Tatort Märchenland - Christian Schneider - E-Book

Tatort Märchenland E-Book

Christian Schneider

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Beschreibung

Kriminaloberkommissar Ernst Keller ermittelt für die Kriminalpolizei Nordhessen. Die Region, die sich selbst gerne als „Märchenland“ bezeichnet, ist in einer idyllischen Gegend im Herzen Deutschlands gelegen. Dies ist leider jedoch kein Schutz gegen die Machenschaften von Ganoven und Schwindlern. Der Sammelband fasst die ersten vier Fälle am „Tatort Märchenland“ zusammen. In „Das gemeingefährliche Jahrgangstreffen“ ist Keller nach dem brutalen Überfall auf einen Schulfreund gezwungen, im Kreise seiner ehemaligen Mitschüler zu ermitteln. „Mordwind“: Keller und seine Assistentin sind dem Mörder des Projektleiters eines Windkraftprojektes auf der Spur. Dieses Projekt hat den Ort inzwischen tief gespalten. Ein Museumsbahnverein, der die Wiedereröffnung der ehemaligen nordhessischen Carlsbahn zum Ziel hat, steht im Mittelpunkt von „Mit der Ferkeltaxe durch das Diemeltal“. Die Gegner drohen, den alten Eisenbahntunnel bei Deisel in die Luft zu sprengen. Die Kanzlei des zwielichtigen Anwalts Dr. Konrad F. Winkelmann in Hofgeismar hat in der Vergangenheit gut am Eintreiben von Mahnforderungen verdient. Die „Herrenabende auf Ratenzahlung“ finden aber ein abruptes Ende, als der Seniorpartner der Kanzlei entführt wird. Die Fälle von Kriminaloberkommissar Ernst Keller von der Kripo Nordhessen sind fiktiv, mit ein bisschen Phantasie jedoch nur einen Steinwurf von der Realität entfernt.

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Für meine Mutter, Hedwig Schneider, der ich unendlich dankbar bin.

Für Beate - für alles.

Inhalt

Widmung

Das gemeingefährliche Jahrgangstreffen - Kommissar Kellers erster Fall

Mordwind - Kommissar Kellers zweiter Fall

Mit der Ferkeltaxe durch das Diemeltal - Kommissar Kellers dritter Fall

Herrenabende auf Ratenzahlung - Kommissar Kellers vierter Fall

Danksagung

Das gemeingefährlicheJahrgangstreffen

Kommissar Kellers erster Fall

Prolog

Sonntag, 3. Juni 2012, gegen fünf Uhr morgens

Den Schatten, der im matten Licht der Straßenlaterne über sein Gesicht strich, nahm er nicht mehr wahr. Jörg Schultz schlief tief und fest auf dem frischgemähten Rasen, neben ihm eine ungeöffnete Flasche Dornfelder. Zuvor war er durch den großen Vorgarten die Treppen zum Haus seiner Eltern hinuntergestolpert. Ein verdächtiges Geräusch aus dem Gebüsch hatte ihn zwar kurz aufgeschreckt, er aber war, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, weitergetaumelt. Er scherte sich nicht darum, denn er war viel zu betrunken.

»Es war – Mist. Wo ist denn die Uhr geblieben? Hmmh, was soll’s, spät auf jeden Fall.«

Ernst sagte vorhin im Auto was von halb fünf. Er kam eben vom Jahrgangstreffen seines Grundschuljahrgangs. Viele der Gestalten hatte er über 20 Jahre nicht mehr gesehen. Kerstin hatte sie noch nach Hause gefahren. Sie, das waren Ernst, Susi und er. Ernst, der ist jetzt Polizist. Susi war und ist seine beste Freundin. Sie ist Sachbearbeiterin beim Landratsamt in Kassel. Kerstin arbeitet in Kassel in einer Bäckerei – oder war es eine Fleischerei?

Egal, sein vordringlichstes Ziel war es, unfallfrei das Bett in seinem Jugendzimmer zu erreichen. Sicher hatte niemand etwas dagegen, wenn er sich erst einmal auf den frischgemähten Rasen setzte und in die Sterne blickte - nur einen Moment. Das ging natürlich in der Rückenlage viel besser, daher legte sich Jörg lang auf den schon etwas feuchten Rasen. Keine zehn Sekunden später schlief er den Schlaf der Gerechten. Nach dem Schlag zuckte er nur kurz zusammen.

Kapitel 1

Freitag, 1. Juni 2012, 17.37 Uhr

Hallo Zusammen!

Hat nicht jemand von euch Lust, am Vorabend unseres Jahrgangstreffen mit mir einen vergorenen Traubensaft oder eine Hopfenkaltschale trinken zu gehen?

Meldet euch einfach unter 1337.

Viele Grüße, Ernst

Genauso hatte an einem Freitagabend, Anfang Juni 2012, für Kriminaloberkommissar Ernst Keller der ganze Ärger angefangen. Innerhalb von weniger als zehn Minuten bekam Keller die erste Antwort auf Facebook: Werner Kerstens, sein ehemals bester Kumpel aus Grundschultagen, saß im Eissalon Cortina direkt an der Hauptstraße und las den Pinnwandeintrag auf seinem Mobiltelefon. Die beiden verabredeten sich für den Abend, ein gemeinsamer Freund kam auch noch vorbei. Sie erlebten einen netten Abend im gut besuchten ›Fürstenkrug‹. Keller kam es gar nicht so vor, als hätten sie sich die letzten 25 Jahre nicht gesehen, geschweige denn nicht miteinander geredet.

