Mord mit Streusel - Jutta Mehler - E-Book

Mord mit Streusel E-Book

Jutta Mehler

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Beschreibung

Bei dem Versuch, eine Explosion vorzuführen, kommen zwei junge Feuerwehrleute der Deggendorfer Feuerwache ums Leben. Ein Unfall, meinen Polizei, Gutachter und Staatsanwalt. Ein Mord, glaubt der Kommandant. Und bittet das rüstige Rentnerinnen-Trio Thekla, Hilde und Wally um Hilfe. Doch die Ermittlungsarbeit der drei Damen erweist sich als lebensgefährlich.

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Jutta Mehler, Jahrgang 1949, hängte frühzeitig das Jurastudium an den Nagel und zog wieder aufs Land, nach Niederbayern, wo sie während ihrer Kindheit gelebt hatte. Seit die beiden Töchter und der Sohn erwachsen sind, schreibt Jutta Mehler Romane und Erzählungen, die vorwiegend auf authentischen Lebensgeschichten basieren.

www.jutta-mehler.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen – ausgenommen Alois Schraufstetter und Erwin Wurzer – sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit anderen lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Aulo Literaturagentur.

© 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: © mauritius images/STOCK4B Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Gestaltung Innenteil: César Satz & Grafik GmbH, Köln eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-609-6 Originalausgabe

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Montag, der 3.Juni

Nachmittags im Café Krönner

»Das Übliche«, sagte Thekla. »Und bitte, Elisabeth, machen Sie schnell.«

Die Frau mittleren Alters, die im Café Krönner an den Fenstertischen bediente, warf Thekla einen erstaunten Blick zu, dann nickte sie und rekapitulierte kurz, wie sie es immer tat: »Ein Stück Agnes-Bernauer-Torte und einen Latte macchiato.« Ohne Theklas Reaktion abzuwarten, eilte sie davon.

Thekla lehnte sich aufatmend zurück.

Ja, sie war zu früh gekommen, und das mit voller Absicht. Bereits am Frühstückstisch hatte sie entschieden, sich eine Viertelstunde vor der vereinbarten Zeit im Café Krönner einzufinden. In diesen fünfzehn Minuten wollte sie sich unbehelligt ihrem Tortenstück widmen, bevor Hilde und Wally aufkreuzten und mit ihnen die großen und kleinen Katastrophen, die sich seit ihrem letzten Treffen ereignet hatten.

Elisabeth hatte offenbar begriffen, weshalb Thekla um forciertes Tempo gebeten hatte, denn sie servierte Kaffee und Kuchen im Handumdrehen und sagte zwinkernd: »Genießen Sie die Ruhe vor dem Sturm.«

»Danke, das werde ich.« Thekla lächelte freundlich. Dann schaltete sie das Denken ab und konzentrierte sich voll und ganz auf den Geschmack von Mokkacreme und Mandelbaiser.

Stille wie über einer glatten Wasserfläche, die nicht der kleinste Windhauch kräuselt, breitete sich in ihren grauen Zellen aus. Kein Gedanke wagte sich zu regen. Keiner an die Stein’sche Apotheke, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder in dem Marktflecken Moosbach betrieb, keiner an Hausarbeit und Bügelwäsche, nicht einer an Hilde und Wally, die gleich da sein würden, um sie mit Geschwätzigkeit zu überrollen.

Wäre irgendjemand auf die Idee gekommen, Thekla deswegen zu kritisieren, dann hätte sie geantwortet, dass es wohl unterschiedlichste Formen der Meditation gäbe. Die einen verrenkten sich im Schneidersitz, um das Hirn am Rödeln zu hindern, andere leierten Mantras herunter; Sportskanonen joggten bis zum Umfallen, Yoga-Anhänger spürten ihrem Atem nach, Gottesgläubige versenkten sich ins Gebet. Sie, Thekla Stein, zog es vor, ihre Geschmacksnerven derart zu stimulieren, dass die gesamte Hirntätigkeit quasi in Wohlgeschmack ertränkt wurde. Verzückung, Ekstase, darauf waren sie doch aus, all diejenigen, die sich mit Kontemplation abmühten. Ein leiblicher Hochgenuss führte ebenso gut ans Ziel, fand Thekla.

»Du hast schon bestellt und sogar schon halb aufgegessen?« Hildes vorwurfsvolle Stimme riss Thekla aus ihrer Trance.

Bevor sie eine Antwort parat hatte, ließ sich auch Wally leicht quengelnd vernehmen: »Wir sollten es wirklich tun. Der Kirschstreusel im Café Nostalgie ist echt eine Wucht.«

Wallys Worte stürzten Thekla in Verwirrung. Erstaunt hörte sie Hilde erwidern: »Wie oft soll ich mich noch wiederholen? Mit deinem Vorschlag wirst du bei Thekla auf Granit beißen.«

»Aber«, begann Wally, unterbrach sich jedoch, weil Elisabeth bereits an den Tisch trat.

»Heiße Schokolade mit viel Sahne?«

Wally ließ sich auf den Stuhl gegenüber Thekla fallen und nickte freudig.

»Die Punschtorte ist heute besonders saftig«, sagte Elisabeth.

Daraufhin nickte Wally gleich zweimal.

»Und Sie, Frau Westhöll?«, wandte sich Elisabeth an Hilde, die sich wie immer mit dem Rücken zum Fenster zwischen Thekla und Wally gesetzt hatte. »Grüner Tee und –?«

»Erdbeerkuchen«, beschied ihr Hilde.

Thekla klappte die Kinnlade herunter. Seit Jahren hatte Hilde keinen Kuchen mehr angerührt, stattdessen hatte sie immer etwas aus der kleinen Speisekarte bestellt, auf der das Krönner Mittagsgerichte anbot: Krönner Toast oder Fingernudeln, Kartoffelauflauf oder Eintopf.

Elisabeth hatte fragend die Augenbrauen hochgezogen.

»Sie haben richtig gehört«, bestätigte Hilde. »Mir ist heute nach Erdbeerkuchen.«

Auf Wallys Gesicht breitete sich ein fröhliches Lächeln aus.

