Montag bis Mittwoch - Christina Viragh - E-Book

Montag bis Mittwoch E-Book

Christina Viragh

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Beschreibung

Zwei, die in den achtziger Jahren jung sind, stehen auf einer Lichtung in den Bergen von Tolfa nördlich von Rom. Horst hofft, hier im Herzen des Etruskerlands Artefakte auszugraben und sich mit dem Erlös die Freiheit zu erkaufen. Marius hat eine glänzende akademische Karriere vor sich und macht hier nur aus Lust am Spiel mit. Der Dritte im Bund, Alfred, ist an diesem heißen Augustmontag nur in einem Traum präsent, der aber für alle drei sehr reale Konsequenzen haben wird. So wie überhaupt jener Tag für sie und eine Reihe weiterer Protagonisten. Am Ende schließt sich der Kreis, auf dem sich die Geschichte durch die Monate eines Jahrs bewegt, an einem Mittwoch auf überraschende Art.MONTAG BIS MITTWOCH führt an verschiedene Schauplätze, Rom, Zürich, eine kleine Stadt in Oberfranken, wobei Christina Viragh die Fäden menschlicher Beziehungen und Schicksale über Zeiten und Distanzen hinweg zu einem lebendigen Teppich verknüpft.

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Seitenzahl: 544

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Christina Viragh

Montag bis Mittwoch

Roman

Dörlemann

Alle Rechte vorbehalten © 2023 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf unter Verwendung von Grafiken von Madredus/Shutterstock und kalosieros/Shutterstock Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-905-8www.doerlemann.ch

Inhalt

CoverTitelei und ImpressumWidmungMontag im AugustSeptemberOktoberNovemberDezemberJanuarFebruarMärzAprilMaiJuniJuliMittwoch im AugustZur AutorinZum Buch

 

Für die Dreißig in der Neujahrsnacht

 

Montag im August, alle noch am Leben, die beiden zum Beispiel, die jetzt in der größten Hitze nördlich von Rom in den Bergen von Tolfa, eigentlich Vulkanhügel, sechshundert Meter über Meer, nach einer etruskischen Totenstadt graben. Selbstverständlich ohne Genehmigung, wer käme schon an dieser entlegenen Waldlichtung vorbei. Sie sieht ja auch nicht nach Totenstadt aus, keine von Vegetation überwachsenen Höcker, die auf etruskische Tumulusgräber deuten, wie es in Etrurien, Toskana, Umbrien, Latium, viele gibt, ausgegrabene und nicht ausgegrabene. Die Lichtung ist mehr oder weniger viereckig, ihre Längsachse genau nach Norden ausgerichtet. In ihrem südöstlichen Teil eine alte Eiche. Am Boden trockenes gelbes Gras, vertrocknete Disteln. Ringsum Mischwald, Buche, Eiche, Hagebuche, immergrüne Steineiche, Erdbeerbaum. Im Wald dichter Schatten, da und dort ein Sonnenfleck. Zikadensägen.

Jetzt um den Mittag an diesem Montag Anfang der achtziger Jahre sitzen die beiden im Schatten am Waldrand, so verrückt sind nicht einmal sie, um diese Zeit in der Erde zu stochern. Sie essen ihre panini, pomodoro e mozzarella, bresaola e rucola. Vor ihnen sitzt ein mittelgroßer gelber Hund, fixiert sie. Einer der beiden reißt ein Stück von seinem panino ab und wirft es ihm hin. Einer der beiden, vierundzwanzig, groß gewachsen, dünn und trotz der Hitze in langer Hose und mit geschlossenen Schuhen, vielleicht aufgrund korrekter Überlegungen betreffend Sonneneinstrahlung, Dornengestrüpp und Vipern. Er ist Schweizer. Der andere, zweiundzwanzig, trägt abgeschnittene ausgefranste Jeans und sonst nichts außer Turnschuhen. Dementsprechend Kratzer an seinem Oberkörper und seinen Waden. Es führt ja kein Weg durchs Gestrüpp, das Hemd des Schweizers hat die Art Riss, die man in der Schweiz Dreiangel nennt. Sogar der Hund hat einen blutigen Kratzer an einem der aufgerichteten, an der Spitze geknickten Ohren. Er ist eine Promenadenmischung, einem Dingo nicht unähnlich, mittelgroß, gelbes Fell, lang gezogene Schnauze, so ein Hund von der Sorte Vorstadt-Anubis, sagt der korrekt gekleidete junge Mann. Im Übrigen heißt der Hund Vel. Etruskischer Name, hat der Halbnackte, ein Deutscher, gesagt, er hat dem Hund den Namen gegeben. Er selbst lässt sich Oreste nennen, eigentlich heißt er Horst, aber das spricht dir kein Italiener aus. Der Schweizer heißt Marius. Ja, sein Vater ist Lateinprofessor. Marius. Nenn ihn ja nicht Mario, das verträgt er nicht, solche Anbiederungen, genauer gesagt, die Unterstellung, dass er sich mit der Italianisierung seines Namens anbiedern wollen würde. Er spricht besser Italienisch als Horst-Oreste, der ihn in der via dei Capocci, Rom, mit deutschem Akzent auf Englisch ansprach und ihm dann auf Deutsch für fünfzigtausend Lire zehn Gramm Marihuana andrehen wollte. Marius kifft nicht. Was ihn nicht gehindert hätte, das Zeug zu kaufen, hätte er so viel Geld dabeigehabt.

Also, am Waldrand im Schatten, ein Uhr jetzt, Montag im August und alle noch am Leben. Sie essen die letzten Bissen ihrer panini, pomodoro e mozzarella, bresaola e rucola, der Hund Anubis Vel sitzt neben Horst. Horst Oreste zu nennen, weigert sich Marius. Obwohl Oreste doch, hat Horst gesagt, ein römischer Kaiser war. Klar, hat Marius gesagt, und hat er nicht auch Rom angezündet. Nero, hat Horst gesagt, das war Nero, glaube ich.

Sie sitzen im Schatten am Waldrand, Marius sagt, die Zikaden sollte man abstellen können. Das Gesäge ist ohrenspaltend, und man hat das Gefühl, es erzeuge die Hitze. Die Frage, wie die Zikaden das vom Morgen bis zum Sonnenuntergang durchhalten, strengt einen Teil des Denkens dauernd an. Horst sagt, hast recht, die sollte man abstellen können. Er drückt eine Handfläche und die Faust mit dem panino gegen die Ohren, nimmt sie weg, drückt sie wieder an, wodurch das Gesäge noch verrückter pulsiert. Ein Stück mozzarella fällt aus dem panino. Der Hund schnellt hoch und schnappt es sich.

Sie liegen im Schatten am Waldrand, auf trockenen Blättern, vertrockneten Eichelkapseln, stacheligem Gras, Steinchen, roten Waldameisen. Scheiße, sagt Horst, diese ganzen Ameisen. Lass sie doch, sagt Marius. Auf seinem weißen Hemd krabbeln sie schon. Horst hat sein T-Shirt angezogen, nützt nicht viel. Soll doch dieser Vel Jagd auf sie machen, wozu ist der ein Hund. Los, Vel, da. Mit der Höflichkeit der Hunde schnappt Vel nach einer Ameise, kaut mit hochgezogenen Lefzen und angeekeltem Ausdruck lange an ihr. Vergiss es, sagt Horst. Marius wischt sich die Ameisen vom Hemd, nein, stimmt nicht, er berührt sie nicht, die Hand wischt ein paar Zentimeter über dem Stoff durch die Luft, fällt zu Boden. Marius ist weg. Weggetreten. Dass der einfach so einschlafen kann. Horst liegt wach im Grillensägen wie auf einem, wie heißt das Ding, Fakirbett oder Fakirbrett.

Vielleicht hat Horst doch eine Weile geschlafen, der Hund schläft immer noch, auf der Seite liegend, die Läufe weggestreckt. Es ist jetzt zwei Uhr an diesem Montag im Schatten am Waldrand, Marius lacht im Traum so komisch. Mann, was ist? Da war einer, sagt Marius. Er ist wie immer auf einen Schlag hellwach. Was für einer? Einer mit einem komischen Namen, etwas wie Touristisch. Den hast du geträumt? Ja. Scheiße, das ist Alfred. Muss Alfred sein. Der heißt Turidis, ist Litauer. Alfred Turidis. Turidis, ja, könnte sein, sagt Marius. Und was machte Alfred im Traum? Hauptsächlich umherlaufen, hier auf der Lichtung, zwischen kleinen Tumulusgräbern. Echt? Echt. Ach du große Scheiße. Ich wüsste nicht, warum das eine Scheiße wäre. Doch, um Alfred ist es geschehen. Träum nicht jemanden auf einer Etruskerlichtung zwischen Gräbern, wenn du nicht willst, dass er stirbt. Jetzt übertreib nicht. Ich weiß, was ich sage, sagt Horst. Was ist das für ein Alfred? Ja, eben aus Litauen, aber er spricht deutsch, Mutter Deutschlitauerin, er wohnt in der via in Selci. Und was macht er in der via in Selci? Nichts, studieren, ich weiß es nicht so genau, er ist schon seit mehr als einem Jahr in Rom. Der arme Alfred.

