MIXTAPE STORIES - Markus Gleim - E-Book

MIXTAPE STORIES E-Book

Markus Gleim

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Beschreibung

Die Musik ist mächtig. Musik erzeugt Stimmungen. Musik kann ein ganzes Stadion in ein Meer voller kleiner, funkelnder Diamanten verwandeln, wenn 15.000 Feuerzeuge in die Höhe gehalten werden. Musik kann trösten, sie kann aufheitern und sie kann beruhigen. Musik kann "Wunden heilen", so sagt man. Wissenschaftler sagen, die Musik aktiviert dieselben Areale, die bei Belohnungen aktiviert werden. Der Hamburger Bahnhofsvorplatz beispielsweise, wird seit Jahren schon mit klassischer Musik be- schallt, um Junkies zu vertreiben. Musik kann zu Tränen rühren. Sie kann vereinen, wenn sich 20.000 Fußballfans in den Armen liegen und "We Are the Champions" singen. Ja, Musik erzeugt Emotionen. Die Musik erzeugt Erinnerungen an schöne Abende, an Partys, an Schulausflüge und an die erste, feste Freundin. Lieder, bei denen uns diese "Ach Mensch, weißt Du noch damals ..."- Geschichten im Kopfkino anlaufen. Das hier sind die Geschichten von Markus.

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Markus Gleim

MIXTAPE STORIES

Erinnerungen auf Chromdioxid

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kassette einlegen

2. Starttaste

3. Rock around the clock

4. Ruf Teddybär 1- 4

5. Los Paul

6. Sabine, Sabine, Sabine

7. Schifoan

8. Another Brick In The Wall

9. Polonäse Blankenese

10. I Just Called to Say I love You

11. It´s a Long Way...

12. Don´t you

13. Our House

14. Nellie the Elephant

15. Verdamp lang her

16. Bandsalat

17. Kassette umdrehen

18. Skandal im Sperrbezirk

19. Kurz zurückspulen und nochmal hören

20. Hier in der Kneipe

21. Mein Gott Walter

22. Somebody

23. Bandsalat

24. Only Time

25. Herbergsvater

26. It´s Tricky

27. Polizisten

28. The Wanderer

29. Bandsalat

30. König von Deutschland

31. Westerland

32. Caravan of Love

33. Hier kommt Alex

34. Band gerissen, Kassette kleben

35. Sexcrime - 1984

36. The Roof Is On Fire

37. Stopptaste

38. Rückspultaste & Kassette rausnehmen

39. Crowdfunding Lobhudeleien

40. Nachwort vom “Herrn Verleger“

Vita Markus Gleim

Impressum neobooks

1. Kassette einlegen

„Ja, du lieber Himmel, wie sieht´s denn hier aus? Macht hier denn niemand sauber?“, fragte ich mich und ja, ich hatte Recht, denn in letzter Zeit hatte tatsächlich hier keiner richtig sauber gemacht und wer außer mir, sollte das auch machen? Aber das Wetter war halt auch noch so gut gewesen, das wollte ich noch ein bisschen ausnutzen und darum ist eben eine Menge Kram liegen geblieben. Und genau darum sah es eben jetzt hier so aus, wie es nun mal aussah. Fertig. Aber es stimmte schon, der Rasen, die Hecken und Sträucher im Garten waren inzwischen so hoch gewachsen, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn da irgendwann mal einer: “Holt mich hier raus, ich bin ein Star ...” gerufen hätte. Da sollte ich echt mal mit´m Rasenmäher und der Machete durch. Und es wäre schon cool, meine Karre mal wieder in, statt neben die Garage stellen zu können. Musste ja einen Grund haben, warum Menschen Garagen haben. Ich geb‘s ja zu, ich hatte Garten und Wohnung ein bisschen vernachlässigt. Meine Nachbarin, die einen eher minimalistischen Lebensstil für sich entdeckt hatte, beobachtete mich immer sehr argwöhnisch, wenn wir gemeinsam mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren, und sie vermied es, mit mir gleichzeitig die Wohnungstüre zu öffnen. Ich glaube, sie befürchtete, dass das minimalistische Sicherheitsvakuum ihrer Wohnung dem Desorganisations-Überdruck meiner beginnenden Messie-Wohnung nicht standhalten konnte und den ganzen Schrott aus meiner Bude zu ihr rüber saugen könnte oder so.

Nun huschten mir die Wollmäuse nach, wenn ich etwas forscher im Wohnzimmer um die Ecke in Richtung Küche abbog, und ich war mittlerweile davon überzeugt, dass die täglichen Wettervorhersagen im MoMa, die uns sonnige und frühlingshafte Tage versprachen, glatte Fake-News waren, denn bei mir sah´s draußen immer nach „nebliges London im Herbst“ aus. Allerdings könnte das auch gut an meinen Fensterscheiben liegen, da bin ich mir nicht so ganz sicher. Als dann neulich morgens irgendeine fremde Kraft meine Kühlschranktüre von innen wieder zuzog und irgendwas von „zu schmutzig, da draußen“ und „lieber Türe zumachen“ flüsterte, dachte ich mir, na gut, so ein bisschen könnte ich ja echt mal sauber machen. Klamotten weg hängen, Altpapier raus, leere Flaschen und Abfall runter bringen. Den ganzen Krempel könnte ich mal wegräumen, der sich in der letzten Zeit so angesammelt hatte. Bisschen Bürokram machen und Briefe, Rechnungen und Kontoauszüge abheften. Mal kurz durchkehren, mit´m feuchten Lappen die Regale abwischen und fertig. Keine große Sache, nur eine Stunde und dann wäre ich auch durch damit.

Nach den ersten beiden sauberen Regalen fiel aber auf, wie bescheuert das jetzt erst aussah, denn ein Regal tiefer konnte ich mit den Fingern „Du Sau“ in den Staub schreiben. Die Schallplatten und CDs, die ich mal kurz nach ABC ordnen wollte, türmten sich schon nach kurzer Zeit auf etwa 15 verschiedenen Stapeln, da ich mich nicht entscheiden konnte, ob es nun „The Beatles“ oder nur „Beatles“ heißen und ob ich meine Bücher nach Autor oder nach Buchtitel ordnen sollte?

Irgendwann lief dann die Sache komplett aus dem Ruder. Ich hatte so einen Werkzeuggürtel aus dem Baumarkt umgeschnallt, eine Flasche „Frosch Allzweckreiniger“ in der einen und antistatische Tücher in der anderen Hand und nasse und trockene Tücher, einen Staublappen und so ein buntes Feudel-Dings für die Spinnweben in den Ecken in den Taschen und lag bis zu den Hüften im Bücherschrank. Um den Kopf noch so eine batteriebetriebene Stirnlampe und wischte nun den kompletten Bücherschrank von innen aus. Kurz und gut. Ich musste die „kurz-mal-mitm-Staublappen-durch-Aktion“ für gescheitert erklären. Das ganze entwickelte sich zu einer Flurbereinigung epischen Ausmaßes, der selbst Otto und Sükrü vom „Trödeltrupp“ nicht mehr Herr werden würden. Ich zog die Reißleine. Am liebsten würde ich den ganzen Kram jetzt so liege lassen, wortlos meine Eingangstüre luftdicht versiegeln und in einer Nacht- und Nebelaktion still und leise Richtung einsamer Nordseehallig verschwinden und unter dem Namen Tamme Nordhum ein Leben als eigenbrötlerischer Heidschnuckenzüchter fortführen.

Ich begann mit dem systematischen Rückbau der Säuberungsaktion und legte Klamotten und Post zurück, wo sie vorher lagen. Ich stellte Bücher, Deko-Zeugs und Nippes exakt auf die ursprünglichen staubfreien Stellen im Regal von vorhin und zog mit dem Finger mehrere parallele Streifen durch die Wörter „Du Sau“, sodass es aussah, als würden Sonnenstrahlen schräg durch das Rollo einfallen.

