Mord mit Marzipan - Jutta Mehler - E-Book

Mord mit Marzipan E-Book

Jutta Mehler

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Beschreibung

Auf der Landesgartenschau wird eine junge Frau tot aufgefunden, die Polizei legt die Sache als Unfall zu den Akten. Nicht so die drei rüstigen Hobbydetektivinnen Thekla, Hilde und Wally, die sich mit ganz eigenem Elan in die Ermittlungen stürzen. Die Spur zum Täter führt über diverse Bauprojekte zurück zum Ausgangspunkt, der Garten ausstellung. Doch als den Freundinnen klar wird, wer der Mörder ist, ist es für eine von ihnen beinahe schon zu spät.

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Jutta Mehler, Jahrgang 1949, hängte frühzeitig das Jurastudium an den Nagel und zog wieder aufs Land, nach Niederbayern, wo sie während ihrer Kindheit gelebt hatte. Seit die beiden Töchter und der Sohn erwachsen sind, schreibt Jutta Mehler Romane und Erzählungen, die vorwiegend auf authentischen Lebensgeschichten basieren, sowie Krimis mit der Hobby-Ermittlerin Fanni Rot oder dem Ermittlerinnen-Trio Thekla, Hilde und Wally.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen– ausgenommen Alois Schraufstetter und Erwin Wurzer– sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit anderen lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

© 2015 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.com/Francesca Schellhaas Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-855-7 Originalausgabe

Unsere Pflichten, das sind die Rechte anderer auf uns.

Friedrich Nietzsche

1

Nachmittags im Café Bredl in Deggendorf

»Vier Wochen Kartoffeldiät im Arsch«, sagte Hilde.

Obwohl Thekla ihr recht geben musste, schüttelte sie den Kopf. Sie begriff einfach nicht, weshalb Hilde sich darin gefiel, eine derart derbe Ausdrucksweise an den Tag zu legen.

»Dann hänge ich halt noch mal vierzehn Tage an«, erwiderte Wally und stach in ihre Doga-Schnitte.

Wovon nicht abzuraten wäre, dachte Thekla.

Schon die paar Pfunde, die Wally(vier Wochen lang ausschließlich Kartoffeln essend) abgenommen hatte, zeigten eine frappierende Wirkung.

Sie sieht richtig hübsch aus, fand Thekla.

Wallys Gesichtszüge wirkten markanter, weniger krötenhaft, weil die Wangenknochen deutlicher hervortraten und die Glupschaugen unter dunkel gefärbten Augenbrauen etwas zurückwichen. Die Nase zeigte erst jetzt, wie apart sie war, und an den Mundwinkeln waren zwei Grübchen erschienen, die von Wallys fliehendem Kinn ablenkten, das in einen allerdings nun etwas faltigen Hals überging.

Der ihrem Alter entspricht, dachte Thekla, und bei Weitem besser aussieht als ein Krötenkropf.

Weniger Spuren hatte das Abspecken an Wallys Figur hinterlassen. Sie wirkte nach wie vor mollig, obwohl der Wulst um ihre Taille etwas geschrumpft war. Wallys schicke, locker fallende Bluse in figurfreundlichen Brauntönen tat jedoch ein Übriges, sie schlanker erscheinen zu lassen.

Alles in allem wirkte Wallys Erscheinung gefällig, ansprechend, geradezu attraktiv.

Mit etwas gutem Willen würde sie für fünfzig durchgehen, dachte Thekla. Im Gegensatz zu Hilde, der man Jahrgang 1948 schon von Weitem ansieht.

»Und du glaubst, mit ein paar Pfund weniger und den Tipps von dieser Stilberaterin kannst du deinen Mann ab sofort bei der Stange halten?«, fragte Hilde schmallippig.

Wally schluckte ein lila Veilchen aus Marzipan und sah Hilde mit waidwundem Blick an.

Thekla sprang ihr bei. »Um Sepp Maibiers Eskapaden geht es doch gar nicht.«

»Nicht?«, fragte Hilde schnippisch. »Um was dann? Bist du auf ein Techtelmechtel aus, Wally? Willst du es ihm heimzahlen?«

In Wallys Augen sammelten sich Tränen.

Erneut sah sich Thekla genötigt, sie in Schutz zu nehmen. »Es geht darum, dass Wally sich gut fühlt. Dass sie nicht meint, sich verstecken und vergraben zu müssen, weil alle Welt sie belächelt und bespöttelt.« Sie legte eine fast drohende Betonung auf das letzte Wort.

Hilde zog erstaunt die Augenbrauen hoch, und Thekla konnte geradezu hören, was ihr durch den Kopf ging: Hast du sie nicht selbst oft genug belächelt? Wegen ihres Aussehens, hauptsächlich aber wegen ihrer Einfältigkeit? Meinst du etwa, man ist weniger töricht, wenn man besser aussieht?

Warum nicht?, dachte Thekla. Gutes Aussehen stärkt das Selbstbewusstsein. Wenn Wally mehr auf sich hält, kann sie sich besser entfalten, und wer weiß, was dann zum Vorschein kommt?

»Wie sind sie denn, diese Doga-Schnitten«, wandte sie sich freundlich an Wally, »die der Konditormeister Bredl extra für die Gartenschau kreiert hat?«

Wally schluckte ein Vergissmeinnicht aus Zuckerglasur. »Lecker. Und gar nicht schwer nachzubacken. Das würdest sogar du hinkriegen, Hilde.«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich Doga-Schnitten backe«, rief Hilde, aber Wally achtete nicht auf sie.

»Schau her.« Sie zerlegte den Rest ihrer Doga-Schnitte in einzelne Schichten. »Unten ist eine Lage Blätterteig, den gibt es fertig zu kaufen. Dann kommt die Eiercreme. Na ja, die ist nicht so einfach herzustellen, wenn sie wirklich gut sein soll. Dann kommt wieder eine Lage Blätterteig, und die ist oben mit Marmelade und Fondant glasiert und mit Blüten verziert.«

Thekla steckte sich einen Bissen ihrer Sarah-Bernhardt-Torte in den Mund. Was Konditormeister Bredl unter diesem Namen anbot, entsprach– wie Wally ihr versichert hatte– in jeder Hinsicht der Agnes-Bernauer-Torte aus dem Krönner. Thekla fand allerdings, dass Wally da nicht ganz recht hatte, obwohl die Sarah-Bernhardt-Torte wie die Agnes Bernauer aus Mokkacreme und Mandelbaiser hergestellt war. Der Unterschied bestand allerdings in der Konsistenz und darin, dass Sarah Bernhardt eindeutig mehr Zucker enthielt. Dennoch war sie es zufrieden. Der Geschmack war ungefähr der gleiche.

