Mörder, Stadtrat und FC - Norbert Klein - E-Book

Mörder, Stadtrat und FC E-Book

Norbert Klein

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Beschreibung

Kaiser Napoleon, Bundeskanzler Konrad Adenauer, die Schmugglerin "Bolze Lott", der Revolutionsphilosoph Karl Marx, die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, der Entfesselungskünstler Houdini, nationalsozialistische Straftäter, der Sohn Ernst des Dichterfürsten Friedrich von Schiller, die Unterweltfiguren "Dummse Tünn" sowie "Schäfers Nas", der Ex-Bankier I.D. Herstatt, die Giftmörderin Irmgard Swinka, der Kölner Schriftsteller Heinrich Böll, die Kölner Domschatz-Diebe, Spieler des 1. FC Köln, Papst Benedikt XVI., der amerikanische Innenminister Carl Schurz, ein Gewinner der RTL-Show "Big Brother" und Obdachlose, die abends für eine warme Suppe geduldig anstehen. Das ist nur eine kleine Auswahl der zahllosen betroffenen Personen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte direkt oder indirekt etwas mit dem roten Backsteinbau oder dessen Vorgängerbau in Köln an der Burgmauer zu tun hatten. Es ist das Justizgebäude am Appellhofplatz, das die Kölner schon ewig ihren "Appellhof" nennen. Seit Generationen wird hier das Schicksal von Kölnern und anderen Rheinländern im Namen des Königs oder des Volkes durch die verschiedensten Gerichte mitentschieden. Dazu gibt es natürlich sehr viele spannende, berührende oder humorvolle Geschichten, die ein Kölner Richter gerne erzählt.

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dankesworte

Ich bedanke mich bei meiner Ehefrau Renate und bei meinem Freund Rainer Lichtenberg sehr herzlich für das engagierte Lektorat zu diesem Buch. Mein Sohn Christian hat mich bei IT-Fragen beraten.

Mein Dank gilt auch dem Präsidenten des Finanzgerichts Köln, Herrn Benno Scharpenberg, und der Präsidentin des Verwaltungsgerichts Köln, Frau Birgit Herkelmann-Mrowka, für die vielfältige Unterstützung bei meinen Recherchen und für den Zuspruch zur Verwirklichung dieses Projekts.

Der Autor

Norbert Klein, Jahrgang 1949, war fast drei Jahrzehnte lang als Richter am Finanzgericht Köln tätig. Dabei hatte er neben seiner richterlichen Arbeit über viele Jahre auch die Funktion des Baudezernenten seines Gerichts übernommen. In dieser Funktion begleitete der Richter u.a. die entscheidenden letzten Jahre der Sanierung des historischen Justizgebäudes am Appellhofplatz, bevor das Finanzgericht 1995 dort einzog. Seitdem befasst sich der Autor intensiv mit der Geschichte des - und den Geschichten aus dem - im ganzen Rheinland bekannten Gerichtsgebäude „Appellhof“.

Die Kölner Justiz hat über die letzten beiden Jahrhunderte gute und schlechte Zeiten erlebt, Sternstunden ebenso wie Abgründe. Immer wieder stand dabei ein Gericht im Mittelpunkt: Der „Appellhof“, das Gerichtsgebäude im Schatten der Domtürme an der Burgmauer.

In diesem Justizgebäude und seinem Vorgängerbau werden die Geschicke der Stadt Köln, des Rheinlands sowie seiner Bürgerschaft schon historisch lange mitbestimmt – von Anbeginn der preußischen Herrschaft bis in die jüngste Zeit.

Der Autor, ein Kölner Richter, bringt die Höhepunkte aus der Geschichte in unterhaltsamen Erzählungen in die Erinnerung zurück.

Inhalt

Nächster Halt – Appellhofplatz!

Dicke Luft im Brauhaus „Zum Esel“

Die Franzosen wecken Köln aus seinem „Dornröschen-Schlaf“.

Der Tote vom Berlich

Ein Hochzeitstag und viele Tränen

Auf des Messers Schneide

Adieu! - Aber was kommt dann?

Wir werden Preußen? – Ach, es hat ja noch immer gutgegangen.

Bei Prügelstrafe durch die Herrschaft wird in Köln zurückgeprügelt.

Zwischen „Halbfranzosen“ und „West-Slawen“ knirscht es heftig.

Wenn der Star ein Fuchs aus Köln ist.

Es „schillert“ in Köln.

Drei Morde, zwölf Geschworene …

… und am Ende die Guillotine.

Endlich steht er da – der Appellhof an der Burgmauer.

Der Poet aus dem Appellhof

Schnellgericht Anno 1847

Freispruch für die Revolution!

Von den Mühsalen rheinpreußischer Richter

Das Theater brennt, der Appellhof wackelt.

Eine Dame mit Namen Scholastika

Franz erzählt von den Adenauers und von dem Gerichtsneubau.

Houdini – der erste Show-Star im Appellhof

Hier geht es um Pressefreiheit, Puffrandale und Polizeibakschisch.

Katzen, Enten, Hund und Pferd, auch ausgestopft – nur keine Leiche

Der Appellhof – ein Gericht für die Kölner Seele!

Am Abgrund

Terror in Trümmern

Und täglich grüßt die Mörderin.

Der Gerichtspräsident „fringst“ die „schwarzen Tanten“.

Das liebe Irmchen - der Todesengel, der dem Tod entkam.

Kein König, nur ein „Parasit“ - Manchmal braucht Köln fremde Polizisten.

Tatort Kölner Dom

Herstatts Raumschiff-Trümmer landen im Schwurgerichtssaal.

Lieber Gott, lass meine armen Eltern zurückkehren!

Gau am Bau – vom Appellhof zum Berliner Flughafen BER

Böllerei in Bölln um den Heinrich Böll-Platz

Wie der 1. FC Köln in Eupen ins Abseits dribbelte.

DSDS - Deutschland schröpft den Superstar.

Skandal im Wahlbezirk!

Gemüsesuppe, Pflaster und etwas Hoffnung

Und sonst?

Quellenangaben

„Nächster Halt – Appellhofplatz!“

Schon vor etwa hundert Jahren wurden Fahrgäste so auf diese Haltestelle aufmerksam gemacht. Damals allerdings noch „live“, also persönlich, vom Schaffner der „Elektrischen Straßenbahn“. Heute ist es eine Computeransage aus den Lautsprechern der U-Bahn-Züge, die hier halten.

Wir steigen aus der U-Bahn aus, gehen die Treppen hoch und stehen dann auf diesem – Platz? Nein, einen Platz sehen wir beim besten Willen nicht. Und noch was. Wir schämen uns zwar ein bisschen, aber geben es doch widerstrebend zu: Es gibt sogar viele Kölner, die hier einen früheren Kasernenhof vermuten. Einen Platz, auf dem Soldaten einmal zum Appell angetreten sein sollen. Warum würde die U-Bahn-Station auch sonst so heißen?

