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Longing for Lelibeth ist SPIEGEL-Bestseller! Sie lebt für das Hotel ihrer Familie. Er soll es ruinieren. Umgeben von malerischen Bergen liegt das Luxushotel Mont Lacroix. Doch für die angehende Hotelmanagerin Lelibeth ist es mehr als das – es ist ihr Zuhause. Um sich dort zu beweisen, möchte sie erstmals in der Geschichte des Hotels eine exklusive Hochzeit ausrichten, und dafür braucht sie einen Floristen. Als sie nur Absagen erhält, scheint ausgerechnet Noah Benz die einzige Option. Noah, der nicht nur deutlich macht, was er von ihrem Plan hält – nämlich gar nichts –, sondern ihr auch ungewollt viel zu sehr unter die Haut geht. Und der ein Geheimnis hat: Er ist der Sohn ihres größten Konkurrenten … "Die Geschichte von Leli und Noah hat mich zum Lächeln, Seufzen und Mitfiebern gebracht, und ich wollte Das Mont Lacroix gar nicht mehr verlassen. Ein echtes Wohlfühlbuch!" SPIEGEL-Bestsellerautorin Lilly Lucas Band 1 der neuen unabhängig lesbaren New-Adult-Trilogie von SPIEGEL-Bestsellerautorin Alexandra Flint voller Wohlfühlvibes, Geheimnisse und ganz großer Gefühle. Wann geraten große Träume, alte Rivalitäten und unerwartete Nähe aus dem Gleichgewicht? - Atmosphärisches Setting mit Urlaubsfeeling: Das Luxushotel Mont Lacroix befindet sich in den Alpen umgeben von wunderschöner Natur. - Hidden Identity x Haters to Lovers x Forced Proximity: Toughe Hotelmanagerin trifft auf charmanten Floristen, der in Wahrheit der Sohn der Konkurrenz ist. - Wohlfühlatmosphäre und Found Family: Das Hotel ist für alle Anwesenden wie ein Zuhause – wobei auch Klatsch und Tratsch und Dramen nicht zu kurz kommen. - Familie als wichtiges Thema: Die Protagonist*innen sind Erb*innen eines exklusiven Hotels und adoptiert. Sie lieben ihre Adoptivfamilie, müssen sich aber mit ihrer Herkunft auseinandersetzen. - Liebevolle Kapiteleinstiege: (Kunst-)Wörter mit originellen Definitionen
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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2026
Liebe Leser*innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr auf der letzten Seite eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese beinhaltet Spoiler für die gesamte Geschichte.
Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis!
Eure Alexandra und das Loewe Intense-Team
Für alle, die ganz und gar lieben.
Mit ihrer ganzen Seele,
mit ihrem ganzen Sein,
mit jedem Gedanken.
Obwohl es manchmal wehtut.
And in the middle
of my chaos,
there was you.
INHALT
Playlist
Anmerkung zu den Definitionen der Kapitelanfänge
Kapitel 1Lelibeth – Der Widerhall …
Kapitel 2Noah – Flaschen klirrten, als …
Kapitel 3Lelibeth – »Es ist schon …
Kapitel 4Noah – Das Mont Lacroix …
Kapitel 5Lelibeth – Das Klappern von …
Kapitel 6Lelibeth – »Die Rezeption ist …
Kapitel 7Noah – Nachdem ich es …
Kapitel 8Lelibeth – »Ich möchte, dass …
Kapitel 9Noah – Ich nahm den …
Kapitel 10Lelibeth – »Du, Noah. Du …
Kapitel 11Lelibeth – Der Widerhall …
Kapitel 12Noah – Ein Teil von …
Kapitel 13Lelibeth – »Leli-Maus, du musst …
Kapitel 14Noah – Jedes einzelne Wort, …
Kapitel 15Lelibeth – Addi Du hast …
Kapitel 16Noah – »Ist alles in …
Kapitel 17Lelibeth – »Ist alles in …
Kapitel 18Lelibeth – »So, ein extrastarker …
Kapitel 19Noah – Mit Lelibeth Lacroix …
Kapitel 20Lelibeth – »Lelibeth?«
Kapitel 21Lelibeth – Ich bekam kein …
Kapitel 22Noah – Ich zersprang. Ich …
Kapitel 23Lelibeth – Sonntage waren meine …
Kapitel 24Noah – Vertrau mir. Die …
Kapitel 25Lelibeth – Die neue Woche …
Kapitel 26Noah – »Ich weiß, ich …
Kapitel 27Lelibeth – Ich fuhr mit …
Kapitel 28Noah – Als Hannes endlich …
Kapitel 29Lelibeth – Ich vergaß meinen …
Kapitel 30Lelibeth – Ich befand mich …
Kapitel 31NoahNeun Stunden zuvor – Ich fühlte mich …
Kapitel 32Noah – Ich starb an …
Kapitel 33Lelibeth – »Vor vierundzwanzig Jahren. …
Kapitel 34Noah – Vor knapp sechs …
Kapitel 35Lelibeth – Drei Wochen. So …
Kapitel 36Noah – Mein Herz würde …
Kapitel 37Lelibeth – Der Wind brachte …
Kapitel 38Drei Wochen später – Unter uns breitete …
Danksagung
Triggerwarnung
PLAYLIST
I Love You, I’m Sorry – Gracie Abrams
Mess Is Mine – Vance Joy
Subliming – Richy Mitch & The Coal Miners
I Found – Amber Run
Another Love – Tom Odell
exile (feat. Bon Iver) – Taylor Swift, Bon Iver
Out of My League – Fitz And The Tantrums
Into Your Arms (feat. Ava Max) – Witt Lowry, Ava Max
When Emma Falls in Love (Taylor’s Version) – Taylor Swift
I Lived – Sped Up – OneRepublic
Electric Love – BØRNS
Summertime – Kontra K, Lana Del Rey
Hate That I Fell In Love With You – Bow Anderson
Why Did You Run? – Judah & the Lion
Satellite – Harry Styles
Teenage Mind – Tate McRae
Never Ever Love a Liar – Bea and her Business
Hypnotic – Zella Day
ANMERKUNG ZU DEN DEFINITIONEN DER KAPITELANFÄNGE
Die Definitionen in diesem Buch sind frei von mir interpretiert und/oder erfunden und entsprechen weder den Definitionen in den gängigen Lexika noch festen Normen der Gesellschaft. (Ihr solltet euch also nicht auf Longing for Lelibeth berufen, falls ihr Begriffsbestimmungen für wissenschaftliches Arbeiten benötigt. In allen anderen Fällen könnt ihr die Phrasen natürlich gerne in euren Sprachgebrauch aufnehmen.)
Anyways, ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen!
Eure Alexandra
KAPITEL 1
Lelibeth
Stresspraline, die, Plural: die Stresspralinen – exquisite Pralinen, meist aus erlesener Schokolade und feinen Zutaten, die von Personen – oft in Positionen mit großer Verantwortung – verzehrt werden, sobald es zu mittelschweren bis großen, sogenannten echten Problemen kommt.
DER WIDERHALL
Hohenfels am Drachensee – Nachdem der Skandal am Silvesterabend im luxuriösen und sonst so diskreten MONT LACROIX (wir berichteten über die geschlossene Veranstaltung für geladene Gäste mit Rang und Namen, die in einem Aufgebot der hiesigen Feuerwehr und Polizei endete) die Grundfeste des ehrwürdigen Alpenrefugiums ins Wanken gebracht hat, scheint es nun endgültig um die Tradition geschehen zu sein. Lelibeth Lacroix (23), die älteste Tochter von Hoteldirektor Frederick Lacroix (56) und derzeit stellvertretende Hotelmanagerin, sägt an den ohnehin fragilen Grundpfeilern des geschichtsträchtigen Luxushotels. Insider haben bestätigt, dass die ambitionierte Lelibeth plant, die Tore des LACROIX nicht nur weiter zu öffnen, sondern seine Mauern geradezu zu sprengen. Ausgerechnet mit aufwendigen und sicherlich kostspieligen Events will die junge Unternehmerin das Portfolio des Luxushotels mit pompösen Hochzeiten und Publicityfeiern erweitern – und widerspricht damit sämtlichen Idealen des LACROIX, denn diese Veranstaltungen implizieren vor allen Dingen Presse, Wirbel und Blitzlichtgewitter. Erst zwei Monate zuvor dozierte Frederick Lacroix noch über die bedingungslose Diskretion und Ruhe des Hotels. LACROIX sei »eine Oase der Entspannung fernab jeden Alltags. […] Wir verfolgen nicht umsonst den Gedanken: Was im Mont Lacroix geschieht, bleibt im Mont Lacroix«, so der Direktor. Es ist zweifelhaft, ob diese beschriebene Oase bestehen bleibt, wenn sich zukünftig die Stars und Sternchen vor laufender Kamera das Jawort auf dem geschichtsträchtigen Anwesen der Lacroix geben. Die Gäste jedenfalls dürften nicht allzu begeistert sein, sich mit goldfadenbestickten Bademänteln und Slippers im Reality-TV wiederzufinden. Ob sie sich bei ihrer nächsten Buchung dann womöglich doch lieber an die schillernde Konkurrenz DAS GOLDBACH wenden? Bei so viel ungefragter Innovation und drohender Schlammschlacht zwischen den Lacroix und Goldbachs scheint eines sicher: Wir müssen mit allem rechnen und dürfen viel erwarten.
Schnaubend faltete ich Den Widerhall zusammen und griff nach meiner Kaffeetasse, nur um festzustellen, dass sich darin nicht mehr als eine klägliche, halb eingetrocknete Pfütze befand. Um mich herum summte der morgendliche Betrieb der Kaffeelounge, der sich mit dem plötzlichen Dröhnen hinter meiner Schläfe vermischte.
»Schlechte Nachrichten?« Mein zwei Jahre jüngerer Bruder Dante runzelte die Stirn und deutete mit dem Kinn auf die Zeitung.
