Mitteilungen von Sigwart -  - E-Book

Mitteilungen von Sigwart E-Book

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Beschreibung

Du bist ja stark und gross, meine liebe, tapfere Lene - aber ich glaube, du weisst nicht, was es für uns, die wir keinen Körper mehr haben, bedeutet, wenn uns auf Erden ein Mensch, den man liebt, nachweint. Es ist das Allerschrecklichste, weil wir doch genau so sind wie auf Erden. Was hätte ich auf Erden gelitten, wenn ich dich so trauern sähe. Ich fühle doch auch jetzt jeden Schmerzgedanken genau wie zu Lebzeiten, denn ich bin der Sigwart, wie du ihn kennst und liebst - genau noch so! Mitteilung von Sigwart aus der geistigen Welt an seine Frau Helene am 17. August 1915

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Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Sigwart Botho Philipp August Graf zu Eulenburg* 10. Januar 1884 † 2. Juni 1915

Im Juli 1915 meldete sich der im 1. Weltkrieg gefallene Komponist Sigwart zu Eulenburg erstmals aus der geistigen Welt bei seiner Schwester Lycki. In den Jahren 1915 bis 1949 erhielten seine Schwestern Lycki und Tora sowie seine Schwägerin Marie und seine Cousine Dagmar Mitteilungen von Sigwart. Im Jahre 1950 veröffentlichten Lycki und Marie erstmals die Mitteilungen in Buchform unter dem Titel «Brücke über den Strom». Im Jahre 2008 erschien die 6. ergänzte und überarbeitete Auflage.

Dieses Buch „Mitteilungen von Sigwart – aus dem Leben nach dem Tod“ enthält bisher noch unveröffentlichte Mitteilungen von Sigwart.

Inhalt

Einführung (Text von Marie Fürstin zu Eulenburg, verfasst 1950)

Mitteilungen von Sigwart 1915 – 1916

Mitteilungen von Sigwart 1931

Mitteilungen von Sigwart 1932

Mitteilungen von Sigwart 1933 – 1934

Mitteilungen von Sigwart 1939 – 1941

Mitteilungen von Sigwart und Friedrich Rittelmeyer 1941

Mitteilungen von Sigwart 1942 – 1949

Silvester – Zyklus (Mitteilungen 1. Januar – 1. Februar 1941)

Erläuterungen zum Silvester – Zyklus

(Horst Lindenberg)

Interview

(mit Edwin Froböse)

Anhang

Personenregister

Literatur- und Filmhinweise

Wie alles begann … Einführung zum Buch

(Dieser Text wurde im Jahre 1950 von Marie Fürstin zu Eulenburg, der Schwägerin von Sigwart, verfasst, Hrsg.)

Sigwart Graf zu Eulenburg wurde am 10. Januar 1884 in München als sechstes Kind seiner Eltern geboren. Seine Mutter stammte aus dem schwedischen Geschlecht der Grafen von Sandels. Die beiden ältesten Kinder starben im frühesten Kindesalter. Zwei Geschwister, ein Bruder und eine Schwester, erschienen noch nach Sigwart. So wuchs er in einem Kreis von 6 Kindern als Viertältester auf und erlebte eine selten sonnige, glückliche Kindheit und Jugend in München, Oldenburg und Wien, wo sein Vater deutscher Gesandter beziehungsweise Botschafter war.

In der ersten Woche seines Erdendaseins hatten die Eltern grosse Sorge um sein Leben, da er die Masern von seiner Mutter bekam, die im Wochenbett dadurch auch ernstlich krank war. Ich erwähne dies, da es wohl ungewöhnlich ist, dass diese Entwicklungskrankheit ein Kind in so frühem Alter befällt.

Schon in frühesten Jahren zeigte sich bei Sigwart ein starkes musikalisches Talent. Mit acht Jahren komponierte er schon Lieder, die er selbst begleitete, und kleine Musikstücke für Klavier. Erstere immer für religiöse Texte, wie ja auch später das Religiöse und Heldisch-Religiöse durch alle seine Kompositionen durchklingt.

Sigwart studierte bei Gound in Wien, bei Max Reger in Leipzig, bei Ludwig Thuille und Albert Schweitzer. Von seinen Werken ist nur ein kleiner Teil in Druck erschienen. Er komponierte sehr viele Lieder zu Klavier und Lautenbegleitung, ein Streichquartett, eine Violinsonate, zwei Klaviersonaten, zwei Weihnachtsspiele, ein Melodram «Hektors Bestattung», das Furtwängler vor dem Krieg in der Philharmonie in Berlin zur Aufführung brachte, die Oper «Lieder des Euripides» mit Text von Wildenbruch und vieles andere. Eine Komposition für Orchester, die er als Zwölfjähriger verfasste, wurde im Musikvereinssaal in Wien uraufgeführt.

Die Oper «Lieder des Euripides» wurde ein halbes Jahr nach seinem Heimgang erstmalig in Stuttgart unter Schillings mit gutem Erfolg aufgeführt, später in Weimar unter Kapellmeister Raabe. Dann in den Jahren 1934 – 1939 in Köln, wo Intendant Spring sich mit seiner ganzen Persönlichkeit begeistert für dieses Werk und auch für Sigwarts andere Kompositionen einsetzte. Auch für die Berliner Oper war die Aufführung vorgesehen, unterblieb dann aber durch die Kriegsereignisse.

Botho-Sigwart war sein Künstlername, den er sich selber gab. Im September 1909 heiratete Sigwart die Konzertsängerin Helene Staegemann in Leipzig.

Sigwart war zart von Gesundheit, besonders seine Lunge war gefährdet, deswegen kam er nicht zum Militär. Als ein halbes Jahr nach der Geburt seines einzigen Kindes (eines musikalisch auch sehr begabten Sohnes, der während seiner Militärausbildung mit 22 Jahren plötzlich an Meningitis starb) der erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich Sigwart sofort als Freiwilliger und kam zuerst, nach seiner Ausbildung in einem Reiterregiment, nach dem Westen, wo er zu seinem Kummer immer in der Etappe blieb. (Die Etappe bezeichnet im militärischen Sinne das Gebiet hinter der Front. Hier befinden sich die rückwärtigen Dienste wie Lazarett- und Instandsetzungseinheiten, Hrsg.). Durch Protektion erreichte er nach einem halben Jahr zum IV. Garderegiment nach dem Osten versetzt zu werden.

Im Schützengraben arbeitete Sigwart an einer grossen Klaviersonate, die er seiner Cousine, der Pianistin Dagmar Gräfin Dankelmann, widmete. Zwischen Sigwart und Dagmar webte seit ihrer Jugend ein sonderbares Band. Dieses Vermächtnis an sie, das gleichzeitig sein Schwanengesang war, ist diese Sonate, die Dagmar ab 1920 bis zu ihrem Tode 1935 in all ihren Konzerten mit grossem Erfolg spielte.

Im Mai 1915, beim Sturm auf die Höhen von Gorlitze in Galizien, wurde Sigwart durch einen Lungenschuss verwundet, dem er nach dreiwöchentlichem Krankenlager in Jaslo am 2. Juni 1915 morgens um halb vier Uhr erlag.

Unter den Schwestern stand ihm Lycki, die ein Jahr Ältere und Tora, die Jüngste, sehr nahe. Lycki ist Malerin, Tora, gleich ihm, musikalisch hochbegabt.

Ausser für seine Musik interessierte sich Sigwart stark für alles Geistige, für Buddhismus, Theosophie und Anthroposophie. In München studierte er Geschichte und Philosophie. 1907 promovierte er mit einer Arbeit über den Komponisten und Organisten Erasmus Widman. Sigwart gehörte 1906 in Berlin zum ersten intimeren Kreis um Rudolf Steiner.

Zur Zeit von Sigwarts Verwundung und Heimgang war ich mit meinem Mann (Friedrich-Wend Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, Bruder von Sigwart, Hrsg.), der schwer krank aus Belgien zurückgekehrt war, und mit meinen Kindern in Irschenhausen im Isartal. Meine Schwägerin Lycki, die unweit in Starnberg am See lebte, kam viel zu uns und so verlebten wir mit ihr zu dritt auch die bangen Wochen nach der Nachricht von Sigwarts Verwundung.