So sieht sie richtig hübsch aus, dachte Thekla. Lachfältchen kaschieren die Glupschaugen, das fliehende Kinn schiebt sich nach vorn, die Hängebacken wandern aufwärts. Wenn sie auf den türkisgrünen Lidschatten verzichtet und mit dem scharlachroten Lippenstift ein wenig gespart hätte, könnte man durchaus Gefallen an ihr finden.

Wally klatschte die Hände zusammen. »Du kommst wieder auf den Geschmack, Hilde! Und wenn du erst einmal den Streuselkuchen im Nostalgie probiert hast, bist du endgültig bekehrt.« Zwinkernd fügte sie hinzu: »Ein paar Pfund mehr würden deiner Figur sowieso nicht schaden.«

Deiner allerdings, liebe Wally, würden sechs Wochen Früchtefasten zu einer annähernd gestalteten Form verhelfen, dachte Thekla unbarmherzig.

Hilde schnaufte vielsagend und verdrehte die Augen.

Thekla wandte sich ihr zu und sah sie auffordernd an. Die Frage, die in Worte zu kleiden sie sich sparen wollte, stand ihr ins Gesicht geschrieben: Was hat es mit diesem Streusel-Geschwätz auf sich?

Hilde winkte unwirsch ab. »Wally hat sich in den Kopf gesetzt, unsere Mittwochs-, besser gesagt Montagstreffen, seit sie mittwochs für die Schwiegertochter babysitten muss, in ein Café in Granzbach zu verlegen, das vor einiger Zeit eröffnet hat.«

»Weg vom Krönner?«, rief Thekla schockiert.

Erneut machte Hilde eine ungehaltene Geste. »Vergiss es. Wir haben Wichtigeres zu besprechen. Sicherlich hast du von der Explosion gehört, die vergangene Woche auf dem Gelände der Deggendorfer Feuerwehr …«

Die Explosion, dachte Thekla. Tagesgespräch, Zeitungsaufmacher, Aufreger. Den Rest des Nachmittags werden wir also nun über das Unglück diskutieren. Ich hätte es mir denken können. Hilde wird eine ganze Menge dazu zu sagen haben – »diese Schludrigkeit heutzutage« und solche Sachen –, und Wally wird ihr Krötengesicht aufsetzen und …

»Das war kein Unfall«, sagte Hilde.

Theklas Gedankenkarussell stoppte. »Wie, kein Unfall? Was war es denn?«

»Mord«, antwortete Hilde.

»Sagt wer?«, fragte Thekla.

»Ali.«

Ali? War Hilde übergeschnappt?

Thekla zog spöttisch die Brauen hoch. »Ali Baba, der mit den vierzig Räubern? Oder Muhammad Ali, der Schwergewichtsboxer?«

Hilde sah sie erbost an. »Ali Schraufstetter, der Feuerwehrkommandant.«

Sieh an, dachte Thekla, der Feuerwehrkommandant hat von Mord gesprochen, und das ausgerechnet Hilde gegenüber. Sie ließ die Brauen noch ein Stück höher wandern. »Wann hat er dir denn das geflüstert?«

»Himmelherrgottsaxendi«, polterte Hilde los, wurde jedoch von Wally unterbrochen.

»Hundert-, nein tausendmal hab ich euch schon gesagt, dass man den lieben Gott nur in Ehrfurcht und Demut anru–«

Sie brachte den Satz nicht zu Ende, denn Hilde hatte sich ihr mit einem Ruck zugewandt und fuhr sie an: »Halt einfach die Klappe, Wally. Mampf dein Tortenstück und halt die Klappe.«

Wallys Blick senkte sich bestürzt auf den Teller, den Elisabeth vor sie hingestellt hatte.

Thekla biss sich auf die Lippen. Grobheiten gingen Wally an die Nieren. Dabei war sie seit Langem daran gewöhnt, fortwährend abgekanzelt zu werden. Fast vierzig Jahre Ehe mit Sepp Maibier hatten ihr mehr Rüffel beschert als Rentenansprüche, und Maibiers Willkürherrschaft hatte sie gelehrt, bei Zurechtweisungen – begründet oder nicht – den Kopf einzuziehen und sich minderwertig zu fühlen.

Der Anschiss war herzlos, dachte Thekla.

Hilde schien das selbst einzusehen, denn sie legte Wally die Hand auf den Arm. »Entschuldige, aber wir sollten endlich mal zur Sache kommen. Ali hat mir ganz im Vertrauen mitgeteilt …« Offenbar kam ihr der Gedanke an Theklas Frage in die Quere, denn sie unterbrach sich und wirkte einen Moment lang irritiert, bevor sie neu ansetzte: »Ihr wisst doch, dass ich mir regelmäßig die Haare im Salon Schraufstetter schneiden lasse, und zwar vom Chef persönlich.«

Thekla gluckste verhalten. Irgendwie fand sie es amüsant, dass Hilde vom Feuerwehrkommandanten der Stadt Deggendorf die Haare geschnitten bekam.

Hilde ignorierte den Laut und sprach weiter: »Diesen Samstag hat sich das Gespräch im Salon begreiflicherweise hauptsächlich um die Explosion auf dem Gelände der Feuerwehr gedreht. Ali stand noch unter Schock, was ja nicht verwunderlich ist. Schließlich sind zwei seiner Leute ums Leben gekommen, und das auf der Feuerwache, während einer Übung, einer Vorführung, die schon Dutzende Male …«

Erneut verlor sie den Faden und musste sich besinnen, bevor sie weitersprechen konnte. »Also, wie gesagt, man konnte Ali schon zugestehen, dass ihn der Unfall aufgewühlt hat. Aber wie ich bald erfahren sollte, trieb ihn noch etwas ganz anderes um. ›Frau Westhöll‹, hat er irgendwann leise zu mir gesagt, ›das kann kein Unfall gewesen sein. Ich fürchte, da hat jemand nachgeholfen.‹ Und dann hat er mir erklärt, wie er darauf kommt.«

»Und wieso?«, fragte Thekla.