Nachdem ich dieses Chaos beseitigt hatte, blieb eine Kiste übrig, die anklagend mitten im Zimmer auf dem Boden stand. Eine einzige Kiste, in die ich in den ganzen vergangenen Stunden kein einziges Mal rein geschaut hatte. Eine Kiste, 40 x 40 x 40 Zentimeter, grauer Grundton und blau aufgedrucktes Muster, links und rechts ein kleiner Metallgriff und ein passender Deckel dazu, eine typische Kiste eben, die der Herr IKEA wahrscheinlich genau aus diesem Grund zusammen gebastelt hat, um irgendetwas dort aufzubewahren, was man nicht mehr herum liegen haben wollte, es aber auch nicht wegwerfen wollte.

Was mochte da wohl drin sein? Welches Kleinod hatte ich darin vor langer Zeit verstaut? Was war mir so wichtig, dass ich es noch nicht längst entsorgt hatte?

Irgendein lang verschollen geglaubtes Erbstück meiner Großeltern? Opas alte Polizeiknarre? Mein Opa war früher Dorfpolizist in dem kleinen beschaulichen Örtchen, nahe der tschechischen Zonengrenze, in der Nähe von Bod na Zadnice. Da fällt mir was Lustiges ein, das muss ich Ihnen einfach erzählen. Manchmal schreibt das Leben einfach die besten Geschichten. Geben Sie doch mal bitte Bod na Zadnice in den Tschechisch-Deutsch-Übersetzer ein. Na? Hammer oder? „Punkt auf Hintern?“, heißt das so frei übersetzt. Ja gibt’s denn so was? Ein winziger Ort, den man „Punkt auf Hintern“ nannte? Na, das nenne ich mal Selbstbewusstsein. Na ja, ich wollte es halt mal erwähnen.

Möglicherweise hatte meine Oma Opas Polizeiorden, seine alte Uniform und seine alte Dienstwaffe aufgehoben und an meine Mutter weitergegeben, die dann schließlich und letzten Endes der Familientradition entsprechend, bei mir landete. Uuaahähähähmpfarglhähä … kalter, schwarzer todbringender Stahl würde gleich in meinen Händen liegen … endlich, endlich, nach so vielen Jahren würde ich die Sache mit meinem Parkplatz und mit der Ackerfresse vom ersten Stock klären können. Oder im Sommer, diese bekackte Taube, die morgens immer auf dem Balkon vor meinem Schlafzimmer saß und pünktlich um 6.45 Uhr mit ihrem saublöden „Guurr-huu, Guurr-huu“ anfing. Immer genau 20 Minuten, bevor mein Wecker eh klingeln würde und es sich nun einfach nicht mehr lohnte, nochmal einzuschlafen. Ein kurzer, aufgesetzter Schuss, durch die halb geschlossenen Lamellen des Sonnenrollos … BÄNG … und fertig. Missión cumplita, senior.

Aber nein, kommense, war doch nur Schbass, ehrlich. Auf Anraten eines Jägers hängte ich einen bunten Luftballon an das Geländer, über den sich die Taube so dermaßen ärgerte, dass sie sich einen anderen Balkon suchen musste.

So, jetzt isses aber genug mit spekulieren. Jetzt guck ich in die Kiste …

Kassetten. Watt? Wer bist du denn? Kassetten? Echt jetzt?

Musikkassetten. Entweder selbst aus dem Radio aufgenommen oder von LPs oder Singles überspielt. Aber der weit größere Teil aus dem Radio aufgenommen. 150, 200 oder 300, wahrscheinlich aber noch mehr. Schwarze, graue, gelbe, rote Kassetten standen in mehreren Reihen, dicht an dicht nebeneinander, in vier, fünf oder noch mehr Lagen. Und in den freien Zwischenräumen noch mehr davon. Die meisten davon ohne Hülle. Nur die Kassetten. Keine Inhaltsangabe, keine Songs, keine Album- beziehungsweise LP-Informationen, keine Bandnamen. Nur „Mixtape“. Mit unterschiedlichen Stiften und Farben. Auf jeder einzelnen Kassette. „Mixtape“. Noch nicht einmal durchnummeriert waren sie. Nix. Einfach „Mixtape“. Aber immerhin mit Anführungszeichen. Wer bitte macht denn so was?

Nun saß ich also hier in einem Berg von unbeschrifteten Kassetten, wie ein hyperaktives ADHS-Kind im Ikea-Bällchenparadies und blickte etwas ratlos umher. Ich schnappte mir die Kiste, schob sie, während mir wieder ein Rudel Wollmäuse folgte, über das Laminat, rüber ins Wohnzimmer vor meine Anlage - dazu ein großer, dampfender Pott Milchkaffee zu meiner Linken und eine Tüte Gummibärchen zu meiner Rechten – und faltete mich unter großen Schmerzen und knackenden Kniegelenken auf einem Sitzkissen zusammen. Hier würde ich ohne fremde Hilfe nie mehr hochkommen, aber jetzt saß ich erst mal hier vor meiner Kassettenkiste.

Verrückt, wie viel unterschiedliche Marken es damals schon gab, das war der Hammer, mein Gott. Maxwell, TDK, Sony, Philips, Agfa, BASF und irgendwelche billigen No-Name-Kassetten von Aldi oder Lidl. Und dann noch diese ganzen Sachen, wie Fe2CO2 oder CO2. Was um Himmels willen hatte das zu bedeuten? Irgendeinem Ingenieur schien es wichtig zu sein, dass diese Kassette aus CO2 ist, CO2 beinhaltet oder CO2 nicht verträgt oder so. Hatte da dieser Cro seinen Namen her? Um ehrlich zu sein, es interessierte mich damals nicht.

Heute hat sich mein Interesse für technische Details etwas zu Gunsten der Technik verschoben, das musste ich zugeben, denn ich hatte noch so einige Überbleibsel aus meiner aktiven Musikerzeit daheim stehen. Ein paar große Studio-Monitorboxen. Zwei Equalizer, einen für jeden Kanal. Eine Endstufe, ein Effektgerät, eine passive 17 Zoll Bassbox, die gleich hinter dem Flatscreen stand, und ein flacher, aktiver 30er Bass unterm Sofa. Wenn Luke Skywalker mit seinem X-Wing Fighter den Todesstern in die Luft jagte, versetzte der 30er Bass mein Sofa komplett in gleichmäßige Vibrationen und ich musste meine Gäste bitten, vor der Explosion des Todessterns ihre Taschen zu entleeren und ihre Brillen abzunehmen. Unzählige Brillen und Kleingeld hatten sich deswegen schon in die Ritzen meines Sofas hineinvibriert und mit dem Geld bezahlte ich einen Teil meiner Miete, die Brillen spendete ich regelmäßig an die Organisation „Brille ohne Grenzen.“ Wenn ich beim Fernsehen meinen Gästen noch eine Handvoll Blumenerde ins Gesicht schmiss, war das, als wäre sie mittendrin im Geschehen. DAS ist 3-D und zwar ohne Brille. Eat this, Kinopolis. Erst wenn mein Besteck in der Küchenschublade zu rasseln begann und die Fensterscheiben im Rhythmus der Bassdrum vibrierten, dann bekamen auch die Nachbarn mit, dass ich gerade Musik hörte.

