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"Das Leben ist rund aber manchmal hat es eben seine Ecken!", sagte der Direktor zu Rotschopf und stellte ihn ein. Verfolgen Sie gespannt Rotschopfs Weg durch die Schulen, durch die Lehrzeit und das Studium. Erleben Sie die Hürden einer Promotion. Erfahren Sie von Rotschopfs Erfolgen und seine Niederlagen, von der Liebe und den Freundschaften, die das Salz des Lebens sind. Die "Mosaiksteine des Lebens", das sind heitere und ernste Erlebnisse aus der Zeit des Erwachsenwerdens, die sich tief ins Gedächtnis prägten. Sie werden zu Erfahrungen, Erkenntnissen, Haltungen und Lebensmaximen. Auch im zweiten Band der "Mosaiksteine des Lebens" spürt der Autor den wichtigen Fragen nach: - Wie und wodurch wächst und reift der Mensch? - Wie und warum wird er der, der er ist und bleibt? Gottfried Rössel
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2019
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In dankbarer Erinnerung an meine Freunde, die Lehrer, die Assistenten, die Dozenten und Professoren, die viele Wege ebneten.
Nach dem der erste Band der „Mosaiksteine des Lebens“ mit Interesse, Zustimmung und hilfreicher Kritik aufgenommen wurde, legt der Autor nun den zweiten Band vor.
Rotschopf muss nun erwachsen werden. Die Freuden und Schwierigkeiten dieser wichtigen Entwicklungsphase sind eingebettet in die sozialen und politischen Gegebenheiten der DDR, die in erbitterter Ost - West - Konfrontation existieren muss.
Das Leben ist reich an Hoffnungen und Enttäuschungen, Erfolgen und Niederlagen, Freundschaften und Liebe. Ein junger Glückssucher ist unterwegs, verfolgen Sie seine Wege.
Ich wünsche Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, viel Vergnügen und ein gutes Maß an Erkenntnisgewinn!
Ihr Gottfried Rössel
Vorwort:
Weitergehen
Vom Geben und Nehmen
Herzensliebes Fräulein
Über den Berg kommen!
Die Bolde
Das Memorandum
Darf ich bitten?
Gefangen
Die Weichen des Lebens
Ein Schritt zurück, zwei Schritt nach vorn!
Die Schnapsideen
Die Herrlichkeit und das Grauen
Die verrückte Stadt
Wenn es einmal anders kommt…
„Studere“ heißt sich bemühen!
Eine Einmischung
Spurwechsel
Per Fahrstuhl in den Himmel
Der Dritte Weg
Das Ding mit Kurt und Walter
Der Wirtin - Verse
Die Feuerwehrhose
Die Weltveränderer
Für uns sollte es immer rote Rosen regnen!
Das Problem und seine Lösung
Kaltes Wasser
Die Bureau-Ordnung 1863
Borovezer Gespräche
Biografie
Wie die Schwärme der Zugvögel zu dieser Zeit, so kamen sie eines Morgens, Anfang September, nach Neuoelsnitz. Über vierzig junge Leute, die meisten auf ihren Fahrrädern. An der Schulstraße, vor der „Adolf-Hennecke-Schule“, kamen die Gruppen zum halten. Die Räder wurden abgestellt und alles drängelte durch die breite, schwere Eingangstür.
Sie kamen aus Oelsnitz, Lugau, Niederdorf, Niederwürschnitz, Oberwürschnitz, Erlbach und Hohndorf, vielleicht ist noch ein Ort vergessen, egal. Ein paar Neuoelsnitzer waren dann auch noch dabei. Die hatten es gut, sie wohnten gleich um die Ecke.
Die „Hennecke Schule“ wurde ab 1.9.53 „Mittelschule“ und bot nun die Klassen 9 und 10 an, mit dem Abschluss „Mittlere Reife“. Deshalb also der Andrang. In den Wochen vor Schulbeginn, gab es denkwürdige Gespräche in den Bergarbeitersiedlungen. Da fragte die neugierige Nachbarin:
„Noah, woas mocht de dei Gung noach dr Schul?“ Die Antwort: „Noh der gieht feih weiter!“ Die erstaunte Reaktion der Nachbarin: „Noah doah!“
Das war vielleicht Staunen oder Verwunderung? Es konnte aber auch heißen, wozu denn sowas? Ihr spinnt doch, was soll das denn? Vielleicht auch, könnt ihr euch denn das leisten?
Lugau /0elsnitz war traditionelles Kumpelland, „hier ging man nicht weiter!“ Hier ging man nach der Grundschule auf den Schacht. Und „de Madels“ ,die gingen in die Spinnerei oder in die Strumpfbude. Da verdienten sie etwas Geld und konnten warten, bis sie einer heiratete.
Wieso sollten die noch zur Schule gehen? Sagten die Mütter.
Und wozu auch noch zur Mittelschule, immer diese neumodischen Dinge! Musste das denn sein? Es ging doch bisher auch ohne! So hat es sicher in den Bergarbeiterfamilien lange Diskussionen darüber gegeben, wie dieses „Weitergehen“ des Sohnes oder der Tochter wohl funktionieren sollte.
Zuerst kam dann sicher das Wirtschaftsgeld zur Sprache. Konnte man darauf verzichten? Hatte man genug, um die Kinder weiter mit Essen, Kleidung, Büchern und einem kleinen Taschengeld zu versorgen? Dann kamen schon die nächsten Fragen: Was konnte man mit der zehnten Klassenschule anfangen? Wo wurde jemand mit der „Mittleren Reife“ gebraucht?
„Ach so, zum Abitur sollte es weitergehen? Und wer sollte das bezahlen? Und dann mit Abitur, was sollte man dann machen? Ach so, studieren und wer bezahlt das? Stipendium sollte es geben, aber für wen und wie viel?
Hundert Fragen, wenig sichere Antworten. Man ging also ins Risiko. Und risikofreudig waren die Kumpels bestimmt nicht. Ihr Beruf und die ständige Lebensgefahr machten sie eher risikoscheu. Da staunte Rotschopf, als der Vater sagte: „Aber wo gehen gute Dinge ohne ein gewisses Risiko?!“ Ohne lange zu reden, machte er sich daran, die notwendigen Papiere für seinen Sohn zu unterschreiben.
