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Beschreibung

Die Moscovia Sigmund von Herbersteins rückte vor 500 Jahren Russland wieder in das Gesichtsfeld Europas. Bald kehrte das Großfürstentum Moskau und spätere Zarenreich zurück auf die europäische Bühne, von der es durch die Mongolenherrschaft zwei Jahrhunderte lang verschwunden war. Herberstein, Spross der steirisch-krainischen Adelsfamilie, reiste als Diplomat des römisch-deutschen Kaisers zweimal zum Großfürsten im Moskauer Kreml. Abenteuerlich: zu Pferd, im Schlitten und in der Kutsche. Er sah das Land und seine Menschen mit ihren Sitten und Gebräuchen und schilderte plastisch, was er sah und zu sehen glaubte: Alltagsleben, Politik, Kirche und die Mentalität der Menschen. Russland, in all seiner Widersprüchlichkeit, war für ihn ein Teil Europas, dessen Grenzen er am Ural und am Schwarzen Meer festmachte. In mehrere Sprachen übersetzt, wurde die Moscovia ein europäischer Bestseller und prägte durch Jahrhunderte das Russlandbild im Westen. Der Band behandelt Bedeutung und Erbe Herbersteins und seiner Moscovia und stellt das Werk in einen gesamteuropäischen Kontext.

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EPUB
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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2022

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leykam:seit 1585

Veröffentlichung des Ludwig Boltzmann Institutsfür Kriegsfolgenforschung, Graz – Wien – Raabs

Begründet von Stefan Karner

Herausgegeben von Barbara Stelzl-Marx

Sonderband 23

Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchivs

Herausgegeben von Gernot Peter Obersteiner

Band 44

ISBN: 978-3-901938-33-7

Europa – Russland

Herausgegeben von Stefan Karner

Band 1

ISBN: 978-3-9505007-0-7

Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.)

Sigmund von Herberstein.Moscovia

Die Reisen nach Moskau.Bedeutung und Erbe

Veröffentlicht gemeinschaftlich durch:

Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung Steiermärkisches Landesarchiv

in Kooperation mit:

Universität Graz

Stadt Graz

mit Förderung von:

Land Steiermark

Österreichisch-Russische Historikerkommission

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Die Bildquellen- und Copyright-Nachweise wurden mit größter Sorgfalt erhoben. Im Falle geltend zu machender Urheberrechte ersuchen die Herausgeber um Kontaktaufnahme.

Wenn aus Gründen leichterer Lesbarkeit ausschließlich die männliche Form (generisches Maskulinum) gewählt wurde, schließt dies beide Geschlechter mit ein.

Herausgeber

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Karner, Univ.-Prof. Dr. Barbara Stelzl-Marx

Redaktion

Dr. Bernhard Bachinger

Lektorat

Zwiebelfisch, www.zwiebelfisch.at

Mag. Elisabeth Stadler

Satz und Layout

Dr. Karl Hütter

Umschlaggestaltung

Grafikzone – Steirische Werbeagentur, www.tg-grafikzone.at

Titelabbildung

Collage aus colorierten Abbildungen aus der Moscovia. (Steiermärkisches Landesarchiv, Familienarchiv-Herberstein, EP K. 130, H. 105a, S. 4 und EP K. 132, H. 107/1, S. 18).

Gesamtherstellung

Leykam Buchverlag

1. Auflage 2021

Copyright © Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. Nfg. & Co. KG, Graz – Wien 2021

ISBN 978-3-7011-0456-7

eISBN 978-3-7011-0499-4

Inhaltsverzeichnis

Geleitworte

Familie Herberstein

Teresa Indjein

Johannes Eigner

Dmitrij Ljubinskij

Einleitung

Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx

Vorwort

Stefan Karner

Zu den Anfängen österreichisch-russischer Beziehungen Herbersteins Gesandtschaft und sein Bild von Russland

Herbersteins Bedeutung

Gerhard Pferschy

Sigmund von Herberstein Herkunft, Familie, Ausbildung

Walter Höflechner

Gesandtschaftswesen und Europäische Bündnissysteme zur Zeit Sigmunds von Herberstein Entwicklung und Schwerpunkte

Dmitrij Borovkov

Der Moskowiter Staat, das Hl. Römische Reich und die Habsburger Länder Eine Chronik der diplomatischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts

Inessa Magilina

Die Teilnahme Russlands an der anti-osmanischen Liga Sigmund von Herbersteins Ansichten

Herbersteins Werk

Sigmund von Herberstein und das alte RusslandAuszüge aus der „Moscovia“

Oleg Kudrjavcev

Stereotypen über Russland und die Russen Herbersteins „Rerum Moscoviticarum Commentarii“

Christine Harrauer

Information oder Manipulation?Boners Bericht an Herberstein über die Ursachen der Moskauer Brandkatastrophe 1547 zur Zeit Ivans IV.

Roman Žigun

„Rerum Moscoviticarum Commentarii“ von Sigmund von Herberstein Historiographische Analyse im russischen Raum

Andreas Kappeler

Anna ChoroškevičDie bedeutendste russische Erforscherin von Herbersteins Werk

Herbersteins Erbe

Dieter Bacher

Die Erben HerbersteinsBeispiele deutscher Russlandreisender des 18. Jahrhunderts und ihre Reiseberichte

Barbara Stelzl-Marx – Gottfried Allmer

Sigmund von Herberstein als später Retter steirischen Kulturerbes Die Befreiung des Schlosses durch die Rote Armee 1945

Hanns Christoph Herberstein (Hg.)

Untersteirische TagebücherAufzeichnungen von Johann Josef und Marie Madeleine Herberstein aus dem Jahre 1945

Anna-Maria Cede

Sigmund von Herberstein als Spitzendiplomat und Bestsellerautor Eine Spurensuche nach 500 Jahren

J. Georg Herberstein †

Die Familie Herberstein und ihr Einfluss auf die Geschichte des Landes Einflechtungen, Anekdotisches und Adaptiertes

Anhang

Itinerar

Abkürzungsverzeichnis

Personenregister

Ortsregister

Autorenverzeichnis

Geleitworte

Mit großem Interesse begleitet die Familie Herberstein die Forschungen zum Leben und Wirken des berühmten Vorfahren Sigmund von Herberstein. Sein Andenken hochzuhalten, ist eine mehr als angenehme Pflicht. Sigmund selber, obgleich selbst kinderlos, war während seines beinahe 80-jährigen Lebens sehr um seine Familie bemüht. So widmete er ein im Jahr 1560 fertiggestelltes Buch, „Gratae Posteritate“, explizit seinen Nachfahren, in dem er viele autobiographische Details, aber auch Lebensweisheiten zum ausdrücklichen Nutzen späterer Generationen festhält. In diesem Zusammenhang hätte es Sigmund sicherlich viel Genugtuung bereitet, dass selbst beinahe 500 Jahre nach seinem Tod sein Lebenswerk beschützend für seine Familie und das Stammschloss Herberstein in der Oststeiermark werden sollte. Im Mai 1945, kurz nach Ende der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges in Europa, bewahrte der Kastellan des Schlosses, Josef Fuchs, in aufmerksamster Weise – mit Sigmunds Hilfe – die steirischen Landeszimelien, die damals in den tiefen Gewölben von Schloss Herberstein vor dem Kriegsgräuel geschützt waren, aber auch das Inventar des Schlosses selber vor Verlusten. In seiner Not, als die Rote Armee bereits weite Teile der Oststeiermark besetzt hatte, führte der Kastellan den damals ankommenden sowjetischen Besatzungsoffizier – glücklicherweise ein Geschichtslehrer vor seiner Einberufung zum Kriegsdienst – zum lebensgroßen Porträtgemälde Sigmunds im Rittersaal. Diesem Augenblick verdankt Schloss Herberstein seine Schonung in jenen dunklen Tagen der jüngeren Geschichte, denn der sowjetische Offizier entschied aufgrund der Bedeutung Sigmunds für Russland von damals üblichen Plünderungen und Verwüstungen Abstand zu nehmen und das Schloss unter den Schutz sowjetischer Wachen zu stellen. So konnte unsere Familie alle gelagerten Kunstwerke des Landes im Herbst 1945 unbeschadet wieder nach Graz zurückstellen und auch das Schloss selber schützen. Leider hat damals die Hektik des Alltags jede genauere Aufzeichnung dieses denkwürdigen Ereignisses vereitelt. So mögen die Erinnerungen, die in diesem Buch ebenfalls Platz gefunden haben, jene Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, die unsere Familie auch allen Autoren dieses Werks auf diese Weise gerne übermitteln möchte.

Familie Herberstein

Auch wenn das Konzept der österreichischen Auslandskultur zumeist das Zeitgenössische und seine Herausforderungen im Blick hat, so gilt für uns doch immer das gebrochene Ideal und die Hoffnung, aus der Geschichte zu lernen und im „Bewusstsein der Geschichte“ zu leben, und daher die Augen vor großen Persönlichkeiten der Vergangenheit, wie Sigmund von Herberstein eine war, nicht zu verschließen, schon allein deswegen, weil er bis heute für die Beziehungen Österreichs zu Russland und auch zu Slowenien von Bedeutung ist.

Sigmund Herberstein gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten Vertreter der sich damals herausbildenden habsburgischen Diplomatie. Berufsdiplomaten, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. In der Regel beauftragte man eine Person mit einer bestimmten Mission. Für Sigmund waren es insgesamt 69 Missionen in insgesamt 40 Jahren, zwei davon in den Moskauer Staat.

Bleibende Bedeutung erlangte Sigmund nicht nur als Diplomat, sondern auch als Künstler. Seine Gelehrsamkeit, seine Neugier und Weltoffenheit wirken auch heute noch anziehend. Er bemühte sich, sowohl in seiner Berichterstattung den besuchten Völkern gerecht zu werden, das eigene Land nicht als besser darzustellen, und allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und ihren kulturellen Besonderheiten freundlich und zuvorkommend zu begegnen.

An einer Stelle seiner Autobiographie schreibt er: „Weil ich auch, Gott Lob, so viele Nationen kennengelernt und Länder durchzogen habe, mag ich in Wahrheit sagen, dass ich überall wie eben auch in meinem eigenen Vaterland Gutes und Böses gefunden habe, so dass ich mich über keine Nation zu beklagen habe, denn es ist mir überall Gutes, Gnaden, Lieb und Freundschaft bezeugt worden.“

Mein Dank gilt allen, die zur Erforschung von Leben und Wirken von Sigmund Herberstein heute weiterhin beitragen.