Tja, nun saß ich mit meiner Kassettenkiste vor meiner Wohnzimmer-PA und schob Regler hin und her, drückte Tasten und drehte Knöpfe und überlegte kurz, ob ich das digitale 16-Spur-Mischpult aus meiner Home-Recording-Ecke eben rüber rollen sollte, um das alles noch zusätzlich durch das Mischpult zu jagen, beschloss aber, dass die 2 x 750 Watt Sinus der Endstufe, jetzt, so kurz vor 23 Uhr, doch vollkommen ausreichen sollten. Ich spürte, wie die Finger meiner rechten Hand anfingen, unkontrolliert zu verkrampften und ein Auge fing an, unregelmäßig zu zucken. Ich bekam das sogenannte weltweit bekannte „Gitarristen-Tourett-Syndrom.“ Das Gefühl, dem eigentlich alle Gitarristen kurz über lang verfielen: alle Regler nach rechts. Alles auf volle Möhre. Volles Rohr aufdrehen, bis sämtliche LEDs clippten.

Plötzlich war es mir, als blinkten mich sämtliche Lichter meiner Anlage vorwurfsvoll an, als wollten sie mir sagen: „Hör zu Digga. Erstens ist es nicht kurz vor 23 Uhr. Die ersten Hühner werden sich gleich wieder sehr müde auf ihre Stange im Käfig schleppen und zweitens schiebst du da gleich ´ne etwa 30 Jahre alte Kassette in dein Tapedeck. Was glaubst du, da zu hören, du Brot? Du kannst froh sein, wenn sich das Tonband nicht augenblicklich in winzig kleine Teilchen auflöst. Und drittens: So geil is deine Anlage jetzt auch wieder nicht.“ Etwas bockig denke ich mir: „Doch. Is eben wohl geil, die Anlage“, entscheide mich dann aber, für den Augenblick den blinkenden Lichtern recht zu geben.

Ich drehte alle Schalter und Regler zurück, schaltete Equalizer, Effektgerät und beide Bassboxen und schließlich die gesamte Anlage ab und fast augenblicklich blieb diese runde Scheibe, die sich in meinem Stromzähler im Flur surrend drehte, stehen und ich kramte vom Dachboden einen uralten Grundig-Kassettenrekorder hervor. Ich blies kurz etwas den Staub von dem Teil, steckte das Stromkabel ein und siehe da, dieses 40 Jahre alte Gerät erwachte klaglos zum Leben. Ein Kassettenrekorder, zwei kleine Boxen. Mehr brauchte ich nicht.

Immerhin ging es hier ja nicht um brillierende Höhen und pumpende Bässe, also nicht um eine Klangexplosion oder ein Tongewitter. Es ging hier eigentlich um Erinnerungen. Um Emotionen und Bilder, die diese Lieder reproduzieren würden. Und das sollte wohl auch ohne High-End und ohne Hi-Fi funktionieren. Ich wählte eine Kassette. Irgendeine, völlig egal, jede Einzelne schien so gut, wie die andere zu sein und ich fragte mich, was ich da wohl gleich hören würde?

Jede Kassette war im Grunde genommen eine Art Zeitkapsel, die meine komplette DNA der 80er konservierte. Nicht nur das. Jede einzelne Kassette, jedes einzelne Lied war ein Spiegelbild meiner Persönlichkeit. Ein Backup meines Charakters und eine Blaupause meiner Seele.

Auch ein Zeitdokument der damaligen Musikindustrie und der aktuellen Charts natürlich. Klar, auch damals richtete sich schon der Musikgeschmack nach dem, was in der Hitparade zu hören war. Wie ein Profiler würde man aus jedem einzelnen Lied und aus der Kombination mit anderen Liedern meinen damaligen Gemütszustand herauslesen können. War ich wütend und zornig? War ich verliebt oder trauerte ich einem Mädchen hinterher? War ich eher ausgeglichen und locker, welche Gefühle, welche Sorgen bestimmten damals mein Leben. Was brachte mich eventuell aus dem Gleichgewicht oder was pegelte mich wieder ein? All das würde ich aus den Liedern heraus hören können.

2. Starttaste

Langsam und gleichmäßig wird das helle Hallenlicht herunter gefahren. Die Bühne, die an der einen Stirnseite der Halle steht, liegt komplett im Dunkeln und man kann fast gar nichts auf ihr erkennen. Wenn überhaupt, dann nur ein paar schemenhafte Umrisse. Die Nebelmaschine faucht eine leicht nach Erdbeere schmeckende dichte Rauchwolke über die Bühne.

Der Mischer am Mischpult zieht den Regler für den Keyboard-Kanal langsam auf und ein wabernder, anhaltender Basston kriecht aus der PA und zieht wie Nebelschwaden in den Zuschauerraum. Er ist tief. Ganz tief. Ein Ton, fast schon im Subbass-Bereich, der eher zu spüren, als zu hören ist. Ein wohltuendes Grummeln verteilt sich im Bauch. Das Publikum wird merklich leiser, bis eine fast schon gespenstische Ruhe in der ganzen Halle herrscht und nur noch vereinzelte Rufe und Pfiffe zu hören sind.

Der tiefe, grummelnde 6-Saitige E-Bass stimmt mit ein und bringt durch eine rhythmische Spieltechnik der Viertelnoten, nur eine Oktave höher, einen Groove in diesen Klangteppich. Ganz leise schiebt sich der hohe, stehende Ton einer rückkoppelnden Gitarre dazu. Er wird lauter und wird durch verschiedene Effektgeräte moduliert. Er pulsiert, schwillt über mehrere Oktaven an und ab, wird dumpf und hell und scheint sich ständig zu verändern. Nach ein paar Takten setzt der Schlagzeuger auf dem Hi-Hat ein und betont mit der Bassdrum die halben Noten immer auf dem zweiten und dem vierten Schlag und gibt damit den Rhythmus zum Mitklatschen vor.

Langsam werden ein paar blaue Scheinwerfer, die im gleichmäßigen Abstand am hinteren Bühnenrand aufgebaut sind, etwas hoch gedimmt und es steigen bläuliche Lichtsäulen bis an die Hallendecke und tauchen die ganze Bühne zusammen mit dem Rauch in eine bläuliche Eislandschaft. Weiße Spots leuchten die Musiker auf der Bühne von hinten an, wodurch sich ihre Silhouetten auf einen dünnen, weißen Vorhang zeichnen, der noch vor der Bühne hängt. In Übergröße schweben die Bilder der Musiker nun wie ein Scherenschnitt über der Bühne. Das Ganze wirkt unwirklich und surreal. Das blaue Licht scheint durch den weißen Nebel, der durch große Ventilatoren langsam und träge über die Bühne schwebt, während die riesigen Umrisse der Musiker unbeweglich und statisch wirken. Die Spannung vor und auf der Bühne hat etwas Greifbares. Es ist, als würde ein wilder Dämon rasselnd an seinen Ketten zerren. Aggressiv und angriffslustig schaut er mit rot glühenden Augen aus dem Schwarz seines Käfigs heraus. Er faucht und knurrt. Dieses Monster schaut nicht nur, nein, es beobachtet dich. Es beobachtet dich, was du da vor dem Käfig gerade machst und es denkt sich: „Wartet nur, wenn ich hier raus gelassen werde, dann.......“

Der Schlagzeuger zählt ein. „Eins, zwei, drei, vier“.

Auf die nächste Eins setzt die gesamte Band ein. Es ist, als würde ein zigtausend Tonnen schwerer Güterzug auf das Publikum zudonnern. Der dünne, weiße Vorhang fällt in ein oder zwei Sekunden von der Hallendecke herab und ein paar Stagehands ziehen ihn unbemerkt seitlich weg. Der Bass, zwei Gitarren, das Keyboard und das Schlagzeug, alle zusammen setzen gleichzeitig und mit brachialer Lautstärke, wie bei einer Explosion ein. Dieser Licht- und Sound-Dämon darf nun endlich aus seinem Käfig ausbrechen und fällt über die Halle und das Publikum, über dich her. Die Instrumente sind auf C runter gestimmt und die Musik erzeugt einen fast physisch spürbaren, mörderischen Druck. Wie starke Windböen, gegen die man sich stemmen muss, um vorwärtszukommen.

