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Ausgerechnet der Esel bei dem weihnachtlichen Krippenspiel der Gemeinde sorgt dafür, dass aus der Weihnachtsstimmung fröhliche Karnevalsstimmung wird. Und wie spannend war die Adventszeit damals, als man sich als Kind in den 50-er und 60-er Jahren am Weihnachtsschaufenster des Kaufhof in Köln die Nase plattdrückte! Damals, als die Familie vom Weihnachtsgeld in der Domstadt neue Wintergarderobe kaufte. Und ausgerechnet für einen Trupp Strafgefangene wurde das Gerichtsgebäude Appellhof zum Haschisch-Paradies! Die sechs Freunde, die sich an Heiligabend in einem Ferienhaus auf Sylt treffen und mit Geschichten aus Köln und aus ihrem Leben unterhalten, kennen aber auch die dunklen Seiten ihrer Heimatstadt: Wie Kölns erste bekannte erpresserische Entführung 1588 scheiterte und die Täter grausam bestraft wurden. Darüber berichtete damals, fast unglaublich, sogar schon ein Vorläufer der Boulevardzeitung Express! Und was hat man Spaß gehabt, wenn bei Udo Werners Talentprobe am Tanzbrunnen die Möchte-gern-Künstler auftraten! Die kurzen Erzählungen reichen vom Mittelalter bis heute, aus Kölner Gerichtssälen und aus Kinderzimmern, mit Erinnerungen an Kölner Spaßvögel und nostalgisch an erstaunliche Ereignisse in der Domstadt. Der Weihnachtsabend endet für die Freunde unerwartet mit einem Mini-Krimi: Erst fällt der Strom aus, dann klopft ein Fremder an die Haustür. Und er ist nicht der letzte Besucher. Der Autor Norbert Klein, Jahrgang 1949, war fast drei Jahrzehnte lang als Richter am Finanzgericht Köln tätig. In dieser Zeit übte er neben seiner richterlichen Tätigkeit auch lange die Funktion des Baudezernenten für das denkmalgeschützte historische Gerichtsgebäude Appellhof aus. Zuvor war er während seiner Studienzeit über zwei Jahre freier Mitarbeiter des Kölner Stadt-Anzeiger gewesen, wo er erste journalistische Erfahrungen sammelte. Nach den juristischen Examina begann Norbert Klein zunächst eine Berufstätigkeit in der Finanzverwaltung NRW, bevor er in die Finanzgerichtsbarkeit wechselte. Sein 2019 veröffentlichtes erstes Buch "Mörder, Stadtrat und FC - Kölner Gerichtsgeschichten um den Appellhof" wurde ein unerwarteter regionaler Bestseller, der immer noch jedes Jahr aufgrund der anhaltenden Lesernachfrage stark verkauft wird.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dankesworte
Ich bedanke mich bei meinen Freunden Rainer Lichtenberg und Wilfried Müller sehr herzlich für das engagierte und effiziente Lektorat zu diesem Buch. Mein Sohn Christian hat mich vielfältig bei IT-Fragen beraten.
Mein Dank gilt auch den Freunden, Bekannten, früheren Kollegen und nicht zuletzt vielen zufriedenen Lesern meines ersten Buches Mörder, Stadtrat und FC für den Zuspruch zur Verwirklichung dieses zweiten Projekts.
Der Autor
Norbert Klein, Jahrgang 1949, war fast drei Jahrzehnte lang als Richter am Finanzgericht Köln tätig. In dieser Zeit übte er neben seiner richterlichen Tätigkeit auch lange die Funktion des Baudezernenten für das denkmalgeschützte historische Gerichtsgebäude 'Appellhof' aus, in dem früher die Staatsanwaltschaft und die Strafgerichtsbarkeit arbeiteten, jetzt aber das Finanzgericht und das Verwaltungsgericht untergebracht sind.
Während des Studiums war der Autor über zwei Jahre freier Mitarbeiter des 'Kölner Stadt-Anzeiger' gewesen, wobei er journalistische Erfahrungen sammelte.
Nach den juristischen Examina begann Norbert Klein zunächst eine Berufstätigkeit in der Finanzverwaltung NRW, bevor er in die Finanzgerichtsbarkeit wechselte.
Sein 2019 veröffentlichtes erstes Buch 'Mörder, Stadtrat und FC - Kölner Gerichtsgeschichten um den Appellhof‘' wurde ein unerwarteter regionaler Bestseller, der immer noch jedes Jahr aufgrund der anhaltenden Lesernachfrage stark verkauft wird.
Inhaltsverzeichnis
Ein Unwetter bei Sonnenschein
Gottes Bodenpersonal
oder
Die Lotsen im Nebel
Ein unglaublicher Mörder
Sauer auf die Muttergottes, aber gläubig
Krippenspiel mit Esel
Weihnachtszeit in Köln – damals
Im Paternoster zum Christkind
Bloß keinen Zickenkrieg!
Wie der Appellhof zum Haschisch-Paradies wurde.
Kater Willi darf nicht sterben!
Das erste Date! Mit dem Schwarm der Schulstufe!
Heilendes Blaulicht! - Aber heilen Globuli auch?
Spätes Glück durch den Kuhschädel
Die Kölner Express-Urausgabe von 1588
Ob Köln jemals eine saubere Stadt wird?
Die Schützenkönigin – etwa von Ratten angenagt?
Von lustigen Spaßvögeln und ...
… von weniger lustigen Spaßvögeln in Richterrobe
Die eiskalte Giftmörderin und …
… die verzweifelte Küchenmesser-Mörderin
Jetzt zu 'Maler Bock' - der Top-Spaßvogel auf Kölner Straßen
Der 'Maler' und die 'Ente' – Kölner Spott vom Feinsten
… die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit!