Sigwart und ich hatten immer sehr herzlich und kameradschaftlich zusammengestanden. Ich bewunderte in ihm den begnadeten Künstler. Wie eng aber unsere Verbindung war, wurde mir erst zur Offenbarung, als ich im Traum seine Verwundung erlebte und er mich in der Nacht seines Todes laut rief und um Kraft bat. Später konnte ich feststellen, durch die Angaben seines ihm treu ergebenen Burschen, dass dies genau zur Zeit war, in der er in Agonie verfiel.

Ich war durch sein Rufen aus dem Tiefschlaf in einen Zwischenzustand (nicht ins Wachbewusstsein) aufgetaucht und hörte, wie er zu mir mehrmals laut und eindringlich sagte: «Ich brauche Kraft, Marie!» – Da ich mich unfähig fühlte meine Willenskräfte zu mobilisieren, machte ich mich ganz passiv, öffnete mich innerlich ganz und sagte zu Sigwart: «Nimm soviel du brauchst». Da erfasste mich ein Orkan, der durch mein ganzes Sein brauste, und ich versank wieder in unbewussten Schlaf. Wie lange das gedauert hat, weiss ich nicht. Zitternd am ganzen Körper erwachte ich etwas später ganz. Meine Zähne schlugen aufeinander – es war dreiviertel 2 Uhr morgens. Nach einiger Zeit schlief ich wieder ein, wurde aber nach zwei Stunden tiefstem Schlaf wieder aufgerüttelt. Es war halb 4 Uhr, das erste Morgengrauen blitzte durch die Ladenritzen. Schnell öffnete ich das Fenster. Das Vieh in den Ställen brüllte angsterfüllt, hoch am Himmel stand die Mondsichel, es grollte unheimlich über das ganze Land. Da wurde mir klar, dass ein Erdbeben die Gegend heimgesucht hatte. Dann kam die Erinnerung an die Erlebnisse der Nacht wieder. Später habe ich feststellen können, dass sonderbarerweise das zweite Aufwachen durch den Erdstoss genau mit dem Zeitpunkt von Sigwarts Befreiung von seiner Leibeshülle zusammentraf. Das war der 2. Juni 1915.

Lycki war viel bei uns. Das ganze Weh um Sigwarts Verlust erlebten wir zusammen. Wenige Tage nach Sigwarts Heimgang träumte mir von ihm. Er stand in dem Schloss, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, oben an der grossen Freitreppe, die in den Saal herunterführt. Ein weisses, fliessendes Gewand umhüllte ihn. Er rief zu mir herunter in den Saal: «Marie, habt ihr noch immer kein Lager für mich bereitet?»

In kleineren und grösseren Abständen hatte ich von da ab sehr eindrucksvolle Erlebnisträume von Sigwart, in denen sich in abgewandelter Form immer einige Begleitumstände wiederholten, wohl Symbole, die ich bis heute nicht alle zu deuten weiss. Immer ging oder lag ich an Sigwarts rechter Seite. Immer hatte er seinen rechten Arm um meine Schulter gelegt oder winkte mir mit diesem zu. Er hatte immer geschlossene Augen, auf denen Lichtreflexe leuchteten. Der Traum handelte fast immer von einem Lager, einer Liegestätte. Für Sigwart schien es immer Tag zu sein, während es für mich Nacht war.

Eines Tages, es mochte drei oder vier Wochen nach Sigwarts Heimgang gewesen sein, kam Lycki wieder zu uns herübergeradelt und erzählte, dass sich ein sonderbares Gefühl ihrer bemächtigt hätte – eine Unruhe, ein Gedrängtwerden etwas tun zu sollen. Es quälte sie sehr und verliess sie nicht. Sie schilderte uns alles genau. Wir aber fanden auch keine Erklärung und vermuteten, es wäre ein Nervenzustand, hervorgerufen durch den grossen Kummer. Bei Lyckis nächstem Besuch einige Tage später sagte sie uns, es hätte sich dieses unerklärliche Gefühl dahin kristallisiert, dass sie genau empfände, dass es von Sigwart herrühre, der etwas von ihr wolle oder erwarte, doch wüsste sie noch immer nicht was! Sie hätte in ihrer Verzweiflung auch versucht, ob ihre Hand geschoben würde wie bei medialen Kundgebungen, aber auch dies glückte nicht. Mein Mann und ich boten nun alles auf, Lycki von dem Gedanken des Schreibensollens abzubringen, was nicht schwer war, da auch ihr der Begriff unerträglich schien, das uns heilige Andenken an Sigwart mit irgendwelchen medialen und spiritistischen Dingen in Verbindung zu bringen.

Einige Zeit später musste Lycki sich in der Klinik in München einem geringfügigen, chirurgischen Eingriff unterziehen, wonach sie drei bis vier Tage still dort liegen sollte.

Als sie nachher wieder zum ersten Mal zu uns kam, war sie völlig verändert. Das Gequälte und die Unruhe waren von ihr gewichen und hatten einer hingebenden Gelassenheit Platz gemacht. Die Gesichtszüge hatten etwas Verklärtes, ihr ganzes Wesen strömte – ich kann es nicht anders ausdrücken – eine überirdische Harmonie aus. Wenn ich jetzt an diese Zeit zurückdenke, erscheint sie mir wie die Idealgestalt einer Priesterin, um die fast sichtbare Lichtfluide weben und die aus den irdischen Belastungen herausgewachsen ist. Die Metamorphose war verblüffend.

Lycki brachte uns ein Schriftstück und sagte: «In der Abgeschiedenheit und Stille dieser Tage habe ich erkannt, was Sigwart von mir erwartet. Nicht meine Hand will er schiebend von aussen beeinflussen, ich selbst muss eine Türe in meinem Gehirn öffnen, dann höre ich seine Worte, die ich niederschreiben soll.»

Mit diesen ersten Mitteilungen, die uns einerseits erschütterten, andererseits in eine quälende Ungewissheit stürzten, ob sie authentisch aus Sigwarts Wesenheit stammten, begann ein grosser Konflikt, der uns zwischen Glauben und Zweifeln – Annehmen und Zurückweisen hin und her warf. Erhöht wurde diese Stimmung durch Sigwarts immer flehentlichere Bitten zu glauben, dass wirklich er zu uns spricht. Er hätte uns noch so sehr viel zu sagen, aber durch unseren wankelmütigen Glauben an seine Identität würde so vieles zerstört und vieles ihm nicht erlaubt uns mitzuteilen, da seine Meister sagten: «Du streust die Heiligtümer in den Wind!»

Es war eine schwere Zeit der Prüfung für uns und für ihn. Auf der einen Seite stand Sigwarts Andenken, das wir uns rein und frei von Täuschungen erhalten wollten – auf der anderen Seite seine immer eindringlicher werdende Bitte an seine Fähigkeiten zu glauben, dass er mit uns aus seiner Welt in Verbindung treten könnte und dürfte.

In unserer Herzensnot, wen wir um Rat fragen könnten, fiel uns Ludwig Deinhard1 ein, den wir als ernsthaften Anthroposophen kannten. Eigentlich mit schlechtem Gewissen gegen Sigwart entschlossen wir uns, Deinhard nach Irschenhausen einzuladen und ihm die bisher entstandenen Briefe von Sigwart zu zeigen. Er würde, ja er musste – so fürchteten wir – im besten Falle gütig lächelnd die Sache ablehnen, er konnte sie nicht gutheissen. Uns aber waren in der Zwischenzeit Sigwarts Worte doch so ans Herz gewachsen, dass eine abfällige Kritik uns weh tun musste.

Deinhard kam und wir bereiteten ihn vorsichtig auf den Zweck unserer Einladung vor. Wir waren allein zu viert: Lycki, mein Mann, Deinhard und ich. Wie zu erwarten, war er freundlich ablehnend und riet uns, uns nicht irreführen zu lassen. Er fand sich aber bereit zu hören, was wir ihm vorlesen wollten. Mit grossem Herzklopfen las ich ihm das bisher Geschriebene vor. Zuerst liess Deinhard, wie es schien, die Worte an sich vorbeigleiten, dann wurde er aufmerksamer, gespannter – schliesslich sichtbar interessiert. Als wir geendet hatten, enthielt er sich jeglicher Stellungnahme, stellte nur eingehende Fragen und bat uns, mit seinem Urteil bis zum nächsten Tag warten zu wollen.