Hilde sah sie begriffsstutzig an. »Wieso was?«

»Wieso hat er ausgerechnet dir erklärt, weshalb er nicht an einen Unfall glaubt? So einen Verdacht vertraut man doch der Polizei an und nicht der ehemaligen Chefin eines Bestattungsinstituts.«

Hildes Stimme klang schulmeisterlich, als sie antwortete. »In den Augen der Polizei stellt sich die Sache eindeutig als Unfall dar.«

»Aber der liebe Ali hält Hilde Westhöll für klüger als die Polizei.« Thekla lachte mokant. »Was erwartet er denn von dir? Dass du ihm einen Mörder aus dem Hut zauberst? Und warum kommst du eigentlich Wally und mir mit den Mutmaßungen deines Friseurs?«, fügte sie argwöhnisch hinzu.

Hildes Blick wurde tadelnd. »Wer hat denn letzthin ein Verbrechen aufgeklärt, das andernfalls niemals ans Licht gekommen wäre?«

»Wir drei«, rief Wally und strahlte in die Runde.

Ja, dachte Thekla, wir drei sind einem Mörder auf die Spur gekommen und haben ihm das Handwerk gelegt. Aber wenn Heinrich nicht gewesen wäre, wäre diese Verbrecherjagd für mich tödlich ausgegangen. Und für Hilde ebenso.

Sie schloss für einen Moment die Augen. Der Gedanke an Heinrich schmerzte. Sie hatte Sehnsucht nach ihm.

Nachdem Heinrich ihr, als sie in der übelsten Klemme ihres Lebens steckte, mehr als deutlich bewiesen hatte, wie viel ihm an ihr lag, hatte sie ihre kindischen Bedenken überwunden und sich auf eine Beziehung mit ihm eingelassen. Und ja, sie hatten bereits begonnen, Zukunftspläne zu schmieden, in die – was die Sache etwas verkomplizierte – Theklas Bruder Martin, die Stein’sche Apotheke und Theklas Elternhaus einbezogen werden mussten. Thekla war sich jedoch sicher, dass sich mit der Zeit für alles eine Lösung finden würde. Im Moment war sie einfach nur glücklich darüber, mit Heinrich zusammen sein zu können, sooft ihre Aufgaben im Haushalt und in der Apotheke es zuließen.

Geradezu töricht hatte sie sich aufs kommende Wochenende gefreut, das sie und Heinrich gemeinsam am Bodensee verbringen wollten. Im Bregenzer Hotel Helvetia war bereits ein Doppelzimmer reserviert gewesen.

Gestern Abend allerdings hatte Heinrich angerufen und ihr mitgeteilt, er müsse umgehend zu seiner Schwester nach Dresden reisen. Da die Zeit offensichtlich drängte, hatte er nur in knappen Sätzen berichtet, dass es ein Unglück gegeben habe, bei dem Emilias Sohn umgekommen sei. Hastig hatte er noch hinzugefügt, seine Schwester benötige deshalb so dringend seinen Beistand, weil sie seit dem Tod ihres Mannes psychisch schwer angeschlagen war.

Selbstredend hatte Thekla vollstes Verständnis aufgebracht. Sie hatte ihm noch eingeschärft, vorsichtig zu fahren und unterwegs lieber ein, zwei Ruhepausen einzulegen. In ihrem Inneren jedoch hatte sich ein Ziehen ausgebreitet, das sich hartnäckig festsetzte und sich nicht ignorieren ließ.

Gewiss wird Heinrich sich heute Abend melden, dachte Thekla, um mir Genaueres zu berichten. Dann werden wir abschätzen können, wie lange er bleiben muss, und vielleicht fahre ich sogar hin.

Im Augenblick jedoch befand sich Heinrich fast fünf Autostunden von Straubing entfernt in der sächsischen Landeshauptstadt, und Thekla befand sich im Café Krönner, wo Hilde eben dabei war, ihr einen neuen Mordfall aufzutischen.

Thekla seufzte verhalten. Das heutige Treffen im Krönner würde sich noch bedeutend schlimmer auswachsen, als sie befürchtet hatte. Statt mehr oder weniger passende Kommentare zu einer Explosion abzugeben, die unleugbar erschütternde Folgen gehabt hatte – es waren ja zwei blutjunge Feuerwehrmänner, gerade mal zwanzig Jahre alt, ums Leben gekommen, was auch Thekla durchaus nicht kaltgelassen hatte –, würde Hilde nun sie und Wally in dieses Unfallgeschehen verstricken, würde sie auf Dutzende aussichtsloser Fährten hetzen.

Erneut seufzend sagte Thekla: »Und was hat deinen Alibert auf die Idee gebracht, der Unfall sei vorgetäuscht gewesen?«

Hildes Miene drückte pure Entrüstung aus, als sie mit gepresster Stimme antwortete. »Er heißt Alois, und er ist eine der wichtigsten Personen in unserem Landkreis – keine Witzfigur.«

Bevor Thekla erklären konnte, dass es keineswegs ihre Absicht gewesen war, den Feuerwehrkommandanten als Witzfigur hinzustellen, fragte Wally: »Hast du dich etwa in ihn verknallt, Hilde?«

Hilde schluckte, dann holte sie Luft.

Da Thekla hinter Hildes Stirnfalten ein Unwetter heraufziehen sah, das die arme Wally womöglich in Grund und Boden donnern würde, beeilte sie sich zu sagen: »Bitte, Hilde, komm endlich zur Sache.«

Hilde ließ sich Gott sei Dank dazu herbei, warf Wally allerdings noch einen vernichtenden Blick zu, bevor sie weitersprach. »Wie ihr euch sicherlich denken könnt, werden auf der Feuerwache regelmäßig Übungen abgehalten. Man löscht Brände, die man zuvor durch Explosionen oder Hitzestrahlung oder was weiß ich alles ausgelöst hat, um zu trainieren, wie man sich im Ernstfall verhalten muss; um zu sehen, welche Gefahren drohen; um bestmöglich gerüstet zu sein. Solche künstlich erzeugten Brände beziehungsweise Explosionen werden auch bei Veranstaltungen – am Tag der offenen Tür beispielsweise – vorgeführt und müssen natürlich so gestaltet sein, dass sie nicht außer Kontrolle geraten können. Selbstredend hat man inzwischen eine Menge Erfahrung damit. Trotzdem werden immer wieder Tests durchgeführt, bevor man mit diesem oder jenem Experiment vor ein Publikum tritt.«

Hildes Stimme – anfangs spröde – war im Laufe ihres Berichts glatter und milder geworden. Das Interesse, das jetzt sowohl Theklas als auch Wallys Miene ausdrückte, musste sie besänftigt haben.