Halb drei im Schatten am Waldrand, Horst sitzt an einen Stamm gelehnt, der Hund schläft immer noch, Marius wieder. Wenn der nur nicht von Alfred weiterträumt, und der Hund womöglich auch. Man sollte sich eine rollen, aber Horst wagt nicht, sich eine zu rollen, das Zeug, das er hat, ist zwar nicht stark, aber wer weiß, was man plötzlich auf der Lichtung sehen könnte. Den Alfred oder geradewegs die Etrusker, ja, die Etrusker, dort, im Schatten der einzelnen Eiche. Früher Nachmittag im August, die Sonne steht nicht mehr im Zenit, aber das Licht ist noch überhell, Dinge im Schatten siehst du so schlecht, dass sie auch da sein könnten. Und dieser Vel ist auf einmal wach und spitzt die Ohren so komisch. Hat die eingeknickten Spitzen plötzlich aufgestellt. Und blickt zur Eiche hinüber, genau zur Eiche. Horst kneift die Augen zusammen, sieht nichts. Aber vielleicht nur, weil die dort stillstehen, den einen Arm vorgestreckt, die Hand erhoben, die andere Hand auf den Kopf gelegt, in Trauerhaltung, reglos. Sie trauern um Alfred. Und um die Kinder, die hier begraben sind, Marius hat doch diese ganzen kleinen Tumulusgräber geträumt. Horst klaubt eine Sonnenbrille aus seiner Umhängetasche, von lausiger Qualität, die Brille, im Gegenlicht hast du einen Film darauf. Abnehmen, wieder die Augen zusammenkneifen, immer noch nichts. Aber die Ohren von diesem Vel immer noch bis in die Spitzen aufgestellt. Die Etrusker sind da. Du denkst, das gibt’s nicht, wenn sie da wären, müsste man eine Bewegung sehen, so lange so reglos können die doch unmöglich stehen, den einen Arm vorgestreckt, die Hand erhoben, die andere Hand auf den Kopf gelegt, aber sie können. Weil sie nicht so sind wie wir. Kannst nicht, denkt Horst, von uns zu ihnen extrapolieren. Extrapolieren, das hat ihm jemand gesagt, hat ihm erklärt, dass es Ausdehnen eines Sachverhalts auf andere, unbekannte Sachverhalte bedeutet. Soll man nicht. Wenn wir nicht so stehen können, so reglos, können die noch lange. Auch weil sie selber tot sind. Alte Etrusker von sechshundert vor Christus, die hier Alfred und ihre im Jahr sechshundertzwölf oder sechshundertsieben oder sechshundertdrei verstorbenen Kinder betrauern. Kannst nicht zu ihnen extrapolieren. Du denkst, na gut, klar kann man so reglos stehen, wenn man tot ist, aber das ist nur für dich reglos, was weißt du, was der Tote eigentlich macht. Was wird Alfred machen, ausgestreckt auf einer Bahre, in seinem orangen outfit, in seinem orangen indischen Pyjama mit den Glitzerfäden.

Sie sitzen und liegen im Schatten am Waldrand, Montag im August und alle noch am Leben, auch wenn dieser Marius vielleicht gerade träumt, wie Alfred zwischen den Tumulusgräbern getorkelt kommt, er und doch nicht mehr er, die Augen mandelförmig, die Lippen in einem schiefen Lächeln, seltsame Flecken auf dem outfit, die Glitzerfäden ohne Glanz. Ja, um ihn trauern die Etrusker dort, den einen Arm vorgestreckt, die Hand erhoben, die andere Hand auf den Kopf gelegt. Auch um ihn. Der Vel liegt ja auch so komisch, wach, in angespannter Haltung, den Kopf flach zwischen den gestreckten Vorderläufen. Der wartet auf etwas. Dass Alfred näher kommt? Der sieht vielleicht, was Marius im Traum sieht. Vel, sagt Horst. Der Hund dreht kurz ein Ohr in seine Richtung. Es wäre besser, denkt Horst, wenn der nicht hier wäre, Hunde sehen zu viel, das ist ein Stress, neben diesem Marius. Wäre auch besser ohne Marius, aber wer käme sonst mit, jetzt im August, in dieser Hitze, in diesem Grillengesäge. Was willst du da finden, hat Marius in der via dei Capocci gefragt. Irgendwas, es liegt bestimmt was in der Erde, Grabbeigaben, eine Eidechse aus Bronze, eine Scherbe mit aufgemalter dreiköpfiger Schlange, eine genoppte Goldfibel, ein hinterhältig lächelnder Mädchenkopf, eine Urne mit Zickzackmuster, ein zweiköpfiger Hirsch auf Rädern. Horst weiß, wem er das alles verscherbeln könnte. Hey, sagt er laut, der Hund schnellt hoch. Machen wir weiter. Marius ist schlagartig wach, so wie auch schon an diesem Montag im August. Was ist, fragt er. Machen wir weiter. Du hast mich im schönsten Traum unterbrochen. Nicht schon wieder, Mann. Doch, schon wieder, tust du dauernd. Tu ich nicht, hast du wieder von Alfred geträumt? Von was für einem Alfred? Der hat das schon vergessen. Weil es ihn nicht interessiert. Ist schon klar, der registriert nur, was ihn interessiert. Alfred Turidis, Mann, von dem hast du doch geträumt, erinnerst du dich nicht mehr. Vielleicht. Was heißt vielleicht, sag, was du geträumt hast. Ein großes kaltes Bier, so kalt, dass das Glas beschlagen war, ich wollte gerade danach greifen, als du angefangen hast herumzubrüllen. Ein kaltes Bier, na ja, wäre schon nicht schlecht. Sie haben nur eine Flasche Wasser dabei, haben sie an einem römischen Brunnen abgefüllt. Lauwarm geworden, die Hälfte hat der Hund getrunken. Durstig, der Hund. Und auch ziemlich mager. Was meinst du, lebt der immer hier im Wald, hat Horst gefragt. Ja, hat Marius gesagt. Was der wohl das ganze Jahr so macht, hat Horst gefragt. Überleben, hat Marius gesagt.

Den ganzen August. Den ganzen September. Den ganzen Oktober. Den ganzen November. Den ganzen Dezember. Den ganzen Januar. Den ganzen Februar. Den ganzen März. Den ganzen April. Den ganzen Mai. Den ganzen Juni. Den ganzen Juli.

Im August, in diesem August, sagt Horst, ja, wirklich, ein kaltes Bier wäre nicht schlecht, sonst hast du nichts geträumt? Wieso, genügt das nicht, hätte ich auch noch Salzbrezel träumen sollen? Nö, zwei Biere, aber machen wir weiter. Die Sonne steht zwar nicht mehr im Zenit, sie geht kurz nach sechs Uhr auf und kurz nach zwanzig Uhr unter, aber es sind dreiunddreißig Grad im Schatten, und es ist drei Uhr, wozu in die kompakte Sonnenluft der Lichtung hinaustreten, um weiter in der bröselig trockenen Erde zu kratzen, während der Hund einen aus dem Schatten mit den Augen verfolgt. Doch, machen wir weiter, wir haben nicht viel Zeit, der letzte Bus fährt um achtzehn Uhr zehn, und bis nach Tolfa ist es fast eine Stunde. Durch den Wald, auf dem Schotterweg, auf der asphaltierten Straße. Morgen ist auch ein Tag, sagt Marius. Trink heute, wer weiß, ob es ein Morgen gibt, sagen die Etrusker, sagt Horst.

Doch, es gibt. Morgen, Dienstag. Horst wird in Rom im Monti-Viertel in einer Bar stehen, lausiger Kaffee, für die Touristen, die anständigen Bars sind zu, alle in den Ferien, August. In seiner Umhängetasche eine Handschaufel, hat er sich bei der Nachbarin ausgeliehen, der signora Renata, die hat Topfpflanzen. Zehn vor acht, besser, heute früh da hinauszufahren, damit wir nicht wieder einen halben Hitzschlag kriegen, hoffentlich ist dieser Marius pünktlich. Und wer wird um acht die Bar betreten? Alfred. Nie, verstehst du, nie würde der freiwillig vor zehn Uhr aufstehen, und jetzt betritt er um acht die Bar. Mann, Alfred, was machst du hier so früh? Ventilator in seinem Zimmer in der via in Selci kaputt, hat die ganze Nacht nicht geschlafen, in Palanga, wo er als Kind seine Sommer verbrachte, wird es nicht mehr als fünfundzwanzig Grad. Palanga? Badeort in Litauen, er fuhr jeweils mit seiner Großmutter hin, weitgehend schweigend.