Die Wirklichkeit ist: Wir stehen vor einem schmucklosen, aber dennoch imposanten dunkelroten Backsteinbau. Es ist ein Gerichtsgebäude, das in Köln als der „Appellhof“ bezeichnet wird. Diesen Namen hatten die Kölner schon vor sehr langer Zeit dem Gerichtsgebäude und auch seinem Vorgängerbau gegeben, als Kurzform aus der Bezeichnung „Rheinischer Appellationsgerichtshof“ abgeleitet. Der Namensbestandteil „Appell“ hat allerdings nichts mit Militär zu tun: „Appell“ bedeutete damals die „Berufung“ der zunächst unterlegenen Prozesspartei in der nächsten Instanz. Das Gerichtsgebäude hatte also auch einmal ein Berufungsgericht beherbergt.

Dieses ursprüngliche Berufungsgericht stand vor langer Zeit auf einem großen Platz. „Appellhof“, der Name des Gerichts, wurde dann auf den damaligen, heute zugebauten Platz vor dem ersten Gerichtsgebäude übertragen. Und so bekam letztlich die heutige U-Bahn-Station ihren Namen.

Es war und ist das Kölner Gerichtsgebäude. Und das ist es schon seit weit über 100 Jahren. Bezieht man den Vorgänger-Bau am gleichen Ort mit ein, so wird auf diesem Justizgrundstück seit bald 200 Jahren rheinische und Kölner Rechtsgeschichte geschrieben. Hin und wieder ist es auch deutsche Rechtsgeschichte.

Bekannte Angeklagte …

Hier wurden sie alle verurteilt oder freigesprochen: deutsche Revolutionäre wie Karl Marx und Gottfried Kinkel, Kölner Unterweltfiguren wie „Dummse Tünn“ und „Schäfers Nas“, die Giftmörderin Irmgard Swinka und die Domschatz-Diebe. Hier erhielten der SS-Schreibtischtäter Kurt Lischka und seine Gehilfen doch noch ihre viel zu späte Strafe und das Kölner Urgestein Bankier I. D. Herstatt musste sich der Justiz für die Versäumnisse in seiner insolventen Privatbank stellen.

Zahllose und inzwischen zumeist namenlose Mörder, Totschläger, Räuber und andere Verbrecher mussten nach ihrem Prozess im Appellhof (und ggf. nach einem Schuldspruch) ihre Strafe antreten: Im schlimmsten Fall früher unter das Fallbeil, oft in der „Bleche Botz“ oder im „Klingelpütz“. So nannte der Kölner Volksmund damals die örtlichen Gefängnisse.

Schon gar nicht mehr zu zählen sind die Kleinkriminellen, also die Taschendiebe, Betrüger, Kirmesschläger oder Schwarzfahrer, die hier über Generationen hinweg ihren „Denkzettel“ für den weiteren Lebensweg bekamen. Denn der Appellhof beherbergte sehr lange auch die Strafgerichte der unteren Gerichtsinstanzen.

… und prominente Richter in einem erstaunlichen Kölner Gericht

Verurteilt oder freigesprochen wurden sie unter anderen von Richtern, deren Namen noch heute nicht nur für Juristen Klang haben, z. B. von den heutigen Kölner Ehrenbürgern Konrad Adenauer und August Reichensperger oder von dem Rechtsgelehrten Heinrich Gottfried Daniels. Auch Ernst von Schiller, zweitältester Sohn des Dichterfürsten aus Weimar, brachte es in Köln zum ehrwürdigen Appellationsgerichtsrat. Mehrere Richter, die einmal im Appellhof arbeiteten, wurden später Oberbürgermeister von Köln.

Nun sind alte Gerichtsgebäude in so mancher deutschen Großstadt zu finden. Sie alle haben eine bewegte Geschichte hinter sich und können schaurige Straftaten ebenso wie unterhaltsame Anekdoten erzählen. Der Kölner Appellhof hat jedoch das Alleinstellungsmerkmal, dass er als erstes Gericht in Deutschland eine selbst nach heutigen Maßstäben moderne, transparente und bürgerfreundliche Justiz aufnahm. Hier war Justitia (die Dame mit der Waage und der Augenbinde!) wirklich schon vor 200 Jahren im guten Sinne blind. Das heißt, alle Bürger waren zum ersten Mal vor dem Gesetz wirklich gleich.

Das ist nicht ganz allein ein Kölner Verdienst. Richtig ist vielmehr, dass ein äußerst eigenwilliges rheinisches Völkchen diese Justiz und ihr „Rheinisches Recht“ damals erst von französischen Besatzern abgeschrieben und dann den Preußen abgetrotzt hat. So steht heute im Schatten der Domtürme ein historisch hoch geschätztes, bedeutsames Gerichtsgebäude.

Auf geht´s zu einer unterhaltsamen Zeitreise!

Neugierig geworden, wie es dazu kam? Keine Sorge, jetzt wird keine trockene Vorlesung mit Jahreszahlen und Paragrafen gehalten. Wir machen nur eine ebenso unterhaltsame wie spannende Zeitreise. Dabei halten wir uns natürlich an die historischen Fakten. Wir erlauben jedoch unserer Phantasie den einen oder anderen vergnüglichen und schmückenden Ausflug. Denn gute Geschichten helfen Geschichte zu verstehen.

Unsere Zeitreise beginnt nicht gleich mit dem 1826 fertigen ersten Appellhof-Gerichtsgebäude, sondern mit seiner verblüffenden Vorgeschichte. Die soll nur ein paar hundert Meter vom Appellhof entfernt in der Breite Straße starten. Hier gehen wir in das uralte Kölner Wirtshaus „Zum Esel“. Dessen Brauhaus-Tradition geht zurück bis ins 14. Jahrhundert. Auch heute ist der „Bier-Esel“ immer noch ein beliebter Treffpunkt für durstige Kölner.

Bei einem frisch gezapften Kölsch schließen wir die Augen und stellen uns vor: Wir sitzen an einem Sonntagmorgen im Jahre 1798 nach dem Kirchgang in der damals völlig verräucherten, lauten Gaststube.

Die Frühschoppen-Gäste um uns herum sind nicht zu beneiden. Denn seit bald schon vier Jahren ist Köln von den französischen Revolutionstruppen besetzt – pardon: befreit, natürlich. Wie? Die Freie Reichsstadt Köln, die sich längst von Adel und Klerus befreit hatte, wurde durch die Franzosen von Adel und Klerus noch einmal befreit? Über diesen Widerspruch spotten oder wüten die „Befreiten“ je nach Temperament.

