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Wie schwer ist es Jemand zu werden, es eine Zeit zu bleiben, um dann ein Niemand zu sein und dann aufs Neue Jemand zu werden? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wer sind wir? Was treibt uns? Was machen die Verhältnisse mit uns? Im Frühling des Lebens als Rotschopf, im Sommer als Blondschopf, im Herbst als Grauschopf und im Winter als Weißschopf - da ist einer unterwegs. Er krabbelt, stolpert, fällt, steht wieder auf, rennt, kämpft und quält sich durch seine Tage. Es ist ein erfülltes Leben wie es sein muss. Voll von Arbeit, Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen, Glück und Freuden, Trauer und Tod. Die Zeit streicht über alles hinweg! Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen Vergnügen beim Lesen, manchmal vielleicht ein kleines Lächeln, oft vielleicht ein tiefes Nachdenken, einen Vergleich mit den eigenen Lebensspuren und ein Stückchen Erkenntnisgewinn von Zeit zu Zeit. Herzlichst Ihr Gottfried Rössel
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Vielen Dank an,
Rosemarie Arnold
Oliver Boyn
Elitza Ivanova
Metodi Ivanov
Erik Riebschläger
Jacqueline Riebschläger
Ursula Rössel †
Ohne Eure Ideen, Euer Engagement, Eure Kompetenz und Eure Hilfe wären diese Bücher nicht entstanden.
Danke für alles! Gottfried Rössel
Wie schwer ist es Jemand zu werden, es eine Zeit zu bleiben um dann ein Niemand zu sein und dann aufs Neue Jemand zu werden?
Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wer sind wir? Was treibt uns? Was machen die Verhältnisse mit uns?
Im Frühling des Lebens als Rotschopf, im Sommer als Blondschopf, im Herbst als Grauschopf und im Winter als Weißschopf – da ist einer unterwegs. Er krabbelt, stolpert, fällt, steht wieder auf, rennt, kämpft und quält sich durch seine Tage.
Es ist ein erfülltes Leben wie es sein muss. Voll von Arbeit, Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen, Glück und Freuden, Trauer und Tod. Die Zeit streicht über alles hinweg!
Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen Vergnügen beim Lesen, manchmal vielleicht ein kleines Lächeln, oft vielleicht ein tiefes Nachdenken, einen Vergleich mit den eigenen Lebensspuren und ein Stückchen Erkenntnisgewinn von Zeit zu Zeit.
Herzlichst Ihr Gottfried Rössel
Vorwort:
Haarspaltereien
Die Hühnerleiter des Erfolges
Vor dem Karren
Das Glück der Berge
Stophs-Feuerwehr
Im Dienste des Hofnarren
Devisennot kennt kein Gebot
Ein Sahnehäubchen in Secondhand
Dohnaer Grünschiefer
Ungarischer Czardas
Kleines Haus am Wald
Das Lied von der Macht
Endzeitstimmung
Herzlich Willkommen
Werners Laden
Der Untergang der Titanic
Nur ein Stück Papier
Go-West
Ein Kämpfer
Der Windflüchter, oder die neue Identität
Sein oder Nichtsein
Licht am Ende des Tunnels
Der Traum vom großen Glück
Eine Liebe fürs Leben
Münchener Tage
Die griechische Lektion
Zwei Berufungen
Der leere Lehrstuhl
Der Hängevertrag
Einmal um die ganze Welt
Das große Vergessen
Gelebtes Leben
Abgesang
Biografie
Das sich über Haare trefflich reden, streiten, lachen und diskutieren lässt, ist bekannt. Manche behaupten, davon lebt das ganze Friseurhandwerk!
Auf alle Fälle scheint es so zu sein, dass die Haarfarbe, Haarlänge und Haarform von großem Interesse sind, seit der Mensch versucht Mensch zu sein. Haare, das sind ganz individuelle Markenzeichen. Was wäre Karl Marx ohne wallendes Haupthaar und ohne Bart?
So hat es hier einen soliden Grund über Haare zu sprechen, insbesondere über die Haarfarben. Nein, nicht über die Farben, die die moderne Chemie heute möglich macht; Rot in allen Schattierungen, Grün in vielen Nuancen, Lila bis zum Abwinken und was alles noch? Fast jede Farbe ist denkbar.
Hier soll es um die Haarfarben gehen, die uns die Natur mit auf dem Lebensweg gibt. Wir alle erleben in unserer Lebenszeit den Wechsel der Haarfarben. Jeder Abschnitt unseres Lebens scheint seine eigene Haarfarbe zu haben. Hell und dunkel, wechselnde Farbtöne und Farbnuancen, die Buntheit und das Farbgemisch, manchmal auch eindeutige Klarheit. Haarfarben bestimmen unsere Identität, sie gehören zu uns für das ganze Leben. Von der Geburt, bis zum Ende unserer Tage.
Bei der Geburt ist es dann wohl einfach für Mutter Natur. Alle Haarfarben sind möglich. Blond, brünett, rot oder schwarz und noch viele Mischungen, Nuancen und Schattierungen. Da staunen dann oft auch die Eltern. Bestürzt wird vielleicht gefragt, wo hat das Kleine nur diese Haare her? Die Natur mischt ihre Karten und schickt uns, mit einer Farbe ihrer Wahl, auf dem Lebensweg.
In der Jugend scheint sich der Kopf entscheiden zu müssen, welche Farbe er künftig tragen will. Ein Wechsel steht in dieser Zeit oft an. Aus hell wird dunkel, aus dunkel wird vielleicht hell. Wie im ganzen Menschen, so kann es auch bei den Haarfarben in dieser Zeit zu einem ziemlichen durcheinander kommen. Da muss man durch.
Ist man erwachsen, so ist in der Regel die Entscheidung für eine Haarfarbe gefallen. Gefällt sie oder gefällt sie nicht, das ist nun die Frage? Nun gilt also, Friseure ans Werk, bis es passt! Die Welt wird bunt und bunter und die Frauen werden hoffentlich zufrieden, vielleicht sogar glücklich. Aber irgendwann mischt Mutter Natur dann wieder mit. Nimmt ihren bunten Topf der Haarfarben und lässt manche erschrocken, andere wiederum zufrieden zurück.
Später dann, eine neue Farbe stellt sich vor – das Grau. Vielleicht nur mit ein paar Strähnen, um interessant zu wirken. Es folgt dann dieses Silbergrau, dieses helle Grau, dieses Grauschwarz oder wie auch immer. Können die Friseure wieder helfen? Ja sicher, aber nur auf Zeit.
Irgendwann fällt dann der erste Schnee des Alters. Das Haar verblasst, wie die Unschuld vergangener Tage. Es wird die letzte Farbe, die unser Haarkleid ziert, nach einem langen, bunten Reigen.
Die Haarfarben ziehen sich durch diese Geschichten. Sie sind das Band, das Symbol der Zeit des Werdens und des Vergehens eines Lebens. Im ersten Band der „Mosaiksteine des Lebens“ erlebten sie einen kleinwüchsigen Rotschopf, der sich durch seine Kindheit wurstelte. Auch im zweiten Band war der junge Mann lange Zeit noch als Rotschopf unterwegs, das allerdings immer mehr durchblondete. So ist es jetzt im dritten Band höchste Zeit, einen Blondschopf in die Bahn zu schicken, der zum Grauschopf und dann zum Weißschopf werden muss.
Ins Leben gestartet war der kleine Kerl als Rotschopf, sehr zum Leidwesen seiner Eltern. Aber was sollte man machen? Eine alte Frau hatte der Mutter während einer Zugfahrt prophezeit, dass es der Junge einmal sehr schwer haben würde mit diesem Haar und die Mutter, die Arme, natürlich auch. Gott sei Dank, der Vater gab auf dieses Geschwätz nichts, er lachte nur über diesen Unsinn.
Aber diese Farbe hatte es wirklich in sich. Sie war frech, auffallend, provozierend und fand schnell ihre Spötter. Dazu kam noch ein kleines Gesichtchen, ganz voller großer Sommersprossen und ein dicker, kräftiger Haarschopf, der nach allen Seiten stand und sich nicht bändigen ließ. Wie oft wurde er gehänselt und gefoppt als Kind? Was hat das mit ihm gemacht? Vielleicht war er deshalb oft widerspenstig, jähzornig und manchmal unangepasst. Machten die Haare und sein Äußeres ihn zum kleinen Streiter? Zu einem, der vieles wollte, manches auch unbedingt? Wer weiß? Aber immerhin, mit dieser Haarfarbe musste er durch die Kindheit, zum Teil auch durch die Pubertät. Ja und die ersten Blicke auf die Mädchen? Wer wollte schon einen Rothaarigen, der mit sechzehn noch aussah wie ein Zwölfjähriger?
