Mordwind - Christian Schneider - E-Book

Mordwind E-Book

Christian Schneider

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1,49 €

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Kriminaloberkommissar Ernst Keller wird an einen Tatort tief im Reinhardswald gerufen. Hartmut Sternkens, Inhaber und Geschäftsführer eines Ingenieursbüros für Erneuerbare Energien, wurde tot in einem alten Steinbruch aufgefunden. Die zu dieser Zeit im Ort tobende Diskussion über die Errichtung einer Windparkanlage zieht einen tiefen Graben zwischen Befürworter und Gegner des Projekts. Wurde sein Verdacht zunächst geschickt auf die Gegner der Windenergie gelenkt, kommt Keller jedoch schnell dahinter, dass in das Geflecht von Eifersucht, Neid, Habgier und Hass noch weitere Personen verwickelt sind.

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Christian Schneider

Mordwind

Kommissar Kellers zweiter Fall

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Zum Geleit

Die in dieser Kriminalgeschichte geschilderten Begebenheiten sind frei erfunden. Gleichwohl waren mir einige Menschen aus der Region willkommene Vorbilder.

Wichtig war es mir ebenfalls, dass man nicht genau lokalisieren kann, wo sich die Handlung genau zugetragen hat. Das Thema Windkraft ist derzeit in Nordhessen stark in der Diskussion, eigentlich könnte es jede der zehn Gemeinden des ehemaligen Landkreises Hofgeismar gewesen sein. Die in der Geschichte von mir verwandten Detailinformationen sind jedoch so unscharf und widersprüchlich, dass eine genaue Lokalisierung nicht möglich ist.

Und das ist auch gut so.

 

Dienstag

Am Tatort

»T. N. T.« - laut und blechern dröhnte der AC/DC-Song aus Kellers Jugend aus dem Autoradio. Kriminaloberkommissar Ernst Keller hatte wahrlich schon größere Vorfreude auf einen bevorstehenden Arbeitstag verspürt als heute. Gleich am frühen Morgen musste er in einen der abgelegensten Orte seines Zuständigkeitsbereichs fahren. ›Engelchen‹, so nannte er seine Assistentin Herta Engel, hatte ihn bereits morgens um halb sieben zu Hause angerufen, damit er gleich von Zuhause an den Tatort fahren konnte. Die Staatsanwaltschaft hatte seine neue Handynummer verlegt, einen Festnetzanschluss hatte er und seine Freundin Angelika schon längere Zeit nicht mehr.

Eine Joggerin hatte mitten im Reinhardswald einen Schwerverletzten gefunden, der vermutlich nicht ohne äußeren Einfluss einen alten Steinbruch heruntergestürzt war. Keller war schlechtgelaunt. Sein Boiler war kaputt und er konnte heute Morgen nur kalt duschen. Da es die ganze Nacht geregnet hatte, sah er sich schon über einen rutschigen Tatort stolpern. Dass es im Augenblick nur noch nieselte, machte die Sache auch nicht besser. Seinen Regenschirm hatte er gestern Engelchen ausgeliehen.

Keller hatte kaum das Ortsschild passiert, da fiel sein Blick auch schon auf die zahlreichen Plakate und Aufsteller. Sie skandierten »Windkraft – ohne uns!« und luden zur Bürgerversammlung am heutigen Abend ein.

»Wollen die lieber ihr altes Atomkraftwerk wiederhaben? Das stand doch nur einige Kilometer Luftlinie von hier«, ging es ihm durch den Kopf. Sein veraltetes Navigationsgerät führte ihn immerhin bis zu dem am Waldrand gelegenen »Bürgermeister-Schroeder-Weg«. Von hier konnte er sich nur an Engelchens recht vage Beschreibung halten.

»Bis zum Ende der Teerstraße, anschließend ungefähr 500 Meter Schotterstrecke bis zu einer Schranke.« Dort würde hoffentlich ein Beamter der örtlichen Polizei stehen, der Keller die Weiterfahrt zum Ende der Schotterstrecke ermöglichte. Danach waren es noch zirka 100 Meter zu Fuß quer durch den Wald.

Keller kam zu der Schranke, passierte, hielt seinen erst am Wochenende gewaschenen Wagen an und parkte ihn am Wegesrand. Dummerweise hatte er bereits seine guten Lackschuhe angezogen. Heute war er mit Angelika zu einem Opernabend in Kassel verabredet - La Bohème von Giacomo Puccini. Zu ihrem letzten gemeinsamen Opernabend war er in Trekkingschuhen erschienen, daher wollte er heute auf Nummer sicher gehen. Die Stiefel waren natürlich nicht im Kofferraum, er hatte sie letzte Woche für die Arbeit im Garten herausgenommen. Er blickte aus dem Wald zurück und sah auch schon den Leichenwagen vorfahren.

»Wenigstens hat man mich nicht umsonst so früh aus dem Bett geholt«, dachte Keller, immer noch schlecht gelaunt. War Keller dermaßen schlecht drauf, so neigte er immer zu einem gewissen Zynismus.