Botschafterin Dr. Teresa IndjeinLeiterin der Kulturpolitischen SektionBundesministerium für Europa, Integration und Äußeres

Die überragende historische Bedeutung der „Moscovia“ Sigmund von Herbersteins für das Wissen um und Verständnis von Russland ist vielfach beschrieben und gewürdigt worden. Mir sind bei der Lektüre des Nachworts von Walter Leitsch in der Manesse-Ausgabe von „Das alte Rußland“ zwei Dinge, gewissermaßen Meta-Aspekte von Herbersteins Wirken, ins Auge gefallen.

Zum einen ist es sein Bemühen, sich möglichst offen und unvoreingenommen auf Neues – und in seinem Fall tatsächlich völlig Unbekanntes – einzulassen, was sich in seinem Bekenntnis niederschlägt: „Weil ich auch, Gott Lob, so viele Nationen kennengelernt und Länder durchzogen habe, mag ich in Wahrheit sagen, daß ich überall wie eben auch in meinem eigenen Vaterland Gutes und Böses gefunden habe, so daß ich mich über keine Nation zu beklagen habe, denn es ist mir überall Gutes, Gnaden, Lieb und Freundschaft bezeugt worden.“ Eine solcher Zugang und eine solche Geisteshaltung – die, man kann es bei Herberstein nachlesen, mitunter auch pointierte Kritik durchaus nicht ausschließt – sind auch heute nicht selbstverständlich; für Diplomaten sollte dies allerdings zur mentalen Grundausstattung gehören.

Der zweite Aspekt ist ein spezifisch österreichischer: Herberstein hat sich Mühe gegeben, die slowenische, „windische“, Sprache zu erlernen, die Sprache der „Unterschicht“ seiner Heimat. Und nichts, auch Spott nicht, hat ihn „von dieser Sprache abbringen können, deren Kenntnis mir später in vielen Sachen genützt hat“. Österreich hat slawischsprachige Minderheiten und drei unmittelbare slawischsprachige Nachbarländer, und dennoch ist die Bereitschaft und Lust, eine slawische Sprache zu erlernen, im Allgemeinen immer noch recht gering. Zumindest als „captatio benevolentiae“, wie Lentsch den Nutzen von Herbersteins Slawisch-Kenntnissen nennt, würden solche auch heute hervorragend taugen, ganz besonders, aber bei weitem nicht nur, für Diplomaten.

Viel mehr als eine captatio benevolentiae ist es, wenn das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in diesem Sammelband auch russische Autorinnen und Autoren zu Wort kommen lässt. Denn es setzt damit fort, was schon bei der Behandlung viel kürzer zurückliegender und viel kontroverserer geschichtlicher Themen sein Ansatz und Anspruch waren und sind – den gemeinsamen Blick auf geschichtliche Ereignisse suchen, nicht um eine einheitliche Bewertung zu erzwingen, sondern im Gegenteil auch das manchmal Prekäre jeglicher historischer Beurteilung sichtbar und gerade dadurch weniger missbrauchbar zu machen. Dafür gebührt allen, die daran mitwirken, aufrichtiger Dank.

Dr. Johannes EignerÖsterreichischer Botschafter in der Russischen Föderation

Der vorliegende Sammelband ist dem 500-jährigen Jubiläum der Reise des damaligen kaiserlichen Gesandten Sigmund von Herberstein zum Hof des Großfürsten von Moskau Vasilij III. im Jahr 1517 gewidmet. Es war eine bemerkenswerte, obwohl nicht die die erste Mission solcher Art. Bereits 1489 besuchte der Gesandte von Friedrich III., Nikolaus Poppel, Moskau. Er verhandelte über die Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen, worüber in russischen Archiven Zeugnisse geblieben sind. Wir rechnen den Beginn der bilateralen Kontakte genau von diesem Zeitpunkt an.

Die Rolle Herbersteins in den Beziehungen Russlands und Österreichs, besonders bei der Erkundung des damals in Europa weithin unbekannten Moskauer Staates, ist kaum zu überschätzen. Sein in Latein und Deutsch herausgegebenes Werk „Moscovia“ war die umfassendste Schilderung des russischen Staates des 16. Jahrhunderts mit zahlreichen Angaben zu Innen- und Außenpolitik, wirtschaftlicher Lage, Alltagsleben, Religion und Kultur.

Das Werk Herbersteins machte einen eigenartigen Umbruch in den Vorstellungen der Westeuropäer über das damalige Russland und zeigte Europa deutlich, dass es im russischen Staat einen dynamisch erstarkenden, aussichtsreichen und würdigen Partner gefunden hatte. Der Name Herbersteins ist für immer in das Goldene Buch der Geschichte eingetragen, und seine „Moscovia“ wurde zu einem Augenzeugenbericht und einer sehr wichtigen historischen Quelle.

Heute entwickeln sich die Beziehungen der Russischen Föderation und der Republik Österreich erfolgreich auf verschiedenen Gebieten im traditionellen Geiste der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts. Unsere Länder arbeiten stets an weiterer Vertiefung dieser Zusammenarbeit.

Ich danke der russisch-österreichischen Historikerkommission, die 2008 gegründet wurde, für die erfolgreiche Herberstein-Konferenz in Graz im Mai 2017 und hoffe auf weitere interessante Projekte.

Ich wünsche allen Lesern des Sammelbandes interessante Eindrücke und alles Gute.

Dmitrij LjubinskijRussischer Botschafter in der Republik Österreich

Einleitung

Vorwort

Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx

Vor 500 Jahren erschloss ein Österreicher Russland für den Westen des Kontinents: Sigmund von Herberstein,1 Spross der steirischen Adelsfamilie. Wer immer sich für Russland, seine Menschen, ihre Sitten, Gebräuche und Werthaltungen, das riesige Land und seine Grenzen interessierte, griff zu Herbersteins Reisebeschreibungen, vor allem zu seiner als „Moscovia“ bekannten Abhandlung „Rerum Moscoviticarum Commentarii“.2

Der außergewöhnliche Diplomat in habsburgischen Diensten hinterließ ein ebenso aufsehenerregendes Vermächtnis: über 60 diplomatische Missionen jenseits der habsburgischen Grenzen während der 40-jährigen Zeitspanne 1516 bis 1556 zeugen davon. Neben handfesten diplomatischen Erfolgen, wie etwa das Aushandeln einer entscheidenden Waffenruhe mit dem osmanischen Sultan Süleyman I. im Jahr 1541,3 ragen vor allem die Reisen ins Reich der Moskowiter Großfürsten heraus. Zweimal – in den Jahren 1516/18 im Auftrag der römisch-deutschen Kaiser Maximilian I. und 1526/27 Karl V. bzw. des damaligen Erzherzogs von Österreich und späteren Kaisers Ferdinand I. – leitete Sigmund von Herberstein als Diplomat eine Gesandtschaft nach Moskau. Die über seine diplomatische Mission hinausgehende, aber im gleichen Atemzug durchaus erhoffte Einholung von Erkundigungen über die geografischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Großfürstentum verband Herberstein mit seinem eigenen großen Interesse an Land und Leuten.4 Und so war er zwar nicht der erste, der im Westen über den russischen Raum berichtete, aber er war ohne Zweifel der authentischste.

Sigmund von Herberstein setzte mit seiner „Moscovia“ neue Maßstäbe: seine Abhandlung zeugt von seinem Selbstverständnis als Forschungsreisender, der sich an humanistische Ideale hielt, systematisch vor Ort landeskundliche Informationen einholte, eigene Beobachtungen und Berechnungen anstellte, russische Chroniken zurate zog, herangezogene Literatur kritisch einordnete und so manch Fehlinformation berichtigen konnte.5 Dies gelang ihm nicht zuletzt durch seine slawisch/slowenischen Sprachkenntnisse, mit denen er mit den Menschen direkt sprechen und deren Meinungen aufzeichnen konnte.6

So entstanden vorrangig geographische und landeskundliche Beschreibungen der russischen „Terra incognita“, reich illustriert mit Kupferstichen von Augustin Hirschvogel. Herbersteins niedergeschriebenes Werk fand in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bald nach der Veröffentlichung große Verbreitung – insgesamt 22 Auflagen in sieben Sprachen zeugen davon. Und so blieb sie auch über die folgenden Jahrhunderte keineswegs unvergessen, sondern wirkte durch vielfache direkte und indirekte Rezipierung bis heute weiter.7

Der Band bietet eine Zusammenschau, in dem zum einen die Gesandtschaftsreisen Sigmund von Herbersteins nach Moskau im Zentrum stehen, zum anderen die Rezeption der „Moscovia“ im Laufe der fünf Jahrhunderte seit ihrer Entstehung. Schließlich prägen Herbersteins Reisebeschreibungen in vielerlei Hinsicht das Russland-Bild im Westen bis heute, beeinflussten darüber hinaus spätere Reisende und deren Blick auf das Moskowiter Großfürstentum bzw. auf das russländische Zarenreich ebenso sehr wie zu guter Letzt die russische Eigenwahrnehmung selbst. Inhaltlich ist der Band in drei thematische Blöcke gegliedert, sodass verschiedene, sich ergänzende Perspektiven und Aspekte entlang der Schlagworte Bedeutung, Werk und Erbe aufgeworfen werden.

Der erste dieser drei Blöcke steht auch chronologisch am Beginn, nämlich im 16. Jahrhundert. Wie Stefan Karner in seiner Einleitung geht der arrivierte Historiker Gerhard Pferschy vor allem auf die Person Sigmund von Herberstein ein. Pferschys Beitrag erörtert die Herkunft Herbersteins aus dem bedeutenden steirischen Adelsgeschlecht und legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Ausbildung des habsburgischen Diplomaten. Wie das generelle diplomatische Parkett zu Lebzeiten Sigmund von Herbersteins aussah, erläutern die Beiträge von Walter Höflechner und Dimitrij Borovkov. Bei Höflechner steht die Genese und Charakteristik des europäischen Gesandtschaftswesens im Fokus. Dazu legt er die Grundzüge der damaligen Bündnissysteme im frühen 16. Jahrhundert dar. Einen engeren Fokus wählt Borovkov, der die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Moskowiter Großfürstentum und dem Heiligen Römischen Reich, insbesondere aber den habsburgischen Erblanden analysiert. Vor dem Hintergrund der Expansion des Osmanischen Reichs im Wirkungszeitraum Sigmund von Herbersteins, der ja nicht zuletzt ein Gutteil der diplomatischen Missionen des habsburgischen Gesandten geschuldet war, erörtert Inessa Magilina die Frage, inwieweit Sigmund von Herberstein persönliche Standpunkte bezüglich einer Teilnahme der Moskowiter an einer anti-osmanischen Liga formuliert hatte.