Ich verzog das Gesicht und stellte den Becher so heftig ab, dass Helene, unsere oberste Barista, die gerade an der dreikreisigen Siebträgermaschine hantierte, zusammenfuhr. »Tut mir leid«, sagte ich noch im selben Moment, weil es normalerweise nicht meine Art war, die Contenance zu verlieren. Dafür hatte ich im Laufe meines Lebens einfach schon zu viele kleine und große Katastrophen miterlebt, die nicht selten mit meinen beiden jüngeren Geschwistern zusammenhingen. Aber ganz offensichtlich schaltete sich meine hart erarbeitete Selbstbeherrschung ab, sobald diese dämliche Zeitung die richtigen Knöpfe drückte.
Helene winkte mit einem milden Lächeln ab, während sie eine frische Tasse von der Heizfläche nahm und unter die Maschine stellte. Sie war eine große Frau in ihren frühen Sechzigern, mit dunkelgrauen kinnlangen Haaren, die dieselbe Farbe wie ihre Augen besaßen, und einer beneidenswerten Unerschütterlichkeit. »Ein heißer Kaffee und die Wogen glätten sich wieder.«
Manchmal glaubte ich, dass das ihre Antwort auf alles war. Zumindest konnte ich mich nicht an einen Tag in all den Jahren, in denen Helene schon im Mont Lacroix und damit für meine Familie arbeitete, erinnern, an dem sie es versäumt hatte, frischen Kaffee zu bringen, sobald es kompliziert wurde.
Meine Geschwister und ich waren mit Helene aufgewachsen, sie war ein fester Bestandteil der zusammengewürfelten Lacroix-Familie, unserer Familie. Mein Vater pflegte immer zu sagen, dass ein Hotel erst zu einem Zuhause in der Fremde wurde, wenn darin eine Familie wohnte. Genauso wie meine Großmutter vor ihm und mein Urgroßvater zu seiner Zeit. Ein Leitspruch, der sich durch die gesamte Lacroix-Linie zog, seit es dieses Hotel gab, und ich würde niemals mit unseren heiligen Traditionen brechen. Ganz gleich, was dieses Schandblatt auch behaupten mochte.
»Jetzt sag schon, Leli, was steht drin?« Dante, der immer noch kopfüber über der gepolsterten Lehne des Chesterfieldsofas hing, pustete sich eine Strähne seiner schwarzen Haare aus der Stirn.
»Es geht um meine Idee.«
»Deine Idee?«
»Meine Idee«, wiederholte ich und nickte Helene dankbar zu, als sie einen frischen Kaffee vor mir auf dem niedrigen Marmortisch abstellte.
»Und auf welchen deiner zahlreichen brillanten Einfälle beziehst du dich genau, Schwesterchen?«
»Du weißt schon. Die Eventsache. Und jetzt hat Der Widerhall sie durch den Dreck gezogen, noch bevor ich in Ruhe darüber sprechen konnte. Wie haben diese Pressegeier überhaupt davon erfahren?«
Dante zuckte mit den Schultern, was in seiner derzeitigen Position einer uneleganten Verrenkung glich. Unter anderen Umständen hätte ich ihn darauf hingewiesen, dass er in dieser Haltung mitten in der Kaffeelounge keinen besonders guten Eindruck auf unsere Gäste machte. Aber es war noch früh und die geräumige Lounge mit den zwei großen Kaminen, schweren Sofas aus dunkelgrünem Samt und poliertem Leder, funkelnden goldenen Lüstern und holzvertäfelten Wänden bis auf Dante, mich und Helene hinter der langen Theke leer.
Und vermutlich hätte es meinen Bruder ohnehin nicht gejuckt. Dante war ein Freigeist in jeder Hinsicht und ließ sich nicht davon beirren, was andere von ihm dachten. Im Gegensatz zu Adelaide, meiner ein Jahr jüngeren Schwester, und mir wusste er noch nicht, was er vom Leben wollte, und ließ sich treiben, während er hier und da kleine Aufgaben im Hotelalltag übernahm. Und meine Eltern gewährten ihm gutmütig diesen Welpenschutz, aber manchmal fragte ich mich, ob sie ihm damit wirklich einen Gefallen taten.
»Ehrlich gesagt wundert es mich nicht, dass es dein Geheimnis aus unseren Schlossmauern heraus bis auf den Schreibtisch von Barnes Müller-Tiethoff geschafft hat.«
Ich warf Dante über den Rand meiner Tasse einen gequälten Blick zu. »Es war nie ein Geheimnis.«
»Und wenn schon. Bei unserem Flurfunk bleibt nichts lange im Verborgenen.«
»Da hat er durchaus recht, Lelibeth«, gab Helene zu bedenken, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. In einer halben Stunde würden die ersten Gäste die Lounge betreten, um ihren perfekt aufgebrühten Kaffee zu genießen, bevor sie in den Luxushotelalltag starten würden.
Ich gab ein undefinierbares Brummen von mir. Mir war durchaus bewusst, dass sich Klatsch und Tratsch gespickt mit Gerüchten und Halbwahrheiten in einer beinahe beängstigenden Geschwindigkeit über unser weitreichendes Anwesen ausbreiteten. Alle kannten sich seit einer kleinen Ewigkeit und arbeiteten Hand in Hand wie ein Uhrwerk. Sobald es irgendwo hakte, wussten alle davon. Nichts und niemand war sicher.
»Mach dir nichts draus. Es liest ohnehin niemand dieses Klatschblatt.«
»Vater tut es.« Vater und sämtliche Leute, die im deutschen, österreichischen und schweizerischen Alpenraum ein gehobenes Hotel führten. Kurz gesagt: alle relevanten Personen der Branche.
Mit einem schweren Seufzen richtete sich Dante auf und begann die Ärmel seines dunkelblauen Satinhemds hochzukrempeln. »Es spielt keine Rolle. Denk nicht so viel über die anderen nach, sondern über deine großartige Idee, die unseren verstaubten Schuppen ordentlich aufwirbeln wird.«
Helene gab ein vernehmliches Hüsteln von sich, während ich gleichzeitig »Dante!« zischte. Das Mont Lacroix mochte über dreihundert Jahre alt sein, aber ganz sicher nicht verstaubt. Wir zählten mit unserer einzigartigen Lage am Rand der Alpen nahe der Zugspitze umgeben von unberührter Natur zu den erstklassigsten und exquisitesten Refugien der Welt und befanden uns nicht ohne Grund immer wieder unter den Top Ten der beliebtesten Luxushotels der europäischen Alpenregion.
Zusammen mit dem Goldbach.
Zähneknirschend drängte ich den Gedanken an unseren direkten Konkurrenten zurück und fügte resigniert an: »Ich hätte es Vater einfach gerne persönlich gesagt. Er sollte es nicht aus dem Widerhall erfahren.«
»Es ändert nicht das Geringste. Er wird es dir so oder so nicht abschlagen können.«
»Was macht dich da so sicher?«
»Lebenserfahrung, liebste Schwester. Gegen deine lückenlose Argumentation und strukturierte Organisation hat nicht einmal der große Frederick Lacroix eine Chance.«
Der große Frederick Lacroix sah alles andere als zufrieden aus, als ich eine Viertelstunde später sein Büro im Kleinen Westflügel des Haupthauses betrat. Seine Miene war verschlossen, tiefe Runzeln durchfurchten seine gebräunte Haut und auf seinem Schreibtisch lag bereits eine halb leere Schachtel Pralinen, die unser Vater nur hervorholte, wenn ihm etwas wirklich auf den Magen schlug. Und dieses Mal war ausgerechnet ich der Auslöser für seine Stresspralinen. Ich fühlte mich augenblicklich noch mieser.
»Es tut mir leid«, begann ich, noch bevor Vater etwas sagen konnte, und durchmaß mit schnellen Schritten den Raum. Wie überall im Haupthaus des Mont Lacroix mit seinen zwei ausladenden Flügeln herrschten auch hier warmes Holz, goldene Akzente, handgefertigte Möbel und Stoffe und Farben, die dem tiefen Waldgrün der Nadelbäume nachempfunden waren, die das Anwesen im Norden und Westen umgaben. Große mehrsprossige Fenster ließen das erste Licht des Februarmorgens herein, das es durch die dichten Bäume schaffte.
»Leli …«
»Nein, ich meine es ernst«, fiel ich ihm ins Wort und setzte mich auf einen der beiden breiten Sessel vor seinem Schreibtisch. »Ich habe einen Fehler gemacht. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen ist, dass Der Widerhall davon erfahren hat, aber ich hätte zuallererst mit dir über meine Idee sprechen müssen. Ganz gleich, wie konkret sie schon ist oder nicht.«
»Leli …«
»Events, ganz gleich, wie exklusiv sie auch sein mögen, auf dem Gelände des Lacroix auszurichten, betrifft das gesamte Hotel. Dein Hotel, und ich –«
»Lelibeth.«
Ich blickte von meiner karierten Hose auf und spürte, wie meine Wangen warm wurden. Die Wahrheit war, dass ich einfach nicht wusste, wie es war, Mist zu bauen. Klar, ich hatte in meiner Kindheit zusammen mit Dante und Addi kleine Streiche ausgeheckt – doch meistens hatte ich versucht, meine jüngeren Geschwister davon abzubringen, oder hatte höchstens einmal Schmiere gestanden und mich dabei unglaublich unwohl gefühlt. Abgesehen davon war ich das Musterkind der Familie gewesen. Ruhig, konzentriert, diszipliniert und mit dem festen Ziel vor Augen, die nächste Hoteldirektorin des Mont Lacroix zu werden. Anscheinend musste ich erst dreiundzwanzig werden, um die andere Seite kennenzulernen.