Aber lassen wir die einfachen Kölner Bürger dazu doch selbst zu Wort kommen!

Dicke Luft im Brauhaus „Zum Esel“

Wut, aber auch Hoffnung haben die Kölner auf ihre französischen Besatzer.

„Du bis der größte Dummkopf in dieser Stadt!“ – „Dein Backofen hat Dir wohl das Hirn verbrannt!“ – „Du bist ein noch größerer Eselskopf als der draußen am Firstbalken!“

Das waren so die Sprüche, die man regelmäßig am Sonntagmorgen im Brauhaus „Zum Esel“ hören konnte. Wie an diesem Sonntag in 1798 auch wieder. Everhard Badorf, Braumeister und Wirt der traditionellen Gaststätte in der Breite Straße, hörte kaum noch hin, wenn „die“ sich beim Frühschoppen in die Wolle bekamen. „Die“, das war ein Stammtisch von sechs bis acht Handwerksmeistern, Händlern, Bauern und anderen kleinen Selbständigen aus den umliegenden Straßen in der Kölner Nordstadt. Man traf sich nach dem Kirchgang in St. Gereon bei ihm im Brauhaus.

„Nur auf ein schnelles Wieß“, wie sie vermutlich ihren Ehefrauen beschwichtigend erklärten. Die kamen natürlich nicht mit, sie mussten ja das Mittagessen vorbereiten. Die Ehemänner tranken aber oft so viele Weißbiere, dass die jungen Burschen als Bedienung mit dem Transport der im kühlen Keller aus Fässern gezapften Kannen kaum nachkamen. Dazu wurde ein Pfeifchen geraucht, gestopft mit dem an der Stadtmauer von den Kölner Bauern („Kappesbuure“) angebauten Tabak.

Die wirklich „dicke Luft“ in der Herrenstube mit der dunklen Holzvertäfelung an den Wänden und den Fenstern mit Ruttenscheiben kam aber weniger vom Tabakqualm. So richtig laut und hitzig wurde es vielmehr, wenn beim Politisieren, Disputieren und Lamentieren die Rede auf die französische Besatzung und ihre „befreienden“ Anordnungen kam.

Wut auf die Besatzer

Everhard Badorf erinnerte sich noch bestens an die Empörung, als gleich nach der Besetzung der Stadt im Oktober 1794 die französischen Soldaten mit Assignaten, dem fast wertlosen französischen Papiergeld der Revolution, die Geschäfte leerkauften. Wer die Annahme der Papierfetzen verweigerte, war ein „Feind der Republik“ und wurde von einer eigens hierfür gegründeten Überwachungskommission zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Dann glaubten einige Kölner Händler, hiergegen Widerstand leisten zu können: Sie setzten für ihre Waren unterschiedliche Preise je nach dem fest, ob der Käufer mit Papier oder mit gemünztem Edelmetall bezahlen wollte. Das funktionierte aber nicht: „Jeder, der seine Waare um klingende Münze wohlfeiler gibt als für Assignaten, ist ein Betrüger, ein Feind der Französischen Republik“, ließ der Ausschuss verkünden und setzte für die erwischten Täter empfindliche Geldstrafen fest.

„Tja, man muss nur wissen wie, dann klappt das auch!“, hatte damals, im Januar 1795, der Bäckermeister Peter Thelen beim Frühschoppen vor seinen lamentierenden Leidensgenossen sehr selbstsicher verkündet. Dann hatte er mit überlegenem Lächeln sein „Rechte-Seite-Linke-Seite-System“ verraten.

„Cordula, wer mit klingender Münze bezahlt, der bekommt das Brot aus den rechten Körben. Und wer mit Papier bezahlen will, bekommt die altbackenen, zu braunen und mit klumpigen Mehl gebackenen Brote aus den linken Körben!“ So hatte Peter seine für den Verkauf zuständige Ehefrau listig eingewiesen.

„Ach, Peter, das geht doch nicht gut!“ – „Cördelchen, mein Liebelein!“ hatte Peter darauf nachsichtig gesäuselt. „Du hast doch einen schlauen Mann geheiratet.“ Cordula hatte dazu nur die Augen verdreht und leise gemurmelt: „Das wüsste ich aber.“

„Cördelchen“ sollte mit ihrer Sorge letztlich Recht behalten. Der Überwachungsausschuss tat schon wenige Tage später den Kölner Bürgern kund und zu wissen:

„Da die glaubhafte Anzeige geschehen, dass Bäckermeister sich sogar erfrechen, gegen Assignaten schlechteres Brod zu backen und abzugeben, wird man wider die Frevler ohnnachsichtlich mit scharfen, auch körperlichen und nach Befund schweren Strafen verfahren.“

Da war der angesprochene Bäckermeister Peter Thelen aus der Ehrenstraße, neuerdings mit der Hausnummer 4025 und von einem Unbekannten denunziert, mit 100 Livres Strafgeld, entsprechend etwa drei Monatsverdiensten, noch einigermaßen gut weggekommen.

Köln steckt noch im Mittelalter fest und das muss sich ändern, meinen kluge Bürger.

Es gab allerdings nicht wenige Kölner, die die französische Revolutionsbesatzung als einen notwendigen, frischen Aufbruch aus der verkrusteten, spätmittelalterlichen Kölner Ordnung empfanden. Einer davon war Gereon Rode, ein junger Fuhrmann vom Neumarkt.

„Ein Querkopf! Und dazu noch ein Revoluzzer!“ Der „Esel“-Wirt hatte da eine klare Meinung: Nur weil der ein paar Fuhren nach Aachen, Bonn und immerhin auch in die Niederlande gefahren hatte, meinte Rode, „die Welt gesehen“ und erkannt zu haben, dass Köln „in seinem eigenen Mief ersticken“ werde. Alles sollte anders werden – am besten jetzt sofort durch die Franzosen. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, so hatte Gereon oft genug in der Wirtsstube die französische Revolutionsparole gerufen oder im Originalton „Liberté, égalité, fraternité!“ Dann hatte der Stammtisch spöttisch zurückgerufen „… und Kamillentee!“

Seit der Besetzung Kölns waren jetzt mehr als drei Jahre vergangen, dachte Everhard an diesem Sonntagmorgen im Januar 1798, ohne dass sich Köln zum Guten verändert hätte. Eher im Gegenteil: Über drei schlimme, für Köln verlorene Jahre waren vergangen. Der Wirt hörte Wut und Frust seiner Mitbürger praktisch jeden Tag.

Die Franzosen hatten Köln bisher eigentlich nur ausgeplündert: Zwangseinquartierungen von Soldaten, Zwangsabgaben der Bürgerschaft, Beschlagnahmungen von Pferden und Vorräten, Abtransport von Kölner Kunst- und Kirchenschätzen nach Paris.

