, dann klemmte er sich Marret wie ein Kantholz unter einen Arm und schleppte sie bis an die Hintertür. Stellte ihr die Gummistiefel vor die Füße, und als sie stehen blieb, stur wie ein Stock, zog Sönke ihr die Stiefel an und schob sie in den Stall, wo schon die Kühe an den Ketten zerrten und die Kälber brüllten.

Am Abend kam sie nicht, als Ella sie zum Essen rief, und Sönke aß das Spiegelei, das übrig war. Fluchte, als er sah, dass Marret wieder nicht den Boden in der Gaststube gewischt hatte. Suchte aber nicht nach ihr, weil er schon wusste, dass es zwecklos war. Man fand sie sowieso nicht.

Sie war für das Verschwinden wie gemacht, schmal wie ein Hemd, die Füße einer Schülerin. Sie konnte lange hinter Bäumen stehen, in Gräben oder unter Hecken kauern. Verschwand am Mergelschacht im Schilf, schob sich in Paule Bahnsens Gerstenfeld und tauchte in den langen Halmen unter. Streunte über Sandwege und Trampelpfade, lief bis zum Hünengrab und legte sich ins Heidekraut. Das einzige, was Marret Feddersens Versteck manchmal verriet, war eine kleine Wolke Qualm. Sie paffte Zigarettenstummel, die sie im Gasthof von den Tischen sammelte, wenn Sönke es nicht sah. Halb gerauchte Juno, Gold Dollar oder Ernte 23, die in den Aschenbechern liegen blieben.

Sie tauchte meistens in der Mittagsstunde unter, sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten, wenn sie um Häuser oder Scheunen schlichen, wo sie nichts verloren hatten, oder mit langem Schritt ein fremdes Feld vermaßen, als ob es ihnen schon gehörte. Ihre Räder leise aus dem Schuppen schoben, zwei leere Eimer an den Lenker hängten und zum Süderende fuhren, um schnell die reifen Fliederbeeren abzupflücken, bevor es jemand anders tat. Man musste warten, bis das Dorf wie ein betäubtes Tier zusammensackte. Bis in den Küchen und den Stuben nach und nach die Tageszeitungen zu Boden glitten und tief geatmet wurde auf den Eckbänken und Sofas. Die Brinkebüller Kinder lernten früh, dass man das leise Schnarchen hören musste, bevor man auf den Strümpfen durch die Diele huschen konnte, zum Heuboden hinauf, wo die versteckten Comic-Hefte lagen oder die blinden, jungen Hunde, die man eigentlich nicht haben durfte.

Das betäubte Dorf bemerkte nicht, wenn Marret Feddersen verschwand, es sah sie nur auf ihrem Weg zurück, mit Gräsern in den Haaren oder Sand an ihren Kleidern. Sie kam mit Steinen in den Taschen, Schneckenhäusern, Scherben, Holzstücken und Bucheckern, Ahornsamen oder Klatschmohnkapseln, kleinen Knochen, manchmal toten Vögeln, Mäusen, Feldhamstern, und nichts von dem, was Marret in den Feldern rund um Brinkebüll gefunden hatte, durfte weg. Die Pflanzen legte sie mit Löschpapier in Sönkes großen Shell-Atlas, der Rest kam in ihr Schap, den ausrangierten Küchenschrank, der staubig an der Wand im Kuhstall stand. Die toten Tiere sorgten regelmäßig für Geschrei, weil Sönke sie im Stall nicht haben wollte. Er warf sie auf den Mist, sobald er sie entdeckte, und Marret schrie, weil diese Tiere erst verschwinden durften, wenn sie gezeichnet und beschriftet worden waren. Sie mussten in ihr Book, ein blaues Schulheft, großkariert, mit breitem Rand.

Wippsteert ist gleich Bachstelze.(Singvogel, Zugvogel) Am 21.September 1964 an der Brücke bei Wischers Heck gefunden. Schon länger tot. (Brummer)

Sie schrieb in Schönschrift, unterstrich die Überschrift zweimal mit Lineal und ließ dabei die Unterschleifen aus, das hatte sie bei Lehrer Steensen so gelernt. Es konnte Stunden dauern, bis sie fertig war mit ihrem Zeichnen und Beschriften, manchmal Tage. Weil Ella sie nicht mit den toten Tieren in die Küche ließ, zog Marret sich den alten Schemel in den Stall und saß, das blaue Heft im Schoß, den Rücken an ihr Schap gelehnt. Summte, malte, schnörkelte und unterstrich, als gäbe es um sie herum nichts anderes zu tun, als stünden da nicht Eimer, Besen, Forken, als müsste Sönke Feddersen nicht wütend über ihre ausgestreckten Beine steigen. Sie sah ihn gar nicht. Sie merkte wohl auch nicht, dass ihre toten Tiere manchmal schon schlecht rochen.