Er redet wenig, sagte die Großmutter zu ihrer Freundin Wilma. Sie schauten zu, wie Alfred am Wellenrand entlanglief, über den einmal überspülten, einmal freiliegenden Sand. Manchmal sank er ein, manchmal blieb er stehen und bückte sich. Er sucht Muscheln, sagte Wilma. Ja, sagte die Großmutter. Nein, er suchte keine Muscheln. Er horchte auf das Prickeln, mit dem das Meer die Welle zurückzog. Die schönen Tage von Palanga. Geh mit diesen Kindern spielen, sagte die Großmutter, aber Alfred wollte nicht. Er wollte auch nicht, dass die Eltern für ein paar Tage kamen. Er wollte nicht, dass sie in Strandschuhen durch den Sand wateten und ihm schon von Weitem zuriefen, Fredulchen. Er wollte nicht, dass sie neben der Großmutter und Wilma auf Liegestühlen lagen und beobachteten, wie er dort unten über den nassen Sand lief und sich zwischendurch bückte. Er wollte nicht, dass der Vater sagte, er sucht Muscheln, und die Mutter sagte, ich gehe ihm suchen helfen. Dreimal fiel er beim Davonrennen hin.

Ach so, Ventilator kaputt, wird Horst am Dienstag in der Bar sagen, gehen wir weg hier. Wieso? Der Kaffee ist lausig. Aber nicht das wird es sein, sondern die Uhrzeit, zwei Minuten vor acht, Dienstag, wenn dieser Marius pünktlich ist, trudelt er jetzt hier ein. Und erkennt Alfred und sagt vielleicht, nicht sicher, aber vielleicht wird er sich erinnern, am Montag auf der Lichtung gibt es ja wegen Alfred noch Streit, und sagt vielleicht, bist du nicht der Alfred. Und was machst du, wenn du Alfred bist und dich einer erkennt, den du nicht kennst. Du fragst, woher kennst du mich. Und es wird dir gesagt, dass du in einem Traum zwischen etruskischen Gräbern umherliefst, und du wirst wissen wollen, was das bedeutet. Bloß das nicht. Gehen wir in den Parco degli Acquedotti, wird Horst morgen, Dienstag, sagen, dort ist Wasser und sonst niemand. Kenn ich gar nicht, wie kommt man dahin? Wir nehmen bei Cavour die Metro bis Termini, steigen auf die Linie A um und fahren bis Subaugusta. Hast du Tickets? Nein, hat Horst nicht, aber es ist kein Problem, über die Drehkreuze zu steigen. So werden sie am Dienstag durch das ausgestorbene Tuscolano-Viertel irren, weil sie auf der falschen Seite von der Metro heraufgekommen sind und in der falschen Richtung weiterlaufen, vom Park weg, statt auf ihn zu.

Morgen, sagt Horst an diesem Augustmontag, an dem alle noch am Leben sind, bringe ich eine Handschaufel mit. Vielleicht gibt es kein Morgen, sagt Marius. Wieso sagst du das? Du sagst es, beziehungsweise deine Etrusker, pi, pa, po, wir wissen nicht, ob es ein Morgen gibt. Wieso pi, pa, po? Ich nehme an, dass Etruskisch so klingt. Mach dich nicht lustig, Mann. Ich mache mich nicht lustig, schon gar nicht in dieser Hitze. Ja, das Hemd klebt Marius am Oberkörper, Bruchstücke von vertrockneten braunen Blättern haften daran.

August, hitzedunstiges Licht, zwei laufen auf einer mehr oder weniger viereckigen Lichtung umher, deren Achse nach Norden ausgerichtet ist. Ein einzelner großer Baum, alt, Eiche. Darunter ein mittelgroßer gelber Hund, die Ohren an der Spitze geknickt. Er beobachtet die beiden. Die bleiben immer wieder stehen, der im weißen Hemd, Marius, stochert mit einem Stock im Boden, ohne Überzeugung. Mann, sagt der mit dem nackten Oberkörper, wir haben nicht mehr die richtigen Instinkte. Weil man mit den richtigen Instinkten das Verscherbelbare im Boden spürt, eine Eidechse aus Bronze, eine Scherbe mit aufgemalter dreiköpfiger Schlange, eine genoppte Goldfibel, einen hinterhältig lächelnden Mädchenkopf, eine Urne mit Zickzackmuster, einen zweiköpfigen Hirsch auf Rädern. Ruf doch den Hund, sagt Marius, wenn du Instinkte brauchst. Horst pfeift, der Hund stellt die Ohren auf, aber nicht bis in die Spitzen, rührt sich auch nicht aus dem Schatten der Eiche. Der ist nicht so dumm, sagt Marius. Dumm waren nur wir, wie wir bei dieser Höllenhitze auf der Lichtung umherliefen, wird Horst später sagen. Noch aber ist es dieser Montag, Horst läuft voraus, er läuft meistens voraus und nach rechts und nach links, wie ein Hund, er schon.

Wie lange hältst du das durch an einem Augustmontag? Nicht lange. Bald verträgst du das Stechen der Disteln und der trockenen Grashalme an deinen Waden nicht mehr, in deinen Turnschuhen sind Erdkrümel, dein Haar hängt in nassen Strähnen herunter, das T-Shirt hast du wieder ausgezogen, der Bund deiner Bermudajeans ist nass vor Schweiß. Dazu dieses Zikadengesäge. Steh nicht rum, Mann, tu auch was. Auch ist ein großes Wort, sagt Marius, und mir reicht’s für den Moment.

Drei Uhr an einem Montag im August, zwei schauen aus dem Schatten einer alten Eiche zu, wie ein Dritter auf einer Lichtung umherläuft, aber nicht mehr lange, dann kommt auch Horst auf die Eiche zu. Zögernd. Er kommt zögernd. Waren da nicht diese Etrusker, den einen Arm vorgestreckt, die Hand erhoben, die andere Hand auf den Kopf gelegt, in Trauer um Alfred. Komm weg hier, Mann. Ich denke nicht daran. Doch, kommt weg, beide. Dieser Hund, dieser Vel schaut ja auch so komisch, sitzt, hechelt mit der Zunge, hat die Ohren aufgestellt, wenn auch nicht bis in die Spitzen. Marius sagt, wir bleiben hier.

Augustnachmittag im Schatten einer Eiche, zwei sitzen, einer von ihnen hat die Turnschuhe ausgezogen, ein Dritter liegt auf der Seite, die Läufe von sich gestreckt. Horst ist wütend. Wieso bist du überhaupt mitgekommen, Mann? Tja, wer das wüsste. Ist das ein Arschloch. Rollen kannst du dir auch keine, mit diesem Marius teilt Horst nicht, der hat ihm auch nichts abgekauft. Morgen komm ich allein, nein, ich komm nicht allein, geh nicht allein an Orte, wo jemand jemanden geträumt hat. Den Alfred. Sag doch endlich, wie er ausgesehen hat. Wer? Alfred, Alfred Turidis. Was für ein Alfred Turidis? Das gibt’s doch nicht, dass du den dauernd vergisst, zuerst träumst du ihn, dann vergisst du ihn. Ein Bier habe ich geträumt. Klar, wie soll sich dieser Marius an seinen vorletzten Traum erinnern, ist ja schon zwei Stunden her, dem ist egal, ob Alfred lebt oder stirbt. Das ist Etruskerland, du solltest die Dinge ernst nehmen, Mann.

Augustnachmittag im Schatten einer Eiche, zwei sitzen, einer liegt weiter weg auf dem Bauch, den Kopf flach zwischen den Vorderläufen, die Ohren aufgestellt, fast bis in die Spitzen. Hunde mögen es nicht, wenn gestritten wird. Horst, dieser Trottel mit seinem Aberglauben, wenn alle tot wären, die Marius je geträumt hat, wäre um ihn herum niemand mehr, sein Vater nicht, seine beiden Schwestern nicht, von Margrit ganz zu schweigen, seiner Verlobten. Du hörst nie zu, Mann, ich sag doch, das hier ist Etruskerland, das ist etwas anderes. Marius wüsste nicht. Was heißt wüsste nicht, er war es doch, der die Tumulusgräber geträumt hat, er war es, der Alfred geträumt hat. Nicht Alfred, irgendeinen, der da umherlief. Aha, du erinnerst dich. Jetzt, da du’s sagst. Augustnachmittag, Montag, mehr ist aus Marius nicht herauszuholen, nicht, wie der Umherlaufende aussah, sein Gesicht, womöglich sein oranges outfit mit Glitzerfäden. Träume gehen nicht so. Wie denn? Du siehst praktisch nie, was einer anhat, siehst auch sein Gesicht nicht wirklich, brauchst du auch nicht, er ist dir auch so völlig vertraut oder völlig fremd, du spürst das, und das genügt. Und wenn du’s wissen willst, einmal siehst du Menschen und Dinge, einmal nicht, oder besser, du siehst sie und siehst sie nicht. Was heißt das, also hast du Alfred gar nicht gesehen? Hör auf mit diesem Alfred, was hast du mit dem? Nichts, Mann, was willst du sagen? Was sollte Marius sagen wollen, wenn ihn das Ganze nicht interessiert, seinetwegen kann Horst mit diesem Albert, Alfred verheiratet sein. Ich bin nicht schwul, Mann. Wie gesagt, Marius ist das egal. Dir ist so ziemlich alles egal, was? Aber Horst kann ihm eines sagen, nämlich dass das hier Etruskerterrain ist und er aufpassen sollte. Denen war nichts egal. Die Eiche hier zum Beispiel, die ist nicht nur ein Baum, sondern auch eine Gottheit, eine gute oder böse, je nachdem. Ja, Horst weiß schon, dass diese Eiche nicht so alt ist wie die Etrusker, aber das spielt keine Rolle, hier ist alles heilig. Marius soll nicht meinen, er könne das verulken, wir reden von Menschenopfern, Mann. Die Eichengottheit könnte das verlangen. Wie ungemütlich, sagt Marius.