Der christliche Kalender wurde durch den Revolutionskalender mit der 10-Tage-Woche ersetzt, der Kölner Dom als Getreidespeicher und Pferdestall missbraucht. Die Fronleichnamsprozession war inzwischen offiziell verboten. Sie fand aber dennoch statt. Wegen dieser unerhörten Widerspenstigkeit wurde der Kölner Statthalter von der Aachener Zentralregierung des Rheinischen Departements Roer zum Rapport aufgefordert. Er berichtete nach Aachen, bei den Kölnern handele es sich um ein zwar „beschränktes, aber doch sanftmütiges und anpassungsfähiges Volk“, bei dessen Erziehung zu patriotischen französischen Bürgern „nur Milde und Überredung“ zum Erfolg führen könnten. Die sanftmütigen Kölner als patriotische Bürger der Französischen Republik? Da hatte ein Franzose wohl selig geträumt!

Der „Esel“-Wirt füllte gerade eine Weißbierkanne in die Krüge um, als Peter Thelen das Lokal betrat. „Gut, dass Du kommst, Peter. Wir sprechen gerade über die Fortschritte in Köln durch die französische Verwaltung. Also erstmals Hausnummern, gute Straßenbeleuchtung, sogar Sauberkeit in den Gassen“.

Das war glatt gelogen. Tatsächlich hatte bisher der frisch gebackene Großvater, Metzgermeister Stephan Offermanns, die Runde mit endlosen Schilderungen seines neugeborenen Enkelkindes gelangweilt. Da hatte der Dachdeckermeister Niklas Grommes mit seiner Flunkerei einen Themenwechsel provoziert, der auch prompt zu einer erfrischenden Wende in der Unterhaltung führte. Bei bestimmten Reizworten reagierte Peter Thelen eben sehr verlässlich.

„Ihr seid doch allesamt die größten …“ hatte Peter schon auf der Zunge liegen. Aber weil er ja gerade erst gebeichtet hatte, blieb er sachlich, auch wenn ihm das schwer fiel. „Die Einführung der Hausnummern hatte schon der Rat der Stadt Köln lange vor den Franzosen beschlossen.“

„Ja, sogar zweimal. Und dann beide Beschlüsse nicht ausgeführt!“ spottete Gereon Rode süffisant aus seiner Fensterecke, was Peter Thelen einfach ignorierte.

„Straßenbeleuchtung braucht man nicht. Wer statt zu schlafen noch im Dunkel spazieren will, soll gefälligst seine eigene Laterne oder Fackel mitnehmen und nicht die Allgemeinheit mit Beleuchtungskosten belasten. Und Köln stinkt immer, ob mit oder ohne die viel zu teure Straßenreinigung!“

„Natürlich, die alte Kölner Dreifachweisheit für den mutigen Fortschritt: Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, fort damit!“

Chaos im Kölner Recht

Gereon hatte nur kurz die Lacher auf seiner Seite, dann meldete sich der Schmied Heinrich Pohl zu Wort. „Jetzt einmal im Ernst: Die Franzosen drangsalieren uns jeden Tag mit immer neuen unsinnigen Dekreten, Geboten und Verboten. Aber sie kommen nicht auf die Idee, zum Beispiel unsere Gerichte in der Stadt neu zu organisieren. Oder einmal eine klare Linie in diese wirren Kölner Gesetze zu bringen. Dabei wäre das doch bitter nötig.“

„Heinrich, da sagst du was sehr Richtiges!“ pflichtete ihm Matthias Tullius, der Gewürzhändler aus der Benesisstraße, sofort bei. „Gerade habe ich wieder einen Prozess gegen einen zahlungsunwilligen Kunden verloren. Es ist schon ein Kunststück in dieser Stadt, auch nur vor dem richtigen Gericht zu klagen. Die wissen selbst nicht, wofür sie zuständig sind. Und man kann den Richtern schreiben, was man will. Im schriftlichen Urteil, das erst ein Jahr später kommt, steht irgendetwas anderes.“

Da räusperte sich Paul Breuer, Kohlbauer sowie Händler vom Alter Markt, und sagte mit großer Bestimmtheit: „Daran wird sich aber jetzt bald einiges ändern.“

„Paul, woher weißt Du das denn?“ Die Stammtischrunde sah den Bauern verblüfft an. Paul wand sich, druckste herum und murmelte schließlich widerstrebend: „Von meinem zukünftigen Schwiegersohn.“

„Wirklich, Paul? Dein Urselchen heiratet? Wer ist denn der glückliche Bräutigam?“ Paul nahm einen tiefen Zug aus seinem Bierkrug und sah unglücklich an die von unzähligen Talgkerzen schwarz verrußte Holzdecke der Herrenstube. „Das ist ja das Problem!“

„Um Gottes Willen, Paul! Es wird doch hoffentlich keiner von den Protestanten sein, die sich neuerdings hier in Köln so breitmachen?“ sorgte sich Metzger Offermanns mit Schaudern.

„Viel schlimmer noch. Der Schäng, also der Jean Ebinger, der ist ein Franzose!“

Über die Frühschoppenrunde im „Esel“ legte sich bleiernes Schweigen. Selbst der Franzosenfreund Gereon Rode schwieg betroffen. Es ahnte ja auch niemand, dass „der Schäng“ einmal als einer von ihnen in der Runde sitzen würde.

Die Franzosen wecken Köln aus seinem „Dornröschen-Schlaf“.

Die chaotische Kölner Stadtgerichtsbarkeit und die Verwaltung werden radikal entrümpelt.

„53? Drei-und-fünfzig? Köln soll 53 verschiedene Gerichte haben?“ Franz Josef Rudler sah seinen jungen Sekretär mit einem Gesichtsausdruck an, der irgendwo zwischen Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit zu deuten war.

Rudler, ein aus dem Elsass stammender französischer Regierungskommissar, war nicht nur wegen seiner nützlichen Zweisprachigkeit Ende 1797 nach Köln entsandt worden. Als ehemaliger Richter am höchsten Pariser Gerichtshof bot er vor allem die Gewähr dafür, dass die überfällige Neuordnung des Kölner Gerichts- und Verwaltungswesens jetzt endlich nach dem französischen Vorbild ausgeführt wurde. Das war auch dringend nötig, weil Köln aus Pariser Sicht nun nicht mehr nur als auszubeutende, besetzte Provinzstadt, sondern als zukünftiger, dauerhafter Teil der Französischen Republik betrachtet wurde. Das linke Rheinufer sollte die Staatsgrenze von Frankreich sein. Deshalb galt es jetzt, vieles in der Organisation der Stadt ganz schnell neu zu regeln.

