Mörderische Energie - Silke Lüttmann - E-Book

Mörderische Energie E-Book

Silke Lüttmann

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Beschreibung

Der neue Job klingt vielversprechend, doch als Silke diesen antritt, passieren seltsame Dinge. Unbekannte Mitarbeiter, Intrigen und Lügen sind nur die Spitze des Eisberges, den Silke offenlegt.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Danke C.B. für die Inspiration

Die Autorin:

Geboren 1971, aufgewachsen in Bad Zwischenahn und nach dem Abitur lange Jahre als Fitnessfachwirt tätig gewesen.

Sie lebt mit einem Hund glücklich im schönen Ammerland und träumt von einem Resthof, auf dem sie Schafe und noch mehr Hunde halten kann.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Prolog

Mein Name ist Rosco. Ich bin ein schokoladenbrauner Labradorrüde mit dem Herz am rechten Fleck. Mir ist Harmonie wichtig, Machtkämpfe und Gehässigkeiten sind mir zuwider. Als soziales Wesen bin ich der Ansicht, dass man sich nicht mit jedem verstehen muss, aber man dennoch respektvoll miteinander umgehen sollte. Lügen, Intrigen und kriminelle Energie toleriere ich nicht, da kann ich auch die Zähne zeigen.

Mit meinem Frauchen Silke lebe ich ein entspanntes Leben. Silke arbeitet manchmal mehr, als mir lieb ist, denn sie ist neben ihrem Angestelltenverhältnis auch noch als Hundephysiotherapeutin tätig. Sie sagt, sie müsse für uns beide das Geld verdienen, da ich ihr die Haare vom Kopf fressen würde. Ich nutze die Zeit, in der Silke arbeitet gern, um auszuschlafen und über dieses und jenes zu sinnieren. Sobald Silke dann Feierabend hat, unternehmen wir schöne Ausflüge und genießen unsere gemeinsame Zeit in vollen Zügen.

Silke denkt so wie ich, sie mag Ungerechtigkeiten nicht und auch ihr ist Harmonie wichtig. „Das Leben ist zu kurz für fiese Spielchen.“, sagt sie immer. Mit ihrem Angestelltenverhältnis unzufrieden, suchte sie nun einen neuen Job, während ich neben ihr auf dem Sofa lag. Ich schnarchte leise vor mich hin, als Silke „YES!“, rief und mich damit weckte. „Rosco, schau, diese Stelle könnte genau die richtige für mich sein. Da mache ich direkt meine Bewerbung fertig und sende diese an das Unternehmen.“ Ich sah sie fragend an, blinzelte einmal und dann schlief ich wieder ein.

Silke hatte ihre Bewerbung per Mail versandt, den Laptop zugeklappt und begab sich ins Bett. „Vielleicht klappt es ja mit der Stelle.“, flüsterte sie mir ins Ohr, „Dann kaufe ich dir einen neuen Hundepool, einen größeren als den, den du jetzt hast.“ Ich drückte meinen Kopf an Silkes Gesicht, atmete ihren Geruch ein und schlief dann ein. Hätte ich gewusst, was auf uns zukommen würde, hätte ich Silke von der Bewerbung abgehalten, doch wir beide glauben an das Gute in den Menschen und im Leben...

1

„Wir heißen Sie herzlich willkommen in unserem Unternehmen.“ Herr Bohlen schüttelte mit einem breiten Lächeln meine Hand. „Ich hoffe, Sie mögen unseren Kaffee.“, strahlte er mich an. Mit einem Nicken gab ich meiner Freude Ausdruck, dass ich ab dem nächsten Monat meine neue Stelle als Personalsachbearbeiterin antreten durfte, „Danke, ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit.“

Vor zwei Monaten hatte ich mich auf die Stelle beworben, die Bedingungen klangen traumhaft und nach dem Vorstellungsgespräch war recht schnell klar, dass ich für die Tätigkeit in Frage kam, denn als gelernte Steuerfachangestellte brachte ich alle Voraussetzungen mit, um mich zukünftig um die Belange der Mitarbeiter und die dazugehörigen Personalaufgaben kümmern zu können. Abrechnungen erstellen, Formularwesen, Ansprechpartnerin für Probleme, das alles hatte ich in meiner Ausbildung gelernt und hatte Freude daran.

