Mondlichtfrauen - Barbara Davis - E-Book
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Barbara Davis

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Beschreibung

Als Lizzy Moon die Kräuterfarm ihrer Großmutter Althea erbt, möchte sie diese eigentlich sofort verkaufen – denn dem kleinen Dorf ihrer Kindheit hat sie schon lange den Rücken gekehrt. Sie ist glücklich mit ihrer Karriere in New York, weit weg von ihrem schwierigen Familienerbe. Doch als sie Altheas Tagebuch findet, beginnt Lizzy, ihr altes Leben zu hinterfragen und ihre Leidenschaft für das Kreieren von Parfüm wiederzuentdecken. Und dann ist da auch noch ihr attraktiver Jugendfreund Andrew, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Lizzy steht plötzlich vor einer schweren Entscheidung: Soll sie am Ende wirklich zurück nach New York gehen oder der Liebe eine Chance geben und ihr Familienerbe annehmen?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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bei fremdsprachigem Autor

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Ain

© Barbara Davis 2020

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»The Last of the Moon Girls«, Lake Union Publishing, Seattle 2020

This edition is made possible under a license arrangement originating with Amazon Publishing, www.apub.com, in collaboration with Agence Hoffman

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: t. mutzenbach design, München nach einem Entwurf von Micaela Alcaino

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Zitat

Prolog

Eins

16. Juli

Zwei

Drei

17. Juli

Rosmarin – für Erinnerungen

Vier

18. Juli

Fünf

Sechs

Sieben

19. Juli

Acht

Neun

21. Juli

Zehn

Glockenblumen – für die Wahrheit

Elf

22. Juli

Zwölf

Dreizehn

23. Juli

Vierzehn

26. Juli

Fünfzehn

27. Juli

Ringelblume – zum Heilen von Narben

Sechzehn

28. Juli

Siebzehn

29. Juli

Achtzehn

2. August

Neunzehn

3. August

Lilien – für die Wiedergeburt

Zwanzig

7. August

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Basilikum – zum Heilen von Zerwürfnissen

Vierundzwanzig

9. August

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Maiglöckchen – für Versöhnungen

Achtundzwanzig

10. August

Neunundzwanzig

Dreißig

16. August

Einunddreißig

17. August

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

19. August

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

20. August

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

26. August

Löwenzahn – für Ausdauer

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Gardenie – für die geheime Liebe

Epilog

24. Januar

Das Buch von Elzibeth

Danksagung

Lavendel- und Zitronen-Zucker-Peeling

Badezusatz für Wohltuenden Schlaf

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für die Frauen …Heilerinnen der Herzen,Liebende des Lichts,Mittlerinnen der Magie.

Die Liebe wirkt magisch.

Die Liebe ist der Endzweckder Weltgeschichte,das Amen des Universums.

Novalis

Prolog

Im Wasser verwest eine Leiche anders: grausiger, zugleich aber sanfter. So hatte man es mir zumindest erzählt. Wir Moons kennen uns damit nicht aus. Wenn unsere Zeit gekommen ist, wählen wir das Feuer und verstreuen unsere Asche auf dem Land, das seit über zweihundert Jahren unserer Familie gehört. Meine liegt nun ebenfalls dort, vermischt mit dem Staub meiner Vorfahrinnen.

Ist es wirklich erst ein paar Wochen her, seit ich fortgegangen bin? Wochen, in denen ich zwischen den Welten hänge, unfähig, zu bleiben, unwillig, zu gehen, gebunden durch meine Reue und unerledigte Dinge. Das Getrenntsein fühlt sich länger an. Doch ist es nicht mein Tod, der mich hält, sondern der von zwei Mädchen – Darcy und Heather Gilman –, der inzwischen über acht Jahre zurückliegt. Sie wurden fast drei Wochen lang vermisst, bevor man ihre Leichen endlich aus dem Wasser gezogen hat. Es war ein furchtbarer Anblick, aber ich habe nicht weggesehen. Es war schließlich mein Teich, den sie in der festen Überzeugung durchkämmten, darin das zu finden, wonach sie suchten. Kein Wunder, immerhin hat schon die ganze Stadt auf mich gezeigt. Weil ich war, wer ich war. Und was ich war. Oder zumindest weil sie mich dafür hielten.

Erinnerungen, so scheint es, sterben nicht mit dem Körper. Es sind schon Jahre vergangen seit jenem schrecklichen Tag am Teich, und doch habe ich kein einziges Detail vergessen, sehe es immer wieder vor mir, wie in einer endlosen, unbarmherzigen Zeitschleife. Chief Summers in seinen Anglerstiefeln, seine Leute im Boot. Den Wagen der Gerichtsmedizin, der in der Nähe lauert und dessen Hintertüren weit aufklaffen. Das kalkbleiche Gesicht einer Mutter, die darauf wartet, zu erfahren, was aus ihren beiden Mädchen geworden ist. Ich höre das Flüstern, das sich zischend wie elektrischer Strom in der Menge ausbreitet. Und dann den schrillen Pfiff einer Pfeife …

Stille breitet sich über uns aus, eine Stille, die ihr ganz eigenes Gewicht hat. Das Gewicht der Toten. Niemand regt sich, als der erste Leichnam auftaucht, ein Arm in einem dunkelbraunen Mantel. Wasser fließt aus dem Ärmel, während die triefende Gestalt ans Ufer gelegt wird. Ein geschwollenes, verfärbtes Gesicht, teilweise von klatschnassem, dunklem Haar verdeckt.

Sie gehen behutsam mit ihr um, behandeln sie mit einer Fürsorglichkeit, die zugleich grausam wirkt. Es ist eine Qual, das anzusehen. Sie sichern ihre Beweise, begreife ich, und ein kalter Schauder rinnt mir über die Wirbelsäule. Für ihre Anklage. Gegen mich.

Wenig später taucht der zweite Leichnam auf, und es ertönt ein verzweifelter Klageschrei, als das Herz einer Mutter bricht.

So hat es sich zugetragen, an diesem schrecklichen Tag, auf den alles andere folgte. Das Ende der Farm. Vielleicht sogar das Ende der Moons.

Eins

16. Juli

Althea Moon war tot.

So stand es in dem Brief. Gestorben in ihrem Bett. An einem Sonntagmorgen. Gestorben nach langer, schwerer Krankheit. Gestorben und eingeäschert, ihre Asche verstreut unter dem Vollmond, wie es ihr Testament vorsah.

Um Lizzy herum verschwamm alles, als sie durch einen Tränenschleier hindurch den Brief überflog. Die knappen Zeilen bildeten Schlieren auf dem Papier. Da der aktuelle Aufenthaltsort Ihrer Mutter nicht bekannt ist, wurde Ihnen der alleinige Besitz von Moon Girl Farm übertragen. Ich sende Ihnen gemäß dem letzten Wunsch Ihrer Großmutter dieses Paket zu.

Am Briefende fand sich eine Unterschrift: Evangeline Broussard. Der Name sagte ihr nichts, aber diese fremde Frau wusste eindeutig mehr über Altheas letzte Tage als sie selbst. Sie hatte ja nicht einmal gewusst, dass ihre Großmutter krank gewesen war.

Lizzy schluckte die Tränen hinunter, und der salzige Geschmack mischte sich auf ihrer Zunge mit Schuldgefühlen und Trauer. Sie griff nach dem Paket, das zu dem Brief gehörte. Es war in braunes Papier eingeschlagen und wirkte mitgenommen. Sie starrte die Worte an, die in roter Farbe auf das Paket gedruckt worden waren: Zurück an den Absender. Offenbar hatte man es an ihre alte Adresse gesandt und dann retour geschickt, bevor man es an ihr Büro weitergeleitet hatte.

Sie hatte Althea ihre neue Adresse mitteilen wollen, aber wie so vieles in letzter Zeit war es ihr entfallen. Mit angehaltenem Atem riss sie das Packpapier auf und atmete scharf ein, als sie das geprägte schwarze Leder erblickte. Dieses Buch kannte sie. Es war das Tagebuch, das Althea ihr zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Das Tagebuch, das alle Moon-Töchter an ihrem sechzehnten Geburtstag erhielten.

Mit zitternden Fingern strich sie über den Deckel, den gerippten Buchrücken und die Seiten aus Büttenpapier mit ihrem rauen Rand. Sie wusste genau, wie sie sich anfühlten. In Salem Creek standen im Lesezimmer ihrer Großmutter – verschlossen in einem Bücherschrank – acht weitere Bücher genau wie dieses, alle benannt nach ihrer Autorin. Das Buch von Sabine. Das Buch von Dorothée. Das Buch von Aurore. Eines für jede Generationen. Das neunte, das Buch von Althea, hatte jetzt vermutlich seinen Platz unter ihnen eingenommen.

Es war eine Tradition der Moon-Familie, ein Initiationsritus für jede, die sich dem Pfad verschrieb. Gewissenhaft geführte Bände voller Heilmittel und Rezepte, Segnungen und Fragmenten weiblicher Weisheit, all das sorgsam für künftige Generationen aufbewahrt. Nun hielt sie ihres in der Hand, ungewollt und so leer wie an dem Tag, an dem sie es bekommen hatte.

Vorsichtig schlug sie es auf und las die Widmung: Für Elzibeth. Es ist an der Zeit, dass Du Deine Geschichte schreibst.