Geradezu munter machte sie weiter: »Vergangene Woche sollten die beiden Feuerwehrmänner Jochen Wegner und Hans Metz einen Probelauf für den sogenannten Spraydosenzerknall durchführen. Das funktioniert folgendermaßen …« Eifrig legte sie aus Kuchengabeln und Kaffeelöffeln ein Quadrat und pochte mit ihrem knochigen Zeigefinger exakt in die Mitte desselben. »Um so einen Spraydosenzerknall vorführen zu können, hat Ali einen stabilen Käfig anfertigen lassen, in den zwei leere Spraydosen gestellt werden.« Sie hob warnend den Zeigefinger. »Die Dosen müssen unbedingt leer sein, denn bei vollen würde die Explosion viel zu heftig ausfallen. Der Restdruck in den leeren genügt völlig, um das Zerknallen vorzuführen.«

Hilde wartete ab, bis Thekla und Wally verständig genickt hatten, dann erst fuhr sie fort: »Der Versuchsleiter entzündet dann einen Bunsenbrenner, der auf eine Gasflasche aufgesetzt ist, und installiert ihn unter dem Käfig. Der Flammenstrahl trifft auf die Spraydosen, und spätestens dreißig Sekunden später knallt es. Die Dosen sind geborsten, im Metallkorb leuchtet ein Feuerball, scharfkantige Blechstücke fliegen herum, werden aber durch den Käfig daran gehindert, nach außen zu dringen.«

Hilde lehnte sich mit derart befriedigter Haltung zurück, als wäre es ihr gelungen, Einsteins Relativitätstheorie für ABC-Schützen verständlich aufzubereiten.

Thekla hielt den Mund, obwohl es sie drängte, anzumerken, dass das beschriebene Experiment vermutlich von einem Zehnjährigen durchgeführt werden konnte, weshalb sich die Frage stelle, wofür dabei zwei Feuerwehrmänner nötig seien.

Wenn ich alles richtig verstanden habe, sagte sie sich, hatten die beiden keine andere Aufgabe, als einen Bunsenbrenner unter einem Käfig zu platzieren und zu entzünden. Vernünftigerweise hätten sie sich daraufhin allerdings aus dem Gefahrenbereich verziehen sollen.

Von Wally kam ebenfalls kein Laut, was aber wohl daran lag, dass ihr Mund mit Kuchen vollgestopft war.

Hilde lächelte geschmeichelt. Offensichtlich schrieb sie das Schweigen dem Eindruck zu, den ihre Schilderung auf ihre beiden Zuhörerinnen gemacht hatte, und offensichtlich wollte sie sich noch eine Weile in deren Wertschätzung sonnen, denn auch sie schwieg nun, sodass einige Zeit Stille herrschte am Tisch.

Thekla brach den Bann. »Aber diesmal ist das Experiment aus dem Ruder gelaufen.«

»Und wie«, antwortete Hilde. »Es kam zur Katastrophe.« Sie machte eine gewichtige Pause, bevor sie fortfuhr: »Unvermutet entwickelten sich eine enorme Druckwelle und eine verheerende Flammenwolke. Die Klappe, die den Käfig verschließt, ist weggeflogen, sämtliche Metallstäbe wurden abgesprengt. Dosensplitter sind wie Geschosse aus dem kaputten Käfig geschwirrt und mit ihnen auch die kleinen Metallkugeln, die sich in jeder Spraydose befinden und dafür sorgen, dass sich der Inhalt gut vermischen kann – man hört sie immer klappern, wenn man eine schüttelt. Die beiden Feuerwehrmänner müssen, bevor sie überhaupt begriffen haben, was sich tat, schon von etlichen Splittern getroffen worden sein. Sie hatten wohl nicht die geringste Chance, mit dem Leben davonzukommen.«

Wally hatte beide Hände auf den Mund gepresst. Ihre Glupschaugen traten hervor wie Billardkugeln. »Entsetzlich, schrecklich, unbegreiflich«, murmelte sie dumpf.

»Unbegreiflich, jawohl«, stimmte Hilde zu.

Thekla schüttelte den Kopf. »Wieso unbegreiflich? Die beiden haben versehentlich volle Spraydosen angezündet, ist das nicht sonnenklar?«

»So denkt auch die Polizei«, gab Hilde zurück. »Der Staatsanwalt, der Sachverständige und sämtliche Kollegen der Opfer gehen ebenfalls davon aus.«

»Nur unser werter Feuerwehrkommandant kocht sein eigenes Süppchen.« Thekla machte ein Statement daraus, denn sie ärgerte sich. Grob gesagt war sie stinkwütend auf diesen Besserwisser, der Hilde den Floh ins Ohr gesetzt hatte, man müsse die Ermittlungsergebnisse von Polizei, Gutachtern und Kriminalisten revidieren.

»Und das mit gutem Grund«, erwiderte Hilde streng.

»Der wie lautet?«, fragte Thekla mäßig interessiert.

»Für das Experiment werden leere Spraydosen in einem dafür ausgewiesenen Behälter gesammelt«, erklärte ihr Hilde. »Aus diesem Behälter müssten Hans und Jochen die Testflaschen für den Probelauf genommen haben …«

Während Hilde offenkundig überlegte, wie sie nun fortfahren sollte, sagte Thekla: »Aber unglücklicherweise hatte jemand irrtümlich eine volle hineingeworfen, womit wir wieder bei einem durchaus nachvollziehbaren, wenn auch tragischen Versehen wären.«

»Ali meint, dieses Versehen riecht nach Absicht«, antwortete Hilde.