Herr Bohlen ging mit mir durch das Büro und stellte mir die Kollegen vor, mit denen ich zukünftig arbeiten würde. „Hier ist Ihr kleines Büro.“, wir betraten einen kleinen Raum, in dem sich Regale, ein Schreibtisch mit Computer und zwei Fenster befanden. „Das reicht mir völlig aus, die Gemütlichkeit kommt mit der Arbeit.“, antwortete ich und wir lachten. „Katrin Lehnert und Elke Hollen sitzen nebenan, sie werden Sie in das Betriebsprogramm einarbeiten. Die beiden sind auch für die Buchhaltung bei uns zuständig.“ Die beiden Damen lächelten mich freundlich an, „Wir freuen uns auf Ihre Unterstützung.“ Wir schüttelten einander die Hand und mir wurden die anderen Kollegen vorgestellt. „Janina Meinhard ist für das Mahnwesen zuständig, Jutta Seibold kalkuliert und schreibt die Angebote, Felix Janssen betreut die Monteure. Insgesamt haben wir derzeit 5 Monteure auf der Straße und in der Verwaltung sind mit Ihnen dann sechs Mitarbeiter beschäftigt. Zwei Monteure sind für den deutschen Bereich tätig, während die anderen drei im Ausland unterwegs sind. Wir sind ein kleines Unternehmen, dass aber bereits jetzt schon einen Jahresumsatz von etwa zwei Millionen Euro macht.“ Ich sah meinen neuen Chef fragend an, „Das ist eine stolze Leistung.“ „Vor vier Jahren habe ich ganz klein angefangen, ich habe alleine montiert und auch alles andere alleine gemacht. Damals lief es fast noch besser.“, erklärte Herr Bohlen mir stolz. Ich lächelte und nickte, „Respekt.“ Herr Bohlen grinste süffisant. Nach dem restlichen Rundgang durch das Büro verabschiedete ich mich, „Wir sehen uns dann in vier Wochen.“

Auf dem Weg nach Hause schaute ich neben mich auf den Beifahrersitz, auf dem mein neuer Arbeitsvertrag lag. Ich freute mich sehr und hatte ein freudiges Kribbeln in der Magengegend. Als ich die Haustür aufschloss, begrüßte mich mein Mitbewohner Rosco, ein brauner Labrador, der vor Freude mit dem ganzen Körper wedelte. „Schatz, Frauchen hat den Job.“, ich umarmte meinen Hund, „Und das beste ist, du darfst mit mir ins Büro kommen, wir werden den ganzen Tag zusammen sein.“ Rosco zappelte hin und her, dass er mich umwarf. Lachend rangen wir auf dem Boden spielerisch. „Komm, mein Freund, wir machen einen großen Spaziergang.“

Am Abend saß ich mit dem Laptop auf dem Schoß auf dem Sofa, Roscos Kopf lag auf meinem Bauch und er schaute mich an. „Frauchen macht sich ein wenig mehr mit der Materie Solar vertraut, ich möchte doch nicht als Unwissende in meinem neuen Job starten.“ Ich strich Rosco über den Kopf, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und widmete mich dem Studium von Solaranlagen. Mein neuer Arbeitgeber verbaute die Module, die es in verschiedenen Größen und Spezifikationen gab, ich war erstaunt und schmökerte weiter, bis es fast Mitternacht war. Das Zuklappen des Laptops machte Rosco wieder munter und er sprang vom Sofa. „Ja, mein Freund, ich bin durch das Lesen ganz darüber weggekommen, dir deinen Abendkaustab zu geben, du bekommst dafür ein paar Hirschstreifen und dann geht es ins Bett.“ Mein Hund sah mich freudig wedelnd an, schnappte sich seine Schlickereien und legte sich dann in sein Hundebett. Ich putzte mir die Zähne, wusch mein Gesicht und machte mich fertig, um ins Bett zu gehen. Als ich zufrieden unter der Bettdecke lag, schmiedete ich den Plan, in den nächsten Tagen mit einem Kuchen ins Büro zu fahren, um meine neuen Kollegen und Kolleginnen näher kennenzulernen. Mit diesem Gedanken schlief ich lächelnd ein.

