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Beschreibung

Auch wenn die Form nicht allen angestammten Regeln der Haiku-Dichtung folgt, so sind die Gedichtminiaturen aus dem Krieg Anfang der zwanziger Jahre als anerkannte, französische Haiku in den dortigen Literaturzeitschriften erschienen. Ein Phänomen, das vor Augen führt, wieviel es noch aus jenen dunklen Zeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu entdecken gibt. Erschütternd ist es, dabei zu erkennen, welch kultureller Reichtum in den Orten und in den Köpfen der Menschen gnadenlos zerbombt, vernichtet und begraben wurde.

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Seitenzahl: 49

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Stefan Wolfschütz: Vorwort zur deutschen Ausgabe

Jean Rouaud: Vorwort der französischen Ausgabe

Die Haiku

Dominique Chipot: Nachwort

Vorwort des deutschen Herausgebers

Die vorliegende Anthologie ist ein außergewöhnliches Zeitdokument. So wie 100 Jahre später, heute, das Zeitgeschehen in der kürzest möglichen Form gettwitert wird, so haben damals junge, französische Intellektuelle, mitten im Kriegsgefecht, die ihnen kürzest mögliche Form verwendet, um das Unfassbare, grauenhafte Geschehen eines menschenverachtenden Krieges zu dokumentieren. Überraschenderweise haben sie dabei die erst kurz zuvor, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, eingewanderte Form der Haiku-Dichtung benutzt.

Auch wenn die Form nicht allen angestammten Regeln der Haiku-Dichtung folgt, so sind die Gedichtminiaturen aus dem Krieg Anfang der zwanziger Jahre als anerkannte, französische Haiku in den dortigen Literaturzeitschriften erschienen. Ein Phänomen, das vor Augen führt, wieviel es noch aus jenen dunklen Zeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu entdecken gibt. Erschütternd ist es, dabei zu erkennen, welch kultureller Reichtum in den Orten und in den Köpfen der Menschen gnadenlos zerbombt, vernichtet und begraben wurde.

Die Haiku aus dem Weltkrieg 1914-1918 konnten nur entstehen, weil ihre Verfasser durch einen Geist inspiriert gewesen sind, der Ende des 19. Jahrhunderts begann, die Welt in ein anderes Licht zu tauchen. Das Licht eines Vincent van Gogh, Claude Monnet oder Paul Gauguin. Doch dann zog die Welt dem Licht die Finsternis vor, als mächtige Männer blühende Wiesen und Felder in Schlachthöfe verwandelt. Man setzte Errungenschaften menschlicher Erkenntnis ein, um das Töten zu perfektionieren. Die Haiku von Mitten ins Gesicht spiegeln wider, was millionenfach in den Schützengräben dieses Krieges an Leib und Seele ertragen werden musste.

Heute, wo ich dieses Vorwort schreibe, hat Deutschland Brasilien in der Fußballweltmeisterschaft mit 7:1 besiegt. Was für ein Jubel. In der gleichen Stunde fliegen Raketen aus dem Gazastreifen in Richtung Tel Aviv und steigen israelische Bomber auf, um ihre tödliche Fracht in Palästina abzuwerfen. Was für ein Grauen. Schon wieder fällt das Wort vom Flächenbrand. Darf das wirklich sein? Mitten ins Gesicht lässt nur eine Antwort gelten und ich hoffe, dass diese Antwort zur Maxime des Handelns auf allen Seiten wird:

Und dir, ja dir widme ich,

Mit der innigen Liebe des Älteren,

Diese Erinnerungen an unsere Qualen.

Julien Vocance

Stefan Wolfschütz

8. Juli 2014

Vorwort der französischen Ausgabe

Blitzlichter des Krieges

Wenn man sich auf das Spiel mit Entsprechungen einließe und das in Betracht zöge, was sein Wesen ausmacht, nämlich seine Kürze, seine Effizienz, würde man das Haiku eher mit einem Blitzkrieg assoziieren, zumindest mit einem Scharmützel, so wie Froissart diese räuberischen Übergriffe auf ein Schloss oder eine Pilgergruppe genannt hatte, was, auf Bashô übertragen, etwa ergeben hätte:

Ein Trupp von Strauchdieben,

Aber in ihren Quersäcken

Nichts als Gebete.