Nicht Elizabeth. Elzibeth. Nicht einmal ihr Name war normal.

Mit sechzehn hatte sie nichts mit der Tradition oder mit dem seltsamen Erbe ihrer Familie zu tun haben wollen. Sie hatte normal sein wollen. Deshalb hatte sie das Tagebuch in ein Schubfach gelegt und ignoriert.

Jetzt lag es nach all den Jahren in ihren Händen, als würde es sie anklagen – eine Erinnerung daran, dass sie all den Dingen den Rücken gekehrt hatte, an die ihre Großmutter geglaubt, die sie durchlebt und gelehrt hatte. Althea zuliebe hätte sie es vortäuschen können, hätte machen können, was man von ihr erwartete: das Tagebuch mit albernem Gekritzel füllen. Selbst normale Mädchen führten Tagebücher, rosa Dinger mit Herzen auf dem Einband und zierlichen Schlössern, um andere vom Schnüffeln abzuhalten. Aber sie war zu stur gewesen, um mitzuspielen, sie wollte um jeden Preis mit der Moon-Tradition brechen und ihre eigene Zukunft gestalten. Was ihr, dem glänzenden, neuen Schild an ihrer Tür nach zu urteilen, auch gelungen war. Noch als Studentin an der Dickerson University hatte sie bei Worldwide ein Praktikum gemacht und es danach innerhalb von acht Jahren beim Kosmetikkonzern Chenier Fragrances, Ltd. zur Creative Director gebracht.

Selbst sechs Monate nach ihrer Beförderung hatte sie sich noch immer nicht in ihrer neuen Position und den vielen Veränderungen in ihrem Leben zurechtgefunden. Ihr hatte die Zeit gefehlt, Althea Bescheid zu sagen. Zumindest hatte sie sich das eingeredet. Die Wahrheit war jedoch, dass sie in den letzten Jahren immer seltener miteinander geredet hatten. Nicht, weil sie zu bequem gewesen wäre, sondern wegen ihrer Schuldgefühle. Es hatte sich falsch angefühlt, sich mit den eigenen Erfolgen zu brüsten, während ihre Großmutter zusehen musste, wie ihre geliebte Farm – ihr Lebenswerk – unterzugehen drohte. Deshalb hatte sie sich eingeredet, dass die Schecks, die sie Althea schickte, ihre achtjährige Abwesenheit ebenso aufwiegen würden wie die unbeantworteten Briefe oder die viel zu seltenen Anrufe. Natürlich hatten sie nicht ausgereicht. Nichts hätte ausgereicht. Und jetzt war es zu spät.

Lizzy versuchte, es zu begreifen – eine Welt ohne Althea Moon –, aber es gelang ihr nicht. Wie könnte diese weise Frau voller Leben und Liebe fort sein? Eine Frau, die der Erde, die sie geliebt und um die sie sich gekümmert hatte, entsprungen zu sein schien.

Althea hatte ihr nicht gesagt, dass sie krank war. Nicht ein einziges Mal in all den langen Briefen mit den unzähligen Neuigkeiten. Evangeline Broussard hatte jedoch in ihrem Brief eine lange Krankheit erwähnt. Warum hatte Althea das vor ihr verheimlicht?

»Da bist du ja endlich!«

Lizzy blinzelte die Tränen weg, erschrocken, dass Luc Chenier in der Tür zu ihrem Büro stand. Er hatte sich die Haare schneiden lassen und wirkte in seinem maßgeschneiderten schwarzen Anzug von Brioni noch umwerfender als sonst. Das wusste er, was sie früher, als sie noch zusammen gewesen waren, genervt hatte, jetzt aber nicht mehr kümmerte.

Sie schluckte die Tränen runter. Dass der Mann, der gerade erst grünes Licht für ihre Beförderung gegeben hatte, sie dabei erwischte, wie sie an ihrem Schreibtisch saß und heulte, war das Letzte, was sie jetzt brauchte. Schlimmer wären nur noch die Fragen, mit denen er sie löchern würde, sollte er den Eindruck haben, sie würde etwas vor ihm verbergen. Sie sah zu ihm hoch und hoffte inständig, gelassen zu wirken, als sie das Tagebuch in ihrem Schoß versteckte.

»Brauchst du etwas?«

Er setzte ein strahlendes Lächeln auf. Wie es schien, hatte er vor Kurzem seine Zähne bleichen lassen. »Ich wollte mit dir in die Mittagspause, aber man hat mir gesagt, du hättest ein Meeting.«

»Ich war in der Marketingabteilung, um mir die Entwürfe für die nächste Werbekampagne anzusehen. Wir sind zwar noch nicht so weit, sollten aber …«

Luc unterbrach sie mit einer Geste. »Lass uns nach der Arbeit zusammen essen gehen. Ein Abendessen wäre sogar noch besser als ein gemeinsamer Lunch, meinst du nicht auch?«

Das tat sie nicht, allerdings überraschte es sie nicht, dass er es annahm. Er war daran gewöhnt, zu bekommen, was er wollte. Und wie sollte es auch anders sein? Dem Mann strömte der Charme aus den Poren. Außerdem sah er aus wie Johnny Depp ohne Eyeliner und sprach mit dem Akzent seiner französischen Mutter, beides ebenfalls nicht zu verachten. Nur hatte all das für sie rasch seinen Reiz verloren.

Sie waren bemüht gewesen, ihre Geschichte unter Verschluss zu halten. Sie hatten nicht am Arbeitsplatz geflirtet oder öffentlich ihre Zuneigung zur Schau gestellt. Sie hatten sich nie ohne Spreadsheet oder PowerPoint-Präsentation zum Mittag getroffen. Aber nachdem Lizzys Beförderung verkündet worden war, hatten sie im Daniel gefeiert und waren Reynold Ackerman in die Arme gelaufen, einem Anwalt aus der Rechtsabteilung, der zufällig anlässlich seines zwanzigsten Hochzeitstages mit seiner Frau da gewesen war. In dem Moment hatte sie gewusst, dass sie eine Entscheidung treffen musste: Entweder sie beendete die Sache, oder sie führte eine typische Büro-Affäre.

Am nächsten Tag hatte sie Luc den Laufpass gegeben. Er hatte es ganz gut aufgenommen, vielleicht, weil sie von Anfang an vereinbart hatten, notfalls getrennte Wege zu gehen. Ohne Tränen. Ohne Vorwürfe. In letzter Zeit hatte er allerdings mehrmals angedeutet, doch einfach da weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten – was für sie nicht infrage kam.

»Heute Abend also?«, hakte er vom Türrahmen aus nach. »Wie wär’s mit italienisch?«

»Ich kann nicht. Tut mir leid.«

»Ich reserviere uns einen Tisch im Scarpetta. Die Cannoli musst du …«

»Meine Großmutter ist gestorben«, platzte es aus ihr raus. »Ich habe es eben erst erfahren.«

Luc besaß immerhin so viel Anstand, ein ernstes Gesicht aufzusetzen. Er trat ins Büro und schloss die Tür hinter sich. »Das tut mir leid. Ich wusste gar nicht, dass sie krank war.«

»Ich auch nicht.« Die Worte schmerzten heftiger, als sie erwartet hatte, und sie musste den Blick abwenden. Sich an seiner Schulter auszuweinen, hatte nie zu ihren Abmachungen gehört – und sie würde jetzt nicht damit anfangen. »Offenbar hat sie es vor mir verheimlicht.«

»Ich kann mich nicht entsinnen, dass du viel von ihr erzählt hast. Oder von deiner Familie im Allgemeinen. Standet ihr zwei euch denn nahe?«

»Ja«, sagte sie ausdruckslos. »Sie hat mich praktisch großgezogen.«

»Schlimme Sache.«

Lizzy starrte ihn an. Schlimme Sache? Das sagst du zu einer Frau, die gerade einen geliebten Menschen verloren hat? Andererseits überraschte sie das nicht. Schließlich wusste sie, wie er mit dem Tod umging.

Sie waren erst seit ein paar Monaten heimlich zusammen gewesen, als Lucs Mutter, die Lizzy in der Welt der Düfte unter ihre Fittiche genommen hatte, ihren Kampf gegen den Gebärmutterhalskrebs verloren hatte. Lizzy hatte erlebt, wie Luc auf der Beerdigung Hände geschüttelt, Beileidsbekundungen entgegengenommen und den pflichtbewussten Sohn gespielt hatte. Irgendwann im Verlauf des Nachmittags war ihr klar geworden, dass er tatsächlich nur eine Rolle spielte. Damals hatte sie seine Gelassenheit der langen Krankheit seiner Mutter zugeschrieben. Er hatte Zeit gehabt, sich vorzubereiten, seinen Frieden damit zu machen und sich zu verabschieden. Jetzt fragte sie sich, ob sie in ihrem Urteil zu großzügig gewesen war.

»Mein aufrichtiges Beileid.« Er legte eine Hand auf ihre. »Du wirst natürlich nach Hause fahren wollen, für die Beerdigung.«

Sie zog ihre Hand weg und legte sie in ihren Schoß, außerhalb seiner Reichweite. »Es gibt keine Beerdigung. Sie haben ihre Asche bereits verstreut.«

Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Was … ohne dich?«

Sie nickte nur, denn mehr wollte sie nicht dazu sagen. Wenn es um ihre Familie ging, gab sie lieber so wenig wie möglich preis. Wenn man ernst genommen werden wollte – und das wollte sie –, redete man über manche Dinge besser nicht.