Udo Werners Talentenprobe – ‚Gnade!‘ – ‚Kotz!‘ - ‚Grausam!‘
Steuern? – Zahlen doch die anderen!
Vom 'Zirkus Langgasse' ...
… und von dem 'Zirkus' in der Richard-Wagner-Straße 6
Tödliche Liebe
„Aber doch nicht die Todesstrafe!“ – Oder etwa doch?
Der Besucher
Besuch für den Besucher
Das Christkind kam vom WDR
Quellenangaben und Anmerkungen
Hinweise auf das erste Buch des Autors
Nichts, aber auch gar nichts deutete an diesem Samstagnachmittag auf ein aufziehendes Unwetter hin. Vielmehr lagen Ruhe und Frieden über dem Einfamilien-Reihenhaus in einer Seitenstraße in Köln-Dellbrück.
Draußen schien die milde Herbstsonne in das schon farbige Laub des Ahornbaums im Garten. In der Hecke zwitscherten kleine Spatzen, offenbar zufrieden mit ihrer Gartenwelt, lautstark und vergnügt vor sich hin.
Drinnen bügelte Rieke im früheren Kinderzimmer die Wäsche der vergangenen Woche und hörte das Gute-Laune-Programm eines Radiosenders. Im Arbeitszimmer nebenan vertrieb sich ihr Ehemann Wolfgang die Zeit bis zur Sportschau am Computer.
Vielleicht war es die Wäsche, die Rieke auf den Gedanken zu der verhängnisvollen Frage brachte. Sie rief jedenfalls durch die offenen Zimmertüren: „Wölfi, Du hast doch hoffentlich daran gedacht, bei der Ferienagentur für den Sylt-Urlaub über Weihnachten auch zwei Wäschepakete zu bestellen?“
Wolfgang erstarrte erst, dann begann er schwer zu atmen. Auf seiner sich rötenden Stirn bildeten sich erste kleine Schweißtröpfchen. Er hatte nicht die Wäschepakete vergessen.
Er hatte die ganze Urlaubsbuchung schlicht verpennt!
Seine Starre löste sich und er bearbeitete mit fliegenden Fingern die PC-Tastatur. Schnell mal nachschauen! Natürlich! Die ausgewählte Ferienwohnung war über Weihnachten jetzt belegt! Dann eben schnell die Belegungskalender der Sylter Vermietungsagenturen und Kurverwaltungen nach Ersatz durchsuchen! Aber da sah er nur rote Felder und X-Symbole für „Belegt“.
Klar, über Weihnachten und Neujahr war auf der Insel immer Hochsaison. „Selbst die Pfeffersäcke aus Hamburg und Bremen beziehen ja dann mal kurz ihre Ferienhäuser unter Reet“, murmelte er vor sich hin. Weitersuchen, schnell! „So eine Schei…!“ Wolfgang fluchte sich halblaut den Frust aus dem Leib.
Ah, da war tatsächlich eine grüne „Frei“-Anzeige für ein nobles Ferienhaus im Norden der Insel, in List! Sauteuer, aber das musste er seiner Holden ja nicht gleich auf die Nase binden. Und leider auch nicht ganz passend mit drei Schlafzimmern. Es würde schwierig sein, ihr das zu erklären. Aber vielleicht könnte man … . Und da hatte er eine wirklich tollkühne, sehr gewagte Idee!
Rieke lachte im Nebenzimmer. „Wölfi, gib es zu, Du hast die Wäschepakete vergessen und bestellst die jetzt hektisch nach!“ Wölfi murmelte etwas Unverständliches, um Zeit zu gewinnen. Die Tastatur klapperte wie verrückt. Jetzt noch auf „Verbindlich buchen!“ klicken! Gerettet! Naja, vielleicht doch nicht wirklich gerettet … .
„Wölfi?“ - Am Horizont bildeten sich erste dunkle Quellwolken des aufziehenden Unwetters.
Die eheliche Unwetter-Warnapp zeigte schon Dunkelgelb.
Im Türrahmen erschien Rieke mit dem Wäschekorb unter dem Arm und einem fragenden Blick. Gleich wird sie dich Wolfgang nennen und ich sie Friederieke, dachte Wölfi. Wie immer, wenn es zwischen ihnen krachte. Das war zwar selten, aber dann richtig heftig. Und jetzt beichtete er.
„Du hast die komplette Urlaubsbuchung vergessen? Einfach so? Wolfgang, das glaube ich jetzt nicht! Wie konnte das denn passieren?“ – „Naja, Friederieke, als wir uns für die Ferienwohnung entschieden hatten, musste das Auto repariert werden. Und außerdem war Deine Mutter zu diesem Zeitpunkt die ganze Woche zu Besuch. Da habe ich es halt verpennt.“ – „Das Auto hat die Werkstatt repariert und wenn Du noch nicht mal eine Urlaubsbuchung auf die Reihe bekommst, solltest Du wenigstens meine Mutter aus dem Spiel lassen!“ fauchte Rieke.
Die Warnapp wechselte auf Rot.
