Mords Burgen und Schlösser -  - E-Book

Mords Burgen und Schlösser E-Book

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Beschreibung

Die dreißig bestbewerteten Kurz-Krimis des Schreibwettbewerbes des Odenwaldkreises 2018 rund um Burgen und Schlösser im Odenwald.

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Wir danken

der

ENTEGA Stiftung,

für ihre freundliche Unterstützung

bei der 9. Krimi-Anthologie

des Odenwaldkreises

„Mords Burgen und Schlösser“

Krimi-Anthologien aus den Schreibwettbewerben des Odenwaldkreises:

Mords Kartoffel, 2007

Mords Schafe, 2008

Mords Apfel, 2009

Mords Holz, 2010

Mords Spur, 2011

Mords Römer, 2012

Mords Elfenbein, 2014

Mords Energie, 2016

Mords Burgen und Schlösser, 2018

Unterstützer

Für die Durchführung des neunten Krimi-Schreibwettbewerbes des Odenwaldkreises „Vum Ruurestoe zum Grafeschloss“ bedurfte es vieler Sponsoren. Ohne deren Unterstützung wäre die Ausrichtung eines solchen Literaturprojektes mit Preisverleihung, das sowohl einen Erwachsenen- als auch einen Jugend-Schreibwettbewerb umfasst, nicht möglich gewesen.

Betriebsgesellschaft Schloss Erbach gGmbH

„das buchkabinett“, Erbach

Eduard Engelhardt GmbH & Co. KG Hausbau, Erbach

ENTEGA Stiftung, Darmstadt

Expert-Stommel, Michelstadt

Kiwanis Club Erbach/Odenwald

Kultursommer Südhessen e. V., Darmstadt

Museumsstraße Odenwald-Bergstraße e. V.

Hofgut „Rodenstein“, Fränkisch-Crumbach

Odenwald-Stiftung, Erbach

Rowenta-Werke GmbH, Erbach

Sparkasse Odenwaldkreis, Erbach

Speisegaststätte „Sophienhof“, Breuberg/Rai-Breitenbach

Allen Unterstützern hierfür

Herzlichen Dank!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Rodenstein

Das Foto auf der Veste

Tod auf Burg Rodenstein

Durst

Die Rückkehr des Ritterlings

Sonntagsausflug mit Zugabe

Schatzjägertod

Raubrittertum

Nebel unterhalb der Burg Breuberg

Die Zauberschlinge

Die Kralle des Drachen

Ein sagenhaftes Verbrechen

Spurlos

Der Hofnarr

Junge Liebe

Mein Schatz!

Der perfekte Mord

Jonathan Frost und die Indiana-Jones-Trophy

Kopflos

Von Burgen und Mördern

Georgs Augen

Rodenstein

Späte Begegnung

Spurlos verschwunden

Mittelalter-Mord im Odenwald

Ahnenstolz

Jene Nacht

Werwolf

Der Tod mag Déjà-vus

Der Reiter in der Nacht

Ein seltsamer Ort

Das Geheimnis der Villa Brown

Autorenliste

Vorwort

Liebe Leserin,

lieber Leser,

der Odenwaldkreis lobt seit 2007 einen Krimi-Schreibwettbewerb aus. An diesem überregionalen Literaturprojekt zu einem immer wieder neuen Thema können sich sowohl Erwachsene als auch Jugendliche ab elf Jahren beteiligen.

2018 durften Autorinnen und Autoren ihrer kriminellen Fantasie unter dem Titel „Vum Ruurestoe zum Grafeschloss“ in Beiträgen rund um Burgen und Schlösser im Odenwald freien Lauf lassen. Tatsächlich haben auch viele Krimischreiberinnen und -schreiber den „Ruurestoe“, wie die Burgruine „Rodenstein“ (Fränkisch-Crumbach) im Odenwälder Dialekt genannt wird, in den Focus ihrer Kurzgeschichte gestellt.

Sind Sie gespannt, welche Burgen und Schlösser darüber hinaus noch im Mittelpunkt krimineller Handlungen stehen. Vielleicht sehen Sie diese Kulturgüter unserer Region danach mit ganz anderen Augen. Wollten Sie nicht immer schon einmal den Ort des Geschehens aufsuchen? Das ist im Odenwald sehr gut möglich.

Und wer weiß, vielleicht finden Sie ja den ein oder anderen noch nicht geborgenen Schatz.