»In meiner Familie machen wir kein großes Trara.« Sie blinzelte frische Tränen weg. Es sei denn, es gilt als großes Trara, wenn man die Asche beim ersten Vollmond nach dem Tod auf einem Lavendelfeld verstreut. »Außerdem war es meine Schuld. Ich habe vergessen, ihr meine neue Adresse mitzuteilen, nachdem ich umgezogen bin, deshalb gab es Probleme mit dem Brief. Sie ist vor zwei Monaten gestorben. Da ich nicht reagiert habe, hat sich das Beerdigungsinstitut um ihre Asche gekümmert.«

Er nickte, als würde das alles Sinn ergeben, doch dann runzelte er die Stirn. »Ist trotzdem seltsam, oder? Dass sie das ohne dich gemacht haben?«

Sie wich seinem Blick aus. »Es ist gewissermaßen eine Familientradition. Da … ist das Timing wichtig. Jedenfalls ist es inzwischen alles erledigt.«

»Auch gut, wenn du mich fragst. Ich war nie ein Fan von Beerdigungen. Diese ganze Trauer auf einmal.« Er schwieg und gab vor, zu erschauern. »Wenn man es genau betrachtet, ist das Gefühl doch Verschwendung. Die Gestorbenen haben keine Ahnung, dass man trauert, weil sie … na ja … eben tot sind. Alle anderen stehen nur rum, geben irgendwelche Plattitüden von sich und essen gefüllte Eier. Und dann ist da noch die Familie, was eine ganz eigene Geschichte ist. Schwierig. Oder wie meine Mutter gern sagte: compliqué.«

Compliqué.

Lizzy nickte abermals. Es war das perfekte Wort für die Moons. »Ja, wir sind ziemlich … schwierig.«

»Wann hast du sie das letzte Mal besucht?«

»Das habe ich nie. Ich bin vor acht Jahren weggezogen und nie wieder dort gewesen.«

Er pfiff leise. »Das ist lange, selbst für meine Verhältnisse. Deine Mutter ist nicht mehr da?«

Sie wusste, was er meinte: War ihre Mutter tot? Tatsächlich hatte sie keine Ahnung. Niemand wusste es. Was aufs Gleiche hinauslief.

»Ja, sie ist fort. Alle sind fort.«

Er trat um den Schreibtisch und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Ecke. »Mein armes, kleines Waisenkind«, sagte er zärtlich. »Aber du bist nicht allein, weißt du? Meine Mutter hat dich geliebt – so sehr, dass ich ihr versprechen musste, auf dich aufzupassen. Sie hat gesagt: Luc, Lizzy wird eines Tages ganz groß rauskommen, und ich will, dass du auf sie achtgibst. Es ist, als hätte sie mir nicht nur ihre Firma vermacht, sondern auch dich.«

Sie widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. »Man kann einem keine Person vermachen. Und ich lebe schon ziemlich lange allein.«

Er stand auf und trat ans Fenster. »Wie lange brauchst du? Drei Tage? Vier?«

Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Wofür?«

»Keine Ahnung. Um zu trauern, schätze ich. Oder was auch immer du sonst tun musst. Ich nehme an, dass du dich um die Finanzen kümmern musst und ein Haus zu verkaufen hast.«

»Es ist eine Farm. Eine Kräuterfarm. Aber ich muss nicht zurück. Ich kann alles von hier aus regeln.«

»Ehrlich?« Er lächelte, als wäre er angenehm überrascht. »Ich dachte schon, du wärst sentimental.«

Lizzy schüttelte den Kopf. Sie wollte die Unterhaltung unbedingt beenden, bevor sie etwas sagte, das seine sorgfältig gepflegten Augenbrauen erneut nach oben wandern lassen würde. »Es ist nur … viel. Erinnerungen, die ich lieber nicht an mich heranlasse. Wie du schon sagtest, es ist … compliqué.«

Sein Lächeln wurde breiter und lag irgendwo zwischen arrogant und herablassend. »Meine Mutter war sentimental. Sie hat immer gesagt, dass wir alle hin und wieder nach Hause zurückkehren müssen, um uns daran zu erinnern, woher wir kommen. Ich denke, ganz unrecht hatte sie nicht. Hin und wieder sollten wir nach Hause gehen, aber nur, um uns daran zu erinnern, warum wir es überhaupt verlassen haben. Damit uns wieder klar wird, was wir wirklich wollen. Am Ende ist das doch das Einzige, was wirklich zählt, die Frage, was wir im Leben wollen und was wir dafür tun würden. Vielleicht brauchst du das, Lizzy, Zeit mit deinen Erinnerungen. Dann sieht die Sache vielleicht anders aus.«

Zeit mit deinen Erinnerungen.

Sie senkte den Blick, um dem seinen auszuweichen. Er hatte keine Ahnung, was er da von ihr verlangte. Wie auch? Wie könnte er auch nur ahnen, um was für Erinnerungen es hier ging?

»Ist schon gut, ehrlich. Mir geht es gut. Ich kann das Ganze aus der Ferne klären.«

Er beäugte sie skeptisch. »Wie du willst, aber du klingst nicht, als wäre alles in Ordnung. Vielleicht ist doch etwas dran an der Behauptung, dass man seine Trauer bewältigen und den Dingen ihre Zeit geben soll. Ich könnte dich begleiten, falls es dann einfacher für dich wäre.«

Da war er, der wahre Grund hinter seiner unerwarteten Sorge. »Wir haben uns vor Monaten getrennt.«

»Das ist mir klar.«

»Warum machst du dann diesen Vorschlag?«

»Würdest du mir glauben, dass ich nur nett sein will?«

»Nein.«

Sein Lächeln erstarb. Offenbar akzeptierte er seine Niederlage. »Ist trotzdem eine miese Zeit, um allein zu sein. Lass mich dich wenigstens zum Essen ausführen. Ich verspreche dir, dass es nur ums Berufliche gehen wird, wenn du das willst.«

»Danke. Aber ich denke, ich muss einfach nur für mich sein.«

Sie sah ihm nach und war sich sicher, dass er angefressen war. Mit einem hatte er jedoch recht gehabt: Sie brauchte Zeit, um die Tatsache zu verarbeiten, dass sie plötzlich ganz allein war, und sich der Frage zu stellen, was das bedeutete. Althea war tot und ihre Mutter wie vom Erdboden verschwunden, entweder im wörtlichen oder übertragenen Sinne. Außer Elzibeth gab es keine Moons mehr – da war sie sich sicher. Sie war am heutigen Tag zur letzten Moon geworden.

Zwei

Lizzy zog ihre Schuhe aus und lief schnurstracks zur Küche. Sie hatte den Tag hinter sich gebracht und, nachdem die Nachricht von ihrem Verlust im Büro die Runde gemacht hatte, die Beileidsbekundungen lächelnd entgegengenommen. Jetzt wollte sie ein großes Glas Wein trinken und mit ihrer Trauer allein sein.

Sie öffnete eine Flasche Chardonnay, schenkte sich großzügig ein und nahm sich einen Augenblick Zeit, um die Kräutertöpfe auf ihrem Fensterbrett zu gießen. Rosmarin für Erinnerungen. Basilikum für Mut. Thymian gegen Albträume. Lehren aus ihrer Kindheit … Die Lehren der Moon-Frauen.

Spontan zupfte sie von dem Basilikumstrauch auf dem Fensterbrett die Blätter ab und rieb sie zwischen den Handflächen, bis sie ihren herzhaft-süßen Duft verströmten. Ein wenig wie Pfeffer, Anis und Minze. Es war einer ihrer Lieblingsdüfte, vermutlich, weil er sie an jene glücklichere Tage erinnerte, die sie in der Küche ihrer Großmutter verbracht hatte. Aber diesmal kam eine andere Erinnerung an die Oberfläche – eine ältere Erinnerung.

Althea war draußen gewesen, um die Schäden zu begutachten, die ungewöhnlich später Frost angerichtet hatte, und Lizzy war von hinten an sie herangetreten. Sie war kaum älter als sieben gewesen, hatte aber instinktiv gewusst, dass sie leise sein sollte. Obendrein war sie völlig gebannt gewesen von dem seltsam konzentrierten Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Großmutter, die sich neben ein Büschel dunkel verfärbten Basilikums gekniet, die Augen geschlossen und mit ihren schwieligen Händen darüber gestrichen hatte. Althea hatte etwas gemurmelt, zärtliche Worte, die Lizzy nicht verstanden hatte. Es war das erste Mal gewesen, dass sie die Gabe ihrer Großmutter gesehen hatte, und sie hatte diesen Moment nie vergessen. Ebenso wenig wie den Anblick derselben Pflanze am nächsten Tag, gesund und grün, ohne eine Spur von Kälteschäden.

Es war Altheas erstaunlichste Gabe gewesen: diese Fähigkeit, ein fast totes Kraut oder eine verwelkte Blume mit einer Berührung und wenigen sanften Worten zu neuem Leben zu erwecken. Sie hatte auch ein übersinnliches Talent dafür gehabt, Pflanzen wachsen zu lassen, die im harschen Klima von Neuengland eigentlich nicht wuchsen. Gerüchte über den grünen Daumen ihrer Großmutter hatten sich in Salem Creek weit verbreitet. Einige schrieben es Magie zu, andere der Tatsache, dass sie streng ihrem Bauernkalender folgte. Woran auch immer es gelegen hatte, es war weithin bekannt, dass der felsige Boden der Moon Girl Farm Althea Moon jeden Wunsch erfüllte.