Die Ansicht, die er dann aussprach, war in kurzen Worten die: «An der Identität von Sigwart zweifle ich nicht. Wenn seine Mitteilungen sich in diesem Sinne weiterbewegen, glaube ich, Ihnen nicht abreden zu müssen, mit ihm in Verbindung zu bleiben.»

Das war Anfang September 1915, also sechs Wochen nachdem Sigwart die ersten Mitteilungen diktiert hatte. Unser Glück war gross, aber dennoch tauchte nach kurzer Zeit der Wunsch auf, auch die nach unserer Ansicht grösste Autorität auf geisteswissenschaftlichem Gebiet, Rudolf Steiner, zu befragen. Ich wurde mit dieser Mission betraut und so ging ich an einem trüben Dezembernachmittag mit unseren Heiligtümern, die schon einen rechten Umfang erreicht hatten, unter dem Arm in die Motzstrasse (in Berlin, Hrsg.). Lycki hatte Dr. Steiner durch einen Brief vorinformiert, worum es sich handle. Dr. Steiner empfing mich sehr freundlich und bat, die Schriften einige Zeit behalten zu können, ich soll in zwei oder drei Wochen wiederkommen, dann wolle er mit mir darüber sprechen.

Der Tag kam und ich muss gestehen, es war wohl einer der bangsten dieser Zeitspanne. Was würde er sagen? Diese Frage stand in grossen Lettern vor mir, denn inzwischen war das Gebäude des Glaubens an Sigwarts Identität in mir sehr gewachsen, bestärkt durch meine vielen Traumerlebnisse mit ihm, durch die er mir immer nähergekommen war, viel näher als je während seiner Erdenzeit. Eineinhalb Stunden ging Dr. Steiner mit mir Blatt für Blatt der Mitteilungen durch, rückte manches Unverstandene ins rechte Licht, erklärte, wie Sigwart dies oder jenes gemeint hätte, und stellte Fragen an mich. Oft nickte er beim Lesen mit dem Kopf und sagte zustimmend: «Sehr gut geschildert» – «gut ausgedrückt» – «treffende Bezeichnung». «Ja, die Musikaufführungen, das sind Realitäten!» Vergebens wartete ich auf die Ablehnung irgendeiner Mitteilung, es kam keine! Zum Schluss sagte er beim Abschied: «Ja, das sind aussergewöhnlich klare, absolut authentische Übermittlungen aus den geistigen Welten. Ich sehe keinen Grund, Ihnen abzuraten darauf weiter zu hören, solange sie sich in dieser Sphäre bewegen. Es würde mich interessieren, Sigwarts Entwicklung weiter zu verfolgen, vielleicht können Sie mir zur Erleichterung etwas geben, woran noch seine Ätherkräfte haften.» Noch beim Abschied betonte er, dass Übermittlungen dieser Art sehr selten wären. Ich fühlte, dass es echte Freude war, die er empfand und Mitfreude mit uns.

In mir war ein unaussprechliches Jubeln. Das Getriebe, der Lärm der Grossstadt, der düstere Wintertag, alles versank. Ich stand auf einem blühenden Fleckchen Erde, auf das die Sonne ihre Strahlen verschwenderisch herunterströmte.

Sigwarts Mitteilungen bewegten sich eine Reihe von Monaten in denselben Bahnen. Dann teilte er uns eines Tages mit, dass die Meister prüfen wollten, ob er weiter mit uns in Verbindung bleiben dürfe. Als dann die Gewährung kam, sagte er, dass es von nun an «Ausnahmefall» wäre, vorher nicht. Von uns und unserer Entwicklung hinge es ab, ob wir noch wunderbare Mitteilungen aus seiner Welt bekommen könnten.

35 Jahre sind seit damals vergangen. Im Vergleich zu später merkt man wohl den Mitteilungen der ersten Zeit die Mühe des «Übermittelnlernens» an. Sie wuchsen später stilistisch und inhaltlich in ein viel grösseres Format hinein.

Die Mitteilungen beinhalten Schilderungen über die geistige Welt; Vorgänge, die sich dort abspielen, Ratschläge für unser Leben mit der Aufstellung eines Schulungsweges mit Meditationen und Gebeten, Erzählungen seiner Erlebnisse in den verschiedenen Sphären. Am eindrucksvollsten ist eine Rückschau über sein erstes Jahr in der anderen Welt und seine Beschreibung über seinen Einzug in die Sphäre des Devachans. In den letzten Jahren ist es ihm manchmal nicht möglich, sich so stark der Erdensphäre zu nähern, sodass er einen Vermittler schickt, um das zu sagen, was er für uns auf dem Herzen hat.

Im Laufe der vielen Jahre sind in seinem Verkehr mit uns deutlich Wellenbewegungen zu erkennen. Ein Anschwellen und wieder Abklingen. Der erste Höhepunkt sind die Mitteilungen an der Wende des ersten Jahres, also von Mai bis Juni 1916, ein anderer um das Jahr 1930, ein weiterer um das Jahr 1935, als Dagmar auch heimging und von Sigwart drüben empfangen wurde. Der letzte 1937/38, als unser Sigwartkreis in Verbindung mit dem Kreis um Rittelmeyer kam. Seit diesem letzten Krieg sind nur spärliche, dann aber besonders eindrucksvolle Mitteilungen sowohl von Sigwart als auch von Dagmar übermittelt worden.2

Zuerst hat Sigwart sich ausschliesslich durch seine Schwester Lycki kundgetan. Nach einigen Wochen liess er mir sagen, dass er auch mit mir sprechen wolle. Viel später hat er auch durch seine Schwester Tora einiges übermittelt. Im Ganzen sind in den 35 Jahren neun Bücher mit durchschnittlich 150 Schreibmaschinenseiten von ihm diktiert worden, zum grössten Teil an Lycki, zum etwas kleineren Teil an mich. Zwei solche Bände mit Mitteilungen durfte ich von Dagmar3 nach ihrem Heimgang in Empfang nehmen.

Dagmar und ich haben in den letzten zwei Jahren vor ihrem Tode das erste Heftchen für eine Vervielfältigung zusammengestellt, da Sigwart – nachdem er zuerst immer strengste Geheimhaltung befahl – später doch wünschte, dass seine Briefe weiteren Kreisen zugänglich gemacht würden, damit viele Schwergeprüfte und Zweifler Trost daraus schöpfen könnten. Es kam damals nicht dazu, da alle und besonders solche Schriften der Zensur des Propagandaministeriums unterworfen waren und auch die Papiernot immer grösser wurde.

Dann wurde mir, wie ein Wunder, dieses vorbereitete Heftchen (das ich bei unserer Flucht einem lieben Freund überlassen hatte, der es gerade las, aber bald darauf dort starb) 1948 zu Weihnachten aus der Ostzone herübergeschickt. Bald darauf machte ich mich ans Werk, alles für eine Vervielfältigung vorzubereiten, wobei mir Herr und Frau Schütze4 aus Frankfurt hilfreich beistanden, indem sie mir einen diskreten, vertrauenswürdigen Menschen der Christengemeinschaft nannten, der die Abschriften machen könnte.

Marie Fürstin zu Eulenburg

Aus einer Mitteilung von Sigwart über die Veröffentlichung seines Werkes

Ihr wisst, dass ich selber den Wunsch hatte, mein Werk, mein Geschenk für euch auch anderen Suchenden zu geben, aber ich begreife eure Sorge. Ich will aber trotzdem, dass es einmal auch andere suchende Menschen und Brüder zu hören bekommen. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Namen ganz weglassen. Nur mein Name soll bleiben, da sonst der ganze Zusammenhang fehlen würde. Alle eure Einwendungen sind zu menschlich gedacht.

Was schadet im Grunde die eine oder andere Kritik gegenüber der unendlich grossen Hilfe für tausende und abertausende arme Menschen, deren ganzes sorgenreiches Leben sich vielleicht dadurch ändert.