»Ich habe nicht nur deswegen um ein Gespräch gebeten.«
Überrascht hob ich die Brauen. »Nicht?«
Mein Vater schob mir die Pralinenschachtel rüber und schüttelte den Kopf. »Natürlich müssen wir über dein Vorhaben sprechen, keine Frage, aber ob du es glaubst oder nicht, gerade gibt es noch dringlichere Angelegenheiten, die mir graue Haare bescheren, und womöglich hängt das eine mit dem anderen zusammen.«
Ich nahm mir eine Praline, die Sasha in präziser Feinstarbeit in unserer eigenen winzigen Schokoladenmanufaktur herstellte. »Deshalb die Pralinen.«
»Wie bitte?«
»Ach nichts.« Gedanklich ging ich sämtliche Bereiche unseres Hotels durch, in denen es zu echten Problemen kommen konnte, und ließ dann die Schokolade auf halbem Weg zum Mund wieder sinken. »Es ist Donnerstag. Du hattest gestern den Termin mit der Bank.«
Die Miene meines Vaters sprach Bände. »Ja, den hatte ich.«
Einmal in der Woche traf sich Frederick Lacroix mit Clemens Rauenfels, dem Direktor der hiesigen Bank, die unsere Finanzen betreute, seit es dieses Hotel gab. Das war ein fixer Termin, der mehr Routine als Notwendigkeit und meistens mit einem ausgiebigen Brunch verbunden war. Doch heute wirkte Vater nicht, als hätte er eine angenehme Zeit mit einem alten Bekannten gehabt.
»Enna war auch da. Clemens hat sie eingeladen.«
»Warum hat Clemens unsere Steuerberaterin dazugeholt?« Ich stellte die Frage, obwohl ich mir die Antwort darauf schon denken konnte.
Mein Vater fuhr sich über das Kinn, auf dem ein dunkelblonder Bartschatten lag, und zog die Pralinenschachtel wieder zu sich. Kein gutes Zeichen. »Unsere Finanzen sind im Augenblick … schwierig. Um es gelinde auszudrücken.« Die nächste Praline wanderte in seinen Mund.
»Wir schreiben schwarze Zahlen bei einer sehr guten Auslastung.«
»Das ist richtig, Leli, in den meisten Monaten«, erwiderte er, nachdem er runtergeschluckt hatte, »aber schwarze Zahlen sind nicht gleich schwarze Zahlen.«
Dieser Umstand war mir durchaus bewusst. Mit meinem fünfzehnten Lebensjahr hatte mein Vater begonnen, mich in sämtliche Belange der Hoteldirektion einzuführen. Ich kannte das Hotel wie meine Westentasche, genauso wie unsere Finanzen. Stundenlang hatte ich mit ihm an der Buchhaltung des Lacroix gesessen und in diesen Stunden und später in meinem Fernstudium – eine Kombination aus Hotelmanagement und BWL – alles verinnerlicht, was ich an theoretischem Wissen finden konnte. Nur war die Praxis wie so oft vollkommen anders. Denn ein Luxushotel wie Das Mont Lacroix zu führen, war in erster Linie eines: teuer. Ganz gleich, wie präzise man kalkulierte, es fraß einem die Haare vom Kopf.
»Die Kosten steigen, die Gäste erwarten mehr und wir müssen immer Neues bringen, um mit der Konkurrenz mitzuhalten. Der Druck in der Branche nimmt zu, Innovationen werden schneller und häufiger gefordert und das alles zu stemmen …«
Abwartend presste ich die Lippen aufeinander, während sich wachsende Unruhe in mir breitmachte. Es sah meinem Vater nicht ähnlich, Sätze in der Luft hängen zu lassen. Und die Stille danach wog daher umso schwerer.
»Ich habe mit Clemens und Enna über den Kredit gesprochen«, sagte er dann und sah mir direkt in die Augen.
»Für die Erweiterung der Wellnessoase?«
Mein Vater nickte und wirkte mit einem Mal zwanzig Jahre älter als seine sechsundfünfzig. »Clemens hat es nicht so deutlich ausgeführt, aber die Bank hat unseren Antrag auf einen Kredit abgelehnt.«
Ich ballte die Hände zu Fäusten. »Aber wieso? Ihm muss doch klar sein, dass sich diese Investition schnell rechnen wird. Und dass sie nötig ist, jetzt, wo Das Goldbach mit seiner dämlichen Floating-Anlage vorgelegt hat.« Der Name unseres größten Konkurrenten schmeckte säuerlich auf meiner Zunge. Das Hotel war unser nächstgelegener Gegner in unserem Preis- und Ausstattungssegment und uns damit ein ständiger Dorn im Auge. Denn wenn wir Gäste verloren, verloren wir sie meist an Das Goldbach. Manchmal glaubte ich, dass dieses Hotel es auf uns abgesehen hatte, denn seltsamerweise schien es die besonderen Aktionen, die wir unseren Gästen boten, ein paar Tage später auch im Goldbach zu geben. Natürlich konnten wir nichts beweisen, aber für mich war die Sache auch so klar.
»Kein Grund, zynisch zu werden, Leli. Clemens sind die Hände gebunden und Enna hatte mir ohnehin von dieser Erneuerung abgeraten. Das Mont Lacroix sucht auch ohne diesen modernen Schnickschnack seinesgleichen. Wir stehen nach wie vor auf Platz drei des deutschsprachigen Alpenraums, während Das Goldbach irgendwo auf der Zehn rangiert. So schnell wird niemand unserem alten Mädchen das Wasser reichen können, Floating hin oder her.« Als er das sagte, klang er beinahe zärtlich und stolz. Der Stolz vieler Generationen von Lacroix, die dieses Anwesen bereits bewohnt und zu einer Heimat in der Ferne gemacht hatten. Für Prominente, die Ruhe brauchten, für Menschen, die von Stress und Hektik zerfressen waren. Für meine Geschwister und mich, die bei Marion und Frederick Lacroix ein Zuhause gefunden hatten. Trotzdem schwang da noch etwas anderes in seiner Stimme mit. Sorge und viel zu viele schwere Gedanken, die er vor mir zu verbergen versuchte.
»Allerdings«, fuhr mein Vater dann nach einer kleinen Weile fort, »heißt das nicht, dass wir auf lange Sicht nicht doch etwas ändern müssen. Und hier kommst du ins Spiel.«
»Wegen des Artikels …«
Frederick winkte ab. »Ich habe schon lange aufgehört, dieser Zeitung zu viel Gewicht beizumessen – auch wenn ich natürlich gerne zuerst von meiner Tochter erfahren hätte, dass sie plant, ins Eventmanagement einzusteigen.«
»Das klingt größer, als es ist«, murmelte ich und spürte, wie mein Magen zu kribbeln begann.
»Nun, die Größe hängt ganz davon ab, was du daraus machst.«
Perplex blinzelte ich ein paarmal, als ich das kleine Lächeln auf seinen Lippen richtig deutete. »Was ich daraus mache? Willst du damit sagen, dass du meine Idee gut findest?«
Mein Vater lehnte sich auf seinem großen ledernen Bürostuhl zurück. »Es gibt einiges, was wir besprechen müssen. Diskretion und die Ruhe unserer Gäste stehen an oberster Stelle und dürfen unter keinen Umständen leiden, aber abgesehen davon sehe ich durchaus Potenzial in dieser neuen Orientierung. Kleine, geschlossene Veranstaltungen, die unserer Lacroix-Haltung entsprechen und durch Exklusivität und Eleganz bestechen, könnten uns vorantreiben.«
Ich hörte seine Worte und dennoch fiel es mir schwer, sie zu begreifen. »Du gibst mir grünes Licht?«
»Unter Vorbehalt, Lelibeth. Wir müssen alles genauestens durchplanen und einen transparenten Plan ausarbeiten, der unseren reibungslosen Hotelablauf nicht gefährdet.«
»Natürlich, Vater. Ich habe mir bereits Gedanken gemacht und drei Modelle entwickelt, die denkbar sind, um Events und die tägliche Abwicklung miteinander zu vereinbaren.«
»Selbstverständlich hast du das.« Schmunzelnd zwinkerte er mir zu, wurde dann jedoch wieder ernst. »Nun gut. Ich bin bereit, dir ein Pilotprojekt zu genehmigen, sofern du Interessenten findest und für eine lückenlose Organisation und Dokumentation sorgst.«
Ich öffnete den Mund, um sofort zuzustimmen, denn ich hatte mir längst fundierte Gedanken gemacht, doch mein Vater war noch nicht fertig.
»Sollte sich herausstellen, dass deine Idee nicht umsetzbar ist oder den Hotelbetrieb negativ beeinträchtigt, brechen wir den Versuch ab. Um es unmissverständlich auf den Punkt zu bringen: Wir können es uns nicht leisten, Ressourcen zu verschwenden oder unseren guten Ruf zu verlieren. Der Vorfall an Silvester hat gezeigt, wie schnell sich das Blatt wenden kann.«
Allerdings. Ich hatte die Bilder vor Augen, als wäre es erst gestern gewesen. Gäste, die fünfstellige Beträge für ihre Auszeit bei uns gezahlt hatten, hatten in Bademänteln im tiefsten Schnee bei klirrender Kälte gestanden, während Polizei und Feuerwehr das gesamte Hotel geräumt hatten. Schuld war ein glücklicherweise nur kleines und schnell behobenes Gasleck gewesen, doch die schlechte Publicity hatte uns dennoch hart getroffen. Uns und unsere fragilen schwarzen Zahlen.
»So etwas darf nicht noch einmal passieren, Leli, und ich vertraue darauf, dass du mit Bedacht und äußerster Sorgfalt vorgehen wirst.«
Das Summen in meinem Bauch nahm zu, aus Hummeln wurden kleine Drachen, die vor Aufregung und Tatendrang umherwirbelten und es beinahe unmöglich machten, noch länger still zu sitzen. »Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater. Das verspreche ich.«
Ein milder Ausdruck glitt über seine Miene und verwandelte den beherrschten und autoritären Hoteldirektor in den Mann, der mir jahrelang abends vorgelesen, mich auf seinen Schultern über die Wiesen getragen und vor den Geistern unseres Schlosses beschützt hatte. Meinen Vater.
»Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.«
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KAPITEL 2
Noah
.
Eskapade, die, Plural: die Eskapaden – ein Ausnahmezustand, der nicht selten aus Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit und Verzweiflung resultiert (nicht zwingend in dieser Reihenfolge, wobei eine Kombination dieser Beweggründe möglich ist). Meist hat eine Eskapade Folgen, die die oben genannten Gründe verstärken. Die Entstehung eines Teufelskreises ist wahrscheinlich.
Flaschen klirrten, als ich mich stöhnend bewegte, und bohrten sich in meine Hüfte. Doch dieses Stechen war nicht mal annähernd so schmerzhaft wie das Hämmern in meinem Schädel. Oder der feste Knoten, in den sich mein Magen verwandelt hatte.
Scheiße. Mein Magen. Gott, war mir schlecht.
Wieder stöhnte ich und fuhr mir über das Gesicht, das sich seltsam klebrig unter meinen Fingerspitzen anfühlte. Getrockneter Schweiß, Reste von versprühtem, lächerlich teurem Champagner, Glitzer, der auf meiner Haut hing wie ein juckender Ausschlag.
Bilder der letzten Nacht blitzten grell zwischen meinen wummernden Schläfen auf. Mina, die mit funkelndem Konfetti um sich warf, nachdem der Abend längst eskaliert war. Mina auf meinem Schoß, wie sie sich an mir rieb. Freunde von mir, die sich dicht in meiner Suite drängten, feierten, tranken, rauchten, vögelten. Ich mittendrin und doch meilenweit entfernt. Blinkende Lichter, ohrenbetäubende Musik, noch lautere Stimmen, Küsse, die nach Alkohol schmeckten und doch nichts in mir auslösten. Ein gewöhnlicher Freitagabend. Gewöhnlich abgefuckt.
Ich biss die Zähne aufeinander und unterdrückte ein Würgen, als ich den Pelz auf meiner Zunge bemerkte. Galle stieg in mir auf. Zusammen mit den Momenten, die ich mir eigentlich hatte aus dem Gehirn trinken wollen.
Der Streit.
Der beschissene Streit.
Einer von vielen und trotzdem nicht weniger ätzend. Oder aushöhlend.
Es musste ein verdammt schlechter Scherz sein, dass ich mich selbst nach unzähligen Drinks und anderem Mist noch immer haargenau an jedes einzelne Wort meines Erzeugers erinnerte, wohingegen ich nicht einmal hätte sagen können, welche Farbe mein Hemd gestern gehabt hatte.
Blinzelnd öffnete ich ein Auge, starrte auf meine Brust.
Ach ja, schwarz.
Schwarz wie meine Seele.
Wow, das war selbst für mich bodenlos.
Ich kniff die Lider zusammen und rutschte auf der Couch höher, die offensichtlich zu meinem Bettersatz geworden war, wobei ein Glas zu Boden ging und mit einem hellen Scheppern zersprang. War ja klar gewesen. Noch einen Moment länger blieb ich reglos liegen, dann öffnete ich endlich die Augen und richtete mich gleichzeitig auf. Nicht mein bester Einfall. Schwindel überkam mich mit der Wucht eines ungebremsten Güterzugs, während mir das Licht des Morgens danach beinahe die Augäpfel wegbrannte.
Herzlichen Glückwunsch, du hast es wieder einmal übertrieben. Zufrieden?
Ich fuhr mir mehrmals heftig über das Gesicht, wobei Glitzer auf meine schwarze Hose, die dunkle Ledercouch und das polierte Parkett rieselte, dann rutschte ich zu Boden und griff nach den Scherben. Es war dämlich, mich darum zu kümmern, meine ganze Suite, die aus drei Zimmern, einem begehbaren Kleiderschrank und einem überdimensionierten Badezimmer, das eher einem persönlichen Spa glich, bestand, war das reinste Chaos. Eine Müllhalde, für die es einen ganzen Aufräumtrupp samt Generalsanierung gebraucht hätte, aber aus irgendeinem Grund konnte ich die zersprungene Champagnerflöte nicht einfach liegen lassen.
Vorsichtig hob ich den abgebrochenen Stiel auf und drehte ihn zwischen meinen klammen Fingern, bis er vor meinen Augen verschwamm. Erst der Stiel. Dann die Scherben. Dann der ganze Raum.
»Du bist ein arroganter, verzogener Mistkerl, der es zu nichts gebracht hat, Jonathan.«
»Eine Schande für Das Goldbach. Eine Schande für diese Familie.«
Ich umklammerte den Stiel fester, seine scharfen Kanten schnitten in meine Handfläche. Es hatte nicht gereicht. Nicht mal diese beschissene Party mit beschissen viel Alkohol hatte gereicht, um seine beschissene Stimme aus meinem Kopf zu brennen. Seine Worte. Meine Schuld.
»Schau dir deinen Bruder an. Er leitet sein eigenes Hotel in Frankreich, während du nur säufst und feierst und Geld verprasst, für das wir uns tagtäglich den Arsch aufreißen!«
»Geh mir aus den Augen, ich ertrage deinen Anblick nicht länger. Ich ertrage dich nicht länger, Jonathan.«
»Jonathan!«
Wut trieb heiße Tränen über meine Wangen. Dann ballte ich die Hand zur Faust und ließ beinahe noch in derselben Sekunde los, als ein brennender Schmerz durch den Nebel der Erinnerung brach.
»Fuck!«
»Jonathan!«
Ich fuhr hoch und stieß dabei gegen den Designertisch, auf dem weitere Gläser und Flaschen standen, die jetzt gegeneinanderkrachten und schließlich umfielen. Neue Scherben zwischen alten Zigarettenstummeln, Glitzerkonfetti und Essensresten auf Tellern unseres Hotels.
»Mon Dieu, du hast dich wirklich selbst übertroffen.«
Nur mit Mühe unterdrückte ich ein missmutiges Knurren, als ich die Stimme erkannte. Den französischen Akzent darin, den er seinen senegalesischen Wurzeln zu verdanken hatte, und die vertraute, liebevolle Strenge, die mich schon mein halbes Leben lang begleitete. Philippe Roux war das, was Familie in diesem Haus für mich am nächsten kam. Während mein Erzeuger damit beschäftigt war, sein Imperium zu vergrößern und mit eiserner Hand darüber zu herrschen, war Philippe da gewesen. Als ich Fahrradfahren gelernt hatte, als ich mir den Arm gebrochen hatte, als ich das erste Mal Schnaps getrunken und mich einen ganzen Tag lang übergeben hatte. Als ich mich fluchend durch die Schulzeit und später durch mein Finance and Controlling-Studium gekämpft und dabei alles gehasst hatte. Am allermeisten mich selbst. Ich war mir ziemlich sicher, dass Nanny für den nutzlosen Goldbach-Sohn damals nicht in seiner Jobbeschreibung gestanden hatte, als er hier als Personalchef angefangen hatte. Und doch war Philippe Roux in Das Goldbach und mein Leben gekommen, als ich es am meisten gebraucht hatte, und geblieben.
»Du bist ein hoffnungsloser Fall, Noah.«
Immerhin waren wir wieder bei Noah. Dem Spitznamen, den mir meine Großmutter gegeben hatte, weil er ihrer Meinung nach so viel besser zu mir passte als Jonathan.
»Hast du dich mit Rudolf abgesprochen?«, murmelte ich und starrte auf den blutenden Schnitt auf meiner linken Handfläche, ohne wirklich etwas zu erkennen.
Bei der Verbitterung, mit der mir der Name meines Erzeugers über die Lippen kam, zog Philippe die Brauen zusammen und musterte mich nachdenklich. Seine kurzen schwarzen Haare waren einige Nuancen dunkler als seine Haut, auf der trotz seines Alters von fast sechzig Jahren nur wenige Falten zu sehen waren. Dann klatschte er in die Hände. »Steh auf, ich schaue mir deine Verletzung an und dann sorgen wir dafür, dass es hier nicht länger wie nach einer …«
»Orgie mit Koks und Alkohol aussieht?«, schlug ich vor, tat jedoch wie befohlen und kam auf meine wackeligen Beine.
»Oh, ich hoffe, dass das ein Scherz ist.«
»Sag du es mir, Philly.«
Wie immer, wenn ich diesen Spitznamen wählte, wurde seine Miene kurz säuerlich, ehe jede Regung unter purer, hart antrainierter Professionalität verschwand. »Zum Bett. Hand verarzten. Jetzt.«
Nach einem kurzen Blick auf die zerwühlten Laken – die nicht von mir stammten, und war das ein benutztes Kondom? – schüttelte ich den Kopf. Zumindest waren mittlerweile keine anderen Leute mehr in meiner Suite und ich hatte mein wundervolles Reich wieder ganz für mich allein. »Ich würde den Sessel präferieren.«
»Meinetwegen.«
Ich schlurfte durch die Reste der Party und begegnete dabei unfreiwillig meinem Spiegelbild. Mein schwarzes Hemd saß schief und war nur halb zugeknöpft, mein Hosenstall stand offen und unter meinen grünen Augen lagen Marianengräben. Kurz gesagt, ich sah echt scheiße aus.
Hastig wandte ich mich ab und strich mir durch die hellbraunen Haare, die zu lang waren und wirr abstanden, ehe ich mich schwer auf den Sessel fallen ließ. Philippe war nur einen Moment später vor mir, einen Verbandskasten in den langen Fingern, den er weiß Gott wo hergezaubert hatte.