Einzig mit dem Versprechen, auch bei Bredl würde Thekla ihr Lieblingsgebäck finden, hatten Hilde und Wally sie dem Krönner abspenstig machen können– zumindest für den kommenden Sommer, in dem Deggendorf außergewöhnlich populär sein würde, weil dort am 25.April die »Donaugartenschau– Landesgartenschau« eröffnet worden war.

Wally besaß bereits eine Dauerkarte.

Hilde und Thekla hatten sich jedoch strikt geweigert, jeden Montag nach dem Treffen zum Kaffee einen Rundgang auf der »Doga« zu machen, um sich »an der je nach Jahreszeit wechselnden Blütenpracht zu erfreuen und sich Anregungen für den eigenen Garten zu holen«.

Hilde hatte Wally eine harsche Abfuhr erteilt. »Um den Westhöll’schen Garten kümmert sich Rudolf, und saisonale Blütenpracht hat jeder halbwegs gepflegte Kreisverkehr zu bieten. Ein zweites Mal bringen mich keine zehn Pferde dorthin. Für die Kinderspielplätze bin ich zu alt und für den Nepp an den Buden zu sparsam.«

Wie meistens hatten Hildes rüde Worte einen handfesten Kern.

Thekla fand, dass auf dem Gelände der Gartenschau ja alles recht hübsch angelegt war und wert, während der sechs oder sieben Monate ihrer Dauer ein-, zwei-, eventuell sogar dreimal besichtigt zu werden; aber ganz bestimmt nicht allwöchentlich. »Nein«, sagte sie, »so weit werde ich es sicher nicht treiben. So weit reicht meine Begeisterung für Gartendeko nicht, auch wenn man auf der Doga versucht hat, allen Altersklassen und Neigungen gerecht zu werden.«

Hilde hatte laut aufgelacht, als Thekla das aussprach. »Wie heißt es so schön: Allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann.«

Ja, dachte Thekla, so ist es. Und weil ich für Rummel und Jahrmarkt nicht viel übrig habe, begnüge ich mich mit einem Strauß Tulpen auf dem Wohnzimmertisch.

Sie hatte sich allerdings vorgenommen, Ende Juni, zur Rosenblüte, die Anlagen ein zweites Mal zu besichtigen. Einen dritten Rundgang wollte sie Mitte September machen, wenn die Herbstblumen blühten.

Hildes Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Nach dem Kaffee gehen wir zusammen auf die Gartenschau.«

Thekla glaubte, sich verhört zu haben. »Sagtest du nicht vorige Woche: ›Keine zehn Pferde bringen mich ein zweites Mal dorthin.‹?«

»Das war vor dem Mord«, antwortete Hilde trocken.

Sowohl Thekla als auch Wally klappte die Kinnlade herunter.

Thekla fing sich als Erste. »Meine Güte, Hilde, wovon redest denn du?«

»Von Hanni Stern«, erwiderte Hilde, »stand doch in allen Zeitung–«

»In den Zeitungen stand«, schnitt ihr Thekla das Wort ab, »dass eine HanniS., als sie über den Bordstein steigen wollte, gegen eine von diesen angemalten Bojen, die auf der Wiese herumstehen, gestolpert und so unglücklich mit dem Kopf auf einer scharfen Kante aufgeschlagen ist, dass sie eine Hirnblutung bekommen hat und daran gestorben ist.«

Hilde verzog den Mund zu einem überheblichen Lächeln. »Das soll ihm mal einer vormachen, sagt Ali. Übrigens kannte er die Tote. Sie heißt Hanni Stern.«

Alois Schraufstetter. Thekla versuchte, ein Stöhnen zu unterdrücken. El Commandante. Ach nein, Kommandant der Deggendorfer Feuerwehr war er ja gar nicht mehr. Schraufstetter war zum »Kreisbrandrat« gewählt worden und damit jetzt Chef sämtlicher Feuerwehren im Landkreis, wie Hilde ihr und Wally neulich erzählt hatte. »Und das sind sage und schreibe dreiundneunzig«, hatte sie in so großtuerischem Ton erklärt, als sei Schraufstetter zum Oberbefehlshaber der NATO ernannt worden.

»Hat er als Brandpapst nichts Besseres zu tun, als die Ermittlungsergebnisse der Polizei in Frage zu stellen?«, sagte Thekla und bereute es sofort, denn umgehend kam von zwei Seiten Protest.

Wally in quengelndem Ton: »Thekla, du bringst unserer heiligen Kirche viel zu wenig Respekt entgegen.«

Hilde mit scharfer Stimme: »Ali besitzt eben das, was man Zivilcourage nennt. Und die Bürger im Landkreis honorieren das. Die Kommunalwahlen haben es deutlich gezeigt.«

Thekla überging Wallys Tadel, doch Hilde nickte sie zu. Sie honorierte Alis Einsatz ja auch, hatte ihm bei der Kreistagswahl selbst drei Stimmen gegeben. Aber musste er Hilde unbedingt diesen Floh ins Ohr setzen? Mord! Was für ein gefundenes Fressen. Hilde würde sich in Ermittlungen stürzen wie Conan in die Schlacht.

»Ali hat das sicher nicht ernst gemeint«, sagte sie.

Bevor Hilde widersprechen konnte, pflichtete Wally ihr bei. »Bestimmt nicht. Wir haben doch selber gesehen, dass die Bojen oberhalb vom Weg stehen. Hanni Stern hat sie sich näher anschauen wollen und muss gestolpert sein.«

Thekla beeilte sich, das zu bestätigen: »So steht es ja auch in der Zeitung.«

Hilde zog die Brauen hoch. »Und steht auch drin, warum sich die Stern dabei rückwärtsbewegt hat?«

»Wieso rückwärts?«, fragten Thekla und Wally unisono.