Früh am nächsten Morgen wachte ich voller Energie auf. Mit beiden Beinen sprang ich aus dem Bett, öffnete das Fenster in voller Gänze und atmete die frische Morgenluft ein. „Herrlich...“ Im Flur hörte ich Rosco trappeln, der kurz darauf mit freudig wedelndem Körper ins Schlafzimmer tapste. „Guten Morgen, mein Engel. Hast du auch so gut geschlafen wie ich?“ Rosco sprang auf mein Bett und wir kuschelten ausgiebig miteinander. „So, komm, lass uns eine große Runde drehen und dann gemütlich frühstücken.“ Ich schubste Rosco vom Bett und wir machten uns Gassi fertig. Unsere Runde führte uns durch das Aper Tief, vorbei an der Mühle und dann zurück durch das Gewerbegebiet. Ich genoss das Laufen mit Rosco, der frei vor mir herlief. Mit seinem federnden Gang trabte und galoppierte er den Deich hinauf und herunter, es war pures Glück, ihn dabei zu beobachten.

Zu Hause zurück servierte ich Rosco sein Frühstück, bereitete mir einen Kaffee und suchte in meinen Küchenschränken, ob ich alle Zutaten für einen Kuchen im Haus hatte. „So... nach dem Kaffee geht es los, dann kannst du ein Verdauungsschläfchen machen und ich backe einen Schokoladenkuchen für meine, nein, es sind ja unsere neuen Kollegen.“ Der Kuchen backte im Ofen und ich sang derweil unter der Dusche. Mit nassen Haaren kam ich wieder in die Küche, in der Rosco seinen Platz vor dem Backofen eingenommen hatte. „Du meinst also, der Kuchen wäre fertig?“, fragte ich meinen vierbeinigen Lebensgefährten. Der Holzstäbchentest bestätigte Roscos gute Nase. „An dir ist ein Küchentimer verloren gegangen.“, lachte ich und tätschelte meinem Labrador die Wangen. Ein leckerer Geruch breitete sich in der Küche aus, als ich die Schokoladenglasur vorbereitete und diese auf den noch lauwarmen Kuchen verteilte. „Das sieht doch ganz gut aus.“, lobte ich mich selbst, „Wenn er nur halb so gut schmeckt, wie der Kuchen aussieht, dann werden sich die Kollegen sicher freuen.“

Rosco hatte sich im Kofferraum zusammengerollt, während wir nach Bad Zwischenahn fuhren. Auf dem Parkplatz der Firma ließ ich erst Rosco aus dem Wagen und holte dann den Kuchen vom Beifahrersitz. „Rosco, jetzt lernst du die Kollegen kennen, benimm dich bitte.“, ermahnte ich meinen Hund, der aber lieber den Parkplatz abschnüffelte, als mir zuzuhören. „Rosco, komm.“, rief ich ihn und er rannte an mir vorbei zur Haustür. Wir betraten den Flur und ich klingelte mit der freien Hand an der Tür. Katrin Lehnert sah uns vor der Tür stehen und lächelte ein wenig. „Fangen Sie heute schon an?“, fragte sie mich und blieb in der Tür stehen. „Moin.“, grüßte ich, „Nein, ich dachte mir, ich bringe einen Kuchen vorbei, gewissermaßen als Einstand vorab.“ Ich hielt ihr den Kuchen entgegen und dann nickte Frau Lehnert, „Ach so, dann kommen Sie doch herein.“ Sie trat zur Seite und Rosco lief an ihr vorbei den Flur entlang. „Das ist mein Hund, Herr Bohlen hat mir erlaubt, ihn zur Arbeit mitzubringen.“ „Der Chef hatte so etwas angedeutet.“, erwiderte Frau Lehnert.