Den größten Teil des Abends verbrachten sie damit, die wesentlichen Erlebnisse des letzten Vierteljahrhunderts aufzufrischen. Keller erzählte vom Abitur in Hofgeismar und den sich daran anschließenden vier Jahren als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Seinem Wunsch entsprechend war er zu einer Fernmeldeeinheit gekommen und hatte den größten Teil seiner Dienstzeit in Pinneberg verbracht. Dort hatte er auch Christiane kennengelernt. Schon mit dem Thema Elektronik vertraut, nahm er nach der Militärzeit ein Elektrotechnik-Studium in Kassel in Angriff. Jedoch interessierte ihn, den Praktiker, die theoretisch ausgerichtete Elektrotechnik mit ihren vielen Differentialgleichungen schon bald nicht mehr. Daher schlug er einen anderen Weg ein. Auch, weil die Abfindung der Bundeswehr schnell verbraucht war. Von seinem Vater brauchte er keine Unterstützung mehr zu erwarten. Der frühpensionierte Finanzbeamte kümmerte sich nur noch um den Garten und seine größte Leidenschaft, das Angeln. Um finanziell unabhängig zu sein, bewarb Keller sich für eine Ausbildung an der hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung. Da er gleichzeitig in Hessen bleiben, jedoch so weit wie möglich von zu Hause weg sein wollte, ging er nach Wiesbaden. Keller begann ein Studium und wurde nach drei Jahren Kriminalkommissar. Vor drei Jahren hatte er sich wieder nach Nordhessen versetzen lassen, nun war Kassel sein Dienstort. Er wohnte auch dort - und damit so weit wie praktisch möglich von seinem Vater entfernt.

Werner Kerstens hingegen war 1986 nach Berlin gegangen, um so der Bundeswehr zu entgehen. Er hatte im Lauf der Zeit etwas zugelegt und auch wesentlich weniger Haare als zu seinen besten Zeiten, als er einen blonden Zopf trug. Nach zehn Semestern Betriebswirtschaftslehre an der Freien Universität studiert arbeitete er nun in einer Werbeagentur. Er lebte immer noch in Berlin, mit seiner Frau und den beiden Kindern.

An jenem Abend kamen sie stets auf die ›guten alten Zeiten‹ zurück. Man sprach über die ›alten Recken‹ früherer Tage.

»Wo treibt sich eigentlich Bernd Winter rum?« Oder:

»Hast du mal was von Jörg Schultz gehört?«

Werner hatte Jörg Schultz vor einiger Zeit in Berlin getroffen. Dieser hatte beruflich dort zu tun. Keller fragte daraufhin neugierig nach, was sie in Berlin denn so getrieben hatten. Er kannte die Stadt ebenfalls ganz gut, schließlich hatte ein guter Freund von ihm lange dort gewohnt. Doch es schien, als wollte Werner diesem Thema ausweichen.

»Nichts Besonderes. Wir haben über die alten Zeiten und das Angeln geredet.«

Werner war seit frühester Jugend ebenfalls ein passionierter Angler. Keller dachte daran, wie oft er in Gesprächen zwischen Werner und seinem Vater als unwissender Dritter stumm danebensaß.

Gegen zehn Uhr wankte Keller nach dem Genuss von drei Gläsern Wein glücklich nach Hause. Als er im Bett lag, fühlte es sich so an, als würde sich die Welt um ihn herum drehen.

Kapitel 2

Sonntag, 3. Juni 2012, morgens

Als Keller am Morgen nach dem Klassentreffen aufwachte, erkannte er schnell, dass er an diesem Tag wohl keine Bäume würde ausreißen können. Er schlief in seinem alten Zimmer im oberen Stockwerk seines Elternhauses. Sehr oft war er in den letzten Jahren nicht hier gewesen. Das Grundstück seiner Eltern lag am Stadtrand, ein kleines Haus mitten im Wald. Bis er sich entschieden hatte, Polizist zu werden, kam er immer gerne hierher. Es war ›seine Oase in der Natur‹. Das änderte sich, als er sich am Ende seiner Bundeswehrzeit mit seinem Vater überworfen hatte. Grund für das Zerwürfnis waren seine Berufswahl zum Polizisten und die Trennung von Christiane.

Sein Vater hatte Kellers damalige Freundin sehr gemocht.

»So eine findest du nie wieder«, hatte er danach immer wieder zu seinem Sohn gesagt.

Mit seiner Mutter telefonierte Keller zweimal die Woche, war aber in den letzten Jahren nicht einmal mehr zu ihren Geburtstagen nach Hause gekommen. Hatte er mit seiner Mutter wenigstens noch telefonischen Kontakt, ging er seinem Vater konsequent aus dem Weg. Nahm Erwin Keller einmal das Telefon ab – was er zum Glück nur selten tat – gab er den Hörer unverzüglich an seine Frau weiter. Als diese jedoch hörte, dass ihr Sohn zum Jahrgangstreffen in den Ort kommen würde, hatte sie ihn sogleich zu einem Wochenende zu Hause verdonnert.

Langsam schlurfte Keller in seinem alten Trainingsanzug die steile Treppe hinunter und ging wie früher ins Esszimmer, wo der Tisch bereits für ihn gedeckt war. Er schaute auf die Uhr. Bereits Viertel nach zehn. Kerstin hatte ihn erst um Viertel vor fünf daheim abgeliefert.

