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Die geheimnisvollste Frau der Kunstgeschichte: Die Romanbiografie »Mona Lisa – Die Muse Leonardo da Vincis« von Hans Schlagintweit als eBook bei dotbooks. Ihr Lächeln ist unsterblich geworden – doch wer steckt hinter der mysteriösen Schönheit? Italien am Ende des 15. Jahrhunderts: Als die stolze Mona Lisa Gherardini erfährt, dass sie mit einem wohlhabenden Florentiner Patrizier verheiratet werden soll, bricht für sie eine Welt zusammen – denn Mona Lisa strebt nach einem Leben in Unabhängigkeit. Anstatt ein folgsames Kind der Kirche und eine gehorsame Gemahlin zu sein, entscheidet sie sich den Weg der Freiheit zu gehen: Im weltoffenen Florenz taucht sie in die Geheimnisse der antiken Philosophie ein, erlebt neue und aufregende Kunst. Hier begegnet sie dem berühmten Maestro Leonardo und wird unversehens zum strahlenden Mittelpunkt einer Welt, die sie selbst stets verehrte – und die doch voller Neid und Intrigen ist … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Roman »Mona Lisa – Die Muse Leonardo da Vincis« von Hans Schlagintweit malt ein farbenprächtiges Bild der italienischen Renaissance – und einer starken Frau, deren außergewöhnliche Strahlkraft die Jahrhunderte überdauerte. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über dieses Buch:
Ihr Lächeln ist unsterblich geworden – doch wer steckt hinter der mysteriösen Schönheit? Italien am Ende des 15. Jahrhunderts: Als die stolze Mona Lisa Gherardini erfährt, dass sie mit einem wohlhabenden Florentiner Patrizier verheiratet werden soll, bricht für sie eine Welt zusammen – denn Mona Lisa strebt nach einem Leben in Unabhängigkeit. Anstatt ein folgsames Kind der Kirche und eine gehorsame Gemahlin zu sein, entscheidet sie sich den Weg der Freiheit zu gehen: Im weltoffenen Florenz taucht sie in die Geheimnisse der antiken Philosophie ein, erlebt neue und aufregende Kunst. Hier begegnet sie dem berühmten Maestro Leonardo und wird unversehens zum strahlenden Mittelpunkt einer Welt, die sie selbst stets verehrte – und die doch voller Neid und Intrigen ist …
Über den Autor:
Hans Schlagintweit, geboren 1948, studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Mediävistik in München und promovierte im Fach Kunstgeschichte. Wie kein anderer Autor versteht er es, die Lebenswelten der Renaissance in all ihrer Pracht und all ihrer Abgründigkeit zum Leben zu erwecken.
Bei dotbooks veröffentlichte Hans Schlagintweit die folgenden historischen Romane: »Lucrezia Borgia, Tochter des Papstes« und »Die Sklavin des Dogen«.
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eBook-Neuausgabe Dezember 2021
Dieses Buch erschien bereits 1994 unter dem Titel »Ich, Mona Lisa« und dem Autorenpseudonym Hans Schlag bei edition meyster/Nymphenburger.
Copyright © der Originalausgabe 1994 by edition meyster/Nymphenburger in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/13Imagery, Roberto Castillo und eines Gemäldes von Leonardo da Vinci »Mona Lisa - La Gioconda«
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fb)
ISBN 978-3-96655-793-1
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Hans Schlagintweit
Mona LisaDie Muse Leonardo da Vincis
Die große Romanbiografie
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Für Gisela Lütke
Meine Hochzeit ist in unserer Gegend das denkwürdigste Ereignis seit Menschengedenken gewesen. Allerdings auf eine Art, die ich keiner Braut der Welt wünsche.
Alles begann im Jahre des Herrn 1495 an Praxedis. Nach der Sonntagsmesse waren wir zusammen heimgeritten, Vater, meine beiden Brüder und ich zu Pferde, die Zofe Nanna auf ihrem Maultier hinterher. Es war keine schöne Predigt gewesen, weder rührend noch erbauend, nicht einmal belehrend; nun, die Vallombrosanerbrüder des Klosters Santa Trinità sind wahrlich keine Meister des Wortes, aber gütig, und sie verstehen es, mit den Bauern der Gegend auszukommen.
Nach etwa einer Stunde gelangten wir zur Rocca, die wir im Sommer bewohnen. Dieses Castell unserer Familie liegt etwa eine halbe Tagesreise von Florenz entfernt, auf dem Wege nach Prato. Das Gebäude war eigentlich keine richtige Burg mehr, seitdem unser Vater, nicht lange nach dem Tod meiner über alles geliebten Mutter, einige Änderungen angeordnet hatte. Die morsche Zugbrücke war einer bequemen, breiten Auffahrt gewichen, der Graben zugeschüttet und zahlreiche große Fenster mit doppelten Fensterläden in das uralte Gemäuer gebrochen worden. alle besaßen Glas im oberen Teil, nach niederländischer Art, wie es der Baumeister nicht ohne Stolz erwähnt hatte. Anstelle der Zinnen beherrschten jetzt leuchtendrote Ziegeldächer die Türme, was der Rocca einen beinahe heiteren Eindruck verlieh.
Bereits am Tor sah ich, daß im Hof Besuch wartete, offenbar einer unserer Nachbarn, dessen Landhaus etwa eine halbe Stunde zu Pferde von unserem Besitztum entfernt lag, ein außerordentlich wohlhabender Florentiner Bürger, Francesco Giocondo. Die Pferde jedenfalls trugen seine Farben auf ihren Schabracken, Rot und Gold, und das Wappen zeigte einen Pfeil und zwei weiße Quadrate. Er war von zwei flachshaarigen Söldnern aus Deutschland oder der Schweiz mit stupiden, vom Trinken geröteten Gesichtern und blaßblauen, leicht vorstehenden Augen begleitet worden. Als sie uns erblickten, verneigten sich die ungeschlachten Gesellen plump vor meinem Vater und verharrten, ungerührt von der brennenden Spätvormittagssonne, bei ihren Pferden.
Mein Lehrer Constantinus, der zugleich als Majordomus fungierte, wenn Vater oder meine Brüder nicht anwesend waren, hatte Giocondo bereits hinauf in den Saal geführt, ihm dort eine Erfrischung gereicht und von einem Hausmädchen den Staub von seinen prachtvollen Gewändern bürsten lassen.
Ich ging sofort in mein Zimmer und ließ mir von Nanna, meiner Zofe und zugleich besten Freundin, beim Umkleiden helfen. Gott sei Dank konnte ich endlich das für die Hitze viel zu schwere sonntägliche Festgewand ablegen und wählte statt dessen als Giornea ein fliederfarbenes Überkleid. Es war vorne geschlitzt und bis zum Gürtel offen. Leider besaß ich nur ein einziges, wirklich schönes langes Unterkleid, das ich jedoch bereits auf dem Ritt angehabt hatte; ein wenig glattgestrichen, würde es schon gehen. Nanna wusch mir noch schnell Gesicht und Hände mit einem in Rosenwasser getränkten Tuch, strich damit noch über die vom Ritt staubigen Haare und befestigte mein schönstes Haarnetz aus Goldfäden über dem Knoten. Dann streifte ich die Giornea über, legte spitze, seidene Pantöffelchen an und wartete darauf, daß ich von Vater gerufen würde, den Gast zu begrüßen.
Doch ich wurde nicht gerufen. Es erschien uns fast wie eine Ewigkeit, bis Ettore, mein älterer Bruder, mich mit noch ernsterer Miene als sonst aufsuchte und wortlos in den Saal geleitete. Dort standen Giocondo und Vater. Sie wirkten verkrampft, und fast schien es, als wollten sie sich als besonders bedeutsam darstellen. Gewiß, der Stolz edler Männer gebietet, würdiges und wenn nötig hochfahrendes Wesen zu zeigen, repräsentieren sie doch gleichsam Ehre und Ansehen ihrer Familien. Doch was auf der Piazza angemessen sein mochte, erschien mir in dem leeren Saal ein wenig übertrieben. So war ich beinahe belustigt, als Giocondo mit großer Geste sein Barett lüftete und mich mit einer sehr tiefen, förmlichen Verbeugung begrüßte. Ich machte einen leichten Knicks und beugte den Nacken nur ganz unmerklich, denn unsere Familie war älter und würdiger als die seine, auch wenn Giocondo selbst in Florenz hohes Ansehen genoß.
Seine Stimme klang angenehm. »Sei gegrüßt, Mona Lisa, dein Liebreiz blendet mein Auge und überstrahlt das Licht der Sonne!« Irgendwie kamen mir die Wort bekannt vor, hatte ich sie bei Petrarca gelesen? Jedenfalls war die Begrüßung unangebracht, und ich beschloß, ihm mit einem frei erfundenen Zitat zu antworten: »Der Sonne Weg und jener der Planeten führt um das Innere der Welt – so zumindest steht es im ›Somnium Scipionis‹«, fügte ich in heuchlerischer Bescheidenheit hinzu.
»Nicht nur Liebreiz schmückt dich, sondern auch das Decorum des Wissens.« Giocondo lächelte mit einem Male. »Doch nun«, fuhr er weniger gestelzt fort, »wollen wir hören, was dein Vater, der edle Antonio, zu sagen hat.«
Mein Vater stand da, stolz, hochaufgerichtet, doch irgendwie anders als sonst, zitterte seine Stimme?