Legt diese Erwägungen in eine Wagschale und ihr werdet euch wundern, wie die Seite mit der Hilfe für die Menschheit sich tief herabsenkt gegenüber der anderen, mit den Gedanken der Leute, die lächeln oder gar der Sache böse Dinge nachsagen.

So ist meine Ansicht – nun entscheidet selber.

Frage:

Soll man die Sachen in mehreren kleinen oder einem grossen Buch drucken?

Antwort:

Ich glaube fast, dass es besser wäre, alles in ein Buch zu geben, da es bei meinen Mitteilungen doch ganz anders ist als bei Hilarion. Bei meinen Schriften ist der erste Teil doch lange nicht das, was die folgenden sind. Es könnte das Interesse der Lesenden geschwächt werden, sodass sie nicht mehr nach den anderen Teilen verlangen. Ich glaube, ein oder zwei grosse Bücher wären das Richtige.

(Quelle: Typoskript im Archiv des Goetheanums in Dornach, undatiert)

1 Ludwig Deinhard 1847-1918 – Ingenieur, Schriftsteller, Maler

2 siehe dazu auch die Bücher «Mitteilungen von Dagmar» (2016) und «Brücke über den Strom» (2008)

3 Dagmar von Pannwitz, geb. Dankelmann, Konzertpianistin, Cousine von Sigwart

4 Alfred Schütze, Priester der Christengemeinschaft, Essayist und Schriftsteller

Hinweis für Leserinnen und Leser

Die nachfolgenden Texte wurden möglichst unverändert von den originalen Manuskripten und den sogenannten «Duplikaten» übernommen (die handgeschriebenen, für Dritte oft unleserlichen Originale wurden mit der Schreibmaschine abgetippt). Dabei ist anzumerken, dass oft Begriffe und Wortbildungen verwendet wurden, die aus dem Geist der damaligen Zeit und dem Charakter der Mitteilungen zu verstehen sind. Diese Schreibweise wurde bewusst, wann immer möglich, beibehalten, um grösstmögliche Authentizität zu gewährleisten.

Ebenso wurden die oft sehr kreativ verwendeten Satzzeichen möglichst originalgetreu übernommen.

In den Mitteilungen wird durchgängig die männliche Form verwendet. Dies wurde nicht der heutigen Zeit angepasst. Leserinnen bitte ich deshalb um Verständnis und Toleranz!

In den Originalen (Handschriften und Typoskripten) wurde immer Doppel–s verwendet. Diese Schreibweise, die auch der schweizerischen Rechtschreibung entspricht, wurde durchgängig beibehalten.

Peter Signer (Herausgeber)

Mitteilungen von Sigwart

Die drei ersten Mitteilungen vom 28. / 29. und vom 30. Juli 1915 wurden bereits in dem Buch «Brücke über den Strom» veröffentlicht (Oratio Verlag, 2008) und wurden hier zum besseren Verständnis für die nachfolgenden Texte übernommen.

Die darauf folgenden «Mitteilungen von Sigwart zu Eulenburg aus dem Leben nach dem Tod» – vom 13. August 1915 bis 27. November 1949 – werden hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Quellenhinweis:

Die nachfolgenden Mitteilungen sind Nachschriften der Originale aus der Verlassenschaft von Wilfried von Engelhardt, dem Enkel von Marie zu Eulenburg, sowie dem Archiv des Goetheanums in Dornach (Hrsg.).

Mitteilungen von Sigwart 1915 – 1916

28. Juli 1915(an Lycki)5

Ich spreche selber, ich dein Bruder Sigwart, der dich liebt, der um dich ist und so eng mit euch allen verwachsen ist.

Ihr dürft nicht mehr trauern, das ist so quälend für mich. Frei müsst ihr euch von den Schmerzgedanken machen. Ihr seid doch meine Brüder und Schwestern immer gewesen und auch immer werden wir es sein.

Ich sehe, ihr habt jetzt alles richtig erfasst und aufgenommen, nun kann uns nichts mehr trennen. Sage das den Geschwistern, sage das den Eltern, denen ich danke für alles.

Du musst der Vermittler werden – nach langen Kämpfen habe ich es erreicht. Schon anfangs wollte ich es, aber du reagiertest nicht.

Durch eure grosse Liebe und Vernunft komme ich euch immer näher. Ihr werdet glücklich sein, weil ihr durch mich weiterkommen und sehr viel lernen könnt, denn ich starb auch für euch, um euch die Lehren des Geistes zu übermitteln.

29. Juli 1915(an Lycki)

Ich bin jetzt sehr zufrieden mit euch. Im Anfang war euer Schmerz qualvoll für mich. Ich habe mir dann die grösste Mühe gegeben, mich euch fühlbar zu machen. Nun ist es besser.

Wie leicht ist das Sterben. Ich darf euch noch nicht alles sagen. Es geht mir aber sehr gut und ihr müsst an mich wie an eine Lichtgestalt denken, die kein Leid mehr zu tragen hat.

Ich habe meinen Tod selber geschaffen, weil ich hier viel Grösseres zu tun hatte. Von diesen Arbeiten macht ihr euch keine Begriffe – ja nicht einmal ahnen könnt ihr – wie schön, wie gross, wie vollkommen sie sind.

Heil dem, der sie erfüllen darf!

Dein Körper will Ruhe. Schlafe soviel du kannst. Im Schlafe kommen wir zusammen und helfen uns. Bald wirst du auch im Wachen wissen. Das ist der erste Anfang.

Wüsstet ihr nur, was ich hier schon alles Schönes erlebt habe. Ich werde euch aber das alles einstmals selber zeigen.

Unabänderliche Gesetze sind um euch, zwingen euch, euer Leben so zu leben, wie ihr es euch selber verursacht habt. Die Allmacht leitet alles, aber ihr macht euer Schicksal selbst.

30. Juli 1915(an Lycki)

Jetzt dürft ihr nicht mehr zweifeln. Ich muss euch noch so vieles sagen – warum glaubt ihr nicht fest an mich, an meine Nähe? – Lange werde ich wohl kaum mit euch auf diese Art in Verbindung bleiben können, darum nützt es aus, solange ich, euer Bruder Sigwart, durch dich spreche.

Denkt nicht, dass ich mich jetzt als geistiger Bruder weniger mit euch freuen könnte wie früher als Mensch. Ich habe mich doch nicht verändert, nur dass ich keinen physischen Körper mehr trage, dass ich jetzt viel mehr weiss und sehr glücklich bin, eine grosse Mission erfüllen zu dürfen. Aber sonst bin ich ganz derselbe geblieben, so wie ihr mich kennt. – Nicht wahr, jetzt zweifelt ihr nicht mehr.

Und nun noch etwas von der «anderen Welt», wie ihr sie nennt.

Es ist alles viel reiner und klarer. Dass ich es in der ersten Zeit schon so sehen würde, habe ich nicht gedacht. Dank meiner Interessen für das Übersinnliche erlebte ich keine Enttäuschungen, im Gegenteil, es war ein Erwachen, wie ich es mir schöner gar nicht vorstellen konnte. Alles wirkte auf mich ein und ich war mir gleich bewusst, was mit mir vorgegangen war – nämlich, dass ich durch die «Pforten des Todes» geschritten war, wie man bei euch ganz richtig sagt.

Ich habe doch recht gelitten die letzte Zeit auf Erden. – Das Abstreifen der Materie aber vollzieht sich schlafend, erst allmählich kehrt das Bewusstsein wieder und dann kommt das Geniessen der Freiheit, wenn man nicht Neuling in diesen Dingen ist.

Wie ist es wohltuend, keinen physischen Körper mehr zu haben! – Aber dann kehrt die Sehnsucht nach den lieben Menschen wieder, die man verlassen hat. Man sieht ihre Trauer, und das ist schrecklich! – Dies sind für mich die einzig wirklichen Qualen gewesen und sind es bis zu einem gewissen Grade noch jetzt. Nun wisst ihr aber, wie es mir geht und habt keinen Grund zur Trauer mehr.

Jetzt kam wieder solch ein Augenblick, der mich quälte. Du siehst mein Bild an und denkst, dass ich lebe, denn du siehst mich so körperlich vor dir. – Plötzlich kommt dir die Wirklichkeit zum Bewusstsein und dann wühlt der Schmerz alles wieder auf. – Das sind immer Rückschritte für dich.