Die Dusche hatte gutgetan, zum Frühstück bekam er Erdbeer-Rhabarber-Konfitüre, seine Lieblingsmarmelade und noch heiße Aufbackbrötchen aus dem Backofen. Seine Mutter leistete ihm Gesellschaft, sein Vater war beim Angeln. Gleich nach dem Mittagessen würde er, ohne seinen Vater noch einmal zu treffen, nach Kassel zurückfahren. Als er bei seiner zweiten Tasse Kaffee saß und müde die alte Kaffeekanne betrachtete, riss ihn das Telefon aus seinem Tagtraum von Prielblumen und Mainzelmännchen. Das Display des Handys zeigte eine ihm nicht bekannte Handynummer. Keller ging dran. Es meldete sich eine aufgeregte Frauenstimme.

»Hallo Ernst, ich bin’s, Susi. Komm bitte sofort nach Hofgeismar ins Krankenhaus, wir brauchen deine Hilfe.«

»Langsam, was ist denn passiert?«, fragte Keller.

»Jörg Schultz wurde heute Nacht niedergeschlagen und liegt nun mit einer schweren Kopfverletzung hier auf der Intensivstation.«

»Okay, ich bin unterwegs. Ist jemand bei dir?«

»Ja, Werner Kerstens, Heike Müller und Bernd Winter.«

»Gut, es ist wichtig, dass du jetzt nicht alleine bist.«

Keller hörte noch lange zu, dann brach er das Gespräch ab.

»Bis gleich.«

»Wer war das?«, fragte seine Mutter neugierig.

»Susi, Susanne Gierke. Es ist dringend, ich muss weg.«

»Aber zum Mittagessen bist du wieder da?«

»Ich glaub nicht, Mama.«

Als er eine halbe Stunde später im Krankenhaus in Hofgeismar ankam, saßen die vier in der Cafeteria. Sie wirkten niedergeschlagen, Heike musste viel geweint haben, ihre Augen waren stark gerötet. Susis blonden Schopf erkannte Keller schon von weitem. Sofort nahm sie ihn zur Begrüßung in den Arm.

»Schön, dass du da bist.«

Die großgewachsene und spindeldürre Heike war extra den weiten Weg von Göttingen zurückgekommen, als Susi sie angerufen hatte. Werner musste in zwei Stunden im Zug nach Berlin sitzen. Auf ihn wartete morgen ein voller Terminkalender, unter anderem hatte er einen Termin beim Notar.

»Wie geht es Jörg?«

»Die wollen uns doch nichts sagen. Wir wissen eigentlich nur, dass er noch lebt«, antwortete ihm Werner.

Sicher wollte Keller seine ehemaligen Klassenkameraden gerne schnell wiedersehen, doch so schnell dann auch wieder nicht.

Nachdem die Begrüßung beendet war und bereits quälendes Schweigen aufzukommen drohte, stellte Keller seine Fragen.

»Was ist genau passiert?«, fragte er in die Runde.

Es folgte ein unendlicher Moment quälender Stille. Sie hörten durch das offene Fenster einen Rollstuhlfahrer über den Parkplatz fahren. Das Quietschen seiner Räder durchschnitt den ruhigen Morgen wie ein scharfes Schwert.

Nachdem der Rollstuhlfahrer aus ihrem Sicht- und vor allem Hörfeld verschwunden war, ergriff Bernd mit zitteriger Stimme als Erster das Wort. Er trug die gleichen Klamotten wie am Vorabend, Jeans, ein schlappriges Sweatshirt und Turnschuhe.

»Wie kann so etwas passieren, kannst du mir das mal erklären?«

Keller schwieg, naturgemäß konnte er die Frage nicht beantworten.

Er wandte sich an Susi: »Kerstin hat uns doch heute Morgen alle nach Hause gefahren. Dabei hat sie zuerst mich abgesetzt, anschließend wird sie vermutlich Jörg und dich noch auf euren Berg gefahren haben. Wenn ich mich recht erinnere, wohnt ihr in der gleichen Straße, du jedoch etwas unterhalb. Wer von euch ist zuerst ausgestiegen?«

»Wir sind beide bei uns ausgestiegen, Jörg war ja nicht mehr so recht beieinander. Kerstin hat oben gedreht, ich habe ihr Auto auch noch an unserem Grundstück vorbeifahren hören. Jörg wollte die letzten Meter unbedingt alleine gehen. Ich habe ihn stehen lassen, ich musste gerade dringend aufs Klo.«

»Kerstin ist also diejenige, die ihn als letzte unverletzt gesehen hat.«

»Ja, im Vorbeifahren sozusagen.«

Keller spürte Unbehagen in sich aufsteigen.

»Ist euch sonst irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Hatte Jörg Feinde oder irgendwelche Probleme? Gab es auf dem Treffen irgendetwas Außergewöhnliches, einen Streit vielleicht? Vor allem zum Ende hin, wo viele schon nicht mehr so ganz nüchtern waren?«

Wie aus heiterem Himmel platzte es aus Heike heraus: »Jörg und Kerstin! Sie hat ihm ja auch schon früher immer schöne Augen gemacht. Außerdem bin ich gestern Abend gerade in dem Moment vorbeigelaufen, als sie ihm angeboten hat, ihn nach Hause zu fahren.«

Alle starrten Heike überrascht an.