Ich betrat das Büro mit meinem Tortenträger in der Hand und folgte Rosco durch den Flur. Frau Lehnert lief hinter mir, „Der Pausenraum ist hinten rechts. Gehen Sie doch schon einmal hinein, ich hole die Kollegen.“ Rosco blieb auf halber Höhe stehen und wartete auf mich. „Weiter.“, forderte ich ihn auf und zeigte mit der freien Hand zu der Tür vom Pausenraum, der sich am Ende des Flures auf der rechten Seite befand. Ich stellte den Kuchen auf den Küchentisch, um den vier Stühle und eine Sitzbank standen. Ein Kaffeevollautomat stand auf der Arbeitsplatte und lud mit leuchtenden Symbolen zum Kaffee ein. Ein Spülbecken, Kühlschrank, kleiner Herd und eine Mikrowelle ergänzten die Einrichtung. „Das sieht doch gemütlich aus.“, sagte ich zu Rosco und lehnte mich an die Fensterbank, um auf die neuen Kollegen zu warten.

Frau Hollen kam als erste in den Pausenraum. „Hallo, das nenne ich aber einen guten Einstieg, mit Kuchen kann man hier nichts falsch machen.“, zwinkerte sie mir zu und setzte sich auf einen der Stühle. „Wollen Sie sich nicht setzen?“, fragte sie mich. „Wo kann ich denn?“, erwiderte ich grinsend. „Ach so, auf der Bank sitzt Katrin und neben ihr Janina, ansonsten gibt es keine festen Plätze hier.“ Ich zog mir einen Stuhl vom Tisch und nahm Platz. Rosco hatte unter dem Tisch gelegen und kam nun zu mir, um seinen Kopf auf meinen Schoß zu legen. „Oh, das ist ja der neue Bürohund.“, lachte Frau Hollen, „Wir hatten hier zwischenzeitlich den ein oder anderen Hund im Büro, das ist immer sehr angenehm.“ Ich lächelte freundlich und freute mich, dass Rosco so gut aufgenommen wurde. „Ey Elke!“, polterte es an der Tür, „Den Tisch hättest du aber schon decken können! Wer futtern will, kann auch mit anpacken.“ Ich drehte mich zu Tür um und sah Janina Meinhard dort stehen, sie hatte die Hände in stämmigen Hüften gestemmt. „Tu dir keinen Zwang an.“, gab Frau Hollen zurück und lachte. „Wir haben hier einen derben Ton, nicht wundern.“ Janina Meinhard ging zur Küchenzeile, holte Teller, Tassen und Besteck aus den Schränken und reichte sie an Frau Hollen, die diese auf dem Tisch verteilte. Der Kaffee lief in die Tassen und nun waren alle Kollegen im Pausenraum eingetroffen. Zwei hatten Kopfhörer im Nacken, damit sie das Telefon annehmen konnten, wenn es klingeln sollte.

„Und, freust du dich schon, anzufangen? Noch kannst du die Flucht ergreifen.“ Herr Janssen lachte laut. „Wir duzen uns hier übrigens.“ „Das ist okay, ich heiße Silke.“ Jutta Seibold war eine ruhige Person, während alle anderen durcheinander redeten, sich aufzogen und lachten. Bei einigen Sprüchen war ich etwas irritiert, doch man ging in der Tat derbe miteinander um. Katrin Lehnert und Janina Meinhard waren offensichtlich sehr eng miteinander verbunden, sie waren im Osten Deutschlands aufgewachsen und teilten die gleichen Ansichten. Felix Janssen und Marco Hellmann verließen mehrmals die Gesellschaft, um mit Monteuren zu telefonieren, die Probleme bei der Installation der Solarpaneele hatten oder, weil ein Kunde anrief.