Wer würde den Boden jetzt, da sie fort war, bearbeiten?

Die Frage nagte an Lizzy, als sie mit ihrem Chardonnay ins Wohnzimmer ging. All das würde schon bald anderen gehören. Das Haus und die Scheune, die Kräuterbeete, die Apotheke ihrer Großmutter würden aus den Händen der Familie in die Hände von Fremden gegeben werden. Sie hatte immer gewusst, dass Althea eines Tages sterben würde und etwas wegen der Farm unternommen werden müsste. Sie hatte nur nicht darüber nachgedacht, wie dieses Etwas aussehen würde. Oder dass sie es sein würde, die sich darum kümmern musste.

Sie musste ein Maklerbüro finden, das bereit war, den Verkauf abzuwickeln. Außerdem musste sich jemand um die Einrichtung des Hauses kümmern. Es gab nicht viel, das besonders wertvoll war, aber was sollte aus Altheas persönlichen Habseligkeiten werden? Aus ihrer Kleidung, ihren Büchern – der Tagebuchsammlung, die sie in ihrem Lesezimmer aufbewahrte? Konnte sie es wirklich zulassen, dass Fremde das übernahmen? Wenn nicht, wer blieb dann noch? Sicherlich nicht ihre Mutter, deren Leichtsinn die letzten Steine ins Rollen gebracht hatte. Aber Rhanna war eine andere Geschichte – und offenbar eine ohne Ende, da seit Jahren niemand etwas von ihr gehört hatte.

Benommen setzte sich Lizzy auf die Armlehne ihrer Couch, und all ihr Ärger verpuffte. Die Ereignisse des Tages hatten sie völlig überrumpelt. Die Sonne ging allmählich unter, versank in den Spalten und Ritzen von Manhattans Dächern, wie auf einer dieser sepiabraunen Postkarten, die in Drugstores verkauft wurden. Drei Monate waren vergangen, seit sie ihre winzige Wohnung gegen ein Apartment im East Tower getauscht hatte, aber sie hatte sich noch immer nicht an den Ausblick gewöhnt. Oder an einen der anderen Vorzüge, die ihre piekfeine neue Adresse mit sich brachte. Luc hatte ihr versichert, dass sie sich mit ihrer neuen Umgebung anfreunden würde, aber als sie sich in dem Zimmer umsah, erkannte sie nichts wieder. Die Möbel, die Kunstwerke an den Wänden, sogar ihr Spiegelbild im verdunkelten Fenster schienen einer anderen zu gehören. Einer Fremden, die vorgab, Lizzy Moon zu sein …

Über die Jahre hatte die Stadt Lizzys rauen Kanten abgeschliffen und nichts von dem Mädchen übrig gelassen, das barfuß durch die Felder ihrer Großmutter gelaufen war und Kräuter gesammelt hatte, bis sich ihre Finger verfärbten und die Erde von Neuengland unter ihren Fingernägeln hing. Genau deshalb war sie nach New York gekommen: um dieses Mädchen loszuwerden. Um wie andere Menschen zu leben. Angepasst und unauffällig. Keine Überraschungen. Nichts Verdächtiges. Kein geheimes Buch mit ihrem Namen. Einfach normal. Im Großen und Ganzen war es ihr gelungen. Sie hatte es weit gebracht, seit sie Salem Creek verlassen hatte. Aber konnte man es zu weit bringen? Konnte man so weit weglaufen, dass man sich selbst verlor?

Sie leerte ihr Glas und ging in die Küche, um sich nachzuschenken. Es fehlte nicht viel, und sie würde in Selbstmitleid versinken, das spürte sie. Aber sie durfte nicht nostalgisch werden oder vergessen, was sie letztlich aus Salem Creek vertrieben hatte.

Vor acht Jahren waren zwei Teenager abends nicht nach Hause gekommen. Aus Stunden wurden Tage, dann Wochen. Heather und Darcy Gilman blieben verschwunden.

Es waren noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen, da hatte man Althea als mögliche Übeltäterin ins Spiel gebracht. Keine große Überraschung. Bei jedem Unglück – ein früher Schneesturm, eine ungewöhnlich hohe Flut, Masern – gab man den Moons die Schuld. Viele behaupteten, das sei im Scherz dahingesagt, aber für bestimmte Leute in bestimmten Kreisen klang das Gerede glaubwürdig. Wo es in Salem Creek am Sinn für das Weltliche mangelte, machten die Leute es mit Aberglauben und religiösem Eifer wieder wett. Das Verschwinden der beiden Gilman-Mädchen bildete da keine Ausnahme.

Man hatte eine Hotline eingerichtet, und die Presse war über die Stadt hergefallen. Mahnwachen mit allem Drum und Dran – Bibeln, Kerzen, Blumen und Teddybären – wurden abgehalten. Kaum hatte sich der Aufruhr etwas gelegt, hatte es an Altheas Tür geklopft. Einem anonymen Hinweise zufolge hätte Althea die Mädchen eines nach dem anderen in den Teich gezerrt und anschließend in der Nähe des Wassers etwas vergraben.

Es gab einen Durchsuchungsbefehl, und man fand zwei Strohpuppen. Voodoo-Puppen hieß es in der Zeitung, weil sie den verschwundenen Mädchen unheimlich ähnlich gesehen hatten. Sogar die Farbe der Mäntel, die beide an dem Abend ihres Verschwindens getragen hatten, stimmte. Die Puppen seien aber, wie Althea beteuerte, nicht vergraben, sondern bei Vollmond von ihr niedergelegt worden, zusammen mit einem kleinen Stoffbeutel mit Salz und Kümmelkernen. Ein Schutzritual, hatte sie der Polizei erklärt, eine Opfergabe, damit die Mädchen unbeschadet zu ihren Eltern nach Hause zurückkehrten.

Danach wurde der Teich durchkämmt. Eine Stunde später hatte man die Leichen von Heather und Darcy Gilman vom Grund heraufgeholt, wobei die halbe Stadt hinter dem gelben Polizeiband zugesehen hatte. Die Befunde der Gerichtsmedizin hatten nicht lange auf sich warten lassen: Der Schädel des einen Mädchens war eingeschlagen, das Genick des anderen gebrochen worden. Mord in beiden Fällen.

Alte Gerüchte brachen sich mit aller Macht Bahn, mal geflüstert, mal herausposaunt. Von Zaubersprüchen, Tränken, Ritualen, die nackt unter dem Vollmond vollzogen wurden. Von geopferten Jungfrauen. Viele diese Verleumdungen waren von Menschen in Umlauf gebracht worden, die Althea ihr ganzes Leben gekannt hatten. Stichhaltige Beweise hatte man nicht gefunden, weshalb es nie zu einer Anklage gekommen war. Die Gerüchte verstummten dennoch nicht. Die werte Gesellschaft von Salem Creek ließ es sich nicht nehmen, eine Mahnwache mit Kerzen abzuhalten – eine, für die fast die halbe Stadt zusammengekommen war –, um das Böse mit Gebeten aus ihrer Mitte zu vertreiben. Denn die Unschuldsvermutung galt für alle, nur nicht für die Moons.

Jetzt war die Frau, die diese Menschen des Mordes verdächtigt hatten, tot. War ein Stoßseufzer der Erleichterung durch Salem Creek gegangen? Hatte der Bürgermeister einen Festtag ausgerufen?

Ding-Dong, die Hex’ ist tot?

O ja, Lizzy versank definitiv in Selbstmitleid, und vielleicht war sie auch leicht angetrunken. Sie sollte etwas essen, doch allein bei dem Gedanke daran verging ihr der Appetit. So lief sie mit ihrer Handtasche und einem weiteren Glas Wein den Flur hinunter, entschlossen, sich ein langes, heißes Bad zu gönnen, bevor sie sich schlafen legte.

Sie warf die Tasche auf das Bett, schlüpfte aus ihren Sachen und wollte gerade wieder nach dem Weinglas auf dem Nachttisch greifen. Der Inhalt ihrer Handtasche hatte sich auf der Tagesdecke verteilt, darunter auch das Tagebuch, das Evangeline Broussard ihr mit dem Brief geschickt hatte. Der Anblick war wie ein Schlag in die Magengrube, bei dem man sich auch dann krümmte, wenn man ihn kommen sah.

Althea war fort.

Von Trauer überwältigt ließ Lizzy sich aufs Bett sinken und nahm das Buch in die Hand. Wegen der heißen, schweren Tränen hätte sie beinahe den Zettel übersehen, der aus dem Buch auf ihren Schoß gerutscht war. Sie blinzelte, und ihre Tränen versiegten abrupt. Die Wörter waren stellenweise verschmiert, aber es war unübersehbar Altheas strenge Schrift.