»Wie ihr wisst, kenne ich Jörg Schultz ziemlich gut. Wenn da etwas wäre, so wüsste ich das bestimmt. Jörg war außerdem dicht wie eine Strandhaubitze, er wollte sicher nur noch in sein Bett«, erwiderte Susi ruhig.

Eher zufällig wandte sich Keller an den gerade neben ihm stehenden Bernd Winter.

»Es könnte ihm auch jemand aufgelauert haben, der das Treffen schon früher verlassen hat?«

»Was schaust du mich dabei so an, drehst du nun völlig ab?«

Keller ging jedoch nicht auf den Vorwurf ein.

»Ich will zunächst einmal mit Kerstin reden. Das passt ganz gut, ich muss sowie nach Kassel zurück, wir haben für heute Abend Opernkarten. Auf dem Weg kann ich kurz bei ihr vorbeifahren oder mich irgendwo mit ihr treffen.«

Werner ergriff das Wort: Ich möchte – vermutlich spreche ich für uns alle –, dass du dieses Drecksschwein findest und in den Knast bringst.«

»Ich verspreche euch, dass ich das Menschenmögliche tue, um den Fall zu lösen. Schließlich will ich auch bei unserem nächsten Treffen 2017 mit euch allen ein Bier trinken und auf die guten alten Zeiten anstoßen. Doch erst einmal werde ich jetzt in Erfahrung bringen, wie es Jörg eigentlich geht.«

Nach gut fünf Minuten kam Keller zurück.

»Er ist immer noch nicht erwacht und schwebt auch noch immer in Lebensgefahr. Seine Eltern sind bei ihm.«

Heike fing wieder an zu weinen.

Im selben Moment sah Keller durch das Fenster zum Parkplatz, wo sich ein alter roter Opel Corsa quer über zwei Behindertenparkplätze stellte.

»Mist, der hat uns gerade noch gefehlt.«

Bernd schaute ihn fragend an.

»Was ist denn los?«

»Wir bekommen gleich Besuch von der Lokalpresse. Holger E. Meier, Redakteur der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung.«

»Ein Freund von dir?«, hakte Heike nach.

»Ganz im Gegenteil. Ich lese zwar jeden Tag seine Zeitung, ihm aber gehe ich aus dem Weg, wo ich nur kann. Immer, wenn sich ein Treffen nicht vermeiden lässt, giften wir uns an. Ihr werdet es gleich sehen.«

Meier kam durch die Tür zur Cafeteria. Ausgelatschte Turnschuhe und die unvermeidliche Jeansjacke, so kannte ihn Keller. Sein weißes Hemd hatte einen offenen Knopf.

Kellers Hirn arbeitete »Hatte er sich heute etwa rasiert? Und was wollte er mit dem Blumenstrauß?«

Als Meier seinerseits Keller erblickte, zogen sich für einen kurzen Moment seine Gesichtszüge zusammen. Dann grinste er - dämlicher Blick und schiefe Zähne inklusive.

»Ernst, was musst du jetzt schon sonntags deine SOKO Märchenland antreten lassen? Gönn ihnen doch auch mal ein freies Wochenende.«

Für alle überraschend meldete sich Werner zu Wort.

»Ernst, nimm ihn doch bitte gleich fest. Erstens parkt er auf einem Behindertenparkplatz, zweitens geht sicher bald eine Anzeige für dreistes Blumenpflücken in irgendeiner Parkanlage ein.«

Keller grinste. Werner hatte es - ohne Meier zu kennen - schon ganz gut getroffen. Ihm war jedoch klar, dass Meier das nicht auf sich sitzen lassen würde.

»Schade, Keller, ich hätte deinem Spaßvogel hier gerne noch etwas zugehört. Leider bin ich schon spät dran, die Besuchszeit ist gleich vorbei.«

Weg war er.

Jetzt war es Heike, die ihm noch hinterher rief: »Dringende Fälle behalten sie auch gerne gleich da.«

Ein Lächeln ging über ihre Gesichter. Es verschwand jedoch ebenso schnell, wie es gekommen war.

»Erzählt dem Kerl bloß nichts - in eurem eigenen Interesse.«

»Keine Angst. Du willst gehen?«

»Ja, Heike, ich muss.«

Keller fiel ein, dass er noch etwas vergessen hatte.

»Werner, hast du mal einen Moment?«

Überrascht sah dieser Keller an. Es dauerte einen Moment zu lange, bevor er Keller antwortete.

»Tut mir leid, ich muss zurück nach Berlin. Ich rufe dich aber nachher an.«

Schnell drehte er sich um und wandte sich den beiden Frauen und Bernd Winter zu, um sich von ihnen zu verabschieden.