Der zweite Themenblock beleuchtet verschiedene Aspekte rund um Sigmund von Herbersteins publizistisches Werk. Auszüge aus der „Moscovia“, die dem Themenblock voranstehen, vermitteln ein Gefühl für Herbersteins themenreiche und sprachgewaltige Beschreibungen der Verhältnisse im Großfürstentum. Anschließend spürt Oleg Kudrjavcev systematisch jene Stereotype in der „Moscovia“ auf, welche Herberstein über Russland und seine Bewohner einfließen ließ. Christine Harrauer beschäftigt sich wiederum mit der Frage nach dem tatsächlichen Wahrheitsgehalt eines bemerkenswerten Teils der Herberstein-Korrespondenz. Sie betrachtet quellenkritisch das Schreiben des polnischen Briefpartners Seweryn Boner an Herberstein über die Moskauer Brandkatastrophe des Jahres 1547 und legt mögliche Hintergründe für das Schreiben dar. Roman Žigun dagegen geht in seinem Beitrag der historiographischen Rezeption der „Moscovia“ in Russland nach. Ergänzend dazu richtet schließlich Andreas Kappeler das Augenmerk auf Anna Choroškevič, eine russische Historikerin, die dank ihrer umfangreichen Forschungen zu Sigmund von Herberstein sowie die russische und internationale Forschung zu seinem Werk prägte und einen wesentlichen Beitrag zum jetzigen Wissensstand beitragen konnte.

Abb. 1: Mitglieder der Österreichisch-Russischen Historikerkommission und Teilnehmer der internationalen Herberstein-Tagung 2017 bei der Exkursion zum Schloss Herberstein.

Quelle: Sammlung BIK.

Der letzte Themenblock umfasst fünf Beiträge, die unter der Programmatik Herbersteins Erbe zusammengefasst werden können. Dieter Bacher liefert in seinen Ausführungen mehrere Beispiele von deutschsprachigen Russlandreisenden sowie ihren Reiseberichten und fragt, inwiefern sie auf Herbersteins Spuren reisten. In die österreichische Zeitgeschichte taucht der gemeinsam von Barbara Stelzl-Marx und Gottfried Allmer verfasste Beitrag ein: er dreht sich um das Schloss Herberstein zu Kriegsende und wie unter anderem die Kenntnisse über Herberstein wertvolles steirisches Kulturgut vor Zerstörung bewahrten. Das Kriegsende wirkte auch in anderer Hinsicht auf die Nachkommen Herbersteins: Johann Josef und Marie Madeleine Herberstein waren als Grafen von Herberstein und Besitzer des Schlosses Pettau/Ptuj von den Umbrüchen besonders betroffen. Ihre Tagebucheinträge aus dem Jahr 1945 geben Einblicke in eine ungewisse, schwere wie bedrohliche Situation, an deren Ende ihre Ausweisung nach Österreich stand. Anna-Maria Cede wählt schließlich einen sehr persönlichen Zugang, um ihre Beschäftigung mit Sigmund von Herberstein darzulegen. In den Jahren, als sie an Seite ihres zum österreichischen Botschafter in der Russischen Förderation berufenen Mannes Franz Cede, verbrachte, entdeckte sie Herberstein für sich, ein Thema, das sie bis heute nicht mehr loslässt. Zu guter Letzt richtet J. Georg Herberstein mit einem, aus dem familienhistorischen Erbe hergeleiteten Zukunftsappell das Wort an die Leser. Bedauerlicherweise mussten wir im Sommer 2019 die Nachricht vom Ableben J. Georg Herbersteins vernehmen. So blieb sein Appell auch sein Vermächtnis.

Der vorliegende Band knüpft an sich an einen steirischen Themenschwerpunkt an, der in der Vergangenheit bereits mehrmals bearbeitet wurde, vor allem bei der Landesausstellung des Jahres 1986 „Die Steiermark. Brücke und Bollwerk“ oder im Zuge der von Gerhard Pferschy 1989 herausgegebenen Publikation „Siegmund von Herberstein. Kaiserlicher Gesandter und Begründer der Russlandkunde und die europäische Diplomatie“.8 Es freut uns sehr, dass das vorliegende Werk auf dieser Tradition aufbaut und als 44. Band der Reihe „Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchivs“ geführt wird.

Inzwischen war viel Zeit verstrichen und die Forschungen zu Herberstein gingen weiter, insbesondere auch in Deutschland. Daher veranstaltete die Österreichisch-Russische Historikerkommission und das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung im Jahre 2017, genau 500 Jahre nach Herbersteins erstmaligem Eintreffen in Moskau, in Graz ein internationales Symposion, das Herberstein im Lichte der neuen Forschungen zeigte. Auf Basis der Referate des Symposions und weiterer Beiträge entstand nun der vorliegende Band.

„Sigmund von Herberstein. Moscovia“ ist gleichzeitig der erste Band einer neuen Reihe des Leykam Verlags, die sich mit dem Verhältnis von Europa und Russland – der beiden geografischen Hälften eines Kontinents – beschäftigen wird.

Danksagung

Zum Entstehungsprozess des Buches trugen zahlreiche, an der Thematik Interessierte mit Informationen, hilfreichen Tipps oder mit tatkräftiger Mithilfe bei. So ließ uns etwa Sabine Schmuck dankenswerter Weise aus Hamburg Unterlagen ihrer Urgroßtante, Dr. Elfriede Rensing zukommen. Die deutsche Historikerin hatte sich bereits in der Zwischenkriegszeit ausgiebig mit Herberstein und seinem Werk beschäftigt. Dank gebührt ebenso Jakob Gruber, Shila Shorny BA, Yevgenia Nazaruk BA und Mag. Hannah Riedler BA für unterstützende Recherchen und redaktionelle Mitarbeit. Besonders möchten wir Dr. Bernhard Bachinger, Programmlinienleiter „Weltkriege“ am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, für die organisatorische und redaktionelle Betreuung des Bandes danken.

Die Übersetzung der russischen Beiträge ins Deutsche besorgten Dr. Arno Wonisch, Stefanie Westermeyer BA, Miriam Egger BA BA MA, Eva Egger BA BA BA MA und Anastasia Seibel BA.

Mag. Elisabeth Stadler, „zwiebelfisch“, führte in bewährter Weise das Lektorat durch, Dr. Karl Hütter erstellte das Innenlayout sowie den Umbruch, Pia Nograsek, „Grafikzone – Steirische Werbeagentur“, den Einband. Ihnen sei ebenfalls vielmals gedankt.

Schließlich geht ein großes und herzliches Dankeschön an alle Verfasser der Beiträge, die ebenso vielfältige wie spannende Aspekte zu Herbersteins Bedeutung, Werk und Erbe beisteuerten.

Die Herausgeber danken dem Steiermärkischen Landesarchiv unter seinem Direktor, HR Mag. Dr. Obersteiner MAS, für vielfältige Hilfestellung und die Aufnahme des Bandes in die Reihe der „Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchivs“. Ebenso sei dem Leykam Verlag, besonders seinem Eigentümer Dr. Leopold Gartler für den Start der neuen Publikationsreihe „Europa – Russland“ mit dem Band zu Herberstein sowie Leykam-Geschäftsführer Dr. Stefan Gartler MA sowie Programmdirektor Dr. Wolfgang Hölzl für die kompetente Betreuung des Bandes gedankt. Eine große Hilfe und Unterstützung war auch diesmal die Förderung des Landes Steiermark sowie die Begleitung durch die Österreichisch-Russische Historikerkommission unter Stefan Karner und Alexander Tschubarjan.

Möge das Buch helfen und dazu beitragen, die Entwicklungen im geografischen Osten Europas besser zu verstehen und uns damit Russland – im Sinne Sigmund von Herbersteins – näher zu bringen.

Graz, April 2021

Anmerkungen

1Es existieren mehrere Versionen für den Vornamen Herbersteins. Zum einen ist die latinisierte Form Sigismund sicherlich jene mit der höchsten Verbreitung, zum anderen sind jedoch die Versionen Siegmund oder Sigmund bei der Nennung im Deutschen authentischer. Die Herausgeber haben sich dazu entschlossen, für diesen Band durchgängig die in der Neuen Deutschen Biographie gewählte Schreibweise Sigmund zu verwenden. Vgl. Dorothea Bergstraesser, Herberstein, Sigmund Freiherr von, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 8, Berlin 1969, S. 579f.Zudem sei darauf verwiesen, dass russische Namen und Ortsangaben – mit Ausnahme der Originalauszüge aus der „Moscovia“ auf den Seiten 131 bis 152 – einheitlich gemäß der wissenschaftlichen Transliteration wiedergegeben werden.

2Die Reisebeschreibung Rerum Moscoviticarum commentarii erschien erstmals 1549 in Wien. Die in Latein publizierten Schriften wurden 1551 zunächst geringfügig und 1556 schließlich beträchtlich erweitert und verbessert in Basel neu herausgegeben. Ein Jahr später folgte die erste deutschsprachige Ausgabe der „Moscovia“ auf Basis der Basler Ausgabe von 1556: Moscouia der Hauptstat in Reissen, durch Herrn Sigmunden Freyherrn zu Herberstain, Neyperg vnd Gutenhag Obristen Erbcamrer, und obristen Erbtruckhsessen in Kärntn, Rämischer zu Hungern und Beheim Khü. May. Etc. Rat, vnd Presidenten der Niderösterreichischen Camer zusamen getragen, Wien 1557.

3Vgl. Walter Leitsch, Sigismund von Herberstein bei Süleyman dem Prächtigen, in: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes, 82/1992, S. 269–287.

4Vgl. Bertold Picard, Das Gesandtschaftswesen Ostmitteleuropas in der frühen Neuzeit. Beiträge zur Geschichte der Diplomatie in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts nach den Aufzeichnungen des Freiherrn Sigmund von Herberstein. Wien/Köln/Weimar 1967, S. 106.

5Vgl. Christine Harrauer, Sigmund von Herberstein als Humanist, in: Frank Kämpfer, Reinhard Frötschner (Hg.), 450 Jahre Sigismund von Herbersteins Rerum Moscoviticarum Commentarii 1549–1999. Wiesbaden 2002, S. 11–26, hier: S. 15.

6Vgl. Wolfgang Geier, Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Sigmund von Herberstein, Adam Oearius, Friedrich Christian von Webern, August von Haxthausen. Wiensbaden 2004, S. 47.