Thekla verkniff sich die Frage, ob Alis Geruchsorgan spezielle Sensoren für Vorsatz habe, und sagte stattdessen: »Mal angenommen, wir hätten es tatsächlich mit einem Verbrechen zu tun. Der Täter plant also, Hans und Jochen um die Ecke zu bringen, indem er ihnen für den Spraydosenzerknall-Versuch eine – oder meinetwegen auch zwei – volle Dosen unterjubelt. Geht er damit nicht völlig unkalkulierbare Risiken ein?« Sie begann, an den Fingern abzuzählen: »Erstens kann er nicht sicher sein, ob nicht jemand anders den Probelauf durchführt, zweitens könnte der Käfig der Druckwelle standhalten, und drittens ist sowieso alles für die Katz, falls Hans und Jochen nicht zufällig zumindest eine volle Dose aus dem Behälter fischen. Wie hoch war denn das Risiko, dass sie nach zwei leeren greifen würden? Siebzig Prozent?«

»Null«, antwortete Hilde trocken. »Denn als Ali nach dem Unfall in den Behälter geschaut hat, war er leer.«

Das gab Thekla zu denken. Demnach hatten sich zuvor nur diejenigen beiden Dosen darin befunden, die bei dem Versuch benutzt worden waren. Keine Chance für einen Fehlgriff.

Offenbar merkte Hilde, dass sie soeben eine Bresche in Theklas Abwehr geschlagen hatte, denn sie schmiedete das Eisen schnell weiter. »Du kannst ruhig davon ausgehen, Thekla, dass Alis Verdacht auf festen Füßen steht. Und willst du wirklich tatenlos zusehen, wie ein Mörder davonkommt? Wie sein heimtückisches Verbrechen als Unfall durchgeht und ad acta gelegt wird?«

Theklas Gedanken wanderten von explodierenden Spraydosen ins Café Krönner zurück, zu den Kuchen und Torten und den Gästen, die sie eifrig konsumierten, zu Lebensfreude, zu Normalität.

Normalität, sagte sie sich, Vernunft, gesunder Menschenverstand. Fehlt es drei alten Schachteln nicht beträchtlich an Grütze im Kopf, wenn sie sich schon wieder auf Verbrecherjagd begeben, obwohl sie dem Tod beim ersten Mal gerade mal so von der Schippe gesprungen sind? Niemand würde das gutheißen, am allerwenigsten die Polizei. Nein, korrigierte sie sich, am allerwenigsten Heinrich. Sie musste Hilde die Sache ein für alle Mal ausreden.

Während sie noch nach den richtigen Worten suchte, sagte Wally: »Oh nein, oh nein, oh nein. Der Mörder muss seine Strafe erhalten. Und weil der liebe Gott gesehen hat, dass der Polizeiapparat in diesem Fall versagt, hat er sich uns drei als Werkzeug ausgesucht – und Ali Schraufstetter.«

Hilde nickte frenetisch.

Heuchlerin, dachte Thekla. Du glaubst weder an die Vorsehung noch an Gottes Allmacht. Aber im Moment passt dir Wallys Denkart gut in den Kram.

Doch was hatte es für einen Zweck, jetzt noch zu opponieren? Hilde, Wally und Gott hatten sich verschworen.

»Wie gehen wir denn vor?«, fragte Wally eifrig.

»Als Erstes«, erklärte Hilde gewichtig, »sehen wir uns den Tatort an, sprechen mit Ali, lassen uns den Vorratsbehälter zeigen, den Versuchskäfig und den Gasbrenner zum Erhitzen der Spraydosen – jetzt gleich.«

Abgekartet, schoss es Thekla durch den Kopf. Hilde und ihr Ali haben das im Vorfeld schon so abgemacht.

Sie fühlte sich überrumpelt, vor einen fremden Karren gespannt. Weshalb legte sich Hilde dermaßen ins Zeug? Etwa aus einem fundamentalen Streben nach Gerechtigkeit?

Thekla verneinte das mit einem angedeuteten Kopfschütteln. So honorig war Hilde nicht. Zweifellos hängte sie ihr Mäntelchen vorzugsweise nach dem Wind. Im Holzer-Blasen-Fall hatte er aus Richtung des Bestattungsinstituts geweht, das sie zusammen mit ihrem Mann gegründet hatte und das inzwischen ihr Neffe betrieb. Diesmal blies er aus Alois Schraufstetters Richtung. Hatte sich Hilde tatsächlich in den Deggendorfer Feuerwehrkommandanten verknallt?

Falls dem wirklich so wäre, überlegte Thekla, darf ich sie nicht schutzlos einer hormongesteuerten und damit noch viel gefährlicheren Verbrecherjagd überlassen. Gerade Hilde nicht, die mit Gefühlen so schlecht umgehen kann.

Liebesgefühle können verhängnisvoll sein, sinnierte sie weiter, vor allem wenn sie nicht erwidert werden. Wie mag es denn auf der anderen Seite aussehen? Welche Empfindungen hegt Alois Schraufstetter Hilde gegenüber?

Soviel Thekla aus Zeitungsberichten und vom Hörensagen wusste, war er gut fünfzehn Jahre jünger als sie und seit Langem mit einer recht flotten Blondine verheiratet. Das Paar hatte zwei erwachsene Kinder. Und ihres Wissens war Schraufstetter noch nie wegen einer Frauengeschichte ins Gerede gekommen. Aber selbst wenn er einer kleinen Romanze nicht abgeneigt wäre, dann würde er sich wohl kaum so ein schroffes, unliebenswürdiges, knochiges und längst ergrautes Wesen aussuchen, wie Hilde es war. Widerspräche das nicht jeglicher charakteristisch männlichen Verhaltensform?

Das tat es, fand Thekla, und damit stand eines fest: Es ging nicht an, Hilde einfach im Stich zu lassen; wegzuschauen, während sie sich, taub und blind für Fakten und Tatsachen, in einem gefährlichen Gewirr verfing.

Ganz egal, ob Hans und Jochen nun durch einen Unfall oder durch die Hand eines Mörders zu Tode gekommen waren, Thekla erkannte, dass sie gezwungen war, auf Hilde ein Auge zu haben.

Sie seufzte ein weiteres Mal an diesem Nachmittag.

