Mosel Mörder Revoluzzer - Peter Wierichs - E-Book

Mosel Mörder Revoluzzer E-Book

Peter Wierichs

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Beschreibung

Liebe, Mord und Revolution an der Mosel Herbst 1848: Das deutsche Volk hat sich zum ersten Mal gegen Fürstenherrschaft und Kleinstaaterei aufgelehnt, aber im Moseltal leidet die Bevölkerung aufgrund der seit Jahren andauernden Weinkrise große Not. Da werden in einem kleinen Winzerdorf bei Bernkastel kurz nacheinander ein Großwinzer und ein Wucherer ermordet. Gleichzeitig kommt es in der Stadt zu einem Aufruhr, weil die preußischen Behörden einige der örtlichen Revolutionsführer verhaften wollen. Dorfschulmeister Alexander Martini, dessen Herz für ein einiges und freies Deutschland, aber auch für die schöne Winzerstochter Maria schlägt, versucht Licht in die Affäre zu bringen. Dabei gerät er in den Strudel der politischen Ereignisse und der dunklen Machenschaften in seinem Dorf.

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Seitenzahl: 593

Veröffentlichungsjahr: 2018

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© 2018 – ebook-Ausgabe RHEIN-MOSEL-VERLAG Zell/Mosel Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel 06542/5151 Fax 06542/61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-861-6 Lektorat: Gabriele Korn-Steinmetz Ausstattung: Stefanie Thur Titel: Bernkastel-Kues, ca. 1887

Peter Wierichs

Mosel

Mörder

Revoluzzer

Historischer Krimi

Rhein-Mosel-Verlag

Die handelnden Personen

(*historisch)

Bernkastel und Cues:

Coblenz, Peter Joseph * (Anführer der örtlichen Demokraten)

Hettgen* (Unteroffizier aus Cues)

Jacoby, Dietrich (Schreiber)

Kneisel* (Herausgeber der Zeitschrift Mosella)

Konz (Veteran aus den Freiheitskriegen, städtisches Faktotum)

Poll* (Friedensrichter)

Skubovius* (preußischer Gendarm)

Thiel* (Ratsherr)

Schwan* (1848 Bürgermeister)

von Steinäcker* (Landrat)

Weiand* (1849 kommissarischer Bürgermeister)

Ericke*, Schmitz (weitere Gendarmen)

Cetto, Gebrüder Hegener, Gebrüder Thanisch,

Weidner (Bürger- oder Winzersöhne)

Aktivisten von außerhalb:

Delahaye* (Kaufmann aus Trier)

Dr. Grün* (demokratischer Abgeordneter)

Imandt, Peter* (Schriftleiter aus Trier)

Schily, Victor* (Advokat aus Prüm)

Menschen im Dorf:

Berchtold, Antonie (Schülerin)

Caspari, Carl (Dorfschreiber)

Denzer (Winzerfamilie)

Jakob

Kurt (»der lange Denzer«, ältester Sohn)

Dusemond (verarmte Winzerfamilie)

Ehles, Josef (Landarbeiter)

Fink, Dorothea (Haushälterin bei Lürsen)

Hedwig (Dienstmädchen bei Nicolay)

Herges (verarmte Winzerfamilie)

Anna (Schülerin)

Angelika (ältere Schwester)

Karl (»der dürre Herges«, ältester Sohn)

Hilgers, Elisabeth (verarmte Winzerwitwe)

Pitter (geistig behinderter junger Mann, ihr Sohn)

Dr. Holl (Dorfarzt)

Hauth (verarmte Winzerfamilie)

Jupp (Winzer)

Katharina (Ehefrau)

Adolf (ältester Sohn)

Lürsen, Philipp (wohlhabender Bürger)

Lars (sein Neffe, Student)

Martini, Alexander (Dorfschulmeister)

Metze, Katharina (Pfarrhaushälterin)

Michaelis (Kleinwinzerfamilie)

Moog, Franziska (Schülerin)

Molitor, Sebastian (mittlerer Winzer, Bürgermeister)

Maria (älteste Tochter)

Kurt (älterer Bruder)

Molz, Friedrich (ehemaliger Küster)

Nicolay, Matthias (Großwinzer)

Ludwig (ältester Sohn)

Pütz (Dorfpfarrer)

Raville, Jakob (Wirt und Wucherer)

Annette (Ehefrau)

Roth, Arthur (älterer Schüler)

Schabbach, Elisabeth (Schülerin)

Johannes (Schüler)

Thiesen (etwas besser gestellte Winzerfamilie)

Josef (älterer Schüler)

Katharina (Schülerin)

Kurt (ältester Sohn)

Wulff, Fritz (älterer Schüler)

Prolog: Der Beginn der Revolution

Berlin, 18. März 1848

Schon seit Tagen brodelte es in der Hauptstadt des preußischen Königreichs, denn das Volk war der Fürstenherrschaft schon seit Langem überdrüssig. Es strebte nach Bürgerfreiheiten und einem Parlament und forderte die Abschaffung der Zensur. Der Volkszorn kochte vor allem wegen der zahllosen blauen Uniformröcke, die das Straßenbild prägten: 20 000 Soldaten für eine Stadt von etwas über 400 000 Einwohnern hatte der preußische Staat aufgeboten, um die aufrührerische Bevölkerung im Zaum zu halten. Immer wieder war es seitdem zu Übergriffen gekommen, teilweise auch zu brutalen Gewaltausbrüchen: Zivilisten gegen Soldaten oder umgekehrt, wie vor vier Tagen in der Brüderstraße. Dort war eine Schwadron Garde-Kürassiere brüllend auf friedfertige Bürger losgestürmt wie auf einen gefährlichen Feind. Wie von Sinnen hatten die Soldaten ihre Pferde angetrieben, sie waren über die Bürgersteige getrabt und hatten mit dem Pallasch, einem schweren Degen, gegen die Haustüren getrommelt, als wollten sie eine feindliche Bastion erstürmen. Die Betroffenen wussten nicht, was diese Soldaten trieb, was sie dermaßen in Rage versetzt oder wer sie provoziert hatte, zumal sich die Straße bei ihrem Auftauchen schlagartig entvölkerte.

Die gesamte Attacke war also ins Leere gegangen, was die Uniformierten erst recht zu reizen schien. Denn als plötzlich neue, nichtsahnende Passanten auftauchten, wurden sie von einigen Kürassieren ohne jeden Grund angegriffen, mit dem Pallasch geschlagen und zum Teil schwer verletzt. Allerdings war diese Angriffslust durchaus im Sinne des preußischen Kronprinzen Wilhelm, der eine merkwürdige Karriere hinlegen sollte: vom Revolutionsversteher in schwarz-rot-goldener Schärpe zum »Kartätschenprinz«1, der die Revolution dann bis aufs Messer bekämpfte – und nach 1871 zum ersten deutschen Kaiser. Derzeit äußerte dieser Hohenzollernspross lautstark, man solle auf das ungehorsame Volk nur tüchtig schießen lassen.

Infolge der Aufstände in Paris im Februar und in Wien nur einen Monat später hatte sich auf dem Territorium des Deutschen Bundes, zwischen Kiel und Meran, Aachen und Breslau, manches verändert: Nun zogen biedere, von Polizei und Militär jahrzehntelang eingeschüchterte Bürger scharenweise hinter schwarz-rot-goldenen Fahnen her durch ihre Städte und lauschten pathetischen Reden, in denen immer wieder dieselben Forderungen erhoben wurden: Volksbewaffnung, Pressefreiheit und ein Bundesparlament. Viele der durch diese Ereignisse nachhaltig verunsicherten Fürsten, insbesondere im Südwesten Deutschlands, hatten inzwischen Zugeständnisse gemacht und konservative Minister durch liberale ersetzt. Auch in der Umgebung des preußischen Königs mehrten sich die Stimmen, die zu mehr Entgegenkommen rieten. Die Entscheidung Friedrich Wilhelms IV. für Krieg – was bedeutete: gegen das eigene Volk – oder Frieden – durch größere Zugeständnisse wurde stündlich erwartet.