Jean Ebinger schaute seinen neuen Chef seinerseits irritiert an. Der hatte ihn zu seinem Sekretär nicht nur deshalb gemacht, weil Jean ebenfalls Elsässer war. Der Verwaltungsjurist Ebinger war auch blitzgescheit, zuverlässig, ehrgeizig, kannte die Kölner Verwaltung schon seit zwei Jahren und die beiden Franzosen mochten sich. Der erste Auftrag des Regierungskommissars an seinen Sekretär war gewesen, eine Bestandsaufnahme der Kölner Gerichte zu machen. Und jetzt das: 53 Gerichte! Unmöglich! Rudler schüttelte den Kopf.

Jean ließ sich seine Enttäuschung über die Zweifel Rudlers an seiner Arbeit nicht anmerken, sondern kramte eine Liste hervor, von der er mit monotoner Stimme ablas: „Das erbvogteiliche Gericht zu St. Gereon, das Gericht von St. Severin, das Weyerstraßengericht, das Gericht von Niederich, das Dillesgericht, das Gericht von Airsbach, das erbvogteiliche Hachgericht, das Gericht des Hofes Benesis, das Gericht des Hofes Subweiler, das Gericht der Afterdechanei auf dem Entenpfuhl, das Erzbischöfliche Hohe Weltliche Gericht, das Erzbischöfliche Offizialgericht, das Pferdegericht, das Tuchhaltergericht, das …“.

„Schon gut, das reicht!“ unterbrach ihn Rudler. „Hier hat wohl jeder Pfaffe, jeder Handwerker und jeder Kohlbauer seinen eigenen Richter. Aber das werden wir ändern.“

„Ihr wollt diese Gerichte reformieren?“ – „Nein!“ Jean bemerkte zum ersten Mal, so wie später noch oft, ein fröhliches Funkeln in Rudlers Augen. „Abschaffen werde ich diese Gerichte, alle, und zwar sofort! Habt Ihr was zu schreiben? Gut. Also folgendes Dekret soll den Gerichten zugestellt und diese Neuordnung den Bürgern per Aushang bekanntgemacht werden: Erstens. … .“

Französisches Recht für Köln …

Und so lasen die Kölner als Konsequenz dieser Besprechung im April 1798 mit Erstaunen, dass sie statt 53 jetzt nur noch vier Gerichte hatten: Das „Friedensgericht“ für die kleinen, alltäglichen Streitigkeiten und Bagatellstrafsachen, für die gewichtigeren Fälle das „Tribunal 1. Instanz“, für die Berufungen das „Appellationsgericht“ im fernen Aachen bzw. Trier und für die Revisionen das „Kassationsgericht“ im noch ferneren Paris – fertig!

Noch mehr staunten die Bürger aber darüber, dass die Richter nicht mehr schriftlich, also nach den mit Schriftsätzen gefüllten Akten im stillen Kämmerlein urteilten. Alle Prozesse wurden in öffentlichen und von jedermann anzuhörenden Gerichtsverhandlungen entschieden. Dabei wurde der Fall kurz mündlich dargestellt, Zeugen wurden befragt, jeder Beteiligte unterbreitete dem Richter direkt seine Argumente und es wurde munter hin und her diskutiert. Danach erhob sich der Richter, sprach sein Urteil und der Fall war erledigt. Das hatte es in Köln noch nicht gegeben!

Noch einmal zurück zu unseren beiden Franzosen in der Mairie, also im Rathaus. „Moment, mein Freund, wir sind noch nicht fertig!“ Jean hatte sein Schreibzeug zu früh weggepackt. Sein Chef hatte klare Vorstellungen davon, wie er die alte Kölner Ordnung auf den Kopf stellen wollte – und das sehr zügig. „Wir richten bis spätestens zur Jahresmitte hier in der Mairie ein Zivilstandsbüro ein, wo alle Geburten, Heiraten und Sterbefälle registriert werden. Die Pfarrer müssen ihre Kirchenregister dort abliefern. Selbstverständlich ist in Zukunft nur noch unsere Zivileheschließung rechtlich maßgeblich.“

„Und selbstverständlich wird es dann in Köln auch erstmals Ehescheidungen geben“, warf Jean ein.

… und gleiche Bürgerrechte für alle – endlich!

Rudler wirkte hochzufrieden. „Ich sehe, Bürger Ebinger, Ihr denkt mit und wisst, was zu tun ist. Aber das ist noch nicht alles. Was haltet Ihr davon, dass Juden seit über 300 Jahren in dieser Stadt kein Wohnrecht haben? Dass sie nur mit schriftlichem, kostenpflichtigem Passierschein die Stadt betreten dürfen und sie bis Sonnenuntergang wieder verlassen müssen? Die Kölner wollen also zum Beispiel die hervorragenden jüdischen Ärzte aus Deutz und Mühlheim als Heilkundige, aber nicht als Nachbarn haben!“

„Ein klarer Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen, den wir mit unserer Revolution erkämpft haben und auch hier durchsetzen wollen“, bemerkte Jean mit Nachdruck.

„Sehr richtig, mein Freund. Wir werden also mit unserer neuen Verwaltung dafür sorgen, dass in Köln Katholiken, Protestanten und auch Juden gleichberechtigt leben und in jedem Beruf arbeiten können.“

„Ihr werdet Euch allerdings mit diesen Neuerungen nicht nur Freunde machen“, erlaubte sich Jean anzumerken, „nachdem Ihr schon kürzlich die traditionellen Berufszusammenschlüsse der Zünfte und Innungen verboten habt.“

Rudler machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach was, die alten Kölner Honoratioren spielen keine Rolle mehr. Und wisst Ihr was, Bürger Ebinger?“ Da war es wieder, das fröhliche Funkeln in Rudlers Augen. „Köln schläft immer noch, wir wecken es auf!“ Er lachte, erhob sich und noch im Hinausgehen sagte er: „Erinnert mich morgen daran, dass wir so schnell wie möglich für die Kölner Kaufleute eine Handelskammer einrichten! Und ein Handelsgericht brauchen wir auch noch!“

An diesem Tag ging Jean früher vom Dienst nach Hause. Die Hochzeit mit seiner geliebten Ursula Breuer musste vorbereitet werden. Das ist doch das wichtigste Ereignis in diesem offenbar stürmischen Umbruchjahr 1798, dachte Jean. Was mochte das Jahr noch alles an Veränderungen in seinem und im Leben dieser Stadt bringen?

Da wusste er noch nicht, dass die Kölner bald in Metern (statt wie bisher in Zoll) messen und in Kilogramm (statt in Kölner Pfund) wiegen sollten (was sie dann erst einmal trotzig nicht taten). Sehr viel „einschneidender“, zynisch ausgedrückt, war aber eine Neuerung, weswegen der Galgen auf dem Kölner Friedhof Melaten für Hinrichtungen ausgedient hatte: Am 17. Oktober 1798 wurde auf dem Domhof erstmals eine bis dahin in Köln unbekannte Hinrichtungsmaschine aufgebaut – die Guillotine, benannt nach ihrem Erfinder, einem französischen Arzt.