»Bester Francesco«, wandte er sich förmlich an Giocondo, »es ist mir eine Freude, unsere beiden ehrwürdigen Familien durch eine Heirat trefflich zu verbinden, mögen unsere Geschlechter so die Zeiten überdauern.«
Ich begriff immer noch nicht. Eine Heirat? Wer heiratete wen? Wo? Wann? Plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Keulenschlag. Ich, ich war es, die heiraten sollte!
Alle starrten erwartungsvoll zu mir, und ich wußte, was nach alter Sitte von mir erwartet wurde. »Ich danke dir, lieber Vater, daß du mir einen so edlen Gatten gewählt hast, dem ich für alle Zeiten gehorchen werde.« Fast von Sinnen hatte ich die alte Formel heruntergeleiert und dabei die Augen zu Boden gesenkt, wie es der Brauch erforderte. Doch nun schien es mir genug, der Familienehre war Genüge getan, ich erhob den Blick und sah Giocondo lange und eindringlich an. Jetzt erst betrachtete ich ihn genauer, ihn, den Mann, von dem mich von jetzt an nur noch der Tod scheiden konnte, dem ich Söhne gebären sollte und mit dem ich mein Leben mit Gottes Hilfe verbringen würde. Er war groß, schlank und besaß ein ernstes, aber charaktervolles Gesicht, kurzgeschnittene schwarze Haare und dunkle Augen. Besonders gefiel mir seine außerordentlich prächtige Kleidung. Sein Auftreten war gewandt, und nun wußte ich natürlich auch jene von mir etwas übertrieben empfundene Feierlichkeit seiner Gesten und Worte zu deuten.
»Liebste Lisa, nun da wir alles besprochen haben, wie Herkunft und Sitte es erfordern, möchte ich dir ein kleines Geschenk überreichen«, und dabei zog er ein kleines Kästchen mit einem Ring hervor.
Einen Rubin von solcher Farbe und Größe habe ich auch später nie wieder gesehen. Der runde, blutrote Edelstein ragte glattpoliert aus einer leichten, mit wunderschönen Ornamenten der allerneuesten Mode ziselierten Goldfassung heraus.
»Leider darf ich ihn dir noch nicht an den Finger stecken, da die Heirat ja erst stattfinden muß, aber du kannst es ja selbst tun.« Wie im Traum ergriff ich den herrlichen Ring mit seinem magisch leuchtenden Karfunkel, er paßte ganz genau an meinen Zeigefinger. Ein Schmuckstück – atemberaubend! Man erwartete jetzt eine Geste von mir, und ich gestehe, ich schwebte wie auf Wolken, reichte Giocondo meine Hand, und er küßte sie innig. Das war das erste Mal in meinem Leben, daß mich ein fremder Mann berührte und küßte. Ein seltsames Gefühl ergriff mich, beinahe wie Furcht und doch ganz anders, irgendwie prickelnd, keineswegs unangenehm. Ein leichter Schauer rann über meine Brüste hinunter zur Scham – nur für einen winzigen, kurzen Augenblick, und doch ließ es mich ahnen, was es bedeutete, von einem Mann begehrt zu werden. Sollte es das sein, was in verbotenen Büchern, etwa dem »Decamerone«, beschrieben wird, Leidenschaft, die Mann und Frau zueinanderbringt, sie anzieht, als wäre Magie im Spiel? Ich will diese Leidenschaft spüren, o ja! Giocondo wird jener Mann sein, der mir höchstes Glück und Erfüllung schenkt und dem ich dafür stolze Söhne ins Leben trage!
Noch immer war ich ziemlich verwirrt, meine baldige Heirat hatte mich doch sehr überrascht. Natürlich war mir klargewesen, daß mein Vater einen Gemahl für mich suchen würde und daß ich diesen Mann heiratete, weil es sein Wunsch war. So bestimmte es die göttliche Ordnung, und wir, die Geschöpfe Gottes, müssen seine Gebote befolgen.
Und doch fühlte ich eine tiefe Enttäuschung über die Art und Weise, wie dies alles zustande gekommen war. Hätte mich mein Vater doch nur einmal auf seine Pläne hingewiesen oder mir durch einen meiner Brüder einen Wink gegeben – nein, wie eine Tschaikessen-Sklavin war ich weggegeben worden, einfach so... Aber hatte die Stimme meines Vaters nicht ein wenig gezittert, als er mich dem Giocondo anverlobte? Wer weiß?
»Du darfst dich entfernen, meine Tochter«, sagte Vater ruhig, und er schien sich wieder völlig in der Gewalt zu haben, wenn es denn je anders gewesen sein sollte.
Ich machte einen tiefen Knicks, wobei ich aber nicht züchtig zu Boden sah, sondern direkt in das markante, männliche Gesicht meines zukünftigen Herrn und Gatten. Ich gestehe, daß mir ganz schwach wurde, als unsere Blicke sich trafen und seine dunklen Augen mich fest ansahen. Meinen Vater beachtete ich überhaupt nicht; er hatte mich weggegeben und sollte ruhig spüren, daß von nun an Giocondo mein Leben bestimmen würde.
»Liebe Lisa, ich sehne den Tag herbei, an dem wir uns wiedersehen. Ich hoffe, daß dies schon sehr bald sein wird.«
Ich schenkte ihm noch einen sehr offenen Blick und ging dann mit weichen Knien auf mein Zimmer. Nanna hatte natürlich gelauscht und umarmte mich unter Freudentränen.
»Lisa, du heiratest einen der reichsten und bedeutendsten Männer von Florenz. Er sieht nicht nur blendend aus, sondern wird dir das Leben einer Fürstin bieten!«
Mir war noch ganz schwindelig, und ich mußte mich aufs Bett setzen. Da entdeckte Nanna den Rubinring.
»Bei meiner Seele, hat er dir etwa diesen Ring geschenkt?« Sie ergriff meine Hand und betrachtete verzückt das herrliche Kleinod. »Wie freue ich mich über dein Glück – allein dieser Karfunkel scheint geradewegs aus den Mauern der heiligen Himmelsstadt zu kommen.« Doch mit einem Mal wurde sie ganz still, sah mich mit großen Augen an, dann fiel sie mir um den Hals und weinte heiße Tränen. Ich wußte nicht, warum, aber der Schmerz meiner liebsten, besten Freundin berührte mich derart, daß auch ich hemmungslos zu schluchzen begann. Lange konnten wir uns nicht beruhigen, und als ich mich dann wieder etwas gefaßt hatte, fragte ich sie, warum sie eigentlich so weine.
»Ach Lisa, du weißt doch, wie es kommen wird; seine Heimat ist Florenz, du wirst fortgehen – und ich?« Sie sah mich flehend an.
»Du? Ja liebste Nanna, Nannina, du wirst mit mir kommen und wie bisher meine Zofe und Freundin sein. Niemals würde ich dich hier zurücklassen. Nein, wir gehen zusammen oder gar nicht.« Dann war plötzlich eine große Stille um uns. Ich wußte genau, daß ich gegen den Willen meines Gatten nichts ausrichten konnte. Und da ich nun Mitglied seiner Familie war, würde er meine Dienerin bestimmen. Doch Nanna aufgeben – niemals. Ich beschloß, nicht in Demut zu verharren, sondern um meine Freundin zu kämpfen.
Wir waren zusammen aufgewachsen, fast wie Geschwister. Als ich 1479 geboren wurde, herrschte ein so strenger Winter, daß die Wölfe bis an die Häuser kamen. Nannina muß deshalb etwa gleich alt sein wie ich, denn ihre Mutter hatte ihr erzählt, daß im Jahr ihrer Geburt ein solcher Winter geherrscht habe. Nanna stammt von einem Bauernhof unweit Vignamaggio, wo unser Palagetto steht, den wir damals nur ab und zu bewohnten. Ihre Mutter arbeitete dort als Magd. Ich mochte sie immer besser leiden als die anderen Mädchen, allesamt Kinder unserer Pächter, mit denen ich spielte. Später durfte ich nicht mehr mit ihnen zusammen sein und war darüber so traurig, daß man mir schließlich Nanna als Gefährtin ließ. Seitdem lebt sie bei uns. Mancher hat schon gemeint, wir würden wie Schwestern aussehen, sie ein wenig derber zwar, mit pechschwarzem Haar und dunklerer Haut, ich hingegen hellhäutig, wie es sich für meinen Stand geziemt, und mit einem kastanienbraunen Schimmer auf den Haaren, auf den ich sehr stolz bin. Nanna ist nur wenig kleiner als ich, hat große, runde Brüste und eine kräftige Figur. Ihr eigentlich aufbrausendes Temperament weiß sie jedoch gut zu zügeln.
Mir sagt man Stolz und zugleich Sanftmut nach. Meine Schultern sind schmaler als Nannas, auch ist meine Erscheinung edler. Meine Brüste empfinde ich nicht als ideal, zwar hoch und fest, aber kaum von jener Größe, die dem Schönheitsinn entspräche. Ich tröste mich damit, daß ich schließlich eine Edle bin und keine Bäuerin, die Ferkel an ihrem Busen säugt, wie sie es oben in den Bergen tun. Die Ähnlichkeit liegt wohl in unseren tiefbraunen Augen, doch sollen meine, wie man sagt, manchmal dunkelgrün schimmern.