Daher hatte sich irgendwo in der Nähe des Berliner Stadtschlosses eine erregte Menschenmenge versammelt, die lautstark über die vergangenen Ereignisse und die zu erwartende Entwicklung debattierte. Doch schon tauchte eine Kavallerie-Patrouille auf, während von der anderen Seite her Infanterie anrückte. Der Zug stoppte dicht vor der inoffiziellen Volksversammlung, dann wurde die Trommel gerührt, und die barsche Stimme eines blutjungen Offiziers forderte die Menge dreimal nacheinander auf, sofort auseinanderzugehen. Als Reaktion stiegen lautstarke Proteste, garniert mit vereinzelten Flüchen und Verwünschungen auf. Auch aus den Fenstern der umliegenden Häuser drangen lautstarke Kommentare, die jegliches Militär zum Teufel wünschten und die Hofkamarilla2 um den Kronprinzen Wilhelm gleich hinterher.

Drückende Spannung lag in der Luft. Die Menschen auf der Straße diskutierten lautstark, ob sie gehorchen oder Zivilcourage zeigen sollten, trotz aller Gefahr für Leib und Leben. Manch einer verschwand still und leise in einem Toreingang, so lange er noch konnte. Aber auch die Soldaten wirkten unsicher, sie waren allem Anschein nach weniger aggressiv und aufgehetzt als ihre Kameraden vor vier Tagen in der Brüderstraße. Minutenlang war es, als hätte man einen Film angehalten, dessen Fortsetzung niemand kannte.

Da trat aus einem Hauseingang ein junger Mann in jenem verwegenen Aufzug, den der Revolutionär Friedrich Hecker bekanntgemacht hatte: strumpfhosenähnliche Beinlinge über hohen Stiefeln, ein weites Obergewand mit breitem Gürtel, in dem anstelle eines Säbels allerdings nur ein kurzer Dolch steckte, darüber ein weiter Umhang. Über dem von einem üppigen Vollbart bewachsenen und von langen dunklen Haaren umrahmten Gesicht thronte der berühmte »Hecker-Hut«, ein breitkrempiger Kalabreser, wie ihn die italienischen Freiheitskämpfer trugen, gekrönt von einer langen roten Feder. Gestalt und Aufzug stellten hier und jetzt eine einzige Provokation dar.

Bei seinem Anblick reagierten die Soldaten sofort. Der Infanterieoffizier lief puterrot an und brüllte mit überschnappender Stimme »Feuer!«.

Schon fielen die ersten Schüsse. Menschen schrien auf und stürzten zu Boden, Blut färbte das Straßenpflaster, ehe der von den Konsequenzen seines Befehls offenbar selbst am meisten schockierte Offizier entsetzt rief: »Genug, um Himmels willen!«

Dennoch schossen einige seiner Soldaten weiter, bis der junge Offizier die richtigen Worte fand, indem er hastig den offiziellen Befehl »Feuer einstellen!« ausstieß. Erst jetzt hörte das Schießen auf, und die entsetzten Bürger versorgten eilends ihre Verwundeten. Nur der Revoluzzer war verschwunden wie eine Erscheinung. Man fand ihn weder unter den Opfern dieses Zwischenfalls noch steckte er in der Menge, die sich nun hastig in bleiernem Schweigen zerstreute.

Einige Stunden später strömte auf dem Schlossplatz, direkt vor den Portalen Nr. 1 und 2 des Hohenzollernschlosses, erneut eine riesige Menschenmenge zusammen. Unter den Berlinern kursierte inzwischen die Parole, am Preußenhof habe sich die gemäßigte Partei durchgesetzt, der König sei nun zu Konzessionen bereit. Inzwischen hatte sich der Platz in Windeseile mit gut gekleideten Bürgern gefüllt, die nun auf schnelle revolutionäre Erfolge hofften und dem König für sein Entgegenkommen danken wollten. Die Menschen waren friedfertig, bestens gelaunt und hoffnungsfroh, niemand johlte oder pfiff wie bei solchen Gelegenheiten sonst so oft.

Gegen 13:30 Uhr trat der König zusammen mit einem Begleiter auf den von vier üppigen Säulen überragten Balkon oberhalb des Portals Nr. 1. Trotz aller immer noch nicht ausgeräumten Zweifel, trotz der zahlreichen Zwischenfälle in den vergangenen Tagen jubelten die Berliner ihrem König begeistert zu. Jetzt hob sein Begleiter die rechte Hand und bat um Ruhe. Der lautstarke Jubel ebbte zu einem diffusen Gemurmel ab, das langsam verflachte, dann wurde es still auf dem Schlossplatz, und das Volk vernahm die Entscheidung seines Monarchen: »Der König will, dass Pressefreiheit herrsche, dass der Landtag sofort einberufen werde, dass eine freisinnige Verfassung alle deutschen Länder umfasse, dass eine deutsche Nationalflagge wehe; der König will sich an die Spitze dieser Bewegung stellen.« So tönte es für jeden verständlich über den Platz.

Das war mehr als man erwartet hatte, und so brandeten erneut Jubelrufe auf, stürmischer als vor dieser Rede. Wieder hob der Mann neben dem nach wie vor schweigend dastehenden Preußenkönig die Hand und sagte: »Im Namen Seiner Majestät danke ich Ihnen für diese Huldigungen. Ich bitte Sie nun, die Demonstration zu beenden und den Platz zu räumen.« Danach verschwanden beide in den Sälen hinter der vierstöckigen Prunkfassade.

Das Programm des Königs fand breite Zustimmung, entsprach es doch in etwa den gängigen bürgerlichen Forderungen, wenn auch nicht denen der Radikalen vom Schlag eines Friedrich Hecker, der nicht mehr und nicht weniger als die »ganze Freiheit« forderte. Viele der Anwesenden nickten daher beifällig und machten sich zum Gehen bereit, um Verwandten und Freunden die gute Nachricht zu übermitteln.

Doch da tauchte in dem Portal unterhalb des Balkons, auf dem soeben noch der König gestanden hatte, eine Schwadron Garde­dragoner auf, die offenbar auf dem Innenhof des Schlosses biwakiert hatte. Die Soldaten ritten zunächst im Schritt auf die Menschenmenge zu. Plötzlich zog der Kommandeur seinen Säbel, seine Dragoner taten es ihm nach, dann verfiel die Schwadron in einen leichten Trab und ritt in die Menge hinein wie bei einem Angriff – und bei einigen der Übergriffe in den letzten Tagen. Gleichzeitig tauchte von zwei Seiten her eine Phalanx aus blauen Uniformröcken auf – preußische Infanterie. Eingekeilt zwischen Infanterie und Kavallerie, um dann geschlagen oder sogar beschossen zu werden – das war eine Situation, wie manch einer sie nur allzu gut kannte. Ein zorniges Murren und Rumoren stieg aus der eben noch freudig erregten Menge auf: Zu oft hatte der preußische König sein Wort gefälscht oder gebrochen, zu viele Hoffnungen enttäuscht, schon seit seiner Krönung. Innerhalb von Minuten kippte die Stimmung.