Ohne Schmerzen und Niederlagen ging es auch in den nächsten Jahren nicht. Alles nur eine Frage, wie man damit umgeht! Vielleicht baut es einen auf und macht einen stärker. Oder man erkrankt und leidet über viele Jahre daran.
Aber der Wandel war nah. Die so herbeigesehnte, viel besungene Jugendzeit klopft massiv an die Tür. Was wird sie bringen? Freude auf das Leben, die große Neugierde, die Chance sich zu erproben, das erste Verliebtsein, aber vielleicht auch die belastende Ahnung vom Ernst des Lebens.
Als er sechzehn war, wurden die Haare immer „kupfriger“. Der Vater hoffte auf ein schönes Kastanienbraun, mit ein paar roten Einsprenkelungen, wie er es selbst als junger Mann gern getragen hatte. Aber daraus wurde nichts. Vielmehr drängten sich zwischen den rotbraunen Büscheln, langsam aber sicher, immer mehr mittelblonde Haare. Das war keine schöne strahlend blonde Farbe, wie sie Frauen liebten. Eher so ein unauffälliges mittelblond, wie es Tausende tragen. Kein „Hingucker“, eher passend zu einem „Milchreisbubi“, mit sehr jungen, unreifen Gesichtszügen. Diese Farbe passte zu grauen Anzügen, weißen Hemden und meist blauen Krawatten. Sie war gut für eine Zeit des Werdens, für die Prüfungen und das Diplom, später auch für die Dissertation.
Mit diesem Haar und diesem Gesicht war man „der junge Spritzer“, der einfach für alles gut war und zu allem eingesetzt werden konnte. Auf den musste man nicht viel Rücksicht nehmen, der würde das schon schaffen oder wegstecken. Egal was! Die Damen schauten mit wenig Interesse auf diesen Typ, auch wenn er akkurat angezogen war. Eher ein langweiliger Typ, werden sich viele gesagt haben und gingen weiter. Wer wollte schon einen Langweiler?
Aber die Zeit vergeht schneller, als man denkt. Er wurde durch einige Mühlen gedreht, bis an seine Grenzen gejagt. Seine Gesichtszüge wurden härter, sein Auftreten entschlossener; der nächste Wandel stand an. Die Zeit der Reife begann. An den Schläfen gab es die ersten dünnen Strähnen von grauen Haaren. Der Vater staunte: „Mensch, der Junge ist doch gerade mal dreißig und schon graue Haare?“ Ja und dann kommen schwere, aber auch schöne Jahre. Jahre des Säens, des Bauens und des Erntens. Die Anstrengungen bleiben, die Hoffnungen und die Ängste auch. Wie sollen Haare da nicht grau werden? Zuerst langsam, fast unsichtbar und schleichend. In den Wendejahren, mit ihren Sorgen, der eigenen Ohnmacht und der totalen Hilflosigkeit, werden sie es mit Wucht, fast über Nacht, ist der Grauschopf da.
Verbessert es die Situation? Ein junges Gesicht, mit leuchtenden Augen und vollem grauem Haar, kann man da auf ein wenig Anerkennung, vielleicht Achtung hoffen? Eher nicht, die Wende ist brutal, die Sieger sind es auch. So ist dieses Grau auch die Farbe der schlaflosen Nächte und der vielen Kämpfe. Ebenso ist dies aber auch die Farbe der Seriosität, um Vertrauen bittend und gelebtes Leben anbietend. Manchmal ist es auch das Grau des Esels, die Farbe von dem, der die Last zu tragen hat und den die Verantwortung und die Pflichten fast plattmachen!
Das Leben läuft und läuft. Eines Tages gehen Haare vom kämpferischen Grau über in das ruhigere, duldsamere und harmlosere Weiß. Manche meinen, dieses Weiß habe viel mit gewonnener Weisheit zu tun. Das sollte man nicht glauben. Sicher hat man im Laufe der Zeit einen ganzen Sack voll Erfahrungen gewonnen, die man noch weitergeben kann, wenn die Umstände es erlauben. Vielleicht erlebt man auch noch das Glück einer Zeit der Aufarbeitung seines Lebens, des Rückblicks und der dankbaren Erinnerungen. Es kann aber auch schlimmer kommen und dann beginnt vielleicht die Zeit des großen Vergessens. Eine Phase des Absturzes in die Dunkelheit, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.
Weiß, das ist auch die Farbe der Kapitulation. Die weißen Fahnen, die 1945 aus allen Häusern wehten, waren Zeichen der Aufgabe, der Mut- und Kopflosigkeit. Wir können und wollen nicht mehr, macht doch mit uns, was ihr wollt! So scheint auch das eine Altersweisheit zu sein. Eigentlich hat man schon aufgegeben, vielleicht genießt man noch die letzten Sonnentage. Aber man weiß es genau, eine neue Farbe kommt nicht mehr ins Leben. Dieses Weiß ist auch die Farbe des Todes und der langen Nacht.
So stehen die Haarfarben für gelebte Leben. Erleben wir nun, wie Blondschopf ganz langsam zum Grauschopf und zum Weißschopf wird.
So war es also jetzt. Sie hatten sich überworfen, der Professor und der Blondschopf. Etwas Ernsthaftes mit Folgen? Konnte man so noch nicht sagen. Eigentlich schätzten sich die beiden. Manchmal hatten sie sich schon in wissenschaftlichen Diskussionen gestritten. Da siegte dann nach kurzer Zeit die bessere Logik, das stärkere Argument. Schnell war dann bald wieder alles im Reinen.
Heute würde es länger dauern. Denn es ging um etwas ganz anders, um etwas sehr persönliches. Blondschopf ging das zu weit. Er wurde wütend, fühlte sich bevormundet. Wollte ihm da einer in sein Leben reinreden?
Der Professor hatte, wie er es liebte, eine einfache Handskizze mit Bleistift angefertigt. Er zeichnete fünf Leitern, die übereinander standen und zu verschiedenen Plattformen führten. Die unteren Leitern waren schwer und massiv mit dicken Strichen gezeichnet. Nach oben wurden die Leitern immer dünner und brüchiger.
Ganz oben gab es nur noch einen dünnen Ast oder Strick, an dem man sich hochziehen konnte. Die Plattform da oben war halsbrecherisch. Auf den Leitern und den Plattformen waren Strichmännchen eingezeichnet, die langsam nach oben stiegen. Unten gab es viel Drängelei. Weiter oben waren immer weniger Figuren eingezeichnet. Von den verschiedenen Plattformen und Leitern stürzten überall Strichmännchen ab.
Neben der ersten Plattform, die dicht besetzt war, hatte der Professor in Druckbuchstaben mit seiner Krakelschrift „Abitur“ geschrieben. Über der zweiten Plattform, auf der schon viel weniger Strichmännchen standen, war das Wort „Diplom“ zu lesen.
Die nächste Leiter war dünn und brüchig, oben fehlten Sprossen. Die dazu gehörige Plattform hatte den Namen „Promotion“. Dort standen nur noch drei oder vier Figuren. Weiter ging es über eine dünne, gefährliche Hühnerleiter zur vierten Plattform.
Die war winzig klein und hieß „Habilitation“. Schließlich konnte man sich noch über einen dicken Strick zu einer fünften winzigen Treppe hochziehen. Dort stand „Professur“. Da oben saßen schon zwei Strichmännchen, die versuchten einen Neuankömmling hinunterzustoßen.
Der Professor legte seine Bleistiftspitze auf diese Stelle und lachte. Er schaute Blondschopf an und fragte: „Muss ich dir das Bild erklären? Oder erklärt es sich von selbst?“
„Keine Erklärung notwendig!“, entgegnete Blondschopf. Es ging um Entwicklungen, Lebensleitern, Aufstiege und Abstürze, Erfolge und Niederlagen. Also das, was jeder irgendwann einmal durchmacht! Ein tolles, schräges Bild, ein Bild zum Nachdenken. Ein Denken in Laufbahnen.