7Vgl. Walter Leitsch, Herberstein’s Impact on reports about Muscovy in the 16th and 17th Centuries. Some Observations on the Technique of Borrowing, in: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, 24/1978, S. 163–177; Marija Wakounig, Zur Perzeption von Sigismund Herbersteins Moscovia im 18. Jahrhundert. Kontinuitäten und Brüche, in: Christoph Augustynowicz, Agnieszka Pufelska (Hg.), Konstruierte (Fremd-?)Bilder. Das östliche Europa im Diskurs des 18. Jahrhunderts, Berlin/Boston 2017, S. 42–56

8Vgl. Gerhard Pferschy, Peter Krenn, Die Steiermark. Brücke und Bollwerk. Katalog der Landesausstellung auf Schloß Herberstein bei Stubenberg vom 3. Mai bis 26. Oktober 1986, Graz 1986 sowie Gerhard Pferschy, Siegmund von Herberstein. Kaiserlicher Gesandter und Begründer der Russlandkunde und die europäische Diplomatie. Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchivs, Bd. 17, Graz 1989.

Zu den Anfängen österreichisch-russischer Beziehungen

Herbersteins Gesandtschaft und sein Bild von Russland

Stefan Karner

Eine Beschreibung der komplexen und jahrhundertealten österreichisch-russischen Beziehungen in Politik, Wirtschaft und Kultur wäre vollkommen unvollständig, würde man dem nicht auch das Russlandbild zugrunde legen, wie es sich durch Jahrhunderte in Mittel- und Westeuropa verfestigt hat. Obwohl vielfach überlagert durch die Auswirkungen verwandtschaftlicher Beziehungen der russischen Aristokratie, vor allem mit deutschen und britischen Fürstenhäusern, durch die beiden Weltkriege, den Nationalismus des 19. Jahrhunderts, die NS-Rassenideologie und durch die Erfahrungen der Menschen in den von der Roten Armee nach 1945 besetzten Ländern, geht das Russlandbild doch auch wesentlich auf die Berichte Sigmund von Herbersteins zurück, die der kaiserliche Diplomat vor 500 Jahren verfasst hat.

An der Zeitenwende vom Mittelalter zur Neuzeit beauftragte Kaiser Maximilian I. den jungen Gesandten zu einer nahezu aussichtslosen diplomatischen Mission in das unbekannte Land der „Reissen“, an den Hof des Moskowiter Fürsten. Herberstein gilt seither als der Entdecker Russlands für den Westen, obwohl er nicht der erste Russland-Reisende war und sicherlich Passagen aus anderen Reiseberichten, etwa von Johann Faber, übernommen hatte.1

Sigmund von Herberstein, Baronis in Herberstain, Neyperg & Guttenhag, Spross einer der ältesten österreichischen Familien, wurde 1486 in Wippach/Vipava/Vipacco in Krain, nahe dem Isonzo und der italienischen Grenze, geboren.2 Er war von schwacher Statur und Gesundheit. Daher kümmerten sich seine Eltern verstärkt um seine Bildung. In Wien studierte er Jus, auf den herrschaftlichen Feldern erlernte er bei den leibeigenen Bauern das damals gebräuchliche Slowenisch („Windisch“), war mehrsprachig, ein Parade-Humanist seiner Zeit. Kaiser Maximilian I. schlug ihn 1514 zum Ritter, nachdem Herberstein, gemeinsam mit seinem Bruder Georg, der sich im „Windischen“ Bauernkrieg einen unrühmlichen Namen gemacht hatte, erfolgreich die von den Venezianern niedergebrannte Festung Marano am Ufer des Tagliamento erobert hatte.

Herberstein vertrat den alten Rittergeist an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit in neuer Form, als rittermäßiger Beamter. Kaiser Maximilian I. schätzte seine Sprachkenntnisse, seine Gewandtheit und übertrug ihm heikle diplomatische Aufträge. Schnell galt Herberstein als erfolgreicher Diplomat. Polen, Litauen, Spanien, ja selbst Sultan Süleyman der Prächtige, standen auf der Reiseliste seiner mehr als 60 Missionen. Doch Russland war eine besondere Herausforderung. Nur wenige hatten das Gebiet der „Reissen“ bereist und es gab nur spärliche Berichte über das weite Land, in dem bis kurz zuvor Mongolen und Tataren herrschten. Und Herberstein wollte diese Mission, obwohl zunächst jemand anderer dafür vorgesehen war. Welchen Stellenwert für ihn die Gesandtschaft nach Russland hatte, zeigt sich auch darin, dass sein Wappen als absolute Besonderheit auf der Helmzier drei Figuren führt: den römisch-deutschen Kaiser in der Mitte, den spanischen König (Karl V.) und den russischen Herrscher Vasilij III. auf den Seiten.

Abb. 1: Die in der „Moscovia“ abgedruckte Landkarte ist eine der frühesten westlichen kartografischen Darstellungen der Geografie des Großfürstentums Moskau.

Quelle: Steiermärkisches Landesarchiv (StLA), Familienarchiv Herberstein, EP K. 130, H. 105a-3, S. 11.

Russland

Das Moskowitische Fürstentum war seit Langem nahezu völlig aus dem Blickfeld Europas verschwunden. In der Euphorie der Entdeckung Amerikas und anderer ferner Länder um 1500 hatte man vom Osten Europas kaum Notiz genommen. Die Politik der Chanate auf dem Boden Russlands war auch kaum mit Europa verbunden, Heiraten zwischen europäischen, mongolischen und russischen Fürstengeschlechtern blieben die absolute Ausnahme.3

Abb. 2: Wappen Sigmund von Herbersteins mit den für ihn wichtigen Herrscherfiguren auf dem Helmzier.

Quelle: StLA, Familienarchiv Herberstein, EP K. 130, H. 105a-1, S. 3a.

Das europäische und das russische Mittelalter waren weitgehend getrennt voneinander durchlebt worden. Die Kirchenspaltung, beginnend um das Jahr 1000, die fremde und gefürchtete Mongolen-Herrschaft über die russischen Gebiete mit der forcierten Abwendung der kleinen russischen Fürstentümer von Europa, hatten das Ihre dazu beigetragen. 1240 fiel Kiev („Ravenna des Nordens“), das damals mit rund 60.000 Einwohnern so groß war wie Paris und größer als London oder Wien. Einzig das Gebiet um Novgorod Velikij blieb von den Mongolen unbesetzt. 1241 standen die mongolischen Reiter unter Dschingis Khans Enkel, Batu Khan, in Schlesien, vor den Toren Wiens und in Wiener Neustadt. Nicht die Schlacht bei Liegnitz, sondern Glück rettete damals Zentraleuropa und das Heilige Römische Reich. Nur sieben Jahre nach dem Fall Kievs und der Bedrohung des christlichen Europa starteten westeuropäische Herrscher, beginnend mit dem Papst, eine regelrechte Gesandtschafts-Pendel-Diplomatie mit Besuchen und Gegenbesuchen an vielen europäischen Höfen. Russland und seine Fürsten blieben davon weitgehend ausgenommen.

Denn das Land war, mit Ausnahme von Novgorod Velikij, unterworfen und für ein Vierteljahrtausend aus dem politischen Horizont des mittelalterlichen Europa verschwunden. Hier begann im 13. Jahrhundert der Alltag der Mongolen- und Tatarenherrschaft4, unter anderem mit einem straff organisierten Beamtenapparat. In den russischen Burganlagen, dem Kreml der Städte, saßen tatarische Statthalter und am Hofe des Khans in Sarai (nahe Volgograd) eingesetzte, abhängige, botmäßige russische Fürsten. Die Mongolen und Tataren (Turkstämme), die bald nach Beginn ihrer Herrschaft über die russischen Gebiete den Islam angenommen hatten, sicherten den orthodoxen Christen zwar weitgehende Religionsfreiheit, ihren Klöstern und Kirchen Schutz und Steuerfreiheit zu, pressten jedoch Bauern und Händler durch hohe Steuern aus, auch mithilfe der ihnen untergebenen russischen Fürsten und des Klerus.

Abb. 3: Der Festsaal des Facettenpalastes, dem 1492 fertig gestellten ältesten erhaltenen Teil des Moskauer Kremls, diente als Räumlichkeit für Staatsakte, Empfänge, Festmähler und Krönungsfeiern.

Quelle: Wikimedia, gemeinfrei.

Scholastik, Minne und Rittertum blieben den Russen ebenso fremd wie das Lateinische als lingua franca oder eigene Universitäten. Die einst stolzen, christlichen Fürsten von Kiev, Vladimir, Suzdal’, Kazan’, Moskau oder Tver’ hatten mit reichen Geschenken nach Osten, zum moslemischen Khan nach Sarai oder zum Großkhan nach Karakorum, zu pilgern. Dort wurde über ihr weiteres Schicksal entschieden, wurden die Zahlungen eingefordert, Ehen zwischen tatarischen Prinzessinnen und russischen Adeligen gestiftet und die Thronfolgen geregelt. Die kleinen russischen Fürstentümer waren eben der westliche Teil des größten, geschlossenen Imperiums der Weltgeschichte, begründet von Dschingis Khan, geworden, das von China bis an die Adria reichte. Die Gesellschaft in den einzelnen russischen Fürstentümern wurde vor allem durch die rund 250-jährige Mongolen- und Tataren-Herrschaft ethnisch, religiös und sozial stark durchmischt. „In jedem Russen steckt auch ein Tatar“, so der Volksmund.

Dennoch blieben in Russland an der Wende zur Neuzeit noch zahlreiche Gemeinsamkeiten mit Europa, konnten – trotz tatarischer Herrschaft – Eigenständigkeit im Glauben, in der Orthodoxie, in der Kirche, in Kultur und Wirtschaft erhalten werden. Sie resultierten aus den Traditionen der alten Waräger, der alten Kiever Rus’, von Vladimir (Andrej Rublev) und Suzdal’ (Frauenkloster), dem Mönchstum, der Dichtung (Nestorchronik; Lied von Igors Heerfahrt) den Handelsbeziehungen zur Hanse im Norden und zu Ostrom/Byzanz im Süden, oder den demokratischen Traditionen des von den Mongolen nicht eroberten Novgorod, wie die vorwiegend aus griechischen Schriftzeichen abgeleitete kyrillische Schrift, ein Lehens- und Feudalsystem, das Mönchstum, ein starker Antijudaismus bis hin zu immer wiederkehrenden Judenpogromen oder die Entwicklung von Städten rund um den Kreml. Zweifellos hat der Abwehrkampf der Russen gegen die Mongolen und Tataren deren militärischen Vorstoß nach Mitteleuropa gedämpft.