Die monströse Anlage schleudert wütend die Töne wie Lichtblitze in alle Ecken durch die Halle. Wie ein Tischtennisball, den man in einen Raum voller gespannter Mausefallen wirft. Immer wieder wird er von einer zuschnappenden Falle nach oben in eine andere, neue Richtung geschleudert und wie ein Klanggewitter fegt diese nicht mehr aufzuhaltende Kettenreaktion durch die Halle. Der Dämon jagt wie ein wild gewordenes Tier durch eine Schar auseinander flatternder Hühner und beißt mal hier, mal dort hin. Mit jedem Biss fasst er ein Tier im Nacken, schleudert es ein paar Mal hin und her und lässt es dann lustlos liegen, um das nächste zu ergreifen. Und dieses Tier hinterlässt dabei eine Spur der Verwüstung. Eine Spur, die aus grollenden und brillierenden Tönen, blitzenden und blinkenden Lichtern und Bildern besteht, die sich für immer in die Erinnerung der Konzertbesucher einbrennen werden.

Der Lichtmischer lässt mit dem ersten Ton alles aufflammen, was die Lichtanlage zu bieten hat. Stroboskope blitzen, Gobo-Spots drehen sich wie verrückt gewordene Roboter und projizieren Muster an die Hallendecke. Laser zeichnen Gitter und Netze über die Bühne und sonst leuchtet und scheint es aus allen Rohren. Der Soundmischer zieht sämtliche Regler auf, die Endstufen sind kurz vorm Clippen, fast alle LEDs der Kanäle leuchten kurz auf und sind fast vor dem Übersteuern, aber die PA steckt das locker weg. Sie ist kräftig und leistungsstark genug. Nicht umsonst benötigt man alleine für die gesamte Technik jeden Abend vier LKWs, um sie von Halle zu Halle zu fahren.

Die Menschen vor der Bühne werden in den ersten paar Sekunden fast erschlagen von den Eindrücken und den Tönen, die da im Sekundentakt auf sie einprasseln. Wie beim großen Showdown eines Actionfilms, im Multiplexkino, schauen sie von rechts nach links auf diese Leinwand und versuchen alles, was da gerade um sie herum und auf der Bühne passiert, zu verstehen, zu hören und zu genießen.

Wie aus dem Nichts schießt der Sänger auf einer in den Bühnenboden eingelassene Hebebühne nach oben und kommt direkt vor seinem Mikrophon zum Stehen. Breitbeinig, von einem Spot angestrahlt, steht er da. Bewegungslos. Vielleicht 20 oder 30 Sekunden lang, den Blick auf den Boden gesenkt. Er umfasst mit der rechten Hand das Mikro auf dem Mikroständer, die linke Hand zur Faust geballt und zornig, drohend nach oben Richtung Himmel gestreckt. Das Geschrei und der Applaus der Fans steigern sich nochmal und übertönen fast die Musik. Er hebt den Kopf und blickt auf seine Fans herab. Die viele tausend Watt starken Lichtbatterien blitzen auf, scheinen ihm direkt in die Augen und machen ihn für einige Sekunden lang blind. Er holt tief Luft, öffnet den Mund und singt ...

Was ist da eigentlich an der Musik oder was passiert da in der Welt der Musiker, dass uns dieses Leben so fasziniert? Was löst diese Bewunderung für diejenigen aus, die sich in der fabelhaften Welt des Show Business bewegen? Dass Menschen sogar bereit sind, ihr bisheriges Leben ohne zu zögern aufzugeben, um über eine Castingshow an dieser Welt teilhaben zu können? Über Nacht von einem Niemand zum Jemand werden?

Ist es dieser Mythos von Sex, Drugs und Rock & Roll, der Musiker und Künstler umgibt? Ist es unser laienhaftes Halbwissen über das Leben und Arbeiten all jener, die es geschafft haben, sich im Glamour dieser Gesellschaft zu bewegen? Ein kleiner Kreis, zu dem nur Promis und Stars Zugang haben? Da, wo Menschen nur noch in schwarzen Night-Linern, mit abgedunkelten Scheiben über Autobahnen schweben oder wo hunderte kreischende Fans vor den Hotels warten. Menschen, deren Leben so interessant scheint, dass es stets und ständig von Fotografen abgelichtet wird? Die vielen Geschichten, die man sich erzählt?

Ist es dieser Glanz, dieses Glühen, dieser Schein, der diese Welt umgibt? Über die eine Art Glocke der Verschwiegenheit liegt, aus der nur notdürftige und absolut notwendige Informationen raus gelassen werden? Und das, was wir nicht erfahren, reimen wir uns halt einfach selbst zusammen. Ist doch so einfach. Wie die Geschichten von dem König der Durchgeknallten, Michael Jackson, der sogar in einem Sauerstoffzelt geschlafen haben soll? Oder der zu seinem Affen mehr Kontakt gehabt haben soll, als zu jedem anderen menschlichen Wesen? War eh klar, dass der mal so endet. Was Besseres hätte dem doch gar nicht passieren können oder? Wer von uns hätte schon einen immer älter und dünner werdenden Michael Jackson sehen wollen, der es nicht rechtzeitig geschafft hat, sich mit Würde und Anstand von der Bühne zu verabschieden. Ein immer dünner und irgendwie auch immer weißer werdendes, 70-jähriges Männchen, ein irgendwie leicht verwirrt wirkender Großvater, der immer noch King of Pop genannt wird und der seinen ausgemergelten Körper wieder und wieder zum Moonwalk zwingt und irgendwann nur noch zu einer bedauernswerten Kopie seiner selbst wird. Anstatt mit 40 abzutreten, um fortan nur noch von seinem immer währenden Ruhm und seinen Tantiemen zu leben. Mal Hand aufs Herz: Hättet Ihr wirklich den King of Pop im Rentenalter sehen wollen, der in einer Homestory, wie Ozzy Osbourne mit Rollator durch sein Haus tapert, in dem vorne in einem Körbchen ein ebenso alter Schimpanse mit grauem Haar sitzt, und beide rattern im Elektrorollstuhl über die Neverland-Ranch. Klingt vielleicht jetzt sehr respektlos, aber sein plötzlicher und unerwarteter Tod und das Geheimnis darüber, war das Beste, was ihm passieren konnte. Michael Jackson ging, wie er kam. Mit großem Bohei.

So wie all die anderen ganz großen Stars und die Geschichten um den unheimlichen „Club 27“. Sie schrecken einen erst mal ab, diese ganzen Storys darüber, dann aber faszinieren sie uns irgendwie. Es ist so wie bei einem Verkehrsunfall. Eigentlich wollen wir ja gar nicht hinschauen, tun es dann aber trotzdem. Ganz kurz. Ein Blick nur. Und dann fragen wir uns: „Ob da was dran ist, an dieser Story? Ob es da wirklich so ‘ne übernatürliche Macht gibt?“ Diese vielen Stars, die es nicht geschafft haben, mit Ruhm und Erfolg umzugehen und deren außergewöhnliches Leben ein so tragisches Ende fand. Amy Winehouse, Kurt Cobain, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, um nur mal ein paar zu nennen, ausnahmslos alles Musiker mit Weltruhm, die nicht älter als 27 Jahre alt wurden.

Ich meine, über die Arbeit eines Kfz-Mechanikers wissen wir alles. Er macht, dass Autos, die nicht fahren, wieder fahren. Fertig. Aber wie lebt er denn nun wirklich? Der Herr Rockstar, mh? Was macht er? Trinkt und kokst er wirklich, dass die Heide wackelt? Ist er der Don Juan, den er uns glauben machen will? Stimmt das alles, was man so in den Homestorys lesen kann? Aber Moment mal. Nee, eigentlich macht er das ja gar nicht. Er deutet nur an. Hier eine Kleinigkeit, da eine Bemerkung, dort ein Augenzwinkern und den ganzen Rest interpretiert der zuständige Redakteur dazu, der Paparazzo knipst das Bild über´n Gartenzaun und die Yellow Press liefert die Story in den prächtigsten Farben dazu und bestätigt nur das, was wir uns immer schon dachten.