Nein, Nanna ist keine Bedienstete für mich, die man leicht durch eine andere ersetzen könnte; sie ist meine Freundin, die ich um keinen Preis verlieren möchte.
Ich mußte nun versuchen, die Dinge in eine Ordnung zu bringen und mein Handeln nach den Gesetzen der Logik und der Wahrheit auszurichten. Dreierlei war zu tun. Erstens, ich hatte mich um Dinge zu kümmern, die mit meiner Hochzeit zusammenhingen. Zweitens, jemand mußte mich auf das eheliche Leben vorbereiten – was nicht leicht war, da meine geliebte Mutter schon lange im Reich der Seligen weilte. Und drittens, jedoch vordringlich, ich mußte mit meinem alten Lehrer Constantinus beratschlagen, wie ich vorgehen sollte, um Nannina bei mir zu behalten. Der Gedanke, auf sie verzichten zu müssen, machte mich nun ganz krank, und ich schickte sogleich nach Constantinus, um seinen Rat einzuholen. Sicherlich schrieb er wieder irgendeinen byzantinischen Kodex ab, denn es dauerte einige Zeit, bis endlich die Tür aufging.
»Was befehlt ihr, edle Imperatrix?« fragte er lächelnd, seinem Latein einen gewollt pathetischen Klang gebend.
»Mir ist nicht zum Scherzen zumute. Sicher hast du bereits erfahren, daß ich bald heirate.«
»Natürlich, erhabene Gemahlin des edlen Giocondo, ich selbst habe deinem Vater diesen Vorschlag unterbreitet.« Er lächelte dabei freundlich.
Ich war wie vom Blitz getroffen und völlig fassungslos. »Und du hast mir nie ein Wort davon gesagt, du, mein Lehrer, mein Vertrauter! Du hast meine Seele geformt, meinen Verstand geschärft und mir die Weisheit des Altertums vermittelt – um mich dann zu hintergehen, zu belügen, mich unwissend zu lassen in einer Angelegenheit, die mein Leben von nun an bestimmen soll. Ein Weiser, ein Philosoph willst du sein?« Und mit meinen Tränen übermannte mich ein unbändiger Zorn, wie ihn nur enttäuschtes Vertrauen hervorbringen kann. »Geh mir aus den Augen, gewesener Philosoph, armseliger Graeculus!«
Als er ging, konnte ich gerade noch sehen, wie sich sein Gesicht unter dem schlohweißen Bart dunkel färbte vor Scham und Zorn, da ich ihm das furchtbarste, verächtlichste Schimpfwort zugerufen hatte, das man für einen Byzantiner gebrauchen kann, Graeculus, Griechlein, armseliger, kleiner verachtenswerter Grieche. Fast mein ganzes Leben hatte er mich unterrichtet, mehr Weisheit und Wissen in mich zu legen versucht, als es Bologneser Professoren je vermocht hätten. Und nun hatte er mich behandelt, wie die Griechen des Altertums ihre Frauen behandelten: als unmündiges Kind, als Sklavin. Und verraten. Verraten wie die thebanischen Söldner ihren Feldherrn Hannibal, ebensolche treulosen Griechen wie er. Und mit mir, so schien es, schloß sich dieser Kreis. Ich warf mich aufs Bett und schluchzte hemmungslos.
Von einer Stunde auf die andere hatte sich meine schöne, harmonische, so selbstverständlich gewordene Welt aufgelöst. Vater, Brüder und die Rocca, das Haus meiner Kindheit, wann würde ich sie jemals wiedersehen? Und mein guter, alter, weiser Lehrer war ein Verräter. Man würde mir Nanna nehmen und ich allein mit dem mir noch so fremden Ehegemahl in dem noch fremderen Florenz leben. Diese Erkenntnis traf mich so stark, daß meine Tränen fast schlagartig versiegten. Das war zuviel. Entweder ich würde standhaft sein und versuchen, mein Schicksal mit Gottes Hilfe selbst zu bestimmen, oder ich war nicht mehr wert als jene Frauen, die unwissend und ungebildet, ohne Erkenntnis der Dinge blind durchs Leben gingen, den Befehlen ihres Gatten gehorchten, ihre Dienstboten schikanierten und die Zeit mit geistlosem Klatsch totschlugen. Nein, dafür war ich nicht erzogen worden. Ich stand vom Bett auf, strich mein Kleid glatt und begann das zu tun, was Constantinus mich gelehrt hatte, ich dachte nach.
Das Denken der Menschen ist ja ganz unterschiedlich. Die meisten vermögen überhaupt nicht zu denken, sie sind wie Schweine, die sich im Schmutz des Niedrigen suhlen. Wenn es Frühling wird, säen sie, im Herbst ernten sie, wenn die Sonne am höchsten steht, nehmen sie Nahrung zu sich. Diese Menschen-Schweine werden vom Stand der Sonne oder von der Jahreszeit, von ihrem Hunger oder Durst geleitet. Sie stellen die unterste Stufe der menschlichen Art dar. Diese Menschen haben keine Ehre, keine höheren Gedanken, nichts außer ihrer unwürdigen Seele, die durch die Gnade des Herrn unsterblich ist.
Über diesen zum Denken Unfähigen stehen die Handwerker, darüber die Kaufleute und Bankiers. Ihr Denken und Handeln wird von der Materie bestimmt, die an sich etwas Niederes ist – ausgenommen vielleicht ein herrlicher Edelstein wie mein Rubin, der das Licht in sich gefangen hat. Und ich begehe gewiß keine Lästerung des Allerhöchsten, wenn ich behaupte, das Licht in einem solchen Schmuckstück sei göttlicher Natur.
Am höchsten von allen Menschen stehen wir, die Edlen. Wir besitzen eine Ehre, die bis in den Tod verteidigt wird, und wir besitzen eine Geschichte, die, wie in unserem Fall, bis in die Zeit der Langobarden zurückreicht, die Geschichte unseres Geschlechts. Niedere Arbeiten verrichten unsere Bediensteten. Wir beschäftigen uns nur mit schönen, edlen und ehrenhaften Dingen; deshalb sind wir vor allen anderen Wesen, die eine Seele besitzen, ausgezeichnet. Natürlich beschäftigt sich auch der Klerus mit Dingen, die weit über das rein Materielle hinausgehen, doch sind Priester keine Männer und besitzen daher auch keine Ehre; deshalb stehen sie weit unter uns. Nur unsere Ehre erhebt uns so hoch über alle anderen, und niemals würde meine Familie es zulassen, daß etwa ich beleidigt werde. Ebenso muß auch ich durch mein Verhalten diese Ehre bewahren. Neben uns dulden wir nur die Philosophen wie meinen Lehrer Constantinus und die Künstler, weil diese dem göttlichen Willen in Gestalt von Kunstwerken sichtbaren Ausdruck verleihen. Wer jemals eine dieser unsagbar lieblichen Madonnen gesehen hat, die Meister Sandro erschaffen hat, den man auch Botticelli nennt, der weiß, wovon ich spreche.
Doch nun zurück zu meiner wenig beneidenswerten Lage. Was konnte ich tun, um Nanna mitnehmen zu können? Ob es mir paßte oder nicht, Constantinus’ Rat erschien mir nötiger denn je, und ich beschloß, ihn aufzusuchen und ihn um Verzeihung zu bitten, da mir die Beleidigung doch zu schwerwiegend erschien, um einfach darüber hinwegzugehen. Selbst wenn mich sein Verhalten sehr verletzt hatte, hätte ich doch Haltung bewahren müssen und ihn bestenfalls mit einem jener lateinischen Sprüche zurechtweisen, von denen ich wirklich genug gelernt hatte, cum summo studio... Irgendwie tat er mir nun leid, mein gütiger alter Lehrer; konnte nicht auch ein Philosoph einen Fehler begehen? Oder war alles ganz anders und beruhte einfach auf einem Mißverständnis? Ich beschloß, unverzüglich zu Constantinus zu gehen und alles aufzuklären.
Als ich an seinem Studiolo ankam, rief ich ihn beim Namen und trat ein. Da ich ihn nicht gleich entdecken konnte, schaute ich umher und bemerkte dann eine Gestalt, die am Boden kauerte. Constantinus!
Er bot einen gräßlichen Anblick. Seine Unterarme hatte er in einen Bottich gelegt, der, wie mir schien, voll Blut war. Unendlich mühevoll und langsam wandte er mir sein Gesicht zu, das gelblich fahl aussah wie Wachs. Er bewegte die Lippen, und ich glaubte, etwas auf Griechisch Gemurmeltes zu vernehmen – dann sackte sein Kopf nach unten weg. Da er zwischen dem Bottich und der Wand kniete, drohte sein Gesicht in das Blut zu tauchen. Ich riß ihn an einer Schulter hoch, und er fiel seitlich auf den Boden. Voller Grauen blickte ich auf die tiefen, klaffenden Schnitte an seinen Unterarmen, die nun aus dem blutgefüllten Bottich zum Vorschein kamen. Ich erkannte sofort, daß Constantinus einen verabscheuungswürdigen Frevel gegen sein Leben begangen hatte, etwas, das die Kirche mit furchtbarsten Strafen ahndete – wenn es bekannt würde. Obwohl mich das Entsetzen fast lähmte, rannte ich zu Nanna, schilderte ihr rasch die Lage und bat sie, schnell mitzukommen, vielleicht war Constantinus noch zu retten. Vor allem durfte niemand von dieser schrecklichen Tat erfahren, die große Schande über unser Haus brächte.