Literarisch, spannungsvoll sind rund 100 Kurzkrimis nicht nur aus dem gesamten Bundesgebiet eingegangen, sondern auch aus Österreich, der Schweiz und Großbritannien. Die 30 bestbewerteten Beiträge des Erwachsenen- und die Siegerbeiträge der Alterskategorien des Jugend-Schreibwettbewerbes sind in dieser Anthologie veröffentlicht.

Lassen Sie sich von diesen Kurzgeschichten mitreißen, die sich in der Historie so zugetragen haben könnten oder aber im Hier und Heute nicht undenkbar wären.

Wir wünschen Ihnen ein spannungsgeladenes Lesevergnügen.

Ihr

Frank Matiaske.

Landrat des Odenwaldkreises

Rodenstein

Larissa Anton (Reinheim/Hessen)

Er war lange geritten, und trotz der Kühle des frühherbstlichen Tages klebte ihm die Zunge am Gaumen. Nachdem ihm der Knecht das Pferd abgenommen hatte, trat der Junker in die Gaststube. Der Wirt, ein wohlbeleibter, kahler Mann, lag schnarchend auf der Ofenbank. Über seinen mächtigen Bauch krabbelte eine grün schillernde Fliege. Da sonst niemand zu sehen war, setzte sich Hans auf den nächstbesten Stuhl und wartete.

Ein Klirren ließ ihn aufhorchen und schon kam ein junges Mädchen mit einem Tablett voller Tonkrüge herein. Vor Schreck, so unverhofft jemanden zu sehen, ließ sie fast das Geschirr herunterfallen.

“Wir haben noch geschlossen”, keuchte sie und ihr vom Schreck blasses Gesicht überzog sich gleich darauf mit einer bezaubernden Röte, als sie des schmucken, jungen Ritters gewahr wurde. Hans starrte sie wie gebannt an, hatte er doch nicht erwartet in so armseliger Schenke eine solche Schönheit anzutreffen.

“Bitte, holde Jungfer, rettet mein Leben!“, sagte er lächelnd. “Bis ihr später öffnet, bin ich schon verdurstet.”

Das Mädchen konnte dem flehenden Blick der leuchtend blauen Augen nicht widerstehen und brachte ihm kurz darauf einen randvollen Krug kühles Bier.

“Setz dich doch ein wenig zu mir und sag mir, wie du heißt!” bat der Junker, und nach einem kurzen Blick auf ihren Vater erwiderte sie: “Mein Taufname ist Elisabeth, aber man nennt mich nur Sabeth.”

Entzückt betrachtete er, wie sie verschämt die Augen senkte und an ihrem rotblonden Zopf spielte. Dennoch trafen sich ihre Blicke immer wieder, und sein Herz schlug schneller, wenn er sah, wie ihre Sommersprossen verschwanden, wenn sie errötete.

“Ich bin Hans von Rodenstein!“ Und er erzählte ihr in bildreichen Worten von seiner glänzenden Burg im tiefen Odenwald, wo er aufgewachsen sei und alle ritterlichen Tugenden erlernt habe.

“Ihr müsst sehr glücklich sein, einem so berühmten Geschlecht zu entstammen”, sagte Sabeth. “Selbst hier hat man von den Rodensteinern schon gehört.”

“Wahrhaft glücklich werde ich erst sein, wenn ich die Liebe meines Lebens gefunden habe und sie auf meine Burg heimführe. Das ist das Höchste für jeden Ritter!”

“Und welche Jungfrau würde nicht gerne die Gemahlin eines Ritters sein“, hauchte das Mädchen und die Wehmut in ihrem Blick gab für ihn den Ausschlag, dass sie die Seine werden müsse. Kein Edelfräulein, keine begüterte, adlige Witwe: Nein, wenn das Herz gewählt hat, spielte der Stand für ihn keine Rolle.

Leicht fand der Junker die richtigen Worte, die sein brennendes Herz ihm einflüsterte. Und die Verblüffung des Mädchens darüber, dass er sich sofort in sie verliebt habe, wich sehr schnell einer rotwangigen, atemlosen Freude, dass ein so strahlend schöner Ritter sie als seine Braut heimführen wollte.

“Aber mein Vater wird das niemals erlauben.”, flüsterte sie, “Er hat gesagt, ich soll den Sohn des Schulzen heiraten.”

“Und liebst Du ihn?” fragte Hans. “Kann er dir das bieten, wovon du träumst?”

“Nein”, erwiderte sie heftig, “aber ich habe schon etliche Freier zurückgewiesen, und Vater hat gesagt, dass er mich zur Not zu dieser Ehe zwingen wird!”

Das trotzige Blitzen ihrer Augen sagte ihm, dass er kurz davor stand, sein Ziel zu erreichen. Er sah sie fest an.