Auch der Unteroffizier Hettgen aus der Landgemeinde Cues an der Mosel führte seinen Trupp in Richtung Schlossplatz. Er spürte den Stimmungsumschwung wie ein aufziehendes Unwetter. Unwillkürlich spannte er den Hahn seines Gewehrs – ohne vorherigen Schießbefehl. Da tauchte inmitten einer Gruppe friedlicher Bürger im Sonntagsstaat ein Mann auf, der wie ein Zwillingsbruder des berüchtigten Revolutionärs Friedrich Hecker aussah, ein Radikaler, ein Staatsfeind, ein gefährliches Subjekt. Schon war der junge Mann in der wogenden Menge wieder abgetaucht, und Hettgen atmete auf, doch dann stand der Revoluzzer mit einem Mal dicht vor ihm. Unwillkürlich hob der Unteroffizier sein Gewehr, um sich notfalls mit Waffengewalt gegen den Aufrührer wehren zu können. Da fiel ihm der junge Mann, der seine Bewegung verfolgt hatte, in den Arm, Hettgen tastete unwillkürlich nach dem Abzug – und schon knallte zu seinem Entsetzen ein Schuss.

Viele der Umstehenden schrien auf oder zuckten zusammen, aber auch Hettgen warf panische Blicke in die Runde, um dann erleichtert festzustellen, dass sein ungewollter Schuss niemanden verletzt hatte. Auch schien sich der Revoluzzer in Luft aufgelöst zu haben. Er atmete tief durch. Schwein gehabt!, dachte er, obwohl er ahnte, dass die Sache ein Nachspiel haben würde. Die Wahrheit muss ich eben für mich behalten und mir irgendeine Ausrede einfallen lassen. Niemand darf erfahren, dass ich mein Gewehr ohne vorherigen Befehl entsichert habe.

Die Unruhe ringsumher wurde immer bedrohlicher. Durch das Stimmengewirr drang von irgendwoher das Geräusch eines zweiten Gewehrschusses. Jemand schrie gellend: »Verrat! Man schießt auf das Volk!« Sofort verwandelte sich die allgemeine Unruhe in ein ohrenbetäubendes Wutgebrüll, ehe es sich zu Kampfrufen formierte.

»An die Sturmglocken! Auf die Barrikaden!«, skandierte die rasend gewordene Menge.

Die Versammlung auf dem Schlossplatz begann sich aufzulösen, aber nicht geordnet oder ruhig und schon gar nicht friedlich. Schon wurden Pflastersteine aus dem Boden gerissen, um sie gegen die Soldaten zu schleudern. An einer Straßenecke wurde die erste Barrikade errichtet. Alt und jung, arm und reich bildeten eine Einheit, gut gekleidete Bürger schleppten zusammen mit abgerissenen Arbeitern Baumaterial, würdige ältere Herren gingen jungen Männern beim Aufschichten zur Hand. Sie alle einte der Zorn auf den vermeintlich treulosen Preußenkönig, der, wie es hinter vorgehaltener Hand hieß, in Wirklichkeit doch nur schwach und unfähig war. Ihnen allen kamen auch die Bewohner der umliegenden Häuser zu Hilfe, die Möbel, Balken, Türen, Zaunlatten oder Stangen herbeischleppten. Dann sah man Männer Sensen, Äxte und Mistgabeln schwingen wie einst in den Bauernkriegen. Schließlich verschanzten sich alle hinter ihren Schutzwällen, pflanzten dort die schwarz-rot-goldene Fahne auf und legten ihre Waffen bereit. Auch in den darüber liegenden Fenstern und auf den Dächern postierten sich aufgebrachte Männer mit Steinen und Flinten.

Wenig später bellten die ersten Gewehre, klatschten Steine auf das Pflaster und prasselten Schrotladungen der Kartätschgeschütze auf die Straßenfläche unmittelbar vor den Barrikaden. Auch in Preußen war die Revolution nun in vollem Gang.

1. Teil: Herbst 1848

Der Tag, an dem der reiche Weingutbesitzer Matthias Nicolay erschlagen wurde, begann für Alexander Martini, den Dorfschulmeister, schon recht früh. Noch im Halbschlaf hörte er fünf Mal den Klang der Kirchturmuhr, dann dämmerte er auf seinem Strohsack und dem mit Getreidespreu gefüllten Kaffkissen über das nächste Glockensignal hinweg bis zum doppelten Läuten für halb sechs. Noch in irgendwelche schon fast vergessene Träume versunken, rieb er sich die Augen. Natürlich war es an diesem Novembermorgen noch stockfinster, und so fiel nur ein kaum wahrnehmbarer Schimmer durch die kleinen, quadratischen Fenster, die aufgrund ihrer undurchdringlichen Schmutzschicht auch am Tag nur wenig Licht durchließen.

Langsam stieg Martini aus dem wurmstichigen Fichtenbett und fuhr unwillkürlich zusammen: Feuchte Grabeskälte fiel ihn an, denn das Feuer in dem kleinen gusseisernen Ofen in der Zimmerecke war längst ausgegangen. Außerdem verfügte der Schulmeister über so gut wie kein Brennholz, genau wie das Gros der notleidenden Bevölkerung. Der junge Mann zündete eine magere Kerze an und stieg in seine Kleider. Für ihn war die Nacht endgültig zu Ende, denn um 6:30 Uhr musste er in der Morgenmesse die Orgel spielen.

Unwillkürlich sah Alexander Martini sich in dem Raum um, den er nun seit Schuljahresbeginn, dem Dienstag nach dem Weißen Sonntag, bewohnte. Er blickte auf kahle, mit abblätternder Kalkfarbe gestrichene Wände und gegen eine niedrige, rissige Balkendecke. Außer dem schmalen Bett gab es nur noch eine wackelige Kommode, einen kleinen Tisch, zwei unbequeme Stühle mit harten Strohsitzen – und viel Raum dort, wo früher die Schulbänke gestanden hatten. Sein Vorgänger hatte vor zwanzig Jahren noch samt junger Ehefrau und Kleinkind in diesem einen Raum gelebt und gearbeitet, denn die Schulstube war zugleich sein Wohn- und Schlafraum gewesen. Vor ein paar Monaten war dieser vorige Schulmeister – wie so viele Moselaner inzwischen – nach Amerika ausgewandert, dem Traum von einem besseren Leben auf der Spur und zu seinem, Alexander Martinis, Glück, denn so war für ihn die dringend benötigte Stelle frei geworden. Gottlob hatte man den Schulbetrieb schon vor Jahren in einen kleinen Saal im Erdgeschoss verlegt, und so hauste der jetzige Stelleninhaber nicht mehr ganz so abenteuerlich, aber auch nicht viel komfortabler als sein Vorgänger.

Auf der Kommode stand neben der Waschschüssel ein abgestoßener Teller mit zwei Scheiben Brot und einem Stück Käse. Der junge Dorfschulmeister nahm sein Frühstück im Stehen ein und war sich dabei der Tatsache bewusst, dass es bei all seiner Kargheit reichhaltiger war als das der meisten Dorfbewohner. Er kaute bedächtig und spülte die Bissen mit ein paar Schlucken Wasser aus der Pütz3 am Dorfplatz herunter. Kaffee war für ihn und die meisten anderen ein unerschwingliches Luxusgut.

Martini wusste, dass viele kleine Winzer und ihre Familien schon seit langem nur noch von trockenem Brot und ein paar Kartoffeln lebten. Und selbst davon hatten sie oft nicht genug, seit vor mehr als zwanzig Jahren die Weinkrise über das Moseltal hereingebrochen war wie ein Fluch. Nach den unruhigen Zeiten unter Napoleon, als das frühere Erzbistum Trier zu Frankreich gehört hatte, war das Land 1815 an Preußen gefallen und mit anderen Landstrichen zur Rheinprovinz geworden. Damals zogen goldene Zeiten herauf, denn die Mosel war in dieser Zeit das einzige preußische Weinbaugebiet. Die einheimischen Winzer konnten zunächst kaum genügend Wein produzieren, und die Preise stiegen in Schwindel erregende Höhen. Auf Qualität nahm man dabei lange keine Rücksicht. Jeden Garten, jeden Kartoffelacker machte man zum Wingert, ohne an die alte Mahnung zu denken: »Wo der Pflug kann gehen, darf kein Weinstock stehen.« Die Versuchung, immer mehr Rebstöcke zu pflanzen,war einfach zu groß gewesen.