Nanna war wie versteinert, als sie den leblos Daliegenden sah. Ich schüttelte sie: »Los, wir müssen ihn aufs Bett legen, beeil dich, damit niemand Verdacht schöpft.«
Sie sah mich groß an.
»Greif unter seine Arme, wir ziehen ihn über den Boden zum Bett.«
»Ich kann nicht, er sieht so schrecklich aus!«
»Nanna, Nannina, bitte reiß dich zusammen, ich brauche deine Hilfe.«
Sie stand da wie eine Salzsäule, und wahrlich, es sah so aus, als sei das Ende von Sodom und Gomorrha nahe: Constantinus vielleicht schon tot und mein Kleid über und über mit Blut bespritzt. Ich tat etwas, das ich noch nie getan hatte und auch nie wieder tun würde: Ich schlug Nanna. Es war, als käme sie nun erst wieder zu sich.
»Ja, ich helfe dir, Lisa, verzeih.«
Dann faßte sie kräftig zu und half mir, den Verletzten auf das Bett zu zerren. Fast war ich froh, ihn stöhnen zu hören, er lebte also noch. Was hatte ich angerichtet! Diesen grundehrlichen Menschen, der wie ein Vater zu mir gewesen war, der mich nie zu den Lektionen geschlagen hatte, was sein gutes Recht als Lehrer gewesen wäre, der geduldig versucht hatte, einem Mädchen die Lehren der alten Philosophen verständlich zu machen, um mich – wie er sich ausdrückte – zu einem denkenden Menschen zu erziehen, zu einer Frau, die geistig dem Manne ebenbürtig ist. Diesen Menschen hatte ich mutwillig in äußerste Verzweiflung gestürzt.
Er röchelte schwer und flüsterte, daß ihm kalt sei. Wir legten trotz der Sommerhitze alle verfügbaren Decken auf ihn. Dann stammelte der Bedauernswerte ein Wort, das wie »Wasser« klang. Nanna huschte fort, einen Krug davon zu holen. Als sie zurück war, benetzte sie ein Tuch und träufelte etwas Wasser auf seine Lippen, er sog es gierig ein und erbrach sich dann würgend. Sein Zustand war erschreckend. Wie der Vorhof zur Hölle erschien mir der Gestank von Blut und Erbrochenem, das qualvolle Stöhnen des alten Lehrers und Blut, Blut, überall Blut. Mein Sommergewand war getränkt davon, der Saum nun schwer und naß. Zu all dem kam unser Entsetzen und das Wissen um die grausamsten Strafen, wenn diese Untat bekannt würde.
In unserer Aufregung hatten wir vergessen, seine Arme zu verbinden. Erst als sich die Bettdecke rot färbte, fiel es mir plötzlich ein.
»Heiliger Rochus«, flehte ich, »hilf!«
Mit dem kleinen Messer, das der Lehrer zum Anschneiden der Federkiele gebrauchte, zerschnitt Nanna eine dünne Decke, und wir umwickelten mit den so gewonnenen Bandagen fest seine Unterarme. Dann hielt Nanna es nicht mehr aus und stürzte zum Fenster.
»Ich kann den Gestank nicht mehr ertragen, selbst wenn er jetzt sterben muß.«
Wie jedermann weiß, ist ein offenes Fenster bei Kranken sehr gefährlich; es kann ein Miasma erzeugen, das den Geschwächten tötet. Deshalb muß das Zimmer dunkel und ganz abgeschlossen sein. Auch auf diese Gefahr hin öffneten wir die Fensterläden und ließen die frische, aber warme Luft hereinströmen. Wider unser Erwarten schien dieser Luftzug den Armen ein wenig zu stimulieren. Er bat um Wasser, das er diesmal bei sich behielt. Wir reinigten das Bettzeug von dem Erbrochenen, so gut es eben ging, und schleppten den Bottich vorsichtig, damit uns niemand sah, zu einem uralten, jetzt nicht mehr benutzten Abtritt, in den wir das Blut hineinkippten. Dabei bemerkte ich, daß es mit Wasser vermischt war. So hatte es der Unglückliche gehalten wie der greise Seneca, der sich aus Verzweiflung über die Verbrechen seines ehemaligen Schülers Nero im Bad die Pulsadern hatte öffnen lassen. Nun, Senecas Vorhaben war damals gelungen, und ich betete inbrünstig, daß es Constantinus nicht ebenso erging.
»Sag, Nanna, bin ich ein Ungeheuer wie der Imperator Nero?« Sie sah mich verwundert an.
»Sag mir, glaubst du, daß sich der arme Constantinus meinetwegen umbringen wollte?«
»Warum sollte er das tun?«
»Ich habe ihn grausam beleidigt, ihn einen verräterischen Graeculus genannt.«
Nanna wurde blaß. »Das hast du gesagt?«
»Ja.«
»Bei allen Heiligen, das war zuviel, wie konntest du nur!«
»Er hat Giocondo für mich ausgesucht.«
»Ja und? Sei froh! Hättest du lieber einen gebrechlichen alten Magnaten genommen wie unseren Nachbarn Gioacchino di Leone Rossi, nur weil er von altem Adel ist? Lieber würde ich das abgeschlagene Haupt des Johannes küssen!«
Ihre Wort trafen mich – wie alle Worte, die wahr sind. Was hatte ich getan! Dumm und ungerecht war ich gewesen und hatte so den alten Philosophen dazu getrieben, die Hand gegen sich selbst zu erheben. Möge mir der Herr in seiner unendlichen Güte vergeben!
Nanna holte indes Wasser und begann, das Studiolo notdürftig vom Blut zu reinigen, was nicht so einfach war. Wenn wir die Vorhänge von Constantinus’ Bett zuzogen, sah das Zimmer unverdächtig aus. Trotzdem mußten wir verhindern, daß irgend jemand in nächster Zeit den Raum betrat. Ein großes Problem bildete mein Gewand, Über- und Unterkleid, das Hemd, alles war voll Blut und sah schlimm aus. Hier konnten wir im Moment nichts mehr tun, auch durfte unser langes Wegbleiben nicht entdeckt werden. So stellten wir einen Krug Wasser mit viel Wein gemischt an das Bett des Kranken, nachdem wir ihn einen kräftigen Schluck hatten nehmen lassen, und versprachen, bald wieder nach ihm zu sehen. Schnell liefen wir in mein Gemach.
Wir waren beide von den schrecklichen Vorgängen der letzten Stunde ziemlich mitgenommen. Nanna faßte sich als erste.
»Heute nacht werde ich in das Zimmer zurückgehen und weiter versuchen, das Blut vom Boden zu entfernen, damit niemand Verdacht schöpft.«
»Und unsere Kleider?«
Sie sah mich an und dann an sich selbst herunter. »Wir müssen hinaus zum Fluß und das Blut auswaschen.«
»In der Nacht?« Mir graute.
»Es geht nicht anders, Lisa, oder sollen wir vor aller Augen unsere besudelten Gewänder reinigen?«
Ich sah ein, daß es wirklich keinen anderen Ausweg gab. »Und wie kommen wir aus der Rocca hinaus? An der Torwache vorbei?«
»Ich werde dem Wächter einen Soldo geben, dann wird er uns durchlassen«, meinte Nanna, die offenbar damit bereits Erfahrung hatte.
Ich mußte mich doch wundern, daß so etwas offenbar gemacht wurde und nahm mir vor, Nanna zu einer geeigneteren Stunde danach zu fragen.
Wir zogen uns rasch um und kamen fast zu spät zur Abendtafel, wo wir Constantinus mit einer Magenverstimmung entschuldigten. Alle waren recht ernst, besonders Vater, der mir sehr verändert schien. Sollte es ihm doch nahegehen, daß ich ihn bald verließ? Ich weiß es bis heute nicht. In der Regel sind Väter froh, ihre Töchter verheiratet zu sehen. Zwar kostete es eine schöne Summe, Aussteuer und auch Hochzeitsfeier sind ja keineswegs billig, wenn sie standesgemäß ausfallen sollen. Aber letztendlich bedeutet der Weggang der Tochter auch einen lästigen Kostgänger weniger: Bedienstete, Pferd, Kleidung, Nahrung und Schönheitsmittel, das alles belastete auch eine Familie wie die unsere durchaus. Bald waren sie mich also los, dachte ich trotzig, und mein älterer Bruder mochte froh sein, hatte er doch ständig Angst, die Ausgaben für mich würden sein Erbe zu sehr schmälern.