Für diejenigen, welche verbunden sind durch das Band der Liebe, das nie aufhört, gibt es keine Trennung mehr, nicht durch das Leben, nicht durch den Tod! –

13. August 1915(Irschenhausen6, an Lycki)

Mama7 könnt ihr meinen Gruss ja jetzt persönlich geben. An Papa8 will ich noch schreiben, aber ich weiss nicht, ob es heute noch gehen wird. Es eilt ja nicht so. (Diese Mitteilung an Sigwarts Vater, Philipp zu Eulenburg, wurde im Buch «Brücke über den Strom» mit Datum vom 15. August 1915 veröffentlicht, Hrsg.)

Heute möchte ich euch beiden, Lycki und Marie9, noch etwas sagen. Ihr seid meine grösste Hilfe. Ihr arbeitet so in meinem Sinn, dass es für mich eine Freude ist. Alle eure sogenannten Gefühle sind richtig. Ihr werdet mir helfen, die grösste Arbeit zu schaffen, wenn ihr es auch nicht erfährt und nicht ganz versteht – es ist so! Ihr könnt es mir glauben. Büdi10 hilft mir wieder auf andere Art – mehr durch sein intensives studieren der geistigen Sachen und dann vor allem dadurch, dass er sich selbst überwand – das war das Grösste an ihm!

Die anderen geben mir, jeder auf seine Art.

Tora11 hat mich unbeschreiblich gerührt. Sie wird jetzt belohnt werden. Ihr werden meine Gespräche mit euch das grösste, innerste Geschenk, denn sie glaubt ohne weiteres, dass ich es bin.

Bei Helene12 ist es für mich natürlich am schwersten. Sie lebt in einer Welt, in der man nicht so glaubt, wie wir es jetzt verstehen, daher ist es für mich auch unmöglich so ganz in sie einzudringen. Aber es wird später sicher gehen. Ich habe die Geduld – und wenn es auch Jahre dauert. Sie muss auch zu den Unsrigen gehören, die gute, gute Lene.

(Marie sagte, sie hätte gestern an eine Frage, Siwart betreffend, gedacht – ob er es wohl gemerkt hätte?)

Nein, ich habe nichts gehört. Ich war nicht da, als sie das gedacht hat. Du musst intensiv daran denken und die Worte langsam und laut wiederholen. Du musst auch viel ruhiger sein. Es fällt mir schwer so direkt zu antworten, das kann ich nur, wenn ich es auch höre – das heisst, wenn die Schwingungen des Tones zu mir dringen.

(Marie wiederholte laut die Frage: Ob unsere Gedanken der Liebe Sigwart nicht etwa stärker nach der Erde ziehen, als dies für seine Entwicklung förderlich ist?)

Nein, denn die Liebe mit der ihr an mich denkt, ist ja das Heiligste, das Höchste und die kann mir nur nützen. Ihr dürft mich nicht quälen mit Gedanken des Zweifels. Es fällt mir oft sehr schwer, gewisse Fragen zu beantworten – Fragen, die euch vielleicht leicht und einfach erscheinen. Wir wollen lieber so weiterschreiben wie bisher. Ich habe euch ja jetzt auf fast alles geantwortet, aber manchmal geht es nicht. Also bitte seid nachsichtig mit mir und verlangt nicht zuviel.

Ich eile jetzt zu meiner geliebten Musik!

Euer Sigwart

14. August 1915(an Lycki)

Ich kann dir noch einiges sagen heute Abend, ich, Sigwart. Wenn du den Brief an Mama und Tora schickst, so schreibe dazu, dass sie die Briefe ganz auf sich wirken lassen sollen. Ich werde versuchen, mich ihnen dann so fühlbar zu machen, dass sie an meine Identität glauben müssen; genau wie bei Adine13, da war ich ja auch dabei und bestärkte sie, soweit es in meiner Kraft lag. Papa schreibe ich morgen, dann kannst du ja alles zusammen schicken.

Lene muss jetzt erst den Brief von Büdi erhalten haben, bis sie dann einen direkten Brief von mir bekommt. Bei ihr braucht es mehr Vorbereitung. Sie muss erst anfangen zu glauben, eher kann ich ihr nicht persönlich einen Brief schreiben. Dann bekommt Karl14 auch etwas von mir. Das eilt nicht so, weil Karl ja gar nicht an meiner Nähe zweifelt. So, das wollte ich dir noch sagen, gute Lycki. Wie schön wir uns jetzt verstehen, nie mehr kommen andere Elemente dazwischen, nur manchmal Pausen, aber dann denke ich nach oder weiss etwas nicht genau. Schlaf jetzt gut!

Dein treuer Sigwart

16. August 1915(Starnberg15, an Lycki)

Ja, ich bin da – dein Sigwart. Ich muss dir etwas sagen. Es liegt eine grosse Macht in dir, aber du bringst sie falsch an, das heisst, du verwendest sie nicht richtig. Das ist ein grosser Fehler. Deine Eitelkeit überwiegt so vieles – du musst sie abstreifen, nur dann kommst du zum wirklichen Ziel. Ich weiss, dass es für dich unendlich schwer ist, aber du musst es trotzdem tun, wenn du das erreichen willst, wovon du träumst. Siehst du, fange so an, ganz im Kleinen: Jeden Tag überwinde dich in einer kleinen Sache, dann täglich in zwei kleinen Sachen usw. bis du dann oft am Tage darüber nachdenkst und schon eine grosse Kraft geschaffen hast. Später denke dann jedesmal darüber nach, wenn sich ein Gedanke, der sich auf die Eitelkeit bezieht, wieder in dir rege macht. Versuche es – und du wirst Erfolg haben. Natürlich sehr, sehr langsam, aber du hast ja Zeit. Das war mein Rat für heute. Morgen mehr, du bist zu müde.

Gute Lycki, dein treuester Sigwart

17. August 1915(Irschenhausen, an Lycki)

(Lycki las einen Brief von Helene an Büdi laut vor. Danach fühlte sie einen Zwang, den Brief zu betasten. Dann schrieb Sigwart:)

Jetzt geht es wieder, Sigwart ist bei euch! Ich habe lange gewartet, mit grosser Ungeduld, denn ich muss euch ja heute so vieles sagen. Da war es gut, dass du den Brief laut gelesen hast. Jetzt werde ich darauf antworten.

Geliebte, gute Lene! Ich habe deinen Brief an Büdi gelesen. Jetzt kann ich zu dir sprechen. – Ach Lene, wie unsagbar glücklich bin ich, mich auf diese Art mit dir verständigen zu können. Du musst jetzt alles wissen. Siehst du, ich wollte durch dich schreiben, aber es ging nicht, du verstandest nicht wie. Ich versuchte alles! Dann ging ich zu Lycki und versuchte es mit ihr. Was gab ich mir für Mühe – und sie reagierte zu meiner grossen Freude sehr bald darauf und nun schreibe ich schon seit drei Wochen durch sie. – Lene, das darf dir nicht wehtun. Du bist doch immer meine vernünftige, liebe, liebe Frau gewesen und bist es auch jetzt noch, genau wie im Leben. Ich habe mir die allergrösste Mühe gegeben, aber es ging einfach nicht.

Ich muss dir nun so vieles sagen, wie ich stets bei dir bin und bei unserem geliebten Kind.16 Ich bewache es bei Tag und bei Nacht. Du brauchst dich also gar nicht um den geliebten Kleinen zu sorgen. Ich leite auch seine ganze Erziehung durch dich, geliebte Lene.