“Ich werde dich niemals zu etwas zwingen. Wenn Du mir Herz und Hand schenken willst, machst Du mich so glücklich, dass fortan alle Tage deines Lebens immer alles nach deinen Wünschen gehen soll. Willst Du mit mir auf mein Schloss kommen?”

Ihre Lippen bebten. Sie sah nicht mehr zu ihrem Vater, sie sah nur noch ihn. “Ja”, flüsterte sie. Voll überschäumender Freude drückte er seine Lippen auf ihre rauen Hände.

“Diese Hände werden nie wieder den Boden scheuern oder Krüge abwaschen”, versprach er.

In kurzer Zeit hatte Sabeth ein Bündel gepackt und ihren Mantel übergeworfen. Als der Knecht sie dergestalt sah, fragte er: “Wo willst Du denn hin? Weiß dein Vater davon?”

Hans winkte dem Knecht, ihm in den Stall zu folgen. Kurz darauf kam der Junker allein zurück und stieg auf seinen prächtigen weißen Hengst. Er bot Sabeth den Arm zum Aufsteigen.

“Was ist mit Johann?” fragte sie ängstlich. “Ich habe ihm genug gegeben, um seines Schweigens sicher zu sein!” lächelte der Ritter. “Komm, Geliebte!”

Im Nu saß die Wirtstochter hinter ihm, er legte ihre Arme um seinen Leib und ritt langsam aus dem Hof. Gleich außer Hörweite galoppierte er los, was Sabeth einen kleinen Schrei entlockte. Als sie sich fester an ihn klammerte, konnte er ihren rasenden Herzschlag fühlen, der gegen seinen Rücken hämmerte. Er jauchzte laut auf, denn sein Herz schlug genauso heftig und wild.

Der Teufel wollte, dass der Schimmel ein Eisen verlor und anfing zu lahmen; so kamen sie nur noch im Schritt voran. Dennoch führten sie das kräftige Ross bis zur Dämmerung auf die heimische Burg. Am Fuße des Burghügels sprang der Ritter ab und führte das Pferd mit Sabeth die letzte Steigung hinauf zum Burgtor.

“Was ist das?!”, fragte das Mädchen fassungslos. “Das ist meine Burg - Rodenstein!” “Aber, das ist eine Ruine!”

“Nein”, beschwichtigte er sie, “das scheint dir nur so, weil ein Zauber auf ihr liegt, der sie vor den Blicken gewöhnlicher Menschen schützt. Bald wirst Du sie in ihrer wahren Pracht erkennen, aber vorher musst du etwas trinken, das dir den Schleier von den Augen nimmt.”

Sabeth sah ihn unsicher an. “Ein Zauber?” „Dir ist nicht bekannt, welche Sagen Burg Rodenstein umgeben?” “Nein, ich bin nie aus meinem Dorf hinausgekommen.”

Er führte sie in einen Turm, der als einziges Gebäude noch ein Holzdach hatte, und holte aus einer Mauernische einen goldenen Pokal und eine Flasche roten Weines.

“Trink, Liebste! Dann werden dir die Augen aufgehen und du wirst meine Frau werden.”

Zögernd nahm sie den Kelch und setzte ihn an ihre Lippen. Als sie endlich trank, kam der Augenblick, der für ihn immer der schönste und sinnlichste war, nämlich zu sehen, wie die zarte, weiße Kehle sich beim Schlucken bewegte, während der Trunk langsam hinunter rann. Nachdem sie die Hälfte getrunken hatte, reichte sie ihm den Becher und er tat, als trinke auch er. Dann führte er sie durch den gotischen Torbogen in den Innenhof.

“Jetzt schau dich um!”, sagte Hans. “Siehst Du, wie sich alles verändert und in der glänzendsten Pracht erstrahlt?”

Sabeths Augen weiteten sich, als sie sich umsah. “Ja”, piepste sie, “die Wände strahlen als wären sie aus Gold!”

“Und siehst du all die edlen Herren und Damen, die zu unserem Hochzeitsball gekommen sind?” “Oh ja!” frohlockte sie und drehte kichernd sich im Kreis.

Da zog sie der Junker in seine Arme, wirbelte sie herum und küsste sie. Ihre Lippen öffneten sich willig unter den seinen. Sie jauchzte und lachte. Ihre Kleider schienen ihr plötzlich brennend heiß. Sie riss sie sich vom Leibe, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.

“Das ging schnell”, dachte der Ritter, aber immerhin war sie noch nicht zusammengebrochen. War ihm endlich die richtige Mischung aus Pilzen und Kräutern gelungen - nach so vielen Fehlschlägen?