Nach dem Mahl las ich den anderen noch ein wenig aus einer kürzlich erschienenen italienischen Übersetzung des Cicero vor, es war eines jener neuartigen Bücher, die auf völlig andere Art hergestellt worden waren. Es heißt, sie seien nicht mehr von Hand geschrieben, sondern mittels einer geheimnisvollen Maschine hergestellt worden. Eines sähe aus wie das andere, und wirklich, die Schrift war wunderschön, ganz gleichmäßig und klar zu lesen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie auf diese Weise ein Codex gemacht werden soll, ohne die Seiten zu beschreiben, doch scheint dies eben eine jener geheimen Künste zu sein, wie etwa das Richten und Abfeuern eines Geschützes. Auf der ersten Seite meines Buches war ein seltsames Bild, das einen zerklüfteten Felsen zeigte, auf dem eine Hand, die aus den Wolken kam, mit einem schweren Hammer Feuer und Funken schlug.
Wie ich vorausgesehen hatte, wirkte der weise Sermon des Cicero einschläfernd auf die Lauschenden, und schon bald nachdem der Mond am Himmel erschienen war, hob Vater die Tafel auf, so daß ich mich zurückziehen konnte.
Oben wartete Nanna bereits ungeduldig. »Endlich, ich glaubte schon, du bliebest ewig unten.«
»Das ist dir nur so vorgekommen; schau, der Mond steht noch nicht allzu hoch, und ich las so monoton aus dem Cicero vor, von Anstand, Würde, Sitte und Zurückhaltung der edlen Römer, daß alle bald zu Bett strebten.«
Nanna lachte leise und schien zufrieden. »Vorhin bin ich bei dem armen Constantinus gewesen. Er konnte sogar schon ein paar Worte sprechen, trank Wein und aß ein paar Bissen von dem Stück Kuchen, das ich ihm gebracht hatte.«
Mir fiel ein Stein vom Herzen. »So wird er noch eine Weile warten müssen, bis er vor seinen Schöpfer tritt.«
»Er hat nach dir gefragt.«
»Das habe ich erwartet, also, bleib noch ein wenig hier, ich sehe kurz nach ihm.«
Mit einer kleinen Öllampe in der Linken huschte ich durch die finsteren Gänge bis zum Studiolo, machte leise die Tür auf und flüsterte seinen Namen.
»Tritt ein, Lisa, komm und setz dich zu mir. Das Sprechen fällt mir noch schwer.«
Als ich ihn so leidend im flackernden Licht der kleinen Öllampe unter den Decken liegen sah, empfand ich großes Mitleid mit meinem alten Lehrer. Die Reue packte mich, ich konnte nicht anders und kauerte mich an der Seite des Bettes nieder.
»Meister, liebster, verehrter Meister...«, dann erstickten heiße Tränen meine Stimme.
»Liebes Kind, mach dir keine Vorwürfe. Es ist ja wahr, ich habe dich hintergangen. Aber das geschah auf ausdrücklichen Wunsch deines Vaters, und wie du weißt, ist seinen Wünschen unbedingt Folge zu leisten.« Er atmete schwer, die kurze Rede hatte ihn bereits sichtlich angestrengt.
»Sprich nicht weiter, ich bin ungerecht gegen dich gewesen und habe nur eine Bitte: Verzeih mir!«
»Es soll alles gut sein, Lisa, aber eines mußt du wissen, es waren nicht allein deine ungestümen Worte, sondern...« Er röchelte vor Erschöpfung und blieb eine ganze Weile still, nur sein Atem war zu hören. Dann sagte er: »Es war meine armselige, kleinmütige Furcht vor einem Alter in Armut und Not, das eines wahren Philosophen unwürdig ist.«
»Bitte schweig, es strengt dich zu sehr an, sprechen wir morgen weiter.«
»Nein, es geht schon. Also, nachdem du nun fortgehen würdest, sah ich mich ohne Arbeit und Brot, einsam und verlassen, ein unnützer alter Mann ...« Constantinus konnte nicht mehr weiterreden und machte eine hilflose, schwache Geste mit seiner Hand. Tiefstes Mitgefühl überkam mich. Fast solange ich denken konnte, hatte er mich unterrichtet für eine lächerliche Lira im Jahr, Unterkunft, Kleidung und Verpflegung. Und ich hatte nicht einen Augenblick an sein Schicksal gedacht, sondern nur an das meine, das es, genaugenommen, sehr gut mit mir meinte; ich brauchte nur an den edlen Giocondo und seinen himmlischen Rubinring zu denken.
»Meister Constantinus, sei unbesorgt, ich schwöre bei dem Herzblut Jesu Christi, für dich zu sorgen bis an dein Ende. Möge mein Leib für immer unfruchtbar bleiben, sollte ich dieses Versprechen nicht halten.«
Ich vernahm einen seltsamen Laut – der liebe, alte Mann weinte. Ich reichte ihm den Krug, und er trank in langen, tiefen Zügen. Dann schien er wieder gefaßt.
»Gott segne dich, Lisa, Gott segne dich.« Darauf sank er in die Kissen zurück und war nach einer kurzen Weile in den Schlaf der Erschöpfung gefallen.
Nun waren mir durch den Willen Gottes bereits zwei Menschen anvertraut: meine liebe Nanna und Constantinus. Doch gehörte dies zu jenen Aufgaben, die uns Edlen durch den Herrn im Diesseits zugewiesen worden sind: Freunde, Klienten und weniger mächtige Verwandte der eigenen Familie zu schützen und zu verteidigen.
Ich schlich mich still hinaus und ging in mein Zimmer, wo Nanna ungeduldig wartete. Sie drückte mir eines der Kleiderbündel in die Hand, und wir eilten durch die Dunkelheit an der alten Mauer entlang zum Tor. Nanna drängte mich in eine Nische und flüsterte, ich solle warten. Dann ging sie langsam auf den Torwächter zu. Man hörte die beiden einige Zeit tuscheln, dann kam Nanna zurück und zog mich mit sich hinaus.
Nie in meinem ganzen Leben werde ich diese Stunden vergessen. Es war offensichtlich, daß die Nacht von den Geistern beherrscht wird: Kobolde narren knackend im Unterholz; der bleiche Mond scheint weiß auf zuckenden Fratzen, die verborgen lauern; der Wind rauscht in den Blättern der Bäume, doch nicht derart, wie wir es tags vernehmen, sondern bedrohlich und unheimlich wie die Brandung eines Geisterozeans. Blutsaugende Vampire gleiten pfeilschnell durch die Lüfte und sind in dem fahlen Mondlicht nur undeutlich wahrzunehmen. Ich war fast wahnsinnig vor Angst, es könnte mich einer davon anfallen.
Nanna und ich trugen alle geweihten Amulette bei uns, die wir besaßen, und ich bin auch heute noch überzeugt, daß nur sie es waren, die uns in jener Nacht vor den Dämonen der Finsternis retteten.
Endlich gelangten wir zu dem kleinen Fluß Terno, der jetzt im Sommer bis auf einen Bach ausgetrocknet war, und verweilten kurz an der steilen Uferböschung. Mein Gewand war schweißdurchnäßt in dieser warmen Nacht. Wir mußten jetzt erst einmal verschnaufen. Auch Nanna hatten Anstrengung und Furcht den Atem geraubt. Wir sahen uns beklommen an. Da ertönte nicht weit von uns ein grausiges Wimmern. Erstarrt vor Angst, konnte ich nicht einmal mehr beten, geschweige denn fortlaufen. Gebannt standen wir da und erblickten eine gespenstische Szene: Im bleichen Mondlicht schimmerte der nackte weiße Körper einer Frau, und darauf lag, ebenso nackt, ein Mann. Beide wanden sich in verbissenem Kampf, der Mann schien die Frau zu würgen. Sie zuckte und stieß spitze Schreie aus, wenn der Mann sich wieder fest auf sie warf. Ihr Körper befand sich in einer seltsam verkrampften Stellung, auf dem Rücken liegend, streckte sie beide Beine angezogen gen Himmel. Dann fing sie schauerlich an zu grunzen, immer wilder, bis sie plötzlich verstummte. Der Mann aber ließ noch nicht von ihr ab, warf sich wie von Sinnen immer wieder auf sie, stöhnte laut und blieb endlich still liegen.
Nanna zog mich am Ärmel und flüsterte, ich solle weitergehen. Sie war sichtlich unbeeindruckt von dem Gesehenen. Wir schlichen vorsichtig am Ufer flußaufwärts. Mir schien es wie eine Ewigkeit, bis Nanna hinter einer Flußbiegung haltmachte. Das Erlebnis hatte mich für kurze Zeit die Furcht vor den Schrecken der Nacht vergessen lassen.
»Glaubst du, er hat sie umgebracht?« flüsterte ich Nanna erregt zu.
Nanna kicherte. »Liebste, dumme Lisa, das war doch kein Kampf auf Leben und Tod. Es waren die Freuden der fleischlichen Liebe.«
Ich muß ziemlich verdattert dagestanden haben. Dies sollte jene Liebe sein, die Ovid in seinen »Amores« oder der »Ars amandi« preist und von der ich in Constantinus’ Bibliothek heimlich gelesen hatte?
»Nein! Das kann nicht sein!«
»Aber so ist das nun einmal, Lisa. Ich habe es zwar noch nicht am eigenen Leibe erlebt, aber schon öfter gesehen.«
Eigentlich war Nanna stets aufrichtig zu mir gewesen, weshalb also sollte sie mich jetzt anlügen. Und in der Tat, ich wußte ja, daß über bestimmte Dinge nicht geredet wurde und daß es unschicklich war, gewisse Fragen zu stellen.
