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"Mittsommernachtstexte" enthält Geschichten, die bei einer Lesung auf dem Alten Friedhof an der Brückstraße in Erklelenz anlässlich der Sommersonnenwende 2015 vorgetragen wurden.
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Seitenzahl: 69
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
Kai Beisswenger: Der Unbekannte in mir
Heidi Hensges: Das Interview
Heidi Hensges: Edith im Glück
Claudia Ingenillen: Marie
Claudia Ingenillen: Das Lächeln
Kurt Lehmkuhl: Francesco
Frank Rimbach: Der Neger auf dem Fahrrad oder Wie ich dann doch kein Mann geworden bin
Helmut Wichlatz: Mittsommernachtsliebe
Die Textakrobaten
Es war ein Experiment, diese Lesung zur Mittsommernacht. Der Ort war ungewöhnlich: der ehemalige Friedhof an der Brückstraße in Erkelenz, die Zeit gewöhnungsbedürftig: 22 bis 24 Uhr.
Niemand wusste, was ihn dort bis zur Geisterstunde erwartet: die Besucher nicht, die widerlegten, dass Erkelenzer nicht für Neuerungen und Experimente aufgeschlossen sind, die Organisatoren von der Erkelenzer Leseburg nicht, die voll auf Improvisation und Spontaneität setzten, die Mitglieder vom Arbeitskreis Friedhof Brückstraße nicht, die nicht wussten, was auf „ihrem“ Friedhof passiert, die Anton-Heinen-Volkshochschule des Kreises Heinsberg nicht, die als Veranstalter fungierte, und auch die Verantwortlichen bei der Stadt Erkelenz nicht, die alle Skepsis beiseitelegten und sich für die Idee begeisterten, einmal etwas ganz Anderes und Neues zu wagen.
Das Ordnungsamt und das Grünflächenamt räumten alle Steine aus dem Weg, die diese einmalige Lesung, die eigentlich gar keine Lesung war, ins Stolpern hätten bringen können.
Wo erlebt man es schon, dass kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Menschen in großer Zahl auf einen Friedhof pilgern, mit einem Klappstuhl unterm Arm, vorsorglich mit einem Regenschirm ausgestattet, eine Taschenlampe im Gepäck oder sogar eine Decke im Rucksack, um es sich auf einer Wiese bequem zu machen?
50 Zuhörer sollten maximal teilnehmen können. Die Nachfrage war viel größer. Aber die Organisatoren blieben bei der mit der Stadt vereinbarten Höchstzahl. Und das war gut so, denn es brauchte keine elektronische Verstärkung bei den Lesungen, die natürliche Umgebung sorgte für eine Geräuschkulisse, die bei einer lautsprecherverstärkten Lesung übertönt worden wäre.
Die Autoren Claudia Ingenillen aus Moers, Heidi Hensges aus Heinsberg, Kai Beisswenger aus Wegberg, Kurt Lehmkuhl, Frank Rimbach und Helmut Wichlatz nahmen die Zuhörer mit auf eine literarische Reise durch eine Mittsommernacht. Die Reise begann mit Francesco in einem mallorquinischen Urlaubsort und endete passend mit Elisabeth auf dem Alten Friedhof.
Wer sich dieses Programm ausgedacht hatte, bewies das richtige dramaturgische Geschick. Das Spannende dieses Abends war die Kombination der Autoren, denn auch hier gab es ein Experiment.
Keiner wusste, was der Kollege im Gepäck hatte, so gab es für jeden Geschmack etwas und eine Abwechslung, die manche Zuhörer in das Reich der Träume brachte, aus dem er jäh wieder herausgerissen wurde.
Fazit: Der Abend auf dem ehemaligen Friedhof war keine verlorene Zeit, auch wenn manche Geschichte davon sprach. Er verlangt im Prinzip nach einer Wiederholung, doch niemand weiß, was die Zukunft bringt, wie ebenfalls in Geschichten deutlich wurde. Und der Abend endete harmonisch, heiter, lebensbejahend, auch wenn viele Geschichten und der Ort deutlich machten, dass es Unendlichkeit nur in der Fantasie gibt.
Vielen Dank an die Autoren für die Überlassung ihrer Texte und an Askim Erdogan und Michael Köhler für die Nutzung ihrer Fotos. Dank gilt auch Heid Hensges für ihr Lektorat.