Du weisst nicht, was ich dir alles zu verdanken habe, Lene. Das Leben hast du mir voll und reich gemacht, du Treue. Nie waren Schatten zwischen uns. Ich wurde reif und gross unter deiner liebenden Hand. So vieles gabst du mir und gibst du mir noch, dass ich dir in stummer Andacht deine Hände küsse. Lene, mein Weib, meine Gefährtin, so schön ist der Gedanke an ein Wiedersehen dereinst. Siehst du, ich bete für dich, dass dein Glaube immer stärker und stärker wird und wir uns dadurch immer näher kommen. Aber du musst an mich glauben, dass ich durch Lycki an dich schreibe. Deine Zweifel quälen mich, denn ich gebe mir ja so unbeschreibliche Mühe, euch immer und immer wieder zu überzeugen, dass ich, Sigwart, es selber bin, der zu euch spricht! Die anderen glauben es endlich, aber ich habe keine Ruhe, solange nicht auch meine Lene felsenfest daran glaubt. Vielleicht wird es mit der Zeit auch mit dir mit dem Schreiben gehen? Lycki muss dir ganz genau erklären, wie sie es tut – dann kann es sein, dass du mich plötzlich auch sprechen fühlst, wie Lycki es tut. Aber jetzt wollen wir uns erst mal freuen, dass wir so ganz persönlich voneinander hören können. Deine liebe Schrift liegt vor mir auf dem Tisch. Ich habe sie gefühlt und liebkost. Ach, wie ich dich fühlte und empfand, ganz so, wie wir beisammen waren, Hand in Hand. Aber du musst nun nicht mehr traurig sein, dein Sigwart fühlt jede Träne von dir und jede Träne tut weh! Ich weiss ja genau, wie schwer es für dich ist, aber es wird nach und nach jedes Gefühl von Schmerz weichen und dann hast du das erreicht, was du anstrebst – dann ist nichts mehr zwischen uns! Jetzt ist die Kluft zwischen uns nur die Trauer, dann später bleibt nur die Liebe, und das ist das höchste und heiligste Band – das innigste Band. Nicht wahr, jetzt wirst du immer an mich denken, wenn du weinst, an ein trauriges Gesicht von mir – und dann wird deine Trauer vergehen, weil du mich doch nicht traurig wissen willst! Du bist ja stark und gross, meine liebe, tapfere Lene – aber ich glaube, du weisst nicht, was es für uns, die wir keinen Körper mehr haben, bedeutet, wenn uns auf Erden ein Mensch, den man liebt, nachweint. Es ist das Allerschrecklichste, weil wir doch genau so sind wie auf Erden. Was hätte ich auf Erden gelitten, wenn ich dich so trauern sähe. Ich fühle doch auch jetzt jeden Schmerzgedanken genau wie zu Lebzeiten, denn ich bin der Sigwart, wie du ihn kennst und liebst – genau noch so! Das musste und wollte ich dir schon längst sagen – aber die Zeit war noch nicht da. Jetzt aber, als ich deinen lieben Brief in die Hand nahm durch Lycki, jetzt geht es endlich. Ich bin wie erlöst. Ich kann dir schreiben, ich kann zu dir sprechen, immer, so oft du es willst. Mein Glück ist so gross, dass ich es kaum fassen kann – dass der Bann nun gebrochen ist und ich zu dir kann, so oft du mich willst. Ich könnte dir noch so unendlich viel sagen, aber für heute ist es genug. Stelle nur immer Fragen, liebe Lene, alles will ich dir sagen, meine Liebe, Gute. Aber das Eine darfst du mir nicht antun, mir, deinem Sigwart, der dich so tief liebt – zu zweifeln an meiner Fähigkeit durch Lycki an dich schreiben zu können.

Es küsst dich aus der lichten, geistigen Welt, immer in der gleichen hingebenden Liebe,

dein Sigwart

18. August 1915(Irschenhausen, an Lycki)

(Lycki und Marie sprachen darüber, ob Sigwart, ebenso wie er Lenes Brief betastete, auch ihnen die Hand geben könne.)

Aber natürlich kann ich euch jetzt auch die Hände drücken, aber ihr fühlt es nicht. Nur gestern, als ich den Brief von Lene so direkt vor mir sah, bekam ich eine Riesenkraft und musste durch dich ihre geschriebenen Worte befühlen und durch diese Berührung fühlte ich alles wieder. Das ganze Glück, das ich auf Erden mit ihr genossen habe, konnte ich auf einmal so ganz empfinden. Von jetzt an kann ich durch dich, Lycki, auch noch andere Dinge empfinden. Ich kann durch deinen Strom in so nahe Beziehung zu euch treten, dass ich es auch körperlich fühle wie jetzt zum Beispiel mit Marie.

(Marie und Lycki ruhten sich am Nachmittag aus und sie sprachen über Sigwart. Plötzlich fühlte Lycki, dass sie aufstehen sollte, um Marie die Hand zu geben. Als sie es tat, wurde ihre Hand hinaufgeschoben und sie musste Marie dreimal ein kleines Kreuz auf die Stirne machen. Dies alles geschah ganz mechanisch, getrieben von einer unsichtbaren Kraft.)

Ich habe ihre Hand gefühlt, ganz genau. Ich habe ihr liebes, gutes Gesicht gestreichelt – ich habe ihr ein kleines Kreuz gemacht, weil sie es ja so verdient hat. Das hat einen Wert, dieses kleine Kreuz! Ich habe es ihr in die Stirn hineingeprägt. – Sie hat es noch und behält es als Schutz gegen alles Unschöne und Hässliche. Es war ein Geschenk von mir, von ihrem geistigen Bruder, der sie ja schon so lange kennt und erst jetzt wiedererkannt hat. Lene war mir eine getreue, geliebte Lebensgefährtin – du, Marie, warst mir mein geliebter Bruder seit langer, langer Zeit. Ich fühle, dass wir uns schon so unendlich lange kennen und lieben. Natürlich weiss ich nichts Näheres darüber, das heisst ich kann noch nicht die Inkarnationen überblicken, aber einiges daraus kann ich jetzt doch schon sehen. Es liegt aber noch nicht wie ein offenes Buch vor mir. Doch gewisse Momente und Szenen kann ich fühlen und daher weiss ich, was Marie mir war. Du, Marie, hast es gefühlt in der Stunde meines Todes – den engen Zusammenhang zwischen uns. Ich habe es nicht gewusst, bis ich es fühlte, von wo die Hilfe kam. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich wusste alles. Marie wird sich erst auch darüber gewundert haben, bis sie es dann nach meinem Tode selbst empfunden hat. Marie wird noch viel von mir hören, sehr viel! Sie wird zufrieden sein, wenn ihre Zeit gekommen ist.

So, jetzt aber genug für heute, ich habe unendlich viel zu tun. Es sind grosse Vorbereitungen. Aber wie ich euch schon sagte, wenn ihr mich braucht oder wollt, komme ich jederzeit wieder für kurze Momente zu euch.

In inniger, treuer Liebe, euer Sigwart

(Später, am gleichen Tag, sagte Marie, dass sie gerne ihre von Sigwart vorausgesagte Fähigkeit, seine Mitteilungen zu empfangen und zu schreiben, an Helene abtreten würde, und wir sprachen darüber, ob diese Übertragung wohl möglich sei.)

Ja, ich bin noch da, ich, Sigwart. Marie will ein grosses, grosses Opfer bringen und ich glaube, es könnte gehen. Nur fürchte ich, dass Helene noch lange nicht reif dafür ist, Marie hingegen sehr bald. Marie soll erst schreiben. Wenn Helene dann soweit ist, müssten wir den Versuch machen. Sie müssen sich dann nebeneinander setzen und Marie muss versuchen, die Worte, die sie schreiben will, direkt auf Helene zu übertragen. Ich kann aber noch nicht mit Gewissheit sagen, ob es glücken wird. Marie wird das Schreiben nicht genommen werden, auch wenn Lene schreiben würde. Aber ich danke ihr für ihre Liebe und den schönen, tiefen Gedanken der Hilfe, gute Marie.

(Lycki fühlte so stark Sigwarts Nähe, dass sie Marie, die bei ihr sass, vorschlug zu versuchen, ob sie nicht jetzt auch schreiben könne. Sie hielt ihre Hand auf Maries Hand, die den Bleistift hielt, und Sigwart schrieb:)

Ja, ich bin da, ich, Sigwart. Wenn ihr es öfter so probiert, wird Marie sehr bald zum Ziel gelangen, denn jetzt halte ich, Sigwart, ihre Hand. Ja – ihr müsst beide nur auf euer Inneres lauschen, dann habe ich die Kraft, auch durch Maries Hand allein, zu schreiben. Jetzt soll sie es einmal ganz allein versuchen – nur mit Lyckis Hand auf der ihren. – Versucht es! Ich kann so schwer euch beiden das Gleiche sagen. Du, Lycki, musst ganz ausserhalb stehen, nur deine Kraft geben. Marie muss nur lauschen und dann allmählich schreiben. Aber es geht eben nur sehr, sehr langsam, sie darf nicht ungeduldig werden. Auf einmal hat sie es dann erfasst und dann kann ich ganz in sie hinein. Sie wird ja so glücklich sein und ich auch.