Damit war Rotschopf nun auch ein „Weitergeher“.
Die jungen Leute kamen voller Neugierde und voller Erwartungen. Schwung und Elan war bei allen erkennbar. Ein paar besonders Gute kamen schon mit Visionen. Sie wollten Tierarzt oder Apotheker, Chemiker oder Diplomingenieur werden. Aber das waren sicher die Ausnahmen. Die meisten wollten erst einmal etwas lernen, alles Weitere würde sich dann später finden.
Für diese Schule war man ausgewählt worden. Man musste „feih ah`genomme wärn.“ Von 24 Achtklässlern waren dann vielleicht vier dabei.
Als erstes kam die Begrüßungsrede des Direktors. Rotschopf lehnte sich zurück, er wusste, dass ihn solche Reden langweilten. Alles bekannt, dachte er: Aufbau des Sozialismus und besseres Leben, neuer Lebensabschnitt mit neuen Herausforderungen. Fleiß, Ausdauer und Mut sind gefragt. Die Lehrer sind eure Helfer und an eurer Seite. Löst alle Probleme gemeinsam. Und dann am Ende natürlich viel Erfolg, viel Gesundheit und auch die besten Grüße an die Eltern. Das war es doch? Nicht ganz! Da kamen noch zwei, drei Sätze:
„Vergesst es nie, ihr werdet dringend gebraucht, euer Können, euer Wissen, eure Tatkraft, das alles ist sehr wichtig! Das Land braucht euch! Die Menschen warten auf euch! Ohne euch wird es künftig nicht gehen!“
Fast sicher, dass Rotschopf damals über diese Sätze gelächelt hat. Vielleicht sagte ein Anderer auch: „Ganz guter Abgang!“ Wieder einer merkte lässig an: „Alles bekannt, naja was solls?“
Wie sollten diese Vierzehnjährigen damals auch begreifen, dass hier ein ganzes Staatsprogramm in wenigen Sätzen steckte? Gebraucht werden, ich, du, er, wir, alle?
Den wirklichen Wert dieser wenigen Sätze hat Rotschopfs Generation erst mehr als dreißig Jahre später verstanden. Als zur Wende und danach viele, viel zu viele, nicht mehr gebraucht wurden. Keiner auf sie wartete, keiner nach ihnen fragte, keiner sie einsetzen wollte, weil sie einfach überflüssig waren. Ihr Wissen, ihr Können, ihre Erfahrung, ihr Engagement, ihr Leistungswille war über Nacht wertlos geworden.
Gebraucht werden, welch ein Glück, haben damals sicher viele gedacht. Sie konnten sich mit der neuen Situation nicht abfinden, konnten es nicht fassen, nichts mehr wert zu sein.
Wenn man es weiterdenkt, hat gebraucht werden also viel zu tun mit dem Wert und der Würde eines Menschen. Wie ist es um die Würde eines Menschen bestellt, der nichts wert ist? Verliert einer, der nicht gebraucht wird, einen Teil seiner Menschenwürde? Ja wahrscheinlich, aber die Menschenwürde soll ja unantastbar sein. Wie viele verloren dann mit der Wende auch ihre Würde? Und wie konnten sie damit weiterleben?
Ja, dieses Gebraucht Werden hatte es wohl in sich. Solche Gedanken hatte ein Vierzehnjähriger damals sicher nicht.
Es war einfach bequem, die Schule weiter zu besuchen. Er kannte die Lehrer, viele Klassenkameraden und das Umfeld. Er hoffte, er würde sich schnell einrichten. Die Veränderungen, das Neue, das Unbekannte reizte ihn wenig. Nein, er glaubte an Bleibendes, das Feststehende, die Kontinuität. Warum eigentlich? Aus Bequemlichkeit, aus Schwäche, aus Angst, vielleicht von allem ein Bisschen? Alles was er damals zu leisten hatte, die Schule mit ihren Anforderungen, der Garten und die Kleintierhaltung, der nie ruhende Baubetrieb des Vaters, dieses Pensum als Ganzes war ihm schon mehr als genug. Die Pubertät verdarb ihm die Laune. Oft wusste er nicht was er wollte, und wohin er wollte schon gar nicht.
So war er beruhigt, dass der Schulbetrieb 1953 ganz normal begann. Ein Streber wollte und konnte er nicht werden. Er war eher bescheiden, unauffällig, zurückhaltend und vielleicht manchmal auch etwas ängstlich.
Auch in den nächsten Jahren würde er kaum eine Vorstellung davon haben, was er einmal werden könnte. Wurde er doch danach gefragt, so antwortete er mehr aus Verlegenheit oder weil ihm nichts Besseres einfiel, vielleicht Lehrer. Aber das auch sicher nur deshalb, weil er die Arbeit der Lehrer täglich erlebte. Uninteressant fand er das nicht, vielleicht dachte er auch gern an freie Nachmittage und die langen, langen großen Ferien.
Alle seine Lehrer, egal ob sie Müller, Ebert, Kinder, Scheibe oder Neumann hießen, waren sich in ihrer Art, ihrer Methodik und ihren Prinzipien doch sehr ähnlich. Das mochte viel mit ihrer Herkunft, ihrem Werdegang, ihrer Ausbildung und sicher auch mit der Zeit in der sie lernten und lehrten zu tun haben.
Fast alle waren sie Neulehrer, die über Abend- und Wochenendstudium und Lehrgänge in den Sommerferien sich mühsam ihr Wissen erarbeiten mussten. Oft lernten sie in den Nächten, was sie am nächsten Tag lehrten. Sie hatten die verschiedensten Berufe erlernt und kamen häufig aus Arbeiterfamilien. Auch nach vielen Jahren noch, würde Rotschopf sagen, dass er engagierte und sehr bemühte Lehrer hatte.
Das man Lehrer verspottete, über Lehrer lachte, sie hasste oder gar beleidigte und bedrohte war zu dieser Zeit nicht vorstellbar.
Natürlich gab es auch damals Scherze, die man mit Lehrern machte. Da polterte und klopfte es einmal im Klassenschrank und keiner konnte den Schlüssel finden. Ein andermal bewegte sich die Holztreppe, die vor der Tafel lag – harmlose Späße, die die guten Beziehungen von Lehrern und Schülern nicht ernsthaft störten.
