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Eine Auswahl der Briefe zwischen Marx und Engels, den Vätern des Kommunismus. Erschütternde Details werden offenbar: ob es Marx' nie endende Geldnot, ob es Klatsch über Emigranten, Liebesgeschichten und Ehebruchaffären sind, ob es sich um gezielte politische Intrigen handelt, mit denen man Bakunin vernichten, Lassalle isolieren oder Liebknecht lächerlich machen wollte, ob es um die eigenen Familiensorgen ging, ob Marx' schier gigantischer Lesehunger und seine Arbeitsintensität plastisch werden, dabei meist bis an den Rand des Elends von Krankheit geplagt: es gibt keine bessere Biographie dieser beiden Männer als ihre eigenen Briefe.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Herausgegeben von Fritz J. Raddatz
Mohr an General
Marx und Engels in ihren Briefen
Ihr Verlagsname
Eine Auswahl der Briefe zwischen Marx und Engels, den Vätern des Kommunismus. Erschütternde Details werden offenbar: ob es Marx’ nie endende Geldnot, ob es Klatsch über Emigranten, Liebesgeschichten und Ehebruchaffären sind, ob es sich um gezielte politische Intrigen handelt, mit denen man Bakunin vernichten, Lassalle isolieren oder Liebknecht lächerlich machen wollte, ob es um die eigenen Familiensorgen ging, ob Marx’ schier gigantischer Lesehunger und seine Arbeitsintensität plastisch werden, dabei meist bis an den Rand des Elends von Krankheit geplagt: es gibt keine bessere Biographie dieser beiden Männer als ihre eigenen Briefe.
Fritz J. Raddatz war der widersprüchlichste deutsche Intellektuelle seiner Generation: eigensinnig, geistreich, gebildet, streitbar und umstritten. Geboren 1931 in Berlin, von 1960 bis 1969 stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlages. Von 1977 bis 1985 Feuilletonchef der ZEIT. 1986 wurde ihm von Franςois Mitterrand der Orden «Officier des Arts et des Lettres» verliehen. Von 1969 bis 2011 war er Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung, Herausgeber von Tucholskys «Gesammelten Werken», Autor in viele Sprachen übersetzter Romane und eines umfangreichen essayistischen Werks. 2010 erschienen seine hochgelobten und viel diskutierten «Tagebücher 1982–2001». Im selben Jahr wurde Raddatz mit dem Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm «Jahre mit Ledig». Der Autor verstarb im Februar 2015.
Die Korrespondenz zwischen Marx und Engels erstreckte sich über nahezu vier Jahrzehnte, von 1844 bis kurz vor Marx’ Tod 1883. Man kann sie getrost eines der, unerhörtesten geschichtlichen und menschlichen Dokumente des 19. Jahrhunderts nennen, Zeugnis einer Freundschaft von seltener Intensität.
Der Briefwechsel, der in der Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW) in neun Bänden je 400 bis 500 Seiten füllt, ist fast komplett erhalten; Engels vernichtete vor seinem Tode einige zu intime Briefe seines Freundes. So geben die Briefe nicht nur ein Doppelporträt dieser beiden Denker und Politiker, sondern auch Einblick in ihre Lebensumstände, die Entwicklung ihrer politischen Theorie wie in ihre Niederlagen; ein Bildnis ihres Elends und ihrer Glorie.
Die Briefe liefern die unglaublichsten Details – so Marx’ nie endende Geldnot, aus der heraus er Engels – der ihn sein lebenlang ernährte – nahezu anherrschte, ihm Geld zu schicken; ob es Klatsch über Emigranten, Liebesgeschichten und Ehebruchaffären sind; ob es sich um gezielte politische Intrigen handelt, mit denen man Bakunin vernichten, Lassalle isolieren oder Liebknecht lächerlich machen wollte; ob es um eigene Familiensorgen ging – Engels lebte ja, unverheiratet, zeitweise mit zwei Frauen, was Marx’ sehr bourgeois urteilende Frau strikt ablehnte; oder ob Marx’ schier gigantischer Lesehunger und seine Arbeitsintensität plastisch werden, dabei meist bis an den Rand des Elends von Krankheit geplagt: es gibt keine bessere Biographie dieser beiden Männer als ihre Briefe.
Sie sind wegen des voluminösen Umfangs weitgehend unbeachtet geblieben. Die vorliegende Auswahl, basierend auf der MEW, versucht, einen größeren Leserkreis mit diesem Teil des Werkes von Marx und Engels vertraut zu machen; denn zum Werk gehören die Briefe ganz unmittelbar, ob es sich nun um stete Erkundigungen des Wissenschaftlers Marx beim Unternehmer Engels nach gewissen Markt- und Geldgesetzen handelt oder um politische Organisationsprobleme, etwa der I.Internationale, des Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) oder der Sozialdemokratie.
Die Eigenart vor allem des Marxschen, aber zu guten Teilen auch des Engelsschen Briefstils, ließ besondere editorische „Eingriffe“ geboten scheinen:
Marx wie Engels schrieben plan- und absichtslos deutsch, englisch und französisch durcheinander, in einem Brief, in einem Satz oft. In diesem Originalzustand – gelegentlich noch gespickt mit lateinischen, gotischen oder auch althochdeutschen Floskeln, Begriffen, Satzpartikeln – sind die Briefe praktisch nicht lesbar. Die MEW behilft sich damit, jedes fremdsprachige Einsprengsel in einer Fußnote zu übersetzen. Diese Übersetzung wurde für unsere Ausgabe jeweils in den Brief übernommen.
Die meisten – durchschnittlich ziemlich langen – Briefe enthalten neben allgemein verständlichen Passagen auch viele, die einem Code gleichen; Namen, Daten, Ereignisse, politische oder andere Zusammenhänge werden angedeutet – dem eingeweihten Briefpartner verständlich, jedem Dritten ohne umfangreichsten Anmerkungsapparat nicht.