Meine liebste Lizzy,

wenn Du diesen Brief liest, dann weißt Du, dass ich fort bin und warum ich darum gebeten habe, Dir das Buch zu schicken. Dass Du glücklich bist, war alles, was ich mir im Leben gewünscht habe – und es ist alles, was ich mir noch immer für Dich wünsche –, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte nie gehofft, Du könntest Dein Glück auf der Moon Girl Farm finden. Ich habe nie aufgehört, mir auszumalen, dass Du wieder nach Hause kommst, dass Du eines Tages auf das Land zurückkehren würdest, das wir beide lieben. Dass auch Du den Pfad wählst, den die Moons seit Generationen beschreiten. Du warst als Kind so vielversprechend, mit all Deinen Gaben. Aber Du hattest Angst davor, anders zu sein. Etwas Besonderes zu sein. Du wolltest unbedingt wie alle anderen sein und warst bereit, Deine Gaben zu verleugnen. Aber Gaben wie die Deine wird man nie los. Sie stecken noch immer in Dir und warten darauf, genutzt zu werden. Warten darauf, dass Du nach Hause kommst. Wir haben eine lange, starke Blutlinie, aber ich fürchte, dass sie schon bald abreißen wird und unser Vermächtnis dann für immer verloren ist. Du bist alles, was davon noch übrig ist, die Letzte und die Beste von uns. Es gibt noch vieles, das Du lernen musst, das ich Dir nicht zeigen konnte, bevor Du fortgegangen bist. Was zerbrochen ist, muss repariert werden. Was verborgen ist, muss erzählt werden. Die Bücher sind hier, mit den Lehren derer, die vor Dir da waren. Jetzt bist Du ihre Bewahrerin, die Hüterin unserer Geheimnisse. Ich hoffe, dass eines Tages auch Dein Buch unter ihnen sein und neben dem meinen stehen wird, damit Gaben wie Deine nicht verloren gehen. Doch das kannst nur Du entscheiden, nicht ich. Wir alle haben eine Geschichte – eine, die wir bewusst oder unbewusst in den Stunden und Tagen erzählen, die uns gehören. Aber wie ich Dir schon vor vielen Jahren gesagt habe: Niemand außer Dir kann Deine Geschichte schreiben. Wofür auch immer Du Dich entscheidest, Du sollst wissen, dass Du in meinem Herzen immer Deinen Platz haben wirst und dass dies hier kein Abschied ist. Es gibt keine Abschiede, meine Lizzy, nur Neuanfänge in diesem Kreislauf. Bis dahin …

A.

Lizzy faltete den Brief unter Tränen zusammen und steckte ihn zurück zwischen die leeren Seiten des Tagebuchs. Es waren Worte, die nie hätten geschrieben werden sollen, die man einander von Angesicht zu Angesicht sagen sollte. In dem Brief ihrer Großmutter hatte wenig Überraschendes gestanden. Sie hatte immer gewusst, was man von ihr erwartet hatte – dasselbe, was man von allen Frauen der Moons erwartete. Sie sollte eine Tochter zeugen und sie in ihren Traditionen ausbilden, damit die Blutlinie nicht abriss. So hatten sie es seit Generationen gehalten.

Es gab keine Männer namens Moon. Keine Brüder oder Söhne und auch keine Ehemänner. Die Frauen der Moons hatten nie geheiratet und es vorgezogen, Männer von sich fernzuhalten, ihre Töchter ohne sie großzuziehen und ihre Kraft in die Familienfarm zu stecken.

Als Lizzy für ihr Studium Salem Creek verlassen hatte, war von der Farm nicht mehr viel übrig gewesen – ebenso wenig von der Familie –, und in den letzten acht Jahren dürfte sich daran nicht viel geändert haben. Sie führte inzwischen ihr eigenes Leben. Eines, dass sie sich hart erarbeitet hatte. Sollte jemand anderes die Farm wiederaufbauen, Leute, die das wirklich wollten.

Dennoch hallten Altheas Worte in ihr wider. Die Bücher sind hier, mit den Lehren derer, die vor dir da waren. Jetzt bist Du ihre Bewahrerin …

Wieder einmal die Bücher! Deshalb hatte Althea ihr das Tagebuch schicken lassen. Es ging dabei nicht nur um ihre Geschichte. Es ging um alle Geschichten und die Pflicht, die nun ihr als Hüterin der Geheimnisse der Moons übertragen worden war. Immer ging es um die Pflicht.

Sicher, sie könnte ein Maklerbüro finden, das die Farm auf den Markt bringen würde. Sie könnte auch jemanden auftreiben, der die Möbel und persönlichen Habseligkeiten ihrer Großmutter verkaufen würde – aber nicht die Bücher! Sie hatte keine Ahnung, was sie mit ihnen machen sollte – darüber hatte niemand je ein Wort verloren –, aber sie zu verhökern, verbot sich von selbst. Ihre Magie war subtil. Ruhig hatte Althea sie genannt. Ohne diesen Schnickschnack mit Kesseln und Kerzen. Die Moons beschworen keine Geister und wirkten keine Flüche. Es gab keinen Hexenzirkel und auch keine Lagerfeuer um Mitternacht. In diesen Büchern hielten sie für die Nachwelt fest, was sie an heilsamer Arbeit geleistet hatten, als Beweis ihrer Existenz, als Erinnerung daran, dass sie Gutes in der Welt getan hatten.

Sie würde nach Salem Creek fahren und sie holen, selbst wenn sie am Ende nur in ihrem Schrank landen würden. Irgendwann würde sie in Ruhe darüber nachdenken, was aus ihnen werden sollte, wenn sie selbst fort sein würde, wenn es keine Frau mehr geben würde, der sie diese Bücher vermachen könnte. Irgendwann – aber nicht jetzt.

Althea hatte in ihr die Letzte und die Beste der Moons gesehen. Aber das war sie nicht. Ihre Gaben – falls man sie so nennen wollte – unterschieden sich klar von Altheas. Sie war keine Heilerin und keine Wunderwirkerin. Sie machte Parfüm. Und seit ihrer Beförderung zur Creative Director machte sie nicht einmal mehr das. In Wahrheit hatte sie den Moons abgesehen von ihrer Fortpflanzungsfähigkeit wenig zu bieten. Sie kannte keine Heilmittel, keine Weisheiten, keine heiligen Rituale, die sie der nächsten Generation vermitteln könnte.

Dennoch würde sie wegen der Bücher zurückkehren. Für Althea. Vielleicht hatte Luc recht. Vielleicht musste sie etwas Zeit mit ihren Erinnerungen verbringen, der anderen Lizzy Moon ein letztes Mal ins Gesicht sehen, bevor diese für immer verschwinden würde.

Drei

17. Juli

Das Schild der Moon Girl Farm war so stark verblasst, dass Lizzy die Buchstaben kaum zu entziffern vermochte, als sie in die Einfahrt bog. Sie war erst sechs Stunden lang durch beständigen Nieselregen gefahren, danach eine Stunde über die vom Bodenfrost aufgerissenen Nebenstraßen von New Hampshire. Nun hatte sie es geschafft.

Um sechs Uhr früh hatte sie Luc angerufen, da sie wusste, dass er im Fitnessstudio war und deshalb nicht rangehen würde. Sie hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, in der sie ihm mitteilte, dass sie ihre Meinung geändert habe und nach Hause fahren würde. Sie würde sich bei ihm melden, sobald sie wusste, wie viel Zeit sie brauchen würde. Dann hatte sie ihr Handy ausgeschaltet, damit er keine Möglichkeit hatte, sie zurückzurufen.

Am Ende der Einfahrt schaltete sie den Motor ab und rief sich beim Aussteigen noch einmal in Erinnerung, dass sie das hier tun musste. Es war eine letzte Pflicht, die sie zu erfüllen hatte, bevor sie unter diesen Abschnitt ihres Lebens endgültig einen Schlussstrich ziehen konnte. Aber selbst jetzt, mit einem faustgroßen Knoten in ihrem Magen, spürte sie, wie der Ort sie zu sich zog – eine Verbindung zwischen ihr und dem Land, die in ihre Seele gebrannt worden war.

Die Farm hatte schon immer etwas Übernatürliches ausgestrahlt, fast als existierte sie außerhalb von Zeit und Raum. Wie Brigadoon, ein Ort, den es nur in ihrer Vorstellung gab – der sich aber hier manifestiert hatte. Der Ort ihrer Kindheit, in der Zeit festgefroren wie ein Insekt, das in Bernstein eingeschlossen war.

Noch 1786 hatte es in den Randgebieten von Salem Creek lediglich weite Flächen gegeben. Damals war eine schwangere Sabine Moon mit nichts als einer Handvoll Edelsteinen, eingenäht in den Saum ihres Rocks, aus Frankreich in die neu gegründeten Vereinigen Staaten geflohen. Die Edelsteine hatte sie gegen ein drei Hektar großes Grundstück getauscht, auf dem sie eine kleine Farm errichtet hatte, die schon bald Früchte trug.

Die Dorfbevölkerung hatte sie gemieden, konnte sie doch nichts mit einer ungestümen Frau anfangen, die ihr Land ohne die Hilfe eines Mannes bewirtschaftete. Mit einer Frau, die keinen Ring trug und keine Erklärung für ihren runden Bauch abgab. Ganz zu schweigen von der unehelich geborenen Tochter, derer sie sich nicht schämte. Irgendwann vernichtete eine zwei Jahre währende Dürreperiode die Ernten der Stadt – aber nicht die Feldfrüchte von Sabine, die weiter gediehen. Da kamen die ersten Gerüchte über die seltsamen Sitten der Moons auf, über jene Frauen, die nie heirateten und nur Töchter gebaren, die Kräuter anbauten, Tees brauten und Amulette bastelten.