Es gab ein breites, aber traditionelles Fächerangebot. Dazu gehörten Deutsch, Mathematik, alle Naturwissenschaften, Kunst, Sport und Musik. Natürlich gab es auch Geschichte und Gegenwartskunde. Die Achillesferse dieser Ausbildung waren die Sprachen. Russisch war Pflichtfach, aber total unbeliebt. Nach der Wende würden die Ostdeutschen merken, dass die fehlenden Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen oder Spanischen ihre Zukunftsperspektiven besonders behinderten.
Generell hatte die Ausbildung die notwendige Breite und Tiefe, um eine gute Allgemeinbildung zu sichern und später eine Basis für eigenständige Identitäten und Persönlichkeiten zu schaffen.
Was gab es für eine wunderbare breite Deutschausbildung! Da fanden sich Lessing, natürlich Goethe und Schiller, Kleist und Heine, Keller und Fallersleben, aber auch Maxim Gorki, Gogol und Ostrowski. Damit hatte man Kenntnisse über „Nathan der Weise, den „Faust“, „Egmont“, „Die Räuber“, „Die Harzreise“, „Der zerbrochene Krug“, „Der Revisor“ und natürlich auch “Wie der Stahl gehärtet wurde“.
Und sie haben es dann auswendig gelernt:
„Das Wertvollste was der Mensch besitzt ist das Leben. Es wird ihm nur ein einziges Mal gegeben und nutzen soll er es so, dass ihm zwecklos verlebte Jahre nicht reuen, dass ihn die Schande einer niederträchtigen und kleinlichen Vergangenheit nicht brennt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft hab ich dem herrlichsten in der Welt, dem Kampf um die Befreiung der Menschheit gewidmet!“
Ein Heer von Berufsrevolutionären sind sie nach Ostrowskis Mahnungen nicht geworden. Aber nachdenklich waren sie damals schon. Vielleicht begannen manche erstmals bewusst nach dem Sinn des eigenen Lebens zu suchen und den Wert des Lebens zu überdenken. Was waren zwecklos verlebte Jahre, die einen reuen könnten? Und die Befreiung der Menschheit, wo beginnt sie und wann endet sie? Viel Stoff zum Nachdenken für gestern, heute und morgen.
Immer ging es auch um die Vermittlung von Werten. Nie um den Wert von Geld, das heute ja zum Wert aller Werte geworden ist! Nein, Geld spielte bei der Wertevermittlung keine Rolle.
An der Spitze aller Werte, um die es zu kämpfen galt, stand damals der Frieden. Noch waren keine zehn Jahre nach dem letzten Krieg vergangen, noch waren die Wunden nicht verheilt, die Ruinen nicht beseitigt. Deshalb ging es immer und zuerst um den Frieden, da gab es keine Kompromisse.
Das Ideal des Friedens war eng verbunden mit einem Gelöbnis zur Völkerfreundschaft. Jeder dachte dabei vordergründig an die Menschen der Sowjetunion und der Volksrepubliken. Einbezogen wurden auch die Menschen der jungen Nationalstaaten und der letzten Kolonien.
Wichtige Werte waren, die umfassende soziale Sicherheit, die die DDR allen ihren Bürgern bot. Keine Arbeitslosigkeit, keine Obdachlosigkeit, keine Bettler, keine Elenden, die irgendwo dahin vegetierten!
Gute Bildung für alle, von der Kinderkrippe bis zur Universität, selbstverständlich kostenlos! Fast kein Student, ohne staatliches Stipendium!
Ein Gesundheitswesen, das die Worte Gewinn und Profit nicht kannte und für alle gleichermaßen erreichbar war.
Zugegeben, mit dem Begriff Freiheit als Wert hatten sie wenig am Hut! Mit Freiheit für irgendwelche Parteien schon gar nicht. Freiheit war nach Engels, die Einsicht in die Notwendigkeit! Freiheit spielte vielleicht eine große Rolle in der Französischen Revolution, in der amerikanischen Sklavenbefreiung und in der Befreiung der arbeitenden Massen.
So waren die Dogmen! Wem diese Freiheit nicht passte, der konnte gehen! Rotschopf verlor einen seiner besten Freunde. Die Rechtsanwaltsfamilie ging über Nacht in den Westen. Das Leben ging weiter.
Den Abschluss der „Mittleren Reife“ haben alle geschafft. Der Spaß am Denken war geweckt, das Erkennen von Zusammenhängen ging leichter. Interessen begannen sich zu zeigen, Wünsche wurden lauter. Sicher hatten sie noch nicht verstanden, dass dieses „Weitergehen“ auch für alle Zukunft galt.
Lebenslanges Lernen würde man es später nennen, um so die Dynamik des Lebens und der Zeit zu begreifen und immer wieder zu versuchen, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Bis ins hohe Alter, auch wenn es manchmal schwer fällt!
Der März hatte kalt mit Schneeschauern begonnen. Diese nasse, unangenehme Kälte durchdrang die Kleidung der Menschen. Der Frühling war die Hoffnung, irgendwann musste er ja endlich kommen.
Dem alten Postboten machte seine Arbeit bei diesem Wetter wenig Freude. Er stampfte mit dicken Stiefeln durch die Pfützen. Von seiner Mütze tropfte Schneewasser. Über seiner dicken Winteruniform trug er noch einen dunklen Regenumhang, der ihm die Arbeit erschwerte. Seine nassen, roten Hände fanden nur mit Mühe den Ausgang aus diesem Umhang. Er reichte der Mutter an der Haustür einen hellblauen Briefumschlag.
Hellblau, dachte die Mutter, wer verschickte denn so was? Briefe waren damals weiß oder gelb oder auch hellbraun. Aber hellblau, so ein wässriges, seltenes Hellblau, nein! Die Mutter konnte sich keinen Vers darauf machen. In der Küche schob sie sich schnell die Brille auf die Nase. Der Brief war an ihren Mann adressiert und kam von der Mittelschule Oelsnitz.