Diese Briefteile wurden in unsere Ausgabe nicht mit aufgenommen; sie sind für den Wissenschaftler wichtig – der sie in der MEW zur Verfügung hat –, sie wären für den nicht speziell interessierten Leser Ballast. Die Auslassungen sind jeweils kenntlich gemacht.
Unsere Ausgabe ist strikt chronologisch geordnet – mit einer Ausnahme: um den dramatischen Verlauf der Beziehung von Marx und Engels zu Lassalle deutlicher werden zu lassen, sind die Lassalle betreffenden Briefe zusammengefaßt und en bloc kommentiert worden. Die erläuternden Kommentare – kenntlich am Kursivdruck – sind ansonsten immer dort eingefügt, wo nicht ohne weiteres die Kenntnis von Abläufen und Zusammenhängen vorausgesetzt werden konnte respektive dort, wo gewisse Sprünge in der Zeitabfolge erklärt werden mußten.
Um dem Leser Zeit- wie Lebensdaten noch einmal überprüfbar zu machen, wurde am Ende unserer Ausgabe ergänzend eine Chronologie aufgenommen. Einige Briefe im Anhang – ohne Auslassungen und Übersetzungen – führen übrigens als Beispiel vor, was mit „Ballast“ und „praktisch nicht lesbar“ gemeint ist.
„Der Mohr“ war noch Marx’ letzter Brief an Engels vom Januar 1883 unterschrieben; Mohr war seit Jahrzehnten Marx’ Spitzname unter Freunden, weil er so dunkle Hautfarbe und (bis ins Alter hinein) schwarzes Haupt- und Barthaar hatte. „General“ wiederum hörte sich Engels gerne nennen, denn seit seiner kurzen Soldatenepisode im Badischen Aufstand interessierte er sich für alles Militärische, schrieb leidenschaftliche Kriegs- und Schlachtenanalysen. Weil ein solcher Briefwechsel, auch in Auswahl, zu einem Gutteil privaten Charakter hat, zwar „Lesebuch“ ist, aber auch Einblick gewährt in Lebensprobleme, gar -wirrnisse der beiden bedeutenden Männer, sollte unsere Ausgabe nicht etwa steifleinen heißen „Marx-Engels in ihren Briefen“, sondern wollte sich schon im Titel als ein Stück „Confession“ zu erkennen geben.
Hamburg, April 1980
Fritz J. Raddatz
„Dieser liebenswürdige junge Mensch überholt alle die alten Esel in Berlin“, lautete ein frühes zeitgenössisches Urteil über die anonym in der Schweiz veröffentlichte Schrift „Schelling und die Offenbarung, Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie“; man hielt sie für eine Arbeit Bakunins. Sie stammte aber aus der Feder eines jungen Mannes, der kurz nach Karl Marx’ Berliner Aufenthalt 1842 als Freiwilliger des Garde-Fußartillerieregiments in Berlin eingetroffen war, der – als abiturloser Hospitant – Schellings berühmte Antrittsvorlesung gehört hatte und nun als regelmäßiger Gast im Auditorium 6, unweit seiner Wohnung in der Dorotheenstraße, Schellings Anti-Hegel-Vorlesungen hörte. Sein Name war Friedrich Engels.
Er sah in ihnen Schmähungen auf den Grabstein Hegels, empörende Angriffe auf die gesamte neuere Philosophie – Feuerbach, Strauß, Bauer, Ruge; eben die Denker, denen er sich gerade anschloß – und die er in seiner Streitschrift gegen Schelling zu verteidigen suchte. Er war ja Mitglied jenes junghegelianischen „Doktor-Clubs“ in Berlin, den ein anderer gerade verlassen hatte: Karl Marx, von dessen Positionen er sich gerade entfernt hatte.
Ihn hatte der elegante Sohn aus vermögendem Wuppertaler Hause, der einen Engel im Wappen führte, in der Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ besucht. Es wurde eine frostige Begegnung zwischen dem sich radikal gebärdenden Journalisten und dem bereits an einer politökonomischen Theorie arbeitenden Redakteur, der das Spintisieren des Doktor-Clubs hinter sich hatte.
Erst im Sommer 1844, Engels war auf der Rückreise von England, trafen beide Männer in Paris wieder zusammen. Diese zehn Tage im August waren der Beginn einer lebenslangen Freundschaft, einer Jahrzehnte umfassenden gemeinsamen Arbeit, wie sie wohl einmalig in der Geschichte ist. Man kann sagen, die Treue des zweieinhalb Jahre jüngeren Engels zu Marx, über das Grab, ja über den eigenen Tod hinaus, hat dem Begriff Freundschaft eine neue Würde verliehen. Der umfangreiche Briefwechsel zeigt eine Zusammengehörigkeit über alle Klippen und Klüfte hinweg. Der erste erhaltene Brief datiert wenige Wochen nach der Pariser Begegnung, zeigt u.a. die inzwischen erreichte Gemeinsamkeit der politischen wie theoretischen Position, die Abkehr von den Junghegelianern, die schließlich in der ersten gemeinsamen Arbeit der beiden Männer – „Die heilige Familie“ – kristallisierte.
Barmen, Anfang Oktober 1844
Lieber Marx,
Du wirst Dich wundern, daß ich nicht früher schon Nachricht von mir gab, und Du hast ein Recht dazu; indes kann ich Dir auch jetzt noch nichts wegen meiner Rückkehr dorthin sagen. Ich sitze jetzt hier seit drei Wochen in Barmen und amüsiere mich so gut es geht mit wenig Freunden und viel Familie, unter der sich glücklicherweise ein halb Dutzend liebenswürdiger Weiber befinden. An Arbeiten ist hier nicht zu denken, um so weniger, als meine Schwester Marie sich mit dem Londoner Kommunisten Emil Blank, den Ewerbeck kennt, verlobt hat und jetzt natürlich ein verfluchtes Rennen und Laufen im Hause ist. Übrigens sehe ich wohl, daß meiner Rückkehr nach Paris noch bedeutende Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, und daß ich wohl werde auf ein halbes oder ganzes Jahr mich in Deutschland herumtreiben müssen; ich werde natürlich alles aufbieten, um dies zu vermeiden, aber Du glaubst nicht, was für kleinliche Rücksichten und abergläubische Befürchtungen mir entgegengestellt werden.