Gut zehn Jahre später hatte es dann ein böses Erwachen gegeben, und wieder lag die Ursache in Preußen: Immer mehr Weinbau treibende Länder wie Baden, Hessen oder Württemberg hatte Berlin in seinen Zollverein geholt. Dort erzeugte man bekömmlichere und bessere Weine als an der Mosel, vor allem aber billigere, denn man musste sich nicht mit Steilhängen, schroffen Felsklippen und halsbrecherischen Fahrwegen herumplagen. Außerdem war das Klima dort günstiger. Diese Weine strömten nun ohne nennenswerte Zollbarrieren nach Preußen, und als Folge davon war der Moselwein binnen weniger Jahre so gut wie unverkäuflich geworden. Bald schon zogen bei den kleinen Winzern Not und Elend ein, denn viele Familien hatten sich in den guten Jahren bis über beide Ohren verschuldet, um ein Stück von dem großen Kuchen abzubekommen. Als der Traum dann ausgeträumt war, hatte man ihnen zunächst die Reben am Stock, dann die Rebstöcke selbst samt Grund und Boden, schließlich das zum Broterwerb notwendige Werkzeug, die Kuh, das Schwein und zu guter Letzt die Möbel weggepfändet – oft genug, um die hohen preußischen Steuern einzutreiben. Nur wenige große Weingutbesitzer wie Matthias Nicolay blieben von diesem Unheil verschont, weil sie dank üppiger Kapitalien längst Anbaumethoden und Kellereitechnik verbessert hatten und daher einen Wein erzeugten, der qualitativ und preislich mithalten konnte.

Doch nun, seit das Volk den Aufstand geprobt und seinen Fürsten mächtig Angst eingejagt hatte, hofften viele auf eine Besserung der Lage. Sie wünschten sich vor allem, dass die mörderische und verhasste Weinsteuer abgeschafft werde, die der Staat gnadenlos eintrieb, selbst wenn kein einziger Eimer Wein4 verkauft worden war. Bislang hatte sich zur Enttäuschung der Moselaner aber wenig getan, und so knurrten die Mägen weiter, und der Dorfschulmeister hoffte, dass sein Pfarrer ihn wie schon öfter nach der Messe zum Frühstück einlud. Dann kam er wenigstens in den Genuss einer Tasse Kaffee.

Alexander Martini stieg die enge, knarrende Holzstiege herab ins Erdgeschoss. Rechter Hand befand sich seine Schulstube, zur Linken das Gemeindebüro und in einem verfallenen Anbau eine primitive Küche. Er trat aus dem Haus, einem massigen Bau aus dem vorigen Jahrhundert mit hohem Mansarddach, unter dem man einst Heu oder Roggen gelagert hatte. Der junge Mann schritt über die enge, winklige Dorfstraße, vorbei an Häusern aus verputztem Bruchstein, oft mit einem vorkragenden Obergeschoss aus Fachwerk. Vor vielen dieser Häuser dampfte ein Misthaufen, flankiert von einem Bretterverschlag für die banalen menschlichen Bedürfnisse.

Das Dorf lag im herbstlichen Nieselregen da wie ausgestorben, seine langgezogene, parallel zum Fluss verlaufende Hauptstraße war wie leergefegt, man sah weder Hund noch Katze und schon gar keine Menschenseele. Auch in den niedrigen, direkt an die Häuser geklebten Scheunen und Schobeln5, in denen die Winzer normalerweise ihre Feldfrüchte lagerten und die Tiere unterbrachten, rührte sich kaum etwas, denn vielen waren diese Tiere längst versteigert worden.

Der allgemeine Stillstand war bedrückend: Kein einziger Weinküfer hatte sich blicken lassen, um zusammen mit einem auswärtigen Händler die kleinen Winzer aufzusuchen und den frischen Most zu kaufen. Der werdende Wein wurde dann am Niederrhein oder in Norddeutschland »veredelt«.

Von alledem war in diesem Herbst nichts zu bemerken gewesen, zumal viele Winzer ihre Trauben gar nicht erst gelesen hatten. Sie ließen die Frucht am Stock verfaulen, weil sich die Arbeit nicht lohnte. Außerdem waren ihre großen Fuderfässer6 noch mit dem unverkäuflichen Wein der Vorjahre gefüllt, und neue Fässer konnte sich niemand leisten. Auch hinter den hufeisenförmigen Brettertüren, gleich neben den Hauseingängen, wo ein paar ausgetretene Steinstufen direkt in die Weinkeller führten, sah man daher weder Licht noch hörte man das mindeste Geräusch.

Alexander Martini erreichte nun den um die Kirche gelegenen Friedhof, den man hierzulande als Kirchhof bezeichnete. Für die Messe war er reichlich früh zur Stelle, denn die Turmuhr schlug gerade sechs. Er hatte also noch eine knappe halbe Stunde Zeit – falls die Uhr richtig ging und »dä Pitter«, den ihm der gutmütige Pfarrer als Hilfs-Küster zur Seite gestellt hatte, sie nicht wieder einmal zu spät aufgezogen hatte, so dass sie nachging. Einen Unterschied machte das allerdings kaum, denn das Dorfleben orientierte sich ohnehin an der Kirchturmuhr, ob sie nun richtig ging oder nach dem Mond. Die vielleicht zwanzig Minuten, die ihm noch blieben, gedachte Alexander Martini dem Orgelspiel zu widmen, seinem großen Trost in trüben Tagen – und davon hatte er viele hinter und wohl noch mehr vor sich. Ein wenig Ablenkung würde ihm guttun.

Die kleine, dicht unterhalb der Rebenhänge gelegene Dorfkirche war finster, feuchtkalt und ebenfalls menschenleer. Nur am Altar flackerte rötlich das Ewige Licht. Martinis Schritte klangen hohl durch das verlassene Kirchenschiff. Jetzt hörte er, wie sich quietschend eine der eisenbeschlagenen Eichentüren öffnete und sah das unstete Licht einer Laterne durch den vorderen Kirchenraum torkeln: »Dä Pitter« begann mit seinen Vorbereitungen für die Morgenmesse.

Im flackernden Kerzenlicht hob sich der unförmige Schädel des jungen Mannes massig aus dem Dunkel. Pitter war die fleischgewordene Folge einer weit verbreiteten Denkweise, wonach Weinberg zu Weinberg kommen musste. Ehen wurden eher nach strategischen Gesichtspunkten gestiftet denn nach emotionalen. So hatte sein Vater eine »Klein-Cousine« geheiratet, die als einzig überlebendes Kind eines mittelgroßen Winzers mit einer beeindruckenden Mitgift ausgestattet war. Die Leute sagten: »Früh sterben, viel Verderben, keine Erben« – und hatten nicht selten Recht.

Auch bei den Hilgers hatte sich der ersehnte Stammhalter erst nach langer Kinderlosigkeit eingestellt, als es schon fast zu spät war. Und gleich bei Pitters Geburt war für jedermann klar zu erkennen gewesen, dass der neue Erdenbürger niemals imstande sein würde, ein selbständiges Leben zu führen. Durch einen Unfall im Weinberg war seine Mutter, »dat Lis«, vor einigen Jahren auch noch zur Witwe geworden, die Krise tat ein Übriges, und nun war sie heilfroh, dass der Pfarrer ihrem Sohn für ein paar Pfennige, die er aus eigener Tasche bezahlte, die »niederen Küsterdienste« übertragen hatte. Eigentlich war dies alles Aufgabe des Schulmeisters: Das Reinigen der Kirche, das Anstecken und Löschen der Kerzen oder die Mithilfe beim Anlegen der Messgewänder. Sogar das Einsammeln der Kollekte hatte Pfarrer Pütz dem geistig Ärmsten in seiner Gemeinde übertragen, weil er spürte, dass es dem feinfühligen Schulmeister peinlich war, seinen Dörflern den Klingelbeutel unter die Nase halten zu müssen. Pütz schätzte den jungen Mann, der so ganz anders war als seine oft derben, manchmal erschreckend ungebildeten Kollegen, wie sie in vielen Dörfern ihr Unwesen trieben und die Kinder oftmals lieber prügelten anstatt ihnen etwas beizubringen.