Hildes Stimme hob sich. »Verflucht und zugenäht. Stellt euch doch nicht dämlicher, als ihr seid. Hanni Stern ist mit dem Hinterkopf aufgeschlagen!« Gemäßigter fuhr sie fort: »Die Verletzung befindet sich am Hinterkopf, schreibt die Zeitung. Das heißt doch, dass sie der Boje den Rücken zugedreht haben muss, als sie auf sie drauffiel.«

Thekla machte einen letzten Versuch, abzuwenden, was nun kommen würde. »Sie kann sich doch im Fallen gedreht haben.«

Hildes Antwort darauf machte ihr bewusst, dass sie ihr damit auf den Leim gegangen war. »Wollen wir nicht an Ort und Stelle ein paar Studien betreiben? Oder brichst du damit schon dein Hochzeitsversprechen?«

Sie hatte es also nicht vergessen. Natürlich nicht. Hilde hatte weder vergessen noch Thekla verziehen, dass sie Heinrich Held am Tag ihrer Trauung versprochen hatte, sich nie wieder durch private Mordermittlungen in Gefahr zu bringen.

Dieses Versprechen hatte Thekla gern gegeben, weil sie Heinrichs Bitte nur allzu berechtigt fand. War sie nicht beide Male, die sie sich mit Hilde und Wally auf Mörderjagd begeben hatte, nur knapp mit dem Leben davongekommen? Wie töricht, unverantwortlich und leichtfertig wäre es, ein weiteres Mal so ein Risiko einzugehen?

Hilde hatte für Theklas Entschluss nicht das geringste Verständnis aufgebracht. Im Gegenteil, sie hatte die Vereinbarung mit Heinrich als Verrat gesehen, als Treuebruch gegenüber ihr und Wally und allem, was sie verband.

Seither, dachte Thekla, ist Hilde noch weit mürrischer geworden als je zuvor und ihre Ausdrucksweise noch weit drastischer.

Wally legte ihr die Hand auf den Arm. »Komm mit, Thekla. Wir gehen ja nur auf die Gartenschau, da spricht doch nichts dagegen– oder?«

Nein, dachte Thekla, damit bringen wir uns nicht in Gefahr, und keiner kann behaupten, ich wäre wortbrüchig geworden.

2

Am späten Nachmittag auf dem Gelände der Donaugartenschau

Anstatt bei den Stadthallen in die Neusiedler Straße einzubiegen, setzte Thekla den Blinker nach links.

»Wo verdammt willst du denn hin?«, fuhr Hilde auf.

Sie und Wally waren am Café Bredl bei Thekla zugestiegen, weil alle drei es für zweckmäßiger gehalten hatten, Hildes Wagen dort stehen zu lassen und nur Theklas Auto zu nehmen. Sie würde die beiden dann später wieder am Café absetzen.

»Auf die andere Seite der Donau«, antwortete Thekla ungerührt. »Ich will in Fischerdorf parken.«

Sie steuerte den Wagen über die Brücke, über die man auf der B11 den Fluss querte, wobei ein kurzer Blick auf die Deichgärten zu erhaschen war.

»Wenig los heute«, konstatierte Hilde.

»Kein Wunder bei dem regnerischen Wetter«, meinte Wally.

»An der Ackerloh gäbe es Parkplätze noch und noch«, mäkelte Hilde. »Und du gondelst nach Fischerdorf.«

»Wenn schon Donaugartenschau«, beschied ihr Thekla, »dann will ich durch die Fischergärten spazieren. Die haben mir neulich von allen Anlagen am besten gefallen.«

Hilde rümpfte die Nase. »Hätte ich mir denken können, dass du auf den Natur-pur-Stuss abfährst. Kräutergärtchen, Wasserläufchen, hier ein bisschen Moor, dort ein bisschen Sand. Man kommt sich vor wie in einem irischen Landhausgarten. My home is my castle«, fügte sie spitz hinzu.

»Entspannend, tröstlich, anmutig«, gab Thekla kühl zurück.

Hilde grunzte abfällig.

Als Thekla in Fischerdorf auf den Parkplatz am Bahndamm einbog, den man extra für die Doga angelegt hatte und der noch irgendwie unfertig wirkte, trat ein junges Mädchen in gelber Warnweste an den Wagen, um drei Euro Parkgebühr zu kassieren.

»Wucher«, grummelte Hilde, ohne sich darum zu scheren, ob das Mädchen sie hörte. »Beutelschneiderei.«

Auf diese Seite der Donau hatte sich kaum jemand verirrt. Thekla zählte fünf geparkte Autos und entdeckte zwei Fußgänger, die offenbar vom Ort her kamen.

Der Weg zum Eingang mit seinem Schotterbelag und den zerrupften, staubigen Büschen am Rand wirkte noch unfertiger als der Parkplatz, aber Bauarbeiter waren nirgends in Sicht. Vermutlich hatten sie Feierabend.

Wie grau und trist sich der Zugang auch präsentierte, gleich hinter der Kasse wurde es grün.

Am »Garten Eden« hätte Thekla sich ganz gern ein wenig aufgehalten. Sie hätte an den Gewürzkräutern schnuppern und die Gemüsesetzlinge begutachten wollen. Im »Wüstengarten am Bayerwald« hätte sie gern die Kakteen bewundert und im Sumpfgebiet die fleischfressenden Pflanzen, aber Hilde trieb sie unnachgiebig weiter.

Auch Wally machte einen vergeblichen Versuch, Hilde zu einer Verschnaufpause zu bewegen. »Aber die Bojen rennen uns doch nicht weg, Hilde. Die stehen in einer halben Stunde noch genauso da wie jetzt.«

Hilde würdigte Wally keiner Antwort. Sie war ohnehin schon zwanzig Schritte voraus und hielt stracks auf den speziell für die Gartenschau errichteten Fußgängerübergang zu, der in einem sanft geschwungenen Bogen über den Fluss führte und die Fischergärten mit dem Hauptareal verband. Thekla erinnerte sich, wie sie sich auf dem Brücklein in seltsamer Weise heimisch gefühlt hatte, als sie es bei ihrem ersten Besuch der Doga überquerte.

Das liegt an dem gemütlichen Holzboden, dachte sie nun und verhielt den Schritt. Und daran, dass die Konstruktion so viele Krümmungen aufweist. Der Steg scheint sich in der Mitte zu verjüngen, das seitliche Fachwerk scheint sich nach innen zu neigen, was einen grottenartigen Eindruck erweckt. Man kommt sich geborgen vor– aber keinesfalls eingesperrt.

Hilde war auf halbem Weg über die Brücke stehen geblieben.

Als Thekla und Wally zu ihr aufgeholt hatten, hob sie den Zeigefinger und deutete anklagend zu Boden. »Zehn Millionen Euro. Zehn Millionen Euro Steuergelder für eine Gartenschaubrücke.«

Bevor Thekla etwas darauf antworten konnte, eilte Hilde weiter, und es fehlte nicht viel, dass sie dunkle Wolken ausstieß wie der Drache des schwarzen Rauches.