»Aber warum tun sie das, wenn sie dabei vor Schmerzen stöhnen?«
»Ich weiß es selbst nicht genau, aber ich glaube, das sind keine Schmerzen. Jedenfalls machen es die Knechte und Mägde fast jede Nacht, deshalb sind sie dann am Tage so faul und müde, daß sie ab und zu vom Aufseher die Rute zu spüren bekommen.«
Die neuen Erkenntnisse verwirrten und beschäftigten mich derart, daß ich ganz den Zweck unseres Hierseins vergessen hatte. Erst als Nanna ihr Bündel aufschnürte, dachte ich auch wieder an unsere Aufgabe. Zunächst wässerten wir die Gewänder, indem wir sie ins seichte Wasser legten und mit Steinen beschwerten. Nun hatten wir eine Zeitlang zu warten, damit das Blut genügend geweicht war. Das dunkle Wasser gluckerte um unsere Füße. Wie so anders war doch die Nacht. Bei Tage spendete das Wasser herrliche Kühle; es machte Spaß, darin zu waten und den silbrigen Fischlein zuzusehen, die blitzartig davonschwammen. Doch in der Dunkelheit lauern darin nur Wasserdämonen, dazu Elfen und Nymphen im Schilf, um einen Unseligen auf den Grund der Tiefe zu ziehen. Ich war darum froh, daß wir die Kleider in einem kleinen, ganz flachen Seitenarm ausbreiten konnten.
Was mir Nanna erzählt hatte, ließ mir keine Ruhe. Zuviel stimmte hier nicht mit meinem von Constantinus erworbenen Wissen über die Liebe überein.
»Und du sagst, daß die Knechte und Mägde so etwas beinahe jede Nacht tun?«
»Ja, ganz sicher, und nicht nur sie, sondern fast alle anderen auch.«
Welche geheimnisvolle Kraft mochte hier wohl wirken, die Mann und Frau zu solch heimlichem, offensichtlich doch verbotenem Tun zusammenführte?
»Warum hast du mir nie davon erzählt?«
»Nun, ich brauch dir kaum zu sagen, wie unschicklich das ist, und du hast mich auch nie danach gefragt.«
»Wie hätte ich dich etwas fragen können, von dem ich keine Ahnung habe?«
»Und bei der Beichte? Kamen da nicht gewisse Dinge zur Sprache?«
Plötzlich konnte ich einen Zusammenhang herstellen, der mir bisher nicht aufgegangen war. »Don Serafino stellte mir immer so merkwürdige Fragen, wenn du das meinst. Er sprach von unkeuschen Gedanken und Werken, und auf meine demütige Entgegnung, ich wisse nicht, was er meine, antwortete Don Serafino, es beträfe die Erbsünde. Doch auch das verstand ich nicht recht, und ich fing im Beichtstuhl an zu weinen, weil ich nicht wußte, ob ich eine solche Sünde vielleicht begangen hatte, aber aus Unwissenheit nicht beichten konnte, so daß mir die Hölle gewiß war. Mein Beichtvater wollte wissen, warum ich weinte, und ich erzählte ihm von meinen Befürchtungen um die ewige Seligkeit. Gut, meinte Don Serafino, er wolle meine Zweifel zerstreuen, ich sei ein rechtes Gotteskind und müsse erfahren, auf welche Weise die Mächte der Hölle von uns Mädchen Besitz ergreifen. Dazu sei das ehrwürdige Verfahren der Sollicitatio bestimmt. Ich war erleichtert, die Fragen nämlich, die Don Serafino mir dann stellte, konnte ich allesamt reinen Herzens verneinen. Ein wenig seltsam sind sie mir schon erschienen. Ob ich oder gar ein Mann mich je zwischen den Schenkeln oder sonstwo berührt habe und allerlei mehr. Dies seien Unkeuschheiten, die furchtbarste Strafen nach sich zögen. Auch sprach er von nichtehelichem Beilager, und daß die Frucht einer solchen Untat bald offen zutage träte.«
Nanna sagte nichts und machte sich mit der Wäsche zu schaffen. Die Folge einer solchen Sünde war das ewige Höllenfeuer, wie ich dachte, und darum beschloß ich, daß kein Mann mich jemals berühren dürfe. Nun war dies aber durch Giocondo und dessen Handkuß geschehen. Ich mußte das Don Serafino beichten.
Der Gedanke an meinen zukünftigen Gatten brachte mir die augenblickliche Lage schlagartig zum Bewußtsein: Wenn er mich hier sehen würde! Ich befand mich wahrlich in einer makabren Situation. Ich, die zukünftige Gemahlin des ehrenwerten Giocondo, Tochter des edlen Antonio Gherardini, wasche mit hochgeschlagenen Röcken wie eine Bäuerin im Fluß meine Kleider. Und das mitten in der Nacht. Und was ich auswasche, ist das Blut eines alten Mannes, den ich mit meinen unbesonnenen Worten beinahe umgebracht habe!
Noch dazu war ich auf einige Geheimnisse gestoßen, die hinter einem Schleier des Nichtaussprechens oder mit dem bloßen Hinweis auf deren Unschicklichkeit vor mir verborgen gehalten worden waren. Nanna hingegen schien mehr zu wissen, als sie zunächst eingestehen wollte. Und, beim Mysterium der Unbefleckten Empfängnis, ich schwor mir, meine Freundin noch eindringlich darüber zu befragen.
Nachdem die Kleider einige Zeit geweicht hatten, zog Nanna eines aus dem Wasser und bearbeitete es mit weißer Asche, die sie in einem kleinen Leinensäckchen mitgenommen hatte. Doch alle Mühe war umsonst; selbst im milchigen Mondlicht sah man noch deutlich die Blutflecken. Unsere Gewänder waren verdorben, und das war mehr als fatal, denn nun besaß jede von uns nur noch ein Kleid, und das würden wir sonntags wie werktags tragen müssen.
»So soll ich meinem Zukünftigen gegenübertreten mit einem einfachen Kleid? Was wird er von unserer Familie denken?« Eine blamable Vorstellung.
»Ach was, wenn er dich begehrt, wird es ihm gleichgültig sein, und überhaupt betrachtet Giocondo uns sicher als halbe Bauern, was können wir hier schon gegen die Florentiner Eleganz aufbieten?«
Nanna hatte nicht unrecht, aber mein Vater war ein stolzer Mann und würde es gewiß ungern sehen, wenn sich seine Tochter ihrem künftigen Mann im Alltagsgewand präsentierte. Nanna traf das Ganze jedoch noch schlimmer, denn sie besaß nur noch ein recht fadenscheiniges Kleid, das einst meiner Mutter gehört hatte, daneben ein leichtes Sommerüberkleid und zwei lange Hemden. Wenn ich mir nicht etwas einfallen ließ, könnte der nächste Winter sehr, sehr kühl für die arme Nanna werden. Der nächste Winter! Bei dem Gedanken daran erschauderte ich, denn mir wurde schlagartig klar, daß dann schon alles ganz anders sein würde – ich als Gattin des Giocondo und Nanna hoffentlich an meiner Seite.
War Giocondo recht sparsam, wie man es von den meisten Florentiner Patriziern sagte? Nun, ich hatte die Sache mit den verdorbenen Gewändern verschuldet und war eisern gewillt, ein neues Kleid für Nanna bei meinem Gemahl zu fordern. In gedrückter Stimmung wrangen wir die Sachen aus, Nanna verschnürte sie wieder zu zwei Bündeln, und dann gingen wir vorsichtig am Flußufer entlang bis zu der Biegung, von wo aus die Rocca als dunkle, ferne Silhouette zu sehen war.
Am Tor angelangt, schlich sich Nanna lautlos an und gab mir dann einen Wink, daß ich kommen sollte. Die kleine Seitenpforte war nur angelehnt, und das Schnarchen des Wächters drang bis zu uns heraus. Eine unglaubliche Nachlässigkeit, auch von meinen Brüdern, die ein Auge auf die Wachen haben müßten. Da ich nicht gut gestehen konnte, nach Mitternacht vor den Mauern der Rocca umhergeschlichen zu sein, beschloß ich, mich nicht in diese Dinge einzumischen. Außerdem sollen Frauen sich von derartigem fernhalten, die Sicherheit der Familie ist schließlich Sache der Männer – und überhaupt gehörte ich schon gar nicht mehr richtig dazu.
Schon bald würde ich eine Gioconda sein, für alle Zeiten. Dann unter dem Schutz und der Vormundschaft meines Gatten und dessen männlicher Verwandten. Bringe ich einen oder mehrere Knaben zur Welt, so stärkt sich dadurch mein Ansehen in der Familie. Söhne mehren Kraft, Macht und Erfolg; ist man dann einmal alt und gebrechlich, so schützen sie vor der Willkür anderer, sichern das Vermögen und bescheren einem dadurch ein friedliches und beschauliches Alter. Töchter hingegen sind eine Belastung, sie verursachen nur Kosten und gehen später in der Familie ihres Gatten völlig auf, so daß die Eltern nichts mehr von ihnen haben. Natürlich können durch eine Heirat auch dauerhafte Verbindungen von Geschlechtern geschaffen werden, und so mancher Streit hat durch eine Hochzeit einen guten Ausgang genommen. So können Zwistigkeiten durch Übereinkunft der Oberhäupter intern beigelegt werden, und kein minderes Familienmitglied würde es wagen, sich einem solchen Richterspruch zu widersetzen.