Wolfgang setzte sein Strahlemann-Lächeln auf. „Kein Grund zu streiten, Liebes. Ich habe ja schon einen tollen Ersatz gefunden: Ein schönes Häuschen im Norden der Insel, in List. Das ist durch einen Urlaubsrücktritt gerade frei geworden und ist noch nicht mal so teuer. Zudem ist es frisch renoviert, ruhig gelegen, hat einen offenen Kamin und drei Schlafzimmer.“
Rieke stutzte. „Was sollen wir mit drei Schlafzimmern? Unser Sohn mit Familie bleibt doch dieses Jahr in den USA und kommt nicht zu Weihnachten!“ – „Tja, das Haus hat aber nun mal drei Schlafzimmer. Und da habe ich mir gedacht, wenn unsere Freunde Kunibert und Basti mit ihren Frauen am 24. Dezember zum Urlaub nach Dänemark fahren, könnten sie bei uns kurz Zwischenstation machen. Das liegt doch am Weg. Wir könnten gemeinsam am Heiligen Abend Weihnachten feiern, bevor sie am nächsten Tag weiterfahren. Aber natürlich nur, wenn du einverstanden bist …!“
„Ach, du meine Güte!“ Rieke schnappte nach Luft.
„Ja, schon klar. Ich laufe mir am Tag vor Weihnachten morgens in Westerland die Hacken ab, um idiotische Kitschgeschenke für unseren Besuch zu kaufen, weil die einem ja auch idiotische Kitschgeschenke zum Fest mitbringen. Mittags beziehe ich die Betten in den Gästezimmern und sauge noch mal durch.
Nachmittags stehe ich in der Küche und koche für den ganzen Verein ein tolles Weihnachts-Menu. Für Ulla zusätzlich ein veganes Extra-Menü unter besonderer Berücksichtigung ihrer tausend Allergien, die natürlich nicht von ihren 20 Zigaretten am Tag herrühren. Tabak ist doch ein rein pflanzliches Naturprodukt! Komisch nur, in ihrem Amt bei der Steuerfahndung hat sie als einzige ein Einzelzimmer.“
„Vielleicht musst Du ja gar nicht kochen, wenn wir uns bei …“. Rieke unterbrach ihn wütend. „Jetzt komm mir nicht mit Fisch-Gosch oder sowas! Am Weihnachtsabend möchte ich keinen lauwarmen Fast-Food-Fraß aus der Fischbude!“
„Aber Schatz, ich würde Dir doch selbstverständlich bei allem helfen!“ Wolfgangs Angebot klang fast schon flehentlich.
„Ach, hör auf!“ schnaubte Rieke. „Du bist dann doch den halben Tag damit ausgelastet, Bier kalt zu legen und bei dem Alkohol-Dealer Deines Vertrauens einen sündhaft teuren Rotwein auszusuchen. Und nach dem Essen gibt mir dann Dein Freund Basti als Hobby-Koch mit gönnerhafter Mine wohlmeinende Tipps für eine bessere Würzung, bevor seine Frau Dörte uns mit ihren endlosen Krankheitsgeschichten in den Schlaf jammert.
Dabei könnten die Rätsel der diversen Wehwehchen von Frau Staatsanwältin aus Rendsburg einfach gelöst werden, wenn sie mal 30 Kilo abnehmen würde. Dazu qualmt uns Ulla die Bude voll, dass man meint, in einem Aschenbecher zu wohnen.
Frohe Weihnachten? Mit diesen Clowns? Nein, danke!“
Rieke hatte sich in Rage geredet. Die eheliche Unwetter-Warnapp hatte inzwischen eine tiefviolette Farbe angenommen.
Wolfgang hatte mit Sebastian und Kunibert während ihrer jeweiligen beruflichen Ausbildung in einer Kölner WG gewohnt. Dabei war eine andauernde Männerfreundschaft der drei FC-Fans entstanden. Diese Freundschaft hatte sich aber leider nicht auf die späteren Ehefrauen des Trios übertragen.
„Friederieke, Liebes, das kann man doch alles mit unseren Freunden vorab besprechen und wie unter vernünftigen Menschen regeln!“ – „Gut!“ Rieke setzte den Wäschekorb ab, ein spöttisches Lächeln auf und verschränkte die Arme.
„Dann telefonier jetzt mal mit Deinen vernünftigen Menschen. Und sag ihnen gleich mit Deiner Einladung die Bedingungen dafür.
Erstens: Keine Geschenke, von keinem und für keinen. Zweitens: Bettzeug ist mitzubringen, die Betten sind also selbst zu beziehen. Drittens: Es gibt abends für alle ausnahmslos Käsesorten aus der Plastikverpackung vom Supermarkt und Oliven aus dem Glas, dazu aufgebackenes Baguette. Wer das nicht mag, soll sich was mitbringen. Viertens: Im ganzen Haus ist striktes Rauchverbot! Und fünftens: Es werden keine Krankheitsgeschichten erzählt!
So!“ Rieke lachte spöttisch. „Es würde mich doch sehr überraschen, wenn dann noch einer kommen wollte!“
Eine halbe Stunde später kam Wolfgang zu Rieke in die Küche. „Und?“ – „Sie kommen! Alle.“
Der Donner des ehelichen Gewitters hatte sich verzogen, aber eine merkwürdige atmosphärische Spannung lag weiter in der Luft.
„Das sieht doch gut aus“, sagte Rieke beim Blick durch das Küchenfenster des Ferienhauses zu Wolfgang, als die vier Gäste im Laufschritt durch den sturmgepeitschten Schneeregen mit ihren Rollkoffern vom Auto auf die Haustür zu rannten.
Wolfgang nickte. „Ja, der Autozug ist trotz des Unwetters pünktlich in Westerland angekommen und das Navi hat das Haus problemlos gefunden.“
Rieke hatte aber die Bettzeug-Bündel gemeint, die die vier unter den Armen hatten. Die Absprache für die Einladung funktionierte zumindest in diesem Punkt schon mal, worüber Rieke doch erleichtert war.