Nein, das Geld ist es nicht oder der Wohlstand, der uns fasziniert, oh nein. Es ist der Rausch, den wir Normalos niemals erleben werden. Wie ist er wohl, der Augenblick, wenn man die Bühne betritt. Diese Scheiß-Angst, zu versagen. Der Text, den man hunderte Male fehlerfrei gesungen hat - BAFF - plötzlich weg. 20.000 Augenpaare schauen einen erwartungsvoll an, aber die Birne ist völlig leer. Gleichzeitig aber auch dieser unbändige Drang, endlich da raus zu gehen. Die Rufe und Schreie der Fans vor der Bühne, wie ein Mantra ziehen sie dich wie an unsichtbaren Seilen auf die Bühne, um den Leuten zu zeigen, wo der Frosch die Hupen hat. Wie ist es wohl, wenn man vor 20.000 Menschen auf der Bühne steht und ihnen den Rhythmus zum Atmen vorgibt? Wie es ist, wenn der Körper volle Kanne Adrenalin durch die Venen pumpt? Nur eine Bewegung von dir, ein Fingerschnippen und die Leute flippen aus: „Mensch, wie kann man den damit nur nicht klar kommen? Versteh´ ich nicht“, ist die Reaktion der Fans darauf. Zurecht? Erfolg, Ruhm, Anerkennung, Geld. Alles da: „Was ist denn nur los mit dem? Der hat doch nun echt alles gehabt, holy crap?“ Montagabend, Tourabschluss. Letzter Gig in der Berliner Waldbühne. Ausverkauft. 15.000 Feuerzeuge werden beim letzten Lied in die Höhe gehalten. 15.000 kleine funkelnde Diamanten. Das Publikum singt völlig alleine das Lied zu Ende, während Du schon Backstage bist und die erste Kippe rauchst. Gänsehautfeeling. Es rauscht in den Ohren. Jeder klopft dir auf die Schulter, lächelt Dir zu und wie geil das heute Abend wieder gewesen wäre und überhaupt wärt Ihr die beste Band der Welt. Danach noch mit der Band und der gesamten Crew bis in den Morgen Tourabschluss im Nightliner gefeiert. Sound, Catering, Licht, Bühne, Produktion. Alles voll gut. Machen wir nächste Tour wieder genau so. Am Dienstag dann, nach 11 Wochen Tour, endlich wieder daheim in der eigenen Bude. Alleine. Ruhe. Kein Tourstress. Keine Interviews. Ausschlafen. Keine Pressetermine. Nicht stundenlang im Tourbus sitzen. Aber auch kein Tourmanager, der alles für Dich regelt. Kein Catering. Niemand, der kocht, was du gerne isst. Mittwoch wieder selbst bei Aldi, Nutella, Ravioli und Kippen kaufen. Und keiner hat dich an der Kasse erkannt, so in Jogginghose, Converse und Basecap. Hey, aber ich bin doch ein Star? Selbstzweifel fressen an Dir. Keine Schulterklopfer, niemand da, der sagt, wie geil ihr wieder wart. Keiner da, der über deine Witze lacht. Donnerstag. Einsamkeit den ganzen Tag über. Diese Ruhe erscheint dir unerträglich laut. Eine Flasche Jack Daniels zum Einschlafen, zum Runterkommen. Freitag durch den Tag ‘ne Flasche Jim Beam. Samstag am Abend alleine eine Flasche Wodka vorm Fernseher saufen und Valium zum Schlafen. In der Nacht dann Depressionen, Knarre in den Mund und BÄMM. Sonntag die Schlagzeile in der FAZ: „Sänger der Rockband XY erschoss sich völlig unerwartet daheim. Montag, eine Woche nach Tourabschluss, ein Blumenmeer an der Hofeinfahrt.

Bewundernd und fasziniert beobachten wir den neuen aufgehenden Stern am Rock & Roll-Himmel. Wir feiern unsere Helden und tragen sie buchstäblich auf den Händen. Der Typ ist so cool, das Album stürmt die Charts. Wir sind bei ihnen, wir begleiten sie und sind ein Teil von ihnen, wenn sie glitzernd und schimmernd wie ein funkelnder Komet, hell glühend von der einen zur anderen Seite des Firmaments ziehen. Aber wer ist noch da, irgendwann, ein paar Jahre später? Wenn ein verkohlter, rauchender Brocken Stein in den dunklen, grauen Rock & Roll-Ozean stürzt und zischend erlischt. Drogen- und Alkoholexzesse und immer wieder Frauengeschichten, bis zur fast völligen Selbstvernichtung. Nervenzusammenbrüche, Kontrollverluste, Abstieg, verschwunden und verloren in der Bedeutungslosigkeit: „Früher mal, ja früher ... haha, ja da haben wir die Hallen vollgemacht. Festhalle. Zwei Tage ausverkauft. Zwei Tage hintereinander!“ Heute? Jetzt? Bei der Einweihung eines Baumarkts. In der Kritik in der Soundcheck stand: „Das neue Album … nicht mal mehr zweitklassig ... kaum noch der Rede wert ... ein Schatten ihrer selbst ...“ „Ha, die gehen zum Kacken eben auch nur aufs Klo, siehst du? Sind auch nur Menschen. Nee, tauschen möchte ich nicht mit denen.“ Nee, tauschen will keiner mit Dir. Trotzdem wollen alle wirklich alles aus der Welt des Rock & Roll wissen. Und selbst vom Niedergang eines Idols ist man noch fasziniert und saugt jeden Fetzen an Information auf.

Wie ist es da bei denen, die uns Lieder brachten, mit denen wir die schönsten und schlechtesten Emotionen und Gefühle verbinden? „Eye Of The Tiger“, zum Beispiel. Wir sehen einen runtergekommenen und untrainierten Rocky Balboa auf Schweinehälften einprügeln und eine Treppe hochrennen. Bei „Born to be wild“ von Steppenwolf sehen wir Peter Fonda, wie er auf seiner Captain America durch die Wüste brabbelt. Lieder, die wir lachend und feiernd auf Partys mitsangen. Lieder, die uns durch die große Liebe, den schlimmsten Herzschmerz und die tiefste Trauer begleiteten. Wir müssen nur die ersten gehauchten Worte von Whitney Houstons „I Will Always Love You“ hören und schon denken wir, wie uns das Herz bis zum Hals hoch klopfte, wie damals beim ersten Date mit Sabine. Wenn Axel Rose die ersten Töne vom Anfang von „November Rain“ auf dem Flügel anschlägt, erinnern wir uns an Tage, an denen wir Rotz und Wasser heulten, weil eine Woche später die Sabine gleich hinten, am Autoscooter, mit dem Uli aus der 10b rumknutschte. Die blöde Kuh. Und es gibt sogar Lieder, bei denen nur die ersten zwei, drei Töne ausreichen, wie die pizzicato gespielten Streicher von Enyas „Only Time“. Wetten, auch Sie haben bei diesen ersten paar Tönen des Liedes die Bilder aus dem Fernsehen vor Augen, als wäre es letzte Woche gewesen. Das erste Flugzeug im Turm, noch als Aufzeichnung im Fernsehen. Als das Zweite in den Turm krachte, waren wir alle live dabei. Ungläubigkeit. Staunen. Verwunderung: „Ist das echt? Passiert das jetzt gerade?“ Unvorstellbares Leid all derer, die dort in den Türmen umkamen. Bewunderung für heroische Feuerwehrmänner, die mit breiter Brust ins Feuer gingen, um andere zu retten. Nur wenige kamen zurück. Pures Entsetzen, Kopfschütteln als Stunden später die beiden Türme in sich zusammen sackten. Als würden die Tore der Hölle geöffnet. Abscheu, Unverständnis und Verachtung für diejenigen, die sich diesen perversen Beweis der Macht erdacht hatten. Und immer wieder: „Who can say where the road goes, where the day flows …” im Hintergrund.