»Du bist ein Esel, Noah.« Missmutig zog er Desinfektionsmittel und Verbandsmaterial hervor und sah mich streng an. »Du solltest es eigentlich besser wissen.«
»Reden wir von der Scherbe oder meiner Orgie?«
»Putain. Du weißt genau, wovon ich spreche. Wann hörst du endlich damit auf, dich zu verstecken?«
»Ich verstecke mich nicht.« Die Lüge brannte schärfer als der Wundalkohol.
Routiniert säuberte Philippe meinen Schnitt und verband ihn anschließend. »Doch, das tust du. Du versteckst dich hinter alldem, anstatt der Mann zu sein, der du wirklich bist.«
»Sprechen wir von dem gescheiterten Sohn oder dem Playboy?«
»Darauf werde ich dir keine Antwort geben.« Philly ließ mich los, doch sein durchdringender Blick aus tiefbraunen Augen blieb und rief unweigerlich sämtliche Details meiner gescheiterten Existenz hervor.
Meine von Ablehnung geprägte Kindheit.
Das Studium, zu dem mich mein Vater gezwungen hatte und durch das ich mich gekämpft hatte, in der naiven, dämlichen Hoffnung, dass dadurch irgendetwas besser werden würde.
Die Tatsache, dass ich nicht wusste, was ich vom Leben wollte, wer ich war, und aufgegeben hatte, danach zu suchen.
Die endlosen Partys, um all das zu vergessen, irgendwie klarzukommen.
Und die Schuld. Die tonnenschwere, allgegenwärtige Schuld.
»Sag Bescheid, wenn du mit dieser … was auch immer du hiermit zu bezwecken versuchst, durch bist, Noah.«
Ich öffnete den Mund zu einer Erwiderung, obwohl ich keinen blassen Schimmer hatte, was ich darauf hätte sagen sollen, als es klopfte. Die Tür wurde keine Sekunde später energisch aufgerissen und Veronika Angermair, die persönliche Assistentin meines Erzeugers, betrat mein zerbrochenes Königreich. Mit gerümpfter Nase sah sie sich geschlagene zehn Sekunden um, wobei ihre verkniffene Miene pure Missbilligung und Abfälligkeit ausstrahlte, dann fanden ihre kühlen blauen Augen mich.
»Dein Vater will dich sehen.«
Sofort wurde mir wieder übel. Nicht dass ich nicht mit einem Nachspiel meiner sogenannten Orgie gerechnet hatte – ich hatte es mehr oder weniger darauf angelegt –, doch allein der Gedanke, wieder in diesem Büro mit Rudolf Goldbach zu sein, trieb flüssiges Eis durch meine Venen. Nur würde ich einen Teufel tun und Veronika zeigen, wie es in meinem Inneren aussah. Das ging niemanden etwas an. Also tat ich, was ich am besten konnte. Den nutzlosen Sohn spielen, der einen Scheiß auf alles gab.
»Dir auch einen guten Morgen, Veronika. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Nacht.«
»Die hätte ich wohl gehabt, wäre ich nicht damit beschäftigt gewesen, deine betrunkenen Freunde im Zaum zu halten. Wir sind ein exklusives Luxushotel, kein Bordell, Herrgott noch mal.«
»Was habt ihr nur mit euren Sex-Vergleichen?«
Veronika sah aus, als würde ihr jeden Moment der zu enge Kragen ihres mausgrauen Hosenanzugs platzen. »Zieh dir etwas an und sei in fünf Minuten im Hauptbüro.«
»Ich bin angezogen.«
Ihr vielsagender Blick glitt über meine gesamte derangierte Erscheinung. »Jetzt sind es nur noch vier Minuten.«
Kaum dass sie aus der Suite gestürmt war, zeigte ich ihr den Mittelfinger.
»Sehr erwachsen, Noah.«
Ich schenkte Philippe ein freudloses Grinsen, dann stand ich auf und schloss erst meinen Hosenstall, bevor ich mein Hemd neu knöpfte und die Ärmel aufrollte. »Kann ich so gehen?«
»Das ist hoffentlich eine rhetorische Frage.«
Kopfschüttelnd klopfte ich ihm auf die Schulter. Dann nahm ich mein Handy vom Sekretär und machte mich an den Abstieg in die Hölle.
»Du weißt, warum ich dich hergebeten habe?« Rudolf Goldbach sah nicht einmal von seinem Laptop auf, als ich sein Büro betrat. Seine Festung aus Eis und Schatten. Weiße Wände, weiße Vorhänge, weiße Gemälde in weißen Rahmen, weißer Teppich auf schwarzen Fliesen, Schwarz-Weiß-Aufnahmen des modernen Hotelneubaus, schwarze Ledergarnitur, schwarze Möbel. Alles schwarz und weiß und nichts dazwischen. Selbst die Trockenblumen in den weißen Vasen waren schwarz oder weiß. Mir war zuvor nie aufgefallen, wie sinnbildlich dieses Büro für die Einstellung meines Erzeugers war. Es gab nur gut und schlecht. Richtig und falsch. Einen nützlichen Sohn – Benedikt, mein elf Jahre älterer Bruder, der Goldjunge, im wahrsten Sinne des Wortes – und einen nutzlosen. Mich.
»Jonathan? Hast du gehört?«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Ja.«
»Ja, du hast mich gehört, oder ja, du weißt, warum du hier bist?«
»Such es dir aus«, erwiderte ich tonlos und blieb mitten im Raum stehen.
Die Ader auf Rudolfs Stirn begann zu pochen, doch noch immer würdigte er mich keines Blickes. Natürlich nicht. Denn dann müsste er sich ja wirklich mit mir befassen. Dem zweiten Sohn, den er eigentlich nie gewollt hatte.
»Deine Antwort beweist nur aufs Neue, dass du jeden Bezug zur Realität verloren hast.« And here we go. »Deine ausschweifende Lebensweise ist nicht nur geschmacklos, sie ist eine Bedrohung für unsere Familie und Zukunft.«
Eine Bedrohung? Das war neu.
»Ich habe dir lange genug Freiheiten gelassen, die ich nie hätte gewähren dürfen. Trotz deines beschämenden Abschlusses hätte ich mich darum bemühen müssen, dich in das Hotel zu integrieren und zu beschäftigen, und der Fehler dabei liegt bei mir. Ich habe Nachsicht gezeigt. Damit ist jetzt Schluss.«
Ich riss die Augen auf. Das war definitiv nicht, was ich erwartet hatte. Sonst ging es immer nur um Zurechtweisungen, weil ich es auf Partys übertrieben oder schlechte Noten und – Gott bewahre – einen Dreierschnitt im Bachelor mit nach Hause gebracht hatte. Darauf folgten meist verletzende Vergleiche mit Benedikt, in denen ich schlecht abschnitt, und Androhungen, dass er mir das Geld nehmen würde, wenn ich dies oder das nicht tat. Aber bei all der Ablehnung und Enttäuschung hatte er nie Ernst gemacht. Nie derartig endgültig und entschlossen geklungen. Es war ihm nie wichtig genug gewesen … Ich war ihm nie wichtig genug, um wirklich Konsequenzen zu ziehen.
Aus irgendeinem Grund beschlich mich ein verdammt mieses Gefühl.
Rudolf seufzte tief und schwer, dann unterbrach er das Tippen auf seiner Tastatur und schüttelte den Kopf. »Ich hätte schon viel früher reagieren sollen, aber wie heißt es so schön? – Lieber zu spät als niemals.«
Angespannt verfolgte ich, wie mein Erzeuger die Hände flach vor sich auf den Schreibtisch aus schwarzem Glas legte und mich anschaute. Wobei es sich vielmehr so anfühlte, als würde er nach meinen Eingeweiden greifen und sie zerquetschen.
»Ich habe eine Rücküberweisung deiner Finanzen beantragt. Es ist alles mit der Bank abgesprochen.«
»Was?«
»Ich drehe dir den Geldhahn zu, Jonathan. Falls es dir entfallen sein sollte, das Vermögen, das du ununterbrochen für Partys, Urlaube und weiß der Geier was verprasst, gehört mir. Du sitzt mir seit dem Tag deiner Geburt auf der Tasche, ohne auch nur einen einzigen Cent zu unserem Vermögen beigetragen zu haben. Dabei werde ich nicht länger tatenlos zuschauen.«
Zum ersten Mal war ich sprachlos. Schweigend starrte ich ihn an, während das Blut laut in meinen Ohren pulsierte. Er drehte mir den Geldhahn zu. Er nahm mir die finanziellen Mittel.
Mein Versteck.
Scheiße, Philippe hatte recht gehabt: Ich versteckte mich hinter der Fassade, die ich aus dem Geld meines Vaters errichtet hatte. Weil das leichter war, als mich zu fragen, wer ich ohne all das war. Wer ich sein wollte.
Was ich getan hatte.
Panik breitete sich erst heiß und dann eiskalt in meinem Körper aus und brachte mich dazu, das Erstbeste von mir zu geben, das mir in den Sinn kam. »Das kannst du nicht machen. Ich bin volljährig. Mir steht dieses Geld zu!«
»Ein Scheiß steht dir zu, Jonathan. Und du bist meilenweit davon entfernt, ein ernst zu nehmender Erwachsener zu sein.« Rudolf erhob sich so ruckartig, dass sein Stuhl mit einem hässlichen Quietschen über die dunklen Fliesen fuhr. »Ich habe es dir gestern schon einmal gesagt, du trägst nichts zu dieser Familie bei. Gar nichts! Ich habe dir dein Studium finanziert, dich gefördert und du hast es mir damit gedankt, zu feiern und dich auf jeder Studierendenparty zu betrinken, statt dich um deine Noten zu kümmern! Herrgott, wäre der Dekan kein alter Freund von mir, hättest du vermutlich nicht mal einen Abschluss. Ich habe die Schnauze voll von deinen Eskapaden!«
Da war er wieder: der vertraute Rudolf. Ein Beben durchlief meinen Körper, sorgte dafür, dass ich … schrumpfte. Ich verfluchte es, dass Rudolf Goldbach es nach all der Zeit noch immer schaffte, mich so fucking klein zu machen. Unbedeutend.