Pitter hatte den rechten Seitenaltar mit einer fast lebensgroßen Statue des heiligen Michael erreicht, der dem greulichen Lindwurm zu seinen Füßen den Garaus macht. Nun schickte er sich an, die erste Kerze anzustecken. Seine schwerfälligen Hantierungen wurden durch einen schrillen Ruf jäh unterbrochen.

»Pitter, et giw Gewitter«, hallte es durch die leere Kirche, und Sekunden später klappte eine der Seitentüren.

Der arme Pitter erstarrte in seiner Bewegung, dann stieß er einen gellenden Entsetzensschrei aus. Die brennende Kerze fiel ihm aus der Hand, direkt auf das Altartuch. Während er immer noch da stand, als hätte ihn der Blitz getroffen, sprang Alexander Martini hinzu und griff nach der Kerze, bevor ihre Flamme das reich bestickte Altartuch in Brand setzen konnte. So blieb es bei einem schwarzen Fleck, den ein Kerzenleuchter gnädig überdecken konnte.

Jeder im Dorf wusste, dass der von allerlei Ängsten geplagte Pitter sich vor nichts mehr fürchtete als vor dem Toben der Elemente. Wenn es draußen blitzte und donnerte hatte er sich schon als Kleinkind in den hintersten Winkel des elterlichen Gewölbekellers verkrochen. Dort kauerte er, am ganzen Leib zitternd, hinter einem der großen Fuderfässer. Erst wenn seine geplagte Mutter ihn hervorzog und ihm zeigte, dass der Himmel längst wieder blau war, beruhigte er sich langsam. Und wenn sich dann über dem Tal ein Regenbogen wölbte, starrte er mit kindlichem Entzücken auf dieses geheimnisvolle Naturschauspiel.

Einige Nichtsnutze unter der Dorfjugend machten sich immer wieder einen Spaß daraus, dem Pitter jenen ominösen Satz hinterherzurufen, auch wenn von einem Gewitter weit und breit nichts zu sehen war. Sie lachten lauthals, wenn er zusammenzuckte, seinen dicken Kopf ängstlich zwischen die Schultern zog und verzweifelte Blicke zum Himmel richtete, der doch gar kein Unheil ausbrütete. Wenn sich der Ruf dann wiederholte, rannte Pitter wie von Furien gehetzt nach Hause und nahm auch nicht mehr wahr, dass die Lausebengel jetzt »Pitter! Pitter! Kä Gewitter!« riefen.

Martini hatte seinen Zöglingen deswegen mehrfach die Leviten gelesen, mit seinen Ermahnungen jedoch wenig ausgerichtet. Einige der Halbwüchsigen hatten sich nur mit Mühe ein freches Grinsen verkniffen. Und erwischen ließen sich die Übeltäter selten, immer waren sie gleich hinter einer Hecke, einem Schober oder einer Mauer verschwunden.

Nachdem er sich überzeugt hatte, dass Pitter in der Lage war, seine Arbeit fortzuführen, kletterte Martini die knarrenden Stufen zur Orgelempore hoch und nahm vor dem Spielschrank Platz. Nun tauchte auch schon die rundliche Gestalt des Orgelbuben auf, eines seiner Schüler, der den Blasebalg treten sollte.

Johannes Thiesen war in diesen schlechten Zeiten auffallend gut genährt. Seine Eltern betrieben nämlich nebenher etwas Landwirtschaft und waren seinerzeit klug genug gewesen, keine Schulden zu machen und ihre Felder nicht mit Rebstöcken zu bepflanzen. So blieb bei den Thiesens der Tisch reichlich gedeckt. Langsam begann der kräftige Junge den Blasebalg zu treten, um schon einmal den Magazinbalg, der für gleichmäßigen Druck sorgte, mit Luft zu füllen.

Bevor Martini mit seinem Spiel begann, im Grunde für sich, denn die Gottesdienstbesucher kamen immer erst wenige Minuten vor Beginn der Messe, warf er noch einen Blick in das von einigen Kerzen inzwischen schummrig erhellte Kirchenschiff. Es lag immer noch menschenleer da. Pitter war inzwischen wieder in der Sakristei verschwunden. Da tauchte mit einem Mal eine schlanke, hochgewachsene weibliche Gestalt aus dem Halbdunkel unter der Orgelempore auf. Die junge Frau schritt den Mittelgang entlang bis zum Altar, kniete kurz nieder und machte ein Kreuzzeichen. Dann setzte sie sich in eine der leeren Bänke auf der Frauenseite. Martini war so perplex, dass er seine Hände wieder von den Tasten nahm. Was suchte die Maria denn so zeitig hier? Sonst kam sie, wie alle anderen auch, pünktlich zum Beginn der Messe. Nachdenklich starrte er auf das nach wie vor stumme Instrument.

Maria! Maria, die Maienkönigin, weil sie im Mai geboren war. Maria, die Unerreichbare, so unerreichbar wie ihre Namenspatronin auf dem linken Seitenaltar oder über dem Eingangsportal ihres Elternhauses. Maria Molitor, die Tochter des Bürgermeisters, der mit seinem mittelgroßen Weingut einst blendend dagestanden hatte und dem das Wasser nun, wie es hieß, wie so vielen anderen bis zum Hals stand, auch wenn bei ihm noch nicht gepfändet worden war. Maria, das Unterpfand, die letzte Rettung – falls es dem Vater gelang, sie geschickt zu verheiraten. Maria, die für einen Dorfschulmeister als Ehefrau ebensowenig in Frage kam wie eine preußische Prinzessin. Und die sich ganz bestimmt nichts aus ihm machte.

Martini stieß einen stummen Seufzer aus und begann zu spielen. Dann brauste die Toccata und Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach durch die kleine Dorfkirche, die sich nun langsam füllte, allen voran Frauen und Mädchen. Auch seine Schüler nahmen nach und nach, streng nach Geschlechtern getrennt, in den vorderen Bankreihen Platz.

Bachs Orgelmusik durchflutete den Raum auch noch, als sich die Tür zur Sakristei wieder öffnete und zwei Messdiener mit dem Pfarrer im Gefolge den Kirchenraum betraten. Der rechts gehende Junge zog an einem dicken Seil mit der kleinen Glocke, die den Beginn des Gottesdienstes ankündigte. Zu den letzten Takten einer Musik, die in ihrer Feierlichkeit und Virtuosität so gar nicht zu einer schlichten Werktagsmesse passte, stieg der korpulente Pfarrer leicht schnaufend die Altarstufen hoch. Jetzt klang die Musik aus, und in die nur noch von einem gelegentlichen Husten oder Räuspern unterbrochene Stille hinein murmelte Pfarrer Pütz die ersten lateinischen Worte der Messe.

Nach dem »Ite, missa est«7 durfte der junge Schulmeister den Pfarrer tatsächlich zum Frühstück ins Pfarrhaus begleiten. Allzuviel Zeit blieb ihm nicht, denn in einer guten halben Stunde begann der Unterricht. Seine Schüler gingen nach der Messe noch einmal kurz nach Hause, auch wenn das Frühstück bei vielen sicherlich mager und bei manchen ganz ausfiel.

Als Martini zusammen mit Pütz das Pfarrhaus betrat, einen mächtigen Fachwerkbau aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, steckte Katharina Metze ihr missmutiges Gesicht aus der halb geöffneten Küchentür.

»Ich habe einen Gast mitgebracht«, sagte der Pfarrer.