Sabeth zog ihn wieder an sich. Ihre Augen glänzten im schwindenden Licht fast schwarz. Hans brachte sie zu Boden und schob die letzten Fetzen ihres Rockes beiseite. Dann nestelte er an seiner Hose.

“Sabeth! Wo bist du?!” Der Schrei einer unbekannten Männerstimme brachte das Blut in Hans’ Lenden zum Stocken. Dann hörte er noch weitere Stimmen. Fluchend ließ er das Mädchen liegen, sprang durch den Seitenausgang und erkletterte von dort die Mauer. Gerade noch rechtzeitig, denn der Wirt und sein Knecht mit verbundenem Kopf stürmten auf grobschlächtigen Gäulen in den Hof. Hans hatte offenbar nicht fest genug zugeschlagen, um den unliebsamen Zeugen zu töten. Nun war er verraten!

Von oben sah er, wie Sabeth sich stöhnend auf dem Rasen wälzte. Weitere Leute - wohl aus Fränkisch-Crumbach - kamen hinzu. Ängstlich sahen sie sich um und drängten die Fremden, mit dem Mädchen die Burg zu verlassen.

Als alles wieder ruhig war, kam Hans aus seinem Versteck. Er tobte. Noch nie war er so dicht dran gewesen, die vollkommene Frau und die perfekte Mischung zu finden. Sabeth war dazu bestimmt gewesen, mit ihm in seiner Welt zu leben, die sonst niemand sehen konnte.

Aber sei’s drum. An Fehlschläge hatte er sich inzwischen gewöhnt und es gab noch so viele Odenwalddörfer und so viele Mädchen, die nie aus ihrem Dorf herausgekommen waren. Er fuhr sich durch das goldblonde Haar und schritt über die grasbedeckten Gräber durch den Torbogen.

Nachtrag: Diese Geschichte wurde zur Sage verklärt und hieß später 'Der Todestrunk der Wirtstochter'. Jede Sage aber hat einen wahren Kern. Sabeth starb drei Tage später, nicht ohne vorher die phantastischsten Dinge berichtet zu haben, die sie beim Ball auf dem Schloss erlebt hatte.

Das Foto auf der Veste

Allegra Celine Baumann (Höchst i. Odw./Hessen)

Maik war sich sicher, dass Hans kommen würde. Er tat immer, um was Maik ihn bat. In Maiks Augen war er zu nett, zu hilfsbereit und zu wenig auf sich bedacht. Da war Maik ganz anders. Er dachte zuallererst an sich und dann an andere. Die Brüder unterschieden sich noch in einem weiteren Punkt. Hans hatte in seinem Leben etwas erreicht. Er war erfolgreicher Vertreter für eine große Staubsaugerfirma, hatte ein schickes Auto, ein hübsches Haus, eine nette Frau und zwei süße Kinder. Die Kinder waren die Lieblinge ihrer Großeltern. Maik hingegen hatte einen schlechten Job, wohnte in einer kleinen, heruntergekommenen Wohnung und hatte keine Partnerin. Maik wusste, dass ihr Vater in ihm genau aus diesen Gründen einen Versager sah und Hans in allen Dingen bevorzugte. Zwar versuchte ihre Mutter die mangelnde Zuneigung des Vaters zu Maik auszugleichen, aber für Maik war das nie ein Ersatz gewesen.

Eigentlich hatte es schon in ihrer Kindheit angefangen. Hans hatte gute Noten in der Schule, bereits früh handwerkliches Geschick bewiesen und wie der Vater Interesse an dem Sammeln von Briefmarken. Maik hingegen war ein mittelmäßiger Schüler, hatte in handwerklichen Dingen zwei linke Hände und Briefmarken fand er absolut langweilig. Dafür war er begeisterter Schlagzeuger und spielte schon bald in einer Heavy-Metal-Band. Aber ihr Vater hatte für dieses Hobby weder Verständnis noch Interesse. Zwar erlaubte er Maik im Schuppen einen Raum zum Proben einzurichten, aber das war auch schon alles. Er hatte Maik nicht einmal spielen gehört und war zu keinem einzigen Konzert gekommen. Außerdem hatte er bei beinahe jedem gemeinsamen Abendessen Hans für alles Mögliche gelobt und über Maiks Band nur abfällig geredet. Tatsächlich hatte dies Maik irgendwann die Lust am Spielen genommen. Er konnte nicht mehr sagen wie oder wann genau es gewesen war, aber mit einem Mal spielte er schlechter und hatte immer weniger Lust mit den anderen Bandmitgliedern zu proben. Und das, obwohl er eigentlich wirklich gut und gerne gespielt hatte. Dann hörte er ganz in der Band auf und da die Bandmitglieder seine einzigen Freunde gewesen waren, war er seitdem ein sehr einsamer Junge. Und an der Einsamkeit hatte sich bis heute nichts geändert.