Helmut Wichlatz/Kurt Lehmkuhl
Die Welle erfasste mich und mir wurde warm. Während ich ins Wellental hinabglitt, kühlte ich ab. Wie üblich hatte ich einen Augenblick später Margarete geküsst, doch anstatt einzuschlafen, wachte ich auf. Ich war nicht in meinem Schlafzimmer. Stattdessen lag ich auf einem Kanapee. Wo war meine Gattin? Warum war es so hell? Wo war ich? Oh Schreck, vor mir lag ein Unbekannter. Reglos, wie tot. Seltsame Kleider hatte er an. Eben war ich noch im Glücksrausch, jetzt packte mich eine Höllenangst. Ich sprang auf, kniete nieder, ergriff das Handgelenk des Mannes und fühlte seinen Puls. Sein Körper war noch warm, aber er lebte nicht mehr. Mein Herz klopfte. Träumte ich? Nein, ich war wach, ohne Zweifel. Neben dem Sofa, auf dem ich eben noch gelegen hatte, stand ein Regal mit Büchern, daneben ein Sekretär. Vor mir war ein Tisch, auf dem Schreibutensilien lagen. Sah man nicht genau hin, schien ich mich in einer Studierstube aufzuhalten. Dennoch wirkte alles falsch. Auf dem Schreibtisch stand ein Gebilde aus Plaste mit Knöpfen und einem matten Spiegel, auf dem sich unbekannte Symbole bewegten. Zwei Lampen strahlten so hell, dass mir die Augen schmerzten. Ich schob den Vorhang zur Seite und blickte aus dem Fenster. Was ich gewahrte, hätte sich nicht einmal Jules Verne vorstellen können. Draußen fuhren eigenartige Motordroschken fast lautlos herum. Mir stockte der Atem. Nein, das war nicht Heidelberg im Jahre 1902, ich war in einer anderen Welt, womöglich auch in einer anderen Zeit. Da unten bewegte sich alles viel schneller als üblich, selbst Passanten gingen zügiger. Außerdem war es überall sehr hell, drinnen und draußen. Ich drehte mich um und entdeckte einen Spiegel. Als ich hineinblickte, traute ich meinen Augen nicht. Der nächste Schock. Wo war mein Bart geblieben? Meine Haare waren länger, mein Gesicht ovaler und ich trug komische Klamotten. Außerdem sah ich jünger aus als 35.
Ich fasste zusammen: Ein Toter lag auf dem Boden. Ich selbst steckte in einem anderen Körper, dieser wiederum in einer anderen Zeit und in einer fremden Welt. Ich zitterte. Sofort raus hier. Unverzüglich öffnete ich die Tür und lugte nach draußen. Hinter dem Tresen saßen zwei Damen. Sie steckten in weißen Klamotten.
Eine hatte eine Spange vor dem Mund und sprach mit sich selbst, die andere sah auf, lächelte und sagte: „Herr Schulze, das ging aber flott heute, haben Sie schon einen neuen Termin?“
Ich blieb wie angewurzelt stehen. Wieso Schulze? Mein Name ist doch Hans Driesch. Ich schaute mich im Vorzimmer um, aber es gab nur einen Herrn und der war ich. Sie blinzelte. „Nächste Woche, um die gleiche Zeit?“
Ich war wie gelähmt. Sollte ich sagen: Drinnen liegt ein Toter! Ich weiß auch nicht, warum und noch weniger, weshalb ich hier bin? Ja, ich wusste noch nicht einmal, wo ich herkomme. Man würde mich sofort ins Zuchthaus werfen. Also sagte ich nur: „Adieu“, und lief an den Damen vorbei. Vor mir waren zwei Türen und ich öffnete die linke. „Halt, aber Herr Schulze, wo wollen Sie denn hin?“ Ich drehte mich um und versuchte zu lächeln. „Entschuldigung“, nuschelte ich in meinen abhanden gekommenen Bart.
Die beiden blickten mich mitleidig an.
Ich eilte die Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Es war noch greller, als ich erwartet hatte. Und laut. Aber es stank nicht nach Pferdemist. Merkwürdig. An der Haustür war ein Schild angebracht: Praxis Dr. Albertz, Facharzt für Psychiatrie. Ich stand vor dem Haus in der Fremde und schloss die Augen.
Habe ich etwas mit dem Tod des Mannes zu tun? Wo bin ich? Wer bin ich? Diese Fragen gingen mir nicht mehr aus dem Sinn. Inzwischen hatten mich zwei Fußgeher angerempelt. Ich stand im Weg. Wie ein geprügelter Hund taumelte ich über das Trottoir. Weder Pferde noch Droschken gab es in den Straßen, aber Hunderte dieser rasenden Automobile. Was für ein Firlefanz! Die Straßenschilder kannte ich nicht. Auf einem stand „Südpromenade“. Ich blieb stehen und hielt mich an einer Hauswand fest.
Ein Passant fragte, ob mir nicht gut sei.
„Mir geht es gut, danke“, presste ich hervor und der Mann ging kopfschüttelnd weiter. Befand ich mich in einem zukünftigen Heidelberg? Oder auf einem weit entfernten Planeten? Aber dort spricht man doch nicht Deutsch? Alles war anders. Es roch nicht, weder nach Unrat, noch stanken die Leute, die an mir vorüberliefen und fremdartig gekleidet waren.
Ich war fünf Minuten unterwegs, da tauchte ein merkwürdiges Gebäude vor mir auf. Über dem Eingang erblickte ich ein rotes Schild, auf dem ein seltsam geformtes gelbes M hervorstach. Ich blickte hinein und sah junge Leute beim Essen von Papptellern. Porzellan schien Mangelware zu sein. Ich ging hinein und studierte die Prozedur, die ich schnell begriff. Serviermädchen gab es keine, man musste an einer Theke bestellen und sich selbst einen Platz suchen. Ich setzte mich erst einmal an einen freien Tisch. Im Hintergrund räkelte sich ein Backfisch auf einer großen Zaubertafel und irgendwo aus einer Ecke ertönte Katzenmusik. Ich sah aber keinen Kinematographen. Gebannt starrte ich auf die Tafel. Die leicht bekleidete Göre quiekte vor sich hin. Und ihr Gehabe wirkte reichlich ordinär. Ein Gespräch am Nebentisch lenkte mich ab. Dort saßen drei junge Männer, die sich anbellten.