Die dürre, allzeit mürrische, spitznäsige und spitzzüngige Haushälterin zog eine Miene, als habe sie die Essigflasche gelenzt.

»Auch was Rechtes!«, brummte sie. »Wo doch kaum noch etwas Gescheites im Hause ist, weil Ihr alles verschenkt.«

Denn abgesehen von der Tatsache, dass Pfarrer Pütz jeden verfügbaren Pfennig an die Armen verschenkte, spendete er große Mengen Lebensmittel aus der Landwirtschaft, die zu seiner Pfarrstelle gehörte. Nur sein Weinkeller war tabu, aber Wein besaßen die meisten Familien ohnehin mehr als ihnen lieb war.

In dieser Angelegenheit hatte Pütz sich in mehreren Brandbriefen an den Landrat und sogar den Regierungspräsidenten in Trier gewandt, um auf die allgemeine Notlage und das leidige Weinsteuerproblem aufmerksam zu machen. Einen dieser Briefe hatte er Martini gezeigt.

»Inzwischen kann man ein Haus über das andere bezeichnen, das nach Almosen ausgeht und dankbar jede Gabe annimmt, die Mitbürger aus ihrem Vorrat darreichen«, hatte er geschrieben. »Ich versichere Ihnen, dass es Familien gibt, welche fünf oder mehr Fuder Wein im Keller und kein Brot auf’m Tisch und keine Schuhe an den Füßen haben.«

Der Landrat hatte mit einem freundlichen, aber eher unverbindlichen Schreiben geantwortet, während der Regierungspräsident ihm mit der unverwechselbaren Arroganz preußischer Bürokraten einen Rüffel erteilte: Als Pfarrer habe er sich gefälligst um das Seelenheil seiner Schäfchen zu kümmern und nicht um Politik. Dass ausgerechnet ein katholischer Pfarrer sich erdreistete, dem protestantischen Preußen kluge Ratschläge zu erteilen, grenzte geradezu an Aufsässigkeit.

»Kommen Sie«, sagte Pütz und führte seinen Gast ins Wohnzimmer. Dort ließ sich der füllige Mann schwer atmend in einen Sessel fallen. »Nehmen Sie Platz«, fuhr er fort, während die Metze mit galligem Gesicht eine bauchige Kanne voll duftendem Bohnenkaffee auf den Tisch stellte. Dann trug sie Lebensmittel herbei, die manch einer im Dorf schon seit Langem nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Auch wenn der Pfarrer großzügig und mildtätig war, für die Erhaltung seines üppigen Leibes blieb immer noch genug.

Es konnte nicht ausbleiben, dass Pütz und Martini bald auf die katastrophale Lage im Dorf zu sprechen kamen.

»Was mir neuerdings Kopfschmerzen bereitet, ist die zunehmende Trunksucht«, meinte der Pfarrer nachdenklich. »Erst gestern torkelte der Jupp Hauth am hellen Nachmittag lauthals fluchend über die Dorfstraße. Man hatte ihm wohl seine Kuh weggepfändet.«

Hauth galt allgemein als solider, fleißiger kleiner Winzer, der bislang nie negativ in Erscheinung getreten war. Dass er langsam verzweifelte, konnte niemanden verwundern.

»Früher nahmen die Winzer bei der Arbeit oder nach Feierabend einen Becher von ihrem Haustrunk zu sich«, fuhr Pütz fort. »Jetzt fallen sie aus lauter Verzweiflung über ihre eigenen Weinvorräte her. Es bleiben ihnen ja auch nur zwei Möglichkeiten: wegkippen oder austrinken.«

Diesen Haustrunk nannte man im Dorf »Flubbes«, anderswo auch »Bubbel«. Die Winzer stellten ihn aus Trester her, den Stielen und Schalen, die nach dem Keltern der Trauben zurückblieben. Diese Rückstände wurden mit Wasser angesetzt und blieben über Nacht stehen. Dann kelterte man sie erneut und versetzte sie zu guter Letzt mit Zucker. Dieses leicht säuerlich riechende Getränk löschte den Durst und regte den Kreislauf an, machte aber längst nicht so schnell betrunken wie Wein.

»Dr. Holl hat bei einigen der Männer schon einen krätzeähnlichen Ausschlag festgestellt, den er auf übermäßigen Weingenuss zurückführt.«

»Wenn die Revolution erst gelungen ist, werden sich die Verhältnisse sicherlich bessern«, sagte Martini hoffnungsvoll. »In einem geeinten Deutschland ohne preußische Steuergesetze können die Winzer ihren Wein bestimmt wieder absetzen und müssen ihn nicht mehr selbst trinken, um ihre Verzweiflung zu betäuben oder ihre Fässer für die nächste Lese zu leeren. Das alles in der vergeblichen Hoffnung, dass sich der neue Wein besser verkauft als der vorjährige.«

Der Pfarrer sah ihn einen Augenblick lang schweigend an, dann sagte er leise: »Aber wird diese Revolution auch ein gutes Ende finden? Wird sie wirklich etwas verändern?« Wieder machte er eine Pause und setzte dann hinzu: »Ihr jugendlicher Optimismus in allen Ehren, aber ich habe da meine Zweifel …«

»So wie in den letzten dreißig Jahren kann es jedenfalls nicht weitergehen«, rief der junge Dorfschulmeister leidenschaftlich. »Für ein freies Vaterland sind wir schließlich in den Krieg gegen Napoleon gezogen. Statt einer Einigung kam ein unerträgliches System aus Unterdrückung und Bespitzelung. Denken Sie nur daran, dass der Dichter Fritz Reuter wegen Hochverrates zum Tode verurteilt wurde. Gnädigerweise hat man die Strafe umgewandelt zu dreißig Jahren Festungshaft.Und alles nur, weil er einer Burschenschaft angehörte. Die Brüder Grimm jagte man mit fünf anderen Göttinger Professoren nicht nur aus ihren Ämtern, sondern gleich aus dem Land. Hoffmann von Fallersleben musste sein ›Lied der Deutschen‹ auf der englischen Insel Helgoland schreiben …«

»Immerhin hat unser König den Reuter bei seiner Krönung begnadigt und viele andere politische Gefangene ebenfalls«, warf der Pfarrer ein.

Martini ließ sich jedoch nicht bremsen. »Und dann diese engherzige Zensur, die verhinderte, dass man überall im Deutschen Bund vom Elend der Moselwinzer erfuhr«, fuhr er hitzig fort.

»Die Zensur wurde bereits im März aufgehoben«, erinnerte ihn der Pfarrer.

Aber der junge Schulmeister war jetzt richtig in Fahrt. »Schließlich das ganze Elend, die wachsende Armut überall im Land. Die vielen Handwerker, die nicht leben und nicht sterben können. Arbeiter, die sich in den Fabriken tot schuften, darunter viele Kinder. Die schlesischen Weber …«

»Und das alles soll die Revolution nun richten?«, fragte der Pfarrer mit milder Ironie.

»Sie sollte auf jeden Fall ein einiges, ein besseres Deutschland hervorbringen!«, rief Martini im Brustton der Überzeugung. »Ein freiheitliches Staatswesen muss entstehen. Ein Land, in dem man nicht nur leben kann, ohne zu verhungern. Es soll ein Land sein, in dem es eine Lust ist zu leben.«

»Wenn sie denn gelingt, die Revolution«, wiederholte der Pfarrer. »Ich fürchte manchmal, dass es hinterher ähnlich weitergehen wird wie vorher.«

»Warum sollte diese Erhebung eines ganzen Volkes denn scheitern?«

»Weil ihre Akteure uneins sind und ihre Kräfte zersplittern. Die bürgerlichen Liberalen wollen alles, nur keinen Umsturz, keine sozialen Umwälzungen, keine wirkliche Revolution wie in Frankreich. Dieses Ziel sehen sie am ehesten durch eine Konstitutionelle Monarchie gewährleistet.«

»Das wäre nichts anderes als eine Fortsetzung der verrotteten Fürstenwirtschaft!«, rief Martini verächtlich.