Selbst jetzt waren sich die Leute nicht sicher, was die Moons wirklich waren, auch wenn es über die Jahre genügend Menschen gegeben hatte, die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten und mit Wörtern wie Voodoo und Hexenwerk um sich geworfen hatten. Nicht dass in Salem Creek irgendjemand an Hexen glaubte, die Zeiten waren ebenso vorbei wie die der Nadel- und Wasserproben.

Das Verschwinden der Gilmans hatte den alten Verdächtigungen und längst vergessenen Ammenmärchen jedoch neue Nahrung gegeben. Die Morde waren nie aufgeklärt worden, die Gerüchte nie versiegt, und auf Altheas geliebter Farm blieb nach und nach die Kundschaft aus. Rhanna hatte als Erste das Weite gesucht. Lizzy war wenig später nach New York gezogen, eine Achtundzwanzigjährige, die ihr Studium an der Dickerson University anfing – um ein Leben so weit weg von Moon Girl Farm wie möglich zu führen.

Jetzt gehörte ihr die Moon Girl Farm.

Sie seufzte, als sie das Grundstück betrachtete, überwältigt von den Spuren der Vernachlässigung. Unkraut wucherte über die säuberlich angelegten Blumenbeete hinterm Haus, sodass in seinem feuchten Grün nur hier und da verkümmerte Blüten hervorlugten. Die Kräuterbeete sahen nicht besser aus. Die Vernachlässigung betraf aber nicht nur das Land. Auch das Gebäude mit der Apfelpresse jenseits der brachliegenden Felder, das einst als Altheas Apotheke gedient hatte, war völlig heruntergekommen. Der mit Schiefer ausgelegte Innenhof war früher voller Regale mit Kräutertöpfen und leuchtend bunten Sommerblumen gewesen. Jetzt wuchs Fingerhirse zwischen den Steinplatten. Die Regale selbst waren leer, die Fenster von Schmutz überzogen. Was hatte Althea wohl empfunden, als sie den Laden schließen musste? Als ihr Lebenswerk in Scherben vor ihr lag? Und als sie das alles allein ertragen musste?

Die alte Scheune zum Trocknen der Kräuter stand wie ein Wachposten hinter den Feldern. Die einst indigoblauen Bretter zeigten nur noch ein stumpfes Grau, die handgemalten grellen Wolken mit dem milchweißen Mond auf der Westwand waren zu geisterhaften Gestalten verblasst.

Das Bild vom nächtlichen Himmel war über Nacht erschienen, nachdem Rhanna wie so oft von ihrer launenhaften, völlig übertriebenen Muse geküsst worden war. Das ausgefallene Kunstwerk hatte unter der Dorfbevölkerung für viel Wirbel gesorgt. Ein Schandfleck, so hatten es manche genannt, viel zu hippiemäßig für Salem Creek. Dennoch war die Scheune zu einer Art Sehenswürdigkeit geworden, die es sogar in die Zeitschrift Yankee geschafft hatte, als Teil einer Artikelreihe zu den verborgenen Schätzen im ländlichen Neuengland.

Selbst heute, da die Zeit und das Wetter die Farben getrübt hatten, musste Lizzy bei seinem Anblick lächeln. Als Teenager war das ihr Lieblingsort gewesen, ihr einsames Plätzchen: kühl und ruhig und glücklicherweise tabu für die Kundschaft. Es war auch der ideale Ort für ein behelfsmäßiges Labor gewesen, in dem sie an ihren Parfümen arbeiten konnte. Doch wie der Rest der Moon Girl Farm war es inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst.

Sie schüttelte die Erinnerungen ab und ging zum Auto zurück, um ihren Koffer zu holen. Nach der Fahrt war sie am Verhungern und todmüde, vor allem da sie noch immer gegen die Nachwirkungen des Weins ankämpfte. Für Schuldgefühle blieb noch genug Zeit, wenn sie etwas zu essen aufgetrieben hatte.

Die Witterung hatte das Haus schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die salbeigrünen Bretter schienen eher grau als grün, die Fensterrahmen waren verzogen und verrottet. Gleichwohl stand das Haus noch, vom Wetter zwar zermürbt, aber doch so stolz und unnachgiebig wie die Frau, die es vor über zweihundert Jahren gebaut hatte.

Als Lizzy mit dem alten Schlüssel aufschloss, ging die Tür ächzend auf. Sie blieb kurz stehen, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit in der Diele gewöhnt hatten. Sie hatte vergessen, wie finster das Haus war, besonders im vorderen Teil, wo die Äste einer uralten Esche kaum Licht hereinließen. Aber es war die Stille, die sie am meisten traf: als ob nach Altheas Tod die Zeit stehen geblieben wäre …

Das Wohnzimmer war genauso, wie sie es in Erinnerung hatte: unter den Fenstern ein altertümliches Sofa, links und rechts vom Kamin aus Ziegelsteinen je ein durchgesessener Ohrensessel, die völlig chaotische Sammlung von Zinnfiguren auf dem Kaminsims und an der gegenüberliegenden Wand die Porträts. Es waren größtenteils grobe Bilder, Werke von Laien, aber all die gerahmten Gesichter wiesen untereinander eine frappante Ähnlichkeit auf. Dunkles Haar in einer schlichten Frisur, Haut so blass, dass man sie als durchscheinend bezeichnen könnte, und die typischen grauen Augen aller Moon-Frauen.

Unter diesen wachsamen Blicken war sie groß geworden. Zusammen wirkten sie dermaßen eindringlich, dass sie das Zimmer als Kind oft gemieden hatte. Jedes Gesicht erzählt eine Geschichte, hatte Althea gesagt, bevor sie die Namen abgefragt hatte. Sabine. Patrice. Renée. Dorothée. Sylvie. Honoré.

Das unerwartete Geräusch schlurfender Schritte ließ Lizzy zusammenzucken. Sie drehte sich abrupt um und erblickte am unteren Treppenabsatz eine Frau, deren Haut von warmem Braun war. Sie war groß und seltsam schön mit einer hohen Stirn, breiten Wangenknochen und grau meliertem Haar, das raspelkurz war.

»Sie hat gesagt, dass Sie kommen würden«, sagte die Frau nach einem langen, bedeutungsschwangeren Schweigen.

»Wer sind Sie?«

»Evangeline Broussard. Evvie.«

»Dann haben Sie mir den Brief geschickt.«

»Das habe ich. Zweimal sogar.«

Lizzy reckte das Kinn in die Höhe. Der unausgesprochene Tadel traf sie. »Ich bin umgezogen.«

Evvie schien es nicht eilig zu haben, ihr darauf zu antworten. Sie musterte Lizzy aus schmalen Augen von Kopf bis Fuß. »Sie haben vergessen, ihre Oma darüber zu informieren.«

Lizzy senkte kurz die Lider, überrascht von dem Geruch von beißendem Essig und verdorbenen Pfirsichen, den die Frau verströmte.

Missbilligung.

Das war eine Gabe, über die sie verfügte. Sie las die Gerüche eines Menschen wie eine Aura, nutzte also ihre Nase, nicht ihre Augen. Die Fähigkeit hatte sich zu Beginn ihrer Pubertät eingestellt, also in der Zeit, in der bei den Moons in der Regel die Gaben heranreiften, wie Althea ihr erklärt hatte.

Anfangs hatte sie dieses Talent überfordert: wirre Düfte, die ohne Vorwarnung auf sie einprasselten und selten Sinn ergaben. Es hatte eine Weile gedauert, bis es ihr schließlich gelungen war, ihre Bedeutung zu entschlüsseln und daraus einen Vorteil zu ziehen, sie sozusagen als Radar zu nutzen, der sie vor möglichen Gefahren warnte. Doch nachdem sie Salem Creek verlassen hatte, war ihre Gabe verkümmert. Als hätte sich der Empfang abrupt verschlechtert, seit sie die Farm verlassen hatte. Nun erhielt sie wieder ein Signal – und dieses Signal war Missbilligung.

»Ich hatte es vor, aber ich …« Ihre Stimme verlor sich. Es störte sie, dass sie sich vor der Fremden rechtfertigen wollte. »Warum sind Sie hier?«

»Ich könnte Sie dasselbe fragen.«

»Schon, aber im Moment frage ich Sie. Und da das hier das Haus meiner Großmutter ist, habe ich das Recht auf eine Antwort.«

»Ich war ihre Freundin«, antwortete Evvie rundheraus. »Wer hätte Ihnen sonst den Brief schreiben sollen?«

Lizzy neigte den Kopf zur Seite und versuchte, die fremde Frau zu lesen. Sie hatte einen eigenartigen Akzent, ihre Stimme hob und senkte sich wie die Melodie eines Liedes. Es klang schön und gebunden – und ein wenig beunruhigend. Womöglich lag das auch an den grünen Augen mit den kupferfarbenen Sprenkeln darin, deren Blick sie nur mit Mühe standhielt. »Ich habe angenommen, dass Evangeline Broussard für Altheas Anwältin arbeitet. Oder das Bestattungsinstitut. Ich hatte nicht erwartet, Sie hier vorzufinden.«

Evvie brummte. »Dann sind wir quitt, schätze ich. Warum sind Sie hier? Jetzt? Nach all den Jahren?«

Lizzy suchte nach einer Antwort, fand aber keine. Zumindest keine, die sie Evvie ohne Weiteres sagen wollte. »Es gibt ein paar Sachen von meiner Großmutter, um die ich mich persönlich kümmern wollte. Sachen, die sie mir überlassen wollte.«

Evvies Augen verengten sich erneut, aber sie sagte nichts, sondern nickte nur kurz und drehte sich um. Ihre abgetragenen UGG-Stiefel schabten über den Fußboden, als sie zur Küche lief.