„Kommt Christen, kommt von weit und ferne, daß jeder doch gerecht seyn lerne, findt euch bey diesem Trauerspiel ein!“

So warb ein Flugblatt in Köln um Zuschauer für die Hinrichtung neben dem Dom. Damit sollten potenzielle Straftäter abgeschreckt werden. Und die Kölner waren in Scharen gekommen, als das Fallbeil niedersauste.

Kein Zweifel: Köln hatte jetzt eine französische Justiz.

Der Tote vom Berlich

Eine Leiche und ein Täter – der wäre dann auch der zu verurteilende Straftäter. Wenn Napoleon nicht wäre!

„Peter, was haben wir falsch gemacht?“ Cordula wurde immer noch von Weinkrämpfen geschüttelt, obwohl es schon weit nach Mitternacht war und das schlimme Ereignis einige Stunden zurücklag. „Nichts, Cordula, wirklich nichts“. Peter Thelen biss die Zähne mit einer Kraft zusammen, dass die Kieferknochen hervortraten. „Aber, Peter, wie konnte das denn passieren?“

Ja, wie konnte das denn passieren? Der Bäckermeister hatte in dieser Nacht von Samstag auf Sonntag im Sommer des Jahres 1810 selbst keine Erklärung für das, was seine Vorstellung überstieg. Gab es überhaupt eine Erklärung für dieses Unglück?

Sicher, Georg war schon immer ein, sagen wir mal, „besonderes Kind“ gewesen. So völlig anders als sein zwei Jahre jüngerer Bruder Sebastian. Nicht nur äußerlich, denn er war klein, gedrungen und kräftig, während Sebastian ein doch eher schlanker, zierlicher Typ war. Vor allem aber war Georg in seinem Verhalten auffällig. Man konnte ihn als schweigsam, sogar unfreundlich empfinden. Obwohl diese letzte Eigenschaft sich nicht bestätigte, wenn man ihn näher kannte. Und für seine Schweigsamkeit gab es eine nachvollziehbare Erklärung, nämlich seinen Sprachfehler. Er stotterte.

Schon früh, als Jugendlicher, hatte sich eine besondere Eigenschaft gezeigt - seine erstaunliche körperliche Kraft. Mit Leichtigkeit wuchtete Georg die schweren Mehlsäcke auf den Dachboden über der Backstube seines Vaters. Wenn er sich als „Karrenschieber“ im Kölner Hafen in die Speichen der Räder stemmte, dann rollten die Fuhrwerke leicht und selbst bergan zügig über das alte und grobe römische Pflaster. Stolz zeigte er seinen Eltern danach die Kupfermünzen, die er dafür von den Fuhrleuten bekommen hatte. Wer ihn allerdings wegen seines Stotterns hänselte, bekam Georgs Kraft sehr nachteilig zu spüren. Mehrfach hatte Cordula in diesen frühen Jahren aufgebrachte Eltern aus der weiteren Nachbarschaft besänftigen müssen, deren Söhne nach Auseinandersetzungen mit Georg schwarz und blau geprügelt nach Hause kamen.

Gottlob hatte es sich sehr glücklich gefügt, dass Georg sich frühzeitig für das Schmiedehandwerk interessierte. Gerne wurde er deshalb von seinem Großvater, dem Schmied Heinrich Pohl vom Berlich, in die Lehre genommen. Da schwang Georg den schweren Schmiedehammer wie eine Feder und fertigte schon bald mit großem Geschick Sensenblätter, Fassreifen, Nägel oder anderes Werkzeug. Mit Respekt wurde Georg deshalb, vielleicht aber auch wegen seiner kräftigen Faust, von Altersgenossen „Hammer-Schorsch“ genannt. Vor kurzem war er 19 Jahre alt geworden, ohne dass Peter und Cordula bis dahin wegen ihm viele schlaflose Nächte gehabt hätten. Und jetzt dieses Unglück! Was war geschehen?

Knobelabend in der „Weintraube“

Der Samstag, der so tragisch enden wird, ist wieder ein schöner Sommertag. Ein Samstag, wie ihn die Kölner Handwerksgesellen besonders lieben, die dann am Abend mit ihrem ausgezahlten Wochenlohn in die mehr oder weniger seriösen Etablissements der Domstadt ausschwärmen. Georg zieht es in die „Weintraube“ auf dem Berlich. Mochte sein Vater auch das frisch gebraute Bier im „Esel“ bevorzugen, er hat eher eine Vorliebe für Wein. Und der ist in der „Weintraube“ sogar besonders billig. Außerdem kennt er dort viele Gäste aus dem Umfeld seiner Arbeitsstätte.

Natürlich ist der Berlich keine besonders feine Adresse: Die mittelalterliche Straßenbezeichnung bedeutet so etwas wie „Schweinewiese“. Das Anwohnerpublikum war also früher schon keinesfalls vornehm gewesen. Und die Gäste in der „Weintraube“ sind es heute ebenso wenig. Georg stört das nicht.

„Schorsch, machst Du mit beim Würfeln?“ Als Georg die Weinschänke betritt, wird er gleich von Kunibert Gärtner angesprochen. Georg will gerne mitmachen, er kennt Kunibert, den immer gut gelaunten Fassbindergesellen, durch seine Arbeit. Der andere am Tisch allerdings, der Fleischergeselle Markus Berg, ist ihm früher einmal unangenehm aufgefallen. Da hatte der sturzbetrunken einen grundlosen Streit mit Gästen angefangen.

Es wird um Runden geknobelt und Georg hat eine seltene Glückssträhne. Die Würfel fallen so, als hätte er es sich ausgesucht. Die meisten Runden, die der „Weintraubenwirt“ in immer kürzeren Abständen serviert, hat Markus zu zahlen. Georg merkt, wie zum einen Markus immer betrunkener wird und zum anderen die Stimmung am Tisch kippt. Beim nächsten Wurf von Georg bleibt ein Würfel mit der Kante schräg am Bierkrug hängen. „Veloorn“, lallt Markus, „ un jetz jib ´ne Runde!“ „Nein“, erwidert Georg, „ der W-w-würfel b-brennt!“ – Markus sieht Georg mit stierem Blick hasserfüllt an. „Du bissen Betrüger!“ Georg steht auf, wünscht allerseits eine gute Nacht, zahlt beim Wirt und verlässt die „Weintraube“. Er will keinen Ärger.