Ich war in Köln drei Tage und erstaunte über die ungeheure Propaganda, die wir dort gemacht haben. Die Leute sind sehr tätig, aber der Mangel an einem gehörigen Rückhalt ist doch sehr fühlbar. Solange nicht die Prinzipien logisch und historisch aus der bisherigen Anschauungsweise und der bisherigen Geschichte und als die notwendige Fortsetzung derselben in ein paar Schriften entwickelt sind, solange ist es doch alles noch halbes Dösen und bei den meisten blindes Umhertappen. Später war ich in Düsseldorf, wo wir auch einige tüchtige Kerls haben. Am besten gefallen mir übrigens noch meine Elberfelder, bei denen die menschliche Anschauungsweise wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist; diese Kerle haben wirklich angefangen, ihre Familienwirtschaft zu revolutionieren und lesen ihren Alten jedesmal den Text, wenn sie sich unterfangen, die Dienstboten oder Arbeiter aristokratisch zu behandeln – und so was ist schon viel in dem patriarchalischen Elberfeld. Außer dieser einen Clique existiert aber auch noch eine zweite in Elberfeld, die auch sehr gut, aber etwas konfuser ist. In Barmen ist der Polizeikommissär Kommunist. Vorgestern war ein alter Schulkamerad und Gymnasiallehrer, Gustav Wurm, bei mir, der auch stark angesteckt ist, ohne daß er irgendwie mit Kommunisten in Berührung gekommen wäre. Könnten wir unmittelbar aufs Volk wirken, so wären wir bald obendrauf, aber das ist so gut wie unmöglich, besonders da wir Schreibenden uns still halten müssen, um nicht gefaßt zu werden. Im übrigen ist es hier sehr sicher, man kümmert sich wenig um uns, solange wir still sind, […].
[…]
[…]Seit ich fort war, hat das Wuppertal einen größeren Fortschritt in jeder Beziehung gemacht als in den letzten fünfzig Jahren. Der soziale Ton ist zivilisierter geworden, die Teilnahme an der Politik, die Oppositionsmacherei ist allgemein, die Industrie hat rasende Fortschritte gemacht, neue Stadtviertel sind gebaut, ganze Wälder ausgerottet worden, und das ganze Ding steht jetzt doch eher über als unter dem Niveau der deutschen Zivilisation, während es noch vor vier Jahren tief darunter stand – kurz, hier bereitet sich ein prächtiger Boden für unser Prinzip vor, und wenn wir erst unsre wilden, heißblütigen Färber und Bleicher in Bewegung setzen können, so sollst Du Dich über das Wuppertal noch wundern. Die Arbeiter sind so schon seit ein paar Jahren auf der letzten Stufe der alten Zivilisation angekommen, sie protestieren durch eine reißende Zunahme von Verbrechen, Räubereien und Morden gegen die alte soziale Organisation. Die Straßen sind bei Abend sehr unsicher, die Bourgeoisie wird geprügelt und mit Messern gestochen und beraubt; und wenn die hiesigen Proletarier sich nach denselben Gesetzen entwickeln wie die englischen, so werden sie bald einsehen, daß diese Manier, als Individuen und gewaltsam gegen die soziale Ordnung zu protestieren, nutzlos ist, und als Menschen in ihrer allgemeinen Kapazität durch den Kommunismus protestieren. Wenn man den Kerls nur den Weg zeigen könnte! Aber das ist unmöglich.
[…]
Nun sorge dafür, daß die Materialien, die Du gesammelt hast, bald in die Welt hinausgeschleudert werden. Es ist verflucht hohe Zeit. Ich werde mich auch tüchtig an die Arbeit setzen und gleich heute wieder anfangen. Die Germanen sind alle noch sehr im unklaren wegen der praktischen Ausführbarkeit des Kommunismus; um diese Lumperei zu beseitigen, werd’ ich eine kleine Broschüre schreiben, daß die Sache schon ausgeführt ist, und die in England und Amerika bestehende Praxis des Kommunismus populär schildern. Das Dings kostet mich drei Tage oder so und muß die Kerls sehr aufklären. Das hab’ ich schon in meinen Gesprächen mit den Hiesigen gesehen.
Also tüchtig gearbeitet und rasch gedruckt! Grüße Ewerbeck, Bakunin, Guerrier und die andern, Deine Frau nicht zu vergessen, und schreibe mir recht bald über alles. […]
Nun lebe wohl, lieber Karl, und schreibe recht bald. Ich bin seitdem doch nicht wieder so heiter und menschlich gestimmt gewesen, als ich die zehn Tage war, die ich bei Dir zubrachte. Wegen des zu etablierenden Etablissements hatte ich noch keine rechte Gelegenheit, Schritte zu tun.
Es liest sich fast wie eine Farce, daß schon in diesem allerersten Brief Engels den Freund ermahnt, mit der begonnenen Studie zu Ende zu kommen. Es handelt sich um eine geplante Arbeit zur „Kritik der Politik und Nationalökonomie“, die in dieser Form nie zustande kam und von der lediglich Teile, nämlich die berühmten „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte 1844“, erhalten blieben. Engels, der selber rasch produzierte – die hier avisierte Untersuchung über kommunistische Ansiedlungen in den USA erschien kurz darauf – kann noch nicht wissen, daß dies sein Schicksal sein wird ein Leben lang: Marx zu drängen, zu bitten, zu ermahnen, seine Arbeit abzuschließen. Dieser erste Brief läßt ein Leitmotiv anklingen – nach Jahrzehnten dieser Freundschaft wird Engels entgeistert vor einem Berg ungeordneter Exzerpte, Vorstudien und Skizzen sitzen, die der Freund ihm vermacht hat – das unfertige „Kapital“. Das beginnt bereits im Herbst 1844.