Doch nun schliesse ich. In treuester Liebe,

euer Sigwart

(abends, an Lycki)

(Büdi, Marie und Lycki sprachen darüber, dass sie nach Jahren wohl nicht mehr fortwährend an Sigwart denken würden wie jetzt, und ob er ihnen dann trotzdem noch so nahe bleiben würde.)

Ja, ihr habt recht – jetzt ist das ja so selbstverständlich. Aber ich verspreche euch, dass ich da sein werde, wenn ihr einst die irdische Hülle verlässt. Wenn ihr auch nicht mehr ganz so viel und oft an mich denkt, das tiefe Band der Liebe, das zwischen uns besteht, bleibt doch immer und ewig. Das dürft ihr nicht vergessen. Darum macht euch darüber keine Sorgen. Ich bin bei euch in der Stunde eures Todes, ich, euer Sigwart. Was machen da Jahre aus! Nichts kann uns trennen. Ihr habt eben ganz andere Begriffe von der Zeit. Was ist euer Leben für eine kleine Zeitspanne gegenüber der Unendlichkeit. Wenn ihr auch nicht mehr stets an mich denkt, so bin ich doch stets bei euch, und das bindet uns immer von Neuem. Also müsst ihr euch darüber keine Sorgen machen – es gibt keine Trennung mehr zwischen uns allen, die wir uns im Leben so innig geliebt haben. Das musste ich euch sagen. Ich bin ja so zufrieden und glücklich mit euch, ihr geliebten Lieben alle drei. Ihr seid mein Stolz und meine ganze Freude.

Gute Nacht, ich sende euch Grüsse aus den himmlichen Gefilden, von denen ich eben gekommen bin und an euch dachte.

Euer Sigwart

19. August 1915(an Lycki)

Ich bin schon da, dein Sigwart. Ja, es ist gut, wenn du mich laut rufst, dann komme ich schneller. Ich habe dir viel zu sagen, liebe Lycki – jetzt, da du endlich alleine bist. Immer mit Menschen zusammensein den ganzen Tag, das ist nichts für dich. Du brauchst innere Ruhe und Zufriedenheit.

Du willst mit Marie nach Liebenberg. Das finde ich sehr gut. Ihr macht mir damit eine grenzenlose Freude, denn ihr werdet zu zweit eine grosse Kraft dort niederlegen, die niemand mehr fortschaffen kann. Geht hin, wie ihr gewollt habt, ganz allein mit meinen Gebeten und Versen. Lest sie alle laut – denkt nur an das und an mich, euren geistigen Sigwart, der neben euch steht und der euch mit leuchtenden Augen zuhört. So erweist ihr mir einen grossen, grossen Liebesdienst.

Liebe Lycki, ich möchte nicht, dass du schreibst, wenn die anderen da sind, weil es dann doch nicht gut und glatt gehen würde. Du bist dann zu aufgeregt und reagierst nicht auf meine Sprache. Sie könnten höchstens, wenn sie es sehr gerne wollen, sehr weit weg von dir sitzen, damit du sie weder siehst noch hörst.

Für Lene schreibe ich in Liebenberg etwas. Sie kann sich dann direkt neben dich setzen, aber nur einmal, und das allein. Ich muss sie noch einmal so ganz fühlen wie letzthin den Brief. Aber dann will ich auch mit ihr nur noch geistig verkehren, wie wir es tun. Lene und ich, wir würden sonst beide zu sehr leiden, und das hat keinen Sinn.

Jetzt geh wieder schlafen, liebe Lycki, morgen schreibe ich weiter.

Dein Sigwart

25. August 1915(an Lycki, am Nachmittag in der Bahn, zurück vom Salzberg)

Ja, ich, Sigwart, spreche. Marie ist auf dem richtigen Weg. – Sie soll alles schreiben, was sie fühlt. Allmählich klärt es sich dann in ihr. Die Gedanken verkörpern sich in Worte und dann hat sie es erreicht. – – – Nein, es ist nicht sie, es ist etwas Höheres, das durch sie spricht. Es ist eine Art Beeinflussung ihrer eigenen Gedanken, daher denkt sie, dass sie es ist. Sie muss es so weiter tun und gar nicht lange mehr wird es dauern, dass es gleichmässig, ruhig und klar gehen wird. Dann komme auch ich zu ihr und schreibe durch sie – nur kann ich es nicht immer, weil ich eigentlich jetzt noch nicht das Recht dazu habe. Später, ja, wird sie alles erfahren, auch wie nah wir uns eigentlich stehen – gute Marie – ich bewundere ihre Kraft und ihre fabelhaften Fortschritte. Sage ihr das von mir – sage ihr, dass ihr Sigwart sie umgibt mit der hohen Liebe eines Priesters.

Ach, ihr sprecht so viel von mir, dass ich immer ganz gerührt bin. Habe ich denn wirklich solche Liebe verdient? Ich kann euch nichts anderes geben, als euch zu beschützen und zu behüten, als oft und oft um euch zu sein – euch geistig zu streicheln und eure Hände zu drücken und dann mein Buch euch zum Geschenk zu geben. Aber ihr werdet sehen, dieses Buch wird euch etwas ganz Liebes werden, denn jeder Satz und jeder Gedanke ist so aus meinem Innersten heraus und mit so viel Liebe entstanden, das müsst ihr fühlen.

Ich kann euch ja momentan nichts anderes Greifbares geben, so nehmt das hin als Zeichen meines Dankes und meiner hingebenden Liebe zu euch. Ihr lebt ja so stark mit mir – ihr teilt meine Freuden und meine Leiden. Das ist etwas sehr Grosses und ich kann euch daher immer wieder sagen – ihr werdet dafür belohnt werden! Alle eure Wünsche mich betreffend werden erfüllt. Es ist gut, dass ihr euch jetzt extra kleine Bücher angelegt habt, denn wisst ihr, ihr bekommt noch viel, sehr viel schöne, erhebende Sachen von mir mitgeteilt, bis das Werk vollendet ist. Mein Werk, mein Geschenk für euch aus der geistigen Welt.

Euer Sigwart

27. August 1915(Irschenhausen, an Lycki)

(Marie sagte zu Lycki, sie fühle, dass Sigwart schreiben wolle.)

Ja, Lycki, Marie hat recht. Sie fühlt es mehr wie du, weil sie es körperlich so stark empfindet. Du fühlst es mehr wie einen Wunsch oder Drang. Ich habe heute Wunderbares erlebt. – – –

(Es folgten für Lycki unverständliche Ausführungen und es war ihr unbehaglich zumute, da sie fremde Einflüsse fühlte, was Sigwart auch bestätigte.)

Ich muss dir etwas Wichtiges sagen. – – – Die letzten Sachen habe nicht ich, Sigwart, geschrieben. Bleibt stark, wenn ihr jetzt nach Liebenberg geht. Ihr werdet siegen, ich gehe ja mit euch und bin bei allem dabei. Das wird euch Kraft geben, ihr werdet mich so fühlen, dass eure Kraft dadurch riesengross wächst.

Deine unruhige Stimmung war begreiflich. Du wurdest von Elementen gequält, die mich verdrängen wollten. Sie wollten dich gegen mich beeinflussen. Das hast du gefühlt, aber nun ist es wieder überwunden, Gott sei Dank! Jetzt wirst du das nächste Mal mehr Kraft haben, diese Elemente zu vertreiben, denn sie werden noch oft kommen.

Je mehr Hohes, Geistiges ich euch gebe, desto mehr drängen sich die Gegner des Hohen zu euch. Sie fühlen den dankbaren Boden für alles Geistige und da wollen sie sich eben auch betätigen.