Ein Angriff mit schlimmen Folgen

Er ist noch keine zehn Schritte in Richtung Breite Straße gegangen, als er hinter sich einen warnenden Schrei hört: „Schorsch, pass auf!“ Mit einem Blick über die Schulter sieht er Markus auf sich zu laufen, in seiner erhobenen rechten Hand blitzt eine Klinge.

Die Körperdrehung verstärkt Georgs ansatzlosen Faustschlag, der Markus mit großer Wucht genau am Kinn trifft. Markus torkelt nicht einmal, sondern fällt wie vom Blitz getroffen rückwärts auf das Pflaster. Als sein Kopf aufschlägt, gibt es ein knackendes Geräusch. Die wenigen Nachtschwärmer, die noch auf dem Berlich unterwegs sind und Zeugen des Geschehens werden, schreien entsetzt auf.

Ein Fleischermesser rutscht klirrend über die Kopfsteine, bis es vor einer Türschwelle liegenbleibt. Sibylla Wolf, durch den Lärm auf der Straße neugierig geworden, tritt aus ihrem Haus – und auf das Messer. „Sieh an“, denkt sie, „ein gutes Fleischermesser, das man sicher gebrauchen kann.“ Schnell hebt sie es auf, schaut sich noch einmal vorsichtig nach möglichen Beobachtern um, die es jedoch wegen des Tumults nicht gibt. Dann verschwindet sie im Haus.

Isaak Goldberg, Doktor der Medizin, ahnt schon, worum es geht, als jemand zu dieser späten Stunde auf seine Haustüre hämmert. Er hatte als Jude, nachdem er endlich in 1802 von Deutz nach Köln übersiedeln durfte, nur dieses Haus auf dem Berlich kaufen können. Leider wird er nicht zum ersten Mal am späten Abend zur Behandlung von Schlägereiopfern in diesem unruhigen Viertel gerufen. Diesmal scheint es allerdings doch sehr ernst zu sein.

Der junge Mann am Boden hat keinen Puls mehr, die Augen sind starr, die Pupillen zeigen keine Reaktionen auf das Licht der Fackel. Goldberg hebt den Kopf des Mannes vorsichtig aus der Blutlache und betrachtet den Hinterkopf. Das ist ein klassischer Schädelbasisbruch; sicher auch, weil der Kopf unglücklich auf einen spitzen, verkanteten Pflasterstein geschlagen ist.

„Exitus!“ bemerkt der Medicus knapp zu dem inzwischen erschienenen Polizeisergeanten. „T-t-tot?“ fragt Georg, der wie betäubt vor der Gruppe der neugierigen Gaffer steht. „Mitkommen zum Arrest!“ – „A-a-aber er hatte ein M-m-esser!“ Der Sergeant sucht mit den Augen den Boden ab. „Ich sehe hier keins.“ – „A-a-aber …“ - „Das könnt Ihr ja dem Richter erzählen.“

Während Georg abgeführt wird, läuft Kunibert Gärtner zum Haus der Familie Thelen.

Ein Hochzeitstag und viele Tränen

Ein französischer Richter spendet verzweifelten Kölner Eltern Trost und Hoffnung.

Jean Ebinger war an diesem Sonntagmorgen im Sommer 1810 schon früh wach. Aber er verhielt sich ruhig. Einerseits, um seine Ehefrau und die Kinder nicht zu wecken. Andererseits war diese Stille in der Schlafkammer bei aufgehender Sonne vielleicht die richtige Gelegenheit, um an dem heutigen 12. Hochzeitstag mit Muße über den letzten zurückliegenden Lebensabschnitt nachzudenken.

Ein Lebensabschnitt von zwölf Jahren, wie er glücklicher nicht hätte sein können. Sicher, dass er damals, in 1798, sich ausgerechnet in die Tochter eines Bauern verguckt hatte, die auf dem Alter Markt das selbstgezogene Gemüse ihrer Familie verkaufte - das war schon etwas verrückt. Doch sein Bauchgefühl hatte ihm gesagt, dass diese junge Frau mit ihrem wachen Blick, ihrem freundlichen, selbstbewussten Auftreten und ihrem fürsorglichen Umgang mit den damals schon etwas gebrechlichen Eltern genau den Charakter hatte, den er sich von seiner Zukünftigen wünschte. Natürlich hatte er damals jedem Kunden den Vortritt gelassen, um danach unbedingt von der jungen Marktfrau persönlich eingehend beraten zu werden. Etwa welches Gemüse zu welchem Gericht passe, ob die Pflaumen auch wirklich reif seien und wie ein Junggeselle ohne große Kocherfahrung am besten die Bohnen garen sollte. Ursula hatte dem charmanten französischen Beamten mit dem lustigen Elsässer Akzent gerne die gewünschten Auskünfte erteilt. Die Blicke, die dabei ausgetauscht wurden, waren die eigentliche Botschaft.

Anfangs war er als Franzose, als einer der „befreienden“ Besatzer bei seinen Schwiegereltern wohl nicht besonders willkommen gewesen. Das hatte sich gelegt, schon als seine berufliche Stellung und seine Besoldung klar wurden. Und spätestens seitdem jetzt vier gesunde, quirlige Enkelkinder den Opa Paul und die Oma Apolonia auf Trab hielten, war das Eis gebrochen. Dann hatte er auch noch im Zuge der Säkularisierung aus dem enteigneten Kirchenbesitz ein hübsches kleines Haus sehr günstig ersteigern können und das Familienglück war perfekt.

Beruflich hatte es einen Bruch gegeben. Von seinem damaligen Chef, Regierungskommissar Rudler selbst, war die Anregung gekommen. „Hättet Ihr nicht Lust, hier in Köln als Richter am Tribunal 1. Instanz tätig zu werden?“ hatte der ihn damals gefragt. Als früherer Richter am Obersten Pariser Gerichtshof wusste Rudler um die Aufstiegschancen, die er auch seinem Sekretär zutraute. Die Qualifikation hierfür brachte Jean unter anderem aufgrund seines Studiums der Rechte in Straßburg mit. Jean Ebinger hatte Lust und wagte den beruflichen Neuanfang. Er hatte es bisher nicht bereut.

Napoleons neue Gesetze – auch für Köln ein Segen!

Das auch deshalb, weil die Gesetze, nach denen er seit einigen Jahren als Richter zu urteilen hatte, sich immer mehr verbessert hatten. Die Revolution war passé. Nichts war mehr mit „Bürger“-Anrede, Papiergeld und Revolutionskalender - Frankreich hatte vor einigen Jahren unverhofft einen Kaiser bekommen. Und dieser Kaiser Napoleon Bonaparte war nicht nur ein genialer Feldherr, sondern – was allgemein nicht so bekannt war – zudem ein fast schon leidenschaftlicher Gesetzgeber. Die besten juristischen Köpfe hatte er in Paris zusammengeholt, um neue Gesetzbücher für sein Kaiserreich zu entwerfen. Mehr als die Hälfte der Ausschusssitzungen dieses Gremiums hatte Napoleon persönlich geleitet.