Genau dasselbe Thema, wenige Monate später – Marx hat inzwischen sogar einen Verlagsvertrag für das Buch, den er aber nie erfüllen wird und der im Jahre 1847 wieder annulliert wurde – genau dieses Thema bestimmt Engels’ dritten Brief:
Barmen, 20. Januar 1845
Lieber Marx,
[…]
Was mir einen aparten Spaß macht, ist diese Einbürgerung der kommunistischen Literatur in Deutschland, die jetzt eine vollendete Tatsache ist. Vor einem Jahr fing sie an, sich außer Deutschland in Paris einzubürgern, eigentlich erst zu entstehen, und jetzt sitzt sie dem deutschen Michel schon auf dem Nacken. Zeitungen, Wochenblätter, Monats- und Vierteljahrsschriften und eine heranrückende Reserve von schwerem Geschütz ist alles in bester Ordnung. Es ist doch verflucht rasch gegangen! Die Propaganda unterderhand war auch nicht ohne Früchte – jedesmal wenn ich nach Köln, jedesmal wenn ich hier in eine Kneipe komme, neue Fortschritte, neue Proselyten. Die Kölner Versammlung hat Wunder getan – man entdeckt allmählich einzelne kommunistische Cliquen, die sich ganz im stillen und ohne unser direktes Zutun entwickelt haben. […] Was uns jetzt aber vor allem not tut, sind ein paar größere Werke, um den vielen Halbwissenden, die gern wollen, aber nicht allein fertig werden können, einen gehörigen Anhaltspunkt zu geben. Mach, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buch fertig wirst, wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest, es ist einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen schmieden, weil es warm ist. Meine englischen Sachen werden zwar auch ihre Wirkung nicht verfehlen, die Tatsachen sind zu schlagend, aber trotzdem wollt’ ich, daß ich die Hände freier hätte, um manches auszuführen, was für den jetzigen Augenblick und die deutsche Bourgeoisie schlagender und wirksamer wäre. Wir theoretischen Deutschen – es ist lächerlich, aber ein Zeichen der Zeit und der Auflösung des deutschen Nationaldrecks – können noch gar nicht zur Entwicklung unsrer Theorie kommen, wir haben noch nicht einmal die Kritik des Unsinns publizieren können. Jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mach, daß Du vor April fertig wirst, mach’s wie ich, setz Dir eine Zeit, bis wohin Du positiv fertig sein willst, und sorge für einen baldigen Druck. Kannst Du es da nicht drucken lassen, so laß in Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald.
[…]
[…] ich führe Dir hier ein Leben, wie es der glänzendste Philister nur verlangen kann, ein stilles und geruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, sitze auf meinem Zimmer und arbeite, geh’ fast gar nicht aus, bin solide wie ein Deutscher; wenn das so fortgeht, so fürcht’ ich gar, daß der Herrgott mir meine Schriften übersieht und mich in den Himmel läßt. Ich versichre Dich, ich fange an, hier in Barmen in guten Ruf zu kommen. Ich bin’s aber auch leid, ich will Ostern weg von hier, wahrscheinlich nach Bonn. Ich hatte mich durch die Zureden meines Schwagers und die trübseligen Gesichter meiner beiden Alten noch einmal zu einem Versuch mit dem Schacher bestimmen lassen und seit 14 Tagen etwas auf dem Comptoir gearbeitet, auch die Aussicht wegen der Liebesgeschichte veranlaßte mich mit dazu – aber ich war es leid, eh’ ich anfing zu arbeiten, der Schacher ist zu scheußlich, Barmen ist zu scheußlich, die Zeitverschwendung ist zu scheußlich, und besonders ist es zu scheußlich, nicht nur Bourgeois, sondern sogar Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat auftretender Bourgeois zu bleiben. Ein paar Tage auf der Fabrik meines Alten haben mich dazu gebracht, diese Scheußlichkeit, die ich etwas übersehen hatte, mir wieder vor die Augen zu stellen. Ich hatte natürlich darauf gerechnet, nur solange im Schacher zu bleiben, als mir paßte, und dann irgend etwas Polizeiwidriges zu schreiben, um mich mit guter Manier über die Grenze drücken zu können, aber selbst bis dahin halt ich’s nicht aus. Wenn ich nicht täglich die scheußlichsten Geschichten aus der englischen Gesellschaft hätte in mein Buch registrieren müssen, ich glaube, ich wäre schon etwas versauert, aber das hat wenigstens meine Wut im Kochen erhalten. Und man kann wohl als Kommunist der äußeren Lage nach Bourgeois und Schachervieh sein, wenn man nicht schreibt, aber kommunistische Propaganda im großen und zugleich Schacher und Industrie treiben, das geht nicht. […]
[…]
Dein F.E.
Barmen, 22.–26. Februar 1845
Lieber Marx,
[…]
Hier in Elberfeld geschehen Wunderdinge. Wir haben gestern im größten Saale und ersten Gasthof der Stadt unsre dritte kommunistische Versammlung abgehalten. Die erste 40, die zweite 130, die dritte wenigstens 200 Menschen stark. Ganz Elberfeld und Barmen, von der Geldaristokratie bis zur Krämerschaft, nur das Proletariat ausgeschlossen, war vertreten. Heß hielt einen Vortrag. Gedichte von Müller, Püttmann und Stücke aus Shelley wurden gelesen, ebenso der Artikel über die bestehenden Kommunistenkolonien im „Bürgerbuch“. Nachher diskutiert bis ein Uhr. Das Ding zieht ungeheuer. Man spricht von nichts als vom Kommunismus, und jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu. Der Wuppertaler Kommunismus ist eine Wirklichkeit, ja beinahe schon eine Macht. Was das für ein günstiger Boden hier ist, davon hast Du keine Vorstellung. Das dummste, indolenteste, philisterhafteste Volk, das sich für nichts in der Welt interessiert hat, fängt an, beinahe zu schwärmen für den Kommunismus. […]
[…]
Dein F.E.