»Wenn Sie es so ausdrücken wollen, bitte. Nach meiner Auffassung wäre aber schon viel erreicht, wenn die bislang errungenen Fortschritte für die Zukunft gesichert werden könnten … In immer unversöhnlicherem Gegensatz zu ihnen stehen die Demokraten, die jede Form von Fürstenherrschaft rundweg ablehnen. Sie wollen um jeden Preis die Republik. Ich weiß, dass viele hier so denken, vermutlich auch Sie und natürlich Mitbürger wie Peter Joseph Coblenz, der Vorsitzende des Demokratischen Vereins drüben in Bernkastel. Der radikalere Teil dieser Bewegung wäre auch zu Aufruhr und Gewalt bereit. Aber Gewalt ist keine Lösung. So sind ja auch die badischen Aufstände im Frühjahr jämmerlich gescheitert. Was will man denn mit Sensen, Mistgabeln und ein paar alten Flinten gegen Kanonen und Kartätschen ausrichten? Der entscheidende Punkt ist aber: Wie soll man diese gegensätzlichen Positionen unter einen Hut bringen und in ein gemeinsames Handeln ummünzen? Wenn aber ein Ziel ernsthaft erreicht werden soll, hilft dabei nur Einigkeit. Zwietracht spielt immer dem Gegner in die Hände.«

»Es ist eben nicht leicht, einen Weg zu finden, der noch nie gegangen wurde«, warf Martini nachdenklich ein.

»Hinzu kommt, dass unsere Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche seit dem schmachvollen Vertrag von Malmö viel von ihrem Kredit verspielt hat …«

Gegen diese Feststellung fand Martini keinen Einwand. Pütz spielte auf den Konflikt mit Dänemark an, bei dem es um die Einverleibung Schleswigs gegangen war. Auf Wunsch der Frankfurter Nationalversammlung und der neuen Reichsregierung hatte Preußen militärisch eingegriffen, damit das »meerumschlungene« Schleswig-Holstein ungeteilt deutsch blieb. Diese Intervention rief aber England und Russland auf den Plan. Beide Großmächte hatten Preußen aufgefordert, die Kämpfe einzustellen, die neue Reichsregierung wurde dabei einfach übergangen. Der Preußenkönig gab nach, worauf es zu dem unbefriedigenden Waffenstillstand von Malmö gekommen war.

Daraufhin sprach sich die Nationalversammlung mit knapper Mehrheit gegen eine Annahme aus, während die von den beiden Großmächten ignorierte Reichsregierung dem Vertrag zustimmte, obwohl Preußen seine Kompetenzen überschritten hatte. Als Folge dieser Auseinandersetzung trat das Reichskabinett zurück, und die Bildung einer neuen Regierung scheiterte. Wenig später schwenkte die Nationalversammlung um und billigte den Vertrag diesmal, erneut knapp mehrheitlich. Als Folge nahm die Reichsregierung ihre Arbeit wieder auf.

Mit diesem Lavieren hatte sich die Frankfurter Nationalversammlung um einen großen Teil ihrer Glaubwürdigkeit gebracht. Es kam zu heftigen Tumulten, aufgebrachte Volksmassen stürmten die Paulskirche, in der immerhin das erste demokratisch gewählte Parlament tagte. Zwei seiner Abgeordneten wurden sogar von einem aufgehetzten Mob erschlagen. Ausgerechnet das Militär, dieses verhasste Instrument der alten Fürstenherrschaft, hatte auf Wunsch der verschreckten Parlamentarier Ruhe und Ordnung wiederherstellen müssen.

»Der Fall Malmö beweist zweierlei«, fuhr der Pfarrer fort. »Zum einen, dass die Frankfurter Nationalversammlung im Ausland nicht als Vertretung eines geeinten Deutschlands anerkannt wird. Denn nicht sie war es, an die sich die beiden Großmächte wandten, sondern Preußen. Ärger ist, dass die Paulskirche längst nicht mehr den Willen des ganzen Volkes repräsentiert. Ein großer Teil hat sich gegen sein eigenes Parlament aufgelehnt. Ich halte beides für ein ganz schlechtes Omen …«

Martini setzte die reich verzierte Porzellantasse an den Mund und genoss in kleinen Schlucken den wohlschmeckenden Bohnenkaffee, den er selbst sich nicht leisten konnte.

»Eines jedenfalls sollte man nicht vergessen«, führte der Pfarrer nun seine Argumentationskette unbarmherzig zu Ende. »Reichsregierung und Parlament haben keinerlei reale Macht. Die Fürsten hingegen verfügen nach wie vor über ihren Staatsapparat und das Militär. Die Märzereignisse haben sie auf dem falschen Fuß erwischt, haben sie überrascht. Nur weil sie ordentlich verschreckt waren, sind sie zurückgewichen und haben Zugeständnisse gemacht. Diese Errungenschaften sollte man nun gewissermaßen unter Dach und Fach bringen, so wie ein Bauer sein Heu, bevor das heraufziehende Gewitter da ist. Denn was wird geschehen, wenn die Mächtigen sich von ihrem Schreck erholt haben? Wenn sie zwei und zwei zusammenzählen und dabei zu dem Ergebnis kommen, dass ihre Macht bis auf den heutigen Tag ungeschmälert ist? Dass die stärkeren Bataillone nach wie vor auf ihrer Seite sind, dass sie jeden Aufruhr mühelos niederschlagen können, wie es ja auch in den letzten Monaten wiederholt geschehen ist?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch ein Zurück gibt!«,verkündete Martini im Brustton der Überzeugung. »Zu viel ist in den letzten Monaten erreicht worden, es muss einfach weitergehen.« Bis hin zur freien Republik!, setzte er in Gedanken hinzu. Er wollte den guten Pfarrer, der ganz offensichtlich ein Liberaler war, nicht vor den Kopf stoßen.

»Ihr Wort in Gottes Ohr«, erwiderte Pütz und fügte nachdenklich hinzu: »Ich bin übrigens keineswegs erpicht darauf, in allem Recht zu behalten. Aber einen gewaltsamen Umsturz, eine Revolution wie 1789 in Frankreich, die womöglich noch in einen Bürgerkrieg ausartet, würde ich für fatal halten. Sie brächte unendliches Leid über das Volk, mehr als jede Weinkrise …«

Martinis Blick fiel auf die elegante französische Pendule, die auf einer polierten, reich mit Intarsien verzierten Kommode dezent vor sich hintickte. »Ich muss mich leider verabschieden«, sagte er. »Die Pflicht ruft. Vielen Dank für das opulente Frühstück.«

Der alte Pfarrer erhob sich mühsam aus seinem bequemen Armsessel und schüttelte seinem Schulmeister die Hand. »Sie sind mir zu einem Gedankenaustausch jederzeit willkommen«, sagte er. »Ich werde Ihnen übrigens gegen Mittag Frau Metze mit einer kräftigen Suppe vorbeischicken, damit Sie mir vor lauter Revolution nicht vom Fleische fallen.«

Alexander Martini trat wieder in die feuchte Kälte hinaus, auf die mit Feldsteinen holprig gepflasterte Dorfstraße. Vom Reiz des lieblichen Moseltales, für das die Menschen hier ohnehin kaum ein Auge hatten, war so gut wie nichts zu bemerken. Die Steilhänge schienen in weißgraue Nebelschleier gehüllt zu sein, zwischen denen ab und an ein Pulk Rebstöcke oder ein Streifen Krüppelwald auftauchte, der die Kante zur Hochfläche des Hunsrücks bedeckte. Hässliche schwarze Krähen zogen krächzend ihre Bahn, als wollten sie neues Unheil verkünden. Auch die grauen Fluten des Flusses verschmolzen mit den zwischen Buhnen, sandigen Ufern und Feuchtwiesen hängenden Nebelstreifen, als sei die Grenze zwischen Himmel und Erde aufgehoben. Nach wie vor war kein Mensch unterwegs, kein Handwerker bei der Arbeit, kein Winzer in seinem Keller, fast als wütete im Dorf die Pest – die Pest einer falschen, unmenschlichen Politik.