Na, was soll das, dachte sie. Wollten die wieder Schulgeld für den Sohn? Oder was sonst? Sie drehte den Brief in den Händen, hielt ihn gegen das Licht, nichts zu erkennen. So eine seltsame Farbe aber auch, sagte sie zu sich. Endlich öffnete sie das Schreiben mit einem kräftigen Ruck. Schnell nahm sie die eine Seite aus dem Umschlag und überflog den Inhalt:
Sehr geehrter Herr R. Ich informiere Sie heute darüber, dass Ihr Sohn G. R. zurzeit versetzungsgefährdet ist (Note 4, in den Fächern Russisch, Mathematik, Physik). Wir sollten in den künftigen Monaten gemeinsam alle Anstrengungen machen, um die Versetzung doch noch zu ermöglichen. Es wäre sinnvoll, wenn Sie dennächsten Klassenelternabend besuchen würden, um mit dem Klassenlehrer Ihres Sohnes Herrn K. alle Details abzusprechen.
Hochachtungsvoll Ebert Direktor
PS. Bitte bestätigen Sie den Empfang dieses Briefes durch ihre Unterschrift.
Das war`s nun, dachte die Mutter. Eine gewisse Ahnung hatte sie ja schon. Der Sohn hatte ab und an mal eine Klassenarbeit mit der Note 4 von ihr unterschreiben lassen. Zu Vater traute er sich damit nicht.
Aber nun dieser Brief, den konnte sie nicht vor ihrem Mann verheimlichen. Und wie würde der wohl reagieren? Mit einem Wutausbruch? Vielleicht würde er den Jungen schnell von der Schule nehmen? Mit den Lehrern sprechen? Den Jungen weniger beim Hausumbau einsetzten? Sie wusste es wirklich nicht.
Eigentlich gab sie dem Vater die Schuld oder doch nur die Mitschuld? Viele Stunden in der Woche und natürlich Samstag und Sonntag, arbeitete der Junge beim Hausumbau! Er hatte einfach zu wenig Zeit für die Schule, sie sagte es doch immer! Der Vater wollte das nicht hören und Rotschopf wehrte sich nicht, weil er sich nicht traute.
Da kam Rotschopf gerade nach Hause. Er sah den Brief und wusste Bescheid. Voller Unruhe dachte er nur noch an eins: Was würde der Vater dazu sagen?
Am frühen Nachmittag, nach dem Kaffee, war es dann soweit. Der Vater las den Brief, langsam und gründlich. Er räusperte sich, blieb ganz ruhig. Die Mutter verließ leise die Wohnküche. Der Sohn saß zerknirscht, mit rotem Kopf, vor ihm. Gleich musste was passieren, dachte er. In der Küche hörte man nur die Wanduhr ticken. Vater steckte sich eine Zigarette an.
„Sieht also nicht so gut aus“, stellte er nach einiger Zeit fest. Rotschopf nickte stumm. „Woran liegt es, bist du zu faul oder fällt es dir zu schwer oder bist du zu viel mit auf dem Bau?“ Der Vater erwartete keine Antwort. Er hatte sich wieder auf seine Sofaecke gesetzt. Ganz langsam wickelte er alte Leinentücher, die mit Öl und Arnikatinktur getränkt waren, erst von der rechten und dann von der linken Hand. Dann drehte er langsam seine Hände, so dass der Sohn die Innenflächen sehen konnte. Der erschrak zutiefst.
Die Innenflächen der Hände, aber auch die Finger, hatten dicke hornige Schwielen. In der Mitte der Hände waren die Schwielen aufgeplatzt und man sah tiefe Risse voller Blut und Kohlenstaub. Vorsichtig drückte der Vater ein Stück der Leinenbinde auf die Risse und tupfte das Blut ab. Dabei verzog er schmerzhaft das Gesicht. Rotschopf wusste, dass diese Hände nicht heilten, weil sie täglich wieder mit dem Presslufthammer Kohle brachen. Er wusste nicht wo er hinsehen sollte. Dann sagte der Vater ganz ruhig: „Schau dir alles gut an. So oder so, du hast die Wahl, entweder du lernst mehr oder du hast ein Leben, wie es dein Vater hat. Du kannst sofort mit mir auf den Schacht gehen, wenn du nicht mehr zur Schule gehen willst.“
Sorgfältig und langsam wickelte er sich die Lappen wieder um die Hände. Dann fragte er den Sohn leise: „Warum nimmst du deine Arbeit nicht ernst? Bei der Arbeit gilt, egal was du machst, mache es mit ganzer Kraft und ganzem Herzen!“
Dann zog er seine alten Bauklamotten an. Heute wollte er neuen Estrich im Waschhaus auftragen. „Mit diesen Händen?“, dachte Rotschopf. Er wollte helfen,„nein, nein“ ,sagte der Vater,„die Schule geht jetzt vor!“
Der Zettel aus dem blauen Brief war am nächsten Morgen unterschrieben. Vater verlor kein Wort mehr über diese Sache.
Ein paar Tage später sagte er zu Rotschopf: „In vierzehn Tagen, am Sonntag, fahre ich mit dir ein. Ich will dir den Schacht zeigen und du kannst mir helfen.“ Den Schacht zeigen? Gerade jetzt, dachte der Junge. Vielleicht wollte er ihn doch schnell von der Schule nehmen? Auch die Mutter erschrak bei diesem Gedanken.
Vater war an diesem Sonntag „Wettermann“. Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe, die nur erfahrenen und vor allem besonders verlässlichen Kumpeln übertragen wurde. Man hatte nach einem festgelegten Plan das Revier zu begehen. Messdaten an verschiedenen Orten abzulesen und zu prüfen, ob irgendwo Bergstürze, Wassereinbrüche oder Gaskonzentrationen auftraten. In der Regel ging man allein, deshalb musste man die Strecken sehr gut kennen.