Marret Feddersen schien hinter einer Wand aus Glas zu leben. Man musste rufen oder winken, um sie zu erreichen, und manchmal war das Glas auch noch beschlagen. Sie sah und hörte nichts, wenn sie im Stall auf ihrem Schemel hockte, in Kleiderschränken saß oder im Brennholzschuppen, wo sie die Lesezirkelhefte las, Quick,Stern und Bunte, und den Filmstars und den Schlagersängerinnen, die auf den Titelbildern waren, Zahnlücken oder Bärte malte, Brillen, Lockenköpfe. Sie hörte nicht, dass Hauke Godbersen, der Mappenmann, fast jede Woche gegen die Kommode trat und fluchte, wenn er ihr Gekritzel sah. Weil er sich wieder das Gemecker von den nächsten Abonnenten anhören konnte. Wer wollte denn Curd Jürgens ohne Schneidezähne sehen und Heidi Brühl mit Backenbart und Brille?

Marret war auch taub, wenn sie an klaren Tagen auf das Meiereidach stieg, bis zu dem Brett am Schornstein, wo die Tauben immer saßen. Nu schnackt se uk noch mit de Vageln. Sie schaute nicht nach unten, und sie hörte nicht, wenn Jakob Meierist nach oben brüllte, dass sie »gefälligst mol zackzack« da runterkommen sollte. Sie sah den Himmel über Brinkebüll, sonst nichts. Das kleine Dorf da unten ging sie gar nichts an und Jakob Meierist schon gar nicht. Anfangs hatte er ihr mit der Faust gedroht, jetzt ließ er sie da oben sitzen, solange sie ihm nicht die Dachziegel heruntertrat.

Es brachte nichts, sich aufzuregen, gar nichts. Das wusste Dora Koopmann mittlerweile auch. Sie wippte nur noch mit dem Fuß, die Arme vor der Brust verschränkt, wenn Marret Feddersen in ihren Laden kam und summend Richtung Tiefkühltruhe schlenderte. Sich ein Vanilleeis aus der Gefrierbox angelte und summend wieder aus der Ladentür spazierte. »Ik heff keen Geld«, sie zahlte nie, und Dora sagte dazu gar nichts mehr. Sie stemmte sich aus ihrem Stuhl und schwankte auf den schweren Beinen von der Kasse bis zur Truhe, um den Deckel wieder richtig zuzumachen, dann nahm sie ihren roten Stift und schrieb die 20 Pfennig in ihr Kontobuch. Ella würde sie beim nächsten Mal bezahlen. Man brauchte über Marrets Macken nicht zu reden, »dor ward dat uk nich anners vun«. Mehr sagte Ella nicht, wenn jemand über ihre Tochter schimpfen oder klagen wollte. Für Ella Feddersen war das schon viel, sie sprach ja nicht, wenn sie nicht musste.

Manchmal, wenn im Laden keine andere Kundschaft war, spielte Dora Koopmann Wunschkonzert mit Marret, dann tauschten sie ein Lied gegen ein Eis. Marret durfte durch den Laden tanzen wie eine Schlagersängerin, und Dora wünschte sich fast jedes Mal dasselbe: Schuld war nur der Bossa Nova. Das Lied war wie gemacht für sie, weil Dora Koopmann immer gerne klärte, wer an etwas schuld war.