Polizeioberkommissar Marcus Kneipp, der Vertreter der regionalen Polizei, streckte ihm seine Hand entgegen:

»Guten Morgen, Herr Kommissar. Heute ist kein schöner Tag zum Sterben.«

»Gibt es schöne Tage zum Sterben? Vermutlich nur mit einer rassigen Traumfrau nachts an einem herrlichen Sandstrand, das leere Cocktailglas noch in der Hand. Aber Spaß beiseite, können Sie schon etwas sagen?«

»Nein, die Zeugin hat ihn auch erst vor einer guten Stunde gefunden. Als ich hier ankam, war Herr Sternkens gerade verstorben.«

»Sternkens war also sein Name. Hier aus dem Ort?«

»Nein«, antwortete Kneipp, »Hartmut Sternkens, 51 Jahre, verheiratet, er kommt aus dem Nachbarort. Er war Chef und Inhaber eines Ingenieurbüros mit rund zehn Mitarbeitern. Die arbeiten in der Hauptsache an Energieprojekten. Windkraft, Sonne und so´n Zeug. Sternkens ist offensichtlich den alten Steinbruch heruntergestürzt. Eine Fallhöhe von gut acht Metern überleben die wenigsten.«

Ursula Schmidt saß am Rand des Steinbruchs. Sie war eine attraktive junge Frau Mitte dreißig. Aus gutem Grund tauchten das Gesicht von Scarlett Johansson und eine Szene aus ›Lost in Translation‹ vor seinem geistigen Auge auf. Schmidt saß, gegen den Nebel und die Kälte in eine bundeseigene Decke gehüllt, auf einer Bank. Sie hatte sich so eng in die graue Decke eingekuschelt, dass das verführerische Profil ihres Körpers immer noch gut zu erkennen war. Keller sprach sie an.

»Und Sie laufen so früh am Morgen ganz alleine durch den Wald?«

»Nein, üblicherweise laufe ich mit einer Freundin, doch die musste diese Woche auf eine Dienstreise. Und Sie sind?«

»Oh, entschuldigen Sie bitte, meine Umgangsformen drohen zu verrohen. Kommissar Keller, äh, Ernst Keller.« Ein Augenblick des Schweigens, dann hatte sich Keller wieder gefangen.

»Der Mann hat ja noch gelebt, als Sie ihn gefunden haben. Konnte er Ihnen noch irgendetwas sagen?«

»Ja, aber so richtig verstehen konnte ich ihn nicht. Es klang so nach ›Martina‹ oder so ähnlich.«

»Martina? Interessant.« Keller hätte der angenehmen Stimme der Zeugin noch länger zuhören können, doch musste er weiter.

Vom Anblick der jungen Frau noch immer innerlich erregt, rief Keller Kneipp zu sich. »Können Sie bitte die Aussage der Frau aufnehmen? Wann könnte ich den Bericht bekommen? Ginge es bis heute Mittag? Ich würde die Gelegenheit gerne nutzen und frühstücken. Können Sie da spontan was empfehlen?«

»›Der Alte Fritz‹ ist vielleicht etwas für Sie. Der sollte schon geöffnet haben, Friedrichstraße 13.«

»Wie passend, danke. Anschließend möchte ich mich ein wenig im Ort umhören. Ich komme dann gegen zwölf in Ihr Büro in Karlshafen. Wir können den Fall dann ja beim Mittagessen besprechen.«

Kneipp grüßte kurz, Keller warf noch einen Blick zurück. Die junge Frau hatte die Decke abgelegt und ging in ihrem enganliegenden Laufdress in Richtung von Kneipps Wagen. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Weg zurück zum Auto trocknete langsam ab.

»Also«, sprach er im Wagen halblaut zu sich, »was haben wir? Den toten Inhaber eines Ingenieurbüros und eine aktive Bürgerbewegung gegen Windkraft. Immerhin etwas. Doch reicht das auch für ein Motiv? Wer bringt schon einen Menschen um, nur weil er keine Windmühlen mag. Vielleicht war es auch nur ein tragischer Unfall?« So in seine Gedanken vertieft, fuhr er zunächst am »Alten Fritz« vorbei. Er wendete, stellte sein Auto auf den Parkplatz vor dem Lokal und ging hinein.

Der »Alte Fritz« war für die frühe Stunde bereits gut besucht. Fünf Gäste waren beim Frühstück in ein lebhaftes Gespräch vertieft.

Keller hörte eine durchdringende Bassstimme.

»Und das heute, am Tag der Bürgerversammlung. Da werden sich Dranske und seine Ökos aber freuen«, sagte ein Mann in einem grauen, schlecht sitzenden Anzug.

Ein anderer, ebenfalls am Versuch gescheitert, sich stilvoll zu kleiden, entgegnete: »Ich glaube nicht, dass unsere grünen Gegner so weit gehen würden, Wolff.«

»Doch, Bürgermeister. Die sind zu allem fähig.«

Der mit ›Bürgermeister‹ Angesprochene wandte sich freundlich an Keller: »Wir wollen hier jedoch nicht den Eindruck vermitteln, dass sich unsere schöne Stadt in einem Bürgerkrieg befindet. Setzen Sie sich und genießen Sie in aller Ruhe das herzhafte ›Sababurger Frühstück‹.«

»Vielen Dank für den Tipp«, antwortete Keller, »Sie machen allerdings einen etwas aufgebrachten Eindruck.«