Keller stieg in den Dienstwagen, einen dunkelblauen Audi A3, und fuhr wieder nach Bad Karlshafen zurück. Sein Ziel war jedoch noch nicht der Tatort, sondern der hoch über der Stadt gelegene Sängertempel. Er musste nachdenken. Keller holte seinen iPod aus der Jackentasche und setzte den Kopfhörer auf. Mit seiner Musik im Ohr kamen ihm immer die besten Gedanken. Er hörte gerade Mucke der ausgehenden 70er-Jahre, allesamt Titel, die er damals zunächst vom Radio aufgenommen hatte. ›Schlagerrallye‹, ›Mal Sondocks Hitparade‹ und ›Internationale Hitparade‹. An diese glückliche Zeit unbeschwerter Jugend erinnerte er sich immer gerne zurück. Bei ›So lonely‹ von The Police reifte ein unangenehmer Gedanke wie ein Giftpilz in ihm heran: All seine Freunde und Mitschüler kamen als Täter in Betracht. Kerstin als ihre Chauffeurin an diesem Morgen hatte das Opfer als letzte gesehen. Der Aussage von Heike musste er nachgehen. Wirklich ausschließen konnte man nur die, die nach ihnen noch auf dem Treffen geblieben waren – das waren rund zehn Personen. Er dachte auch an die komische Reaktion von Werner. War er so geschockt oder ging er Keller aus dem Weg? Jörg Schultz war kein einfacher Mensch, wer weiß, wer da noch alles eine Rechnung offen hatte. Für Keller gab es wenig Zweifel, dass der Täter wohl aus dem Kreis der ehemaligen Mitschüler kommen würde. Er wusste zum Glück, dass er selbst es nicht gewesen sein konnte. Aber wussten die anderen es auch?

Noch als er im Krankenhaus war, hatte er sich von Staatsanwalt Hoppe den Fall übertragen lassen, nun plante Keller seine weiteren Schritte: Zunächst musste er die Organisatorinnen des Treffens um die Liste mit allen Zusagen bitten. Er dachte nach: Sie hatten doch die alten Klassenfotos nachgestellt, das könnte ein erster Anhaltspunkt sein, wer alles dort war. Bestimmt kam er schnell an die Fotos. Doch wer hatte überhaupt fotografiert? Für die Auswertung, wer zu welchem Zeitpunkt anwesend war, müsste man dann wirklich alle Fotos dieses Abends sichten. Diese Aufgabe blieb ganz allein ihm überlassen. Schließlich kannte er seine Mitschüler am besten. Ihn schauderte bei dem Gedanken, hunderte schlechter Handyfotos anschauen zu müssen - unscharfe Schnappschüsse und entgleiste Gesichtszüge inklusive. Anschließend galt es, anhand der Liste und der Fotos einen ersten Kreis von Verdächtigen zu identifizieren. Und was noch? Tatortbesichtigung! Da führte kein Weg dran vorbei. Zudem musste man mal abwarten, was die Spusi herausfand. Keller rief Kneipp, den zuständigen Beamten vor Ort, an und verabredete sich mit ihm am Tatort. Der zweite Anruf war ebenso unangenehm. Er musste Herta Engel - Engelchen - anrufen, seine Assistentin. Das mach ich nachher im Auto, sagte er zu sich. Keller warf einen letzten Blick auf die vor ihm liegende Stadt. So ruhig und unschuldig, beinahe verschlafen lag sie vor ihm, eine weiße Stadt im Grünen. Momentan jedoch war sie befleckt vom Blut von Jörg Schultz. Im gleichen Moment wanderten seine Augen unwillkürlich zum Waldrand in Richtung der alten Grundschule, zum Tatort. Der Supertrampsong ›Breakfast in America‹ erinnerte ihn daran, dass er vorhin sein Frühstück abgebrochen hatte. Keller stand auf und kehrte über den steilen Fußweg zum Auto zurück.

2./3. Juni 2012 - Die Nacht des Jahrgangstreffens

Keller war am Abend des Jahrgangstreffens um halb acht mit Werner verabredet gewesen, weil Werners Vater sie dann zu dem Treffen in den drei Kilometer entfernten Nachbarort fahren sollte. Während der Fahrt sprachen sie beide kein Wort. Keller spürte die Nervosität am ganzen Körper. Er fing immer wieder an, sich an seinem frischen Mückenstich oberhalb des Knies zu kratzen. Nicht mehr lange und der Stich würde ganz blutig sein. Die Fahrt dauerte keine zehn Minuten, Keller ließ Werner den Vortritt. Bereits an der Tür wurden sie von Andrea, Tanja und Stephanie begrüßt. Die ›fleißigen Lieschen‹ hatten in den vergangenen zwölf Monaten alle zweckdienlichen Hinweise gesammelt, um auch den letzten Schüler zum heutigen Treffen einladen zu können. Bis auf fünf Personen hatten sie auch alle gefunden - gute Ermittlungsquote. Von diesen fünf lebte einer vermutlich in Serbien und zwei irgendwo in Brandenburg beziehungsweise Mecklenburg-Vorpommern. Nur von den letzten Beiden fehlte wirklich jede Spur.

Keller ging nach der Begrüßung durch die Gastgeberinnen zu Matthias. Auch ihn hatte er ewig nicht gesehen.

Immer wieder gab es in den folgenden Stunden die gleichen Dialoge: »Und wer bist du noch mal?«, gerne auch: «Sag nichts, ich komm gleich drauf.«

Mehr und mehr genoss Keller das Gespräch mit Werner Kerstens, Susi Gierke, Bernd Winter und Heike Müller. Immer wieder unterhielt man sich zusammen oder in ständig wechselnden Zweiergesprächen. Da Susi dabei war, kam auch ihr alter Freund und Nachbar Jörg Schultz immer mal wieder vorbei. Keller und Jörg kamen nur einmal kurz in die Verlegenheit, miteinander sprechen zu müssen. Bereits nach drei Sätzen hatten sie sich nichts mehr zu sagen.