Im 15. Jahrhundert wurde die Herrschaft der Tataren, der Goldenen Horde (russisch: orda), langsam abgeschüttelt, auch weil die Horde in Teilfürstentümer (Khanate/Chanstvo) zerfallen war. Gleichzeitig konnte Moskau zum stärksten Fürstentum, auch mithilfe des orthodoxen Patriarchen, aufsteigen und fühlte sich stark genug, um durch Heirat mit Zoë Sophia Palaiologa, der Nichte des letzten oströmischen Kaisers Konstantin XI., die Nachfolge des von den Osmanen eroberten Konstantinopel anzutreten („Drittes Rom“). Der byzantinische Doppeladler wurde in das Moskowiter Wappen implementiert, ein deutliches Zeichen der Nachfolge Konstantinopels durch Moskau. Der Moskauer Großfürst Ivan III., der bis heute am längsten im Kreml residierende Herrscher, der beim „Sammeln der russischen Erde“ und der orthodoxen Christen zahlreiche Nachbarfürstentümer erobert und unterworfen hatte, schmückte sich mit dem Titel „Zar“ (Alleinherrscher/Autokrat).5

Das vor Selbstvertrauen strotzende Moskowiter Reich wurde nun von allen Seiten umworben. Es galt, das Potenzial des riesigen Gebietes, seine Rohstoffe, seine militärische Stärke, seine Handelsrouten und seine geopolitische Lage im Dreieck Polen/Litauen – Heiliges Römisches Reich – Osmanisches Reich zu nutzen und es als neuen Player auf seine Seite zu bringen. Das Moskowiter Reich kam in das europäische Spiel der Kräfte und des Gleichgewichts. Ivan III. und sein Sohn Vasilij III. hatten wiederum vor allem die Rückeroberung der von Polen-Litauen eroberten westrussischen Gebiete im Visier.

So hatte Ivan III., nach der Eroberung von Novgorod Velikij seine Grenzen nach Livland vorgeschoben und nun gemeinsame Interessen mit Maximilian I., nämlich: Polen-Litauen. Das Bündnis der beiden war 1514 schnell geschlossen (Vermittlung durch Georg Schnitzenbaumer, Hauptmann zu Pettau/Ptuj). Polen-Litauen wurde zum Pufferstaat, bedrängt im Osten und im Westen. Für Vasilij war ein wesentlicher Punkt des bilateralen Vertragswerkes freilich die Bezeichnung als „von Gottes Gnaden Kayser und Herrscher aller Rewssen“. Eine nachträgliche Änderung des Textes auf Wunsch Maximilians durch Conrad Peutinger, änderte daran nichts mehr. Tatsächlich wurde gerade die Anerkennung der Würde eines „Zaren“/Kaisers für den russischen Großfürsten ein Streitpunkt für Maximilian, der schließlich auch das Offensivbündnis gegen Polen-Litauen zahnlos werden ließ. Auch Herberstein vermied es, Vasilij als „Zar“ oder Kaiser anzusprechen oder zu benennen.

Vasilij erfuhr bald von Verhandlungen Maximilians mit dem jagiellonischen Polenkönig Sigismund I. hinter seinem Rücken. Für Maximilian ging es um die ungarischen und böhmischen Kronen, wofür er sich die Unterstützung Sigismunds sichern wollte und im Wiener Kongress 1515 die ein Jahr zuvor mit Vasilij geschlossene Allianz brach.

Damit hatte sich Maximilian in eine diplomatische Sackgasse manövriert und befand sich nun zwischen mehreren Stühlen: Polen unterstützte er ausdrücklich bei der Forderung nach Rückgewinnung russischer und ukrainischer Gebiete und mit Vasilij, der ihm Treuebruch vorwarf, hatte er sich überworfen, wohl wissend, dass der Einfluss Moskaus im Ostseeraum stark zunahm.

So blieb Maximilian nur noch das Osmanische Reich, das ebenfalls über den Balkan an die Grenzen seines Reiches klopfte. Um die Polen-Litauer für einen gemeinsamen Kampf gegen die Türken zu gewinnen, musste man sie in ihrem Dauerkrieg gegen die Großfürsten in Moskau entlasten, d. h. den Krieg beenden. Daraufhin sollte Vasilij Smolensk an Polen zurückgeben und als Bündnispartner im Kampf gegen die Türken einer neuen Allianz des Reiches mit Polen beitreten.

Dies war die Ausgangsposition der Gesandtschaft Herbersteins nach Moskau, der Auftrag Maximilians. Eine Mission impossible, völlig irreal und ohne jegliche Aussicht auf Realisierung.

Die Reisen Herbersteins

Im Spätherbst 1516 brach der 30-Jährige von Augsburg über (Nieder-)Österreich, Böhmen, Schlesien, Polen und Litauen nach Moskau auf. In ein Gebiet, das sich unter Großfürst Vasilij III. („dem Buckligen“), einem an sich eher schwachen Herrscher, anschickte, eine europäische Macht zu werden. Quasi unterwegs sollte er in Litauen noch die Hochzeit der italienischen, sehr reichen Prinzessin Bona Sforza (Herzogin von Bari und Fürstin von Rossano) mit dem polnischen König Sigismund I. einfädeln, was ihm auch gelang. Sforza wurde Königin von Polen und Großfürstin von Litauen. Die gelungene Heiratsvermittlung sollte freilich dem eigentlichen Ziel der Gesandtschaft dienen, die enttäuschten Russen in eine Allianz gegen die Türken zu gewinnen. Diese hatten 1453 das christliche Konstantinopel erobert, Kirchen zerstört oder aus ihnen Moscheen gemacht, wie die Hagia Sophia.

Novgorod – das Gegenmodell zu Moskau

Auf seiner Reise, alles im Sattel, in der Kutsche oder auf Schlitten, kam Herberstein unter anderem über die freie Stadt Pleskau/Pskov in die Stadtrepublik Novgorod-Velikij, das er in einer wörtlichen Übersetzung „Neugarten“ nannte.6 Novgorod, eine Wiege des „alten Russland“, war 1478 von Ivan III. unterworfen, annektiert und ihrer geistigen und wirtschaftlichen Eliten, ihrer Schätze an Gold und Schmuck, beraubt worden. Der große Handelsplatz Novgorod, der in ständiger Handelsverbindung mit der deutschen Hanse, mit Schweden, Litauen oder Polen stand, hatte einen Teil seiner wirtschaftlichen Bedeutung eingebüßt und politisch einen konträren Weg zu Moskau eingeschlagen.

Abb. 4: Das Gemälde des russischen Historienmalers Sergej V. Ivanov (1864–1910) aus dem Jahr 1907 zeigt eine Wache gegen Tartareneinfälle an der südlichen Grenze des Moskauer Fürstentums im 16. Jahrhundert.

Quelle: Wikimedia, gemeinfrei.

Mit seinem „veče“, einer Volksversammlung, die Fürsten einsetzte, und einem mächtigen Erzbischof („vladyka“) hatte Novgorod einen beginnenden Separatismus gegenüber Moskau und einen gewissen Hang zum Katholizismus, wie er im benachbarten Polen-Litauen vorherrschte. Herberstein: Summa summarum, ein äußerst zivilisiertes Volk („gens humanissima ac honesta“), das allerdings durch den Moskowiter Einfluss (die „Moskowiter Pest“) besonders korrumpiert („corruptissima“) wurde. In den Handelsbräuchen gehe es nach der Annexion durch Moskau schlicht um die Einführung des orientalischen Handelsbrauchs gegenüber dem bis dahin geübten Brauch der deutschen Hanse. Nun herrsche nicht mehr der „Geld-Ware-Handel“ wie im Westen, sondern der Tauschhandel Ware gegen Ware („Stich und Tausch“).7

Novgorod könnte von Herberstein insbesondere als Gegenpol zum autokratischen, orthodoxen Moskau gesehen worden sein. Trotz aller Unterjochung blieb die Stadt auch unter Moskauer Herrschaft (und nach einer abermaligen Eroberung durch Ivan IV., „den Schrecklichen“ 1570) eine bedeutende, reiche, russische Stadt.8

Vasilij III. empfing Herberstein nach seiner monatelangen Reise im Kreml in eher frostiger Atmosphäre, jedoch mit dem üblichen protokollarischen Gepränge, was Herberstein als mit großem Pomp ausdrückte. Vasilij machte demgemäß auch überhaupt keine diplomatischen Zugeständnisse. Sämtliche Vorsprachen Herbersteins und diplomatischen Bemühungen schlugen, wie angesichts der Lage nicht anders zu erwarten war, fehl. Eine Koalition mit dem katholischen Polen lag weder im Interesse der orthodoxen Kirche, noch in jenem von Vasilij. Noch weniger kompatibel war für die Moskowiten das Ansinnen, Smolensk herauszugeben, hätte dies doch die Politik des „Sammelns der russischen Erde“ konterkariert. Besonders anmaßend empfand Vasilij auch die von Maximilian eingenommene Rolle eines Haupt-Schiedsrichters. Auch die nahezu beschwörenden Worte Herbersteins zum Kampf gegen die Türken, in der Manier eines Aufrufes zu einem neuerlichen Kreuzzug, mit denen er Vasilij auf seine Seite ziehen wollte, konnten dies nicht mehr ändern: „[…] In Wilna habe ich den türkischen Gesandten gesprochen, er sagte, der Sultan habe Damaskus, Jerusalem und ganz Ägypten unterworfen. […] Herr, wir haben schon früher die Macht des Sultans gefürchtet. Ist sie jetzt nicht noch mehr zu fürchten?“

Abb. 5: Ansicht des alten Novgorod Velikij nach einem Stich um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Quelle: Sigizmund Gerberštejn, Zapiski o Moskovii, Moskau 1908.

Nach sieben Monaten reiste Herberstein am 22. November 1517 wieder aus Moskau ab und erstattete seinem Kaiser in Innsbruck einen ausführlichen Bericht. Doch Vasilij ließ ihn nicht allein reisen. Eine russische Gesandtschaft begleitete ihn, um Kaiser Maximilian die russische Haltung präzise zu erklären. Was Herberstein jedoch nicht wissen konnte: Während er nach Westen fuhr, schickte Vasilij einen Getreuen zu Sultan Selim nach Konstantinopel, um die Beziehungen mit den Türken auf eine neue Qualität zu heben. Auch Vasilij ließ sich eben einige Optionen offen und traute dem Kaiser in Wien, den er in der Anrede gegenüber den Diplomaten stets „als den höchsten König“ bezeichnet hatte, nicht ganz.