Der Kuchen schmeckte allen und war schnell verputzt, Appetit hatten die Damen anscheinend, was man ihnen aber auch ansah. Mich störte das nicht, es war schön, wenn Essen nicht immer Thema war. Rosco wurde von allen gestreichelt und er fühlte sich wohl, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Es war eine herzliche Aufnahme gewesen und ich winkte aus dem Hausflur noch einmal, bevor ich ging. „Das wird prima werden.“, meinte ich zu Rosco und wir fuhren nach Hause.

2

Mein erster Arbeitstag im neuen Unternehmen war gekommen. Rosco und ich machten einen großen Spaziergang früh am Morgen, bevor wir losfuhren. „Ab heute darfst du mit mir zur Arbeit kommen. Ist das toll, oder?“ Ich schaute meinen Hund durch den Rückspiegel an und er sah mir vom Kofferraum aus in die Augen. Rosco lief zur Haustür, ich klingelte und der Summer ertönte. Wir gingen zur Bürotür, in der uns Jutta Seibold empfing, „Guten Morgen, Silke, komm herein.“ Sie lächelte mich freundlich an und wir gingen zu meinem Büro. „Ja, dann will ich mal schauen, ob ich das Programm gestartet bekomme.“, sagte ich und startete den Computer. Elke Hollen war ebenfalls schon im Büro und kam auf mich zu. „Guten Morgen. Dann zeige ich dir gleich mal, wie unser Betriebssystem funktioniert. Dein Rechner ist schon eingerichtet auf dich.“ Sie zog sich einen Stuhl heran und begann, mir die Programme, mit denen gearbeitet wurde, zu erklären. „Das ist ja gar nicht so schwer.“, wandte ich mich ihr zu. „Ich denke auch, dass du schnell rein kommst. Probiere einfach erst mal etwas aus, wenn du Fragen hast, kannst du jederzeit zu mir kommen.“

Inzwischen, es war eine gute Stunde vergangen, waren alle anderen Kollegen ebenfalls eingetrudelt, hatten einander begrüßt und sich einen Kaffee geholt. „Ich hole mir dann mal einen Kaffee. Möchtest du auch einen?“, fragte ich Elke. „Oh, gern.“ Im Pausenraum standen Felix Janssen und Marco Hellmann zusammen und berieten sich, wie sie eine Problembaustelle abwickeln konnten. „Guten Morgen.“, grüßten sie mich, „Schon eingelebt?“ Ich lachte, „Naja, ich bin gerade eine Stunde im Dienst.“ Die beiden wandten sich wieder einander zu und schienen eine Lösung gefunden zu haben. Ich suchte derweil nach Bechern und mühte mich ab, die Funktion des Kaffeevollautomaten zu enträtseln. Mit zwei dampfenden Bechern bewaffnet machte ich mich auf den Weg in mein Büro, reichte Elke ihren Kaffee, den sie mit einem „Danke“ entgegen nahm, und tauchte wieder in die Programme, Listen und Dateien ein, mit denen ich mich zukünftig anfreunden musste. Rosco schlief derweil unter meinem Schreibtisch.

In den nächsten Wochen hielt der Alltag langsam Einzug. Ich scannte Unterlagen, nachdem ich mich mit den Tücken des Kopiergerätes angefreundet hatte, sprach mit den Monteuren über ihre Stunden, kümmerte mich um die persönlichen Belange der Kollegen auf der Straße und es fühlte sich an, als ob ich schon lange dabei wäre. Rosco lief zwischendurch durchs Büro, holte sich Streicheleinheiten ab und schlief ansonsten zu meinen Füßen. Wir kamen morgens um sieben Uhr und hatten um zwölf Uhr Feierabend. Die Tage verliefen geregelt. Mit den Kollegen aus dem Büro hatte ich Spaß, es wurde viel gelacht und es stand immer auch der ein oder andere bei einem Kollegen und unterhielt sich nicht nur über die Arbeit. Der Chef, Günther Bohlen war nur selten im Büro, hauptsächlich kommunizierte er über Whats App oder E-Mail. Alles in allem war es ein entspanntes Arbeiten, obwohl ich mich mit den Gehältern an Fristen zu halten hatte und manchmal unter Zeitdruck stand, der mich jedoch nicht aus der Ruhe brachte.