Weil du es nicht anders verdienst, nach dem, was du getan hast.
»Du verlierst den Anspruch auf dein Vermögen mit sofortiger Wirkung«, sagte er dann und versenkte den nächsten Nagel in meinem Sarg.
»Damit kommst du nicht durch.« Meine Worte schmeckten bitter und nach Versagen. Wenn das einer durchziehen konnte, dann mein Erzeuger. Es wunderte mich viel eher, dass er das nicht schon vor Jahren getan hatte.
Seelenruhig trat Rudolf an die große Glasfront seines Büros und blickte auf die Wiese davor. In der Ferne zeichneten sich die schneebedeckten Gipfel der Alpen ab. Der Watzmann mit seiner Watzfrau und die kleineren Spitzen dazwischen, die als ihre Kinder galten. Ob sich eines der Watzkinder mal genauso gefühlt hatte wie ich gerade?
Es sind scheiß Berge, Jonathan. Die fühlen gar nichts. Die atmen nicht mal.
Aber ich atmete, also musste ich fühlen?
Ich krallte die Finger in meine aufgekrempelten Ärmel und drängte die Übelkeit zurück. »Dann mache ich jetzt was? Packen und von hier verschwinden? Vielleicht in die Wüste auswandern?«
Doch so zynisch meine Antwort auch war, in erster Linie hatte ich Angst. Ich konnte vielleicht ohne Luxus und mein Vermögen leben, aber ohne alles? Von heute auf morgen?
Die Schultern meines Vaters zuckten, dann deutete er zu seinem Schreibtisch, ohne sich zu mir umzudrehen. Im ersten Moment dachte ich, dass er mich nun doch in die Maschinerie des Goldbachs zwingen wollte, doch dann meinte er nur: »Nicht ganz. Neben dem Laptop.«
Widerwillig setzte ich mich in Bewegung und nahm die aufgeschlagene Zeitung in die Hand. Der Widerhall von Donnerstag Morgen. Auf der Titelseite prangte ein Artikel über Das Mont Lacroix, den größten Konkurrenten des Goldbachs. »Was soll damit sein?«
»Du wirst dorthin gehen.«
»Ins Lacroix?«, fragte ich ungläubig und krallte die Finger in das bedruckte Papier. »Um dort zu arbeiten?«
»Nein, um dort für mich zu arbeiten.«
»Warum sollte ich das tun?«
»Weil das deine letzte Chance ist, dich zu beweisen, Jonathan.« Beweisen, dass du es wert bist. »Fredericks Älteste hat die hirnrissige Idee, Das Lacroix in eine Eventlocation zu verwandeln, und so, wie es aussieht, wird es auch dazu kommen.«
»Was hat das mit mir zu tun?« Meine Stimme war nicht mehr als ein Zischen.
»Ich sollte dir gratulieren«, gab Rudolf zurück, ohne auf mich einzugehen, »dein lächerliches Hobby hat damit eine Daseinsberechtigung erhalten.«
Ein weiterer Nagel. Langsam wurde es schwer, den Sargdeckel weit genug anzuheben, um noch Luft zum Atmen zu bekommen. »Es hat dich nie interessiert, was ich in dem alten Gewächshaus treibe.«
»Ich bin durchaus im Bilde darüber, dass du Geld und Zeit mit Grünzeug verschwendest. Schlimm genug, dass ein Goldbach derartig im Dreck wühlt, aber dann auch noch Blumen? Herrgott, du bist ein Mann!«
Es sollte mich nicht mehr treffen. Es sollte nicht mehr so brennen.
Mühsam zog ich die Mauern höher, versuchte, die Risse zu kitten, aber mittlerweile waren kaum noch Steine übrig, die ich hätte zusammenhalten können. Nichts als bröselnder Mörtel.
»Komm zum Punkt, Rudolf.«
Mein Erzeuger wandte sich zu mir um. »Du wirst dich als Florist in die Planung einschleusen, sobald das erste Event angekündigt wird. Du wirst dich in die Abläufe des Lacroix graben und alles ans Tageslicht befördern, was du findest. Jede Leiche, jede Schwäche. Und du wirst mir berichten. Ich will jedes noch so kleine dreckige Detail über Frederick, seine Familie und sein baufälliges Schloss haben.«
Ich kannte Rudolf Goldbach bedauerlicherweise schon mein ganzes Leben lang und wusste, wie skrupellos er sein konnte, aber das … das war selbst für ihn ein neues Level.
»Das kann nicht dein Ernst sein.«
»Sehe ich aus, als würde ich scherzen?«
»Warum dieser Scheiß? Warum jetzt?«
»Das hat dich nicht zu interessieren.« In seinen harten Augen loderte es auf. Also ging es hierbei nicht nur um Geschäftliches, dahinter verbarg sich etwas Persönliches.
»Die Lacroix wissen, wie ich aussehe. Sie werden mich sofort rausschmeißen.«
»Es hat seit Jahren kein offizielles Foto von dir gegeben. Und die verschwommenen Aufnahmen irgendwelcher Partys werden wohl kaum ausreichen, um dich zu erkennen.«
Wie perfekt sich doch alles in seinem beschissenen Plan fügte. »Das ist absolut bescheuert.«
»Deine Meinung ist irrelevant. Gewinn ihr Vertrauen. Fang bei der Tochter an.«
Meine Wangen wurden heiß und ich verabscheute, wie hilflos und … benutzt ich mich in diesem Moment fühlte. »Wie soll ich das anstellen?«
»Es ist mir vollkommen gleich, wie du das bewerkstelligst, Jonathan! Entweder du findest einen Weg in Das Lacroix und lieferst mir etwas Handfestes oder du verlierst sämtliche Ansprüche auf deine Treuhandfonds und wirst aus der Familie Goldbach gestrichen.« Seine Worte donnerten durch das Büro und es hätte mich nicht gewundert, wäre Putz von der makellos weißen Decke gerieselt.
Ich senkte den Blick auf die Zeitung in meinen Händen, weil ich ihn nicht länger ansehen konnte. Lelibeth Lacroix schaute mir entgegen. Stolz und entschlossen, mit zurückgezogenen Schultern und leicht gehobenem Kinn. Ihre Lippen waren rot geschminkt, das Lächeln echt, mit dem sie vor der Ludwig-Maximilians-Universität in München posierte und ihre Masterurkunde in die Kamera hielt. Ich hatte Lelibeth nie persönlich kennengelernt, aber wir kannten einander, wie sich alle Menschen in einer solchen Branche kannten: aus Klatschblättern und Pressemitteilungen und Gerüchten. Ich wusste, dass sie das älteste von drei Adoptivkindern war. Ich wusste, dass sie ihr Studium in Rekordgeschwindigkeit und mit Rekordnoten abgeschlossen hatte. Ich wusste, dass sie all das war, was ich niemals sein würde.
Es fühlte sich falsch an, auch nur in Erwägung zu ziehen, dem widerlichen Ultimatum meines Vaters zuzustimmen. Ich gehörte nicht ins Lacroix.
Und hierher gehörst du?
Hier waren zumindest Philippe, mein Gewächshaus und die Erinnerungen an meine Großmutter, die der einzige Mensch gewesen war, der mich jemals wirklich geliebt hatte.
Ich durfte das nicht auch noch verlieren.
Fuck.
»Hast du mich verstanden? Oder muss ich es dir aufmalen?« Die Stimme meines Vaters schien von weit weg zu kommen.
Ich schluckte hart, dann biss ich die Zähne zusammen und nickte.
»Gut, denn ich denke, das bist du uns schuldig, Jonathan.«
KAPITEL 3
Lelibeth
Themenwechsel, der, Plural: die Themenwechsel – ein Konzept (in diesem speziellen Fall als Veto zu verstehen), das entwickelt worden ist, um unangenehmen Themen auszuweichen, obwohl sich alle Beteiligten der Tatsache bewusst sind, dass die Probleme damit nicht aus der Welt geschafft werden.
»Es ist schon ein bisschen ironisch, findest du nicht?«
Ich ließ meinen Kalender sinken und schaute wieder auf das iPad. Besser gesagt zu dem FaceTime-Call mit meiner jüngeren Schwester Adelaide, die auf dem Bett in ihrem WG-Zimmer saß und sich die Nägel lackierte. »Inwiefern?«
»Na ja«, meinte sie und tunkte den Pinsel in den pinken Lack, »du hast immer behauptet, dass Hochzeiten überbewertet sind und du ohnehin nicht an die große Liebe glaubst. Jetzt planst ausgerechnet du Events der Superlative.«
Stirnrunzelnd lehnte ich mich auf meinem Schreibtischstuhl zurück. Mittlerweile war es in meiner Wohnung, die im Haupthaus des Lacroix neben dem Apartment lag, in dem unsere Eltern wohnten, längst dunkel geworden und mein Körper steif von den vielen Stunden am Schreibtisch. »Ich glaube an die Liebe, Addi. Schau dir Mama und Papa an, sie sind der Beweis dafür, dass es klappen kann.«
Grinsend schüttelte Addi den Kopf und stellte den Nagellack auf den Haufen Illustrierter, für die sie eine ungesunde Schwäche entwickelt hatte. »Genau das meine ich. Klappen kann ist nicht unbedingt der Enthusiasmus einer Hochzeitsplanerin.«
»Ich bin keine Hochzeitsplanerin.«
»Du willst Events wie Hochzeiten auf die Beine stellen, das macht dich per Definition zu einer Hochzeitsplanerin.«
»Ich bin Eventmanagerin und stellvertretende Hoteldirektorin. Irgendwann hoffentlich ohne das stellvertretend.«
»Haarspalterei.«
Seufzend nahm ich die Brille herunter, die ich nur zum Arbeiten trug, und massierte mir die Nasenwurzel. Obwohl Adelaide ein Jahr jünger war als ich, fühlte es sich im Augenblick so an, als wäre sie die Ältere von uns beiden.