[…]
Sehr typisch für Marx’ Lust an Polemik war die ausufernde Beschäftigung mit dem ursprünglich nur als aggressiver Spaß geplanten Buch gegen die Junghegelianer, die „Kritik der kritischen Kritik“. Es hat ihn Monate von der Arbeit am politisch-ökonomischen Buch abgezogen – und Engels hält das Produkt einigermaßen verblüfft in Händen.
Barmen, 17. März 1845
Lieber Marx,
[…]
Die „Kritische Kritik“ – ich glaube, ich schrieb Dir schon, daß sie angekommen ist – ist ganz famos. Deine Auseinandersetzungen über Judenfrage, Geschichte des Materialismus und mystères sind prächtig und werden von ausgezeichneter Wirkung sein. Aber bei alledem ist das Ding zu groß. Die souveräne Verachtung, mit der wir beide gegen die „Literatur-Zeitung“ auftreten, bildet einen argen Gegensatz gegen die 22 Bogen, die wir ihr dedizieren. Dazu wird doch das meiste von der Kritik der Spekulation und des abstrakten Wesens überhaupt dem größeren Publikum unverständlich bleiben und auch nicht allgemein interessieren. Sonst aber ist das ganze Buch prächtig geschrieben und zum kranklachen. Die Bauers werden kein Wort sagen können, Bürgers kann übrigens, wenn er’s im Püttmannschen ersten Heft anzeigt, gelegentlich den Grund erwähnen, aus welchem ich nur wenig und nur das, was ohne tieferes Eingehen auf die Sache geschrieben werden konnte, bearbeitet habe – meine zehntägige kurze Anwesenheit in Paris. Es sieht ohnehin komisch aus, daß ich vielleicht 1½ Bogen und Du über 20 drin hast. Das über die „Hurenverhältnisse“ hättest Du besser gestrichen. Es ist zu wenig und zu total unbedeutend.
[…]
Ich lebe Dir jetzt ein wahres Hundeleben. Durch die Versammlungsgeschichten und die „Liederlichkeit“ mehrerer unsrer hiesigen Kommunisten, mit denen ich natürlich umgehe, ist der ganze religiöse Fanatismus meines Alten wieder erweckt, durch meine Erklärung, den Schacher definitiv dranzugeben, gesteigert – und durch mein offnes Auftreten als Kommunist hat sich nebenbei noch ein glänzender Bourgeoisfanatismus in ihm entwickelt. Jetzt denk Dir meine Stellung. Ich mag, da ich in 14 Tagen oder so weggehe, keinen Krakeel anfangen; ich lasse alles über mich ergehen, das sind sie nicht gewohnt, und so wächst ihnen der Mut. Bekomm’ ich einen Brief, so wird er von allen Seiten beschnüffelt, eh’ ich ihn erhalte. Da man weiß, daß es all Kommunistenbriefe sind, so wird dabei jedesmal ein gottseliges Jammergesicht aufgesetzt, daß man meint, verrückt zu werden. Geh’ ich aus, dasselbe Gesicht. Sitz’ ich auf meiner Stube und arbeite, natürlich Kommunismus, das weiß man – dasselbe Gesicht. Ich kann nicht essen, trinken, schlafen, keinen Furz lassen oder dasselbe vermaledeite Kindergottesgesicht steht mir vor der Nase. Ich mag ausgehen oder zuhause bleiben, stillschweigen oder sprechen, lesen oder schreiben, lachen oder nicht, ich mag tun, was ich will, gleich setzt mein Alter diese infame Fratze auf. Dazu ist mein Alter so dumm, daß er Kommunismus und Liberalismus als „revolutionär“ in einen Kasten schmeißt und mich z.B. trotz aller Gegenreden für die Infamien der englischen Bourgeoisie im Parlament fortwährend verantwortlich macht! Und jetzt ist ohnehin die fromme Saison hier im Hause. Heute vor acht Tagen sind zwei Geschwister von mir konfirmiert, heute trollt die ganze Sippschaft zum Abendmahl – der Leib des Herrn hat seine Wirkung getan, die Jammergesichter von heut morgen übertrafen alles. Um das Unglück voll zu machen war ich gestern abend mit Heß in Elberfeld, wo wir bis zwei Uhr Kommunismus dozierten. Natürlich heute lange Gesichter über mein spätes Ausbleiben, Andeutungen, ich möchte wohl im Kasten gewesen sein. Endlich faßt man Courage zu fragen, wo ich gewesen sei. – Bei Heß. – „Bei Heß! Großer Gott!“ – Pause, Steigerung der christlichen Verzweiflung im Gesicht – – „Was für eine Umgebung hast Du Dir gewählt!“ – Seufzen usw. Es ist rein zum Tollwerden. Von der Malice dieser christlichen Hetzjagd nach meiner „Seele“ hast Du keine Ahnung. Dazu braucht mein Alter nur zu entdecken, daß die „Kritische Kritik“ existiert, und er ist imstande, mich vor die Türe zu setzen. Und dabei der fortwährende Ärger, zu sehen, daß bei diesen Leuten auch gar nichts hilft, daß sie sich platterdings mit ihren Höllenphantasien schinden und quälen wollen, daß man ihnen nicht einmal die ledernsten Prinzipien der Billigkeit beibringen kann. Wär’s nicht um meiner Mutter willen, die einen schönen menschlichen Fonds und nur meinem Vater gegenüber gar keine Selbständigkeit hat, und die ich wirklich liebe, so würde es mir keinen Augenblick einfallen, meinem fanatischen und despotischen Alten auch nur die elendeste Konzession zu machen. Aber so grämt sich meine Mutter ohnehin jeden Augenblick krank und hat gleich jedesmal, wenn sie sich speziell über mich ärgert, acht Tage Kopfschmerzen – es ist nicht mehr auszuhalten, ich muß fort und weiß kaum, wie ich die paar Wochen, die ich hier bin, noch aushalten soll. Doch das wird auch schon gehen.