Thekla warf einen Blick zurück, ehe sie Hilde folgte, und sagte sich, das Brücklein sei jeden Cent wert.

Später– nach Abschluss der Gartenschau, um genau zu sein– würde es offiziell als Fußgänger- und Radfahrerbrücke dienen. Hilde tat also dem Stadtrat(dem das Bauwerk vermutlich zu verdanken war) unrecht, wenn sie es quasi als Eintagsfliege abstempelte, als kurzlebig und durchaus entbehrlich.

Theklas Gedankengang wurde von Wally unterbrochen: »Schön ist die neue Brücke schon geworden. Aber sie hat halt viel zu viel gekostet. Nicht nur Geld. Denn viel schlimmer ist, dass beim Bau ein Arbeiter umgekommen ist. Himmelmutter, dass aber auch immer so was Schreckliches passieren muss.«

Thekla erinnerte sich vage an einen Zeitungsartikel über einen Schweißer, der abgestürzt war, weil sich seine Schutzkabine aus der Verankerung gerissen hatte.

Ein tragisches Unglück, wie es eben bedauerlicherweise vorkommen kann, war damals der Tenor der Berichterstattung gewesen, und genauso hatte es sich vergangene Woche verhalten, als von Hanni Sterns Tod berichtet worden war. Zugegeben, Hanni Stern hätte auch anderswo stolpern und sich tödlich verletzen können. Aber der Schweißer? Ging sein Ableben nicht eindeutig auf das Konto der Doga?

Thekla fragte sich, inwieweit der Unfall des Schweißers die Debatte über das Für und Wider der Gartenschau neu angeheizt hatte, bei der es in erster Linie um den Kosten-Nutzen-Effekt ging.

Die Brücke schlägt mit zehn Millionen und einem Menschenleben auf der Negativseite zu Buche, dachte Thekla gerade, als sie Hilde, die bereits das andere Ufer erreicht hatte, scharf nach rechts abbiegen und in Richtung des Donaustrandes stürmen sah. Oder doch mit zwei Menschenleben? Wo sonst als auf dieser Gartenschau hätte sich Hanni Stern an einer Boje den Schädel einschlagen können?

»Warum rennt sie bloß so?«, beschwerte sich Wally.

»Weil sie Blut geleckt hat«, murmelte Thekla so leise, dass Wally es nicht hören konnte.

Hilde war vor einer Gruppe birnenförmiger Gehäuse aus Metall zum Stehen gekommen, die– falls Thekla alles richtig verstanden hatte– normalerweise zum Festmachen von Wasserfahrzeugen oder als Markierung im Wasser dienten. Für die Gartenschau waren sie bunt bemalt und auf einem Wiesengelände zu einem »Bojengarten« angeordnet worden. Etwas unterhalb der Wiese führte einer der asphaltierten Hauptwege der Doga entlang.

Hilde deutete auf die gut dreißig Zentimeter hohe Bordsteinkante, die das Arrangement von dem darunterliegenden Gehweg trennte. »Überzeugt euch doch selbst davon, was passiert, wenn man zu den Dingern hochsteigen will und dabei stolpert.«

Sie machte es vor, indem sie den linken Fuß oben platzierte, dann den rechten nachzog und dabei absichtlich mit der Schuhspitze gegen die Kante stieß. Der Anprall ließ sie nach vorne kippen, sodass sie sich mit beiden Händen am Rand der vordersten Boje abstützen musste, um nicht mit der Stirn auf eine der scharfkantigen Halterungen aufzuschlagen, die wohl zur Befestigung von Signallampen benutzt wurden.

Triumphierend drehte sie sich um. »Habt ihr es gesehen? Man knallt mit dem Gesicht drauf, wenn man sich vorwärtsbewegt. Und wie man sich dabei eine Verletzung am Hinterkopf zuziehen kann, soll mir mal einer erklären, Herrschaftszeiten.«

Thekla machte eine wegwerfende Geste. »So, wie du es gerade vorgemacht hast, kann es sich nicht abgespielt haben, das ist klar. Aber vielleicht hat es sich ja so zugetragen.«

Sie stellte den linken Fuß auf den Bordstein, zog den rechten nach und stieß absichtlich mit der Schuhspitze gegen die Kante, genau so, wie Hilde es getan hatte. Aber als sie den Impuls zu fallen verspürte, warf sie sich herum und riss dabei die Arme nach oben.

Erst als sie rückwärtskippte, blitzte in ihrem Kopf der Gedanke auf, dass sie einen schweren Fehler begangen hatte. Im nächsten Moment würde sie aufschlagen und sich am Hinterkopf verletzen wie Hanni Stern. Doch bevor sie diesen Gedanken zu Ende denken konnte, fühlte sie sich gepackt und festgehalten. Dann legte sich ein Arm um ihre Schultern und zog sie auf den Gehweg zurück.

»Das hätte aber dumm ausgehen können«, sagte eine sympathische Stimme.

Thekla hob den Blick.

Der Arm um ihre Schultern gehörte zu einem jungen Mann, der sie noch einen Augenblick lang besorgt anschaute, bevor er sie losließ.

»Danke«, sagte Thekla. »Mir ist gar nicht klar gewesen…«

»…wie schnell man stolpern kann«, beendete der junge Mann den Satz lächelnd.

Thekla nickte. Besser, es dabei zu belassen.

»Das war verdammt gut reagiert, junger Mann«, ließ Hilde sich vernehmen. Und kopfschüttelnd fügte sie hinzu: »Bis mir aufgegangen ist, was Thekla da veranstaltet, ist es zum Eingreifen schon zu spät gewesen.«

»Zufall«, antwortete der junge Mann bescheiden. »Ich stand genau im richtigen Winkel.«

Ja, dachte Thekla. Aber wo bist du hergekommen?

Sie konnte sich nicht erinnern, ihn zuvor gesehen zu haben.

Während ihm nun auch Wally– die stets etwas länger brauchte, um sich zu fassen– für seine reaktionsschnelle Aktion dankte, betrachtete Thekla ihn genauer.

Seit sie die sechzig überschritten hatte, fiel es ihr zunehmend schwerer, das Alter junger Leute zu schätzen. Der Bursche konnte ebenso gut dreißig wie zwanzig Jahre alt sein. Die blonden Haare, lässig geschnitten und windzerzaust, gaben ihm das Aussehen eines Lausbuben. Doch die grauen Augen wirkten ernst und irgendwie sorgenschwer. Wegen ihres Beinahe-Missgeschicks?