Keller beobachtete seine ehemaligen Mitschüler mit großer Neugier. Berufskrankheit, schoss es ihm durch den Kopf, und er musste innerlich grinsen. Sie hatten den großen Saal des Lokals in Beschlag genommen. Neben den rund fünfzig ehemaligen Schülern und drei der damaligen Lehrer saßen lediglich einige ›Stammkunden‹ bei Wirt Berthold an der Theke. Die meisten davon kannte Keller. Sie waren früher im gleichen Verein gewesen oder hatten sonst irgendwie etwas miteinander zu tun gehabt. In einem so kleinen Ort konnte man sich ja nicht so einfach aus dem Weg gehen. Später am Abend sprach er noch kurz mit seinem alten Kumpel Berthold, mit dem er in Jugendzeiten viel auf Achse war. Für ein gemütliches Gespräch war es zugegeben der falsche Abend. Das wollten sie aber schon bald nachholen, versicherten sie sich gegenseitig. Alfred, der Schlossergeselle, grüßte freundlich und lud Keller auf ein Bier ein. Der lehnte jedoch ebenso freundlich ab, er wollte nach den drei Gläsern Wein gestern heute nichts Alkoholisches trinken. Außerdem, so erklärte er Alfred, würde er heute Abend lieber mit den Leuten reden, die er zum Teil zwei Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte. Für ein Bierchen unter Freunden bliebe ja immer noch Zeit. Alfred grinste. Er verstand das und bestellte statt eines zweiten Bieres für Keller nun einen Korn für sich.

Sonntag, 3. Juni 2012 - später Vormittag

»Hallo, Herr Kommissar. Ich wähnte Sie bereits im Ferienflieger nach Malle?«

Polizeioberkommissar Marcus Kneipp hatte noch geschlafen, als Kellers Anruf ihn erreicht hatte. Nun wartete er bereits am Tatort, als Keller eintraf. Kneipp hatte kurzes, schwarzes Haar und trug einen Schnauzbart sowie fast immer eine Sonnenbrille.

»Moin, Kneipp. Ja, ursprünglich sollte es auch übermorgen losgehen. Die Badehose und den Schachcomputer hatte ich schon rausgelegt. Sogar das E-Book des neusten Périgord-Krimis habe ich schon im Internet gekauft, ich muss es nur noch auf meinen E-Reader laden. Gestern Abend hatten wir jedoch das Wiedersehen unseres Grundschuljahrgangs. Das Opfer hier ist einer meiner ehemaligen Mitschüler.«

»Oh, das tut mir leid. Waren Sie eng miteinander befreundet?«

»Nee, das würde es nicht ganz treffen.« Im selben Moment wunderte sich Keller über den Inhalt und vor allem die Intonation seiner Antwort.

Dementsprechend reagierte Kneipp.

»Erzählen Sie mir was über Ihr Motiv?«

Keller schluckte, bevor er antwortete.

»Gott bewahre. Ich will nur wissen, wer ihm das angetan hat. Daher habe ich in Kassel auch um die Übernahme des Falls gebeten.«

Er bückte sich und band sich zum Schein den Schuh zu. Kneipp sollte nicht merken, dass er weniger Mitleid mit Jörg Schultz hatte, als mancher vielleicht dachte.

Um seine Verlegenheit zu überspielen, stellte er seine Standardfrage: »Und Kneipp, was haben wir?«

»Die Nachbarin, Edelgard Langenhagen, hat ihn gefunden, als sie um ca. sieben Uhr mit ihrem Hund raus ist. Der Gartenzwerg, mit dem das Opfer angegriffen wurde, heißt übrigens Klausi und stammt aus ihrem Garten. Sie ist nicht besonders gut auf das Opfer zu sprechen. Er und seine Brüder haben ihr früher sehr viel Ärger gemacht. Sie kennen das ja. Die üblichen Streiche, die man als Halbwüchsiger so anstellt: Klingelmännchen am späten Abend, Alkohol in den Trinknapf des Hundes, dazu laute Musik und fortgesetztes Kirschen-Klauen im Sommer. Mit den Jahren ist aus den ›Lausbuben‹ ja ›was geworden‹. Da hat sich das Verhältnis einigermaßen normalisiert. Die Brüder wohnen auch schon lange nicht mehr hier, die Zeit heilt wirklich viele Wunden.«

»Was hat denn Frau Langenhagen gemacht, nachdem sie das Opfer entdeckt hat?«

»Sie ist sofort ins Haus gelaufen und hat den Notarzt gerufen. Bis der hier war, hat sie die blutende Kopfwunde behandelt, sie war früher beim Roten Kreuz. Ohne ihre Hilfe hätte Schultz den Angriff vermutlich nicht überlebt.«

»Gibt es noch weitere Verletzungen? Ich konnte bislang nur mit einer Krankenschwester sprechen.«

»Nein, offensichtlich nur der Schlag auf dem Kopf, ausgeführt mit einem stumpfen Gegenstand, vermutlich dem Gartenzwerg. Der ist zwar aus Plastik, doch mit ausreichend Wucht und an der richtigen Stelle kann er auch einen so großgewachsenen Mann wie Schultz niederstrecken. Ob ein Kampf stattgefunden hat, wird der Befund des Arztes zeigen.«

»Wann kommt die Spusi?«

»Die haben sich für heute Nachmittag angekündigt. Sie untersuchen gerade eine Gasexplosion in Grebenstein. Dr. Thiel bringt auch einen Hund mit.«