Lizzy folgte ihr, und erst jetzt fiel ihr auf, dass Evvie eine von Altheas Blümchenschürzen trug. »Kochen Sie gerade?«

»Abendessen.«

Sie hob den Deckel vom Topf, in dem Suppe köchelte. Nachdem sie einen Löffel gekostet hatte, nahm sie ein Glas aus dem Schrank und gab eine Prise von dessen Inhalt in den Topf.

»Sie wohnen hier?«, fragte Lizzy, der die Wahrheit allmählich dämmerte.

Evvie wandte sich um, den Löffel noch immer in der Hand. »Das tue ich. Es sei denn, Sie werfen mich raus.«

Lizzy unterdrückte ein Seufzen. Sie war zu müde zum Streiten, besonders mit einer Fremden. »Ich bin nicht hierhergekommen, um Sie rauszuwerfen. Ich wusste gar nicht, dass Sie hier sind. Waren Sie … ihre Pflegerin?«

Evvie legte den Löffel weg und wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Sie hat mich nicht bezahlt, falls das Ihre Frage ist, aber ich schätze, schon. Das tun Freundinnen … sie kümmern sich umeinander.«

Lizzy spürte, wie ihre Wangen glühten. »Ich meinte nicht … Es tut mir leid, ich versuche nur, das Ganze zu verstehen.«

»Haben Sie Hunger?«

Lizzy blinzelte. »Wie bitte?«

»Hunger?«, wiederholte Evvie, als würde sie mit einem besonders begriffsstutzigen Kind sprechen. »Haben Sie Hunger?«

»Ja, schon …«

»Gut. Dann decken Sie den Tisch!«

Sie aßen schweigend am Küchentisch – ein Reisgericht mit Tomaten und Bohnen und gut gewürzt. Es war köstlich, mit einem Aroma, das Lizzy nicht kannte. Zum Glück war kein Fleisch dabei, was ihr die potenziell unangenehme Diskussion über ihre vegetarische Lebensweise ersparte.

»Sie hat mir nie gesagt, dass sie krank ist«, sagte Lizzy, als ihr das Schweigen zu viel wurde. »Sonst wäre ich gekommen.«

Evvie nickte und träufelte Honig auf eine Scheibe Maisbrot. »Das wusste sie. Deshalb hat sie es Ihnen nicht gesagt. Selbst am Schluss nicht, als ich sie angefleht habe, dass Sie mich bei Ihnen anrufen lässt. Sie war eine sture alte Dame. Genau wie Sie, hat sie immer behauptet. Und das zu glauben, fällt mir nicht schwer.«

Lizzy senkte den Blick auf ihren Teller und schob ihr Essen hin und her. Warum fühlte sie sich in Anwesenheit dieser Frau wie ein ungezogenes Schulkind?

»Sie wollte, dass Sie hier sein wollen.« Evvie leckte sich den Honig von den Fingern. »Da Sie das aber offenbar nicht wollten, hat sie gehofft, dass Sie glücklich sind, wo immer sie sind. So sehr hat sie Sie geliebt. Genug, um Sie ziehen zu lassen.«

Lizzy legte die Gabel weg und wischte sich den Mund ab. »Ich habe sie nicht einfach verlassen, Evvie. Ich habe studiert, genau wie ich es immer vorhatte. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich die Stadt verlassen wollte. Als ich an der Dickerson angenommen wurde, wusste ich, dass die Zeit des Abschieds gekommen war. Althea war traurig, dass ich wegziehen wollte, aber sie hat es verstanden.«

»Sie wusste, dass sie Sie endgültig verlieren würde, wenn sie versucht hätte, Sie aufzuhalten. Ich schätze, sie wusste, was sie tat, denn jetzt sind Sie ja endlich hier!«

»Warum dann der Vorwurf, weil ich weggezogen bin?«

Evvie richtete den Blick aus den kupfergrünen Augen auf Lizzy. »Das war kein Vorwurf. Zumindest nicht, wie Sie denken. Ich habe kein Problem damit, dass Sie weggezogen sind. Das verstehe ich sogar sehr gut. Mich stört, dass Sie weggeblieben sind. Alle haben das Recht, sich selbst zu finden, aber wenn ihnen das gelungen ist, sollten sie nach Hause zurückkehren, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und den Dingen ins Gesicht zu sehen.« Sie verstummte, schob ihren Teller weg und sah Lizzy fest in die Augen. »Aber vielleicht haben Sie sich ja noch gar nicht gefunden.«

Die Bemerkung schmerzte, was wohl auch beabsichtigt gewesen war. Aber es gab Dinge, die Evvie nicht verstand.

»Ich bin aus gutem Grund aus Salem Creek weggegangen, Evvie. Da ist etwas passiert, das …«

»Ich weiß von den beiden Mädchen«, unterbrach Evvie sie. »Und was die Leute gedacht und gesagt haben … Wie sie Ihre Oma behandelt haben. Ich weiß auch von Ihrer Mama, davon, wie sie damals im Café durchgedreht ist und gedroht hat, die ganze Stadt zu verfluchen. Wie sie ihre Sachen gepackt hat und abgehauen ist und einen Trümmerhaufen zurückgelassen hat. Ich weiß alles.«

Lizzy musste Evvie nur in die Augen sehen, um zu wissen, dass das stimmte. Sie wusste alles. Oder fast alles. »Redet man noch? Über Althea, meine ich. Glauben die Leute noch …«

Wieder unterbrach Evvie sie. »Ich habe es nicht über Gerüchte erfahren, falls es das ist, worauf Sie hinauswollen. Ihre Oma hat es mir gesagt. Ich habe keine Ahnung, was die Leute in der Stadt tatsächlich denken, denn wann immer ich in Hörweite war, haben sie alle den Mund gehalten. Was anderes würden sie sich bei mir aber auch nicht trauen.«

Die plötzliche Intensität in Evvies Stimme überraschte Lizzy. »Warum nicht?«

»Sie wissen es besser, schätze ich.« Sie deutete ein Lächeln an und zeigte Zähne, die so weiß und gerade waren wie sauber auf eine Kette gefädelte Perlen. »Ich glaube, sie haben ein wenig Angst vor mir. In Salem Creek gibt es nicht allzu viele Gesichter wie meines.«

Jetzt musste Lizzy grinsen. Es fiel ihr nicht schwer, zu glauben, dass die Bevölkerung von Salem Creek Angst vor Evvie hatte. Sie war eindrucksvoll. Dennoch hatte sie etwas an sich, das unerklärlich tröstend war und ein seltsam vertrautes Gefühl hinaufbeschwor.

»Erzählen Sie mir von meiner Großmutter«, bat sie leise. »Wie lange war sie krank?«

»Abwasch!«

»Wie bitte?«

Evvie stand auf, und ihr Stuhl kratzte über den Eichenholzfußboden. »Wir können beim Abwaschen reden. Tragen Sie Ihren Teller rüber!«

Lizzy räumte den Tisch ab, während Evvie das Spülbecken volllaufen ließ. Es fühlte sich eigenartig gut an, wieder in der Küche zu sein, in der sie und Althea so viele glückliche Stunden verbracht hatten. Es war, als würde sie in ein altes Paar Hausschuhe schlüpfen, das sie lange nicht getragen hatte, und ganz kurz vergaß sie sogar beinahe die schrecklichen Ereignisse, die das Leben auf der Farm für immer verändert hatten. Beinahe …

»Meine Großmutter …«, hakte Lizzy nach, als sie einen tropfenden Teller von Evvie entgegennahm.

»Ihre Leber.« Evvie nahm einen weiteren Teller aus dem Spülwasser. »Sie hat ihr einfach den Dienst versagt. Irgendwann hat Althea ein Einsehen gehabt und hat sich ärztlich untersuchen lassen, aber es gab nichts mehr, was sie für sie tun konnten. Die üblichen Verschleißerscheinungen. Sie wollte keinen Wirbel darum machen. Sie wissen, wie sie war. Keine Freundin von großem Tamtam.«

»Waren Sie hier, als sie …« Die Frage hing in der Luft, Lizzy brachte das letzte Wort nicht über die Lippen.

»Ja.«

»Und ihre Asche … Haben Sie sie …?«

»Hmm.«

Lizzy legte das Geschirrtuch weg, und als sie nach Evvies nassen Händen griff, blieben ihr die Worte fast in der Kehle stecken. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, außer: Danke. Dafür, dass Sie ihre Freundin waren. Dass Sie hier waren. Dass Sie getan haben, was getan werden musste. Ich hätte das tun sollen. Ihre Familie hätte hier sein sollen.«

Evvie hob den Blick vom Spülbecken, und ihr Kinn zitterte, als sie die Tränen wegblinzelte. »Das war sie«, sagte sie mit belegter Stimme. »Familie muss nicht immer blutsverwandt sein. Manchmal erkennt man sich einfach in einem anderen Menschen wieder. So ging es mir mit Ihrer Oma. Wir waren verwandte Seelen. Eine besondere Art der Verwandtschaft.«

Wer Evvie sah, mit ihrer braunen Haut und den kupfergesprenkelten Augen, würde schwer glauben können, dass sie mit Althea verwandt sein sollte. Aber Lizzy fiel es leicht.