Schuld an ihrem hohen Blutdruck und dem Wasser in den Beinen war die Kundschaft. Die Gören mit den klebrigen Gesichtern und den Grabbelfingern, die stundenlang in ihrem Laden lungerten, weil sie nicht wussten, ob sie sich für ihren Groschen lieber Dauerlutscher oder Brausepulver kaufen sollten. Die faulen jungen Frauen, die nie das Essen pünktlich fertig hatten und Dora dann für eine Tüte Maiskern­puder aus der Mittagsstunde klingelten. Die alten Junggesellen, die ihr halbes Schwarzbrot und zehn Scheiben Jagdwurst mit einer Handvoll Pfennigen bezahlten. Die jungen Mofa­fahrer, die mitten in der Nacht an ihrem Zigaretten­automaten rüttelten, das halbe Dorf wachbölkten, weil mal wieder ein Zweimarkstück weg war. Die Besoffenen, die gegen Morgen an ihr Zimmerfenster hämmerten, weil sie noch eine Flasche Bommerlunder brauchten. Das ganze undankbare, unverschämte Volk, das sich in ihrem Edeka-Geschäft bedienen ließ, war schuld daran, dass Dora Koopmann hin und wieder mit Konservendosen schmeißen musste oder eines der verklebten Gören an den Ohren aus dem Laden zerren. Die Herrschaften bedienen, wer war man denn.

Marret Feddersen kam jedenfalls nicht in der Mittagsstunde, und sie fasste außer dem Vanilleeis nichts an. Sie war für Dora Koopmann lange nicht die schlimmste Kundin.

Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. Auch nicht verrückt, sie lag wohl irgendwo dazwischen. Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt. Es gab die Sorte überall, in jedem Dorf. Zwei oder drei, die in sich selbst verknotet waren, mit keinem sprachen und bei Ostwind weinten, rohe Rüben von den Feldern aßen oder barfuß liefen, wenn es schneite. Die zahme Elstern in der Stube hielten oder bei Vollmond Zwiebeln, tote Katzen oder Kuhhörner vergruben. Halfbackte, wunderliche Menschen, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas. Gefangene, die nichts verbrochen hatten. Man sprach mit ihnen wie mit Kindern, Fremden oder Schwerhörigen, laut und nickend, zwinkerte und machte Witze, die sie nicht verstehen konnten. Man mochte ihnen aber nicht begegnen, wenn es neblig oder dunkel war, auf stillen Wegen außerhalb des Dorfes. Sie waren einem nicht geheuer mit ihren seltsamen Geräuschen, dem Flüstern und dem Murmeln, mit ihren Steinen und den toten Tieren in den Taschen. Man wusste nicht, woher die schiefen Lieder kamen, die sie sangen, warum sie lachten oder weinten. Ob sie nicht Dinge sahen oder hörten, von denen die Normalen gar nichts ahnten. Ob sie nicht angeschlossen waren an etwas Größeres und Heimliches.

Man quälte die Verdreihten nicht, man nahm sie hin wie Löcher in den Straßen oder das eine unberechenbare Rind, das es in jedem Kuhstall gab. Man kannte sie und hielt ein bisschen Abstand.

Im Gasthof seufzte man vielleicht, zog höchstens kurz die Augenbrauen hoch, wenn Marret beim Servieren Pirouetten drehte, die Schüsseln auf die Tische knallte und auf Strümpfen über das Parkett glitt wie ein Schlittschuhläufer. Wenn sie die Kaffeelöffel einfach auf die Tische streute und mit dem Finger Schaum von einem vollen Bierglas schnippte.

Und Ella wunderte sich nicht, wenn ihre Tochter einen halben Tag in einem leeren Landvermesser-Zimmer lag, ein Betttuch über ihrem Kopf, als wäre sie gestorben.

Sie hatte sich das Wundern abgewöhnt, das musste man, wenn man ein Kind wie Marret hatte. Und man begrub am besten auch den Wunsch, es zu verstehen. Man wurde selbst verrückt, wenn man versuchte, ein vertrautes Muster zu erkennen oder einen roten Faden. Es war so sinnlos wie im Kaffeesatz zu lesen oder am Strand die angespülten Muscheln zu sortieren.

Marret war wie etwas Flüchtiges, Verwehtes, das ständig seine Form veränderte, Sanddüne, Wolke, Quecksilber, sie hatte keine Grenzen. Keine feste Haut, so kam es Ella manchmal vor. Sie hatte lange Zeit gesucht nach einem Sinn in dem, was Marret sagte oder tat, nach einer Ordnung, einer Formel, die ihr dieses Kind begreifbar machen sollte. Sie hatte aber aufgehört damit, es brachte nichts. Man flog nur wie ein Brummer krachend an die Scheibe, immer wieder. Ein Kind wie Marret war ein Spiel mit komplizierten Regeln, und man bekam es ohne Anleitung. Also spielte Ella Feddersen, obwohl sie nichts verstand. Sie würfelte. Gewöhnte sich das Wundern ab, als wäre es ein Laster.