Sie hatte dem heutigen Abend mit einer gewissen Sorge entgegengesehen. Die drei Männer waren zwar schon immer ein Herz und eine Seele gewesen. Das war unter den drei Ehefrauen aber keineswegs der Fall, wie bei früheren Treffen deutlich geworden war. Und miese Stimmung mit Sticheleien ausgerechnet am Heiligen Abend war das Letzte, was Rieke sich wünschte.
Die Begrüßung war herzlich. „Frohe Weihnachten und danke für Eure Einladung!“ - „Gerne! Ebenfalls frohe Weihnachten! Schön, dass alles geklappt hat! Kommt mit hoch, ich zeige Euch Eure Zimmer. Danach können wir gleich zu Abend essen.“
Ein großer, duftender Tannenzweig hing dekorativ an der Wand. Wolfgang hatte den offenen Kamin angefeuert, der im Esszimmer nicht nur eine angenehme Wärme, sondern auch eine wohlige Atmosphäre verbreitete. „Genau das Richtige bei diesem Wetter da draußen“, bemerkte Ulla, als alle zum Abendessen Platz genommen hatten.
„Für die Sylter ist der heftige Sturm wohl nichts Ungewöhnliches“, meinte Wolfgang, „aber ich habe so etwas hier in unseren vielen Urlauben noch nicht erlebt.“ Wie zur Bestätigung drückte eine Sturm-Böe durch den Kamin und ließ das Feuer auflodern.
Harmonie am offenen Kamin
Das Abendessen verlief erfreulich harmonisch. Einige Gäste lobten höflich die Auswahl der Käsesorten und das Aroma der Oliven. Hobby-Koch Bastian sah zwar sparsam begeistert auf den Käseteller. Er meinte aber, das von Rieke aufgebackene Sylter Insel-Baguette habe eine - wie er sich fachmännisch ausdrückte – ‚rösche Krume‘.
Dabei konnte man allerdings eine unterschwellige Ironie heraushören. Denn natürlich wurde das Brot in einer Großbäckerei auf dem Festland hergestellt, vermutlich aus tiefgefrorenen Teig-Backlingen von Gott-weiß-woher in Osteuropa. Ulla mümmelte zufrieden aus der mitgebrachten Tupperdose Brokkoli-Salat mit Tofuwürfeln.
Als Dessert hatte Rieke Sylter Rote Grütze mit flüssiger Sahne aufgetischt, was allgemeinen Zuspruch fand. Ulla hatte für sich als Nachtisch in einer zweiten Tupperdose die ihr vertrauten Trockenfrüchte aus kontrolliert-biologischem Anbau vorgesehen.
Der Hausherr versorgte die Gäste umsichtig mit gut gekühltem Flensburger Pils sowie einem Rotwein von der Ahr, der von Bastian ein ehrliches Lob bekam: „Wolfgang, der ist exzellent! Nicht so ein ‚Chateau Migräne‘ aus dem Supermarkt-Sonderangebot. Sonst hätte ich auch Sodbrennen.“
Unter normalen Umständen wäre das für Dörte die perfekte Steilvorlage gewesen, um detailliert über ihre letzte Magenspiegelung und den rätselhaften Befund zu berichten. Aber in Anerkennung der Gastgeber-Regel ‚Keine Krankheitsgeschichten!‘ verzichtete sie darauf und hielt sich an einer weiteren Portion Rote Grütze mit reichlich Sahne schadlos.
Das wiederum nahm ihr Ehemann Bastian zwar missbilligend, aber stillschweigend zur Kenntnis. Für seine Duldsamkeit belohnte er sich mit einem weiteren Glas von dem guten und so bekömmlichen Roten. Dann hob er das Glas. „Liebe Rieke, lieber Wolfgang! Wir danken nochmals für Eure Einladung! Und auf einen schönen Weihnachtsabend. Prosit!
Die drei großen K in der ‚Stadt mit K‘
„Wolfgang, du bist ja Journalist mit dem Ohr am Volk: Was bewegt die Kölner Seele denn derzeit in der ‚Stadt mit K‘?“ frage Kunibert. – „Unverändert die drei großen K, nämlich Karneval, Kirche und KVB.“ – „Hast Du da nicht den 1. FC Köln als viertes bewegendes Thema vergessen?“ fragte Dörte mit einem leisen Anklang von Spott.
Wolfgang lächelte nachsichtig. „Nein, liebes Rendsburger Nordlicht! Denn der FC ist ja Teil des Karnevals, als Ganzjahres-Fastelovend sozusagen.
Jedes Heimspiel in Müngersdorf ist wie Rosenmontag. Wenn für Köln ein Tor fällt und über die Stadionlautsprecher dann dat Trömmelche jeht, singen über 40.000 glückliche Zuschauer im Refrain Kölle Alaaf! mit.“
Die Lotsen im Nebel
„Und beim Stichwort Kirche ist vermutlich das dominierende Thema immer noch unser Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki und seine schwache Erinnerung an die von seinem Vorgänger, Joachim Kardinal Meisner, so genannten ‚Brüder im Nebel‘. Also die kirchlichen Missbrauchstäter und diverse Vertuschungsaktionen ihrer Sexualstraftaten durch die Kirchenobrigkeit?“
„So ist es! Die Taten und Versäumnisse von Gottes Bodenpersonal ist ein auf kleiner Flamme vor sich hin köchelnder Dauerbrenner in der Kölner Presse. Und in besonders dichtem Nebel scheinen auch manche verantwortlichen Lotsen zu stehen.