»Ich bin froh, dass Sie für sie da waren. Dass eine hier war, die sie geliebt hat.«

Evvies Gesicht wurde sanfter. »Gehen Sie ruhig hoch. Ich mache das hier noch fertig. Sie sehen aus, als wären Sie groggy.«

Lizzy nickte. Groggy beschrieb nicht mal ansatzweise, wie sie sich nach den Ereignissen der letzten vierundzwanzig Stunden fühlte. Sie trocknete sich die Hände ab und wollte gerade in die Diele gehen, um ihren Koffer zu holen, als Evvie sie zurückhielt.

»Das hätte ich fast vergessen: Ich schlafe in Ihrem alten Zimmer, Sie werden also Altheas benutzen müssen. Das Bett ist schon abgezogen, aber im Schrank auf dem Flur finden Sie frische Bettwäsche. Ihre Sachen lege ich morgen da rein.« Sie schwieg kurz und beäugte Lizzys Skinny-Jeans und die modischen schwarzen Stiefel. »Hier werden Sie anständige Kleidung brauchen.«

Lizzy nahm die Kritik an ihrer Kleidung hin, aber sie sperrte sich gegen die Vorstellung, in Altheas Bett zu schlafen. Es kam ihr falsch vor, aufdringlich und respektlos. »Ich nehme Rhannas Zimmer. Es ist nur für ein paar Tage.«

Evvie schüttelte den Kopf. »Geht nicht. Rhannas Zimmer ist mehr eine Abstellkammer als ein Schlafzimmer. Außerdem würde sich Ihre Oma freuen, wenn Sie ihr Zimmer benutzen.«

»Ich denke nicht …«

»Gehen Sie schon«, drängte Evvie sanft. »Sie würde sich wünschen, dass Sie dort schlafen.«

Altheas Zimmer befand sich im ersten Stock neben der Treppe. Lizzy legte die Hand auf den Türknauf und schloss kurz die Augen, um sich gegen die Gefühle zu wappnen, die sie auf der anderen Seite der Tür erwarten würden. Sie verharrte im Türrahmen und nahm die kleinen, vertrauten Einzelheiten in sich auf: die Gedichte von Rumi, die Althea am liebsten gelesen hatte, das Stück von einem Hirschgeweih, das sie eines Tages auf ihrem Weg durch den Wald entdeckt hatten, die geschnitzte Holzschale mit den Wunschsteinen auf dem Nachttisch.

Doch es war die Frisierkommode, die sie schließlich in den Raum zog. Als Kind war das ihr liebster Ort im Haus gewesen, der Ort, an dem sie ihre Liebe zu den Düften gefunden hatte. Geranie, Jasmin, Patschuli, Sandelholz – eine endlose Reihe von Düften, die sich zu frischen, neuen Aromen mischen ließen. Eine Farbpalette für die Nase. Solange sie zurückdenken konnte, hatte Althea ihr Geschichten über die seltsamen Talente der Moon-Frauen erzählt. Jede von ihnen war auf einzigartige Weise begabt gewesen und hatte ihre eigene, stille Art gehabt, sich in der Welt nützlich zu machen. Eines Tages hatte Lizzy hier an der Frisierkommode ihre eigene, stille Magie entdeckt: die herrliche, mysteriöse Alchimie der Düfte.

Sie hatte instinktiv gewusst, dass Düfte im Grunde eine ganz besondere Form von Medizin waren, dass sie die Stimmung heben, Gefühle wecken und das Wohlbefinden wiederherstellen konnten. Dank ihrer ungewöhnlichen Gabe hatte sie auch erkannt, dass alle Menschen ihren individuellen Geruch besaßen, der unverwechselbar wie ein Fingerabdruck war. Ihre persönliche Signatur. Diese Entdeckung bildete schließlich die Basis für ihre Karriere.

An ihrem vierzehnten Geburtstag hatte sie verkündet, dass sie Altheas Liebe zur Farm in eine Flasche abfüllen wollte. Es war eine unfassbar kindische Idee gewesen, als wollte sie Emotionen wie Glühwürmchen in ein Glas sperren, aber Althea hatte sie nicht entmutigt. Lizzy hatte keine Ahnung gehabt, wo sie überhaupt anfangen sollte, sie war einfach ihrer Nase gefolgt und hatte sich irgendwann für Lavendel entschieden, weil er wie die Erde duftete, und Bergamottöl, weil es sie an Sonnenschein erinnerte. Zusammen rochen sie wie Althea. Ein paar Monate später hatte sie ihr Vorhaben wahr gemacht und den schlichten zweifachen Duft vorgestellt, ihr Althea, benannt nach der Frau, die sie zu ihrer Kreation inspiriert hatte.

Die Flasche hatte sie in einem der verstaubten Gebrauchtwarenläden in der Stadt gefunden. Sie hatte zwei Wochen lang ihr Taschengeld gespart, um sie sich leisten zu können. Die Flasche stand noch immer auf der Frisierkommode, quadratisch mit einem dicken Boden und einem langen, kegelförmigen Stopfen. Sie war über die Jahre viele Male nachgefüllt worden, aber jetzt war sie leer, von einem klebrigen braunen Rest am Boden abgesehen. Sie zog den Pfropfen trotzdem heraus, in der Hoffnung, den unverwechselbaren Duft ihrer Großmutter zu riechen, stellte aber enttäuscht fest, dass sie nur den süßlichen Duft der Öle wahrnehmen konnte, die sich abgesetzt hatten.

Eine Welle der Trauer überschwemmte sie, als sie die Flasche zurück auf die Frisierkommode stellte. Lizzy betrat die Kammer mit der niedrigen Decke, die lange als Lagerraum gedient hatte, bis Althea sie zum Lesen mit Regalbrettern und einem Stuhl ausgestattet hatte. Die Abwesenheit ihrer Großmutter machte sich als geradezu körperlicher Schmerz bemerkbar. Althea hatte viele wertvolle Besitztümer angesammelt, aber sie hatte nichts so geliebt wie ihre Bücher. Ihr heimliches Laster, hatte sie sie genannt, perfekt, um mit ihnen die kalten Winter von Neuengland zu verbringen.

Dann war da der Bücherschrank: mit Glastüren, die sich mit einem winzigen Messingschlüssel verschließen ließen, und drei Regalböden. Lizzy beugte sich vor, um durch das Glas zu spähen. Die Bücher. Als Kind hatte sie Ehrfurcht vor ihnen gehabt – oder zumindest vor dem, wofür sie standen. All diese unverheirateten Moon-Frauen, die jeden Abend vor dem Feuer gesessen und ihre Geheimnisse niedergeschrieben hatten, die nur für diejenigen gedacht waren, die auf demselben Pfad wandelten. Jetzt gehörten sie ihr, genau wie die Moon Girl Farm.

Sie fand den Schlüssel im Schubfach der Frisierkommode, wo Althea ihn stets aufbewahrt hatte. Der Geruch von Leder und altem Papier kam ihr entgegen, als sie die Tür öffnete, und sie ertappte sich dabei, wie sie den Atem anhielt, gleich einem Kind, das Angst hat, beim Stibitzen von Süßigkeiten erwischt zu werden. Allerdings war keine mehr da, die sie tadeln könnte. Lizzy fuhr mit dem Finger über die Reihe gerippter Buchrücken. Das Leder fühlte sich kühl an. Dann ließ sie sich auf die Knie nieder und zog den erste Band heraus.

Das Buch von Sabine. Die Frau, die am Anfang von alldem gestanden hatte.

Langsam blätterte Lizzy die Seiten um. Die Tinte war zu einem stumpfen Braun verblasst, die Linien der Schreibfeder waren krakelig und hauchzart, wodurch sie nur schwer zu entziffern waren. Die Mischung aus Englisch und Französisch machte es noch schwerer. Nicht, dass sie es lesen musste. Sie kannte die Geschichte auswendig. Wie Sabine von dem Mann verraten worden war, den sie geliebt hatte. Wie sie geflohen war, um der Verfolgung zu entgehen. Wie sie darum gekämpft hatte, mit einem Baby auf der Hüfte in einem fremden Land zu überleben. Und wie sie dann verlangt hatte, keine Moon dürfe sich je dem Joch der Ehe unterwerfen, weil dies das Ende der Blutlinie bedeuten würde. Es war eine Familienlegende, die seit Generationen weitererzählt wurde.

Sie schob den Band zurück ins Regal und musterte die anderen. So viele Moons, und jede mit ihrer eigenen Geschichte. Patrice, die erste Moon, die auf dem Boden der Staaten geboren worden war. Renée, die einzige Moon, die jemals einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Das arme Ding hatte nur ein paar Stunden überlebt, ganz im Gegensatz zu seiner Zwillingsschwester Dorothée. Gerüchte über den Tod des Jungen hatten Renée ihr Leben lang verfolgt. Sylvie, die die Stadt schockiert hatte, weil sie offen und unerschrocken mit einer Frau namens Rachel Conklin zusammengelebt hatte. Aurore,