Die Mutter packte für den Sohn feste Schuhe, eine alte Hose, ein Hemd und ein verschlissenes Sakko zusammen. Über Tage, vor der Einfahrt, erhielt er noch eine schwere Gruppenlampe, die an einem Ledergürtel um den Hals getragen wurde und einen alten Grubenhelm aus harter Plaste. So stand er Sonntagsfrüh, gegen sechs, mit Vater und vier weiteren Kumpeln vor einem Gittergestell im Förderturm des Schachtes. Von hier aus stiegen sie in den Korb, einem Aufzug, der sie in sekundenschnelle mehr als 700 m in die Tiefe rauschen ließ. Rotschopf schwindelte es bei dieser Höllenfahrt. Der Vater hatte ihn fest am Arm gepackt. Der Korb setzte weich auf, Rotschopf zitterten die Knie. Zwei Kumpel öffneten die Gittertüren, einer rief: „Glückauf Willy, hast wohl heute Verstärkung mitgebracht?“ Der Vater nickte nur, hob zum Gruß die Hand und schob Rotkopf aus dem Korb, auf eine Bretterbude zu. Der Kumpel hinter dem Tisch gab dem Vater einen alten Sack und sagte nur:
„Hier hoaste du deih Gezäh, Willy, oalles in Ordnung.“ Der Sack war nicht leicht. In ihm waren, Hammer, Säge, Beil, eine große Schaufel mit gekürztem Stiel, eine Ersatzlampe, ein dickes Buch und ein Metalletui mit mehreren Stiften. Der Vater nahm sich den Sack über den Rücken und marschierte los. Dabei erklärte er Rotschopf, dass das hier der Füllort sei. Hier trafen die Hunte ein, diese kleinen eisernen Loren, für den Kohletransport. Die wurden dann im Aufzug ans Tageslicht befördert.
Am Füllort gab es mehrere parallel verlegte Gleise. Hier war es hell, hoch und luftig. Der Ort erinnerte entfernt an einen kleinen Bahnhof. Heute war es ruhig, denn an Sonntagen wurde keine Kohle gefördert. Die hell erleuchtete Strecke war schon nach fünfzig Metern zu Ende.
Nun begann die Finsternis, die durch die Grubenlampen des Vaters und des Sohnes nur sehr spärlich durchbrochen wurde. Den Sohn ängstigte die Dunkelheit. Im geringen Licht stolperte er häufig über Gesteins- und Kohlebrocken, über Schienen und Schwellen. Er torkelte dann, drohte zu stürzen, mehr als einmal griff der Vater helfend zu.
Er erklärte, wo sie waren und gingen, mal durch Hauptstrecken mit Schienen, dann wieder durch Nebenstrecken mit Bändern. Der Vater bewegte sich in dieser Dunkelheit mit traumwandlerischer Sicherheit.
Obwohl Sonntagsruhe herrschte, schien der Berg intensiv zu leben, zu sprechen und zu atmen. Manchmal war auch nur das Geräusch ihrer Schritte im Gang zu hören. Oft knirschten Stempel unter dem Gebirgsdruck, irgendwo rollte Gestein, dann tröpfelte Wasser in eine Pfütze. An einer anderen Stelle rieselte Wasser, wie ein kleiner Bach aus einer Felswand.
Einmal war der Junge zu Tode erschrocken, als plötzlich wenige Meter vor ihnen ein dicker Stempel, mit lautem Knall, wie ein Spielzeug durchbrach. Felsbrocken donnerten auf ihren Weg, rollten ein paar Meter und blieben liegen. Dann wurde es wieder ruhig. Ein paar Minuten später knirschten zwei oder drei Stempel in ihrer Nähe unter der Last der Berge beängstigend. Vorsichtig ging der Vater allein nach vorn. Er kletterte über die Felsbrocken und klopfte die Stempel sorgsam ab. Hier war also ein Bruch, der Vater markierte ihn und machte Notizen. Mit der Schaufel und auch mit den Händen räumten sie mühsam die Felsbrocken zur Seite. Ihr Weg war wieder frei.
„Befahren“ nannten die Kumpels diesen schweißtreibenden Marsch durch den Berg. Nur zuerst waren sie eine kurze Strecke aufrecht gegangen. Dann ging es weiter im gebückten Gang, später folgte ein sehr anstrengender gehockter Gang. Schließlich wurde ein Stück des Weges auf Händen und Füßen gekrochen. Wenn es nicht anders ging, wurde auch auf Knien oder dem Hosenboden gerutscht. Die Gänge waren an einigen Stellen so niedrig wie ein Tisch und dabei manchmal schmal wie ein Felsspalt. Zu allem Überfluss, gingen manche Strecken zeitweise auch noch steil bergauf oder plötzlich bergab.
Seit sie den Füllort verlassen hatten, war es immer wärmer geworden. Achtundzwanzig bis dreißig Grad, schätzte der Vater. Die Luft war sauerstoffarm. In den Gängen stand eine dumpfe, muffige Kellerluft, die manchmal nach faulem Holz roch. Rotschopf fiel das Atmen immer schwerer. Er hatte eine Weile den schweren Sack für den Vater getragen. Nun nahm ihn der Vater wieder. Er sah, der Junge war total erschöpft und durchgeschwitzt.
Überall fand der Vater seine Messstellen. Messgeräte standen meist neben Lampen, in Felslöchern. Vater machte seine Notizen und weiter ging es. Irgendwo hockten sie dann für eine kurze Pause auf einem Stempel. Gierig trank der Junge ein paar Schluck Kaffee. Essen wollt er nichts. Ihm graute es furchtbar vor dieser Dunkelheit, den unheimlichen Schachtgeräuschen und dem Dreck in diesem endlosen Höhlenlabyrinth. Diese Schicht nahm kein Ende. Die Zeit stand still für ihn, in dieser heißen Hölle.
Wie konnte der Vater das nur aushalten, hier Tag für Tag zu arbeiten? Bisher hatte der Junge viel über den Schacht gehört. Heute hatte er ihn erlebt.
Endlich, endlich wurden die Gänge wieder weiter, die Luft wurde besser, in der Ferne blinkte Licht.
Was hatte er dem Vater heute genutzt? Ein Teil des Weges hatte er den Werkzeugsack geschleppt, nicht sehr weit. Ansonsten hatte der Vater dafür Sorge getragen, dass er nicht stolperte, nicht fiel, nicht mit dem Kopf oder dem Körper anstieß, den Weg ohne Verletzung schaffte.