Inzwischen hatte Hilde bereits Elisabeth an den Tisch gewunken und die Rechnung verlangt.

»Wir treffen uns also in Deggendorf beim Feuerwehrhaus«, sagte sie zu Thekla, während Elisabeth zusammenzählte, was am Tisch konsumiert worden war, und fügte dann präzisierend hinzu: »Schaching, Sankt-Florian-Weg 3.«

Thekla nickte ergeben. Statt heim nach Moosbach würde sie also ein gutes Stück weiter donauabwärts bis nach Deggendorf kurven, um El Comandante – wie sie Schraufstetter insgeheim (und mit einem nur schwer zu unterdrückenden Schmunzeln) nun nannte – sowie einen angeblichen Tatort unter die Lupe zu nehmen.

Wie viel lieber hätte sie den späten Nachmittag damit verbracht, zu Hause die Topfpflanzen zu gießen, das Abendessen vorzubereiten, eventuell sogar noch die Erkerfenster zu putzen, die der gestrige Regenschauer mit bräunlichen Klecksen gesprenkelt hatte, und dabei auf das Klingeln des Telefons zu horchen, das ihr ein hoffentlich langes, ausführliches und höchst willkommenes Gespräch mit Heinrich ankündigen würde.

Wiederum dachte Thekla an Heinrich und daran, dass sie seine Anwesenheit in ihrem Leben auf eine Art beglückte, wie sie es sich nie hätte ausmalen können. Seit sie mit ihm zusammen war, fühlte sie sich beschenkt, geborgen und auf eigenartige Weise vervollständigt, so als ob zuvor, ohne dass es ihr je aufgefallen wäre, ein Teil von ihr gefehlt hätte.

Hildes seltsame Schwäche für El Comandante kam ihr wieder in den Sinn.

Es muss ihr wehtun, mich mit Heinrich vereint zu sehen, sagte sie sich. Geradezu schmerzhaft könnte ihr dadurch bewusst geworden sein, wie allein sie dasteht, seit ihr Mann gestorben ist. Ihr Neffe würde sie liebend gern vor die Tür setzen, um seine Klientel vor ihrer Ruppigkeit zu bewahren. Er tut es nur nicht, weil er auf ihre Erfahrung und auf ihre Kenntnisse zurückgreifen kann, solange er sie mitspielen lässt. Und vor allem tut er es nicht, weil Hilde im Bestattungsinstitut die Stellung hält, wenn weder er selbst noch seine Frau Lore oder sein Mitarbeiter Pfeffer verfügbar sind.

In den vergangenen Wochen war deutlich zu spüren gewesen, wie sehr es Hilde verdross, dass Thekla und der pensionierte Verfassungsschützer Heinrich ein Paar geworden waren. Sie hatte keine Gelegenheit versäumt, abfällige Bemerkungen darüber fallen zu lassen.

»In deinem Alter …«, hatte sie erst vor Kurzem kopfschüttelnd gesagt, aber Thekla hatte sie ausgelacht. Sie ließ es nicht zu, dass Hilde ihr die Beziehung zu Heinrich zum Vorwurf machte und es so hinzustellen versuchte, als hätte Thekla damit an ihr und Wally einen Verrat begangen. Zwischen ihnen dreien hatte sich nicht das Geringste geändert. Nach wie vor pflegten sie eine lose Bekanntschaft miteinander, die sich – abgesehen von den gemeinsamen Ermittlungen im Totenflecken-Fall – auf die gewohnten Mittwochs-, inzwischen Montagstreffen im Café Krönner beschränkte.

Trotzdem fühlt sich Hilde ins Abseits gedrängt, dachte Thekla, und das könnte der eigentliche Grund dafür sein, dass sie El Comandante so unbedacht ins Netz ging. Es ist ihm offensichtlich gelungen, in ihr den Eindruck zu erwecken, sie wäre seine wichtigste Vertraute.

Wogegen nicht wirklich etwas einzuwenden ist, räumte Thekla ein. Aber musste Hilde aus lauter Begeisterung darüber gleich Feuer fangen?

Die Metapher ließ sie verstohlen grinsen. Hilde hat Feuer gefangen, dachte sie belustigt. Und ist es nicht El Comandantes grundsätzliche Aufgabe, Flammen aller Art zu löschen?

Wallys enthusiastisch klingende Stimme riss sie aus ihrem Grübeln. »Wenn das keine glückliche Fügung ist, Elisabeth. Die Himmelmutter persönlich muss Ihnen die Anstellung geschickt haben.«

»Welche Anstellung?« Thekla warf Hilde einen verwirrten Blick zu, was ihr eine unwirsche Replik einbrachte.

»Wieder einmal in Wolkenkuckucksheim mit den Gedanken? Elisabeth hat gerade gesagt, dass sie ins Nostalgie wechselt. Und falls du noch nichts von dem Lokal gehört haben solltest: Es handelt sich um eine Art Wiener Kaffeehaus, das vor einiger Zeit in Granzbach eröff–«

»Das ist eine Fügung«, rief Wally dazwischen. »Eine Fügung. Wir müssen unbedingt auch ins Nostalgie wechseln.«

Theklas Miene wirkte offenbar unmissverständlich ablehnend, denn Elisabeth beeilte sich zu erklären: »Ich musste einfach zusagen, als man mir die Stelle angetragen hat. Das Nostalgie liegt nämlich keine zweihundert Meter von unserem Haus entfernt. Da wäre es doch dumm gewesen, das Angebot auszuschlagen und dafür die Arbeitsstelle im dreißig Kilometer entfernten Straubing zu behalten.«

Sie schaute Thekla Zustimmung heischend an, als sähe sie sich gezwungen, den Entschluss zu revidieren, falls die ihr das Einverständnis verweigerte. Doch bevor Thekla antworten konnte, fügte sie hinzu: »Natürlich würde ich mich ungemein freuen, wenn Sie Ihre Treffen ins Nostalgie verlegen würden. Der Chef dort ist Konditormeister, und glauben Sie mir, seine Konfiserie braucht den Vergleich mit Krönner-Ware nicht zu scheuen. Wie der Name des Cafés aber schon andeutet, werden in erster Linie Backwaren nach alter Rezeptur angeboten. Es gibt Dampfnudeln, Hasenöhrl, ausgezogene Krapfen, Kirschstreuselkuchen –«