Ohne Gemahl ist die Frau nichts. Bleibt ein Mädchen unverheiratet in ihrer Familie, so untersteht sie dem jeweiligen Oberhaupt und ist damit den Launen und der Gnade seiner Ehefrau ausgeliefert. Sie besitzt kein eigenes Vermögen und wird nur geduldet wie ein fünftes Rad am Wagen. Kinderlos verbringt sie ein trauriges Leben ohne Freude und rechte Aufgabe. Nun, Gott sei Dank war ich einem solchen Schicksal offenbar entronnen.
Ich bemerkte, wie Nanna, die als meine Zofe mit in meinem Bett schlief, leise aufstand und hinaushuschte. Nach einiger Zeit kam sie mit meinem Frühstück zurück, einem großen Becher Wasser mit ein wenig Wein gemischt und etwas trockenem Brot, auf dem ich stets bestand, obwohl es eigentlich nicht üblich war, am Morgen etwas zu essen.
»Du siehst so nachdenklich aus, Lisa.«
»Ja, das bin ich, ich mußte gerade an meine bevorstehende Ehe denken, aber auch daran, wie traurig es wäre, unverheiratet zu bleiben.«
»Traurig muß das nicht immer sein. Ich hörte von einer gewissen Laetitia aus Florenz, die eine berühmte Cortigiana und Meretrice ist, mit einem goldenen Wagen umherfährt und Gedichte verfaßt. Strozzi, Pazzi, Vespucci und alle anderen bedeutenden Männer sollen ihr zu Füßen liegen.«
»Vielleicht für einige Jahre; wenn dann ihre Schönheit verblüht ist, sinkt die einst verehrte Kurtisane zur Hure herab.«
Cortigiana und Meretrice, das waren wieder zwei Worte, die zu jenem Zirkel des Unaussprechlichen gehörten, das man vor mir verbergen wollte. Ich wußte zwar, daß es sich um etwas Unziemendes handelte, jedoch nicht, um was genau.
»Ach ja, liebste Nannina«, nahm ich sie mir vor, »wie gut, daß wir gerade davon sprechen, ich habe da ein paar wichtige Fragen an dich.«
»Ich wußte, daß es dir keine Ruhe lassen würde, bei mir war es damals genauso.«
»Also sprich, was hat es auf sich mit diesen seltsamen Ereignissen im Flußbett?«
»Na ja«, sie sah mich gönnerhaft an, »so werden eben die Kinder gemacht.«
»Indem ein Mann seine Frau beinahe umbringt? Das ist doch Blödsinn!«
»Nicht ganz, weißt du, das sieht eben nur so aus, in Wirklichkeit ist es jedoch völlig anders.«
»Da bin ich aber gespannt.«
»Hast du schon einmal einen Pene gesehen?«
Ich kannte nicht einmal das Wort. »Nein, was ist das?«
»So etwas haben alle Männer zwischen den Beinen, und wenn sie mit einer Frau zusammen sind, wächst dieses Ding, bis es so groß und hart ist wie eine Wurst; dann stecken sie das bei uns unten rein und reiben damit hin und her.«
»Du bist verrückt!«
»Kaum, es ist nun mal so!«
Ich war wie vor den Kopf geschlagen, so etwas konnte es doch nicht geben. Wahrscheinlich hatte Nanna sich das alles zusammenphantasiert, sich geirrt, war irgendeinem Aberglauben aufgesessen, wie er unter unwissenden Bauern geläufig war.
»Und du glaubst, auf diese Weise wäre auch ich zustande gekommen? Mein Vater und meine selige Mutter auf dieselbe Art wie die beiden unten am Fluß – unmöglich!«
»So wahr ich lebe. Du und ich, jedes Lebewesen entsteht so.«
Ich befand mich nun in einer Zwickmühle. Einerseits sagte mir mein Verstand, daß derartiges völlig unmöglich sein mußte, andererseits hatte ich so ein seltsames Gefühl, daß doch irgend etwas Wahres daran sein könnte. Weshalb gab es bestimmte Dinge, über die man nicht sprach? Warum etwa mußte ich auf mein Zimmer gehen, wenn eine rossige Stute zum Hengst geführt wurde? Ich mußte diesen Dingen systematisch auf den Grund gehen, denn sicher stellten sie sich letztendlich ein wenig anders dar als in der vielleicht ein wenig zu drastischen Weltsicht von Nanna.
Die Pferde! Ja, hier lag wohl der Schlüssel zur Wahrheit. Ich saß mit Nanna auf dem großen Bett, kaute das alte Brot, nahm einige Schluck Wasser mit Wein. Wie mich Constantinus gelehrt hatte, verknüpfte ich eine Beobachtung mit der anderen, und die Pferde dienten mir als Beispiel. Wie bereits Aristoteles in seiner Schrift »Organon« sagt, hat das Sein seine Stätte im erfahrbaren einzelnen, und wenn ich etwas wissen wollte, mußte ich von einzelnen Beobachtungen ausgehen und diese logisch verbinden. Also zunächst zu den Begriffen.
Pene... Tatsächlich hatte ich häufig gesehen, daß Hengste und Wallache beim Wasserlassen ein schlauchartiges Teil sehen ließen, Stuten hingegen nicht. Wenn Stute und Hengst zusammengebracht worden waren, war ich immer weggeschickt worden. Und doch wußte ich, daß man Stuten von den Hengsten fernhalten mußte, wenn sie rossig waren und daß Hengste nicht mehr zu reiten waren, wenn eine solche Stute in der Nähe war, und ihrem Reiter nicht mehr gehorchten. War das dieselbe Kraft, die es jene beiden am Fluß so wild miteinander treiben ließ?
Verknüpfte man diese Beobachtungen zu einem Urteil, so konnte ich mir durchaus vorstellen, daß an Nannas Ausführungen etwas dran war.
»Ist das bei Hunden ebenso?«
»Genauso wie bei allen anderen. Wieso interessiert dich das?«
»Ich möchte Gewißheit haben, und die kann ich nur erlangen, wenn ich nach den Regeln der Logik vorgehe, wie es mich Meister Constantinus gelehrt hat.«
Sie sah mich mitleidig an. »Und deshalb möchtest du das von den Hunden wissen?«
»Ja, weil ich einige Male bemerkte, daß ein Hund von hinten auf dem anderen gleichsam ritt und nicht wieder herunter wollte, sondern auch so komisch zuckte wie der Mann am Fluß.«
»Es war dasselbe, das weiß ich auch ohne deine gelehrte Logik.« Ich überhörte ihre Spitze. »Aber was wir heute nacht gesehen haben, war doch ganz anders, die Frau lag unter dem Mann, mit dem Gesicht ihm zugewandt.«
»Das besagt nichts, ich habe es auch schon anders gesehen.«
»Hör mal, Nannina, wo um alles in der Welt hast du denn diese ganzen Dinge her?«
»Von daheim zumeist, wenn ich meine Eltern besuchte. Na ja, irgendwann hat mir meine Mutter das Nötigste gesagt.«
»Das Nötigste?«
»Ja, nämlich, daß so die Kinder gemacht werden, und mein Vater würde mich totprügeln, wenn ich es je mit einem Burschen triebe.«
Meine Beobachtungen und die Folgerungen daraus ließen den Schluß zu, daß alles doch in etwa so zu stimmen schien, wie Nanna es erzählt hatte. Ich war geschockt. Deshalb also durfte mich kein Mann berühren, ja durfte ich nicht einmal allein mit ihm sprechen – außer er war so alt wie mein Lehrer. Welch eine gewaltige Kraft mußte das sein, die den Mann zu einer Frau zog? Offensichtlich handelte es sich nicht um eine Himmelsmacht, sondern um etwas Verbotenes, da es bei den Menschen stets heimlich zu geschehen schien und eine Sünde war, wie mir Vater Serafino so plastisch ausgemalt hatte. Doch konnte etwas nicht der Wille Gottes sein, dem wir doch offenbar alle unser Leben verdankten? Nanna in ihrer direkten Art und Aristoteles mit seinen Anleitungen zur Logik hatten mich zwar zu einer ersten Erkenntnis geführt, aber viele Fragen blieben noch offen.
Die Philosophie konnte augenscheinlich keine weiteren Antworten mehr geben. Lag es daran, daß sie letztendlich heidnisch war? Konnte mir darüber unsere heilige Religion Aufschluß geben? Ich mußte unbedingt mit Vater Serafino sprechen.
Ich kam nicht mehr dazu, meine Gedanken weiterzuspinnen, denn plötzlich hörten wir, daß zahlreiche Reiter in den Burghof kamen. Schon vom Fenster aus war zu erkennen, daß es sich um Giocondo mit einigen Begleitern handelte.
»Schnell, Nanna, ich will für ihn wunderschön aussehen!«
Das war nicht einfach, denn uns blieb nur wenig Zeit.