[…]
Dein E.
Paris, 9. März 1847
Lieber Marx,
[…]
Komm doch, wenn es irgend möglich, im April einmal hierher. Bis zum 7. April zieh’ ich aus – ich weiß noch nicht, wohin – und habe um dieselbe Zeit auch einiges Geld. Wir könnten dann einige Zeit höchst fidel zusammen verkneipen. Da die Polizei jetzt allerdings eklig ist (außer dem Sachsen, von dem ich schrieb, war auch mein alter Gegner Eisermann geschaßt, beide sind hier geblieben, vergl. K.Grün in der „Kölner Zeitung“), so ist’s allerdings am besten, daß man den Rat des Börnstein befolgt. Versuch beim französischen Gesandten, auf Deine Auswanderung einen Paß zu kriegen; wenn das nicht geht, dann wollen wir sehen, was hier auszurichten ist – es gibt wohl noch einen konservativen Deputierten, der sich durch die sechste Hand rühren läßt. Du mußt platterdings mal wieder aus dem ennuyanten Brüssel weg und nach Paris, und das Verlangen, etwas mit Dir zu kneipen, ist auch meinerseits sehr groß. Entweder liederliches Subjekt oder Schulmeister, das ist alles, was man hier sein kann; liederliches Subjekt unter liederlichen Stricken, und das steht einem sehr schlecht, wenn man kein Geld hat, oder Schulmeister von Ewerbeck, Bernays und Konsorten. Oder sich von den Chefs der französischen Radikalen weise Ratschläge geben lassen, die man nachher noch gegen die anderen Esel verteidigen muß, damit sie nicht gar zu stolz in ihrer schwammigen Deutschheit sich brüsten. Hätt’ ich 5000 fr. Renten, ich tät’ nichts als arbeiten und mich mit den Weibern amüsieren, bis ich kaputt wär’. Wenn die Französinnen nicht wären, wär’ das Leben überhaupt nicht der Mühe wert. Aber solange es Grisetten gibt, bah! Das hindert nicht, daß man nicht gern einmal über einen ordentlichen Gegenstand spricht oder das Leben etwas mit Raffinement genießt, und beides ist mit der ganzen Bande meiner Bekannten nicht möglich. Du mußt herkommen.
[…]
Dein F.E.
Daß der erste erhaltene Brief von Marx an Engels erst vom Frühjahr 1847, schon aus Brüssel – also drei Jahre nach Engels’ erstem Brief – datiert, ist natürlich Zufall; frühere sind wohl vernichtet; dennoch vermittelt selbst dieses Detail den richtigen Eindruck: der Werbende, Sorgende war immer Engels.
Daß dieser erste Brief von Marx nun aber seinerseits bereits leitmotivisch die beiden Hauptthemen der gesamten Korrespondenz aufnimmt, ist kein Zufall mehr. Geld – von Marx oft im Befehlston gefordert – und Krankheit werden seine Briefe die Jahrzehnte hindurch beherrschen.
Brüssel, 15. Mai 1847
Lieber Engels!
[…]
Ich bin in solchem Geldpech momentan, daß ich zu diesem Wechselziehn Zuflucht nehmen mußte, und am Ende, den beiden Eseln soll nichts geschenkt werden. Falls die Esel bloß zum Schein die Wechsel akzeptieren wollen, muß ich das natürlich gleich wissen.
Da die Sache sehr pressiert, erwarte ich von Dir, daß Du keinen Tag versäumst, um alles in Ordnung zu bringen und mich zu benachrichtigen.
Hier in Brüssel ist ein Wechselaufkäufer aufgetrieben.
Ich kann Dir nicht mehr schreiben. Vor ungefähr 12 Tagen ließ mir der Breyer zu Ader, aber statt an dem linken, am rechten Arm. Da ich fortarbeitete, als sei nichts vorgefallen, eiterte die Wunde, statt zu vernarben. Die Sache hätte gefährlich werden und mir den Arm kosten können. Jetzt ist’s so gut wie geheilt. Aber der Arm noch schwach. Darf nicht angestrengt werden.
Dein Marx
Inzwischen ist Marx in Brüssel Mitglied des „Bundes der Gerechten“, hat ein „kommunistisches Korrespondenzbüro“ eingerichtet, das die zahllosen revolutionären Gruppen und Vereine zusammenführen will, und gründet eine „Kommunistische Partei“, die vorerst aus siebzehn Mitgliedern – alles Deutsche – besteht. Er ist der Chef der Brüsseler Gemeinde, Engels der in Paris. Marx entwickelt eine enorme Aktivität, er reist mit Engels nach Manchester, er reist nach Paris, er reist zu den reichen Verwandten nach Holland, um Geld zu borgen, er schickt Engels nach Paris, er empfängt Dutzende von Besuchern, Emigranten, Revolutionären, Demokraten. Marx verfolgt eine Vision, er will aus der „Klasse an sich“ eine „Klasse für sich“, das Proletariat sich seiner selbst bewußt, machen. „Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz ist das Proletariat.“ Er will eine große, straffe, internationale Organisation, er bereitet den ersten Weltkongreß des Bundes in London im Juni 1847 vor und den zweiten im Dezember. Dort wird man ihn beauftragen, das Kommunistische Manifest zu verfassen. Doch seltsam – schon im November hat Engels eines fertig, macht sehr präzise Vorschläge. Heute steht fest, daß es Engels war, der die weitestgehende Vorarbeit an diesem Text geleistet hat – und daß Marx mit dieser Vorarbeit bereits nach London reiste.