Ich habe heute Schönes erlebt, wie ich ja schon sagte. Es handelte sich um eine grosse Feier. Ich habe Wunderbares dabei vernommen. Grosse himmlische Gebete wurden gesprochen, göttliche Lieder wurden gesungen und es wurden Farbenspiele aufgeführt, dass es geradezu eine Wonne war.

Du als Malerin, wie hättest du das genossen, liebe Lycki. Aber das steht dir ja alles noch bevor.

Ihr fahrt also Sonntag nach Liebenberg. Wie freue ich mich darauf, denn ihr helft mir auf alle Fälle. Ob ihr die anderen dort nun gleich vollkommen überzeugt oder nicht, ist unwichtig. Ihr bringt eine Kraft hin, die den Grundstein zu all meinen geistigen Kundgebungen für euch legen wird. Dann erst kann dort der Tempel gebaut werden. Ihr begreift, dass ich mit Ungeduld darauf warte.

Wir werden am 1. September ein Fest zusammen feiern (Lyckis Geburtstag, Hrsg.). Dieser Tag ist mir besonders lieb und ich bin glücklich, ihn mit euch wie einst in Liebenberg feiern zu können. Wie war uns dieser Tag immer eine Freude! Und warum soll es nicht auch dieses Mal so sein. – Wir wollen zusammen feiern.

Euer Sigwart

28. August 1915(Starnberg, an Lycki)

Ich bin da, ich, Sigwart. Ja, ich weiss wer K. ist. Er ist ein feiner Mensch mit grossen geistigen Fähigkeiten. Ihr könnt ihm vertrauen. Ich weiss, dass er viel über mich gesagt hat. Er hat seine Quellen, wodurch er das erfährt. Er selber ist nicht so hellsehend, dass er alles wissen könnte, worüber er schreibt. Aber es stimmt alles. Vielleicht kann er Marie ein paar Hinweise geben. Aber im grossen Ganzen kann sie jetzt nichts anderes tun, als sich in der freien Natur zu erholen, das andere kommt dann von selbst.

Ich gebe dir heute noch einen Spruch, den sollt ihr in Liebenberg als Erstes an der Stätte unter der Eiche sagen – aber laut!

Gross ist der Herr der Welten,

der dich schuf

und dich wieder nahm.

Hier steh ich an geweihter Stätte

und bete zu dir.

Alle Materie vergeht –

Himmlisches bleibt.

Und du breitest die Schwingen

zu empfangen dein Kind.

Heiliger Werdegang –

alles Erlösung ist.

Sterben nur Übergang –

alles Erfüllung.

Drum lass zu dir mich schaun,

der du mein Vater bist –

alles dein Wille ist.

Nimm mich zu dir hinauf –

lang, lang schon wart ich drauf!

Endlich, die Zeit ist da

und du, mein Gott, mir nah.

Wie schön das Sterben ist,

wenn du nur bei mir bist.

Amen!

Sigwarts Grab, die Gedenkstätte unter der Eiche im Liebenberger Schlosspark

Schloss Liebenberg, Mark Brandenburg

1. September 1915(Liebenberg17, an Lycki)

Ich bin so glücklich, endlich hat Lene den Wunsch dabei zu sein. Ich denke, du und Marie solltet nicht dabei sein, wenn Lene zur Eiche geht. Es genügt euer starker Wille.

Geht mit, bleibt aber abseits und konzentriert euch. Gebt euch die Hände und betet, dass sie glauben muss!

Ich habe vor, ihr nicht zu komplizierte Dinge zu sagen. Ob sie aber danach völlig überzeugt ist, das weiss ich nicht, und das kann ich kaum erhoffen – aber der Anfang ist dann gemacht.

Du musst dich nicht aufregen, Lycki, sonst geht es viel schwerer für mich. Du Gute, heute, wo dein Geburtstag ist, soll mein grosser Augenblick stattfinden. Dafür danke ich dir, liebe, gute Lycki, denn du gibst mir die Möglichkeit, Lene einmal noch zu fühlen.

(am Abend des gleichen Tages)

Sigwart spricht. Ja, ich bin bei euch. Ich wollte schon so oft am Tage schreiben, aber ihr hattet absolut keine Ruhe. Diese Tage sind ja für mich wie für euch furchtbar anstrengend. Der nahe Kontakt heute Nachmittag mit Lene hat mich unendlich glücklich gemacht. Ich habe die ganze Wonne wieder gespürt, aber sie wohl leider nicht. Ich habe mir die grösste Mühe gegeben, mehr kann ich nicht tun! Jetzt müssen wir einfach abwarten, die Zeit spinnt ihre Arbeit weiter. Ich war ausser mir, dass mir meine Beweise wieder nicht geglückt sind. – – – Ich muss euch eingestehen – ich kann ihr nicht Beweise auf diese Art geben, wie sie es sich erhofft. Ich versuchte es jetzt schon so oft, aber es missglückt glatt. Anderes darf ich nicht! Ihr versteht das, wenn ich es euch sage, aber bei ihr würden die Zweifel wieder stärker werden, wenn sie so etwas lesen würde. Siehst du, gute Lycki, das ist ihr Karma, ich kann nichts machen! Ich würde ihr noch mehr Beweise geben, wie ich schon sagte, aber ich weiss nicht, wie lange es dauern würde, bis sie davon überzeugt sein wird, dass ich es bin. Ich habe nämlich selber nicht gedacht, dass sie heute so wenig meine Nähe fühlen würde. Arme Lene, sie tut mir so leid. Wie quält mich das Ganze – aber ich darf nicht zu sehr in ihr Karma eingreifen.

Es war trotzdem ein schöner Tag heute. Ich habe viel erlebt und viel geschaffen.

Euer Sigwart

2. September 1915(Liebenberg, an Lycki)

Jetzt ist wieder Ruhe um euch und ich kann sprechen, ich, Sigwart. Ich habe mich die letzten Tage zu sehr aufgeregt. Es darf nicht so weitergehen. Ihr müsst mich richtig verstehen – es war ein so namenloses Durcheinander von Empfindungen und Eindrücken um euch, dass es wie eine riesige Welle toste, die sich immer im Kreise herumdrehte und mich durch ihre starken Strömungen quälte. Jetzt ist es aber vorbei! Ich glaube auch nicht, dass es so stark wiederkommen wird. Ich habe jetzt Zeit zur Ruhe, bis du wieder herkommst, aber auch dann kann es nicht mehr so schlimm werden, weil jetzt alle Empfindungen sich langsam tiefer in jeden einzelnen von euch hinein vergraben und darum nicht mehr durch die äusseren Ströme berührt werden.

Ich bin zufrieden, das müsst ihr mir glauben. Alles ist geschehen ganz nach meinem Wunsch und dafür möchte ich euch jetzt aus tiefstem Herzen danken. Ich habe es ja selber so gewollt, dass ihr mir helfen sollt – darum kann ich euch jetzt ruhig sagen – diese Tage waren für mich ein grosses Hindernis, weil ich alles andere hab liegen lassen. Nun, da es mein inniger Wunsch war, habe ich die Folgen zu tragen. Stellt euch bitte nicht irgendetwas Schreckliches darunter vor – es war aber eine kleine Unterbrechung, ja vielleicht sogar eine Störung in meiner Entwicklung.

Ihr könnt mir helfen, indem ihr einige Tage mit anderen Gefühlen an mich denkt. Ich meine, dass ihr mich nicht so ganz in eurer Nähe fühlen sollt durch eure Wünsche. Dann kann ich mich ungehindert meiner Entwicklung hingeben.

Ich wollte euch heute noch so gerne einiges über Papa sagen. Er hat jetzt vieles überwunden. Ich habe nicht gedacht, dass er alles so in sich aufnimmt, wie er es getan hat, und das ist so schön für mich. Den Brief hat er ganz richtig aufgefasst, und das hat ihn glücklich gemacht. Das wollte ich dir, liebe Lycki, noch sagen, damit du deine Sorge wegen des Briefes verlierst.

Marie wollte noch über ihr Geschriebenes etwas wissen. Es ist nicht ganz vollkommen gelungen. Es sind zwei vollkommen verschiedene Einflüsse, die es geschaffen haben. Ich kann euch das nicht näher erklären. Es ist aber nicht