Nein, dachte Thekla. Die Sorge in seinen Augen steckt tiefer. Sie wohnt seit einiger Zeit schon dort.

Ihr Blick glitt an der Gestalt des Mannes hinunter, registrierte eine saloppe Windjacke, abgetragene Jeans und Sportschuhe.

Was einen jungen Kerl wie ihn wohl an einem Werktagnachmittag auf die Gartenschau führt?, wunderte sie sich. Sie war schon drauf und dran, ihn danach zu fragen, kam jedoch nicht zu Wort.

»Schönen Tag noch und passen Sie auf, wo Sie hintreten«, verabschiedete er sich und war im nächsten Moment in Richtung Bogenbach verschwunden.

»Wo ist der denn so schnell hergekommen?«, sagte Thekla an Hilde gewandt, die jedoch bloß abwinkte.

»Ist doch egal. Hauptsache, er hat richtig reagiert, sonst hätte dein Leben an dieser mit Blümchen bemalten Boje geendet wie das von Hanni Stern.«

Theklas Blick saugte sich an den von Schulkindern bunt bemalten Bojen fest und registrierte die Aufschriften: »Mittelschule St.Martin«, »Realschule Plattling«, »Grundschule Mietraching«.

»Da hat dir die Himmelmutter aber einen besonders tüchtigen Schutzengel geschickt«, sagte Wally.

Thekla nickte zerstreut. Weshalb hatte der junge Mann eingreifen müssen? Ach ja.

Sie wandte sich erneut an Hilde. »War meine Vorführung überzeugend genug? Hast du gesehen, wie einfach es ist, im Vorwärtsgehen zu stolpern und rücklings zu fallen?«

Hilde zog die Brauen hoch. »Aber nur, wenn man dabei Pirouetten dreht. Und warum hätte Hanni Stern das tun sollen?«

»Weil sie verhindern wollte, mit dem Gesicht aufzuschlagen«, sagte Thekla. »Ist es nicht eine ganz automatische Reaktion, sich von der Bedrohung wegzudrehen?«

»Das denkt auch die Polizei«, vermeldete eine Stimme in Theklas Rücken.

Ehe sie sich nach dem Sprecher umwandte, bemerkte sie, wie sich Hildes Wangen mit einer feinen Röte überzogen. Und noch bevor sie seiner ansichtig wurde, dachte sie schon: der Brandpapst, aha.

Das Spiel war also abgekartet. Hilde hatte sie und Wally an den angeblichen Tatort geführt und dafür gesorgt, dass ihr der Urheber der Mordtheorie zu Hilfe kam, um die nötige Überzeugungsarbeit zu leisten. Deshalb also hatte sie es so eilig gehabt. Sie wollte den Rädelsführer nicht verpassen, weil sie darauf brannte, sich wieder einmal in Mordermittlungen zu stürzen.

Hildes Therapie gegen ihren Weltverdruss, dachte Thekla fast belustigt. Besser als Sahnetorte, besser als Likör, besser, als die Kunden des Bestattungsinstituts zu vergraulen.

Ihre Erheiterung verflog rapide, als ihr wieder einfiel, welche Konsequenzen Hildes Faible für sie und Wally bereits gehabt hatte.

»Fraglos hätte es sich auch so abspielen können«, sagte Schraufstetter in diesem Moment. »Selbstverständlich hätte sich Hanni Stern– vorausgesetzt, dass sie gestolpert ist– aus einem Reflex heraus herumwerfen und rücklings auf die Boje fallen können.«

Daraufhin machte er eine Pause, während der er eindringliche Blicke von Hilde zu Thekla und zu Wally schweifen ließ. Dann erst brachte er das anstehende »Aber« aufs Tapet. »Aber mein Bauch sagt mir was anderes.«

Der scheint mir sowieso gehörig gewachsen zu sein seit dem vergangenen Jahr, dachte Thekla boshaft.

Schraufstetter hatte inzwischen weitergesprochen, doch Thekla wurde erst wieder aufmerksam, als er sagte: »…ich würde die Version ja hinnehmen, aber nach allem, was passiert ist…« Seine Stimme versandete.

Mätzchen, dachte Thekla. Er will uns neugierig machen. Wirft die Angel aus.

Prompt biss Wally an. »Was ist denn passiert? Das musst du uns erzählen, Ali.«

Schraufstetter lächelte ihr zu und hakte sie unter. »Dafür suchen wir uns aber ein gemütliches Plätzchen zum Hinsetzen.«

In den Deichgärten standen die Ruhebänke so weit voneinander entfernt, dass kaum Gefahr bestand, belauscht zu werden. Die Sitzflächen waren allerdings noch feucht, weil es den ganzen Vormittag geregnet hatte. Seit Kurzem zeigte sich jedoch sporadisch die Sonne, deshalb konnten Jacken sowie Regenmäntel abgelegt und als Unterlage benutzt werden.

»Hanni Stern hat eindeutig Sorgen gehabt«, sagte Schraufstetter. »Vielleicht auch Angst. Jemand muss sie bedroht haben, warum sonst hätte sie–«

Er konnte nicht zu Ende sprechen, weil Wally herausplatzte: »Und du meinst, der hat sie umgebracht?« Sie presste entsetzt beide Hände auf den Mund und rollte die Augen.

»Ich befürchte schon«, erwiderte Schraufstetter.

»Und wer soll dieser Angstmacher sein?«, erkundigte sich Thekla geschäftsmäßig.

Schraufstetter sah sie verstört an. »Wenn ich das wüsste, müsste ich euch nicht behelligen.«

»Am besten ist, du erzählst der Reihe nach, Ali«, mischte sich Hilde ein, »und fängst ganz von vorne an.«

»Ja, ganz von vorne, Ali«, echote Wally und griff nach seiner Hand.

Thekla musste sich das Lachen verbeißen.

Schraufstetter tätschelte Wallys Hand, als er zu berichten begann: »Ich kenne Hanni Stern ja schon seit etlichen Jahren–«

»Du hast ihr die Haare gemacht?«, unterbrach ihn Wally, was ihr von Hilde ein tadelndes Zischen und von Ali ein Kopfschütteln eintrug.

Soweit Thekla gehört hatte, war der Friseursalon Schraufstetter geschlossen, seit Ali zum Kreisbrandrat gewählt worden war.