Musik zur richtigen Zeit, kann Partys anschieben, Musik zur falschen Zeit kann die Stimmung in der Disco kaputt machen. Musik kann erfreuen, eine Meute zum Mitsingen bringen. Musik kann trösten, sie kann aufheitern, sie kann beruhigen, sie kann „Wunden heilen“, sie kann helfen, sie kann zu Tränen rühren und sie kann vereinen. Das, meine Lieben, das ist die „Macht der Musik.“ Musik erzeugt Emotionen. Wissenschaftler sagen, Musik aktiviert dieselben Gehirnareale, die für Belohnung zuständig sind. Sie ruft Bilder hervor. Und wirft Erinnerungen auf die Leinwand unseres Kopfkinos. Jedes Lied, jeder Song, jede Melodie hat ihre eigene Emotion, ihre eigene Erinnerung, ihre eigene Geschichte, die sie mit sich trägt.

Meine Lieder und meine Melodien, meine Erinnerungen und ihre Geschichten dazu, lagen hier in dieser Kiste vor mir. Ich griff in die Kiste, wühlte etwas ziellos darin herum und zog eine Kassette, wie den ersten Preis einer Auslosung, heraus.

„Mixtape“ - Erinnerungen auf Chromdioxid.

Ich steckte sie ins Tapedeck, klappte das Fach zu und drückte auf „Play“. Es begann zu rauschen, es knackte, dann …

3. Rock around the clock

(Bill Haley & The Comets)

Mein erster Plattenspieler war ein weißes Gerät der Firma Philips. Man klappte dieses kleine Ding auf und im Deckel des Gerätes hatten die Ingenieure einen kleinen Lautsprecher reingenagelt, der eigentlich den Namen gar nicht verdient hatte. Ein winzig kleines Ding war das und es grenzte fast an ein Wunder, dass da überhaupt was rauskam. Man musste den Tonarm abheben, einmal vorsichtig ganz nach rechts ziehen, bis man mit einem Klicken den Motor in Bewegung setzte und sich der Plattenteller zu drehen begann. Dann hob man den Tonarm über die sich drehende Platte, senkte den Diamanten langsam ab und setzte ihn mit einem Knacken in die erste Rille. Nach ein oder zwei Umdrehungen, in denen sich die Nadel knisternd durch die Rillen drehte, quäkte mir dieser winzige Lautsprecher: „One-two-three o´clock, four o´clock Rock ....” entgegen. Der Anfang von Bill Haleys „Rock Around The Clock.“ Es klang mupfelig, dumpf, es knackte und rauschte. Schön war das. Nostalgisch. Es sollte noch über 20 Jahre dauern, bis man Musik auf CDs digitalisierte und es technisch schaffte, dieses Hintergrundrascheln aus der Musik zu entfernen, nur um heute in den Tonstudios mit teuren Effektgeräten das Knistern und Knacken der alten Vinylplatten wieder digital auf die CD dazu zu mischen.

Eine richtige Geschichte zu diesem Lied gibt es leider noch nicht. Sorry, lieber Leser, da werden Sie sich noch bis zum nächsten Lied gedulden müssen. Ich war da wohl schlicht und ergreifend einfach noch zu jung, um damit richtig etwas zu verbinden. Bis dahin legte ich nur Märchenschallplatten von Europa auf, wie zum Beispiel „Der kleine Muck“, „Krieg der Knöpfe“ oder „Die Abenteuer von Robinson Crusoe“, um mir die Langeweile zu vertreiben. Aber diese Single war meine erste, die ich ganz bewusst und gezielt auflegte, um das Lied darauf zu hören. Als ich mich heimlich durch den Plattenschrank meines Vaters wühlte, fiel mir eine Art Sammelalbum in die Hände. Könnte man vielleicht noch mit einem Fotoalbum vergleichen. Klappte man es auf, waren lauter Klarsichthüllen drin und in jeder einzelnen steckte eine Single. Insgesamt ungefähr 25 oder 30 Stück: „So sammelten wir früher unsere Platten“, sagte mein Vater, als er die Früchte meines Raubzuges in meinem Zimmer entdeckte: „Das sind alles Singles, die ich bis Ende der 50er gekauft habe.“ Dass ich jetzt ausgerechnet „The Clock“ als Erstes auflegte, war einfach Zufall, ebenfalls dass ich die B-Seite zuerst wählte. Es hätte jede andere sein können. Aber durch diesen Zufall wurde Bill Haleys Single für mich der Urknall zur Musik.

Dieses Lied ist schuld an meinem lebenslangen Rock & Roll

Tinnitus.

Oh, keine Sorge, ich möchte jetzt keine Führung durch den großen Rock & Roll-Brockhaus machen. Gute Bücher zur Musikgeschichte gibt es zuhauf und freilich sind die alle besser als das, was ich Ihnen sagen möchte. Ich jage hier nur möglichst schnell, kurz und bündig die Sau „Rock & Roll“ durch den Ort, damit wir richtig anfangen können.

Spricht man über den Rock & Roll der 50er Jahre und über die musikalische Entwicklung bis heute, wird an erster Stelle vermutlich immer Elvis Presley als King of Rock & Roll erwähnt. Zu Recht, selbstverständlich. Taucht man aber ein bisschen tiefer in den Ozean Rock & Roll ab, erfährt man ziemlich schnell, dass es eigentlich Bill Haley war, der die Rock & Roll-Lawine richtig losgetreten hat, mit der Herr Presley dann zu Tal rodelte. Keine Angst, lieber Leser und Rock & Roll-Fan, ich werde jetzt sicher nicht am Thron des Königs rütteln. Der gehört Herr Presley und dort soll er auch bleiben.

Keine Frage war Elvis Presley unter dem Strich der erfolgreichste und bekannteste Vertreter des Rock & Roll. Das ist völlig unbestritten. Wahrscheinlich nutzte das Management bei ihm schon den Einfluss des Fernsehens, die Werbung, die Filme, die Plattenverkäufe und sicher auch den Aufenthalt in Deutschland geschickter aus, um ihn als King of Rock & Roll zu inthronisieren. Das alles gab es bei Bill Haley ein paar Jahre zuvor so in der Form noch nicht und konnte eben auch nicht genutzt werden. Der Weichensteller für alle, die danach kamen, war trotzdem Bill Haley. Er war es – und lassen Sie mich an dieser Stelle bitte etwas feierlich und pathetisch werden –, der 1954 der Welt den Rock & Roll brachte. Ab diesem Datum sollten die musikhistorischen Geschichtsbücher um ein Kapitel erweitert werden, was von keinem Musikhistoriker bestritten werden kann und dieses Kapitel beginnt bedeutungsschwanger mit den Worten:

„1954 machte Billy Gussak drei rhythmische Rimshots auf der Snare und genau um 16.30 Uhr sang Bill Haley die unsterblichen Worte, die für immer zur Hymne des Rock & Roll werden sollten: „One-two-three o´clock, four o´clock Rock … “ Und diesen supertollen Satz hab ich mir im Übrigen nicht ausgedacht, sondern er wurde original so in einer Bill Haley-Biografie der Rockabilly Hall Of Fame in Stein gemeißelt. Ich hab ihn sogar exakt so durch den Google-Übersetzer gejagt, um zu sehen, ob es so stimmt: „Ab da brach die Hölle los...“, schreibt die Rockabilly Hall Of Fame weiter. Ich verwette meinen Arsch darauf, dass der Autor, der diese Zeilen geschrieben hat, sehr stolz darauf war, diesen erhabenen Augenblick der Musikgeschichte schriftlich festgehalten zu haben. Allerdings verwette ich meine Nüsse gleich mit, dass er sich danach wahrscheinlich brüllend vor Lachen auf dem Fußboden der Redaktion hin und her gewälzt hat, als dieser Absatz dann auch tatsächlich genau so in den Druck ging. Aber mal ganz nüchtern betrachtet, sagte er die Wahrheit. Bill Haley And The Comets haben mit „Rock Around The Clock“ eine, wenn nicht sogar DIE Ursuppe der Musikgeschichte geköchelt. In jeder Dokumentation, in jedem Bericht im Fernsehen, im Radio, in jedem Buch, in jeder Zeitschrift, Zeitung oder Fachbuch und in jeder Art der Medien, in der über den Rock & Roll berichtet wird, ist dieses Lied ein paar Takte lang zu hören oder es wird zumindest namentlich erwähnt. Achten Sie mal darauf, wenn Sie in Zukunft im Fernsehen irgendetwas zum Thema Rock & Roll sehen. Irgendwann wird „Rock Around The Clock“ für ein paar Sekunden zu hören sein. Insofern hat der Text der Rockabilly Hall Of Fame nicht übertrieben. Bill Haley And The Comets erschufen den perfekten Rock & Roll Song, der mit keinem anderen Lied vergleichbar ist. „Rock Around the Clock“ wurde ein Millionenseller und im Laufe der Zeit wahrscheinlich eine Quadrillionen mal gecovert. Die Magie, die Kraft und Lebendigkeit aber, die in Bill Haleys Version lag und den Zeitgeist jener Jahre, hat nie mehr eine Band auch nur annähernd wieder so hinbekommen. Na ja, außer vielleicht Boppin´ B., eine recht erfolgreiche Rock & Roll-Band aus der bayerischen Stadt Aschaffenburg, die auch, wie es der Zufall will, meine Heimatstadt ist. Aber dieser Satz, verehrter Leser, dieser wunderwunderschöne Satz: „Die Magie, die Kraft und Lebendigkeit aber, die in Bill Haleys Version lag und den Zeitgeist jener Jahre, hat nie mehr eine Band auch nur annähernd wieder so hinbekommen“ stammt aus meiner Feder. Können Sie gerne so zitieren. Ich dachte da an so was wie: „Der Erfolgsautor, Schriftsteller, ehemalige Musiker und Kenner der Szene, Markus Gleim sagte: „Die Magie, die Kraft und ... .“, okay?

Der ganz klassische Bill Haley-Sound war und ist immer noch, mein „Nuk Nuk“, der mir nach spätestens einem Lied ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubert. Die Snare knallt wie eine schallende Ohrfeige auf die Backen. Der helle, klare Slap des Kontrabasses tackert wie in Metronom und die Gitarren- und Saxophonläufe sind wie ein Tourette-Syndrom und man kann sich einfach nicht entscheiden, ob man jetzt die Gesangsmelodie oder die Einwürfe der Gitarre und des Saxophons mitsingen soll. Dreckiger, ehrlicher Garagensound, gerade und ungefiltert rausgerotzt. Right in the face, bitch. Ich bin heute noch der festen Überzeugung, dass man jede langweilige Party, die auf geradem Weg in die Grütze ist, durch eine Runde Rock & Roll noch mal richtig anschieben kann. Lieder, wie „Rock Around The Clock“, „The Twist“ oder „The Wanderer“, Sam Cookes „Wonderful World“ oder Nina Simones rauchige Stimme bei „My Baby Don´t Cares For Me“ sorgen immer noch für gute Laune und für Partygäste, die sich in den Armen liegen und albern im Kreis hüpfen und „Let´s twist again“ singen. Say: „Rock & Roll, Baby“

4. Ruf Teddybär 1- 4

(Jonny Hill)

Wie immer am Donnerstagabend, kündigte uns bei der deutschen Hitparade auf HR3 Werner Reinke die Lieder der Top Fourty an. Und Werner war unser Freund, Werner war unser Held, denn Werner quatschte weder in den Anfang, noch in das Ende eines Liedes hinein und garantierte uns eine echt astreine Aufnahme. Ich mochte deutsche Lieder. Ich verstand den Text und konnte sie mitsingen, wenn ich wollte und darum nahm ich mir das angekündigte Lied halt einfach mal auf. Das Thema schien erst mal recht harmlos zu sein. Es klang zumindest nicht nach abgetrennten Körperteilen oder rasselnden Kettensägen. Aber was sollte ein Teddybär 1 – 4 sein? Um was ging´s da? Ein Roboter-Teddy, mit starren, toten Roboteraugen und mit einem 4.0 USB-Anschluss? Quatsch, gab´s damals noch nicht. Teddybär mit Rechenaufgabe? Eins minus Vier gleich minus Drei? Hm, auch eher nicht. Oder so ein seltener, 4-teiliger russischer Matrojschka-Teddy zum Auseinanderbauen? Machte jetzt auch irgendwie keinen Sinn. Ich meine, der Titel klang auf alle Fälle irgendwie nach Kinderlied. Aber dieser Titel hatte es, wie es sich herausstellen sollte, faustdick hinter den Ohren, mein lieber Scholli.

Ein kleiner Junge erzählte über CB-Funk einem Lkw-Fahrer, dass er so gerne mal mit seinem Vater im Lkw mitgefahren wäre. Immer wieder habe der Vater es ihm versprochen, aber da er im Rollstuhl sitzen würde, wäre das alles nicht so einfach gewesen. Aber dann wäre der Vater eines Tages von einer Fahrt nicht mehr nachhause zurückgekommen. Die Zeiten wurden härter und härter, das Gehalt des Vaters fehlte überall und der Junge vermisste seinen Vater sehr. Seine Mutter würde fast jede Nacht leise weinen. Sie wisse es nicht, aber er könne sie jedes mal weinen hören. Nur dieses Funkgerät hier sei die einzige Erinnerung, die ihm an seinen Vater geblieben ist. Diese Unterhaltung zwischen den beiden hörten natürlich auch die andere Fahrer mit und kamen ohne zu zögern vorbei und fuhren nun den kleinen Mann Stunde um Stunde umher. 18 Mal die Straße runter und 18 mal auch wieder rauf. Später am Abend meldete sich plötzlich „Mutter Teddybär“ über Funk und bedankte sich mit leiser und belegter Stimme bei den ganzen Fahrern für den wahrscheinlich schönsten Tag im Leben ihres Sohnes seit langer Zeit und wünschte ihnen noch allzeit gute Fahrt.

Das amerikanische Original des Liedes schrieb der amerikanische Lkw-Fahrer, Red Solvine, der ironischerweise viele Jahre später von einem Lkw überfahren wurde. Der Sänger Ferri Gilming, wie der Name schon verrät, ein Vollblutmusiker aus Österreich, hängte sich eine Gitarre um und beschloss fortan ein Country-Sänger mit dem Namen Jonny Hill zu sein. Herr Hill übersetzte das englische Original ins Deutsche und brachte damit die Traurigkeit in deutsche Kinderzimmer.

Und jetzt saß ICH hier, nennen wir es fassungslos-geschockt, ungläubig-zweifelnd, wie mit einem Elektroschocker in die Nüsse geschossen, in meinem Kinderzimmer vorm Radio und fragte mich, was schreibt denn dieses County-Arschloch für beschissene Lieder, Mensch?