Paris, 23./24. November 1847
Lieber Marx,
[…]
Überleg Dir doch das Glaubensbekenntnis Dienstag abends etwas. Ich glaube, wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und titulieren das Ding: Kommunistisches Manifest. Da darin mehr oder weniger Geschichte erzählt werden muß, paßt die bisherige Form gar nicht. Ich bringe das hiesige mit, das ich gemacht habe, es ist einfach erzählend, aber miserabel redigiert, in fürchterlicher Eile. Ich fange an: Was ist der Kommunismus? und dann gleich das Proletariat – Entstehungsgeschichte, Unterschied von früheren Arbeitern, Entwicklung des Gegensatzes des Proletariats und der Bourgeoisie, Krisen, Folgerungen. Dazwischen allerlei Nebensachen und schließlich die Parteipolitik der Kommunisten, soweit sie vors Publikum gehört. Das hiesige ist noch nicht ganz zur Bestätigung vorgelegt, aber ich denke, bis auf einige ganz kleine Kleinigkeiten, es so durchzusetzen, daß wenigstens nichts gegen unsre Ansichten drin steht.
[…]
Das war das Programm für die Revolution – Engels sieht sie unmittelbar voraus, im März 1848.
Brüssel, 9. März 1848
Lieber Marx,
[…]
Die Geschichte in Köln ist unangenehm. Die 3 besten Leute sitzen. Ich hab’ einen aktiven Teilnehmer an der Geschichte gesprochen. Sie wollten losschlagen, aber statt sich mit Waffen zu versehen, die leicht zu haben waren, gingen sie vors Rathaus, unbewaffnet, und ließen sich zernieren. Es wird behauptet, daß der größte Teil der Truppen für sie war. Die Sache war unvernünftig dumm angefangen; wenn die Berichte des Kerls richtig sind, so hätten sie ruhig losschlagen können und wären in 2 Stunden fertig gewesen. Aber schrecklich dumm war alles angelegt.
Unsre alten Freunde in Köln scheinen sich sehr zurückgehalten zu haben, obwohl sie mit beschlossen hatten loszubrechen. Der kleine d’Ester, Daniels, Bürgers waren einen Augenblick da, gingen aber gleich wieder fort, obwohl der kleine Karl Ludwig Johann d’Ester im Stadtrat gerade nötig war.
Die Nachrichten aus Deutschland sind sonst famos. In Nassau eine vollendete Revolution, in München die Studenten, Maler und Arbeiter in voller Insurrektion, in Kassel die Revolution vor der Tür, in Berlin grenzenlose Angst und Zaudern, in ganz Westdeutschland Pressefreiheit und Nationalgarde proklamiert; vorderhand ist das genug.
Wenn doch der Friedrich Wilhelm IV. sich starrköpfig hielt! Dann ist alles gewonnen, und wir haben in ein paar Monaten die deutsche Revolution. Wenn er nur an seinen feudalen Formen hielte! Aber der Teufel weiß, was dies launige und verrückte Individuum tun wird.
In Köln ist die ganze kleine Bourgeoisie für Anschluß an die französische Republik; die 1797er Erinnerungen herrschen augenblicklich vor.
[…]
Dein Engels
[…]
Die Revolution ist da. Marx ist Chefredakteur der Neuen Rheinischen Zeitung, die unter seiner Leitung zum intellektuellen Zentrum der Revolution wird, zu deren Redaktion u.a. Engels und Freiligrath gehören und in der zum Beispiel Heine veröffentlicht. Engels hatte ihn gerade besucht.
Paris, 14. Januar 1848
Lieber Marx,
[…]
Heine ist am Kaputtgehen. Vor 14 Tagen war ich bei ihm, da lag er im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt. Gestern war er auf, aber höchst elend. Er kann keine drei Schritt mehr gehen, er schleicht, an den Mauern sich stützend, vom Fauteuil bis ans Bett und vice versa. Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn verrückt macht, Schreinern, Hämmern usw. Geistig ist er auch etwas ermattet. Heinzen wollte zu ihm, wurde aber nicht vorgelassen.
[…]
Dein E.
Marx versucht gegen zahllose Prozesse – z.B. wegen der Veröffentlichung von Georg Weerths „Leben und Abenteuer des berühmten Ritters Schnapphahnski“ – und trotz großer Geldnot die Zeitung wie eine Festung zu halten. Engels hatte deprimiert geschrieben:
Barmen, 25. April 1848
Lieber Marx,
Den Prospekt erhalte ich soeben nebst Deinem Brief. Auf Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen. Der Blank, an den ich schon früher deswegen geschrieben und der noch der beste von allen ist, ist in praxi ein Bourgeois geworden; die andern noch mehr, seit sie etabliert sind und mit den Arbeitern in Kollisionen gekommen. Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei. Ich habe die schönsten Redensarten verschwendet, alle mögliche Diplomatie aufgeboten, aber immer schwankende Antworten. Ich mache jetzt noch einen letzten Versuch, scheitert der, so ist alles am Ende. In 2–3 Tagen hast Du positive Nachricht, wie er ausgefallen. Die Sache ist im Grunde die, daß auch diese radikalen Bourgeois hier in uns ihre zukünftigen Hauptfeinde sehen und daß sie uns keine Waffen in die Hand geben wollen, die wir sehr bald gegen sie selbst kehren würden.
Aus meinem Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den ist schon die „Kölner Zeitung“ ein Ausbund von Wühlerei, und statt 1000 Talern schickte er uns lieber 1000 Kartätschkugeln auf den Hals.
[…]
Dein E.
Aber Marx gibt nicht auf, fährt nach Wien und Berlin, um Geld zu besorgen, und versucht, die Zeitung zu halten.