Bestimmt keine leichte Entscheidung, überlegte sie. Schließlich blickten die Schraufstetters auf eine lange Tradition zurück.

Es war davon die Rede gewesen, dass Alis Großvater bereits 1921 ein Badergeschäft in der Bahnhofstraße eröffnet hatte.

Bader, dachte Thekla mit einem Schmunzeln. Baderwaschl, so nennt Ali sich heute noch gern.

Der hatte inzwischen weitergesprochen. »…ich kenne Hanni aus ihrer Zeit als Sachbearbeiterin im Bauamt. Anfangs haben wir uns nur gegrüßt, wie man es halt so macht, wenn man sich in dem Gebäude, wo man beruflich zu tun hat, über den Weg läuft.«

»Was hast du denn im Bauamt zu tun?«, warf Thekla nun ein.

»Na, zum einen bin ich Stadtrat, und zum andern bin ich auch schon vor meiner Zeit als Kreisbrandrat mit Brandschutzverordnungen vertraut gewesen. Da bleibt es nicht aus, dass man dort und da zurate gezogen wird.«

Eine Pause trat ein. Offenbar hatte Schraufstetter den Faden verloren.

Hilde kann ihm zu Hilfe. »Aber mit der Zeit habt ihr euch besser kennengelernt.«

»Wie? Ja, ein bisschen. Hanni hat mich oft nach technischen Einzelheiten gefragt. Sie hat nämlich ihre Arbeit sehr gewissenhaft gemacht, besonders was den vorbeugenden Brandschutz betrifft. Und da hat sie auch völlig recht gehabt. Im Ernstfall rächt sich nämlich der kleinste Fehler. Wenn die Feuerwehrzufahrt beispielsweise in einer Kurve verläuft, muss…«

Thekla hörte nicht mehr hin. Ali ritt sein Steckenpferd. Es konnte eine Weile dauern, bis er wieder zur Sache kam.

Sie versenkte den Blick in das Tulpenfeld vor ihren Augen und registrierte, dass sich in den weißen Blütenteppich ein paar lila Tupfer eingeschlichen hatten.

Wechselbälger, dachte sie amüsiert.

»FeuerwiderstandsklasseF30«, sagte Schraufstetter gerade.

Thekla ließ den Blick zum Spielplatz »Weidenversteck« schweifen, der ziemlich verlassen dalag. An einem der Klettergerüste lehnte eine einsame Gestalt in Jeans und Windjacke.

»Hanni hat das alles sehr streng genommen«, wiederholte Schraufstetter soeben. »Alles! Und wenn Verordnungen akkurat eingehalten werden müssen, entstehen Kosten, die der Bauherr lieber vermeiden möchte. Ärger ist also vorprogrammiert im Baureferat– und das nicht nur, was die Brandschutzverordnung betrifft. Jeder neue Flächennutzungsplan setzt im Stadtrat wochenlange Debatten in Gang. Denkt bloß an den seltenen Schwammerl, der fast das Bauprojekt auf den Kreuth-Wiesen zum Erliegen gebracht hätte.«

Hilde und Wally nickten einhellig, während Thekla sagte: »Wenn ich recht verstehe, ist Hanni Stern wegen ihrer Unerbittlichkeit nicht gerade beliebt gewesen. Man hat sie also bedroht?«

Schraufstetter nickte. »Na sowieso. Gedroht wird in den Amtsstuben ständig. Aber je lauter die Flüche ausfallen, desto weniger muss man sie ernst nehmen. Bedenklich wird es nur, wenn…«

»Wenn was?«, drängte Thekla.

Schraufstetter hob die Schultern. »Ich kann es nicht recht erklären. Hanni hat nicht wirklich was zu mir gesagt. Sie ist nur immer blasser geworden, und eines Tages hat sie hingeschmissen.«

»Den Job?«, fragte Thekla perplex.

»Sie ist zu einer Baufirma gewechselt. Als Sekretärin. Schlechter bezahlt. Längere Arbeitszeiten.«

Was nicht heißen muss, dass sie um ihr Leben fürchtete, dachte Thekla. Vielleicht ist ihr das ständige Hickhack einfach zu viel geworden. Die Anfeindungen, die Vorwürfe, die Bestechungsversuche. Ich an ihrer Stelle hätte vermutlich genauso gehandelt. Seelenfrieden für ein paar Mäuse weniger im Monat.

Hilde betrachtete die Sache offenbar in einem anderen Licht. »Die Stern muss ja eine Todesangst ausgestanden haben, sonst hätte sie doch den sicheren Job bei der Stadt nicht aufgegeben.«

»Oh nein«, pflichtete Wally ihr bei. »Das hätte sie bestimmt nicht getan, wenn sie sich im Bauamt noch sicher hätte fühlen können.«

»Das meine ich eben auch«, sagte Schraufstetter.

Thekla seufzte schwer. Drei gegen einen. Damit war das Urteil gefällt. Es lautete: Hanni Stern ist ermordet worden. Das Motiv stand ebenfalls fest: Rache wegen eines vereitelten Bauvorhabens oder so ähnlich.

Irgendwie dünn, dachte sie. Hanni Sterns Tod konnte dem Mörder außer der Befriedigung etwaiger Vergeltungsgelüste keinen Nutzen mehr bringen. Logischer wäre es gewesen, sie zu ermorden, solange sie noch im Bauamt beschäftigt war, um dann ihren Nachfolger unter Druck setzen oder schmieren zu können, was auch immer.

Thekla rieb sich die Augen, die zu brennen anfingen, weil sie lange Zeit in eine schillernde Pfütze am Rand des Gehwegs gestarrt hatte.

»Wer sitzt denn jetzt auf ihrem Platz im Bauamt?«, fragte Hilde.

»Hans Koller«, erwiderte Schraufstetter. »Wohnt noch nicht lange im Landkreis. Unbeschriebenes Blatt.«

Was nicht heißt, überlegte Thekla, dass er nicht jemandes Protegé ist. Was, wenn dieser Jemand eine Marionette ins Bauamt geschleust hat? Einen Mittelsmann, den er in der Hand hat? Gewisse Anträge würden dann durchgehen wie– wie geschmiert eben. Andere dagegen würden abgelehnt werden. Niemand würde sich darum kümmern, weil sich statistisch gesehen nichts änderte. Niemandem würde etwas auffallen außer… Außer der vorherigen Sachbearbeiterin. Sie würde womöglich ein Muster erkennen.