Hier ging es also vom Abiturienten zum Professor, vom Soldaten zum General, vom Kochlehrling zum Sternekoch! Überall gab es Treppen, Plattformen zum Aussteigen, Einsteigen oder Warten. Überall gab es Qualifizierungen, Prüfungen und Verteidigungen, aber auch Abstürze.
Nach oben wurde das Steigen immer schwerer, die Luft wurde dünner, die Konkurrenz härter und das Risiko des Absturzes größer. So hatte diese Hühnerleiter des Erfolges ihre eigenen Gesetze. Die sollte man kennen, wenn man sich auf einen Aufstieg einließ.
Hier gehörte auch das „Petersprinzip“ ins Bild. Danach stieg in einer Hierarchie jeder so lange auf, bis er einen Platz erreicht hatte, auf dem er seine Begrenztheit und Unfähigkeit nachweisen konnte. Dann ging es nicht mehr höher. Irgendwann war dann eine ganze Hierarchie mit unfähigen Leuten besetzt. Die Auswirkungen dieser Situation kann man sich gut vorstellen.
Ein verrücktes Spiel, dachte Blondschopf. Aber es hatte auch Vorteile. Spitzenqualifikationen und Spitzenleistungen schaffte man nur über längere Zeiträume. Sicherheit im Job und Stabilität in der Existenz sind hohe Güter. Beamte wissen das zu schätzen.
Im Vergleich dazu sind ständig wechselnde Jobs, immer andere Qualifizierungen in anderen Berufen, die keinerlei Stabilität bieten für die Existenz und die persönliche Entwicklung, eine Katastrophe. Aber genau das verlangt der Kapitalismus.
Scheinbar blitzschnell gingen viele Überlegungen durch seinen Kopf. Der Professor wollte ihn zur Habilitation treiben. Er war zwischenzeitlich Chef des Finanzökonomischen Forschungsinstituts geworden. Eine angesehene Stellung, direkt dem Minister unterstellt. Und jetzt suchte er sich seine Mannschaft zusammen. Blondschopf sollte mit dabei sein.
Aber wollte und konnte er das? Er war jetzt siebenundzwanzig Jahre. In neun Jahren war er diese verdammte Hühnerleiter hochgerannt: Abitur, Berufsabschluss, Diplom und Promotion. Alles hatte seinen Preis. Auf vieles hatte er in diesen Jahren verzichtet. Freizeit, Wochenende, Urlaub, Freunde, Partnerin, Eltern, alles musste zurückstehen. Immer gab es neue Ziele. Warum reichte das bisher Erreichte nicht?
Erst viel später begriff er, alles was er machte, machte etwas mit ihm. Der naive, schüchterne Rotzlöffel aus dem Erzgebirge, der sich nichts zutraute, von der Welt wenig wusste, kaum an sich glaubte, alles war Schnee von gestern! Die Kämpfe und Enttäuschungen, die Erfolge und Niederlagen, die harte Arbeit und die Nächte ohne Schlaf hatten ihn verändert.
Er war gereift, hatte Profil gewonnen, ohne großkotzig zu werden. Sicher würde er seinen eigenen Weg finden. Was würde ein weiterer Aufstieg kosten? Hätte er überhaupt die Kraft dafür?
Das Wichtigste war wohl die innere Zufriedenheit. Er hinterfragte sein Menschsein und bejahte es. Alles hätte er wieder so gemacht. Ja, so bin ich, so will ich sein, so kann es weitergehen. Dass man sich dabei anstrengt, verausgabt und über die Kräfte geht, das gehört dazu.
Diese verdammte Leiter! Der Professor hatte sie „akademische Ochsentour“ genannt. Und sie hatte es wirklich in sich.
Ja, als Oberschüler, als Student kletterte man in der Gruppe, Stufe um Stufe. Sicher man strengte sich an und wollte dazugehören. Die Strapazen der Leiter wurden weniger bewusst, waren leichter zu schaffen. Es wurde viel gelacht, jeder half jedem. Eigentlich waren das glückliche Jahre. Vielleicht, so würden Freunde später sagen, waren es die glücklichsten Jahre des Lebens – unbeschwert, heiter und erfolgreich.
Der Weg zur Promotion war da schon etwas anderes. Man war allein mit dem Thema. Tag und Nacht im Ringen mit sich selbst. Letztendlich musste man sich durchbeißen. Willenskraft, Energie, Ausdauer, Ehrgeiz waren gefragt. Hatte man davon genug? Konnte man den eigenen Schweinehund immer fest an der Kette halten? Die Selbstzweifel wurden größer: Schaff ich es, oder schaff ich es nicht? Angst schlich sich ein. Was war, wenn man es nicht schaffte? Wie würde der Misserfolg aussehen? Würde man damit leben können?
Natürlich brauchte man auch ein bisschen Glück, mit dem Thema, dem Betreuer, der eigenen Gesundheit und dem Umfeld.
Blondschopf kannte einen, der schrieb zwölf Jahre an seiner Dissertation. Im Laufe der Jahre musste er das Thema mehrfach anpassen. Er heiratete zwischenzeitlich, bekam zwei Kinder, zog mehrfach um. Den Spott der Kollegen gab es kostenlos: „Na ja, wenn der Arno dann mal promoviert, am Sankt-Nimmerleins-Tag, da werden wir aber besoffen sein!“ Und alles lachte. Arme Sau, dachte Blondschopf. Würde er das aushalten? Wahrscheinlich nicht. Aber keiner will verlieren. Auch Arno hat es irgendwann doch noch geschafft.
Sehr leid tat Blondschopf auch sein alter Freund Heino. Der Klügste von allen, ein Schnelldenker und absoluter Logiker mit einem super Gedächtnis. Ein großer Freund der Künste und der Frauen. Nur eins fehlte ihm; das Sitzfleisch zum Arbeiten. Dem Jungen war im Leben alles zugefallen.
So einer muss doch auf jeden Fall promovieren. Im ersten Assistentenjahr lebte er wie Herrgott in Frankreich. Tausend Interessen, Partys, Mädchen, Kunst und Kultur; nur keine ernste Arbeit.
Irgendwann kam natürlich der große Anschiss! Danach schrieb Heino in kürzester Zeit zehn Seiten, die hatten so viel Substanz, dass der Kern der Dissertation eigentlich vorlag. Der Doktorvater lachte und lobte: „Ja, der Kerl kann das, alles genau auf den Punkt gebracht. In Kürze legt der die Arbeit auf den Tisch, na und dann, natürlich weiter auf der Himmelsleiter!“
Heino sollte Kapitel auf Kapitel vorlegen. Aber der Teufel steckte immer im Detail. Nun begann der Kampf Tag und Nacht. Heino fiel nichts mehr zu. Irgendwann gab er auf. Er verschwand aus Blondschopfs Leben. Schade, sehr schade.
Symbolisch war die Hühnerleiter des Professors geeignet für die Suche von Lebenszielen!
Wie hoch willst du hinaus? Was kannst du, was schaffst du? Wie viel Kraft hast du? Wie viel Ehrgeiz treibt dich? Was hast du für Anlagen, Talente und Fähigkeiten? Das waren die Fragen, die man beantworten musste, wenn man auf der Leiter höher wollte.
Blondschopf fragte sich auch: Was macht mich glücklich? Was sind meine geheimen Träume? Was will mein tiefes Inneres? Der Professor hatte diese Fragen nach und nach ins Spiel gebracht. Er wollte seinen Zögling zur tiefen Selbstreflexion zwingen.
Dieser war sichtlich überfordert. Hier gab es wieder Weichen, Entscheidungen standen an. Entscheidungen hatten immer Konsequenzen. Hatte er Angst vor den Konsequenzen?
Sollte er oder sollte er nicht? Wollte er oder wollte er nicht? Weiß der Teufel, aber der half auch nicht! Probleme verdrängen lies der Professor nicht zu.
Ja, was nun, sollte er das Angebot des Professors annehmen, oder sollte er zurück ins Erzgebirge gehen?
Erzgebirge – wie glücklich wären seine Eltern. Der Vater baute noch immer eisern und allein am Haus. Der Wohnkomfort wurde besser. Er dachte nur an den Sohn, der kommen sollte, vielleicht auch kommen würde?