»Der Kirschstreusel ist eine Wucht«, wurde sie von Wally unterbrochen. »Eine echte Wucht.«

Elisabeth nickte ihr lächelnd zu, wandte sich dann aber mit bedauerndem Blick an Thekla. »Mit Agnes-Bernauer-Torte kann man im Café Nostalgie allerdings nicht aufwarten. Sie wissen ja, dass die nur bei Krönner zu haben ist. Das Originalrezept kennen bloß ein paar Eingeweihte, und die sind zu strengster Geheimhaltung verpflichtet.«

Eben, dachte Thekla, genau deshalb komme ich jede Woche hierher. Kirschstreuselkuchen kann ich notfalls auch selbst zubereiten oder bei Direktmarkt kaufen, da gibt es ihn montags frisch aus der Großbäckerei.

Der Gedanke stand ihr offenbar auf die Stirn geschrieben, denn Hilde sagte: »Wir sollten uns darauf einigen, abzuwechseln: Am kommenden Montag treffen wir uns im Nostalgie, am drauffolgenden wieder im Krönner und so weiter.« Sie warf Thekla einen indignierten Blick zu. »Mit Mokkacreme zusammengekleistertes Mandelbaiser muss einen doch sowieso irgendwann anwidern, wenn man jede Woche ein ganzes Eck davon verzehrt.«

»Muss es nicht«, wollte Thekla antworten, schwieg jedoch, als sie Elisabeths hoffnungsvolles und Wallys entzücktes Gesicht sah.

»Also abgemacht«, sagte Hilde. »Nächsten Montag sehen wir uns im Café Nostalgie.«

Thekla unterdrückte einen Seufzer.

Montag, der 3.Juni

Eine knappe Stunde später auf der Feuerwache in Deggendorf

Eine Schranke verwehrte ungebetenen Gästen die Zufahrt.

Thekla stellte ihren Wagen am Hochschulparkplatz ab, begab sich zu Fuß auf das nahe gelegene Gelände der Feuerwache, blieb mitten auf dem weiträumigen, mit Betonsteinen gepflasterten Innenhof stehen und schaute sich um.

Niedrige, teils lang gestreckte Gebäude säumten das Areal. Ostseitig, direkt vis-à-vis der Einfahrt, stand eine recht neu wirkende Halle, in der offensichtlich der Fuhrpark untergebracht war. Durch blitzblanke Fenster konnte Thekla Löschfahrzeuge und Drehleitern erkennen. Im Gebäude links davon schienen die Büro- und Aufenthaltsräume zu liegen.

Von dorther kam jetzt ein Grüppchen aus drei Personen gemächlich auf sie zugeschlendert.

Da Thekla in Straubing vom Café Krönner aus nicht – wie Hilde und Wally – den kürzesten Weg zum Parkplatz am Hagen genommen hatte, sondern bei Feinkost Dreier noch fürs Abendessen eingekauft hatte (weil ja heute keine Zeit mehr bleiben würde, etwas zu kochen), war sie ins Hintertreffen geraten.

Hilde und Wally waren gut zwanzig Minuten vor ihr hier angekommen und befanden sich bereits im Gespräch mit einem stattlichen Herrn. Und zweifellos handelte es sich bei dem Herrn, der jetzt eingerahmt von Hilde und Wally auf sie zuging, um Alois Schraufstetter persönlich. Thekla hatte ihn schon des Öfteren in der Tageszeitung abgebildet gesehen, hatte ihm jedoch nie spezielle Beachtung geschenkt.

Da haben wir ihn also, dachte Thekla schmunzelnd. El gran Comandante. Hildes angebeteter Ali. Na denn.

Während sie nun der kleinen Gruppe entgegeneilte, musterte sie ihn prüfend. Schraufstetter war gut einen Kopf größer als Hilde, was bedeutete, dass er es mindestens auf eins achtzig brachte. Mit einem amüsierten Seitenblick registrierte Thekla, dass Wally, die nur knapp über eins fünfzig groß und deutlich übergewichtig war, wie ein kleiner bunter Ball (sie trug grasgrüne Hosen und einen grün-rot gemusterten Blazer dazu) neben den beiden schlanken Gestalten herrollte.

Im Gegensatz zu der beängstigend mageren Hilde war Schraufstetter kräftig gebaut, und wer sich nicht scheute, ganz genau hinzusehen, konnte bei ihm einen kleinen Ansatz von Schmerbauch erkennen.

Das Bäuchlein lässt ihn gutmütig erscheinen, dachte Thekla.

Schraufstetters Miene jedoch war ernst, beinahe sorgenvoll, der dunkle Rand seiner Brille verstärkte diesen Eindruck noch. Dennoch ließ sich deutlich spüren, dass Zielstrebigkeit und Tatkraft seine beherrschenden Charaktereigenschaften waren.

Thekla nickte zweimal, als müsse sie bestätigen, was ein gewitzter Geist ihr zugeflüstert hatte. Dann dachte sie, wobei sie ungewollt in Hildes Ausdrucksweise verfiel: Er wirkt verteufelt sympathisch, sieht verdammt gut aus und erscheint so gottverflucht vertrauenswürdig, dass man ihm bedenkenlos die Tresorschlüssel der Nationalbank überlassen würde. Kein Wunder, dass Hilde und offensichtlich inzwischen auch Wally einen Narren an ihm gefressen haben.

Fasziniert beobachtete sie, wie Wally irgendetwas plapperte, wobei sie dem Feuerwehrkommandanten schmachtende Blicke zuwarf. Auf dessen Gesicht breitete sich daraufhin ein warmes Lächeln aus, er beugte sich zu ihr hinunter, um etwas zu sagen, das Thekla jedoch nicht verstehen konnte, weil sie noch gut ein Dutzend Schritte von den dreien entfernt war. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, wandte er sich an Hilde. Das Lächeln intensivierte sich.