Ich war etwa drei Monate im Unternehmen, als bei der Kaffeepause von einer Annika Berger gesprochen wurde. Janina und Katrin lachten, als Felix von dieser Frau zu sprechen begann. „Sie radelt sicher wieder den ganzen Tag durch die Gegend.“ „Ja, mit Rad weg, Bier holen.“ Bis auf Jutta lachten sich die anderen kringelig und ich sah sie fragend an. „Wer ist denn Annika Berger?“ Auf meine Frage wurde mit schallendem Gelächter reagiert. „Annika? Eine Paragraphenreiterin, wie Herr Bohlen immer sagt.“ Janina lehnte sich im Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und prustete „Das mache ich nicht.“ Die anderen bekamen sich kaum noch ein und ich blickte zu Jutta, die genau so fragend schaute, wie ich. „Also ist diese Annika eine Mitarbeiterin?“, hakte ich nach. „Ja, aber sie ist schon lange krankgeschrieben. Sie kommt wohl nicht zurecht hier.“, winkte Elke ab. „Sie hat keine Lust, zu arbeiten.“, setzte Katrin nach. „Aha.“, erwiderte ich, trank schweigend meinen Kaffee und wunderte mich über diese alberne Reaktion, aber sie mussten ihre Gründe dafür haben. Rosco hatte seinen Kopf auf mein Bein gelegt und sah mich mit einem seltsamen Blick an.

Nachmittags saß ich mit Rosco auf dem Sofa und trank einen Tee, draußen herrschte eine Gluthitze. „Rosco, was meinst du dazu? Das war doch seltsam heute, oder? Ich muss morgen mal nach den Unterlagen von Annika Berger im Personalordner schauen.“ Rosco gab ein zustimmendes „Wuff“ von sich. Am Abend fuhr ich mit Rosco zum Überlaufbecken, wo er eine Weile schwimmen konnte und ich meine Beine im Wasser abkühlte. Die Hitze war unerträglich für mich, mir graute schon vor der Nacht, da das Schlafzimmer reell durch die Tageshitze aufgeheizt war. Rosco schüttelte sich das Wasser aus dem Fell und signalisierte, dass er nun bereit war, nach Hause zu fahren, um sein Abendessen zu bekommen. Ich lachte, da er mich ganz nass gespritzt hatte. „Du verrückte Nudel, dafür kriegst du ein paar Brocken weniger.“

In der Nacht träumte ich von einer Frau, die mit dem Fahrrad fuhr und eine Kiste Bier auf dem Gepäckträger transportierte. Sie winkte mir zu und machte ein seltsames Zeichen. Ich rief ihr zu, sie möge bitte anhalten, doch sie schüttelte den Kopf und machte erneut dieses seltsame Zeichen, das ich nicht verstand. Dann fuhr sie schlingernd davon. Schweißgebadet wachte ich auf. Mein Kopf drehte sich. Annika Berger war in meinen Träumen aufgetaucht. Ich kannte die Frau gar nicht, doch der Traum war so real gewesen, dass mein Herz klopfte. Den Rest der Nacht fand ich keinen Schlaf mehr. Dieser Traum verwirrte mich. Aus der Vergangenheit wusste ich, dass solche Träume nichts Gutes bedeuteten und ich beschloss, mehr über Annika Berger in Erfahrung zu bringen. Rosco hatte sich eng an mich gekuschelt und schaute mir in die Augen, er schien mich zu verstehen.