In der Sparkasse würden sie sich freuen. Dort gab es einige hübsche junge Frauen, die gern mit ihm sprachen und lachten. War das vielleicht sein Glück, sein feines, kleines Glück, dass auf ihn wartete?
Oder war es hier dieses Berlin. Der Professor, der ihn zur Habilitation führen wollte. Weiter die verdammte Hühnerleiter hinauf, mit allem Chancen und Risiken? Ja, er hatte hier viele Freunde, sein Leben war in Berlin. Wollte er eigentlich zurück aufs Dorf? Wo war das Glück, sein Glück?
Ja, vom Glück sprach der Professor auch. Vom Glück, das die erfolgreiche, begeisternde Arbeit bringen kann. Eine Arbeit, die einen fordert, nicht überfordert. Eine Arbeit, die man liebt, in der man sich verwirklichen kann. Hat man das gefunden, so ist das Leben auf einer guten Bahn.
Am Ende des langen Gesprächs wusste der Professor, dass sich Blondschopf noch nicht entschieden hatte, die nächste Leiter aufwärts zu steigen. Er legte noch einen nach: „Man kann sein Leben verbrennen oder verfaulen, ein dritter Weg ist schwer zu finden!“
Der Professor war aufgestanden, verabschiedete sich und sagte schon im Gehen: „Und du wirst dein Leben verbrennen, da bin ich sicher!“ Damit hatte er recht behalten. Tatsächlich verbrannte Blondschopf wichtige Zeiten seines Lebens mit immer neuen Aufgaben, Verpflichtungen und Herausforderungen.
Im Anderen hatte der Professor unrecht. Das Leben kann man nicht nur verbrennen oder verfaulen. Es gibt so viele Lebenswege zwischen diesen Extrempolen, die menschliche Lebenserfüllung und Glück bringen.
Ja, er hatte verstanden, die Leitern und die verschiedenen Plattformen waren wichtig. Jeder musste in diesem System seine ganz individuelle Position finden. Es war zu überlegen, welche Chancen man nutzen wollte und welche Risiken man akzeptieren konnte. Wo lag das ganz persönliche, einmalige Glück, wie hoch musste man dafür klettern? Egal wie hoch, je höher man stieg, umso schwerer der Aufstieg, umso größer wahrscheinlich der Erfolg. Aber die Gefahr des Sturzes wuchs proportional.
So ist das Leben für jeden wie ein einmaliger, wunderbarer, bunter Blumenstrauß, den man sich selbst binden muss. Man folgt seinen Träumen, seinen Talenten und Fähigkeiten, beflügelt oder auch begrenzt durch die Gegebenheiten der Zeit, auf die der Einzelne immer nur wenig Einfluss hat.
Der Arzt schüttelte den Kopf, als er die Ergebnisse der Untersuchung des Kardiologen durchgesehen hatte. Es war so ein langer Dürrer mit schütterem Haar. Er hatte die Vorsorgeuntersuchungen für die Führungskräfte der Hochschule übernommen.
Er sah Blondschopf sehr ernst an, schüttelte den Kopf und fragte: „Wie alt sind sie? „Ich“, stotterte Blondschopf, „bin achtundzwanzig“. „Schwere Herzrhythmusstörungen sind für ihr Alter eine sehr ungewöhnliche Krankheitserscheinung! Wie ist das möglich? Sie sind doch der Persönliche Referent des Rektors?“
Kleinlaut nickte Blondschopf mit dem Kopf. Die Fragerei ging weiter: „Haben sie Probleme mit der Arbeit oder mit dem Chef?“
„Mit beidem“, entgegnete Blondschopf schmallippig. Der Arzt fragte weiter: „Fühlen sie sich gestresst, gehetzt? Schaffen sie ihre Aufgaben nicht? Werden sie gut behandelt? Wird ihre Arbeit wertgeschätzt?“
Sollte Blondschopf hier und jetzt alles auspacken? Dem Arzt alles erzählen? Was würde das ändern? Den Rektor bestimmt nicht, dachte er. Eigentlich wollte er hier nur ein paar Tabletten, damit sein Herz aufhörte, solche verrückten Sprünge zu machen.
Aber der Arzt bohrte weiter. Ein paar formale Antworten reichten ihm nicht. Er ließ Tee bringen, schlug die Beine übereinander und nahm sich sichtlich Zeit.
„Wie sind sie denn in diese Position gekommen?“ Ja, wie war Blondschopf eigentlich in diese Situation gekommen, die seine Gesundheit gerade so stark angriff?
Begonnen hatte alles mit einem wichtigen Jahrestag der Hochschule. Der Rektor gründete dafür ein Organisationsbüro aus jungen Assistenten. Blondschopf wurde in dieses Büro delegiert. Delegieren war damals groß in Mode. Überall fehlten Arbeitskräfte und durch Delegierungen stopfte man Löcher zu und riss an anderen Stellen neue Löcher auf.
Delegiert wurde man zu allen möglichen Aufgaben. Zur Erdbeer-, Spargel- oder Apfelernte, in die Brauerei, in die Bibliothek und sogar in die Parteikreisleitung. Junge Assistenten waren für solche Einsätze sehr begehrt. Sie galten als engagiert, flexibel und hatten oft keine Familie.
Zum Rektor allerdings schickte man nicht jeden. Er musste die Fakultät würdig vertreten, denn keiner wollte Ärger mit dem Chef haben. Blondschopf galt als wendig, absolut zuverlässig und als Organisationstalent. „Der ist der Richtige!“, sagte der Dekan.
Ob Blondschopf das dann wollte oder nicht, das war ganz unwichtig, denn es gab eine Delegierung! Das war fast eine Kommandierung. Und der junge Mann hatte aus der Sicht seiner Chefs noch einen großen Vorteil, er konnte schwer „nein“ sagen. So wurde er Stellvertreter des Leiters des Organisationsbüros.
Die Hochschule feierte fast eine Woche mit Konferenzen, Arbeitstagungen, Festveranstaltungen und Empfängen. Alles auf volle Wirkung gebürstet. Rundfunk, Presse und sogar das Fernsehen informierten ausführlich. Was für eine tolle, wichtige Hochschule gab es da in Berlin-Karlshorst. An der Spitze der souveräne, glänzende Rektor, der immer und überall eine gute Figur machte.
Etwa dreihundert Gäste, darunter mehr als sechzig Ausländer aus der halben Welt, von China bis Kuba - Vertreter aus allen wichtigen Partnerhochschulen, und bekannte Wissenschaftler aus mehreren kapitalistischen Ländern gaben sich die Ehre.
Das alles lief wie am Schnürchen. Das Organisationsbüro war Tag und Nacht in Aktion. Blondschopf wirkte mehrere Tage als rechte Hand des Rektors. Danach gab es eine dicke Prämie. Er war froh, dass alles gut gelaufen war, und er hoffte, nun in Ruhe weiter seine Arbeit machen zu können.
Aber es sollte alles anders kommen. Bald wieder wurde er für Dienstagnachmittag zum Rektor bestellt. Puh, dachte Blondschopf, was will der denn schon wieder? Ein etwas mulmiges Gefühl hatte er sofort. Der Institutsdirektor wusste auch nicht, worum es gehen sollte. „Vielleicht sollst du Direktor werden“ sagte er lachend. „Da musst du schon pünktlich und mit gewaschener Brust antreten!“
Also stand er wie gefordert im Rektorat. Er wurde sofort vorgelassen. Der Rektor saß hinter seinem riesigen Schreibtisch. Als Blondschopf eintrat, erhob er sich lächelnd, kam auf ihn zu und drückte ihm lange die Hand.
„Na, wie geht’s dir? Hast du dich nach der Festwoche gut ausgeschlafen?“, fragte er. „Alles bestens“, antwortete Blondschopf. Sie nahmen Platz. Der Rektor lies Kaffee kommen.
Nach ein paar Höflichkeiten kam er zur Sache: „Was machst Du eigentlich in nächster Zeit? Was hast du vor? Ich will dir heute ein Angebot machen. Du könntest für eine gewisse Zeit bei mir im Rektorat arbeiten. Für kurze Zeit wärest du dann Pressereferent und danach mein persönlicher Referent. Ich denke, wir kommen gut miteinander aus. Du musst heute nicht sofort antworten, du bekommst Bedenkzeit. Na, wie siehst du das?“
Der fällt ja voll mit der Tür ins Haus, dachte Blondschopf. Er fühlte schon, eigentlich war es unwichtig, was er vorhatte.