Auch seine zweite, wiederum rund siebenmonatige Gesandtschaft 1526/27, nun schon im Auftrag von Kaiser Karl V., dem Enkel Maximilians, bzw. im Auftrag von dessen Bruder, Erzherzog Ferdinand, dem späteren Kaiser Ferdinand I., brachte diplomatisch und politisch wenig ein. Herberstein reiste diesmal nicht mehr allein, Gesandter Graf Leonardo Nogarola war im Auftrag Kaiser Karls V. der eigentliche Ansprechpartner für den russischen Großfürsten. Und auch diesmal kehrte Herberstein voller Eindrücke über Land und Leute, voller Berichte und Aufzeichnungen, die ihm zugetragen worden waren, heim. Die diplomatischen Bemühungen Leonardo Nagarolas blieben, ebenso wie Herbersteins Werben um den Zaren wenige Jahre zuvor, ohne Erfolg. Auf dem Heimweg erfuhr Herberstein vom plötzlichen Tod des jagiellonischen Ungarnkönigs in der Schlacht von Mohács (1526), was Ferdinand laut Vertrag zum Erbberechtigten der ungarischen und böhmischen Kronen machte. Herberstein nutzte seine Heimreise noch dazu, in Krakau die Modalitäten der Übernahme von jagiellonischen Gütern in die Verfügungsgewalt Ferdinands zu regeln. So schaffte er doch noch einen kleinen diplomatischen Erfolg, den er seinem Herrn in Prag, am Tag der Krönung (24. Februar 1527) vortragen konnte.

Abb. 6: Die vormals eigenständige Stadtrepublik Pskov/Pleskau wurde 1510 in das Großfürstentum eingegliedert. Die Befestigungen verloren an Bedeutung und verfielen, ehe die mittelalterliche Dreifaltigkeitskathedrale 1682–1699 neu errichtet wurde. Sie beherrscht heute mit dem in den 1860er-Jahren für dekorative Zwecke erbauten Daumantas-Turm das Ensemble im Kreml.

Quelle: Wikimedia, A. Savin, FAL.

Die diplomatische Mission nach Moskau war freilich von diesen Ereignissen in den Hintergrund gedrängt worden. Denn nun standen die Kriege gegen die Türken für den Kaiser im Vordergrund seiner Außen- und Kriegspolitik. Immer wieder jedoch konnte der römisch-deutsche Kaiser in Wien in seinem Kampf gegen die Türken auf Rückendeckung durch den russischen Zaren in Moskau hoffen.

Die „Moscovia“

Waren die beiden Missionen erwartungsgemäß wenig bis gar nicht erfolgreich, so verhält es sich mit dem „Nebenprodukt“ der Gesandtschaften gänzlich anders: Herbersteins Schilderungen umfassen selbst Erlebtes, Berichte und eigene Recherchen vor Ort. Vieles hatte er während seiner zwei Reisen notiert, Karten angefertigt, in Bibliotheken recherchiert. Doch es dauerte über 20 Jahre, ehe er seine Kenntnisse in einem Buch publizieren konnte. Schuld daran waren vor allem die Vielzahl anderer Missionen, die ihn unter anderem noch an den Hof von Sultan Süleyman, nach Ungarn oder nach Polen, nach Spanien oder Italien führten. Erst 1549 war es soweit und die erste Ausgabe seines Werkes erschien in Wien in lateinischer Sprache als „Rerum Moscoviticarum commentarii“, gewidmet seinem eigentlichen Gönner Erzherzog Ferdinand. Schon zwei Jahre später erschien das Werk unter demselben Titel in Basel.

Herberstein redigierte und publizierte seine Berichte mehrfach und in mehreren Sprachen, in Latein, der damaligen lingua franca, in Deutsch und in Italienisch, um sie und Russland, das bereiste Land, möglichst breit bekannt zu machen. Für die anderen Sprachen heuerte er Übersetzer an. Er kann als einer der ersten erfolgreichen Reiseautoren angesprochen werden. Basel, Frankfurt am Main und Wien sind die häufigsten Erscheinungsorte seiner Werke. Herberstein erkannte sehr schnell das große Interesse und die enorme Nachfrage. So arbeitete er laufend an seinen Erzählungen weiter, korrigierte ältere Versionen, erweiterte sie um neue Begebenheiten, Erfahrungen, Moskowiter Hofklatsch,9 teilweise auch Legenden, die er vom Hörensagen erfahren hatte, oder publizierte Teile seiner früheren Ausgaben als eigenständige Bücher, wie 1563 einen Band über das Leben der Moskauer: „Moscouiter. Wunderbare Historien: in welcher der trefflichen Grossen Land und Reüßen, sampt der hauptstatt Moscauw […] bey uns in Teütscher nation unbekanndt gewesen“. Am bekanntesten wird freilich seine erste deutsche Übersetzung, die 1557 als „Moscovia, der Hauptstat in Reissen“, in Wien publiziert wurde. Herbersteins Berichte zu Russland waren bald Pflichtlektüre für Diplomaten des 17. und 18. Jahrhunderts. Die erste russische Ausgabe wird heute im Staatlichen Historischen Museum am Roten Platz in Moskau aufbewahrt.

Abb. 7: Herberstein fuhr bei seinen Reisen nach Moskau auch im Schlitten.

Quelle: Sigizmund Gerberštejn, Zapiski o Moskovii, Moskau 1908.

Abb. 8: Titelblatt einer deutschsprachigen Ausgabe der „Moscovia“ aus dem Jahr 1567. Zehn Jahre zuvor erschien sie erstmals auf Deutsch.

Quelle: StLA, Familienarchiv Herberstein, EP K. 131, H. 106-4, S. 1

Herberstein beschrieb im Wesentlichen, was er entlang seiner Reiserouten sah, was ihm zugetragen wurde und was er auch über weiter weg liegende Gebiete und Ethnien in Erfahrung bringen konnte. Von der alten Kiever Rus’, die er aus ihm zugänglichen Chroniken erzählt, die Christianisierung der Gebiete, die Herrschaft der Mongolen/Tataren bis zur Herauslösung der einzelnen Fürstentümer aus dem mongolischen Joch und der Erstarkung Moskaus. Besonders interessant sind seine Beschreibungen des Alltagslebens der Russen, ihrer Sitten und Gebräuche, die Stellung der Frau, des Hofstaats des Herrschers oder die landschaftlichen Berichte.10

Ein umfangreiches Kapitel widmete Herberstein der Religion und der orthodoxen Geistlichkeit, nicht ohne auf die Unterschiede zum Katholizismus und auf das Schisma einzugehen. „Die Russen sind in dem Glauben, den sie zuerst angenommen, bisher unverändert geblieben, nämlich nach Ordnung der Griechen. Aller Gottesdienst wird in ihrer Sprache gehalten. Sie predigen nicht; die offene Beichte und Verkündung der Tage tun sie öffentlich bei dem Altar.“ Es folgt ein Exkurs über die Christianisierung, die Stellung des Metropoliten, der Erzbischöfe, Äbte, Priester und Diakone. „Man findet selten eine Kirche ohne Priester: und er ist nur schuldig, drei Tage in der Woche den Gottesdienst der Messe zu verrichten. […] Jeder trägt einen Stab, darauf er sich lehnen kann, genannt Possoch. Den Klöstern sind vorgesetzt […] Äbte und Prioren, man nennt sie Igumen und Archimandrit; die haben gar strenge und schwere Regeln und Gesetze […] Sie dürfen keine Freuden genießen. […] Fleischessens müssen sie sich ewig entsagen. Sie alle müssen nicht allein dem Großfürsten, sondern einem jeglichen Bojaren, vom Fürsten ausgesandt, Gehorsam leisten.“

Abb. 9: Handarbeit in Russland.

Quelle: Foto Karner.

Als besonders notwendig sieht Herberstein auch die kirchlichen Gesetze gegen das teilweise zügellose Leben von Priestern und Mönchen.

Die Stellung der Frau ist für ihn besonders bedauernswert. Nicht nur, dass die Mädchen von ihren Vätern – nach Verhandlungen mit dem zukünftigen Bräutigam – verheiratet werden. Bis zu drei Ehen werden toleriert. „Scheidung gibt es allgemein bei ihnen, sie geben Scheidebriefe. Immerhin verbergen sie das nach Möglichkeit, denn sie wissen, dass es gegen die Religion und ihre Gesetze ist.“ Wieso, so fragt sich Herberstein, sollte es auch anders sein, hatte doch der Großfürst selbst seine Salomea nach 21 Jahren Ehe, weil sie als unfruchtbar galt, in ein Kloster gesteckt und sich eine andere zur Frau genommen. „Ehebruch nennen sie es nur, wenn es einer mit der Frau eines anderen Ehemanns getrieben hat. Sie halten die Weiber in schlechter Liebe […] Besonders die Vornehmen und Edlen, die viel und oft in Diensten sind und reisen müssen, verlassen sie oft und begehen andere unnatürliche Sachen. Denn sie halten keine für fromm oder ehrbar, die auf die Gasse geht. Darum halten die Reichen und Vornehmen ihre Frauen so abgeschlossen, dass niemand ihnen zu Gesicht oder mit ihnen zum Reden kommt, übergeben ihnen auch nicht die Wirtschaft, einzig das Nähen und Spinnen. […] Huhn, Vogel oder Fisch, von Weibern getötet, scheuen sie [wie Unreines] zu essen; […] Selten lässt man sie zur Kirche gehen, noch seltener zu Freunden, sie wären denn so alt geworden, das man nicht mehr auf sie achtet und keinen Verdacht hat.“

Abb. 10: Stolze Moskauer Händler im 17. Jahrhundert.

Quelle: Sigizmund Gerberštejn, Zapiski o Moskovii, Moskau 1908.