Am Füllort wechselte der Vater mit dem diensthabenden Steiger einige Worte. Er übergab das Buch, den Werkzeugsack und zeigte seine Eintragungen. Der Steiger dankte. Dann gab er auch dem Jungen fest die Hand: „Na, dann Glückauf, bis zum nächsten Mal“, sagte er zum Abschied.
Bis zum nächsten Mal – dachte Rotschopf, bloß nicht! Endlich fuhren sie aus.
Gierig trank Rotschopf die frische, kühle Luft dieses Nachmittages.
Er genoss die wenigen, dünnen Sonnenstrahlen, die sich nur für Minuten durch schnellziehende, dunkle Märzwolken kämpften. Er kam sich vor, wie aus einem Sarg entstiegen.
Schon bald würde er verstehen, dass diese „Wetterfahrt“ mit seinem Vater, genau in diesen Tagen, da der blaue Brief eintraf, kein Zufall war. Der Vater konfrontierte ihn mit seiner Arbeitswelt, die auch die Arbeitswelt seiner Vorfahren war - und die hatte Rotschopf tief schockiert.
Diese rabenschwarze Dunkelheit, die dumpfe Hitze, die unerträgliche Luft, die unerklärlichen Berggeräusche, die ständige Bedrohung des Lebens, die Knochenarbeit, die zu leisten war – das war bestimmt nicht das, was er sich für die Zukunft wünschte.
Der blaue Brief und die heutigen Erlebnisse, mahnten ihn, einen anderen Weg, seinen Weg zu finden. Vorerst wusste er, dass ihn die blutigen Hände des Vaters, die sich tief unter der Erde quälten, ihn ernährten, heute, morgen und sicher auch noch übermorgen!
Er hatte verstanden, er musste sich ehrlich machen und das nicht erst am „Sankt Nimmerleinstag“. Man kann nicht nur nehmen, man muss auch geben. So hatte er wichtiges erfasst und mühte sich die Forderungen der Lehrer, des Vaters und auch der Mutter besser zu erfüllen.
Unbedingt wollte er ehrlich durchs Leben gehen, so wie Vater und Mutter. Nie wollte er auf Kosten anderer leben.
Langsam begann er zu begreifen, dass im Leben immer ein bestimmtes Gleichgewicht von Geben und Nehmen sein muss.
Wer nimmt, der hat zu geben. Besser ist es, etwas mehr zu geben. Es macht zufriedener, glücklicher und hilft einem Selbst und Anderen!
„Geben ist seeliger denn nehmen“, so zitierte die Großmutter die Bibel und sie lebte danach.
Rotschopf wurde in einer Welt erwachsen, in der man mit dem Verhältnis von Geben und Nehmen weniger Schwierigkeiten hatte. Das Besitzen von Dingen war nicht so wichtig. Wer mehr leistete, hatte etwas mehr - das war gerecht. Aber keiner konnte sich so viel nehmen, dass für andere nichts mehr übrig blieb. Sicher gab es irgendwo mal einen „Schmarotzer“, wie Vater diese Typen nannte. Der wollte dann, ohne etwas zu geben, kräftig zulangen. Aber das waren wirklich Einzelne und sehr Wenige – sie hatten keine Chance. Das kleine arme Land und die vielen ehrlichen Menschen ließen es einfach nicht zu, dass Solche groß werden konnten. So war das damals mit der Moral!
Kurz nach der Wende würde Rotschopf erleben, dass ganze Gruppen von Menschen in sein Land einfielen. Es waren moderne Raubritter vom „Stamme Nimm“. Schnäppchen machen, nannten sie ihr Gewerbe. Für eine Westmark kaufte man einen Betrieb oder einen riesigen Acker, zerlegte alles und verhökerte es mit Maximalgewinn. Was interessierten diese Leute ihre Mitmenschen? Erfolgreiche Lebensläufe, gesicherte Existenzen, stabile Arbeitsplätze, wunderbare Hoffnungen und große Erwartungen – alles wurde in kürzester Zeit zu Müll und Illusionen.
Clevere Geschäftsleute, aber ohne jedes Gewissen und wohl auch ohne Moral. Raubtierkapitalismus – den der Osten Deutschlands bis dahin nicht mal aus der Zeitung kannte.
Dabei ist es doch verständlich, dass ohne ein Gleichgewicht von Nehmen und Geben nichts auf Dauer funktionieren kann, keine Freundschaft, keine Ehe, keine Familie, kein Unternehmen, kein Staat - letztlich auch nicht diese Welt.
PS: Heute, am 16.1.2017 veröffentlichte die Berliner Zeitung einen Artikel mit der Überschrift: „Acht Superreiche besitzen so viel, wie die halbe Welt!“ Es stimmt tatsächlich, acht Milliardäre besitzen mehr als 3,6 Milliarden Arme auf dieser Welt. Von denen hungern 800 Millionen, wie viele davon werden am Hunger sterben? Da tut es weh, immer wieder das unsägliche Geschwätz von der Würde des Menschen hören zu müssen.
Ein Zug ratterte durch die Nacht. Nicht schnell, eher bedächtig, so als wollte er jeden der kräftigen Schwellenstöße genüsslich auskosten. Immer gleichmäßig ohne Eile. Es war eine Hochsommernacht, Anfang Juli 1955. Die Tageshitze wollte nur langsam weichen. Die schwere Dampflokomotive stieß dicke weiß- graue Wolken aus. Der Gestank dieses Rauches kam durch die vielen geöffneten Fenster in die überfüllten Abteile und Gänge.
Die Mehrzahl der Reisenden waren junge Leute, Arbeiter, Verkäuferinnen, Oberschüler und Studenten aus den Bergbau- und Industriestädten Sachsens. Alle hatten nur ein Ziel; die Ostsee, kühles, salziges Wasser, feiner, körniger Sand, Sonne und Wellen. Dazu viel Spaß, Freude und Lachen, Freunde und Freundinnen. Frei sein von den Alltagspflichten, der Arbeit, den Versammlungen, den Forderungen der Meister und der Brigadiers, dem Anstehen nach dem Notwendigen. Jetzt hieß es einfach nur: raus, die Beine baumeln lassen. Das Leben riechen, anfassen und fühlen. Aber noch schien der Weg zum Urlaubshimmel unendlich weit in diesem total überfüllten, stinkenden und dampfenden Zug, den jeder irgendwie zu ertragen versuchte.