Die Ergebnisse dieser Gesetzgebung waren beeindruckend. Angefangen vom Code Civil, dem Bürgerlichen Gesetzbuch (1804), bis zum Strafgesetzbuch Code Pénal (1810) waren in schneller Abfolge insgesamt fünf Gesetzbücher eingeführt worden. Und die waren richtig gut, also durchdacht, gerecht und frei von irgendwelcher einseitigen Ideologie. Als Richter fühlte man sich in dieser Justiz sehr wohl.

So wie er sich überhaupt in Köln wohl fühlte. Das ging sogar so weit, dass er sonntagmorgens manchmal mit seinem Schwiegervater in den „Esel“ zum Frühschoppen ging. Da war er inzwischen als „der Schäng“ vorbehaltlos in die Stammtischrunde aufgenommen worden.

Ein unerwartetes Geräusch riss Jean aus seinen Tagträumen. Es klopfte mehrfach an seiner Haustür. Es klang aber nicht fordernd, sondern irgendwie zögernd oder unsicher. Jean stand leise auf, zog sich etwas an und ging zur Haustüre ins Erdgeschoss.

Ein verzweifelter Besucher braucht Trost.

Draußen standen sein Schwiegervater Paul Breuer und der Bäcker Peter Thelen. Den hätte Jean fast nicht wiedererkannt: Bleich, Ringe unter den Augen, zitternde Unterlippe, hängende Schultern – ein Häufchen Elend.

„Pardon wegen der frühen Störung, lieber Schäng“, begann Paul sich zu entschuldigen, „aber es ist etwas ganz Schlimmes passiert. Peter meint, Du könntest ihm vielleicht einen Rat geben.“ – „Nun kommt erst einmal rein. Was ist denn los?“

Stockend, unter Tränen, berichtete Peter Thelen dann, was sich am Vorabend auf dem Berlich zugetragen hatte. Und dass sein Sohn Georg jetzt in dem Arresthaus „Bleche Botz“ eingesperrt sei, wie der Volksmund das Untersuchungsgefängnis nannte.

„Das hört sich nicht gut an.“ Jean war an seinem Gericht, also am Kölner Tribunal 1. Instanz, kein Strafrichter, sondern für zivilrechtliche Streitigkeiten zuständig. Aber er wusste von seinen Richterkollegen des Straftribunals, dass die bei brutalen Schlägern keinerlei Milde walten ließen. Bestimmt nicht, wenn das Opfer im Leichenschauhaus lag. „Ich kann Dir nur sagen, dass – wenn Georg wirklich wegen Totschlags oder wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt wird – er einen Advokaten als Pflichtverteidiger bekommt. Denn er hätte bei einer Verurteilung eine schwere Strafe zu erwarten. Diesen Rechtsbeistand hat Napoleon mit der letzten Justizreform angeordnet. Natürlich werden auch alle Zeugen in der öffentlichen Verhandlung gehört und können das aussagen, was für Georg vielleicht günstig sein könnte.“

Peter horchte hoffnungsvoll auf. „Das ist gut, das ist ganz wichtig. Denn der Kunibert Gärtner, mit dem er in der „Weintraube“ zusammen war, hat gesagt, dass der Markus Berg mit einem Messer auf Georg losgegangen ist.“ Jean nickte bedächtig, ohne zu viel Zuversicht verbreiten zu wollen. „Das wäre natürlich eine Notwehrsituation für Georg gewesen. Dann wäre er straffrei. Wenn, ja wenn es wirklich so war und es sich zudem vor Gericht beweisen lassen sollte.“

„Meinst Du, das Gericht wird Georg wegen Totschlags anklagen?“ Peters Gedanken drehten sich immer noch im Kreis. „Nein, ob Totschlag oder nicht - Georg wird nicht durch das Gericht angeklagt werden, sondern von dem Staatsprokurator. Der ist nicht das Gericht, sondern im französischen Recht eine eigene Anklagebehörde. Die Richter sind von dieser Behörde unabhängig. Sie können den Fall anders sehen und entscheiden.“

„Ich kann aber ins Gericht gehen und mir den Prozess ansehen?“ – „Sicher kannst Du das“, bestätigte Jean und fügte nach kurzer Pause hinzu: „Genau wie die Familie Berg.“

„Was? Die Familie, die meinen Georg ins Unglück gestürzt hat?“ Jean nickte. „Natürlich. Die Öffentlichkeit von Gerichtsverhandlungen gilt seit der Französischen Revolution für jedermann. Und das mit dem „Ins-Unglück-stürzen“ wird der Staatsprokurator vermutlich genau anders herum sehen.“

Peter weinte hemmungslos. Von der Schlafkammer kam Ursula die Treppe hinunter und fragte aufgeregt, was passiert sei. Kein guter Beginn des Hochzeitstages, dachte Jean.

Auf des Messers Schneide

Freispruch! War es das französische Recht oder doch die Schwarze Muttergottes?

„Nie und nimmer! Auf keinen Fall komme ich mit ins Gericht!“ Cordula Thelen wusste, wohin sie gehen wollte, wenn ihr Sohn Georg vor Gericht stehen würde. „Ich werde zur Schwarzen Muttergottes in der Kupfergasse gehen, eine Kerze anzünden und beten. Das hat noch immer geholfen.“

Und so ging Peter Thelen an diesem Schicksalsmorgen ohne seine Ehefrau in Richtung Trankgasse Nr. 7, wo im Gebäude des historischen „Kölner Hof“ das Tribunal 1. Instanz seinen Sitz hatte. Begleitet wurde er allerdings von seinem jüngeren Sohn Sebastian. Der hatte – neben anderen Sorgen – aber auch die Befürchtung, sein Vater könnte vielleicht wieder einmal durch seine aufbrausende Art Schaden anrichten.

„Auch ein guter Junge!“ dachte dagegen Peter. Seit einigen Jahren ging Sebastian ihm mit großem Geschick in der Backstube zur Hand, half auch seiner Mutter beim Verkauf und hatte sogar gute Ideen gehabt, um den Backbetrieb zu vereinfachen. Um seinen Nachfolger musste der Bäckermeister sich also keine Sorgen machen. Die Sorgen galten Georg.

Es gab inzwischen einen kleinen Hoffnungsschimmer: Nachdem der Staatsprokurator als Untersuchungsrichter den Doktor Isaak Goldberg zu der genauen Todesursache befragt hatte, lautete die Anklage nicht auf Totschlag, sondern „nur“ auf schwere Körperverletzung mit Todesfolge. Aber auch dafür konnte es als Strafe jahrelange Haft mit Zwangsarbeit geben.