Montagnachmittag im August, es sind aber immer noch alle am Leben, sogar hat sich einer die Turnschuhe wieder an die Füße gequält, wir können nicht einfach rumsitzen, Mann. Halb vier, zwei laufen auf der Lichtung umher. Marius schaut ihnen zu, auf einen Stock gestützt. Horst und der Hund laufen von der Eiche weg, an der Nord-Süd-Achse der Lichtung entlang. Bleiben stehen. Hier ist was, ruft Horst. Ach, wirklich? Das ist an diesem Augustnachmittag der Moment, in dem sich Marius zu interessieren beginnt, nicht heftig, aber immerhin. Immerhin stößt er sich von seinem Stock ab, mit zu viel Schwung, er verliert fast das Gleichgewicht. Da ist schon lautes Gebell auf der Lichtung, was Horst nicht vergessen wird, da war etwas, der Hund bellte ja wie wild, wird er sagen.

Montag, ja, er bellt wie wild, seit sich oder weil sich Horst auf den Bauch geworfen hat, um das bestimmt hier im Boden liegende Verscherbelbare zu hören, mindestens den hinterhältig lächelnden Mädchenkopf, der ist auch leichter zu transportieren als der verästelte Hirsch mit den zwei Köpfen. Augustnachmittag, drei graben schwitzend nach dem Mädchenkopf, genauer, einer gräbt ernsthaft mit den Vorderpfoten, schnüffelt zwischendurch im entstehenden Loch, zwei scharren mithilfe von Steinen, auf einen Arm und die flache Hand gestützt. Scheiße, sagt Horst, morgen bringe ich eine Handschaufel mit, leih dir auch eine bei jemandem aus. Wir sollten früher hier sein, sagt Marius, gegen Mittag ist es ein Blödsinn. Hast recht, morgen um acht in der Bar.

Morgen Dienstag nach dem Montag. Mit dem glitzernden Alfred also durch die via Orazio Pulvillo, von der Metrostation Subaugusta weg, in die falsche Richtung. Wo ist denn dieser Parco degli Acquedotti? Müsste gleich kommen, Mann. Zwanzig Minuten später an diesem Dienstag im August sagt Horst, ich versteh’s nicht, gehen wir was trinken, bevor wir einen Hitzschlag kriegen. Sie werden länger suchen müssen. Auch hier alles dicht, niemand auf der Straße, die einzige geöffnete Bar zwei Straßen entfernt. August. In der einzigen Bar ein einziger Gast. Das ist S. G., der Sänger, geflohen aus der DDR, hat bei uns Gesang studiert, in Milano, glaube ich, ist auch hier in der Oper aufgetreten, in Nabucco, glaube ich, als Gefangener im Chor, er muss hohe Schuhe und wattierte Kostüme tragen, weil er so klein und schmächtig ist, er kommt jeden Tag, sagt Ernesto, der Barmann. Dienstag, schon halb elf, Mann, ich muss was essen, sonst kippe ich um. Ich auch, sagt Alfred. Immerhin, er sagt etwas. Hat bisher geschwiegen, genickt, als Horst fragte, ob er auch eine Cola wolle. Dazu ein panino mozzarella e rucola, Horst isst eins mit mozzarella e melanzane. Später Augustvormittag, Dienstag, der Sänger hat seinen Wein getrunken, geht, a domani. Das Leben ist ein Tanz von Teilchen, die sich dauernd zu neuen und wieder zerfallenden Figuren zusammensetzen, hat Alfred hinten auf einen Kassenzettel geschrieben, in Miniaturschrift. Die letzten Worte eines Todgeweihten, oder warum liest der jetzt das vor? Warum hast du das geschrieben? Vergiss es, Horst, auf solche Fragen antwortet Alfred nicht.

Was macht man mit einem, der nicht mehr redet? Man könnte ihn Vanth vorstellen, der Todesdämonin, und sie bitten, dass sie ihn freundlich ins Jenseits geleitet, was immer bei solchen geflügelten Wesen freundlich heißt. Es kann ja nicht damit vergleichbar sein, wie zum Beispiel Ernesto ihnen zum Abschied freundlich zuwinkt und buona continuazione wünscht. Gute Fortsetzung, dieses Dienstags, dieses Lebens. Mit welcher verzerrten, zu viele zu spitze Zähne freilegenden Fratze, die sie für ein Lächeln hält, würde Vanth das Anliegen entgegennehmen. Lassen wir das besser. Erst recht zu dieser Unzeit, nur die beiden laufen über den aufgeweichten Asphalt, von der Bar weg, Abdrücke hinterlassend. Alfreds Sandalensohlen bleiben fast kleben, Horsts Turnschuhe hinterlassen ein Fischgrätmuster.

Dienstag, die heißeste Stunde, wieder steigen sie von der Metro herauf, diesmal an der Endstation, Anagnina. Komm, hat Horst beim Hinaustreten aus der Bar gesagt, wir fahren nach Tuscolo. Da ist’s kühler, und du siehst in der Distanz das Meer und am Abend den Sonnenuntergang. Tausendfünfhundert Lire das Ticket für den Bus nach Frascati, aber es geht nicht anders, wenn Horst ein Orakel hört, erkennt er es. Buona continuazione, das war eins. Geht weiter in der Richtung, die ihr eingeschlagen habt, bis ihr auf ein hohes Hindernis stoßt, geht da auch wieder weiter. Die Albaner Berge, eigentlich Vulkanhügel, auch sie, Frascati, von da hinauf nach Tuscolo, eine gute Stunde. Alfred weiß nichts vom bevorstehenden Aufstieg, die Riemen seiner Sandalen schneiden schon auf dem Weg von der Metro zur Bushaltestelle ein. Kein Mensch zu sehen, nur eine ape, auf der Ladefläche Goldrauten, Lupinen, Sonnenblumen, rote Rosen, rosa Nelken, Lilien.

Dienstag im August, zwei sitzen in der größten Hitze im Überlandbus nach Frascati hinauf, auch der Durchzug von den klappernden offenen Fensterklappen ist heiß, einer weint. Horst. Der andere schaut zum Fenster hinaus.

In Frascati oben, drei Grad kühler hier auf dreihundertzwanzig Metern über Meer, Alfred glitzert stärker im weniger dunstigen Licht. Da an der Villa Aldobrandini vorbei würde der Aufstieg nach Tuscolo beginnen, aber Alfred will nicht, Aufstieg, nein, sagt er, er redet wieder. Er dachte, Tuscolo sei mit dem Bus zu erreichen, sonst hätte er gleich gesagt, er kommt nicht mit. Blöd, aber Hauptsache, Alfred redet wieder, du kannst ja nicht einen ganzen Augusttag schweigend mit einem umherziehen und denken, es sei das letzte Mal. Wir werden uns zum letzten Mal getroffen haben, Alfred, und wenn du statt in Tuscolo oben lieber hier auf der Aussichtspromenade sitzt, glitzernd auf dieser Bank halb in der Sonne, dann eben okay. Rom in der Distanz auf der Ebene ist eine unsichere Ausdehnung, die Kuppel von Sankt Peter ein winziger Punkt, siehst du mal, mal siehst du sie nicht. Hat doch Marius gestern Montag sowas gesagt. Alfred sagt, rutsch weiter, da habe ich im Schatten auch Platz. So sitzen sie ziemlich eng nebeneinander, Horst spürt die heiße Ausstrahlung des bald toten Körpers. Wollen wir nicht wenigstens bis zur tausendjährigen Eiche hinauf, fragt er. Er würde lieber nicht fragen, man soll die Eiche nicht umsonst nennen, aber in diesem Fall ist es vielleicht nicht umsonst, vielleicht kommt Alfred mit, und sie können sich vor dem Baum verneigen. Der würdigste aller Abschiede. Aber Alfred kommt nicht mehr in die Sandalen hinein, er hat sie ausgezogen. Sitzt barfuß auf der Bank, auf der er bald tot liegen könnte. Wer sagt denn, dass es nicht gleich geschehen wird, hier auf dem Nordhang dieses Vulkans. Immer hoffen wir, dass wir nicht Zeugen sein werden, dass wir nur von einem Bekannten hören, der arme Alfred sei im Meer von Palanga ertrunken. Warum fährst du nicht nach Palanga, wenn es dir hier zu heiß ist? Palanga, nein, sagt Alfred. Da fährt er nicht mehr hin. Nicht mehr, seit die Großmutter gestorben ist. Was? Gestorben? Warum sagst du nichts, wann ist sie gestorben? Letzte Woche.