Großfürst Vasilij wird von Herberstein in zahlreichen Bemerkungen abschätzig, ja sogar verächtlich beurteilt, als schwacher Herrscher dargestellt. Es sind Beispiele dafür, dass die vermuteten und insinuierten genauen Beobachtungen Herbersteins immer wieder von Stereotypen überlagert wurden, den Ansichten zufälliger russischer Gesprächspartner, und in manchem einer Überprüfung nicht standhalten.11

Ausführlich und an vielen Stellen schildert Herberstein den Alltag in Russland, etwa wenn es um die Feiertage geht: Diese „werden von den Angeseheneren oder Reichen nach dem Kirchgang mit gutem Essen und Trinken, sowie in feineren Kleidern begangen. Die Armen [Volk, Gesinde und Sklaven] arbeiten wie an anderen Tagen indem sie sagen, feiern und sich der Arbeit enthalten kommt den Herren zu. Bürger und Handwerker besuchen die Kirche, danach arbeiten sie wie sonst; sie meinen, seliger sei arbeiten, als mit Trinken, Spielen oder anderem dergleichen das Ihrige unnütz vertun. Den gemeinen Leuten ist auch das Trinken von Met und Bier verboten, außer zu einigen bestimmten Zeiten im Jahr, so zu Weihnachten, Fasching, zu den Ostern, Pfingsten und etlichen anderen festgelegten Zeiten; an diesen Tagen feiern sie mehr des Trinkens als der Andacht halber“. Detailliert beschreibt er die Ess- und Trinkgewohnheiten der Russen („Es ist bei ihnen eine große Ehre und große Gnade, die Leute betrunken zu machen“), die besondere Art, fortwährend Trinksprüche auszubringen, bei denen jeweils die Becher geleert werden müssen. Die umfangreiche, mächtige russische Sprache konnte auch Herberstein nicht verborgen bleiben. Besonders die ordinäre, teilweise aus dem Tatarischen kommende Sprache, das russische Mat, beschreibt er etwa mit typischen Redewendungen beim Fluchen, wie „dass dir die Hunde deine Mutter ficken mögen, […]“.

Abb. 11: Der Obelisk bei Pervoural’sk etwa 40 Kilometer westlich von Jekaterinburg markiert heute die geografische Grenze zwischen Europa und Asien. Ein erstes Denkmal wurde am Ural bereits 1837 errichtet, die abgebildete, rund 30 Meter hohe Granitsäule des Monuments „Europa-Asien“ 2008 installiert.

Quelle: Foto Karner.

Ausführlich widmet sich Herberstein den ihm völlig fremden Tataren, deren Herkunft und Geschichte er beschreibt. Dabei kommen bereits alle Stereotype, die er unreflektiert aus polnischen Quellen und aus Erzählungen von russischen Gesprächspartnern übernimmt, vor. Sie werden durch Jahrhunderte das „Russenbild“ in Westeuropa prägen: „Die nächsten in der Krim sind von mittlerer Länge, breitem, fleischigem, wie geschwollenem Gesicht, kleinen, einwärts gedrehten Augen, […] sie sind unkeusch und von verkehrten Trieben. Alles, selbst gestorbene Pferde und Vieh, nehmen sie zu ihrer Speise; Schweine essen sie nicht. […] Kleider haben Mann und Weib die gleichen, allein dass die Weiber das Haupt mit einem Leinentuch bedecken; doch auch sie tragen leinene Hosen. […] Recht gibt es nur gering. Man nenne es, wie man will, sie rauben und nehmen heimlich und öffentlich, was sie bekommen können. […] alles ist im Tausch oder Ware gegen Ware zu bekommen […].“12 Gerade die Handelspraktiken der Tataren, so Herberstein, färbten auf die Russen ab. Denn auch sie „handeln mit List und auch Betrug und nicht mit wenig Worten, wie manche geschrieben haben. Sie trauen sich, ihre Waren um das Dreifache Geld anzubieten“. Gerade in den Abschnitten über die Gebräuche im Handel zeigt sich deutlich die Intention Herbersteins, den Hansischen Handel und seine Gebräuche in Gegensatz zum orientalischen Handel, ausgehend von Mongolen und Tataren, als zivilisiert darzustellen. Herberstein ist dabei ebenso voreingenommen und unterliegt Stereotypen, wie in der bei ihm anzutreffenden Bezeichnung der „Moskowiterpest“.13

Der überwiegende Teil der Bevölkerung des Moskauer Großfürstentums lebte auf dem Land, waren rechtlose Bauern, vollkommen der Willkür der Gutsherren ausgeliefert. „Der Bauer muss für den Herrn sechs Tage in der Woche arbeiten, der siebente ist sein. Er hat ein eigenes Stück Feld und Wiese, womit er auskommen muss. Es ist ein erbarmungswürdiges Volk, mit allem Leib und Gut der Edlen Raub; dazu schlägt man sie furchtbar.“ Anders der Bojare oder Edelmann, der „zwar arm ist, doch deucht es ihm schmählich, mit der Hand zu arbeiten. […] Handwerker und Arbeiter nehmen als Taglohn anderthalb Dengen, das wäre fünfeinhalb Wiener Pfennig. […] Den Dienern geht es so, wie zuvor vom Weibe gesagt: sie meinen, ihre Herren lieben sie nicht, wenn sie ungeschlagen bleiben“.

Trotz aller, von Herberstein festgehaltenen und vom westeuropäischen Leben abweichenden – mitunter überzeichneten und damals gängigen Stereotypen folgenden – Sitten und Gebräuche der Russen, wird aus Herbersteins Beschreibungen deutlich:

•Russland ist eine neue Großmacht im Osten des Kontinents.

•Russland ist zutiefst feudalistisch geprägt. Grundgesetze, Herrschaftspraxis und Lebensformen weisen dies aus.

•Die östlichen Grenzen des russischen Gebietes, und damit Europas, verlaufen vom Ural, dem Unterlauf der Wolga, über das Kaspische und Schwarze Meer bis zum Bosporus. Die von ihm angefertigten Karten und Skizzen machen dies deutlich.

•Moskau steigt zum Zentrum der Orthodoxie auf und löst Konstantinopel ab.

•Die Autokratie der Moskauer Zaren hat sich gegenüber den demokratischen Ordnungen durchgesetzt. Sie gehört nachher mit der Orthodoxie und der Volksverbundenheit (narodnost’) zu den Identitäten Russlands.

•Scholastik, Lehenswesen, Latein und Universitäten sind den Russen im Mittelalter fremd.

•Wirtschaftlich dominieren Landwirtschaft und Handel. Der typische Russe ist ein „Bauer“.

Herberstein, der vier Kaisern als Diplomat gedient und fast alle Länder Europas besucht hatte, starb 80-jährig 1566 in Wien. Seine Informationen und Beschreibungen der Sitten und Gebräuche, der Menschen und ihrer Sprache und Mentalitäten, waren ein Fundament, um Brücken nach Russland zu bauen und eine Isolation des Landes, die für Europa später immer von Nachteil war, zu verhindern.

Anmerkungen

1Vor ihm schrieben über Russland u. a. Nikolaus von Kues (1453), Mathias de Miechow (Krakau 1517), Johann Faber (Tübingen 1525), Paolo Giovio (Basel 1525) und Anton Wies (Karte der russischen Gebiete, 1542). Etwa gleichzeitig Erzbischof Olaus Magnus, „der Gothe“ (Rom 1555). – Friedemann Berger (Hg.), Sigmund von Herberstain, Moskovia. Weimar 1926, S. 181. Die folgenden wörtlichen, ins Hochdeutsche transkribierten Zitate sind Bergers Arbeit entnommen. – Zur Übernahme ganzer Textstellen und Ausdrücke, die sich bei anderen Autoren finden, durch Herberstein vgl. Frank Kämpfer, Herbersteins nicht eingestandene Abhängigkeit von Johann Fabri aus Leutkirch, in: Jahrbuch für Geschichte Osteuropas 44/1996, S. 1–27.

2Aus der großen Fülle an Literatur zu Herberstein und zu seiner Moscovia vgl. v. a.: Bertold Picard (Red.), Sigmund Freiherr von Herberstein, Beschreibung Moskaus der Hauptstadt in Russland samt des moskowitischen Gebietes 1557. Vorwort: Stefan Verosta. Österr. Diplomaten. Graz – Wien – Köln 1966 (die im Folgenden wiedergegebenen, neuhochdeutschen Textstellen sind dieser Ausgabe entnommen); Frank Kämpfer, „Moskowiterpest“ (Moskovskij mor‘): Woher hat Herberstein diesen Terminus?, in: Andreas Kappeler (Hg.), Die Geschichte Russlands im 16. und 17. Jahrhundert aus der Perspektive seiner Regionen. Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 63. Wiesbaden 2004, S. 159–166; Andreas Kappeler, „Quis potest contra deum et magnam Neugardiam?“ Novgorod und sein Verhältnis zum Moskauer Zentrum im Lichte von Ausländerberichten des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Kappeler, Russland 16. und 17. Jh., S. 167–184; den allgemeinen Stand der bisherigen Herberstein-Forschungen geben im Überblick wieder: Gerhard Pferschy (Hg.), Siegmund von Herberstein. Kaiserlicher Gesandter und Begründer der Rußlandkunde und die europäische Diplomatie. Graz 1989; A. L. Choroškevič (Red.), Sigizmund Gerberštejn, Zapiski o Moskovii v dvuch tochach, Moskau 2008 (zahlr. Abb., Karten, umfangreicher wiss. Apparat); Z. Nožnikova (Red.), Sigizmund Gerberštejn, Moskovija. Vladimir 2008 (mit einem reichen wiss. Anmerkungsapparat); Walter Leitsch, „Russia-Ruteni“ und „Moscovia-Mosci“ bei Herberstein, in: Uwe Halbach et. al. (Hg.), Geschichte Altrusslands, Stuttgart 1986, S. 113–123; Pavel I. Novokomskij, Kniga o moskovickom posol’stve. Moskau 2008 (reich illustriert und wiss. konnotierte Ausgabe).

3Zur Geschichte Russlands im 16. Jahrhundert vgl. besonders: Erich Donnert, Rußland an der Schwelle zur Neuzeit. Berlin/DDR 1972; Dmitrij I. Ilovajskij, Trudy po russkoj istorii. Moskau 2016; zum spezifisch russischen Weg in der europäischen Geschichte: Andreas Kappeler, Russische Geschichte. München 1997; die entsprechenden, umfangreichen Kapitel bei: V. P. Sëmin – M. V. Šadskaja, Istorija Rossii: Problemy i voprosy. Moskau 2015; N. B. Šegalo, Istorija otečestva. Moskau 1998; Andreas Kappeler (Hg.), Die Geschichte Russlands im 16. und 17. Jahrhundert aus der Perspektive seiner Regionen. Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 63. Wiesbaden 2004; I. N. Danilevskij, Russkie zemli. Moskau 2001; Moskva deržavnaja. Moskau 1996; Philipp Strahl, Das gelehrte Russland. Leipzig 1828; V. P. und V. V. Butromeeva (Red.), Rossija deržavnaja. Moskau 2013; Christoph Augustynowicz et al. (Hg.), Rußland, Polen und Österreich in der Frühen Neuzeit. FS Walter Leitsch. Wien 2003.