Wie beim Schachspiel. Er war der Bauer, der nun um einige Felder geschoben werden sollte, weil der König es so wollte. Vielleicht würde aus ihm sogar noch ein flinker Läufer, wenn der König es sich wünschte. Sind wir alle nur Figuren in einem großen Schachspiel? Im Leben scheint es oft so zu sein.
Blondschopfs Gedanken kreisten. Er hatte nichts mehr gesagt. Der Rektor schaute ungeduldig. „Was nun? Ja oder Nein? Fragte er jetzt. Wider aller Gewohnheit sagte Blondschopf energisch: „Nein!“
Der Rektor staunte. Das hatte er nicht erwartet. Er begann sofort zu argumentieren, welche Vorteile mit dieser Funktion verbunden seien: Aufwertung der Persönlichkeit, Erfahrungen in der Leitung und Menschenführung, Kontakte zu vielen Führungsebenen und so weiter und so fort. Am Ende schien es so, als gehe es dem Rektor nur noch um Blondschopfs Entwicklung.
Irgendwann wurde es dem Rektor wahrscheinlich peinlich. Das Gespräch war dann schnell beendet. Alles blieb offen. Ein paar Tage später wurde Blondschopf vom Ersten Sekretär der Hochschulparteileitung eingeladen. Den Sekretär kannte Blondschopf gut, weil er aus der gleichen Fakultät kam.
Der Parteisekretär hockte, die Ellbogen breit abgestützt, hinter seinem Schreibtisch. Wie ein Tiger vor dem Sprung, dachte Blondschopf. Die Augen des Sekretärs blitzten hinter den dicken Brillengläsern. Langsam lehnte er sich im Stuhl zurück, trommelte leicht mit den Fingern auf der Tischplatte. Dann begann er im scharfen Ton: „Was hast du dir dabei gedacht, dem Rektor einen Korb zu geben? So geht das nicht, Genosse! Das lassen wir dir so nicht durchgehen! Weshalb willst du nicht?“
Blondschopf war in seinem Stuhl zusammengesunken. Er stotterte: „Na, ich habe eben andere Pläne!“ Er wurde sofort unterbrochen: „Du bist jung, deine Pläne kannst du um ein paar Jahre zurückstellen. Da, wo die Partei dich braucht, da ist jetzt dein Platz! Und wir brauchen dich jetzt im Rektorat! Kannst du das nicht begreifen?“
Leise entgegnete Blondschopf: „Ich habe aber keine Lust, im Rektorat zu arbeiten.“ Diese Antwort brachte den Sekretär erst richtig in Rage, er brüllte los: „Was heißt hier Lust, meinst du ich sitze hier aus lauter Lust? Du kannst mir glauben, ich würde auch lieber Preisforschung machen. Aber wir haben eine Aufgabe zu erfüllen und die kann man sich nicht immer aussuchen. Es geht um uns, unsere Partei, unser Land! Dass die gesellschaftlichen Interessen vor den persönlichen Wünschen stehen, solltest du schon verstanden haben! Als Genosse können wir dir jeder Zeit einen Parteiauftrag geben. Also überleg dir das. In einer Woche erwarte ich eine positive Antwort!“ Damit war das Gespräch beendet. Blondschopf schlich wie ein begossener Pudel aus dem Zimmer.
Eigentlich saß er schon in der Falle, das wurde ihm immer klarer. Eine Woche später fiel sie zu. Der Rektor und der Erste Parteisekretär machten gemeinsam den Schlussgang. Dieses Mal mit einer veränderten Strategie.
Wahrscheinlich wollten sie keinen unwilligen und übellaunigen Mitarbeiter im Rektorat haben. Also war Zuckerbrot angesagt. Sie hatten sich gut informiert und wussten, dass Blondschopf noch zur Untermiete wohnte. Also bekam er sofort eine kleine eigene Wohnung aus dem Bestand der Hochschule. Das war damals schon etwas. Blondschopf konnte es fast nicht glauben. Außerdem stellte der Rektor ihm eine Dozentur in Aussicht, wenn er die drei Jahre erfolgreich arbeiten würde.
Damit war die große Pralinenkiste geöffnet! Blondschopf glaubte nicht richtig zu hören. Der Widerstand wurde geringer. Ja, mit Speck fängt man Mäuse! Oder sind wir alle käuflich, vielleicht ist es nur eine Frage des Preises, der zu zahlen ist? Nein, er wusste einfach, er kam hier nicht mehr weg.
Einen Monat später begann Blondschopf seinen neuen Job. Jetzt war er vor dem Karren gespannt. Er war der Ziegenbock, der an der Spitze zog. Zu seinem Geburtstag hatte ihm einer der Dekane eine präparierte Bildkarte geschenkt. Auf der Karte sah man einen Handwagen in voller Fahrt. Gezogen wurde der Wagen von vier Ziegen und einem Ziegenbock, der an der Spitze rannte. Auf dem Bock des Wagens saß ein lustiger Gärtner, der eine lange Peitsche schwang.
Der Gärtner hatte den Kopf des Rektors. Die beiden Ziegen, die nahe am Bock zogen hatten die Gesichter der beiden Chefsekretärinnen. Weiter vorn liefen die beiden Referentinnen des Rektors für Auslandsarbeit und Veranstaltungen, mit konzentrierten Gesichtern. An der Spitze lief ein Ziegenbock mit großen Hörnern und dem traurigen und angespannten Gesicht von Blondschopf. Das Geschenk war der Clou des Geburtstages und löste schallendes Gelächter aus. Aber eigentlich hatte nur einer zu lachen, der Mann mit der Peitsche. Der Ziegenbock versuchte nun, von Montag bis Freitag, von sieben Uhr früh bis neunzehn Uhr, seine Aufgaben abzuarbeiten. Sechzig bis siebzig verschiedene Aufgaben hatte Blondschopf häufig auf seinem Arbeitszettel stehen.
Da gab es nichts, was es nicht gab: Post, Ein- und Ausgang, in bis zu zwölf dicken Mappen, Reden, Glückwunschkarten, Anfragen von Ministerien, Rücksprachewünsche von Professoren, Mitarbeitern und Studenten, Bewerbungen, heikle Telefongespräche usw. Dazu kamen die Vorbereitung der Dienstberatungen, der Senatssitzungen, der Auslandskontakte, sowie die Abstimmung mit der Kreis- und Bezirksleitung der Partei und den gesellschaftlichen Organisationen.
Ja, und drei oder vier Mal im Jahr gab es auch die Sicherheitsberatungen mit der Staatssicherheit. Die Genossen von der Firma „Horch und Guck“ kamen, weil einige Studenten sich in der Kneipe über den Genossen Ulbricht lustig gemacht hatten, oder zwei die Republik verlassen hatten. Aber häufiger interessierten sich die Genossen der Firma für Studenten oder Mitarbeiter, die sie anwerben wollten.
Blondschopf saß dann am Katzentisch und schrieb das Protokoll, dass er am nächsten Tag mit einem sehr unauffälligen Major abstimmen durfte.
Damals konnte Blondschopf nicht ahnen, dass diese Sicherheitsberatungen ihm zwanzig Jahre später viel Ärger machen würden. Zur Wende wollte man von ihm ganz genau wissen, wer und wann an diesen Sitzungen teilgenommen hatte und welche Festlegungen es gab. Dazu wurde er peinlichst befragt. Fast war es ein Kapitalverbrechen an solchen Beratungen teilgenommen zu haben.
„Wieso hast du dich nicht geweigert dort Protokoll zu führen?“, wurde er gefragt. Keiner wollte verstehen, dass die Hochschule eine staatliche Hochschule war und die Stasi ein Dienst im Auftrage des Staates. Wie und wo sollte da einer argumentieren, dass ihm etwas nicht gefalle? Das wollten die Wendesieger nicht verstehen!
Man könnte sagen, alles was wichtig für die Hochschule war, ging nun über seinen Schreibtisch. Deshalb wollte der Rektor alles exakt vor-und nachgearbeitet haben. Das machte Druck und war in normaler Arbeitszeit nicht zu schaffen. Denn am Tage regierte das operative Geschäft mit Sitzungen, Besuchen, Rücksprachen und Telefonaten. Für anspruchsvolle Arbeiten blieben nur die Abendstunden und die Wochenenden.