»Zu einem Knoten kann ich dir die Haare nicht mehr schlingen, nimm die Haube.«
Nanna kämmte mir das Haar straff zurück, und ich zog die enganliegende, reich bestickte Haube darüber. Meine lange Haare, die unter dem Rand der Haube hervorschauten, wurden einfach hinter das Stehbündchen meines Leinenunterkleides, das ich noch vom Schlafen her trug, gesteckt und fielen darunter über meinen Rücken, was man aber nicht sah. Darüber zog ich die leichte Giornea aus feiner, grüner Wolle, darauf als Jäckchen eine rote Cioppa, zu der enge weiße Ärmel gehörten, die nach unten trompetenförmig weit wurden und über die Hände fielen. »Ich finde die Ärmel nicht«, rief Nanna verzweifelt und wühlte in meiner Truhe. Doch sie blieben verschwunden.
Andere Ärmel paßten nicht, und so zog ich die Cioppa wieder aus. »Heilige Einfalt, in dem Kleid allein sehe ich aus wie eine Handwerkertochter.«
Es war zum Verzweifeln, mein schönstes Kleid ruiniert und nun die Ärmel meines besten Jäckchens unauffindbar. Und unten wartete mein eleganter Bräutigam, der in Florenz stets die schönsten Damen vor Augen hatte. Fast kamen mir die Tränen vor Wut, aber Nanna in ihrer praktischen Art hatte wieder die rettende Idee.
»Zieh sofort alles aus!«
»Ja, aber ...«
»Nichts da, los, es eilt!«
Ich zog mich völlig nackt aus und war wegen Giocondo so aufgeregt, daß ich mich nicht einmal schämte.
»So, dieses Kleid ziehst zu an!«
Es war mein zweites Sommerüberkleid und ziemlich ausgeschnitten, da ja darunter ein hochgeschlossenes Unterhemd getragen wurde.
»Ohne Unterkleid?«
»Ja, ohne Hemd! Und zwar schnell!«
Ich gehorchte fast willenlos und sah dann an mir hinunter. Der Ausschnitt ließ meine Brüste fast bis zu den Knospen sehen, und diese zeichneten sich allzu deutlich unter dem dünnen Stoff ab. Auch sonst verbarg das enganliegende Gewand nur wenig; ich kam mir fast vor wie nackt.
»Haube herunter!« befahl Nanna und zog sie mir auch schon vom Kopf.
»Mit offenen Haaren soll ich meinem Zukünftigen gegenübertreten? Unmöglich!«
»Nur Mut! Wenn du schon nicht aussehen willst wie eine Handwerkertochter, mußt du auch danach handeln.«
»Aber es ist gegen die Sitte, mein Vater wird das nicht billigen.« »Liebste Lisa, was einzig zählt, ist, daß dich Giocondo unwiderstehlich findet, lächle ihn süß an und laß ihn deine Brüste bewundern, er soll vor Begierde vergehen!«
Da war es wieder, jenes nun doch bereits fast ganz gelüftete Geheimnis um Mann und Frau. Er wird meine Brüste sehen, mein offenes Haar und in Leidenschaft entbrennen, so wie der Hengst die Stute wittert... und dann? Wird er auf mich springen wie ein Hund auf den anderen oder einen seltsamen Ringkampf aufführen wie die zwei im Flußbett? Mir wurde ganz schwindelig.
»Geht es dir nicht gut? Komm, nimm noch einen tiefen Schluck vom Wein, dann binde ich dir dein Stirnband um – und vergiß nicht den herrlichen Rubinring!«
Nanna war wirklich rührend.
»So, und nun reibe deine Lippen fest mit dem Zeigefinger, daß sie voll und rot erscheinen.«
Liebevoll wusch sie mir Gesicht und Hände mit einem feuchten Tuch, das diesmal mit Lavendelwasser getränkt war, dann stand schon Ettore in der Tür, um mich nach unten zu geleiten.
Vater und Giocondo waren diesmal nicht so steif und förmlich wie das letzte Mal, sie schienen fast heiter, obwohl keinerlei Anlaß dazu bestand. Vor einer Hochzeit wurden eigentlich ja nur die Bedingungen der Heirat verhandelt, und solche Angelegenheiten waren ernst, todernst, denn es ging dabei um viel Geld. Doch davon war offensichtlich noch nicht die Rede.
Wie im Traum schwebte ich in meinem unglaublichen Aufzug dem Giocondo entgegen und versank in einem tiefen Knicks vor ihm, wobei ich bemerkte, daß er wie gebannt auf meine Brüste sah. Er verbeugte sich ebenso tief, ergriff meine Hand, hielt sie länger, als dies wohl schicklich ist, und küßte sie innig. Wie neulich fühlte ich einen leichten Schauer von meinen Brustspitzen bis hinunter zur Scham rieseln, und mit einem Mal war mir direkt wohl in meinem gewagten Kleid, denn ich bemerkte, daß sogar mein jüngerer Bruder mich intensiver betrachtete, als er das jemals zuvor zu tun für nötig befunden hatte. Vater blickte mich scharf an, bewahrte aber ansonsten eisern die Haltung. Ich wußte, die halbbedeckten Brüste hätte er mir noch durchgehen lassen, aber das offene Haar! Nun, er hatte ja stets gewollt, daß Constantinus mich zu einem denkenden Menschen mit eigenem Willen und Verstand erzog. Allein schon, mich als Menschen zu bezeichnen, obwohl eine Frau zu seiner Zeit noch kaum als ein solcher galt, zeigte, daß mein Vater weiter dachte als andere; und so würde er mir schließlich auch das offene Haar nachsehen.
Es dauerte, bis sich alle wieder ein wenig gefangen hatten, und ich wunderte mich, welche Wirkung solche, mir einfach erscheinenden Dinge auf Männer offensichtlich hatten.
»Lisa, du bist wunderbar! Mir fehlen mehr denn je die Worte, um deine Schönheit zu preisen!«
Das war eindeutig, und ich ging zum Angriff über. »Nur um dir zu gefallen, edler Francesco, trage ich gleichsam die Tracht der Vestalinnen, und wie jene das heilige Feuer Roms, so will ich dir das Herdfeuer in unserem gemeinsamen Haus nähren und erhalten.«
Obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie die Vestalinnen wirklich gekleidet waren, erschien mir mein etwas freizügiges Gewand auf diese Weise nobilitiert.
»So wahr wie die Planeten ewig sich seitwärts einwärts drehen, hoffe ich doch, du bist in einem entscheidenden Punkt nicht wie die Vestalinnen.«
Ich erschrak heftig. Giocondo hatte mein fröhlich gefälschtes Zitat von gestern aufgegriffen und mir nun seine Kenntnisse der Mythologie bewiesen. Wie hatte ich das nur vergessen können! Natürlich, die Vestalinnen waren zu ewiger Keuschheit verpflichtet gewesen. Doch war das Bewußtsein dieser Dinge für mich noch so neu, und ich begriff plötzlich, daß sie sich in alle Bereiche des Lebens drängten; wo vorher für mich nichts gewesen war, breiteten sich nun wahre Geflechte aus, die alle mit der Beziehung zwischen Mann und Frau zu tun hatten. Ich beschloß, die Sache erst einmal zu überspielen.
»Du hast ein herrliches Pferd, ich würde es gerne näher ansehen, führst du mich zu ihm?«
»Aber mit dem größten Vergnügen, erlaubst du, Antonio?« Er bot mir seinen Arm, ohne die Antwort meines Vaters abzuwarten, und wir gingen über die Treppe hinunter in den Hof.
»Ich muß dir etwas gestehen!«
Er sah mich ernst an. »Sag, was es ist.«
»Ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie die Gewänder der Vestalinnen ausgesehen haben.«
»Ich auch nicht.«
Wir sahen uns an und mußten lachen, was die Söldner Giocondos nicht wenig zu verwirren schien, die ihren sonst wohl recht gestrengen Herrn kaum in so heiterer Laune erlebt hatten. Ihre aus rotem und gelbem Samt gefertigten Wamse waren vom Ritt in der Hitze vollkommen durchgeschwitzt, und innerlich mochten sie die Ambitionen ihres Herrn verfluchen, der sie hierher befohlen hatte; doch sie verneigten sich tief vor mir. Der Deutsche, der die Zügel von Giocondos Pferd hielt, machte Stielaugen, als er mich betrachtete; wohl noch nie hatte er eine Edle in so leichtem Kleid gesehen. Dann schaute er jedoch sogleich wieder weg, um nicht den Zorn seines Herrn auf sich zu ziehen.
»Francesco, dein Pferd ist wundervoll, ich habe noch nie ein edleres gesehen.«
Er war sichtlich stolz.
»Es ist von rein arabischem Blut, ausdauernd, sehr schnell, vielleicht schneller als alle anderen, aber zum Springen über Hindernisse nicht besonders geeignet. Das ist natürlich ein Nachteil in unübersichtlichem Gelände.«
Das Tier besaß einen ausdrucksstarken Kopf mit wach blickenden Augen, und seine Ohren spielten aufmerksam hin und her. Während die anderen Pferde unter der Arkade im Schatten dösten, war der Araber ständig in Anspannung, tänzelte, scharrte mit den Hufen und erschien wie die Inkarnation von edler Kraft und Schnelligkeit.