An diesem Thema bleibt mein Kollege Joachim Frank von der Chefredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger sehr hartnäckig dran. Der wurde übrigens 2022 als Journalist des Jahres geehrt. Etwa zeitgleich verpasste ihm die Führung des Erzbistums Köln unter Leitung von Rainer Maria Kardinal Woelki, wie man hört, den Spitznamen ‚Reporter des Teufels‘. Was Kollege Frank als Kompliment auffasste.“
Der ‚rheinische Kardinal‘
„Nicht wenige ältere Kölner werden sich mit Wehmut an Josef Kardinal Frings erinnern, der fast dreißig Jahre lang von 1942 bis 1969 Erzbischof in der Domstadt war und den die Kölner liebten,“ seufzte Kunibert.
„Der ‚rheinische Kardinal‘, volkstümlich und in der Koseform mit seinem Vornahmen im Dialekt ‚et Jüppche‘ genannt.“ Ulla kannte sich da aus. „Über ihn gibt es viele Anekdoten. Hier ist eine.
Der Kardinal sieht sich vor dem Weißen Sonntag im Dom eine Stellprobe der Kommunionkinder an. Da sagt ein Kommunionkind leise zu ihm: ‚Ich weiß auch, wer Du bist. Du bist dat Jüppche!‘.
Darauf Frings zu dem Kind: ‚Ja, stimmt! Aber sag es keinem weiter!‘ “
„Gegen Kardinal Woelki läuft ja seit Jahren ein Ermittlungsverfahren wegen Meineids“, begann Rieke. „Weil er ja unter Eid ausgesagt hat, von bestimmten Missbrauchsfällen bzw. deren Vertuschung nichts gewusst zu haben, woran es begründete Zweifel gibt.
Das Ermittlungsverfahren kommt aber erstaunlicherweise nicht von der Stelle. Es dauert und dauert. Meine WDR-Kollegen haben deshalb schon einmal in der Sendung Westpol vermutet, dass der Grund dafür eine besondere Rücksicht der Staatsanwaltschaft auf den Kardinal sein könnte.“
Und kein ‚Mea Culpa‘!
Bastian schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das nicht. Jeder Messdiener, ich natürlich auch, hat sich früher in der Lateinischen Messe beim Runterschnurren des Confiteor-Gebets an die Brust geklopft und mit ‚Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa‘, also ‚Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld‘, als Sünder bekannt. Unseren Kirchenoberen kommt das selbst unter den bekannten skandalösen Umständen nicht über die Lippen.“
„Die sind ja auch keine Messdiener“, spottete Dörte. „Und Ihr Katholen, wenn ich das so als Rendsburger Nordlicht und Evangelin sagen darf, habt doch auch noch den ehemaligen Aachener Weihbischof Johannes Bündgens an der Backe.
Der hatte ja von dem Konto einer dementen alten Witwe 128.000 € auf sein eigenes überwiesen und ist dafür wegen Untreue zu neun Monaten Knast auf Bewährung verurteilt worden. Ein ‚Mea culpa‘-Geständnis hat man von dem auch nicht gehört, oder?“
„Im Gegenteil“, seufzte Bastian. „Wie man in der Zeitung lesen konnte, wollte er danach angeblich sogar noch an das Erbe der zwischenzeitlich verstorbenen, sehr wohlhabenden Dame ran. Tausendfache Kirchenaustritte allein im Erzbistum Köln sind dafür dann die Quittung.
Der ADAC soll inzwischen mehr Mitglieder in Deutschland haben als die katholische Kirche. Das wundert dann auch niemanden. Und ehrlich,“ Bastian wurde richtig emotional, „ich habe auch schon überlegt, aus diesem Verein auszutreten!“
Vereinsaustritt? – Aber nicht doch!
Kunibert summte eine Melodie vor sich hin. Irritiert sah ihn Bastian an. „Das ist doch ein Kirchenlied, oder? Wie hieß das doch gleich?“ Jetzt sang Kunibert aus voller Kehle:
„Fest soll mein Taufbund immer stehen,
ich will die Kirche hören!
Sie soll mich allzeit gläubig sehen
und folgsam ihren Lehren!
„Schon vergessen, Herr Obermessdiener?“ feixte Kunibert unter dem Gelächter der anderen. „Aber vielleicht hilft es Dir, wenn Du in einer Mail an den Papst selbst Deinem Ärger mal Luft machst. Ich kenne nämlich die geheime persönliche E-Mail-Adresse des Papstes. Die kann ich Dir auch geben.“
Bastian schien zunächst verblüfft, ahnte dann aber doch einen Witz hinter dem Angebot. Mit gerunzelter Stirn fragte er: „Und diese E-Mail-Adresse lautet?“
Kunibert lachte: „[email protected]!“ Dann wurde er ernst.
„Alles schlimm! Aber schlimmer geht immer! Zum Beispiel, was die Kölner Pfarrei St. Maria in der Kupfergasse vor mehr als 200 Jahren erleben musste.“
„Oh je!“ Ulla seufzte. Sie kannte ihren Ehemann, der als Archivar der Stadt Köln und Hobby-Historiker der Domstadt so manches gruselige Ereignis aus der Geschichte Kölns genüsslich zu erzählen wusste. „Jetzt kommt sicher wieder so eine blutrünstige Mord-und-Totschlag-Story!“
Damit hatten die anderen aber kein Problem.
„Och, Ulla! So schlimm wird´s schon nicht werden! Also Kunibert, erzähl´ mal!“
‚Ja, zwei Frauenleichen, mit durchgeschnittenen Hälsen!‘ Die Marktfrauen wissen als erste von dem grausigen Doppelmord und sorgen schon vor der Kölner Zeitung am Morgen des 8. September 1803 für die Verbreitung der sensationellen Neuigkeit unter ihrer Kundschaft.