Besonders in der ersten Zeit glaubte Blondschopf jeden Tag, in der Fülle seiner Aufgaben zu ersaufen. Er fand oft nicht mehr oben und unten. Darauf nahm der Rektor keine Rücksicht. Er verlangte, dass sein persönlicher Referent funktionierte, und zwar ohne Fehler und Schwächen.
Das Bild mit dem Ziegenkarren war in seiner Aussage goldrichtig. Fast körperlich fühlte Blondschopf die Peitsche über seinen Kopf zischen und auf seinen Rücken knallen. Innerlich zuckte er zusammen. Nein, das war kein körperlicher Schmerz, eher ein seelischer. Das furchtbare Gefühl, trotz aller Anstrengungen den Herausforderungen nicht zu genügen. Einfach zu schwach, zu unfähig, um diesen Belastungen auf Dauer standhalten zu können.
Er spürte einen furchtbaren Druck, das Herz raste, der Rücken und alle Glieder schmerzten. Dieses verdammte Verantwortungsbewusstsein!
Nachts träumte er von seinem Vater, er hörte seine mahnenden Worte: „Wenn man etwas begonnen hat, dann führt man es mit Anstand zu Ende! Man läuft nicht vor Schwierigkeiten davon!“ Wie fest stehen solche Kindheitsbilder? Sie verfolgen einen durch das ganze Leben, bleiben gültig. Pflichtbewusstsein bis zur Selbstaufgabe, war das jetzt das Richtige? Er schämte sich, oft hatte er Angst vor dem nächsten Tag. Wie sollte es weitergehen? Sollte er hinschmeißen? Einfach weggehen? In der Fakultät würde man sich wundern, einige würden quatschen und vielleicht sagen: „Na, das war doch wohl eine Nummer zu groß für den Kleinen! Das packt der nie mit dem Rektor. Ist ja auch nicht einfach.“
Nach einiger Zeit würde Gras darüber wachsen, sowie über alles irgendwann Gras wächst. Aber was wäre dann mit ihm? Wäre er dann ein gebrochener Mann? Würde er je wieder an große schwere Aufgaben herangehen? Wer sich einmal die Finger gründlich verbrannt hat, meidet das Feuer. So hieß es jedenfalls immer.
Diese menschliche Urangst, die alles verhindert! Solche Überlegungen waren schlimmer als die Arbeit am Tage. Einer sägte an seinen Wurzeln, einer wollte ihn demütigen, einer wollte ihn zerstören! Was sollte eigentlich diese ständige Nörgelei, die Besserwisserei, die Kritiken und Spitzen ohne Ende?
Wie lange hatte man die Kraft diesen Angriffen zu widerstehen? Kamen jetzt Blondschopfs alte Schwächen wieder hoch, die Unsicherheit, die Ängstlichkeit, das fehlende Selbstvertrauen – alles Quellen für Irrtümer und Fehler. Diese Mühle mahlte langsam an seiner Substanz. Mahlte sie ihn klein?
Alle vier Wochen fuhr er nach Hause. Am Freitag, spät abends holten ihn die Eltern in Karl- Marx-Stadt vom Bahnhof ab. „Wie siehst du den aus?“, fragte der Vater besorgt, als er den dürren, schmalen und übermüdeten Jungen in die Arme schloss. „Bist du krank?“, fragte die Mutter. Nein, krank war er nicht, er war nur fertig, fix und fertig! Die Eltern waren ratlos. Sie verwöhnten ihn mit allem, bis er Sonntagnachmittag zurückfuhr.
„Was hast du nur für einen Chef?“, wollte der Vater am Ende noch wissen. Ja, was war das für ein Mensch?
Er war ein harter Arbeiter, der von sich selbst äußerste Disziplin verlangte. So führte er einen 24-Stunden – Kalender für jeden Tag. Alle Stunden wurden farbig schraffiert. So lernte Blondschopf schon bald den Tagesablauf seines Chefs exakt lesen: Grün, stand für Schlaf, kaum mehr als sechs Stunden, Blau stand für Rektoratsarbeit, Grau für Sitzungen und Aussprachen, Gelb für wissenschaftliche Arbeit, Lila – für die Familie, Rot für die Liebe. So wusste der Rektor ständig, wo seine Zeit blieb. Er kannte auch seine letzten Reserven und konnte sie erschließen.
Kann man mit einem solchen System leben? Eine Zeitlang ja, aber man wird vielleicht nicht alt damit!
Keiner, der ihn kannte wird abstreiten, dass er ein Pedant war. Die Bleistifte und Farbstifte auf seinen Schreibtisch waren nach einem festen System geordnet. Jeder Stift war mustergültig angespitzt.
Seinen Fahrer hatte er angewiesen, ihn auf die Minute genau abzuholen. So wartete der Fahrer immer zehn Minuten früher in einer Nebenstraße auf seinen Einsatz. Kam ein Teilnehmer fünf Minuten zu früh zur Leitungssitzung, so konnte es passieren, dass er gefragt wurde, ob er nichts zu tun habe. Kam er zwei Minuten zu spät, so wurde er gefragt, ob seine Uhr kaputt sei. Das alles machte er mit gestandenen, erfahrenen Professoren, die oft älter waren als er.
Keine Frage, Freunde machte er sich damit nicht. Fuhr er in die Ministerien, so nahm er Blondschopf als Taschenträger mit. In den Gängen marschierte Blondschopf einen halben Meter rechts hinter seinem Chef. In den Beratungen hatte er dann die Ohren zu spitzen und das Protokoll vorzubereiten.
Trotz allem genoss der Rektor Autorität, er war klug, leistungsstark und durchsetzungsfähig. Was er wollte, geschah. Rücksicht nahm er nicht. Auf niemanden. Ein sozialistischer Leiter war er bestimmt nicht. Wahrscheinlich hätte er in jedem kapitalistischen Konzern Karriere gemacht. Er machte alle und alles zu seinen Werkzeugen. Ging etwas kaputt, so warf er es zur Seite. Dinge genauso wie Menschen.
Einen erheblichen Teil seiner Zeit setzte er dafür ein, Netzwerke zu knüpfen und seine Politik vorzubereiten. Seine persönlichen Kontakte reichten bis in die oberste Parteiführung der Republik.
Das zahlte sich im Laufe der Zeit aus. Irgendwann bekam die Hochschule ein neues großes Bürogebäude. Für damalige Verhältnisse war das fast eine Sensation. Der Rektor machte das möglich.
In der Hochschule hatte er eine Reihe von Anhängern. Sie vertraten seine Meinungen und waren davon überzeugt, dass er der richtige Mann an der richtigen Stelle war. Andere fürchteten und beschimpften ihn. Er war ein großer Taktiker und spielte gern einen gegen den anderen aus. Sein Informationssystem funktionierte reibungslos. War man bei ihm in Ungnade gefallen, so ließ er das einem lange Zeit spüren.
Später würde Blondschopf erzählen, dass das Verhältnis zwischen ihm und seinem Chef denkbar schlecht war. Der Knecht schaffte einfach zu wenig für seinen Herrn. Er machte Fehler, vergaß Termine, verstand die Politik seines Meisters nicht. Intrigen sabotierte er sogar. Dabei hoffte er, dass er sich an vieles noch gewöhnen könne. Er musste wieder locker werden und dadurch seine Kräfte mobilisieren. Nur so konnte er aus dieser Situation herauskommen.
Ereignisse kamen Blondschopf zu Hilfe. Der Neubau und die beginnende Hochschulreform stellten den Rektor vor völlig neuen Aufgaben.
Im Allgemeinen herrscht bei den Menschen die Vorstellung, Reformen seien das Beste, was passieren könnte um Probleme zu lösen. Oft sind sie tatsächlich richtig und notwendig. Aber als erstes stiften sie Chaos. Alte Strukturen, alte Regeln, oft über Jahre antrainiert und gefestigt, funktionieren dann fast über Nacht nicht mehr.
Die neue Strukturen laufen nicht gleich, sind nicht erprobt, nicht gefestigt, neue Regeln nicht gelernt und voller Probleme. Der Untergang des Alten überlagert sich mit den Ungereimtheiten, Fehlern und Schwierigkeiten des Neuen. Probleme aller Art kommen auf die Menschen zu. Es gab oft chaotische Situationen.