Was war denn da bei der Familie Hill daheim los? Hatte man bei ihm vielleicht eine schwere Depression diagnostiziert und jetzt stand er auf dem alten, wackligen Steg eines tiefen österreichischen Bergsees und hatte sich einen 50 Kilo Steinbrocken an die Fußgelenke gebunden? Und plötzlich stand mir die Antwort glasklar vor Augen. Wie konnte ich das nur übersehen, Mann? Ein Kinderhasser. Das lag doch auf der Hand. Jonny Hill war ein Kinderhasser. Wenn Herr Hill am Wochenende von seinen anstrengenden Auftritten heimkam, wollte er sich erholen. Dazu mähte er im Vorgarten immer schön den Rasen und wusch und polierte dann stundenlang zur Beruhigung die silber-ne E-Klasse in der Einfahrt. Aber immer wieder hinterließendiese undankbaren Kinderplagen der Nachbarn, bratzige, schmierige und winzige Fingerabdrücke aufm Wagen und ballerten ständig mit dem Fußball gegen das Garagentor. Noch dazu kamen noch die eigenen Enkelkinder an, ach Gott, ja, auch noch die eigenen Enkelkinder. Zu denen musste er auch noch höflich und nett sein und sie fragten im Chor: „Ooopaaa Jonny, singst du uns mal ein Lied vor?“ Also rächte er sich an allen rotzigen Kindern und er schrieb einfach ein scheiß-trauriges Kinderhasser-Lied, um allen damit so richtig die Woche zuversauen. Nun stand ich heulend in meinem Kinderzimmer undmusste meiner fassungslosen Mutter erklären, warum ich heulte.

Sooo, na vielen Dank auch, Herr Hill.

Und was sollte ich als 11-jähriger Frischling auch meiner Mutter sagen?: „Ja, nee. Alles ok, Mutti. Mich hat nur der Text hier ein bisschen getouched. Ist so emotional und mir war jetzt einfach mal nach Heulen. Das musste jetzt mal raus. Alles gut, kein Problem.“ Nee, nee, nee und nochma nee. Mit 11 Jahren kann man so was aber nicht erklären, sondern nur die rotzige Nase hochziehen und wimmernd mit den Schultern zucken. Ich war das geliebte Kind meiner Mutter und sollte keinen Grund haben, einfach so losheulen zu müssen. Dafür musste es doch einen Anlass geben, dem man natürlich auf den Grund gehen musste. Sofort steckte mir Mutti ein Fieberthermometer in dem Mund, bekuckte Mandeln, Zunge und Hals, bis ich würgen musste. Ich bekam sofortige Bettruhe verordnet und sie klatschte mir einen nassen Waschlappen in den Nacken. Ich wurde auf alle bekannten Kinderkrankheiten wie Masern, Röteln, Mumps oder Windpocken und auf alle unmöglichen Krankheiten wie das Watumba-Fieber, die Makacken-Darmviren und der Umpalumpa-Grippe untersucht. Und gleichzeitig wurden zur Sicherheit mal alle Körperöffnungen nach Legosteinchen, „Mensch ärgere Dich nicht“-Spielfiguren und Puzzleteilchen abgesucht, nur finden konnte sie freilich nichts. Auch mein damaliger Kinderarzt gab zu, ratlos zu sein, schloss mich aber trotzdem nur zur Sicherheit an alle vorhandenen Maschinen der bis dato bekannten Gerätemedizin an, um einmal sein Honorar zu rechtfertigen und um zu zeigen: „Hohoo, sehen Sie, wir können auch, wenn wir wollen.“

Als die deutschen Spezialisten keine Antwort fanden, wurden internationale Kinderärzte um Rat gebeten, denn völlig grundlos heulende Kinder, sollte es auch im Ausland nicht geben.

Der Wiener Kinderpsychologe Dr. Pakowitz beriet sich mit wichtigen Kollegen und diagnostizierte: „Hab i noch nie vorher gesehen. Schwierig, schwierig, uiuiui … nicht einfach und langwierig, aber therapierbar.“

Wer von all den studierten Medizinern hätte auch darauf kommen können, dass einfach nur ein blödes Lied der Grund war, und ich sah auch nicht ein, ihnen das zu sagen. Sie waren die Mediziner, sollten sie doch mal die richtigen Fragen stellen. Die Fachbücher des Kinderpsychologen sagten, dass ich die typischen Symptome einer Borderlineerkrankung aufweisen würde: „Himmelhoch jauchzend und zu Tode be-trübt. Eigentlich g´rod im morbiden Wien, mit seinem Wiener Schmäh, völlig normal. Jeder Ober, in einem typischen Kaffeehaus zeigt mehr Verhaltensauffälligkeiten auf.“ Man überwies mich jedoch zur stationären Aufnahme ins Universitätsspital in die Kinderpsychologie Praxis „Plötzlicher Kindstod“ im ersten Bezirk.

Huiiii … wie war das schön da. Wir tanzten unsere Namen, formten unsere Gedanken aus Lehm und umarmten dicke, alte Laubbäume mit knorzigen Stämmen. Eine ebenso knorzige Krankenschwester erklärte: „Biiitteee, nur Laubbäume umarmen, ja? Die Nadelbäume san die Orschlöcher unter den Bäumen.“ Wir sangen Lieder, malten Bilder und machten Rollenspiele. Allerdings klinkte ich mich nicht, wie es für Borderliner typisch wäre, bei den Rollenspielen aus und prügelte aggressiv auf die anderen Kinder ein. Meine Bilder zeigten keine schwarz-weißen Schmierereien mit blutbeschmierten Monstern, sondern viele bunte Blumen und lachende Kindergesichter. Beim Singen und Musizieren im Garten mit den anderen Kindern hatte ich ordentlich Spaß. Nur Jonny Hill schaffte es, mich vollkommen aus dem Sattel zu kippen. Kurzfristig galt ich in der Station sogar als nicht therapierbar und Dr. Pakowitz riet meinen Eltern: „Sie wer´n sich vielleicht an den Gedanken g´wöhnen müss´n, fortan mit diesem Damien aus dem Film „Omen“ zusammen leb´n zu müss´n. Das Leb´n is halt leider net: „Wüsch dir was“ sonder eher: „So isses.“

Als scheinbar urplötzlich meine Stimmungsschwankungen aufhörten, schrieb man den therapeutischen Erfolg den täglichen Therapiesitzunge zu und entließ mich nach Hause. Mutti und Papa holten mich mit Tränen in den Augen aus der Kinder-Klapse ab und versprachen Dr. Pakowitz, ewig dankbar zu sein und ihm zu Ehren ein Kapellchen zu errichten. „No, mir wäre es schon lieber, Sie würden eine fürstliche Dankessumme auf die Cayman-Inseln überweisen.“

Ich war geheilt. Ich durfte wieder in die Schule.

Als die gute Seele der Kinder-Klapse, Schwester Inga Kochs-lowski, den Raum für das nächste Kind vorbereitete, fand sie einen betagten Kassettenrekorder, in dessen Laufwerk sich circa vier Meter Tonband gekrempelt hatte. Durch den heiß laufenden Motor verschmolz das Band komplett mit dem Rest des Gerätes, zu einem, Brocken Plastik, den Schwester Inga ordentlich entsorgte.

Aber was bitte veranlasste einen Musiker, solche Texte zu schreiben? Sollten Musiker nicht dreckige Gitarren-Riffs aneinanderreihen, die sie in die Menge prügeln, anstatt junge Stadtkinder zum Heulen zu bringen? Hatte man den Herrn Hill eigentlich mal dazu befragt? Insgesamt drei Kinderhasserlieder hat er geschrieben und ich wette, ich war nicht der Einzige, der damals heulend vor dem Radio saß. Ich möchte ihnen etwas verraten: Musiker, die solche Texte schreiben, stippen auch kleine Kinder in den Kaffee und schubsen junge Hunde in Pfützen. So.

Ein bleibendes Trauma habe ich dadurch nicht zurückbehalten. Na ja, gut, bis auf diese leise, helle Kinderstimme, die ich hin und wieder höre und die mir zuflüstert: „Bring den Arzt um. Bring den Arzt um“, aber ich messe ihr keinerlei Bedeutung zu. Also, noch nicht.