Zu dieser Zeit ist Köln unter französischer Besatzung und hat rund 45.000 Einwohner. Nach heutigen Maßstäben wäre Köln damit eine Kleinstadt. Der Leichenfund auf der anderen Rheinseite, in den Poller Wiesen am Rhein, ist natürlich das Gesprächsthema in der ganzen Domstadt. Wer kann denn so ein schlimmes Verbrechen verübt haben?
Aber die erste schwierige Frage, die sich der Gendarmerie stellt, ist: Wer sind die beiden Mordopfer? Einheimische sicher nicht. Nach der Kleidung zu urteilen, stammen die beiden etwa 40 bis 60 Jahre alten Frauen vom Oberrhein.
Um Hinweise zu erhalten, werden die Leichen in Deutz für die Einwohner zur Identifizierung öffentlich aufgebahrt – vergebens. Obwohl sich Menschenmassen, nicht nur aus Deutz, sondern auch aus Köln, um die offenen Särge drängen, kennt niemand die Frauen. Die Ermittlungen stocken. Die Toten werden schließlich anonym bestattet.
Doch dann ergibt sich unverhofft noch eine erste Spur. Ein Zeuge, der einige Tage auf Geschäftsreise war, liest bei seiner Rückkehr nach Köln in der Zeitung von dem rätselhaften Fall und kann einen wichtigen Hinweis geben:
Als er am 6. September mit der Postkutsche nach Bonn gefahren sei, seien zwei Frauen, auf die die Beschreibung passe, mit in der Kutsche gewesen.
‚Und da war auch noch ein Geistlicher in der Kutsche!‘
Der Priester habe sich zwar nicht mit den Damen unterhalten. Aber alle drei seien in Wesseling ausgestiegen. Die Ermittler verfolgen diese mögliche Spur weiter und werden fündig.
Denn das nächste Puzzleteil liefert danach der Schiffer der Wesselinger Fähre: Ja, er erinnere sich, er habe diese drei Personen am 6. September auf die andere Rheinseite nach Lülsdorf übergesetzt. Den Geistlichen habe er schon einmal gesehen, der müsse aus Köln kommen.
Dann der entscheidende Hinweis aus einem Kölner Gasthof, in dem zwei unbekannte Frauen lange ein Zimmer gemietet hatten. Der Gastwirt erinnert sich noch genau an diese beiden Gäste. Und die Nachforschungen im Gasthof ergeben weitere Erkenntnisse: Auch dort sind sie mit einem Priester gesehen worden. Und dieser Priester sei der seit Sommer in der Kölner Pfarre St. Maria in der Kupfergasse amtierende Pfarrer Peter Joseph Schäffer gewesen!
Ein ungeheuerlicher Verdacht steht im Raum!
Sollte etwa …? Nein, das kann doch nicht sein! Oder doch? Man zögert zunächst.
Mehr als eine Woche nach der Tat bestellen die Ermittler Pfarrer Schäffer zur Vernehmung ein - als Zeugen: Er könne vielleicht Missverständnisse ausräumen und wertvolle Hinweise auf den wahren Täter geben, erklären ihm die Beamten. Die Vernehmung gerät zu einem absurden Wechselspiel von Vorhaltungen, Ausflüchten, neuen Vorhaltungen und offensichtlichen Lügen.
‚Ich kenne die Frauen gar nicht!‘ – Ihr seid mit ihnen zusammen in Wesseling aus der Kutsche ausgestiegen und auch schon vorher in einem Gasthof gesehen worden. – ‚Ich bin in Wesseling gleich mit der nächsten Kutsche zurück nach Köln gefahren!‘ – Der Fährmann hat Euch mit den Damen zusammen nach Lülsdorf übergesetzt. – ‚Ja, wir wollten eine Wallfahrt nach Pützchen zur Heiligen Adelheid machen.‘ – Was ist passiert? - ‚Räuber haben uns überfallen und die Frauen ermordet. Ich konnte flüchten!‘ – Warum habt Ihr den Überfall nicht der Gendarmerie gemeldet? – ‚Einer der Räuber hat später bei mir die Tat gebeichtet und ich musste das Beichtgeheimnis wahren!‘
Dann findet man bei einer Hausdurchsuchung im Pfarrhaus auch noch blutbefleckte Kleidung. Pfarrer Schäffer wird in Haft genommen. Das ganze katholische Köln, besonders aber die Pfarre St. Maria in der Kupfergasse, erstarrt vor Entsetzen, kaum hat sich die Nachricht am Folgetag wie ein Lauffeuer verbreitet.
‚Unser Pfarrer Schäffer ist als Mörder verhaftet worden!‘
Im Brauhaus ‚Zum Esel‘ gibt es am Sonntag beim Frühschoppen am Stammtisch der Handwerker und Händler nur dieses eine Thema. ‚Wie kann ein Pfarrer, und das noch ein Pfarrer im ‚hillije Kölle‘, so etwas Schreckliches tun?‘ fragt der fassungslose Bäcker Peter Thelen in die Runde.
Dachdecker Grommes hat zu dem Motiv einen Verdacht. ‚Dahinter steckt vermutlich eine schlimme Weibergeschichte! Ich bin nur gespannt, ob er als Priester nicht doch noch begnadigt wird!‘
‚Nein, nein, nein! Nicht bei den Franzosen!‘ war sich der Fuhrmann Gereon Rode sicher. ‚Der kommt genauso unters Fallbeil wie andere Mörder auch, ob Pfarrer oder Räuber-Hauptmann. Alle Bürger sind doch gleich! Égalité, also Gleichheit, heißt das seit der Revolution!‘
Tags darauf legt der Pfarrer, der aus Ahrweiler stammt, ein grausiges Geständnis ab. ‚Die Frauen sind die Geschwister Ritter aus der Nähe von Colmar im Elsass. Dort haben sie in meinen beiden früheren Pfarrstellen den Haushalt geführt. Mit der älteren Schwester hatte ich zudem ein Verhältnis, wozu es einen schriftlichen Privat-Contract über eine heimliche Ehe gibt.