Als er hinter sich Schritte hörte, wurde Maik aus seinen Gedanken gerissen. „Maik, schön dich zu sehen“, sagte eine fröhliche Stimme.

Vor ihm stand sein Bruder. Auch äußerlich sahen sich die beiden kein bisschen ähnlich. Hans war klein und stämmig, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und Lachfalten um die Augen. Maik hingegen war groß und hager und hatte nichts von den heiteren Gesichtszügen seines Bruders.

„Hallo Hans“. Maik bemühte sich, seiner Stimme einen gelassenen Unterton zu geben. „Schöne Idee von dir. Wirklich. Das wird Vater freuen. Er mag dieses Bild doch so sehr. Und Mutter natürlich auch.“

Maik hatte Hans angerufen und ihm gesagt, dass er sich mit ihm an der Veste Otzberg treffen und dort ein Foto aus ihrer Kinderzeit nachstellen wollte. Dieses könnten sie dann den Eltern zu ihrem baldigen Hochzeitstag schenken. Dass dieses Nachstellen von Kinderbildern gerade ein Trend war, wussten natürlich weder sein Bruder noch seine Eltern. Dafür waren sie zu unmodern. Hans hielt es einfach für eine gute Idee von Maik.

Als sie noch Kinder waren, Maik war zehn und Hans zwölf, war ein Foto von ihnen auf der Aussichtsplattform der „Weißen Rübe“, dem Bergfried der Veste Otzberg, entstanden. Auf dem Foto stehen Hans und Maik nebeneinander an der Brüstung, Hans auf einem kleinen Tritt, damit er überhaupt über die Mauer sehen konnte. Maik war, obwohl jünger, schon damals größer als sein Bruder.

„Ja. Ich habe sogar einen kleinen Tritt mitgebracht.“ Maik hielt den hölzernen Tritt in die Höhe und sofort ließ Hans sein heiteres Lachen hören.

„Super. Genau wie damals. Dabei kann ich heute bestimmt auch so über die Brüstung schauen.“ „Ja schon, aber es soll ja authentisch sein.“ „Klar. Also, los geht’s.“

Gemeinsam gingen sie durch die Tür, über die man zur Treppe gelangt und die nach oben auf den Turm führt. Am Eingang hing ein kleines Kästchen, in dem Geld zur Erhaltung des Turms gesammelt wurde. Hans holte seinen Geldbeutel aus der Hosentasche, entnahm einen Fünf-Euro-Schein und steckte ihn in den kleinen Schlitz an dem Kästchen.

Maik konnte nur schwer einen dummen Spruch unterdrücken. Fünf Euro waren für Hans keine große Summe, aber er selbst, Maik, musste jeden Cent einzeln umdrehen, um sich überhaupt etwas leisten zu können.

Hintereinander stiegen sie die Stufen hoch, zuerst Hans, dann Maik. Vor Maiks Gesicht schwang Hans‘ dicker Hintern hin und her. Hans schnaufte und schwitzte. Dabei hatten sie gerade einmal die Hälfte geschafft. Es war unglaublich wie unsportlich sein Bruder war. Für Maik war das Treppensteigen kein bisschen anstrengend.

Oben angekommen stützte sich Hans auf die Brüstung und schnappte nach Luft. Sein Gesicht war knallrot.

„Früher war das irgendwie nicht so anstrengend.“ Maik musste sich Mühe geben, ihn überhaupt zu verstehen, so sehr schnaufte er zwischen den Wörtern.

Maik drehte sich um und ließ den Blick umherschweifen. Der Odenwald war wirklich schön. Die grünen Bäume, die kleinen Dörfer. Und ganz hinten in der Ferne konnte man an manchen Tagen sogar die Frankfurter Skyline sehen. Heute allerdings nicht, dafür war es zu bewölkt.

„Schade, dass die Sonne heute nicht scheint“, sagte Hans, der sich nun auch aufgerichtet hatte und wie sein Bruder auf die kleinen Dörfer schaute. „Mhm“, murmelte Maik.

Er hatte extra den Wetterbericht überprüft. Vor kurzem hatte es geregnet und sollte in einer Stunde bereits weiterregnen. Deswegen waren sie auch die einzigen Besucher auf der Veste.