Theklas Augen verengten sich argwöhnisch. Herrgott, sollte sich etwa doch etwas angebahnt haben zwischen den beiden?

Ihr Augenmerk richtete sich gespannt auf Hilde. Die hatte offenbar gerade eine Frage gestellt, denn sie sah El Comandante erwartungsvoll an.

Thekla studierte ihre Miene, erkannte Interesse darin, Wissbegierde und einen Anflug von Zuneigung – ein gewisses Wohlwollen, wie es Kollegen oder Vereinskameraden füreinander aufbringen sollten. Keine Spur von Liebesgefühlen oder Leidenschaft.

Falls Hilde tatsächlich Feuer gefangen hatte, wusste sie es gut zu verbergen. Wally dagegen himmelte El Comandante eindeutig an.

Aus Theklas Kehle stahl sich ein leises Lachen, als sie bemerkte, dass Wally sich bei ihm eingehakt hatte. Doch schon im nächsten Augenblick senkten sich ihre Mundwinkel. Die Belustigung wich einem mitfühlenden Bedauern.

Arme Wally, dachte sie. Tag für Tag Sepp Maibiers Flegelei und Bärbeißigkeit ausgesetzt, lechzt sie vermutlich geradezu danach, umschmeichelt und hofiert zu werden, zumal von einem Mann, der fraglos etwas darstellt.

Als Thekla den letzten Schritt auf ihn zutat, streckte ihr Schraufstetter die Rechte entgegen.

»Frau Westhöll hat Sie bereits angekündigt. Wie schön, dass Sie sich Zeit für mich nehmen konnten. Ihre Meinung ist mir sehr wichtig, Frau Stein, und Ihre Mitwirkung bei unseren Ermittlungen ist einfach unentbehrlich.«

»Hilde hat mich herbestellt«, antwortete Thekla hölzern, wobei sie den Tadel ihres Gewissens ignorierte, das prinzipiell liebenswürdigere Umgangsformen vorschrieb. Gleichzeitig fragte sie sich verblüfft, weshalb El Comandante sie begrüßte, als hielte er sie für eine Meisterdetektivin.

Meint er, Miss Marple vor sich zu haben?, dachte sie skeptisch, oder versucht er nur, mich einzuwickeln, wie es ihm bei Hilde und Wally ja offenbar hervorragend gelungen ist?

In das auf Theklas brüske Antwort hin entstandene Schweigen sagte Hilde an den Kommandanten der Deggendorfer Feuerwehr gewandt: »Haben wir beide nicht vereinbart, uns zu duzen, jetzt, wo wir gemeinsam herausfinden wollen, ob hinter dem Spraydosenunfall ein Verbrechen steckt?«

Schraufstetter nickte bestätigend, woraufhin Hilde hinzufügte: »Ich denke, das sollte für alle gelten.«

Wally stellte sich kichernd auf die Zehenspitzen und drückte ihm ein Küsschen auf die Kinnlade. »Ich heiße Wally.«

Schraufstetter schenkte ihr wieder sein warmes Lächeln und sagte herzlich: »Wie nett, wie reizend.«

Von Gebräuchen und Gepflogenheiten – ob einleuchtend oder albern – hatte Thekla sich noch nie bevormunden lassen, deshalb streckte sie ihm nun ihrerseits die Hand hin und sagte knapp: »Thekla.«

Schraufstetter schüttelte ihre Hand ein zweites Mal, schien jedoch plötzlich um Worte verlegen zu sein.

Hilde brach das Schweigen. »Ali will uns den Versuch vorführen lassen.«

»Wozu?«, hätte Thekla gern gefragt. »Hast du uns im Krönner nicht genauestens beschrieben, wie ein kontrollierter Spraydosenzerknall vor sich geht? Das war ja nicht schwer zu kapieren. Nach dem Erhitzen der geleerten Dosen macht es kurz ›peng‹, eine Flamme lodert auf, und der Käfig sorgt dafür, dass niemand zu Schaden kommt. Weshalb also noch lange herumzündeln? Wir brauchen uns ja nicht vor Augen zu führen, wie das Experiment im Normalfall abläuft. Was wir herausbekommen müssen, ist, warum es dieses eine Mal schiefgegangen ist.«

Sie verzichtete jedoch auf eine Entgegnung und folgte Schraufstetter zu einem Gestänge, das mitten im Hof aufragte. Als sie näher kam, erkannte sie, dass es den bereits mit zwei Spraydosen bestückten Käfig trug.

Die Vorrichtung für den Versuch war also schon aufgebaut worden, bevor sie, Hilde und Wally hier angekommen waren.

In Thekla wallte erneut Ärger auf. Wie hatte Hilde nur so sicher sein können, dass sie nach ihrer Pfeife tanzen würden? Derart selbstherrliches Betragen sollte man ihr nicht durchgehen lassen; aber wie hätte sie sich jetzt noch dagegen wehren können, ohne El Comandante vor den Kopf zu stoßen?

Darüber hinaus musste sie zugeben, dass sie – wie war das nur gekommen? – auf einmal die Neigung verspürte, der Sache auf den Grund zu gehen. Der Ärger ebbte langsam ab.

Thekla trat an den Versuchsaufbau heran und nahm den Käfig in Augenschein. Er bestand aus gut vier Millimeter dickem Draht, der netzartig verflochten und ringsherum durch Eisenstäbe verstärkt war. Das Gebilde befand sich etwa eineinhalb Meter über dem Boden auf einer Art Dreifuß, dessen Gestänge schon von Weitem zu sehen gewesen war.

»Kreisbrandmeister Erwin Wurzer – hauptverantwortlich für unsere Geräte – wird uns den Spraydosenzerknall vorführen«, sagte Ali.

Thekla blickte auf und sah sich einem mittelgroßen dunkelhaarigen, auffallend kompakt wirkenden Mann um die vierzig gegenüber. Er trug ein blaues T-Shirt mit dem Abzeichen der Deggendorfer Feuerwehr, graue Arbeitshosen und Sicherheitsschuhe.

Als Thekla »Hallo, Herr Wurzer« zu ihm sagte, nickte er bloß und machte sich an einer Gasflasche zu schaffen.