4Zum Staatsaufbau der Goldenen Horde in Russland vgl. auch: Ju. P. Titov (Red.), Istorija gosudarstva i prava Rossii. 2. Aufl., Moskau 2008, S. 53–60. – In Russland wurden die Begriffe Mongolen und Tataren oft fälschlicherweise synonym verwendet. Die Tataren waren jedoch ein Turkvolk, das etwa gleichzeitig mit den Mongolen in Russland einfiel. Eines ihrer Zentren wurde Kazan’ an der Wolga (Mitte des 16. Jahrhunderts von Ivan IV. erobert), das heute noch die Hauptstadt der Republik Tatarstan (3,7 Mill. Einwohner) ist. Mitten im dortigen großen Kreml findet sich neben den orthodoxen Klöstern und Kirchen eine große Moschee.

5Erst sein Enkel, Ivan IV., wurde vom Patriarchen zum Zaren gekrönt.

6Zum Staatsaufbau von Pleskau/Pskov und Novgorods vgl. auch: Titov, Istorija gosudarstva, S. 40ff.

7Kämpfer, Moskowiterpest, S. 162ff.

8Kappeler, Novgorod, v. a. S. 167–177.

9Frank Kämpfer, Fakten, Informationen und Hoftratsch in Herbersteins Rußlandbuch, in: Augustynowicz et al. (Hg.), Rußland, Polen und Österreich, S. 31–40.

10Siehe die Seiten 131–152 in diesem Band.

11Kämpfer, Moskowiterpest, S. 160ff.

12Im Original Neuhochdeutsch in seiner Moscovia: „In Reussen die alten Handelsleuth, Die tragen gern ein langes Kleid, Das ist gwöhnlich von rauher Wahr, Ein seltzam Hut auff ihrem Haar“. Den russischen Krieger charakterisierte Herberstein folgend: „Ein Moscowiter sawrer arth, Also gerüst ist zu der fahrt, Mit seinem Bogn zum Streit und Krieg, sein Sinn und Muth steht ihm zum Sieg“. Und gestraft wird in Russland mit der „Knuth“.

13A. L. Choroskevic, Die Quellen Herbersteins und die Moscovia als Quelle zur politischen, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Rus’ im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, in: Pferschy (Hg.), Siegmund von Herberstein, S. 179–243; Kämpfer, Moskowiterpest, S. 162ff.

Herbersteins Bedeutung

Sigmund von Herberstein

Herkunft, Familie, Ausbildung

Gerhard Pferschy

Wer Sigmund von Herberstein recht erfassen will, kann an seiner Herkunft1 ebenso nicht vorbeigehen wie an den gesellschaftlichen Veränderungen, in denen sich der Aufstieg seiner Familie vollzog. Es ist das ausgehende Mittelalter,2 und es ist der große Struktur- und Funktionswandel des Ritterstandes, dem Herberstein angehörte. Ursprünglich bildeten die Ritter die unterste Schicht der adeligen Welt. Sie stellten unter dem Dienstadel, den Ministerialen und Freien die Besatzung der Burgen und Stadttürme, waren an Rodungsvorgängen als Dorfgründer beteiligt und lebten oft von bescheidenem, ihnen verlehntem Grundbesitz. Sie bildeten das militärische Personal ihrer Herren und waren das berittene Rückgrat der Verteidigung des Landes, des Aufgebotes und der Kriegszüge. Als die alten Geschlechter dahinschwanden und das Geld begann, die Naturalwirtschaft zu unterlaufen – Stichworte Frühkapitalismus und Rentenwirtschaft –, rückten sie gesellschaftlich auf und ihre Unfreiheit verblasste zu auf ihren Gütern haftenden Lehensbanden. Sie konnten sich verdingen, schlossen Dienstverträge auf Zeit ab für bestimmte, meist militärische Aktionen. Falls ihr Vertragspartner knapp bei Kasse war, wurden sie statt mit Geld mit der einträglichen Pflege von Herrschaften oder Burgvogteien als Pfand oder gegen Rücklösevorbehalt abgefunden.

Abb. 1: Friedrich III., (1415–1493), mit Krönung in Rom ab 1452 römisch-deutscher Kaiser.

Quelle: ÖNB, Porträtsammlung, PORT_00045575_01.

Die Art der Kriegsführung änderte sich dramatisch.3 Die auf Einzelkampf eingestellten gepanzerten Ritterheere wurden ergänzt bzw. abgelöst durch besoldete Fußtruppen, die, bewaffnet mit langen Spießen, igelartig im Verbund kämpften. Aus ihnen entstanden die Landsknechte, die sich aus allen Schichten rekrutierten – Bauern, Handwerker, Bergknappen und Gesinde aller Art. Sie lockte ein Weg aus Armut, die Aussicht auf Geld und nicht zuletzt auf Beute bei Erfolgen. Sie kämpften gegen Sold, schlossen befristete Dienstverträge ab und zogen auch einmal ab, wenn der Sold ausblieb. So wurde es für den Ausgang kriegerischer Operationen manchmal entscheidend, ob der Kriegsherr genügend Geld auftreiben konnte oder nicht. Anführer solcher Söldnergruppen waren oft Ritter, die eine fixe Truppe förmlich vermieteten. Solche Söldnerführer gelangten manchmal zu großem Einfluss und Rang, wie etwa Andreas Baumkircher.

Abb. 2: Albrecht VI. (1418–1463), Herrscher über die Vorderen Landen, ab 1453 Erzherzog von Österreich wie auch Gegenspieler seines älteren Bruders Friedrichs III.

Quelle: ÖNB, Porträtsammlung, PORT_00045536_01.

Während die adeligen Landstände für die Landesfürsten immer schwierigere Partner wurden, was die Bewilligung von Truppen betraf, stützten sich diese zunehmend auf einen rasch wachsenden Hofstaat, wo sie Kriegswesen, Verwaltung und Hofämter zusammenführten. Dazu zog man junge Leute aus dem Ritterstand, die sich bewährt hatten, an den Hof.4 Seit Friedrich III. waren auch hierzulande Schriftlichkeit und römisches Recht im Vordringen, weshalb Rechen- und Rechtskundige für den Hofstaat besonders willkommen waren. Kriegs- und Hofdienst gehörten zusammen, und tüchtige, kampferprobte Leute waren im Vorteil. Diese Entwicklung kennzeichnet das 15. Jahrhundert, unterbrochen bzw. gefördert durch die Auseinandersetzungen mit König Matthias Corvinus von Ungarn. Es blieb Maximilian I. vorbehalten, mit dem Ausbau einer eigenen Behördenstruktur, dem Regiment, eine Schicht von Beamten heranzuziehen, welche immer stärker die landständischen Einrichtungen konkurrierte bzw. zurückdrängte. Maximilian nahm dann junge Leute, sogenannte „Einspänunger“, zeitweise in Dienst und schickte diese mit Mandaten, königlichen Befehlen und Briefen zu Fürsten, Grafen und Städten, wodurch sie Leute, Gewohnheiten und Länder kennenlernten. Das war für den Landesfürsten zugleich eine Personalreserve, aus der er seine Auswahl treffen konnte.5

Abb. 3: „Perspektivischer Aufzug“ der namensgebenden Burg aus dem 17. Jahrhundert nach einem Stich von Georg Matthäus Vischer (1628–1696). Quelle: Vischers Topographia Ducatus Styriae, 1681.

Das 15. Jahrhundert war nicht nur Schauplatz dieser Entwicklungen, sondern auch von Infektionen, Pestwellen, von Einflügen riesiger Heuschreckenschwärme, von Kriegen gegen Türken- und Ungarn, aber auch von Anhängerfehden während der Auseinandersetzungen Kaiser Friedrichs III. mit seinem Bruder Albrecht VI. In diesem Umfeld sollte sich der Aufstieg der Ritterfamilie von Herberstein gestalten.6

Die namengebende Burg Herberstein7 liegt auf einem länglichen Felsen über einer Flussschleife der Feistritz, sodass sie den Weg entlang des Flusses gut überwachen oder sperren konnte. Wir befinden uns damit mitten im riesigen oststeirischen Rodungsgebiet der Stubenberger, eines der reichsten und bedeutendsten landesfürstlichen Ministerialengeschlechter, das vermutlich hochfreier Abkunft gewesen sein dürfte. Der Name der Burg geht wohl auf einen Stubenberger Ritter Herwig zurück, der sich 1212 noch von Krottendorf genannt hatte. Es wird angenommen, dass dieser Herwig um die Mitte des 13. Jahrhunderts eben auf diesem Felsen die erste Wehranlage errichtete, die dann nach seinem Vornamen „Herberstein“ genannt wurde. Nach dem Erbauer Herwig besaßen diese Burg dreißig Jahre lang Ulrich der Rosecker und seine Frau. Diese verkauften sie im Dezember 1290 an den verschwägerten Otto von Hartberg in Wolfsgrub am Fuß des Hartberger Ringes. Von diesem Otto, nunmehr Otto von Herberstein stammen alle Herbersteiner ab.8 Es ist in der Steiermark eine Besonderheit, dass die Burg bis heute im Besitz der Familie blieb. Durch tüchtiges Wirtschaften, den Erwerb von Pfandschaften, durch Ankäufe und Erbschaften gelang die Bildung einer Sekundärherrschaft mit viel Streubesitz in ganz Innerösterreich. Entsprechende Klauseln in Teilungsverträgen sicherten diese Besitzkontinuität ebenso wie Verzichtserklärungen von einheiratenden Frauen wie ausheiratenden Töchtern. Mehrere Erweiterungsbauten ermöglichten das Bleiberecht von Teilerben in Herberstein, wo die räumlichen Verhältnisse zeitweise recht beengt gewesen sein dürften.

Abb. 4: Stammwappen (Wappen des herbersteinschen Geschlechts beim ersten Auftreten) derer von Herberstein, Stein im Florentinerhof des Schlosses Herberstein.

Quelle: Sammlung Schloss Herberstein.

Günther von Herberstein erwarb 1409 dazu durch Schenkung seiner Frau Anna von Eberstein die Herrschaft Eberstein in Kärnten und die Feste Mahrenfels (Marano) in Istrien, die Herzog Ernst dem Eisernen so wichtig war, dass er Günther mit dieser Burg gegen einen Jahressold von 1200 Pfund Pfennigen in seinen Dienst nahm. Wir finden ihn auch im Gefolge bei den beiden Romzügen Friedrichs III. Günther konnte auch die große Herrschaft Gutenhag/Hrastovec bei Marburg an der Drau/Maribor als Erbe nach seiner Mutter Anna von Hag gegen Ansprüche anderer Verwandter behaupten.