»Prima. Was ist mit den Eltern?«

»Die haben geschlafen und können nichts sagen. Frau Schultz war in der Nacht einmal zur Toilette, da war ihr Sohn aber noch unterwegs. Sie sind wohl immer noch bei ihm im Krankenhaus«

»Da fahr ich jetzt auch noch einmal hin. Wenn Sie etwas Neues erfahren, lassen Sie es mich bitte gleich wissen. Gute Arbeit, insbesondere für einen Sonntagmorgen.«

»Geht klar, Herr Kommissar. Ein Lob aus Ihrem Mund höre ich natürlich gerne.«

»Eines noch: Ich habe vorhin meine Assistentin angerufen und sie in den Dienst beordert. Engelchen soll die Liste der Teilnehmer besorgen und die Kameras konfiszieren. Ich freue mich schon jetzt auf die wütenden Anrufe von Andrea und Stephanie.«

Abrupt stoppte er seine Rede, da in diesem Moment ein klappriger roter Corsa die Straße hinaufkam. Wie hat die Presse das so schnell herausbekommen, fragte sich Keller. Er hatte doch alles vermieden, was irgendwelche Hinweise auf den Tatort hätte geben können.

»Kommen Sie, lassen Sie uns schnell abhauen.«

Kneipp sah das Auto und seinen Halter. Sogleich schloss er sich Keller an.

Die gut zwanzig Kilometer Bundesstraße bis zur Kreisklinik Hofgeismar erschienen ihm wie eine Fahrt auf einem Highway in Alaska - sie dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Vielleicht einfach deshalb, weil er diesen Weg nicht fahren wollte und weil das, was auf ihn wartete, nicht angenehm sein konnte. Als er wieder die Cafeteria betrat, saßen Susi und Heike immer noch da. Er ging kurz zu ihnen, vielleicht gab es ja etwas Neues über Jörg Schultz zu erfahren. Sie wussten aber nur zu berichten, dass Werner im Zug nach Berlin saß und Bernd Winter bei seiner Familie in Deisel war. Sie wollten noch ein bisschen im Krankenhaus bleiben, wahrscheinlich warteten sie auf ein Wunder.

Dr. Herbst hatte die Schicht beendet. Er hatte morgen einen Termin in Kassel und würde erst Dienstag wieder im Krankenhaus sein. Es blieb Keller also nichts anderes übrig, als mit Dr. Köhler zu sprechen, dem verantwortlichen Arzt an diesem Sonntagmittag. Köhler teilte ihm mit, dass die Verletzung sehr schwer sei, der Patient jedoch eine 50–50-Chance hätte, den Überfall zu überleben. Herbst, so Köhler weiter, hatte schon mit dem Rechtsmediziner Dr. Thiel gesprochen. Dieser wollte den Patienten morgen aus kriminaltechnischer Sicht untersuchen. Dann ließe sich auch mehr über einen etwaigen Kampf sagen. Vielleicht gab es ja DNA-Material, das man verwenden könnte.

2./3. Juni 2012 - Die Nacht des Jahrgangstreffens

Es muss so gegen neun Uhr gewesen sein, als Tanja, Andrea und Stephanie auf die Idee kamen, die Klassenfotos vom 17. Januar 1976 nachzustellen. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn es waren noch alle ehemaligen Schüler in Bertholds Gastwirtschaft. Der Grundschuljahrgang bestand aus drei Klassen mit jeweils rund 25 Schülern. Während die zugehörigen Veteranen die Klassen ›a‹ und ›b‹ von damals nachstellten, kam ein groß gewachsener Blondschopf ziemlich abgekämpft in die Gastwirtschaft. Er sah die Aktivitäten und stellte grinsend fest: »Zum Glück nicht meine Baustelle.«

»Stefan, wo bleibst du denn? Wir haben unser Klassenfoto längst gemacht - ohne dich.«

Er hing seine Jacke auf.

»Sorry, Andrea, ich musste erst noch duschen. Wir haben bis vor einer halben Stunde noch auf unserem Bau gearbeitet. Aber lasst euch nicht stören. Das Foto ist ohne mich sowieso viel schöner. Ich brauch jetzt erst einmal ein Bier.«

Die dritte Klasse, die ›c‹, war dran. Die Fotografin rückte die Gestalten noch etwas zurecht. Keller saß, wie damals, neben seinem alten Kumpel Werner. Alle witzelten ausgelassen über Äußerlichkeiten - vor allem über nicht mehr vorhandene, graue und gefärbte Haare.

Nach dem Fototermin traf Keller auf Stefan Fischer, den ›späten Gast‹.

»Und ihr baut jetzt?«

»Nur ein Anbau. Jetzt wo unsere Tochter Erika da ist, wollen wir nicht mehr meinen Schwiegereltern so nah auf der Pelle sitzen.«

»Gratulation zu Frau, Kind und Haus. Du bist mir in allen Punkten meilenweit voraus.«

»Aber schau dir mal meine Hände an. Ganz ruiniert vom ständigen Steine schleppen. Aber zu dir, mein Lieber: Bist du nicht auch schon ewig mit deiner Freundin zusammen, Angela, richtig? Außerdem wirst du doch bestimmt das Haus deiner Eltern übernehmen?«

»Angelika heißt sie, alles andere stimmt.«

Keller überlegte, ob er Stefan sein Leid über Angelika und ihr ständiges Verlangen nach Kultur und Empfängen klagen sollte. Die angeblich ›wichtigen Menschen‹ dort waren in Kellers Augen in der Hauptsache nur Wichtigtuer, mit ihnen hatte er nichts am Hut. Er wollte ansetzen, da störte Alfred Timmermann das Gespräch. Damit war das Thema wohl erledigt.