Ich wollte die beiden wegen der hohen Unterhaltskosten durch die Versetzung nach Köln loswerden. Aber sie sind mir bis hierhin nachgereist und haben mir gedroht, mich beim Bischof von Aachen mit dem Privat-Contract anzuschwärzen. Um das zu verhindern, habe ich sie auf die andere Rheinseite gelockt und getötet.‘
Zuständig für den Mordprozess ist das Kriminalgericht in Aachen. Denn von dort verwalteten die Franzosen damals die Provinzstadt Köln.
Anklage gegen einen Priester, einen Pfarrer, wegen eines Doppelmordes! Wann hat es das schon einmal gegeben?! Die Fassungslosigkeit, die der Fall allgemein hervorruft, wird durch den Auftritt des Angeklagten im Prozess noch einmal gesteigert.
Theatralisch widerruft Schäffer sein vorher in Köln sogar schriftlich bestätigtes Geständnis. Das habe er nur abgelegt, weil er den wahren Täter habe schützen wollen, von dessen aufrichtiger Reue er bei der Beichte überzeugt gewesen sei.
‚Und lieber will ich als Unschuldiger sterben als das Beichtgeheimnis verletzen!‘
Der Gerichtspräsident lässt in der Urteilsbegründung keinen Zweifel daran, was er von diesen aberwitzigen Einlassungen des Angeklagten hält – nämlich nichts.
Weil ‚in der ganzen Prozedur auch nicht der mindeste Umstand obwaltet, der zu seinem Vortheile angeführt werden kann.‘ Und so lautet das Urteil denn auch: „Im Namen des französischen Volkes! Nach den vorgemerkten Artickeln des Strafgesätzes seyd Ihr Peter Joseph Schäffer zum Tode verdammt!‘
Das Urteil wird am 29. Dezember 1803 vollstreckt. Kurz zuvor hat der Pfarrer doch noch sein Gewissen erleichtert und sein früheres Geständnis bekräftigt. Bevor das Fallbeil der Guillotine niederfällt, wendet er sich mit seinen letzten Worten an das bei der Hinrichtung vor dem Schafott gaffende Publikum: ‚Ich bin der erste Priester, der so eine schreckliche That begieng. Ich hoffe, dass ich auch der letzte seyn werde.‘
„Und das war vielleicht Schäffers vernünftigster Satz in seinem Drama!“ schloss Kunibert.
„Unglaublich!“ Wolfgang schüttelte ungläubig den Kopf. „Davon habe ich noch nie gehört und ich bin ja alter Kölner.“ Nur Ulla schien die Geschichte ihres Ehemannes nicht zu gefallen. „Also am Weihnachtsabend von durchgeschnittenen Hälsen und der Guillotine zu erzählen ist meiner Meinung nach völlig daneben!“
„Gut! Dann bist Du jetzt dran und bringst uns in Weihnachtsstimmung.“ Kunibert glaubte wohl, seine Frau mit diesem Vorschlag in Verlegenheit bringen zu können. Aber da täuschte er sich.
Ulla schloss die Augen. „Ich muss jetzt mal intensiv nachdenken, um das alles hier oben auf meiner Festplatte zu sortieren.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Gebt Ihr mir etwas Zeit? Es ist eine richtig schöne Geschichte von einem Krippenspiel in einem Dorf. Dabei spielt ein Esel die Hauptrolle.“
Wolfgang kam mit einigen Tütchen Erdnüssen und Knabbergebäck aus der Küche. „Das sind zwar keine Esel-Leckerli“, sagte er und verteilte alles auf kleinen Tellern. „Aber dafür wird das Zeug uns schmecken.“
Rieke meldete sich. „Ulla, lass Dir Zeit! Dann kann ich jetzt noch meine persönliche Erfahrung in St. Maria in der Kupfergasse zum Besten geben. Die lässt die alte Wallfahrtskirche in einem anderen, besseren und richtigen Licht erscheinen als nur verzerrt als eine ‚Mord-Pfarrer-Kirche‘.“
„Schieß los!“
„Wer in der Kölner Innenstadt einen Ort der Stille sucht, der geht bestimmt nicht in den Kölner Dom, wo umherwandernde Touristenscharen stören und einen dauernden Geräuschpegel erzeugen“, begann Rieke langsam.
„Der geht in die Gnadenkapelle der Kirche St. Maria in der Kupfergasse. Die ist gar nicht so weit vom Dom entfernt, aber – vielleicht sollte man sagen ‚Gott sei Dank!‘ – meist nur den Einheimischen bekannt. Außer natürlich den auswärtigen Pilgern, die jedes Jahr zu St. Maria in der Kupfergasse kommen.
Hier findet man Ruhe und kommt zur Besinnung. Die hohen Mauern des Vorhofs schirmen den Straßenlärm der Großstadt ab. Zusätzlich wird die Gnadenkapelle im Innern von der Kirche wie mit einem schützenden Mantel umgeben. Kein Tourist verirrt sich hierhin.