Dienstag, es sind also doch nicht mehr alle am Leben, der Dunst über der Ebene hat einen grauen Ton. Was wirst du jetzt machen, Alfred? Alfred sagt nichts. Na ja, in jedem Fall wird er bald seine Großmutter wiedersehen. Fährst du nicht zur Beerdigung? Nein. Alfred fährt an keinen Ort mehr, wo seine Eltern sind. Mutter in Tiefschwarz, sie reicht den Regenschirm dem Vater, um Fredulchen unter Tränen zu umarmen. Ja, ich verstehe, ich hab ja auch was gegen meine Eltern. Alfred hat nichts gegen seine Eltern, sie sind für ihn nicht mehr vorhanden, das ist alles, schon lange nicht mehr. War nur die schlechte Idee der Großmutter, sie sommers in Palanga zusammenzubringen. Zum Glück hielten sie es da nie lange aus. Und jetzt bist du aufgeschmissen, Mann, was? Keine Großmutter, kein Geld.

So ist das also. Deshalb haben ihn die Etrusker gestern Montag zwischen den Gräbern gezeigt, wie er da umherlief und seine Mit-Tote suchte, am falschen Ort, aber frische Tote sind eine Zeit lang verwirrt. Was für eine Scheißsituation. Nicht so schlimm, sagt Alfred, das Leben ist lang, er wird schon noch etwas daraus machen, zum Beispiel das Pilotenpatent. Pilotenpatent? In Litauen? Ihr habt doch da Sozialismus. Nicht in Litauen, hier bei der Alitalia. Fantasien eines jungen Todgeweihten, der Mann ist zweiundzwanzig, nicht daran rühren, nichts sagen. Auch Alfred sagt nichts mehr. Dienstag, wer weiß, was er im Augustlicht jenseits des Geländers der Aussichtspromenade sieht. Seine Großmutter, die ihm sagt, komm, Junge, ich erwarte dich? Nein, Quatsch, der sieht sich, wie er dort unten den Flughafen Ciampino anfliegt, in einem Flugzeugtyp, den es in dieser Welt nie gegeben hat und nie geben wird. Noch sitzt er da, strahlt Hitze ab, das orange Glitzeroutfit klebt an der Bank, zwischen den Blättern der Esche hinter ihnen kommt die Sonne durch. Horst wischt sich mit einem schmutzigen Batisttaschentuch mit Monogramm den Schweiß ab. Weg hier, bevor Alfred an diesem Dienstag auf dieser Bank vor Hitze umkippt. Gehen wir was trinken, die Bar da drüben ist geöffnet. Alfred schlüpft schweigend in die Sandalen wie in Pantoffeln hinein, die Fersen hängen über den Sohlenrand hinaus. Schneidet ein, aber bis zur Bar del Belvedere kann er sich noch schleppen. Hier werden sie einen Teil des Augustnachmittags verbringen, in dieser von einem Deckenventilator gekühlten Bar auf dem Nordhang des Vulkans. Der Vulkan wird in rund tausend Jahren wieder ausbrechen, die Magmakammern sind dabei, sich zu füllen. Alfred wird bis vier Uhr schweigen und wie halbtot in einem der weißen Plastiksessel hängen, sein vom Ventilator angeblasenes Haar das einzig Bewegte an ihm. Horst wird sich zunehmend über ihn ärgern. Liegt hier, sagt nichts und hat sich die Cola bezahlen lassen. Ja, aber er wird sterben. Egal, Horst kann sich jetzt kein panino mehr leisten. Die hier sehen zwar nicht so gut aus, mozzarella und pomodori ziemlich vertrocknet, aber gegen den Hunger würde es reichen. Lange Zeit her, das panino im Tuscolanoviertel am Dienstagvormittag im August. Mann, sagt Horst, wenn du nicht redest, tu ich was Gescheiteres. Adressen übertragen, von einem zerfledderten A4-Blatt in eine Agenda, auch schon verbraucht und zerdrückt, jetzt im August, und seit heute Morgen auch angekratzt von der Handschaufel in Horsts Tasche. Bis vier Uhr wird das dauern, einige von Horsts Bekannten haben komplizierte Namen, von Hohlwegbreiting-Thoynberg E. und von Hohlwegbreiting-Hansgraben M.-Th. Um vier wird er bei T ankommen. Nur zwei Einträge, Tickets und Turidis A. Ob es sich noch lohnt, den einzutragen? Horst wird zu weinen beginnen. Warum weinst du dauernd, du hast schon im Bus geweint, sagt Alfred. Ach, nichts. Alfred richtet sich im Plastiksessel auf, holt ein Bündel Kassenzettel aus seiner Tasche, versucht sie auf dem Tisch auszulegen, geht nicht im Ventilatorwind. Er muss sie in der Hand behalten und durchblättern. Hier. Wir weinen immer um uns selbst, steht auf einem der Zettel in Miniaturschrift. Wie meinst du das, warum hast du diese ganzen Kassenzettel? Weil er mit seiner Großmutter abrechnen musste, das wären die Belege für den August gewesen. Und was heißt, wir weinen immer um uns selbst? Es heißt, sagt Alfred, dass du weinst, weil du nicht mehr der bist, der du warst, als du noch hattest, was dir jetzt fehlt. Wow, sagt Horst, und die Großmutter fehlt dir nicht? Doch, aber ich weiß nicht, ob ich ihr fehle. Wie meinst du das? Wir fragen uns nie, was mit dem anderen wirklich ist, wir weinen um uns, sagt Alfred. Na schön, Horst muss aufs Klo, da kann man sich auch gleich das Gesicht waschen. Das Wasser kommt lauwarm aus dem Hahn. Augustnachmittag. Alfred steht am Tresen, als Horst zurückkommt, und trinkt noch ein Glas Cola. Soll er aber selber bezahlen. Alfred hat nur einen Tausendlireschein, mit einem geschminkten Marco Polo darauf, und den will er behalten. Marco Polo, jemand hat ihm mit schwarzem Kugelschreiber die Lippen geschminkt und lange Wimpern gemalt. Aha, und das Busticket zurück soll ich dir also auch bezahlen? So ist es. Dieser Augustnachmittag endet im Streit. Auch Alfred kann laut werden, wenn es sein muss. Bei ihnen in Litauen ist es selbstverständlich, dass man sich gegenseitig hilft. Sich helfen ist was anderes, als auf Pump leben. Im Bus geht das so weiter, zum Glück fährt an diesem späteren Nachmittag im späten Sommer niemand von Frascati nach Rom. Erst unten auf der via Tuscolana steigt jemand zu und Alfred aus. Steigt einfach aus, mitten in der Pampa, in seinen Pantoffelsandalen, mit denen er plötzlich ganz schnell bei der Tür war. Geh zum Teufel, Mann. Horst bereut gleich, ihm das nachgerufen zu haben.

Das wird der Dienstag sein, und da wird noch anderes sein, der Abend voller Töne, aber jetzt ist immer noch Montag, weitgehend alle noch am Leben, nur den hinterhältig lächelnden Mädchenkopf oder meinetwegen auch nur die Scherbe mit der aufgemalten Schlange finden sie nicht, obwohl sie schon eine feuchte Humusschicht mit weißen Wurzelfäden, keimenden schwarz gewordenen Eicheln und Engerlingen freigelegt haben. Der Hund Anubis Vel drückt die Nase darauf, schnüffelt mit Schnarchlauten. Das bringt’s nicht, wir kommen morgen mit Schaufeln, sagt Horst. Warum gibst du gleich auf, deine Etrusker wollen doch bestimmt, dass du dich ein bisschen anstrengst. Du sollst die Etrusker nicht veräppeln, Mann, wie oft soll ich dir das sagen. Hat keinen Sinn zu widersprechen, dann gräbt Marius eben allein weiter, auf einmal ist ihm die Sache nicht egal. Zwei graben, Vel und dieser Marius mit Erdflecken an der Hose, sein Stock neben ihm auf dem Boden. Sie legen einen kleinen Kalkbrocken frei, der, wenn man unbedingt will, eine Herzform hat. Marius will nicht unbedingt, er wirft den Stein beiseite. Das ist der Grund, warum Horst schon an diesem Montag weint, nicht erst morgen Dienstag im Bus nach Frascati und in der Bar del Belvedere. Was ist los? Ach, nichts. Wenn du zu zartbesaitet bist, lass doch die Finger von den Etruskern. Horst lässt sich aber nicht sagen, von wem er die Finger lassen oder nicht lassen soll, und überhaupt ist es Marius, der etruskisch träumt. Ja, und ich gebe nicht gleich auf. Was heißt aufgeben, morgen kommt Horst mit einer Schaufel wieder. Nicht die Etrusker, du gibst diesen Albert oder Alfred gleich auf, der ist für dich ja schon so gut wie tot. Horst holt aus der Tasche der Bermudajeans das Batisttaschentuch mit Monogramm, um sich das Gesicht zu trocknen. Warum bist du so hin, was hast du mit diesem Albert oder Alfred, ich habe dich schon einmal gefragt. Warum muss man immer gleich was haben, das ist auch so eine Extrapolation von dir, Alfred ist wichtig, weil er sterben muss und weil das einen Abschiedsritus verlangt. Und der besteht aus Geheul im Zikadenzirpen? Du musst alles veräppeln, was, Mann?