Die Hochschulreform brachte den Umbau der Fakultäten zu Sektionen, neue Aufgaben, neue Leiter, neue Räte, neue Orientierungen für die wissenschaftlichen Inhalte. Informatik, Organisationswissenschaften und Kybernetik erhielten einen neuen Stellenwert.
Nach wie vor liefen alle Stränge dieser Veränderungen über Blondschopfs großen Schreibtisch. Unter diesen neuen Herausforderungen und den Belastungen mit dem Neubau, geriet der Rektor selbst stark unter Druck. Und siehe da, er irrte sich, übersah Dinge, machte Fehler, war nicht mehr voll drauf. Der Übermensch, der Halbgott wurde mehr und mehr zum Menschen. Das verbesserte die Beziehungen.
Erstmals brauchte er seinen Referenten als wirklichen Partner. Nach langer Zeit haben sie erstmals wieder zusammen herzhaft gelacht. Die Spannung war raus. Das Gift der Missverständnisse und des Misstrauens wurde weniger.
Blondschopf lebte auf. Er hatte jetzt nach anderthalb Jahren so viel Erfahrung, Routine und Kenntnisse erworben, dass er ruhiger auf den Rest seiner Dienstzeit schauen konnte. Vor allem kannte er jetzt seinen Chef. Es störte ihn jetzt nicht mehr, wenn etwas schief lief. Jeder irrte, jeder machte Fehler. Er hatte begriffen, wie der Boss tickte. Er gab sein Bestes aber ohne daran zu zerbrechen. Fast nebenbei verbesserte sich seine gesundheitliche Situation.
Oft fragte er sich in dieser Zeit, welche Rolle er eigentlich im Leben spielte. Und welche Rolle wollte er spielen? War er hier im falschen Film? Langsam begriff er, wie wichtig seine Funktion war und dass er tatsächlich Einfluss auf viele Entscheidungen hatte. Aber welcher Preis war dafür zu zahlen? Wie stand er zur Macht und zu den Mächtigen?
Das sind wohl die Kernfragen eines solchen Aufstiegs. Sich ausloten bis an die eigenen Grenzen, das Risiko des Scheiterns immer vor Augen, nicht umzufallen und nicht aufzugeben! Der große Goethe kannte das wohl schon:
„Geh gehorche meinen Winken,
lerne zeitig klüger sein,
auf des Glückes großer Waage
steht die Zunge selten ein!
Du musst steigen und gewinnen,
oder dienen und verlieren,
Hammer oder Amboss sein.“
Der Amboss war nach allem schwer und fest geworden, er hielt den Hammerschlägen stand. Blondschopf hatte begriffen, wie die Spiele der Macht funktionierten.
Für manche, und für seinen Chef sicher, war Macht ein Lebenselixier. Er hörte es gern, wenn er mit „Eure Magnifizenz – Eure Herrlichkeit“ angesprochen wurde und die goldene Kette zum schwarzen Anzug trug. Er stand dann im Geiste in einer Reihe mit den Generaldirektoren großer Kombinate. Fünfhundert Mitarbeiter und fast sechstausend Studenten hörten auf sein Kommando. Dabei störte es wenig, dass einige aufmüpfige Professoren immer wieder diszipliniert werden mussten.
Dazu gab es ein ordentliches Gehalt, einen großen Dienstwagen mit Chauffeur und ein Sekretariat, das Tag und Nacht verfügbar war. Mit den Großen des Landes saß er häufig an einem Tisch. Manche Frauen himmelten ihn an. Von Zeit zu Zeit wurde er mit hübschen Assistentinnen gesehen, wenn er in seinem schnellen Boot über die Berliner Gewässer jagte.
War das alles nichts? Nein, Macht muss sich lohnen! Denn es war ein Packt mit dem Teufel, dem man seine Seele verkauft. Der Preis war hoch.
Macht korrumpiert, es verändert den Menschen. Für Macht taten manche alles. Sie opferten ihre Gesundheit, vielleicht sogar ihr Leben. Viele veränderten ihren Charakter, sie wurden schlauer, listiger, oft unehrlicher, kaltherziger und gnadenloser. Macht forderte immer Gehorsam, Unterwürfigkeit und Treue. Intrigen, Betrug, List und Täuschung gehörten zum Geschäft. Verständlich, das manche Angst hatten und nicht nach der Macht griffen.
Wir waren alle Kinder unserer Zeit. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, unser Umfeld, die konkreten Bedingungen, sie gingen eine Beziehung ein, mit unserem Charakter, unseren Zielen, unseren Lebensweisen und webten daraus unser ganz persönliches, einmaliges Schicksal. Oft ging es dann eben auf Biegen und Brechen. Jahre später würde Blondschopf Hermann Hesses Roman „Unterm Rad“ lesen und noch besser verstehen wie gefährlich es sein kann, immer bis ans Äußerste getrieben zu werden.
Immer ging es auch um die Frage: Handle ich menschlich, nutze ich den Menschen, schätze und achte ich meine Mitmenschen oder folge ich nur meinen egoistischen Machttrieben? Jeder trägt dafür seine Verantwortung, aus der er sich nicht herausstehlen kann. In der „Karrenzeit“ hatte Blondschopf vieles über die Macht gelernt, aber dieses Lernen ging weiter, ohne Schonung und ohne Rücksicht.
„Es gibt keine Landstraße für die Wissenschaft und nur diejenigen haben Aussicht ihre hellen Gipfel zu erreichen, die die Mühe beim Ersteigen ihrer steilen Pfade nicht scheuen“. (Karl Marx)
Welch ein Glück, nein, so viel Glück, das dachten wohl alle, die an einem Augustmorgen des Jahres 1982 in einer Maschine nach Mineralnyje Wody saßen, als sie in der Ferne das Hochgebirge des Kaukasus erblickten. Hunderte schneebedeckte Gipfel, bizarre Bergspitzen, das Grün der Wälder, der Täler, kleine Dörfer im Vorland.
Es war wirklich wie ein Lottogewinn, dazuzugehören, zu den wenigen Auserwählten des Reisebüros der DDR, die das sagenumwobene Dombaital besuchen konnten. Umstellt von drei- und viertausend Meter hohen Berggiganten war es ein Traumort für Bergsteiger, Bergwanderer, Botaniker oder einfach nur Naturfreunde. Nur fünfzig oder siebzig Kilometer von Suchumi entfernt, der subtropischen Metropole Abchasiens am Schwarzen Meer, aber hinter hohen Bergen versteckt, lag dieses Naturschutzgebiet. Heimat der Riesenfarne, der vielen Orchideen, des blauen Ginsters, der jahrhunderte alten Buchenwälder, der Bären, der Wölfe, der Luchse und der riesige Kaukasushirsche. Vieles schien hier riesig, das Schwarze Meer schickte Regen und Wärme, der Boden hatte viel Kalk, Humus und auch Lavagestein. So war es ein Garten Eden, der auf sie wartete.
Eine bunte Truppe waren sie, die sich für diese Reise begeisterte. Eine Gruppe junger Wissenschaftler von der TU Dresden und aus Dresdener Forschungsinstituten, vier kernige Bergsteiger aus der Sächsischen Schweiz, zwei Handwerkerehepaare aus Thüringen, eine Arztfamilie mit zwei Kindern aus Plauen, ja und natürlich Uschi und Gottfried.
Schon in Schönefeld fiel die Gruppe auf. Große Rucksäcke und Lederhosen, laut und lustig, fanden sie sich schnell zusammen. Einer erzählte, er habe fünfhundert Kilometer trainiert, natürlich im Mittelgebirge. Ob das wohl ausreiche für den Kaukasus, fragte er? Nach der Reise würde er feststellen, dass dieses Training im Mittelgebirge überflüssig war. Treppen hätte man steigen müssen, täglich dreihundert Stufen oder mehr, das wäre das richtige Training für den Kaukasus gewesen.