„Zwickau – Binz“ stand auf einem alten, verrußten, ehemals weißen Emaille-Schild, dass der Schaffner außen an den Waggon gehängt hatte. Die Fahrzeit, fast zehn Stunden, schien eine Reise in die Ewigkeit. Aber man brauchte nicht umsteigen und fuhr quer durch die DDR, mit vielen Haltestellen – über Karl-Marx Stadt, Dresden, Berlin und Schwerin.
Irgendwo eingeklemmt, zwischen einer jungen Frau auf der rechten und einem mittelaltrigen, breitschultrigen Mann auf der linken, saß Rotschopf. Stopp, ganz so rot war er nun schon nicht mehr. Er war gerade sechzehn geworden und die „rote Mähne“ auf seinem Kopf wurde immer „kupfriger“, wie der Vater sagte. Außerdem waren nun immer mehr blonde Härchen zu erkennen, wie er selbst mit Erstaunen und Freude feststellte.
Das ließ hoffen, wer wollte auch schon ein Leben lang als Rotschopf durch die Welt ziehen. „Das würde sich also wandeln, nicht mit einem Ruck, aber so peu à peu“, dachte er.
Außerdem hatte man ihm gerade die Reife zuerkannt, die Mittlere Reife. Nicht alles mit Prachtnoten, aber so zwischen zwei und drei war er schon gelandet. Und die Mutter war begeistert, er wuchs in zwei Jahren fast zehn Zentimeter, das war doch was!
So fühlte er sich gut, trotz diesem winzigen Coupé, mit acht Leuten besetzt, wo er ordentlich eingequetscht wurde. Der Alte neben ihm stank nach Tabak, wahrscheinlich war es Schnupftabak. Die junge Frau rechts von ihm hatte ellenlange Beine, die sie alle zehn Minuten umzuschichten versuchte. Sie stieß dabei oft ihrem Gegenüber an und entschuldigte sich genervt. Das enge Abteil, die vielen Menschen, die Hitze, die Nacht, sie stöhnte. Ein Gespräch zwischen den Fahrgästen wollte nicht aufkommen. Rotschopf musterte die Blonde vorsichtig von der Seite. Rückte dann seine Beine so um, dass sie etwas mehr Platz hatte. Unter der weiß-blauen Bluse steckte viel Leben, stellte er anerkennend fest. Der blonde Kopf, das war zusehen, kam frisch vom Friseur. Die Lippen waren klein und schmal. Dazu hatte sie eine Nase, lang und schmal, wie ein Spechtschnabel. Damit kann sie in ihrem Buch die Seiten umdrehen, dachte er und lachte leise in sich hinein. Sie hatte tatsächlich zu lesen begonnen, obwohl man bei diesem Funzellicht kaum etwas erkennen konnte.
Er starrte hinaus in die Sommernacht. Von Zeit zu Zeit ging es an kleinen Bahnhöfen vorbei. Im trüben Licht versuchte er die Ortsschilder zu lesen. Gern hätte er gewusst, wo der Zug gerade war.
Diese Enge, die Hitze, die Geräusche, die vielen fremden Menschen – nein, da hatten Schlafversuche keine Chance. Vielleicht war er auch nicht müde, sicher viel zu aufgeregt. Das war seine erste richtig große Reise – allein. Die Mutter hatte ihn zum Zug nach Karl – Marx - Stadt gebracht. Gemeinsam hatten sie den Wagen und den Platz gesucht. Aber dann war er auch froh, als sie ging, ohne eine große, vielleicht für ihn peinliche Verabschiedung, nur mit einem festen Händedruck.
Jetzt dachte er voller Vorfreude an die Urlaubstage bei Onkel und Tante in Schwerin, an den Schweriner See, an den Faulen See, der gleich hinter Onkels Wohnhaus liegen sollte.
Gegen Mitternacht hatte der Zug Dresden erreicht und nochmals junges Volk aufgenommen. Die Jungen und Mädchen standen in den Gängen, viele waren in Gruppen unterwegs. Es wurde geredet, geraucht, geflirtet und gelacht. Irgendwo wurde zur Gitarre gesungen. Viel zu laut und viel zu falsch – das arme Rennsteiglied, dachte Rotschopf, wenn das der alte Roth hören würde.
Irgendwann wurde es dann doch ruhiger. Er schaute auf die Uhr - schon zwei durch. Die Zeiger krochen unendlich langsam über das Zifferblatt. Die Nacht wollte kein Ende nehmen. Über mehrere ausgestreckte Beine stieg er nach vorn, öffnete die Tür und ging auf den Gang. Er wollte sich die Beine vertreten. Alles schmerzte, der Rücken, die Oberschenkel, die Füße waren wie abgestorben. Er ging ein paar Schritte hin und her und spürte wie die Muskulatur sich entspannte. Das tut gut, diese verdammte Sitzerei, dachte er.
Da stand sie auf einmal. Sie musste nur ein paar Schritte entfernt, ganz leise, aus dem übernächsten Abteil gekommen sein. Sie trat ans Fenster des Ganges, hielt sich leicht links und rechts am Rahmen des Fensters fest und blickte in die Nacht hinaus.
Kann sicher auch nicht schlafen, dachte Rotschopf und musterte sie interessiert von der Seite. Ohne Zweifel, das Auffallendste an ihr waren ihre Haare. Tiefschwarz, schwer und kräftig, mittellang geschnitten flossen sie wie ein kräftiger Strom über ihren Kopf, bedeckten die Ohren und umrahmten ihr Gesicht sanft. Ihre Gestalt, eher klein, sehr grazil, fast zerbrechlich. Sie trug leichte, weiße Pantoletten, mit einem kleinen Absatz, einen halblangen, die Knie knapp bedeckenden, weiten dunklen Rock, der leicht zu schweben schien, eine weiße Bluse mit viertellangen Ärmeln, dazu eine knappe offene Weste in warmen braun - grau Tönen. Schön, unnahbar und voller Stolz – so wirkte sie.
Winnetous Schwester, dachte Rotschopf und schmunzelte. Vielleicht kam sie direkt aus der „Villa Bärenfett“ in Radebeul und hat Karl May besucht.