Er wollte gerade gehen, als Stefan Kerstin mit einer gespielten Empörung begrüßte. Sie baute sich regelrecht vor ihm auf, holte tief Luft und begann ihre Rede:

»Weil ihr vorhin nicht gehen wolltet, musste ich heute Abend Überstunden machen.«

»Tut mir leid, aber wenn Dieter erst einmal ins Erzählen kommt, kann man ihn nur schwer bremsen. Was müsst ihr denn auch beide so gerne Motorrad fahren? Aber der Frankfurter Kranz von Bettina war sehr lecker.«

Keller ging noch einmal nach draußen, er brauchte frische Luft. Seine Klamotten stanken schon jetzt total nach Rauch, in Hessen gab es zu seinem Ärger beim Rauchverbot in Kneipen immer noch Ausnahmen für ›Geschlossene Gesellschaften‹.

Sonntag, 3. Juni 2012, früher Nachmittag

Das Telefonat mit Angelika war ebenso kurz wie unerfreulich. Keller hatte den für den gleichen Abend geplanten Opernbesuch sowie ihren gemeinsamen Urlaub kurzerhand abgesagt. Er hatte eine Scheißlaune. Nach all den Scherereien mit dem neuen Fall war ihm überhaupt nicht mehr nach Oper. Und schon gar nicht nach dem ›Fliegenden Holländer‹. Angelika war verständlicherweise stocksauer und wollte nun ihren Nachbarn Claudius bitten, sie zu begleiten. Sie wusste ganz genau, dass Keller den ›gelackten Immobilienarsch‹ überhaupt nicht leiden konnte und dass ihn das richtig ärgern würde. Keller hatte jedoch im Augenblick andere Sorgen und für solche ›Kinkerlitzchen‹ überhaupt keinen Sinn. Schnell verdrängte er, angesichts dessen, was ihm nun bevorstand, die unangenehme Situation sowie das von Angelika anberaumte ›Beziehungsgespräch‹. Sie wollte diese Gelegenheit sicher dazu nutzen, um Keller davon zu überzeugen, endlich mit ihr zusammenzuziehen. Vielleicht hatte sie auch einfach keine Lust mehr. Doch war das im Augenblick nicht wichtig: Er hatte sich für 16:00 Uhr mit Kerstin verabredet, die am Telefon kurz angebunden war und eigentlich gar keine Zeit zu haben schien. Keller hatte das Gefühl, das sie sich vor dem Gespräch drücken wollte. Keller nahm sie ungewöhnlich hart an die Kandare und ließ ihr nur die Alternative, am folgenden Tag einer Vorladung ins Polizeipräsidium Folge zu leisten. Unfreiwillig stimmte sie einem Treffen in der Karlsaue zu.

Keller hatte ihren Treffpunkt an der Orangerie noch nicht erreicht, da konnte er Kerstin ihre schlechte Laune bereits ansehen. Ihm ging durch den Kopf, dass sie mit ihrem wütenden Stechschritt sicher auch in Nordkorea ein gutes Bild abgeben würde. Er wurde wieder ernst. Das Treffen würde kein Vergnügen werden, schon gar nicht unter dem Vorzeichen, dass Keller sie quasi dazu gezwungen hatte.

»Hallo Kerstin! Schön, dass es geklappt hat.«

Sie grüßte nur kurz, sichtlich widerwillig ließ sie sich von Keller in den Arm nehmen.

Keller fand seine Meinung vom Vorabend bestätigt, dass ihr die langen Haare besser gestanden hatten. Nun trug sie ihr brünettes Haar ganz kurz. »Aber das gelbe Sommerkleid steht ihr gut«, dachte sich Keller.

»Mach bitte schnell, ich habe nicht viel Zeit. Ich habe gleich schon wieder meine nächste Verabredung.«

Keller überlegte. Irgendwie kannte er seine einstige Kurz-Beziehung aus früheren Schulzeiten gar nicht wieder. Sie gingen ein wenig durch den Park. Keller brach das Schweigen.

»Also gut, ich muss einem Hinweis nachgehen, den ich in unserer Sache erhalten habe.«

»Jetzt bin ich aber mal gespannt, welchen alten Kaffee du nun wieder aufwärmen willst.«

Keller zuckte zusammen. Woher wusste sie das? Stammelnd begann er.

»Ich weiß ja, dass du schon immer eine Schwäche für Jörg Schultz hattest. Auch auf unserem Treffen am Samstag sollst du ihm ein eindeutiges Angebot gemacht haben«

Keller machte eine rhetorische Pause.

»Stimmt das?«

Er merkte, wie Kerstin ihre Energie sammelte. Gleich würde die Verärgerung wie ein Vulkan mit aller Macht aus ihr herausbrechen.

»Sag mal, hast du sie noch alle?«

Wutschäumend ging sie auf Keller zu. Sie stellte sich so dicht vor ihm auf, dass er die irritierende Mischung ihres Kaugummiatems und ihres verführerischen Parfüms riechen konnte. Er spürte kurz die Rundungen ihres Busens, fürchtete jedoch im selben Moment, gleich ihr Knie in seinem Unterleib zu spüren zu bekommen. Doch stattdessen fühlte er nur den starken Stoß vor die Brust. Sie hatte ihn weggeschubst.