Die Maschine der Aeroflot aus Moskau setzte weich und planmäßig in Mineralnyje Wody auf. Min-Wod, wie die Russen gerne sagten, war der wichtigste Flughafen für die vielen Bäder- und Erholungsorte im Kaukasusvorland. Von hier aus gingen auch viele Wege direkt in den Kaukasus hinein. Sie wurden von ihrem Reiseleiter bereits erwartet. Bald schon saß die Gruppe in zwei Bussen, die eigentlich den Namen Bus nicht verdienten. Es waren uralte Klapperkisten, ohne Kofferräume, schlecht gefedert mit steinharten Sitzen. Wie weit es wohl wäre, wurde gefragt? Na, vielleicht einhundertachtzig, zweihundert Kilometer, aber in die Berge hinein über Schotterpisten. Die Fahrer der Busse, zwei blutjunge Kaukasier mit Stoppelschnitt, rauchten wie die Schlote in Zeitungspapier gedrehten Machorka und fuhren wie die Teufel. Ganz sicher um die Wette. Einer der beiden Busse blieb an einem steilen Hang liegen, dampfte unter der Kühlerhaube. Der andere Bus kam zurück. Gemeinsam machten ihn die Fahrer wieder flott. Sie lachten viel, erzählten noch mehr und versuchten sich mit den Mitgliedern der Gruppe zu verständigen. Aber ihr Russisch war nur schwer zu verstehen, zuhause sprachen sie Abchasisch.
Nach mehr als fünf Stunden „Knochen-Brecher-Fahrt“ erreichten sie endlich Dombai, einen kleinen Ort in einem engen Tal mitten in tiefen Wäldern. Zwei einfache Intouristhotels, ein paar sehr bescheidene Holzhäuser, eine Post, ein Laden für alles, ein Parkplatz, das war es dann schon.
Ein Bergführer stellte sich vor. Er erklärte das Tal, die Umgebung, die Gefahren, nannte einige Gipfel beim Namen und zeigte die Wanderrouten auf der Karte. Die waren sorgsam eingeteilt, in „leicht“, „mittelschwer“, „schwer“, und „sehr schwer“. Die sehr schwere Route, es gab nur eine von dieser Kategorie, lag am Ende der Reise und führte zum Kristallpass in dreitausenddreihundert Metern Höhe.
Langsam kam man an. Alle Lebensbedingungen waren sehr bescheiden. Dafür war jede der Wandertouren begeisternd. Mit den Schwierigkeitsgraden wuchsen die Erlebnisse. Welch eine herrliche Natur der Kontraste. Dunkle Wälder, glasklare, steil abstürzende Bäche, Wiesen voller Blumen und Blüten und darüber die schneebedeckten Gipfel. Oh Welt, wie bist du schön!
Von leichten, ging es zu mittelschweren und schweren Routen. Viele Mitglieder der Gruppe waren oft völlig erschöpft. An den Abenden wurde viel erzählt und gesungen. Dabei wurden Tee und Wodka getrunken. Dann kam die Frage auf, wer es probieren wollte, diese sehr schwere Route, den Kristallpass, anzugehen? Wer traute es sich zu, wer hatte die Kondition, nein besser, den Willen und die Energie es zu machen? Und trotz Kondition und Willen, würde man es auch schaffen, heil wieder da herunter zu kommen? Der Zweifel blieb, die Angst auch! Noch war Zeit für die Entscheidung.
Ja, Wissenschaft war Quälerei, er wusste es. Bei seiner Promotion zum Dr. oec. hatte er es erlebt, die endlose, mühsame Schinderei um das Ziel zu erreichen. So war er sicher, dass der alte Marx recht hatte mit seinem Spruch. Blondschopf wusste auch um die Gefahren des Absturzes, denn er wäre damals fast abgestürzt und er hätte fast aufgegeben.
Und nun der nächste Vorstoß zum Dr. habil? Die Freunde und all die guten Bekannten, sie rieten ihm ab. Den Doktorgrad hatte er, das war doch genug, oder? Jetzt noch mal über Jahre schwitzen, vergeudete Lebenszeit? Liebe, Heirat, Leben und Reisen – wozu noch ein zweiter Doktorgrad? Hatten sie nicht recht? Was wollte er da oben, auf dem höchsten Gipfel? Würde er das überhaupt durchstehen? Würde es sich überhaupt für ihn irgendwann lohnen? Lange kreisten diese Gedanken in seinem Kopf. Was wollte er eigentlich, ja was, in drei Teufels Namen?
Freilich, er hatte diplomiert, war promoviert, war Dozent. Aber eigentlich fehlten das Wissen, das Können und die Spezialisierung, um diese Dozentur wirklich auszufüllen. Er war Finanzökonom, arbeitete aber nun in der Sektion Sozialistische Betriebswirtschaft. Also ging es zuerst darum, in zwei Jahren ein betriebswirtschaftliches Profil zu erwerben und zu trainieren. Er war dem Lehrstuhl Betriebliche Analyse zugeordnet und erwarb dort eine Spezialisierung. Sollte er sich nun zur Ruhe setzen, mit dreiunddreißig? Gegangen wäre es wahrscheinlich.
Heimlich liebäugelte er natürlich mit einer Professur, aber nur ganz heimlich, ohne jemals darüber zu sprechen. Das würde nur mit einer Habilitation erreichbar sein. Er wusste, seine Chancen waren gering. Die Sektion war im besonderen Maße auf die Kostenrechnung und das Rechnungswesen orientiert. Beide Gebiete interessierten Blondschopf nicht besonders, da gehörte er nur indirekt dazu. Er hatte keinen „Ziehvater“, der ihm ein Habilitationsthema vorschlug, der ihn auf eine Habilitation orientierte. Eigentlich war er ein bisschen ein Außenseiter. Warum wohl eigentlich? Er wurde geschätzt, aber wohl mehr aufgrund seiner breiten Einsetzbarkeit und seiner Kollegialität. Große Pläne für seine weitere wissenschaftliche Entwicklung hatte keiner seiner Vorgesetzten. Er war Dozent, was wollte er noch mehr, werden viele gedacht haben. Er arbeitete sich tief in die Analysenproblematik ein. Vielleicht gab es hier noch ein wissenschaftliches Feld, das zu neuen Ufern führen konnte? Ja, so war der Stand, konnte man daraus etwas machen? Oft hoffte er, aber er wusste es eigentlich nicht. Was war der richtige Weg für ihn? Kommt Zeit, kommt Rat, dachte er manchmal.
Ja, sie wollten es wissen, wenigstens einige aus der Gruppe, die die bisher mit „schwer“ gekennzeichneten Touren gut überstanden hatten. Die wollten hoch zum Kristallpass, über die „ sehr schwere“ Tour. Über sechzehnhundert Meter Auf- und Abstieg in ca. zwölf Stunden waren dafür zu leisten. Bis auf dreitausenddreihundert Meter ging es locker. Wer geht da mit? Wie groß war das Risiko zu scheitern? Wer traute sich das zu? An manchen Tagen wollten es viele, an anderen Tagen nur wenige, manchmal gar keiner. Das Traumziel, der Pass über den Wolken mit seiner einmaligen Sicht auf die Hauptkette des Kaukasus und vielleicht sogar auf das Schwarze Meer. Um das Ziel zu erreichen musste man sich endlich entscheiden. Das ewige Hin und Her und Ja und Nein musste ein Ende haben! So war das also. Eine Entscheidung war jetzt zwingend notwendig, für jeden Einzelnen ein schwerer Schritt!
Er wusste es, eine Habilitation, das war das Ziel, die Krönung jeder wissenschaftlichen Laufbahn. Die eventuell folgende Berufung zum Professor sah er nur als Zugabe. Eins wollte er auf gar keinen Fall, bei dieser Arbeit dünne Bretter bohren. Nicht so, wie es manche Kollegen machten. So z.B. eine Finanzordnung des Ministeriums wurde begutachtet, fünfundneunzig Prozent wurden für gut befunden, fünf Prozent verbesserungsbedürftig, es wurden ein paar Vorschläge entwickelt, und fertig war die Habilitationsschrift. Nun brauchte man allerdings noch zwei Gutachter, die das als Habilitationsschrift anerkannten. Alles ohne viel Zeitaufwand, Kraft und Energie bei minimalen Risiko. Nein, das war nicht seine Welt!
Ein Thema musste her. Eins, das aus seiner Sicht „habilitationswürdig“ war. Also nicht irgendein Gewäsch, keine Wiederholungen von bekannten Lehrsätzen, kein klein-klein vom Feinsten, nichts was nicht tief griff, nichts was keine neuen Tore aufstieß. Nein, das wollte er alles nicht.