„Ungefähr da müssten wir gestanden haben“, sagte Hans und deutete auf eine Stelle an der Brüstung. Maik holte das alte Foto aus der Jackentasche. Ihm fiel wieder einmal auf, dass sein Kopf und seine linke Seite halb abgeschnitten waren. Im Mittelpunkt des Bildes stand sein Bruder, heiter lachend, während bei Maik, beziehungsweise bei dem Teil von ihm, der auf dem Foto zu sehen war, nicht einmal die Mundwinkel nach oben gerichtet waren. Das Foto hatte ihr Vater geschossen. Es gab ihm jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn er es ansah.

„Ja, das passt so.“ „Okay, wie hast du es dir gedacht?“ Sein Bruder strahlte ihn an. Er war immer rundum glücklich. Maik konnte sich nicht mehr erinnern, wann er selbst das letzte Mal glücklich gewesen war. In Gegenwart seines Bruders hatte er meistens das Gefühl, dass er in Anbetracht von so viel Heiterkeit nur noch unglücklicher wurde.

„Du stellst dich auf den Tritt, ich mache die Kamera fertig.“

Hans stieg auf den Tritt. „Oh, jetzt bin ich aber tatsächlich höher als die Brüstung“, sagte er.

Es stimmte. Hans war zwar klein, aber nicht so klein. Auf dem Tritt stehend ging ihm die Brüstung nur knapp bis unter die Hüfte.

Maik setzte den Rucksack ab und nahm seine Kamera und das zusammengeklappte Stativ heraus. Die Handschuhe, die er auf Grund des kalten Mittags angezogen hatte, musste er für diese Tätigkeit ausziehen. Er schraubte die Kamera auf das Stativ, richtete alles aus und zog seine Handschuhe wieder an.

„Okay, gleich geht es los“, sagte er und stellte den Selbstauslöser ein.

Langsam ging er hinüber zu seinem Bruder. Er hatte es sich lange überlegt. Es musste funktionieren. Er hatte auch die Zeit genau abgepasst und wusste wie lange er noch hatte.

Sein Bruder blickte ihn an. Dieses Lächeln. 35 Jahre lang musste er dieses Lächeln jetzt schon sehen.

Maik stellte sich neben ihn. Noch vier Sekunden Zeit.

Er drehte sich zu seinem Bruder. Dieser wandte ebenfalls den Kopf, lächelte. Dann realisierte er den Ausdruck auf Maiks Gesicht und sein Lächeln gefror.

Mit einer flüssigen Bewegung packte Maik seinen Bruder an der Schulter und am Gürtel und ein leichter Druck genügte. Der Tritt war hoch genug gewesen.

In dem Moment, in dem die Kamera auslöste, stand Maik alleine auf dem Turm, neben ihm der leere Tritt. Maik war genau im Mittelpunkt des Bildbereichs und lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich.

Tod auf Burg Rodenstein

Jochen Bender (Stuttgart/Baden-Württemberg)

Meine Finger zittern, während ich ihre Nummer wähle.

„Ja?“, meldet sie sich. „Hallo Ina, hier ist Jens.“ „Jens? Hast du eine neue Nummer?“ „Ähm, ja.“ „Willst du unser Treffen absagen?“ Ihre hörbare Erleichterung schmerzt.

„Ich würde lieber mit dir spazieren gehen, statt uns bei mir zu treffen.“

„Es sieht nach Regen aus.“

„Das Wetter wird halten.“

„Ich…“

„Bitte! Betrachte es als meinen letzten Wunsch!“

Ina zaudert. Nach so vielen Jahren kenne ich sie gut. Gleich wird sie meinen Wunsch zurückweisen.

„Bitte! Lass uns durch den herbstlichen Wald zur Burg Rodenstein laufen!“

Der Köder ist ausgelegt. „Zum Rodenstein?“ Ich höre, wie ihr Atem stockt. „Warum gerade dorthin?“

Jetzt fragt sie sich, ob ich etwas weiß.

„Ach, was soll´s! Unter der Woche ist es dort besonders schön. Lass uns den herbstlichen Wald genießen.“

Ich nehme die rumänische SIM-Karte aus meinem Mobiltelefon, zerbreche sie und spüle die Reste in der Toilette hinunter. Ina will unsere Verbindung beenden. Dem schaue ich nicht tatenlos zu.

Mein Plan berücksichtigt ihre Pünktlichkeit. Ich habe genau gemessen, wie lange wir vom Parkplatz zur Burg brauchen. Eine Viertelstunde nach unserem Eintreffen wird mein Computer über meinen Festnetz-Anschluss auf ihrem Handy anrufen. Schließlich haben wir eine Verabredung in meiner Wohnung. Der Anruf wird mir ein Alibi verschaffen. Ich werde der Polizei sagen, sie sei bei mir nicht aufgetaucht und ich habe versucht sie zu erreichen.