Wer die steinerne Aufforderung am Torbogen des Hofeingangs ‚Gehe nicht vorbei, ohne ein AVE zu beten.‘ befolgt, ist regelmäßig ein Ortskundiger. Er will wirklich ein Ave Maria beten. Und nicht - wie im Dom - eine Sehenswürdigkeit des Stadtführers abhaken, ein Erinnerungsfoto machen oder nur mal so reinschauen, weil bis zur Abfahrt des Zuges im benachbarten Hauptbahnhof noch Zeit ist.
Man kniet oder setzt sich in eine der Holzbänke. Dann richtet man den Blick auf die Figur der Schwarzen Muttergottes mit dem Jesuskind, die seit Jahrhunderten das Ziel von Pilgern, aber auch von gläubigen Passanten war und ist, manchmal mit Einkaufstüten oder in Berufskleidung.
Dann kommt aus der Ruhe die Besinnung. Man kann sich selbst – insbesondere seiner Seele – eine Audienz gewähren.
Stress im Büro
Vor einigen Jahren gab es in meiner Abteilung beim WDR ziemlichen Stress. Der neue Abteilungsleiter verstieß gegen praktisch alle Regeln einer guten Personalführung. Der war ein richtiges …! Ach, Ihr wisst schon, was ich meine! Und auf mich hatte er es besonders abgesehen, das war jedenfalls mein Eindruck. Dazu der tägliche Sender-Wahnsinn.
Ich bekam erst Schlafprobleme, dann Herzrhythmus-Störungen, schließlich ging ich zu einer Therapeutin. Bei der lernte ich runterzukommen und durch Entspannungsübungen gelassen zu werden.
Mein bösartiger Chef ging mir danach da vorbei, wo die Sonne scheint. Ich konnte dadurch auch, wie meine Therapeutin es ausdrückte, abends ‚den Tag in die Garage fahren‘. Dann störten die Alltagsprobleme aus Beruf und Privatleben meine Nachtruhe nicht mehr.
Der dringende Rat meiner Therapeutin war aber auch, diese Übungen nicht nur vor dem Einschlafen, sondern zusätzlich während des Tages an einem ruhigen Ort zu praktizieren. ‚Sie haben doch sicher eine Mittagspause und kennen einen ruhigen Ort‘, sagte die Therapeutin.
Stille in der Gnadenkapelle und ein trauriger Störer
Da wusste ich sofort, wo ich in der Mittagspause hinzugehen hatte: In St. Maria in der Kupfergasse, nur wenige Gehminuten vom WDR entfernt. Man ist zwar in der Gnadenkapelle selten allein. Aber die Menschen dort beten. Zumeist lautlos. Nur manchmal kann man ein Flüstern als Gegrüßet seist Du Maria verstehen.
Wiederholt bemerkte ich eine junge Frau, die mehr weinte als sie betete. Sie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken, so sehr sie sich auch bemühte. Ansonsten hörte man meist nur das Klimpern der Münzen, die die Gläubigen beim Verlassen der Kapelle in den Opferstock werfen. Danach fällt die Außentür der Kirche zu. Wieder völlige Stille.
Es war mittags an einem Sommertag und die Bänke waren mit einigen Besuchern besetzt, als ein älterer Mann die Gnadenkapelle betrat. Der Herr war gut gekleidet und auch sonst eine gepflegte Erscheinung. Er stellte sich hinter die Holzbänke und sprach mit lauter, aber beherrschter Stimme in unverfälschter rheinischer Mundart. ‚Marie, Du häs uns beloore! Beloore un bedroore!‘ Also auf Hochdeutsch: ‚Maria, Du hast uns belogen! Belogen und betrogen!‘.
Natürlich drehten sich die betenden Besucher verärgert zu dem Störer um. Die bösen Blicke, das missbilligende Kopfschütteln der anderen nahm der Herr aber gar nicht erst zur Kenntnis. Unverwandt sah er auf die Figur der Gottesmutter, so als erwartete er von dort eine Antwort.
Als die Antwort ausblieb, wiederholte er mit leiser, weicher Stimme: ‚Beloore un bedroore.‘ Vielleicht eine Minute oder zwei Minuten lang stand er so da. Dann drehte er sich um und verließ ohne Hast mit hängendem Kopf das Gotteshaus. Ich meine, er war sehr traurig.
Was mag in diesem enttäuschten Gläubigen vorgehen?
Mit der inneren Einkehr und einem Gebet war es danach bei mir vorbei. Die Entspannungsübungen hatte ich schon vorher absolviert. Ich fragte mich, was der Hintergrund dieses seltsamen Auftritts war. Hatte der merkwürdige Besucher sich von der Schwarzen Muttergottes die Erfüllung eines persönlichen Anliegens erhofft und war dann in seiner Erwartung bitter enttäuscht worden?
Wenn es so war, dann hatte die tiefe Enttäuschung allerdings nicht dazu geführt, dass dieser Christ seinen Glauben verloren hatte. Gläubig war er geblieben. Wäre er denn sonst an diesen Ort und mit dieser direkten Ansprache zu der Schwarzen Muttergottes gekommen?
Aus meiner Mittagspause nahm ich die Erkenntnis mit, dass man in St. Maria in der Kupfergasse nicht nur einen Ort der Stille finden und tief gläubig beten, sondern ebenso tief gläubig schimpfen kann. Sogar mit der Muttergottes. Von Angesicht zu Angesicht. Und das auf Kölsch!“
Eine kurze Zeit herrschte Stille im Esszimmer.
Niemand sagte etwas. Vielleicht so wie in der Gnadenkapelle. Nur das Kaminfeuer knisterte. Dann meinte Kunibert: „Rieke, das ist schon … ich sage mal … ein berührendes Erlebnis. Schön, richtig schön.“ Die anderen klopften zustimmend auf den Tisch.