Etwas Ungewöhnliches ging von diesem Mädchen aus. Fasziniert starrte er auf ihren Rücken. Wie alt mochte sie wohl sein? Wer war sie? Wohin fuhr sie? Nur eine winzige Sekunde dachte er daran, sie anzusprechen. Aber er wusste es schon ganz sicher, nie und nimmer würde er das wagen.
Jetzt konnte er ihr Gesicht nur von der Seite sehen, wie sah sie wohl von vorne aus? Plötzlich gab sie sich einen kleinen Ruck, ging ein paar Schritte im Gang weiter und verschwand in einem der vorderen Abteile des Waggons.
Beim Einsteigen hatte er gesehen, diese Abteile waren dick gepolstert, sie hatten nur 6 Plätze und standen leer. „1. Klasse“ stand an der Tür. Dafür hatten die jungen Leute heute Nacht wohl kein Geld.
Die Neugierde trieb ihn vorsichtig vorwärts. Er ging an diesen Abteilen vorbei, zur Toilette. Tatsächlich, im letzten Abteil saß sie in einer Ecke an der Tür, ein wenig aufgerichtet, die Augen geschlossen, ganz allein.
Nur für Sekunden sah er im Flackerlicht des Ganges ein gebräuntes, ebenmäßiges, schönes Gesicht. Schwarzer Pony bedeckte die Stirn, dazu eine kleine schmale Nase, wohlgeformte Lippen.
Gott, dachte er, was für ein Mädchen! Ganz langsam ging er zu seinem Abteil zurück.
Die Schaffnerin, eine große, schwere Frau, um die vierzig, dunkel mit Dutt, drängelte und schwitzte durch die Gänge. „Die Fahrkarten“, forderte sie mit harter männlicher Stimme und nochmal „Fahrkarten!“
An dem 1. Klasse - Abteil wollte sie schnell vorbei. Da sitzt ja sowieso keiner, dachte sie. Halt, war da im dunklen Abteil nicht ein Schatten? Rasch drehte sie sich um, öffnete die Tür mit einem Ruck. Rotschopf erschrak, ist die kleine Schöne vielleicht eingeschlafen? Er stand drei Meter entfernt, konnte nicht verstehen was gesprochen wurde, wie die Frauen miteinander umgingen.
Bald drehte sich die Schaffnerin redend und gestikulierend aus der Tür des Abteils. Das Mädchen folgte zögernd. Sie antwortete wahrscheinlich nur wenig, langsam und sehr leise.
Rotschopf hörte etwas von: „Nur einen Augenblick ausruhen, die Abteile in der 2. Klasse seien viel zu voll.“ – Ganz schüchtern und leise brachte sie es heraus.
„Das sei ihr völlig egal“, sagte die Schaffnerin sehr laut und energisch, „wer Erster Klasse sitzt, muss Erster Klasse zahlen! Das macht als Zuzahlung zur 2. Klasse 52 Mark und zehn Pfennige!“
Die Kleine merkte, hier war mit Mitleid nicht zu rechnen. „Aber“, sagte sie leise,„aber das ist doch mein ganzes Urlaubsgeld.“ Die Schaffnerin schwieg, schrieb eine Quittung aus.
Da öffnete sich energisch das Nachbarabteil. Zwei junge Männer traten rasch auf den Gang. „Ulli“, rief der eine und trat auf die Schaffnerin zu,„ was ist hier los?“ Die Schaffnerin erklärte. Dem einen schoss das Blut zu Kopfe. Sehr laut sagte er, dass diese Ulli Fahrkarte und Platzkarte der 2. Klasse habe und bis eben noch neben ihm gesessen hat. „Das stimmt nicht“, konterte die Schaffnerin,„ich habe sie eben aus der 1. Klasse rausgeholt!“„Was sollst du zahlen Ulli?“ „Wohl verrückt“, sagte der Andere, als er die Summe hörte.
Neugierig drängten immer mehr junge, verschlafene Leute aus ihren Abteilen. Wollten wissen, was los sei. Wurden informiert und ergriffen Partei. Natürlich für die Kleine, die ganz am Rande stand.„Schikane“, sagte ein langer Dürrer zur Schaffnerin,„hiermachtwohl jeder was er will!“„Nicht zahlen“, rief ein Anderer von hinten. Die Schaffnerin geriet immer mehr unter Druck. Der Gang war eng und bald voller diskutierender Menschen.
Plötzlich schob sich der Zugführer durch die Menge. Ein kleiner, schon etwas krummer, älterer Mann, mit roter Scherbe. Auf ihn stürzten sich nun die erhitzten jungen Männer. „Vorschriften sind Vorschriften“, sagte er leise, aber sehr bestimmt. Die Schaffnerin schickte er mit einer Armbewegung und den Satz: „Ich kläre das hier“, in den nächsten Wagen. Dann bat er „die Herrschaften“ sich doch zu beruhigen und bitte auf ihre Plätze zu gehen.
Ja, was war da zu klären? Er besah sich die Fahrkarte, die Platzkarte des Mädchens, die Quittung der Schaffnerin für die Zuzahlung. Schaute bedenklich auf die Kleine, die mit leicht gesenktem Kopf vor ihm stand. „Ich kann nichts tun“, sagte er bedauernd,„erwischt, ist erwischt!“ Er schrieb trotzdem eine neue Quittung. Vielleicht zahlte sie nun weniger?
Rotschopf hatte sich ein paar Schritte näher an den Schaffner herangeschoben. Nun hörte er: „Sie können jetzt in der 1. Klasse sitzen!“ Sie zuckte mit den Schultern und ging ganz langsam, den Kopf stolz erhoben, zurück in ihr Abteil.
Rotschopf stand noch im Gang. Was sollte er tun? Nicht mal mit einem Blick hatte sie ihn gestreift! Warum auch? Hätte er ihr helfen können? Wenn ja, wie? Und doch hätte er es sich so gewünscht.
Er starrte in den langsam dämmernden Morgen. Der Junge hatte das Gefühl, etwas sehr wichtiges erlebt zu haben. Alle seine Gedanken, alle Gefühle kreisten um dieses Mädchen. Was war das nur? So etwas kannte er bisher nicht.