Hierin lag ein Mordmotiv, das Thekla ganz und gar nicht dünn erschien. Aber wie sollte die Tat ausgeführt worden sein? Hätte der Mörder Hanni Stern mit Gewalt gegen die Boje geworfen, dann hätten doch Indizien zurückbleiben müssen. Blutergüsse an den Körperstellen, wo er sie gepackt hatte, eventuell sogar Kampfspuren.

Apropos Kampf, dachte Thekla, hat denn niemand etwas beobachtet? Es müssen doch Leute in der Nähe gewesen sein.

Sie fragte Ali danach.

Der zuckte die Schultern. »Anscheinend nicht. Jedenfalls hat sich wohl keiner gemeldet und eine Aussage gemacht.«

Thekla schaute sich um und stellte fest, dass der Bojengarten ziemlich abseits der Hauptattraktionen lag. Die befanden sich im Stadthallenpark und südlich vom Haupteingang. Hier, zwischen Fluss und Wiese, konnte es sich schon ergeben, dass eine Zeit lang niemand des Weges kam. Zumal an einem Werktag.

»Wo und wie setzen wir an?«, fragte Hilde soeben.

Nirgends und gar nicht, hätte Thekla am liebsten geantwortet, was ihr nichts weiter als vorwurfsvolle Blicke aus drei Augenpaaren und von Hilde ein »Verdammt noch mal, du wirst doch einen Mörder nicht ungestraft davonkommen lassen wollen?« einbringen würde.

Aber sie hatte Heinrich ein Versprechen gegeben.

Offenbar erinnerte sich Hilde im selben Moment daran, denn sie sagte: »Du musst Heinrich ja nicht auf die Nase binden, was wir vorhaben.«

»Oh«, machte Wally. »So ein Schwindel würde der Himmelmutter aber gar nicht gefallen.«

Und mir auch nicht, dachte Thekla. Ich werde Heinrich reinen Wein einschenken. Er wird mein Dilemma verstehen.

Heinrich würde sofort begreifen, dass sie zwischen die Fronten geraten war. Sicher würde er das. Aber wie würde er darauf reagieren?

Schraufstetter riss Thekla aus ihren Gedanken. Er hielt Hilde zum Abschied die Hand hin. »Höchste Zeit für mich. Ortstermin. Der Erweiterungsbau in Mainkofen soll bald bezogen werden, dabei hapert es mit dem Brandschutz noch gewaltig.« Während er sprach, hatte er Hildes Hand in seine Rechte genommen und legte nun auch noch die Linke darüber.

Dergestalt mit Hilde verbunden, sprach er weiter: »Du weißt ja, dass ich eine Menge um die Ohren habe, seit ich Kreisbrandrat geworden bin. Aber du kannst jederzeit bei mir anrufen– jederzeit. Ich bin immer für dich… für euch da.«

3

Gegen Abend im Bestattungsinstitut Westhöll

»Zum Henker«, fluchte Hilde laut und schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad, »wie kommen wir an Leute, die etwas über Hanni Stern wissen könnten? Thekla hat verdammt noch mal recht. Wir kennen kein Schwein, das mit der Stern gut bekannt oder verwandt war, und wir haben keinen Schimmer von den Sauereien, die in Baureferaten denkbar sind.«

So hatte Thekla sich zwar nicht ausgedrückt, aber gemeint hatte sie es in etwa so.

Hilde bog in den Innenhof des Bestattungsinstituts ein und würgte den Motor mitten auf dem gepflasterten Platz ab. Egal, wo sie den Wagen abstellte, in den nächsten Stunden würde er niemanden stören. Rudolf befand sich mit einer Leiche auf dem Weg nach Kempten, und Pfeffer hatte sich den Tag freigenommen.

Das bedeutete jedoch, dass Hilde umgehend im Büro nachsehen musste, ob etwas Dringendes zu erledigen war.

»Der Organist kann bis morgen warten«, murmelte sie, nachdem sie den ersten Anruf abgehört hatte. »Ich hab dem Knallkopf doch schon zweimal gesagt, dass die Witwe vom ehemaligen Landtagsabgeordneten das Schrattenbach-Requiem will und nicht das c-Moll von Mozart. Wie dämlich ist denn der Kerl? Wenn er das Schrattenbach nicht draufhat, muss er es halt einüben.« Sie schüttelte den Kopf. »So, so, der Altbürgermeister ist gestorben«, sagte sie während der nächsten Aufnahme. »Wurde auch Zeit. Er hat ja nicht mal mehr seine Frau und seine Kinder erkannt. Um den kann sich Pfeffer morgen kümmern.«

Als sie den dritten Anruf abhörte, begann sie zu strahlen. »Glück muss man haben. Verdammtes, saumäßiges Glück.«

Hilde verdankte ihr Glück dem Umstand, dass ihr Neffe Rudolf im ganzen Landkreis als freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit bekannt war, weshalb das Bestattungsinstitut Westhöll volle Auftragsbücher verzeichnen konnte. Rudolf schien genau zu wissen, was seine Kunden von ihm erwarteten, und er besaß die Gabe, empathisch auf sie einzugehen. Er galt als respektvoll und behutsam im Umgang mit den Verstorbenen, als geduldig und einfühlsam im Kontakt mit den Lebenden. Kurz und bündig: Sein Erbgut wies nicht die geringste Spur der Gene seiner Tante auf.

Die nahm soeben den Hörer ab, um den Anruf zu beantworten, der sie in solch freudige Erregung versetzt hatte.

Als Bernhard Stern sich meldete, sprach sie ihm in erprobten Worten ihr Beileid aus, wobei sie einen derart teilnahmsvollen Ton in ihre Stimme legte, wie ihn noch nie zuvor jemand von ihr gehört hatte.

Obwohl er den Grund seines Anrufes bereits auf dem Anrufbeantworter angegeben hatte, teilte ihr Stern noch einmal mit, dass er das Bestattungsinstitut Westhöll mit der Beerdigung seiner Frau beauftragen wolle. Der Leichnam sei jetzt freigegeben, sagte er, sodass ein weiterer Aufschub unsinnig sei.

»Unsinnig und ungerechtfertigt«, säuselte Hilde ins Telefon. »Ich werde noch heute persönlich bei Ihnen vorbeikommen, um die erforderlichen Unterlagen abzuholen und alle wichtigen Punkte mit Ihnen zu besprechen.«

Stern schwieg einen Moment lang, als hätte ihn Hildes Entgegnung überrascht, erklärte sich jedoch einverstanden.