Dabei ist Geheul im Zikadenzirpen eine ernst zu nehmende Sache. Der Hund Anubis Vel wird an den restlichen Tagen dieses Monats August auf einem Felsvorsprung oberhalb des Waldes stehen und in die dunstige Distanz hinaushorchen, die Ohren bis in die Spitzen aufgestellt. Er wird im oder hinter dem Zikadenzirpen eine Art Heulen hören, für menschliche Ohren nicht wahrnehmbar. Natürlich wird er nicht lange da an der Sonne stehen, aber jeden Tag heraufkommen, zuerst zu einer Vertiefung im Gestein, natürlich? künstlich?, jedenfalls immer mit Wasser darin, jetzt im August wenig, aber auch jetzt kalt, vierzehn Grad, dann aus dem Wald hinaus und hier auf diese kahle, bröckelige Felsnase aus Kalkstein. Schon morgen Dienstag wird er das tun, nachdem er von zehn Uhr an im Schatten am Waldrand auf diese Jungen, bresaola e rucola, pomodoro e mozzarella, gewartet hat. Und dann jeden Tag so, zuerst zur Kuhle mit dem Wasser, dann hier herauf. Nicht jeden Tag auf demselben Weg, einmal vorbei an einem Tuffsteinband mit Höhlengräbern, von denen Horst nichts weiß. Würden ihn auch nicht interessieren, sie sind leer und unbemalt und dienen Jägern als Unterstand. Dann wieder aus westlicher Richtung durchs immer lichter werdende Unterholz, zuerst noch einiges Gestrüpp, Stechpalme, Brombeer, Stechwinde, Immergrüne Rose, dann nur Mäusedornsträucher, noch ohne die an der Unterseite der Blätter wachsenden roten Beeren. Am achtundzwanzigsten und neunundzwanzigsten August wird ein Falke über dem Felsvorsprung kreisen und vor dem Hund warnen. Dann noch einmal am einunddreißigsten August, zwei Falken.

Aber jetzt immer noch dieser Montag, Horst sitzt mit dem ungefähr herzförmigen Kalkbrocken in der Hand auf dem Boden und weint. Anubis liegt auf dem Bauch, den Kopf flach zwischen gestreckten Vorderläufen, die Schnauze am hauptsächlich von ihm gegrabenen Loch. Marius beschaut sich die schwarzen Fingernägel. Um diesen Albert, sagt er, weinst du meiner Meinung nach zu individuell. Alfred, nicht Albert, was willst du sagen. Einen etruskischen Abschiedsritus sähe ich eher als ein geregeltes Wehklagen, in Halbtönen moduliert. Was redet dieser Marius?

Montag im August, Marius gräbt noch eine Runde, Vel schaut mit hechelnder Zunge zu. Der hat schon kapiert, dass es keinen Sinn hat. Marius richtet sich auf, das Hemd klebt ihm am Rücken. Es musste ja August sein, sagt er, Frühling wäre nicht gut genug gewesen. Was redet dieser Marius? Was hast du gegen den August?

August. Anfang August. Maddalena Mereu. Horst ist nicht Horst, er ist Oreste. Wirklich? Oreste? Mein Lieblingsonkel hieß so, komm mit. August auf dem Friedhof von Testaccio, der Boden ist von Piniennadeln und vertrockneten braunen Lorbeerblättern bedeckt, die Erde auch hier bröselig und hart, Rosmarinbüsche verlieren graugrün gewordene Nadeln, die Blätter der Rosen haben die Schnecken gefressen, Efeuranken haben sich gelöst, ragen mit hart gewordenen Haftwurzeln von der Mauer weg, in den Zypressen sägen die Zikaden, Mücken fallen über einen her. Auf einer Grabplatte steht Oreste Mereu 10. 11. 1938–29. 8. 1979 und darunter

Vollmond, ah

Kein Schatten einer Katze

Der Sommer geht.

Woran ist er gestorben? An Meningitis. An Meningitis, klingt krass, und was ist das für ein Gedicht? Es ist ein Haiku, Onkel Oreste war Japanologe. Wow, Japanologe, würde mir auch gefallen. Mir nicht, ich studiere Archäologie. Unter einem rostig aussehenden Buchsstrauch sitzt eine weiße Katze und beobachtet sie. Da ist eine Katze, sagt Oreste. Das ist Angelo, sagt Maddalena.

August, Maddalenas Zimmer liegt nach Norden, Steinboden, kühl. Oreste lehnt sich aus dem Fenster, unten ein Innenhof mit einer Sommermagnolie, nicht einmal die Tigerkatze dort kann geräuschlos über den Teppich abgefallener großer harter Blätter staksen. Maddalenas Eltern und der Bruder sind auf Sardinien. Um achtzehn Uhr drei geht der zunehmende Mond im Ersten Viertel auf, in hundertvier Grad Ost-Südost. Dreizehn Stunden sechsundfünfzig Minuten die Tageslänge. Sie sehen den Mond die ganze Nacht nicht, er geht um halb vier in der Frühe in zweihunderteinundfünfzig Grad West unter. Der kühlste Moment der Nacht, man muss sich das Laken überziehen. Um sieben Uhr weckt sie ein Hund, Giorgetto, in der oberen Wohnung. Er bellt jeden Morgen, sagt Maddalena, wenn signor Marini von gegenüber zur Arbeit geht. Signor Marini arbeitet auf der Gemeinde von Grottaferrata, eine Stunde im Stoßverkehr, aber seine Frau will da nicht hinaufziehen. Um elf erscheint auf dem Fensterrahmen ein Widerschein der Sonne. Ho fame, sagt Oreste. In der Küche ein Rest der penne rigate von gestern Abend, in starkes Licht getaucht, die Küche liegt nach Süden. Giorgetto bellt. Signor Marini sitzt um diese Zeit schon an seinem Schreibtisch im kühleren Grottaferrata, sechs, sieben Grad kühler. Giorgetto hört uns reden, sagt Maddalena. Was ist das für ein Hund, fragt Oreste. August, die Markise über dem Küchenbalkon klemmt seit Juni, aber da sind sie in die Ferien gefahren, zu Großmutter Maria Grazia nach Orosei. Maddalena stellt die pennette in den Kühlschrank, sie gehen mit den Kaffeetassen ins Nordzimmer zurück, hier in der Küche ist es zu heiß. Auf Maddalenas Bücherregal aufgereihte Muscheln, gerippte Pilgermuscheln, braun glänzende Kamm-Muscheln, eine Austernschale mit Perlmutterinnenseite, Miesmuscheln mit violett schimmernder Innenseite, eine lange Rasiermessermuschel. Maddalena ruft signora Annamaria von oben an und fragt, was Giorgetto für eine Rasse sei. Eine Mischung von Yorkshire und Dackel. Wollen wir ans Meer fahren, fragt Oreste.

August, sie fahren ans Meer, liegen vorn am Wasser und beobachten die Beine, die vorbeispazieren. Die Eltern und der Bruder sind von Sardinien zurück. Was machen wir jetzt? Oreste sagt, zu mir können wir nicht, ich teile das Zimmer mit einem. Sie fahren nach Frascati hinauf, beginnen an der Villa Aldobrandini vorbei den Aufstieg nach Tuscolo. Tuscolo war eine Etruskersiedlung, sagt Maddalena, aber reden wir nicht mehr, komm, schau. Ein riesiger Baum, eine Eiche, die Äste so dick wie dicke Baumstämme, die vier dicksten von Säulen aus Ziegelsteinen gestützt. Wie alt, fragt Oreste, tausend Jahre, sagt Maddalena, reden wir nicht. Sie zeigt ihm, wie man sich vor so einem Wesen verneigt. August in Tuscolo oben, mattgrüne, längst nicht mehr blühende Ginsterbüsche und dichter, rostrot vertrockneter, leicht zerbröselnder Farn. Er klebt an ihren nackten Körpern. Augustsonnenuntergang, nachher sitzen sie vorn auf dem Hügelkamm und sehen das Meer als glänzenden Streifen irgendwo in der Luft, so scheint es. Erzähl mir von den Etruskern, sagt Oreste. Die rote Sonnenscheibe steht hinter einer Dunstschicht. Was hast du, Maddalena? Die Zeit vergeht schnell, schon August, eben erst war es Frühling. Wird wieder sein, ti amo, Maddalena.

August, Maddalenas rechter Unterschenkel steckt in einem elastischen Strumpf, das Bein tut weh, nach einem Sturz letztes Jahr in ein Loch in einem gerade entdeckten Tumulusgrab, Schienbein gebrochen, auf Wechsel in der Großwetterlage empfindlich geblieben, das Azorenhoch zieht ab.