Aber nichts war weniger blitzartig als der Erste Weltkrieg. Die Daten bestätigen es, 14-18, man braucht nur zu subtrahieren, ein Blitzkrieg von vier Jahren, das nennt man wohl eher Steckenbleiben. Und das ist übrigens genau das Bild, das man von diesen eingegrabenen Körpern vor Augen hat, die im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund lebten, es vermieden, die Nase hinauszustrecken, weil sie sonst das Ziel eines Einzelschützen geworden wären und nur auf den brutalen Befehl warteten, der sie aus dem Schützengraben treiben würde für nichts anderes als einen Bodengewinn von etwa zehn Metern und ein sinnloses Blutbad.

Es ist bekannt, dass dieser Konflikt eine beträchtliche Romanproduktion ausgelöst hat. In der Tat scheint der Roman mit seinem größeren Umfang geeigneter zu sein, von diesem lang andauernden Gemetzel zu berichten, das Millionen von Menschen eines Kontinents verschlungen hat. Den Ersten Weltkrieg in einem Haiku festhalten zu wollen, liefe auf dasselbe hinaus wie den ganzen Ozean in einen Fingerhut zu gießen; umso mehr als sich das Haiku nie mit dem Krieg beschäftigt hat. Sein Bemühen geht dahin, in siebzehn Silben zugleich das Dauerhafte und das Vergängliche der Dinge zu erfassen; im zyklischen Ablauf der Welt dieses winzige Ereignis einzufangen, das einen Sprung im Kontinuum darstellt. Vogeltrittspuren auf einer feuchten Terrasse, eine Rübe, die von einem Bauern geschwenkt wird, um damit den Weg zu weisen.

Nun ja, der Krieg ist schon ein gewaltiger Einschnitt. Hier stellt sich die Summe der Tragödien so dar, dass man die Brutalität und das Leid nicht einfach mit einem verhaltenen Seufzer wegwischen kann, wie es Buson tat, als er sich den Tod seiner Tochter in Erinnerung brachte. Um nicht als gefühllose Unmenschen dazustehen, mussten sich die Dichter vielmehr eines Vokabulars bedienen, das sich schonungslos von dem eines japanischen Haiku freimachte: von „Barmherzigkeit“, „Wunder“, „Verzeihen“ und dieses „ach, leider“, die auf Racine und Du Bellay verweisen:

Kameraden, Brüder,

Wir haben genug gelitten …

Ach! Ihr siegt schon ohne mich.

Unbekannt sind den japanischen Meistern auch moralische Urteile (Wie man das Verbrechen schönfärbt), poetische Effekte (In einem Traumdschungel) und offensichtliches Japanisieren (Dieser kleine Granateinschlag / Der vor der Tür Halt gemacht hat / Warum hat er nicht gewagt einzutreten).

Vergessen wir also das Haiku und halten fest, dass die Dichter gedacht haben, dass gerade eine minimale Form ein gewichtiges Wort mitzureden hat bei der Rekonstruktion des Schreckens. Die Fotografie war damals noch schwerfällig, unhandlich mit ihren Glasplatten und ließ noch keine Kriegsreportage zu. Diese Mikrogedichte ersetzen so das Klick-Klack, die kleinen Vorfälle, die das Hirn festhält und in nur wenigen Worten zupasst. Sie liefern uns Momentaufnahmen, an denen epische Vorhaben in dem Bemühen, sich auf den geschichtlichen Anspruch einzustellen, gescheitert wären. Diese Schnappschüsse, das, wovon sie berichten, findet man nirgendwo sonst. Zum Beispiel diesen:

An der Schwelle der Banken

Ersetzt man die Schwarzen

Durch weiße Frontkämpfer.