Köln, Mitte November 1848
Lieber Engels!
[…]
Ich bin mit dem Geld beschränkt. 1850 Taler hatte ich von der Reise mitgebracht; 1950 bekam ich von den Polen. 100 brauchte ich noch auf der Reise. 1000 Taler habe ich der „Neuen Rheinischen Zeitung“ (mit dem Dir und andern Flüchtlingen) vorgeschossen. 500 in dieser Woche noch zu zahlen für die Maschine. Bleibt 350. Und dabei habe ich noch keinen Cent von der Zeitung erhalten.
Was Eure Redakteurschaft angeht, so habe ich 1. in der ersten Nummer gleich angezeigt, daß das Komitee dasselbe bleibt, 2. den blödsinnigen reaktionären Aktionären erklärt, daß es ihnen freistünde, Euch als nicht mehr zum Redaktionspersonal gehörig zu betrachten, daß es mir aber freistehe, so hohe Honorare auszuzahlen, als ich will und daß sie daher pekuniär nichts gewinnen werden.
Die große Summe für die Zeitung hätte ich rationellerweise nicht vorgeschossen, da ich 3–4 Preßprozesse auf dem Halse habe, jeden Tag eingesperrt werden und dann nach Geld wie der Hirsch nach frischem Wasser schreien kann. Aber es galt, unter allen Umständen dies Fort zu behaupten und die politische Stellung nicht aufzugeben.
Das beste – nachdem Du die Geldangelegenheiten in Lausanne geordnet – ist, nach Bern zu gehn und Deinen angegebenen Plan auszuführen. Du kannst außerdem schreiben, wofür Du willst. Deine Briefe kommen immer zeitig genug.
Daß ich einen Augenblick Dich im Stich hätte lassen können, ist reine Phantasie. Du verbleibst stets mein Intimus, wie ich hoffentlich der Deine.
K. Marx
Dein Alter ist ein Schweinhund, dem wir einen hundsgroben Brief schreiben werden.
Die Revolution ist vorbei, erloschen, ausgetreten. Die Flüchtlingsströme ergießen sich über ganz Europa. Jedes neue Land bietet Sicherheit und Sorge zugleich, Hoffnung und Enttäuschung. Niemand weiß vorläufig, wohin endgültig. Niemand weiß, wovon leben.
Bern, 7.–8. Januar 1849
Lieber Marx,
Nachdem ich mich jetzt während mehrerer Wochen sündhaften Lebenswandels von meinen Strapazen und Aventüren erholt habe, fühle ich erstens das Bedürfnis, wieder zu arbeiten […], und zweitens das Bedürfnis nach Geld. Letzteres ist das dringendste, und wenn Ihr bei Ankunft dieses mir noch nichts geschickt haben solltet, so tut es doch gleich, denn ich bin seit mehreren Tagen ohne einen Pfennig, und Pump ist in dieser lausigen Stadt keiner.
Wenn in dieser lausigen Schweiz nur irgend etwas vorfiele, um drüber schreiben zu können. Aber lauter Lokaldreck der lausigsten Art. Ein paar allgemeine Artikel drüber schick’ ich indes bald. Wenn ich noch lang im Ausland bleiben muß, so geh’ ich nach Lugano, besonders wenn in Italien etwas losgeht, wie es den Anschein hat.
Aber ich denke immer, ich kann bald zurück. Dies faule Hocken im Ausland, wo man doch nichts Ordentliches tun kann und ganz außer der Bewegung steht, ist scheußlich unerträglich. Ich komme bald zu der Einsicht, daß es selbst im Untersuchungsarrest in Köln besser ist als in der freien Schweiz. Schreib mir doch, ob denn gar keine Chance vorhanden, daß ich ebenso günstig behandelt werd’ wie Bürgers, Becker pp.
Raveaux hat recht: selbst in dem oktroyierten Preußen ist man freier als in der freien Schweiz. Jeder Spießbürger ist hier zugleich Mouchard und Assommeur. Davon hab’ ich in der Neujahrsnacht ein Exempel gesehn.
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Dein E.
[…]
Paris, 7. Juni 1849
Lieber Engels!
Ich schreibe Dir in diesem Briefe wenig ausführlich. Erst sollst Du mir antworten, ob er unversehrt angekommen ist. Ich glaube, daß die Briefe wieder mit Wonne erbrochen werden.
Es herrscht hier eine royalistische Reaktion, schamloser als unter Guizot, bloß vergleichbar mit der nach 1815. Paris ist düster. Dazu die Cholera, die außerordentlich wütet. Trotzdem stand ein kolossaler Ausbruch des Revolutionskraters nie näher bevor als jetzt zu Paris. Die Details darüber später. Ich komme mit der ganzen revolutionären Partei zusammen und werde in einigen Tagen sämtliche Revolutionsjournale zu meiner Verfügung haben.
[…]
Du mußt übrigens sehn, daß Du irgendwo Geld für mich auftreibst: Du weißt, daß ich die letzten eingehenden Summen, um den Verpflichtungen der „Neuen Rheinischen Zeitung“ nachzukommen, verausgabt habe, und in den jetzigen Verhältnissen kann ich weder ganz eingezogen wohnen und leben, noch weniger in Geldverlegenheiten geraten.
[…]
M.
Paris, um den 1. August 1849
Lieber Engels!
Ich habe sehr viele Unruhe für Dich ausgestanden und war wirklich erfreut, gestern einen Brief von Deiner Hand zu empfangen. […]
Meine ganze Familie ist hier; die Regierung hat mich nach Morbihan, den Pontinischen Sümpfen der Bretagne, ausweisen wollen. Bisher habe ich die Exekution verhindert. Soll ich Dir aber näher sowohl über meine Verhältnisse hier als über die allgemeinen schreiben, so mußt Du mir eine sicherere Adresse schicken, denn hier ist’s sehr ungeheuer.
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