August am Tiber, kannst du so weit laufen, Maddalena? Ja, bis zur Tiberinsel schafft sie’s. Die Tageslänge beträgt noch dreizehn Stunden dreiundfünfzig Minuten, die Sonne geht hinter Wolken unter. Sie schauen auf die Nachtluft über dem Fluss, wie fühlst du dich, Maddalena? Ich sehe einen Klippenstrand, blauen Himmel und Sonne. Sei nicht traurig, Maddalena, weil der Sommer vergeht, ich kratze Geld zusammen, und wir fahren im April an den Starnberger See. August, einundzwanzig Uhr, sie sitzen auf der Tiberinsel auf den Travertinplatten, Maddalena an Oreste gelehnt, das Bein ausgestreckt. Feuchtheiß, dieser Augustabend, ich hole uns etwas zu trinken. Oreste rennt die Insel entlang, die Treppe hoch zur Bar auf dem Platz vor der Kirche San Bartolomeo. Maddalena, wo bist du? Oreste steht ratlos mit dem Fläschchen Acqua di Nepi in der Hand, ach so, da kommt sie, leicht hinkend ihm entgegen, sie muss nach Hause. Wann sehen wir uns wieder, Maddalena? Was machen wir, Maddalena? Maddalena, ich habe gerade etwas Geld, ich miete ein Auto. Mitte August, das Meer im plötzlichen Regenguss nicht reizlos, wie Marius sagen würde, aber er und Oreste kennen sich noch nicht, erst in zehn Tagen. Maddalena und Oreste sitzen im Wagen auf dem Parkplatz der Strandbar, ein plötzlicher Regen wäscht den Staub von der macchia, Mastix, Myrte, Zistrose, wilder Olivenbaum, Erdbeerbaum, Stechwinde. Die Scheiben sind beschlagen, die beiden sind nackt, bis auf Maddalenas elastischen Strumpf. Nicht einfach, sagt Oreste lachend. Dann wieder ein heißer Augusttag, Maddalena kommt hinkend über die piazza Risorgimento, heute tut das Bein stärker weh. Oreste hält ein Taxi auf. Wohin möchest du, Maddalena? Villa Giulia, Museo Etrusco, sagt Maddalena zum Fahrer.

August im Museum, durch die Fenster sieht man die Pinien des Pincio in der heißen Nachmittagssonne. Oreste, wo bist du? Er ist in 41°55' Nord und 12°28' Ost vor einem Krug in der Form eines Hundekopfs. Was siehst du, warum schaust du so starr? So sah der Hund aus, den ich mal hatte. Erzähl endlich von deiner Familie, mich hast du schon von nonna Maria Grazia erzählen lassen, von ihrem Haus am Meer, noch vor dem Frühstück steige ich das Treppchen zum Strand hinunter, das Wasser ist glasklar, nonna näht mir für die Hochzeit der Cousine Letizia ein Kleid aus altrosa Seide, dazu kommt ein Kranz aus Orangenblüten. Klasse. Ich werde das Kleid nicht anziehen, ich werde den Kranz nicht tragen. Warum nicht, Maddalena? Ich sehe das Leben nicht so. Wie siehst du das Leben, Maddalena? Ohne Heirat, ohne Familie. Und ich, Maddalena? Wir können zusammen sein. Wie denn, Maddalena? So wie jetzt, du kannst dich dann entscheiden, ob du mitkommen willst, wenn ich verschiedene Museumsleitungen übernehme. Dafür studierst du die Etrusker? Ja, und weil sie mir gefallen. Und das mit den Museumsleitungen ist sicher? Nein, aber ich werde mein Leben in die Hand nehmen, altrosa Seidenkleider gehören nicht dazu, aber erzähl endlich von deiner Familie. Lieber nicht. Wieso? Unmögliche Leute, total kleinkariert und meinen noch, sie seien was. Was sind sie? Nichts, meine Mutter arbeitet nicht, mein Vater macht irgendwelche Geschäfte, krumme vielleicht, ich weiß es nicht, ich mag nicht von ihnen reden. Das tut mir leid. Macht nichts, Maddalena, ich würde dich aber doch gern heiraten. Wieso sagst du das zum Hund? Er ist unser Zeuge. Der Hund, 41°55' Nord, 12°28' Ost, Villa Giulia, etruskisches Museum in Rom. Siehst du, wie er die Ohren bewegt? Oreste, das ist ein Krug. Das ist ein Gordon Setter, so wie unserer war. Der hatte auch eine braune Nase, ausnahmsweise, sonst haben sie schwarze, meine Mutter nannte ihn Brownie, mehr fällt solchen Leuten nicht ein, aber ich nannte ihn Karl. Wie Marx? Ja, lach nicht, Maddalena, schau, er hört seinen Namen und schielt zu uns herüber. Oreste, komm weg hier, ich zeige dir das Dämonengesicht mit der herausgestreckten Zunge, nein, ich zeige es dir besser nicht. Ja, gehen wir in die caffetteria, Etrusker erwachen im August wieder. Was redest du, Oreste? Nichts, komm, setz dich an dieses Tischchen, ich hole uns einen caffè freddo. Strahlender heißer Augusttag, der Sommer wird nicht so bald gehen, siehst du, Maddalena, du brauchst nicht traurig zu sein. Bin ich nicht, mir tut das Bein weh. Leg’s auf den Stuhl hier, bestimmt ist dieses elastische Ding zu heiß und zu eng. Ja, könnte sein. Ich zieh es dir aus. Oreste kennt eine Methode, mit der man jemandem einen zu heißen, zu engen elastischen Strumpf ausziehen kann. Etruskische Methode, keine Angst, Maddalena, es wird nicht wehtun, mach die Augen zu, wenn du mir traust. In der Augusthitze eine kalte Hundeschnauze am Bein, Maddalena öffnet die Augen. War da ein Hund? Maddalena, das ist mein Dolch, es geht nicht anders, ich muss dir das Ding wegschneiden. Er ist ganz scharf geschliffen, ich brauche den Strumpf nur anzutippen. So ein Strumpf kostet eine Menge. Ich kauf dir einen neuen, ich schwör’s. Hast du den Dolch immer dabei? Ja, sagt Oreste.

Nächster Augusttag, wie fühlst du dich, Maddalena? Befreit, sie braucht keinen neuen Strumpf, Oreste hält sie bei der Hand, damit sie auf dem Pflaster der piazza Farnese nicht stolpert. Oreste, ti amo. Früher Augustabend in der Antica Latteria im Vicolo del Gallo, signor Antonio geht ins Lager und holt eine Flasche Prosecco, signora Teresa stellt zwei Gläser auf dem von verbrauchtem Holz müde riechenden Tisch. Auf den Sommer, cin cin.

Noch immer und noch eine Weile August, Maddalena, wo treffen wir uns, ich habe eine Idee, was wir später im Leben machen könnten. Maddalena, hörst du mich, oder ist die Verbindung weg? Ich höre dich, Oreste. Also, wo treffen wir uns? Sie treffen sich auf dem kleinen runden Platz in der Nähe von Maddalenas Wohnung, unter fünf Pinien, auf einer von Wind und Wetter rauh gewordenen Holzbank, von der eine Sitzlatte fehlt. Das ganze Gewicht auf der verbliebenen Latte, das rauhe Holz drückt durch die leichte Kleidung. Immer noch heiß, aber die Nacht sinkt schon, sie hören Leute reden, sehen sie nicht, der Platz ist nicht beleuchtet. Sie sind über knisternd glitschige Piniennadeln gegangen, um die Bank zu erreichen, die einzig mögliche, eine ist besetzt, die dritte hat gar keine Sitzlatten mehr. Maddalena, warum sind wir hierhergekommen, lass uns die Metro nehmen und ins Zentrum fahren. Ich muss bald wieder nach Hause, sie erwarten mich mit dem Essen. Seit wann, Maddalena, hältst du dich daran, Familienrituale sind nichts für dich, hast du gesagt. Es gibt ossobuco. Maddalena, du bist doch Vegetarierin. Nicht mehr. Maddalena, was ist, was hast du? Oreste leuchtet Maddalenas Gesicht mit einem Feuerzeug an. Sie schaut zu ihren Füßen hinunter. Maddalena, was hast du, sag etwas. Ich habe dir nichts mehr zu sagen, Oreste. Maddalena, das ist verrückt, was ist los, sag doch, was los ist. Hör auf, mich anzuleuchten. Maddalenas flackerndes Gesicht versinkt. Bist du noch da, sag etwas, das ist nicht deine Art, einen in der Scheiße zu lassen, ohne zu sagen warum, du willst doch auch deiner Großmutter erklären, warum du das rosa Kleid nicht anziehst, und den Kranz aus Orangenblüten. Ich hasse Tränen. Maddalena, red mit mir, ich werde nicht mehr weinen. Meinetwegen kannst du auch weinen, ich gehe nach Hause. Maddalena, was ist mit dir passiert, bist du gestürzt, hast du eine Gehirnerschütterung? Von dir lasse ich mich nicht beleidigen, Oreste. Maddalena, hat man dir etwas über mich gesagt? Alfred, hast du mit Alfred gesprochen? Ich rede prinzipiell nicht von dir, du bist für mich kein Thema. Maddalena, was für brutale Worte. Kannst gehen, wenn du sie nicht hören willst. Noch einmal das Feuerzeug, ist das wirklich Maddalena? Ein Gesicht mit leicht gebogener Nase, die schwarzen Augen immer noch auf die Füße gerichtet, der geschwungene Mund ausdruckslos, die schwarzen Haare hochgesteckt. Maddalena. Ich habe schon gesagt, dass du mich nicht anleuchten sollst, aber du hörst nie zu. Nie zu, Maddalena, ich, nie zu, ich kann dir sogar erzählen, was du gedacht hast, wie deine Großmutter reagieren wird, wenn du ihr sagst, dass du das Kleid nicht anziehst, sie wird es auftrennen, nicht wahr, Maddalena, und die Teile in den Kamin werfen und sich umdrehen und sagen, eigentlich hast du recht, Maddalena, stimmt’s, Maddalena? Lass meine Großmutter aus dem Spiel, lass mich aus dem Spiel, ich gehe. Sie geht. Oreste hört ihre Schritte auf den knisternd glitschigen Piniennadeln, die Leute auf der Bank gegenüber reden schon längere Zeit nicht mehr.