Ich schüttelte kaum merklich den Kopf und griff nach meinem Tee. Helene machte mir nach siebzehn Uhr lieber Tee statt Kaffee, weil ich ihrer Meinung nach zu wenig schlief. Das konnte ich zwar nicht abstreiten, aber Ziele erreichten sich eben nicht von selbst.
»Addi, ich kann auch wunderschöne Events organisieren, ohne im rosaroten Nebel zu sitzen.«
»Daran zweifelt niemand. Ich kenne keine, die besser für solche Monsterprojekte geeignet wäre als du.« Wie immer, wenn sie aus tiefstem Herzen lächelte, leuchteten ihre goldbraunen Augen auf, als würden darin Lichter tanzen. »Ich sage ja nur, dass es nicht schadet, die Sache nicht vollkommen nüchtern zu betrachten. Die Liebe ist etwas unglaublich Großartiges und ich finde es wunderbar, wenn Menschen heute noch heiraten. Besser als dieses ewige Sich-nicht-festlegen-Können.«
»Du klingst wie Mama.«
»Mama ist eine weise Frau. Und damit meine ich nicht nur die Weisheiten, die sie in ihren Yogakursen predigt. Sie weiß, was lieben bedeutet.« Etwas, das Addi und unsere Mutter, neben ihrer Leidenschaft für Sport, teilten. Beide liebten schnell und heftig und mit ganzer Seele. Ich hatte aufgehört zu zählen, wie oft sich meine Schwester bereits verliebt hatte, trotz diversem Herzschmerz und durchweinten Nächten. Es war beinahe so, als würde sie jede zerbrochene Beziehung nur mehr dazu motivieren, den Richtigen zu finden, und insgeheim bewunderte ich Addi dafür.
»Es muss ja nicht immer so laufen wie mit Elias und Celina«, meinte sie dann und lehnte sich tiefer in die unzähligen Kissen. Über ihrem Bett hing noch immer das postergroße Foto von Dante, Addi und mir, als uns Papa und Mama zum ersten Mal mit auf die Zugspitze genommen hatten. Ohne Gondel und Seilbahn, sondern den ganzen verdammt langen Weg über die österreichische Seite nach oben. Die Einzige, die auf dem Bild wirklich glücklich und kein bisschen erschöpft aussah, war selbstverständlich Addi selbst, während mein Bruder und ich wirkten, als würden wir jeden Moment zusammenbrechen. Adelaide war eindeutig die Tochter unserer Bergsteigen liebenden Eltern, ganz gleich, ob in unseren Adern nun dasselbe Blut floss oder nicht.
»Das weiß ich«, murmelte ich nach einem Moment der Stille. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.«
»Dann hat dich diese Sache nicht gebrandmarkt?«
Hätte Addi neben mir gesessen, hätte ich sie vom Bett geschubst. Weil sie ins Schwarze getroffen hatte – zumindest teilweise. Obwohl sie seit fast drei Jahren in München Sportwissenschaften studierte und nur in den Semesterferien im Lacroix war, wusste sie genau, was in mir vorging.
Meine erste und eigentlich auch einzige Langzeitbeziehung mochte eine kleine Weile her sein, aber das bedeutete nicht, dass ich nicht doch immer wieder an Elias dachte. Mein arschiger Ex, der mein Vertrauen nicht nur gebrochen hatte, sondern darauf herumgetrampelt war und es damit in die Luft gesprengt hatte. Fast vier Jahre waren Elias und ich zusammen gewesen. Vier Jahre lang hatte ich ihm mein Herz geschenkt, ihm blind vertraut und … die Kontrolle überlassen. Ich hatte ihm alles von mir gegeben und er hat es mir damit gedankt, dass er mich fast zwei Jahre lang mit einer anderen betrogen hatte. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, hatte es sich bei der anderen Frau um eine gemeinsame Freundin aus der Schulzeit gehandelt. Celina. Fast alle in meinem angeblichen Freundeskreis hatten davon gewusst und ich hatte wie die größte Närrin dagestanden.
Weil ich nicht bemerkt hatte, wie blind mich die Liebe gemacht hatte.
Und ja, zugegeben, das hatte Spuren hinterlassen und eine gewisse Vorsicht in mir wachsen lassen, mit der ich die Liebe mittlerweile betrachtete, aber diese Vorsicht hielt mich nicht per se davon ab, mich zu verlieben oder an die große Liebe zu glauben. Sie ließ mich nur wachsamer sein und das Ganze erst kritisch betrachten, bevor ich mich hoffnungslos darin verlor.
Vielleicht zu kritisch?, flüsterte eine leise Stimme, die verdächtig nach Addi klang, doch ich schob sie wie unzählige Male zuvor resolut beiseite. Nichts davon würde mich davon abhalten, großartige, romantische Hochzeiten und andere Events zu planen. Ich glaubte an meine Idee und ich glaubte daran, dass es wirklich richtig gut werden würde.
Der Einfall war mir während eines Vortrags im zweiten Bachelorsemester gekommen und über die letzten Jahre hinweg gereift. Ich wollte dafür sorgen, dass Menschen unvergessliche Tage erlebten, ich wollte an den Herausforderungen wachsen und ich wollte, dass sie ihre Erinnerungen mit dem Mont Lacroix verknüpften. Dem Ort, der mein Zuhause war. Mein Alles, wo zuvor nichts gewesen war.
Eine Gänsehaut kroch über meinen Körper, als ich an den verschlossenen Brief in meinem Zimmer dachte.
»Themenwechsel«, bat ich im nächsten Moment und schüttelte die aufkeimenden Gefühle ab.
Addi murrte ein wenig, hielt sich jedoch an unsere alte Regel. »Okay, gut, dann erzähl von deinem ersten Auftrag. Ich kann immer noch nicht glauben, wie schnell sich das ergeben hat.«
»Da sind wir schon zu zweit.« Ich nahm das iPad und ging rüber in mein kleines Wohnzimmer, wo ich es mir im gepolsterten Erker gemütlich machte. Draußen vor dem Fenster herrschte tiefste Dunkelheit. Nur schemenhaft erkannte ich den undurchdringlichen Wald, der das Anwesen wie ein schützender Mantel umgab. Einzelne Schneeflocken verirrten sich immer wieder an mein Fenster und wirbelten im nächsten Moment zurück in die Finsternis.
»Ich freue mich für dich, Leli. Mit dir als Eventplanerin kann das nur gut werden.«
»Das hoffe ich. Die Heisenbergs sind nicht nur sehr anspruchsvoll, sie haben auch großen Einfluss in ihren Kreisen. Wenn ich die Hochzeit ihrer Tochter verbocke –«
»Tsssst! Nein, wir fangen dieses Gespräch nicht auf diese Weise an.«
»Wir telefonieren schon seit einer Stunde, Addi. Wir haben längst angefangen.«
»Komm mir nicht mit deiner Leli-Logik.« Sie presste Daumen und Zeigefinger aufeinander und rückte näher an das Display. »Ganz egal, wie anspruchsvoll sie auch sein mögen, du wirst ihre Erwartungen übertreffen und in sämtlichen Hochglanzmagazinen abgedruckt werden.«
»Wow, bloß kein Druck, Schwesterherz«, antwortete ich und runzelte die Stirn. Ich war wirklich froh, dass sich die Heisenbergs so schnell auf mein Angebot eingelassen hatten, nachdem ich durch Recherche auf sie aufmerksam geworden war und angefragt hatte. Dabei war das Gespräch mit meinem Vater erst eine Woche her, die Weichen noch kaum gestellt. Ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, direkt eine Zusage zu bekommen, und dann auch noch von einer der Familien, die selbst innerhalb der oberen Zehntausend zu der wahren Elite gehörte. Wie gesagt, no pressure.
»Wir wissen beide, dass du erst unter Druck so richtig aufblühst.« Eine Kusshand flog durch den Bildschirm zu mir, dann schnappte sich Addi eines dieser isotonischen Getränke, die sie in rauen Mengen verdrückte. »Wann geht’s los?«
»Morgen.« Mein Magen zog sich zusammen. Vor Aufregung. Vor Nervosität. Vor Tatendrang. »Morgen führe ich die ersten Gespräche mit möglichen Lieferanten, dem Catering und einer Floristin. Vieles können wir mit dem Hotelpersonal realisieren, aber ich will nicht zu viele Ressourcen abzweigen und den täglichen Ablauf gefährden. Deswegen die Zusammenarbeit mit Externen. Zumindest teilweise. Am frühen Abend gegen halb sechs treffe ich mich dann mit Frau Heisenberg und ihrer Tochter Ariana, der Braut, in unserer Lounge. Die beiden haben ziemlich klare Vorstellungen und erwarten eine transparente Planung. Ich hoffe, ich kann sie von unserem gläsernen Innenhof als Hauptlocation überzeugen – das hatte ich als Erstes im Kopf, als wir vor drei Tagen gesprochen haben und …«
»Leli?«
»Ja?«
»Ich komme kaum mit.« Addi lachte leise und leerte ihre Flasche. »Du hast in deine Planungsgeschwindigkeit geschaltet. Für Normalsterbliche nicht verständlich.«
Schmunzelnd zupfte ich an meinem weißen oversized Strickpullover herum. »Es ist einfach eine ganze Menge. Und die Hochzeit ist schon Anfang April.« Die Heisenbergs hatten um eine zügige Realisierung gebeten, den Grund dafür kannte ich noch nicht, aber jetzt, wo ich die ersten Kalkulationen durchgerechnet hatte, hätte ich womöglich um mehr Zeit bitten sollen. »Das ist zu viel, oder? Vielleicht war das eine blöde Idee.«
»Vielleicht. Vielleicht wird das aber auch das Beste, was du jemals gemacht hast. Hab etwas Vertrauen, meine pessimistische bessere Hälfte.«
»Das ist kein Pessimismus, sondern Realismus«, hielt ich wie so oft dagegen. In dieser Hinsicht würden Addi und ich niemals auf denselben Nenner kommen und ich glaube, das war auch gut so. Ich liebte meine Schwester über alles, gerade weil wir nicht unterschiedlicher hätten sein können.