Ich fuhr am nächsten Morgen extra früh los, um vor allen anderen im Büro zu sein. Die Zeit wollte ich nutzen, um Informationen über Annika Berger im Personalordner zu finden. Der Personalschrank war abgeschlossen und ich schloss ihn auf. Mein Herz klopfte ein wenig, ich sah mich um, ob ich noch allein wäre. Rosco stand dicht neben mir und stupste mich an. „Du hast Recht, ich kann mir alles ansehen, was Personal betrifft, schließlich muss ich doch wissen, wer alles hier arbeitet.“, stimmte ich Rosco zu und schnappte mir den Ordner A-M. Es fand sich nichts zu Annika, das verwunderte mich, bis mir einfiel, dass sie vielleicht auf einer der anderen vielen Firmierungen angestellt sein könnte. Erneut ging ich zum Schrank, nun etwas ruhiger, suchte in allen drei anderen Firmierungen nach Berger und wurde fündig. Sie war bei der Firmierung angestellt, die für die Materialbeschaffung zuständig war. „So richtig Sinn macht das mit den Verteilungen der Mitarbeiter aber nicht. Berger sollte doch für die Bestellungen zuständig gewesen sein, also gehört sie doch eher zur Verwaltung.“ Rosco gab ein leises „Wuff“ von sich und ich hörte, wie sich der Schlüssel in der Haustür drehte.

Mit dem Ordner unter dem Arm ging ich zu meinem Schreibtisch, grüßte Katrin im Vorbeigehen, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete. „Suchst du etwas Bestimmtes?“, fragte sie mit bissigem Unterton. „Nein, ich will nur prüfen, ob alle Daten auch online in der Personalakte vorhanden sind, das gehe ich nun Mitarbeiter für Mitarbeiter durch.“, schwindelte ich und setzte mich an meinen Schreibtisch. „Puh... das ist gutgegangen.“, flüsterte ich Rosco zu, der schwanzwedelnd zu mir aufschaute.

Zu Annika Berger fand ich eine handgeschriebene Aktennotiz. Es war die Handschrift vom Chef. Günther Bohlen hatte auf einen Schmierzettel Folgendes notiert:

Annika beharrt auf Gesetz, gefährlich

emotionaler Charakter

nicht belastbar

im Auge behalten

wird frech

wird zu neugierig

Ich schüttelte verwundert den Kopf. „Was soll das denn bedeuten?“, flüsterte ich und sah zu Rosco hinunter. In der Vergangenheit hatte ich schon als Personalsachbearbeiterin gearbeitet, aber solche Aussagen hatte ich noch nicht gesehen, vor allem nicht so hingeschmiert, dem wollte ich nachgehen. Ich fand ähnliche Einträge auch bei anderen Mitarbeitern, auch bei Kathrin. Bei ihr stand sogar, dass der Chef sie für etwas dümmlich hielt, aber sie würde für fünfzig Euro mehr im Monat auch unbezahlte Überstunden machen, dahinter war ein Lachsmiley gemalt worden. Ob Katrin von diesem Eintrag wusste? Ich überlegte kurz, kam dann zu dem Schluss, dass sie es wissen musste, denn sie hatte doch einen Schlüssel für den Archivschrank und war über alles informiert. „Das ist doch schräg.“, staunte ich und strich Rosco über den Kopf.

„Hast du alles geprüft?“, Katrin war unbemerkt an mich herangetreten und versuchte einen Blick darauf zu erhaschen, was ich gerade las. „Wie bitte? Ach so, ja, es scheint tatsächlich alles gespeichert zu sein.“, lächelte ich sie an und spürte dabei Roscos Kopf an meinem Bein. „Dann können die Akten wieder in den Schrank?“ Katrin bedachte mich mit einem bösen Blick, der aussagte, dass sie nicht damit einverstanden war, wie ich meine Arbeit machte. „Ja klar, ich bringe sie gleich zurück.“ „Ich werde sie mitnehmen.“, schnippte die Kollegin zurück. „Das ist freundlich.“, dankte ich ihr mit einem sarkastischen Unterton, wobei ich jedoch ein breites Lächeln aufsetzte, bevor ich ihr die Ordner in die Hand drückte. Katrin sah mich unsicher an, drehte sich dann abrupt um und stampfte mit den Unterlagen in ihr Büro zurück. „Ich glaube, sie mag mich nicht.“, kicherte ich und ging in die Personalküche, um mir einen Kaffee zu holen.

3