Die Welt ist still.

Wenn wir endlich Ruhe geben, sind da nur die Rufe der Möwen, die drei Straßen entfernt über einem weggeworfenen Brot kreisen, und eine Nachtigall, die dort drüben im Parco degli Acquedotti von einer Pinie zur anderen wechselt, und das Sirren von Mücken und ab neun Uhr eine Grille. August, die Grillen sind in die Stadt gekommen. Hörst du, hat Maddalena vor langer Zeit gesagt, die Grillen sind in die Stadt gekommen, der Sommer ist zu Ende. Und kein Schatten einer Katze, Maddalena, ich hab mir gemerkt, was auf dem Grab deines Lieblingsonkels steht, in Gedichten war ich im Internat gut. Interessiert mich nicht. Nein, sie ist ja gar nicht mehr da, einer steht allein auf einem kleinen Platz im Tuscolano-Viertel und starrt ins Dunkel, bis gegen Morgen die Grille aufhört zu zirpen. Waren da nicht eben noch Leute? Da ist niemand mehr, kein Reden, kein Knistern der trockenen Nadeln. Um acht am nächsten Morgen erwacht Oreste auf den Piniennadeln, um diese Zeit noch keine Zikaden in den Bäumen.

Dann doch Zikaden, Montag im späteren August. Zwei sind mit dem Zug von Rom nach Santa Marinella gefahren, von dort mit dem Bus nach Tolfa, sind eine Zeit lang auf der Straße marschiert, dann auf einem Schotterweg, dann durch den Wald hoch. Hier holt sich der eine, Marius, der Schweizer, seinen Dreiangel im Hemd, von einer Stechwinde. Es führt ja kein Pfad durch den Wald. Wieso meinst du eigentlich, dass wir da oben den richtigen Ort finden, hat Marius gefragt. War schon mal da. Und du findest ihn in diesem Dschungel wieder? Habe mir die Bäume gemerkt. Da hinten die vom Blitz getroffene Eiche, weiter unten die drei Steineichen, und die Eiche mit dem doppelten Stamm. Und was peilen wir jetzt an, fragt Marius, hier sind nur noch diese kennzeichenlosen Bäume. Einer könnte wenigstens die Aufschrift haben, Zur etruskischen Totenstadt. Sehr lustig, Mann. Marius schlägt mit seinem Stock aufs Gestrüpp ein. Altmodischer Wanderstock aus Holz. Hatte er auch in der via dei Capocci dabei, als ihm Horst für fünfzigtausend zehn Gramm andrehen wollte. Läufst du immer mit einem Stock rum, Mann, hatte Horst gefragt. Mann, ich laufe nicht, ich stehe. Stimmt eigentlich, hör mal, Interesse an zehn Gramm? Nicht wirklich. Auch keine Lust auf eine Bar mit Horst. Wenn ich schon stehe, bleibe ich stehen. Okay, aber höre, am Montag gehe ich zu einem Ort, wo man verscherbelbare Dinge findet, wo seit den Etruskern nie jemand war, kommst du mit? Nie jemand, da kann man sich täuschen, aber schon niemand ist gut, ich komme.

Bergkuppen, auch sie, wenn möglich, an Montagen mit niemandem, oder die Mitte des Sees, des Zürichsees, des Montagsees nach einem Sonntag voller Dampfschiffe und Ausflugsboote, stehend in einem Boot mit einem langen Ruder. Marius kann die Technik der venezianischen gondolieri, Ruder eintauchen, wegschieben, leicht nach unten gerichtet unter Wasser zurückholen. Marius, schreit sein Vater vor der Alphütte, wenn es der Montagsberg ist. Marius, schreien seine Schwestern und seine Verlobte am Ufer, wenn es der Montagssee ist, aber Marius ist schon zu weit oben, zu weit draußen, er hört es nicht. Hier oben, hier draußen hast du Ruhe, hörst, wenn du so etwas hören willst, den seltsamen Singsang, mit dem sich die Erde um ihre Achse dreht, es muss aber nicht sein, Marius genügt der fast unhörbare, sich in nichts verfangende Gipfelwind oder das Anschwappen kleiner Wellen gegen die Bootswand. Seine Schwestern und Verlobte am Ufer sieht er nicht mehr. Vielleicht sind sie ins Haus zurückgegangen, vielleicht zum Nachbarn, um sich sein Boot auszuleihen. Sie werden laut rufend gerudert kommen. Marius rudert ein Stück weiter. Dass man nie seine Ruhe hat.

Montagvormittag im August, auf dieser Lichtung ist tatsächlich niemand. Der Hund wird erst auftauchen, als die beiden, Marius und Horst, ihre panini hervorholen, pomodoro e mozzarella, bresaola e rucola, und noch später, am Nachmittag, wird er ihnen beim Graben helfen. Jetzt, bevor die beiden daherkommen, nur dieses gelbe Gras mit vertrockneten Disteln, eine alte Eiche. Ein Falke kreist am Himmel. Er stößt seinen lang gezogenen Warnruf aus, als die beiden auf die Lichtung treten. Dann nur die Zikaden, ihr ununterbrochenes Gesäge. Der Falke hat sich vom Aufwind höher hinauftragen lassen, nordwärts. Die beiden sitzen im Schatten am Waldrand, jetzt schon, nicht erst im Panini-Moment. Kannst ja nicht gleich herumzulaufen beginnen nach diesem Aufstieg. Gib mir einen Schluck Wasser, Mann. Marius reicht Horst die an einem römischen Brunnen abgefüllte Flasche und sagt, irgendwie gleichst du jemandem. Viktoria Lamm, sagt Horst. Tatsächlich, dieser Horst gleicht Viktoria Lamm. Wieso weiß der das? Sie gehen mir damit auf den Sack, seit ich ein Kind bin, sie ist meine Tante. Wirklich? Ja, Mann. Na, so etwas. Margrit, die Verlobte, hat Marius vor nicht langer Zeit in Zürich zu einer Lesung mitgeschleppt, Margrit ist ein Fan von Viktoria Lamm. Und er musste sagen, so schlecht ist die nicht, wie wegen ihrer Schönheit zu befürchten war. Und wegen des Buchtitels. Meine Freunde auf der Wunschinsel. Wer rät ihr zu so tranigen Titeln? Weiß ich nicht, ich hab keins von ihren Büchern gelesen, interessieren mich nicht. Diese ganzen Arschpfeifen nicht. Was für Arschpfeifen? Meine Familie. Augusttag auf einer Lichtung im Etruskerland, hier stellt sich heraus, dass Horst von zu Hause weggelaufen ist, wo er noch lebte und ein bisschen Grafik machte. Seither kriegt er von denen nichts mehr, höchstens ab und zu mal was von der Viktoria mit ihren Erfolgsbüchern. Ach so. Und? Nichts und, ich brauch noch einen Schluck. Horst starrt auf die Lichtung, ins leicht dunstige Licht. Was soll er von diesen Arschpfeifen erzählen, Mutter tut praktisch nichts, Vater macht irgendwelche Geschäfte, krumme wahrscheinlich, Bruder die größte Arschpfeife. Von denen wird er diesen heiligen Hain nicht vollquasseln. Diese Viktoria Lamm, sagt Marius. Lass doch, sagt Horst. Diese Viktoria Lamm, sagt Marius, hat aber einen Webfehler. Einen was? Einen Defekt, bei Fragen aus dem Publikum wird sie nervös, zwinkert mit den Augen, wippt mit dem Fuß. Kann schon sein. Horst dachte, sie sei noch die normalste, aber kann schon sein, dass auch die durchgeknallt ist. August, man hat das Gefühl, dass die Zikaden die Hitze erzeugen. Horst kaut an einem trockenen Halm, starrt auf die Lichtung. Wann warst du schon einmal da, Horst? Ach, egal. Wenn er es nicht sagen will, dann halt nicht. Frag doch nach, Marius. Nein, Marius fragt nicht nach, aus Prinzip nicht.