»Ich bleibe dabei und bin einfach positiv für uns beide, wenn du …« Ein Gähnen unterbrach sie und erinnerte mich daran, dass es schon kurz vor Mitternacht war.
»Wir sollten Schluss machen. Ich kann dir morgen berichten, wie es gelaufen ist.« Angesteckt von meiner Schwester musste ich nun auch gähnen.
»Geht nicht«, sagte sie und fasste ihre langen haselnussbraunen Korkenzieherlocken mit geübten Handgriffen zusammen, bis ihre Haare als Lockenberg auf ihrem Scheitel saßen. »Ich habe fast den ganzen Tag Vorlesungen. Nachmittags bin ich zum Rennradfahren an der Isar verabredet und abends sind wir in Thalkirchen klettern. Vor zwölf, halb eins bin ich nicht in der WG.«
Überrascht hob ich die Brauen. »Ich dachte, du lässt das Klettern erst mal sein, weil ihr aktuell so viele Hausarbeiten habt?«
Adelaide winkte sofort mit ihrem breiten Strahlen ab. »Ach, das ist gar nicht so viel und die Zeit in der Kletterhalle ist gut, um den Kopf freizubekommen. Du weißt doch, dass ich nicht stillstehen kann. Immer Hummeln im Hintern und so.« Ihr Tonfall war locker, doch ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sich mehr dahinter verbarg.
Sofort spürte ich die vertraute Sorge als feines Stechen hinter meinen Rippen. »Manchmal tut Ruhe auch ganz gut, weißt du?«
»Themenwechsel«, spielte sie den Joker zurück und fuhr sich über die nackten Arme. Die schlanken, definierten Muskeln spannten sich merklich unter ihrer Haut an, die einige Nuancen dunkler als meine war. »Vielleicht sollten wir wirklich ins Bett, Leli. Es ist spät und ich muss morgen pünktlich raus. Vermutlich nicht so gottlos früh wie du, aber immer noch früh für meine Verhältnisse.«
Ich zog die Unterlippe zwischen die Zähne, während das Stechen stärker wurde. Ein Teil von mir drängte, den Themenwechsel zu ignorieren und nachzufragen, was sie gerade beschäftigte, aber einer der Gründe, warum wir uns so gut verstanden, war, dass wir unsere Grenzen akzeptierten. Auch wenn es schwerfiel.
»Du hast recht. Ich höre mein Bett schon nach mir rufen.«
Für einen kurzen Moment flog Erleichterung über Addis Züge, dann war das breite Lächeln zurück. »Besser, du ignorierst es nicht … Schlaf gut, Leli. Hab dich lieb. Und schreib mir morgen trotzdem, wie es gelaufen ist, ja?«
»Das mache ich«, versprach ich und legte auf. Ich blieb noch eine kleine Weile in den weichen Polstern sitzen, blickte in die dunkle Nacht und dachte an Adelaide. Ich dachte an die Briefe, die meine Geschwister und ich zu unserem achtzehnten Geburtstag von unseren Eltern bekommen hatten. An die Informationen über unsere Adoption und leiblichen Eltern, die sich darin befanden und alles umwerfen konnten, was wir uns aufgebaut hatten. Ich dachte daran, dass ich es nie gewagt hatte, den Umschlag zu öffnen, und daran, was die Wahrheit mit Adelaide und Dante gemacht hatte. Ich dachte an alles und nichts, während die Flocken dichter wurden und Das Mont Lacroix still.
Es war erst kurz vor neun am Morgen, aber ich hatte das Gefühl, bereits seit zwölf Stunden auf den Beinen zu sein. Ich war geladen, angespannt und surrte innerlich, als würde ich unter Strom stehen. Helene hätte es vermutlich auf die drei Tassen Kaffee geschoben, die ich schon intus hatte, ich machte da eher die To-do-Liste in meinen Händen verantwortlich, die immer länger zu werden schien, je mehr Aufgaben ich abhakte. Sollte das nicht eigentlich andersherum sein?
Ich runzelte die Stirn und blickte ein weiteres Mal auf die Liste, die neben einem minutiös getakteten Tagesplan auf einem klassischen Klemmbrett hing – ich konnte auf Papier einfach besser denken –, bis ich ungebremst in jemanden hineinlief.
Feste Hände griffen nach meinen Schultern, als ich wankte, und stellten mich sicher zurück auf die Füße. »Hoppla.«
Erschrocken riss ich den Kopf hoch und begegnete dem gutmütigen Lächeln von Magnus, unserem obersten Rezeptionisten.
»Entschuldige, ich …« Ich ließ den Satz in der Luft hängen und sah mich um. Die prächtige Eingangshalle, in der die elegant geschwungene Rezeption aus poliertem dunklem Holz lag, war gut besucht. Mehrere Mitarbeitende in den dunkelgrünen Uniformen des Lacroix kümmerten sich um An- und Abreisende, ein Gast bediente sich gerade an den Erfrischungen, die auf einem Servierwagen für die Wartenden angerichtet worden waren, und über allem lag das goldene Licht des Morgens, das durch die großen Fenster fiel. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass ich von den ruhigen Büroräumen hinter der Kulisse mitten ins Hotelleben gestolpert war.
»Ist alles in Ordnung, Lelibeth?«
Ich blinzelte und schaute wieder zu Magnus, der gerade die dunkelgrüne Kappe richtete, auf deren Stirnseite das goldene Emblem des Mont Lacroix gestickt war. Die Initialen M und L waren ineinander verschlungen, einzelne Blätter sprossen hier und da aus den Buchstaben und bildeten das edle Wappen der Familie Lacroix.
»Ja, alles okay. Ich war nur mit den Gedanken woanders.«
»Die Besprechungen zur Hochzeitsplanung?« Unzählige Lachfältchen explodierten um seine grauen Augen herum, als er mich mit einem Schmunzeln bedachte.
Es wunderte mich nicht im Geringsten, dass Magnus im Bilde über meine Tagesaufgaben war. Wie gesagt, es gab kaum etwas, das innerhalb der Mont Lacroix-Familie – des M-Teams, wie Dante unsere Mitarbeitenden getauft hatte – lange geheim blieb. Nicht einmal so etwas Banales wie meine To-do-Liste. »Exakt. Ich habe noch nicht mal angefangen und hab meine Gedanken schon irgendwo auf dem Weg verloren. Kein guter Start.«
»Wenn überhaupt beweist das nur, dass du dich voll und ganz auf deine Arbeit konzentrierst. Da kommt es mal vor, dass die Realität keinen Platz mehr hat, Leli.«
Wie immer, wenn er diesen warmen Tonfall anschlug, durchflutete mich Ruhe und der Stress wurde ein wenig leiser. Ich hatte meine Großeltern nie kennengelernt, sowohl Mama als auch Papa hatten ihre Eltern früh verloren, aber Magnus Sørenson war das, was einem Großvater für Addi, Dante und mich am nächsten kam.
»Da ist was Wahres dran, denke ich.«
»Auf jeden Fall.« Er zwinkerte mir zu und trat dann einen Schritt zurück. In der waldgrünen Uniform mit den goldenen Knöpfen und Details, die aus einer ordentlich gebügelten Anzughose, einem passenden Sakko und gestärktem weißem Hemd bestand, wirkte er in der Eingangshalle wie ein Fels in der Brandung. Er war seit über fünfzig Jahren ein unersetzlicher Teil des Mont Lacroix und managte die Rezeption wie kein anderer. »Gut, dass dich deine Gedanken in meine Lobby geführt haben, Lelibeth, denn ich wollte dich gerade anrufen.«
Ich ließ mein Klemmbrett sinken und neigte den Kopf leicht zur Seite. »Wie kann ich helfen? Gibt es ein Problem?«
»Nein, alles bestens. Aber im Loungebereich sitzt ein junger Mann, der behauptet, einen Termin mit dir zu haben. Er meinte, er sei Florist.«
Rasch ging ich meine Daten für heute durch und zog die Brauen zusammen. Es gab keinen Termin mit einem Floristen, was bedeutete, dass dieser Mann nicht nur unangekündigt in unser Hotel gekommen war, sondern Magnus angelogen hatte. Etwas, gegen das ich allergisch war. »Hast du einen Namen für mich?«
»Er sagte, er sei ein unabhängiger Florist, aber ich dachte mir schon, dass das nicht zusammenpasst. Ich kümmere mich darum.«
Ich blickte über die Schulter in den breiten Flur, der zur Gästelounge führte, und fasste dann wieder Magnus ins Auge. »Schon gut. Ich mache das. Bleib du hier, Mag. In Kürze sollten die Irmhausers eintreffen, wenn ich nicht irre, und wir wissen beide, dass sie den Service des FrontofficeManagers verlangen.«
»Es ist immer wieder eine erfrischende Begegnung«, erwiderte er gewohnt diplomatisch. Die meisten Gäste waren höflich und angenehm, der tägliche Umgang mit ihnen machte Spaß und war jeden Tag auf ganz eigene Art interessant. Aber leider gab es im Hotelgewerbe wie in jeder anderen Branche auch immer wieder Personen, die noch nie etwas von Anstand gehört hatten – besonders wenn viel Geld oder scheinbar wichtige Persönlichkeiten im Spiel waren. Und die Kunst der Hotellerie lag dann darin, die Höflichkeit, die diesen Menschen niemals beigebracht worden war, und die Contenance zu wahren.
»Vielleicht sollte ich ihnen irgendwann Kilian zur Begrüßung schicken«, meinte ich dann und beugte mich verschwörerisch etwas näher zu Magnus.