Ina ist noch schöner, als ich sie in Erinnerung habe. Verhalten lächelnd steigt sie aus dem Auto. Ihr Anblick raubt mir den Atem. Unerwartet heftige Sehnsucht, auf deren Erfüllung ich viel zu lange hoffte, erfasst mich. Ina ist jünger, spielt in einer für mich unerreichbaren Liga. Trotzdem waren wir uns anfangs nahe. Vielleicht hätte ich es damals bei ihr versuchen sollen. Aus Angst, im Falle einer Abfuhr zugleich etwas noch viel Wichtigeres zu gefährden, schob ich meine Liebeserklärung immer weiter hinaus. Nur in meinem Kopf bestand in all den Jahren unsere Liebe, saß sie zu meinen Füßen vor einem offenen Kamin, während ein heftiger Sturm unser einsam im Odenwald gelegenes Haus umtoste.

Zur Begrüßung haucht Ina mir die zarte Andeutung eines Kusses auf die Wange, vermeidet es jedoch, mich zu berühren. Fürchtet sie, eine Berührung könnte in mir einen Sturm entfesseln? Weiß sie denn nicht, dass dieser schon längst tobt?

„Zünftig siehst du aus.“ Ich zeige auf ihren winzigen Rucksack. Sie lacht.

„Für meinen Ingwer-Tee. Bei so einem Wetter gehe ich ohne ihn nicht aus dem Haus.“

Ihr aus frischem Ingwer selbst gebrauter Tee ist scharf und süß. Genau wie sie, besitzt sie neben ihrem verführerisch süßen Äußeren doch auch eine scharfe Zunge.

Erhobenen Hauptes schlägt sie den Weg hinauf zur Burg ein. Das Restaurant im unterhalb der Ruine gelegenen Hofgut hat heute geschlossen. Wir passieren das liebevoll renovierte Gemäuer mit seiner leckeren Küche in großem Abstand.

„Was willst du?“

„Dir ein verbessertes Angebot unterbreiten. Ich habe mich bei der Chefin für dich eingesetzt. Du erhältst eine höhere Marge und…“

„Ach Jens, erspare uns eine peinliche Diskussion!“

Ich schlucke den Rest meiner Worte hinunter. Bittere Enttäuschung erfasst mich, die rasch in Wut umschlägt. Sie sieht mich mit ihren Bambi-Augen an.

„Ich bin dir wirklich dankbar für die Chance, die du mir gegeben hast. Aber du weißt selbst, wie der Literaturbetrieb tickt. Ihr könnt mit den großen Verlagen der Branche nicht mithalten und ich kann es mir nicht erlauben, dauerhaft bei einem Kleinverlag zu bleiben. Ich meine, euer Programm ist super, aber…“ Sie bricht ab, senkt den Kopf und läuft einen halben Schritt vor mir durch die Herbstlandschaft.

Ich liebe diese Jahreszeit. Heute habe ich jedoch keinen Blick für die Schönheiten der Natur übrig. „Aber?“

Sie seufzt. „Ich will vom Schreiben leben, richtig leben, ohne jeden Cent umdrehen zu müssen! Bummeln in Erbachs putziger Altstadt, eine Tasse Kaffee im Elefantenhaus und der Kerwemarkt sind hübsch, mir aber auf Dauer zu wenig. Ich will auf Lesungsreisen durch die gesamte Republik tingeln! Du weißt genau, dass ich das Zeug dazu habe!“

Neid erfasst mich. Ihr Traum war einst auch der meine. Aber der Literaturbetrieb ist knallhart, die Konkurrenz zwischen uns Autoren mörderisch und dieser Traum für mich schon lange beerdigt. Weil sich meine Krimis nicht gut genug verkaufen, arbeite ich mittlerweile überwiegend als Lektor. Ina ist die bessere Autorin. Die Heldinnen ihrer Romane sind weiblich, jung und frech. Dank ihres wachen Verstandes gewinnen sie immer gegen ihre Widersacher, oft Männer meines Alters. Aber hier, im echten Leben, werde ich gewinnen!

Unsere leidenschaftlichen, von Rotwein befeuerten Diskussionen fallen mir ein. Ina vertrat die Meinung, man solle nur über Morde schreiben, die man sich selbst zutraue. Nur so könne man glaubwürdig schreiben. Nun, heute werde ich einen Mord begehen, der ihrer Feder entsprang.