Hilde missachtete etliche der Geschwindigkeitsbegrenzungen zwischen Granzbach und der kleinen Ortschaft Reberg, die Stern als Wohnort angegeben hatte.

»Schwachsinn«, rief sie erbost. »Was für ein Unfug. Sechzig, achtzig, wieder sechzig– ihr könnt mich mal.«

Weil sie, außer in ein, zwei Kurven, nie weniger als achtzig Kilometer pro Stunde fuhr, benötigte sie nur zwanzig Minuten, um nach Reberg zu gelangen. Dann brauchte sie jedoch gut noch mal so lang, bis sie das Haus der Sterns fand.

»An der Dorfstraße«, hatte Stern gesagt. »Nicht zu verfehlen.«

»Idiot«, knirschte Hilde zwischen den Zähnen, als sie die angegebene Hausnummer nicht entdecken konnte. »Von wegen an der Dorfstraße. An der verdammten Dorfstraße gibt’s keine Nummer22.«

Sie musste zwei Passanten fragen(ein junges Mädchen, das als Antwort nur gleichgültig die Schultern zuckte; und eine Frau mittleren Alters, die ihr mit zwei Einkaufstaschen entgegenkam und diese erst abstellen und verschnaufen musste, bevor sie antworten konnte), um in Erfahrung zu bringen, dass das gesuchte Haus von Bäumen und einer Scheune verdeckt war, sodass man es von der Dorfstraße aus nicht sehen konnte.

»Hätte er doch sagen können, der Trottel«, schimpfte Hilde, während sie über einen schmalen, gepflasterten Weg darauf zuging.

Als Stern auf ihr Klingeln hin öffnete, fiel es ihr schwer, eine sanftmütige Miene aufzusetzen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, es gelang ihr nicht im Mindesten, weil Sanftmut ihrem Naturell so wenig gegeben war wie einem Bulldozer Grazie. Mit einiger Mühe brachte sie es jedoch fertig, einen freundlichen Ton anzuschlagen.

Bernhard Stern führte sie in ein modern eingerichtetes, erstaunlich behagliches Esszimmer und rückte ihr einen Stuhl am Tisch zurecht, auf dem bereits die Geburts- und Sterbeurkunde seiner Frau sowie einige andere Schriftstücke bereitlagen.

»Sie haben ja schon alles parat«, sagte Hilde anerkennend.

Sterns Umsicht versöhnte sie ein wenig. Geschäftsmäßig begann sie, die erforderlichen Daten aufzunehmen: Familienstand der Verstorbenen, Mädchenname und so weiter. Sie war froh über die vertraute, geradezu mechanische Betätigung, die ihr Zeit verschaffte, sich zu sammeln und sich auf den nächsten Schachzug vorzubereiten, von dem eine Menge abhing.

Sobald sich auch nur die kleinste Chance bot, wollte sie einhaken, um an Informationen zu kommen. An Auskünfte über Hanni Sterns Privatleben, ihr Umfeld, ihren Arbeitsplatz– den früheren, aber auch den neuen–, einfach alles, was aus Bernhard Stern herauszuholen war.

Der passende Augenblick fand sich, als die Sterbebilder zur Sprache kamen.

Hilde hatte einige als Muster mitgebracht. »Rechts außen wird normalerweise ein christliches Motiv aufgedruckt– meistens ein Kreuz, wie Sie sehen–, und drunter kommt ein Sinnspruch. Den müssten Sie noch aussuchen.«

Dafür brauchte Stern nicht lang. Er entschied sich für: »Tod! Eine Welt von Schmerzen liegt in diesem Worte.«

»Oberhalb vom Spruch kommt das Foto hin«, sagte Hilde.

Daran, ein Foto der Verstorbenen bereitzulegen, hatte Stern nicht gedacht.

»Wir finden schon was«, sagte Hilde eilig. »Ich helfe Ihnen dabei. Kein Problem, wenn andere Personen mit drauf sind. Mein Neffe hat da ein Computerprogramm, das kann ausschneiden, retuschieren, Hintergründe verändern, einfach alles. Wo bewahren Sie denn Ihre Fotos auf?«

Stern wirkte etwas verwirrt. »Auf demPC. Ich kann die Dateien ja später noch durchgehen und Ihnen ein, zwei Fotos per E-Mail schicken.«

Hilde hatte jedoch nicht vor, sich mit einer elektronischen Botschaft abspeisen zu lassen. »Haben Sie denn kein Album, das wir uns ansehen könnten? Wir müssen ja im Vorfeld entscheiden, wie Ihre Frau auf dem Sterbebild wirken soll, fröhlich oder ernst, jugendlich oder gesetzt?«

»Natürlich haben wir Alben von früher«, antwortete Stern. »Aber die Fotos darin kommen kaum in Frage. Sind ja viel zu alt.« Er brütete eine Weile vor sich hin. Dann rieb er sich über die Stirn. »Hanni hat hin und wieder ein paar von den neueren entwickeln lassen, aber nie irgendwo eingeklebt. Wo hat sie die denn hingetan?« Nach einer Pause beantwortete er die Frage mit einem unbestimmten: »Sie müssen in ihrem Schreibtisch sein.«

»Dann sehen wir doch nach«, sagte Hilde viel zu schnell, was ihr einen argwöhnischen Blick eintrug.

Sie biss sich auf die Lippen. Mist, wenn sie nicht aufpasste, würde Stern sie hinauskomplimentieren.

Reiß dich zusammen, befahl sie sich. Mach keinen Fehler. Was du hier erfahren kannst, ist jede Mühe wert.

Sie rang um ein liebenswürdiges Lächeln. »Wir sollten das Foto fürs Sterbebild gemeinsam aussuchen. Glauben Sie mir, das macht es für Sie leichter.«

Stern erhob sich. »Wollen Sie mitkommen?«

Hilde wollte nichts lieber als das.

Das Haus der Sterns war hell und geräumig. Eine breite Treppe führte aus der fast quadratischen Diele ins Obergeschoss, wo von einem kleinen Flur mehrere Türen abgingen.

Stern öffnete die erste.

Hanni Stern hatte sich offensichtlich ein eigenes Arbeitszimmer eingerichtet. Warum auch nicht? Platz war mehr als genug vorhanden, denn Kinder hatte das Paar keine; zumindest hatte Stern eben keine erwähnt.