„Kannst du mich nicht als Lektor zu deinem neuen Verlag mitnehmen?“ Irgendwie ist mir der Satz rausgerutscht. Wie erbärmlich ich klinge! Dabei habe ich mir fest vorgenommen, nicht zu betteln! Sie sieht mich mitleidig an. „Bin ich erst einmal etabliert, lege ich ein gutes Wort für dich ein!“

Ina berührt mich kurz am Arm. Ich verspüre den Impuls, ihre Hand wegzuschlagen. Sie wird nichts für mich tun. Auch mein kleiner Traum, in ihrem Kielwasser nach oben zu kommen, ist soeben zerplatzt.

Wir erreichten die Ruine. Die Aussicht hinunter ins Tal und auf den bunten Herbstwald ist atemberaubend. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Unser Timing ist perfekt. Außer uns ist weit und breit niemand zu sehen. Ein tödlicher Sturz von der Burgmauer wird ihre gerade durchstartende Karriere als Krimi-Autorin abrupt beenden.

„Wie bist du an mein neues Manuskript gekommen?“

Ich zucke zusammen, drehe mich zu ihr um. Sie sitzt auf einem Mäuerchen.

„Es ist doch kein Zufall, dass wir hier sind!“

Ich schlucke.

„Kommt die Ruine Rodenstein etwa in deinem neuen Krimi vor?“

Sie sieht mich mit einer Schärfe an, die mich verunsichert.

„Tu nicht so scheinheilig! Hast du mein E-Mail-Konto geknackt und dir eine Kopie des Manuskripts heruntergeladen?“

Gegen meinen Willen beeindruckt mich erneut die Schärfe ihres Verstandes. Wobei ich ihren Account nicht knacken musste. Es genügte, ihr vor Jahren bei der Anmeldung über die Schulter zu sehen und mir ihr Passwort zu merken.

Jetzt wäre der Zeitpunkt, sie zu packen und über die Mauer zu werfen.

„Willst du?“ Mit einem gewinnenden Lächeln bietet sie mir eine dampfende Tasse Ingwer-Tee an. Ich zögere nur kurz.

„Gerne.“

Meine Entschlossenheit zu morden zerbröselt wie eine Sandburg in der Sonne. In meiner Vorstellung war es viel einfacher gewesen, als es sich jetzt anfühlt.

Ich nehme einen großen Schluck ihres Tees. Wie immer schmeckt er zugleich scharf und süß. Aus den Augenwinkeln sehe ich sie lächeln. Etwas in mir lässt los. Ich versöhne mich mit der Situation. Vorsichtig nehme ich zwei weitere Schlucke des heißen Gebräus. Soll Ina doch in die weite Welt hinausziehen und ich als Lektor meine erfolgreichste Autorin verlieren. Egal, ich werde halt weiterhin jeden Cent umdrehen und eine Nachfolgerin aufbauen.

Nanu? Nachdem die Schärfe abklingt, nehme ich einen bitteren Geschmack wahr. Dieser ist neu und unerwartet. Hat Ina die Zusammensetzung ihres Tees verändert? Ich trinke einen weiteren Schluck. Tatsächlich, heute schmeckt er anders.

Meine Gedanken schweifen zurück zu meinem Mordplan. Ina selbst hat ihn mir geliefert. Schade, dass ich nicht die Eier besitze, ihn in die Tat umzusetzen. In Inas Manuskript wird eine Frau, die ihrer besten Freundin den Typen ausspannte, von selbiger die Ruine Rodenstein hinab in den Tod gestoßen. Es erschien mir wie ein Wink des Schicksals, als ich in ihren E-Mails las, dass Ina ihrer engsten Freundin Britta deren Freund Rocco ausgespannt hat. Auf einmal bedauere ich es, den Plan so vorschnell aufzugeben. Noch ist es nicht zu spät.

Inas Handy klingelt. Sie zieht es aus der Tasche. „Nanu? Wie kannst du mich anrufen, wo du doch hier neben mir sitzt?“

Ich will aufspringen, sie packen, vor zur Mauer zerren und mit Schwung in die Tiefe befördern. Etwas lähmt mich jedoch und hält mich auf dem kalten Mäuerchen fest. Panik erfasst mich. Ich bin tatsächlich gelähmt, kann nicht einmal mehr den Arm heben!

„Übrigens habe ich mein Manuskript geändert. Jetzt stößt nicht mehr eine Frau ihre Freundin hier von dieser Burg in den Tod. Stattdessen vergiftet sie einen Mann mittels selbst