Dann rührte sich doch etwas. Als Martini auf das Haus der Hauths zuging, hörte er vom Alkohol angeraute Stimmen und dröhnendes Gelächter. Dieser Lärm drang aus der halb offen stehenden Tür zum Weinkeller. Es klang, als finde dort ein fröhliches Gelage statt. Vielleicht hatte Hauth in seiner Verzweiflung ein paar Nachbarn zusammengetrommelt, um mit deren Hilfe eines der Fässer zu leeren. Dem Geräuschpegel nach zu urteilen, war man auf diesem Weg schon ein gutes Stück vorangeschritten. Wahrscheinlich erzählten sich die Männer dort unten Witze, »Stückelcher« oder auch Zoten, denn immer wieder wechselte sich unverständliches Gemurmel mit grölendem Gelächter ab.

Jetzt öffnete sich die Haustür, und Katharina Hauth trat auf die Dorfstraße, eine kleine, hagere Frau in den Vierzigern, gebeugt von jahrzehntelanger Knochenarbeit in Haus, Garten, Wingert und auf den Feldern. Sie trat vor die Kellertür und rief ein ums andere Mal nach ihrem Mann. »Jupp! Jupp! Komm erauf!«, schallte es über die leere Dorfstraße.

Als Antwort war nur der weiter andauernde Lärm zu hören, schließlich ein ungeduldiges: »Wat is’ denn?«

»Komm erauf!«, wiederholte Katharina.

»Wofür?«, klang es ärgerlich von unten.

»Tu mir die Lieb, Mann!«, bat die Frau jetzt. So ging noch es ein paar Mal hin und her, wobei die Antwort immer ungeduldiger und lautstarker ausfiel. Doch dann stapfte der Winzer die kurze Steintreppe hoch und tauchte unter dem Bogen aus rötlichem Sandstein auf.

Hauth war ein großer, vierschrötiger Mann, aber ausgezehrt bis auf die Knochen von der mörderischen Schinderei. In sein vom üppigen Weinkonsum gerötetes Gesicht hatte dieses Leben tiefe, schrundige Falten gekerbt. Längst fehlten ihm einige Zähne. Auch er musste noch in den Vierzigern sein, sah aber auf den ersten Blick aus wie ein Greis. Wütend baute er sich vor seiner Frau auf.

»Wat is?«, schrie er. »Lass’ mich doch in Ruh! Et giw eh nix ze doun. Wat willste denn?«

»Dat de damit aufhörs’«, erwiderte Katharina und deutete mit dem Kopf auf das düstere Gewölbe mit seinen Fässern und den lärmenden Zechkumpanen.

Hauth warf seiner Frau einen wütenden Blick zu, dann machte er wortlos kehrt in Richtung Kellereingang. Katharina folgte ihm und hielt ihn an seiner vielfach geflickten Joppe fest. »Lass’ doch dat Saufen«, sagte sie leise. »Et tut dir nit gut.«

Da drehte ihr Mann sich mit einem Mal um und versetzte ihr einen heftigen Schlag ins Gesicht. Katharina Hauth stieß einen halb unterdrückten Schmerzensschrei auf, dann taumelte sie und stürzte auf die spitzen Kiesel des Straßenpflasters. Martini, der den Disput beim Näherkommen beobachtet hatte, bückte sich sofort, um ihr aufzuhelfen. Unter dem hochgerutschten Kleid sah er ein blutig geschlagenes Knie.

Jetzt spürte er eine Bewegung und erblickte über sich das wütende Gesicht des Winzers.

»Halt du dich da ’raus, Schulmeister!«, knurrte Hauth und machte eine Bewegung, als wolle er ein weiteres Mal zuschlagen.

Martini zog unwillkürlich den Kopf ein. Gegen einen Winzer mit seinen Bärenkräften hatte er keine Chance. Hauth konnte ihn nach allen Regeln der Kunst zusammenschlagen, wenn ihm danach war. Trotzdem traute Martini sich nicht zu kneifen, zumal das stattliche Haus der Molitors schräg gegenüber lag. Nicht auszudenken, wenn Maria zufällig mitbekam, wie er das Hasenpanier ergriff! Daher raffte er seinen ganzen Heldenmut zusammen und schrie mit leicht zitternder Stimme: »Lasst gefälligst die Frau in Ruhe, Hauth!« – auch in der Hoffnung, andere Dorfbewohner auf den Plan zu rufen. Aber die Häuser ringsumher lagen immer noch wie verlassen da, und der Winzer stand nach wie vor bedrohlich über ihm, die Fäuste geballt und von einer Alkoholfahne umweht, die einen von des Gedankens Blässe angekränkelten Schulmeister schwindelig werden ließ.

Doch dann war es mit einem Mal, als habe seine Zurechtweisung Hauths Angriffslust betäubt. Der Winzer glotzte ihn mit leeren Augen an, er schien den Vorfall bereits vergessen zu haben und sich zu fragen, was er hier oben eigentlich suchte. Hauth stieß nur noch einen undefinierbaren Grunzlaut aus, dann verschwand er wieder in seinem Keller, wo er mit einem lauten Hallo begrüßt wurde. Martini meinte etwas von »deine Alte« und »verscheucht« zu hören. Katharina hatte sich inzwischen aufgerappelt, sie wirkte verstört, als könne sie das Geschehene nicht fassen. Das wunderte Martini kaum, denn man hatte im Dorf bisher nie gehört, dass Hauth seine Frau schlug. Änderte sich das gerade?

»Ich dank’ Euch«, murmelte sie und verschwand hinter der niedrigen Eingangstür ihres Hauses.

Als der junge Schulmeister weiterging, warf er einen kurzen Blick auf das Haus der Familie Molitor. Hinter einem halb geöffneten Fenster meinte er schemenhaft eine hochgewachsene Frauengestalt zu erkennen. Maria? Doch jetzt wurde das Fenster mit einem harten Ruck geschlossen.

Vor dem Schulgebäude warteten in dem unablässig triefenden Nieselregen etwa fünfunddreißig kleine und größere Kinder. Eigentlich mussten es fünfzehn oder zwanzig mehr sein, aber im Winter fehlten oft viele. Denn bei der Eiseskälte in den Zimmern und ihrer unzulänglichen Kleidung wurde manch eines von einer schweren Erkältung geplagt, andere fingen sich sogar eine Lungenentzündung ein. Aber selbst dann kam nicht etwa der Arzt, denn den konnte sich kaum jemand leisten. Man kämpfte mit Hausmitteln gegen die Krankheit, ein Kampf, der nicht selten auf dem Friedhof endete.

Martini warf einen mitleidigen Blick auf einige Mädchen, die vor Kälte am ganzen Leib zitterten. Bei anderen schauten die Zehen aus dem löcherigen Leder ihrer Schuhe. Martini hätte die Kinder gern in der Schulstube, im Trockenen warten lassen, aber das war ihm untersagt worden: Die Gemeinde befürchtete Schäden an Wänden und Mobiliar. Dabei war der Unterrichtsraum auch so schon völlig heruntergekommen und verwohnt.

Auf seinen Wink hin stellten die Kinder sich in einer Zweierreihe auf und betraten das Klassenzimmer, dessen Ausdünstungen ihren Lehrer jedesmal nach Luft schnappen ließen. Minutenlang musste er einen gelinden Brechreiz unterdrücken. Zu dem Geruch nach Moder und Schimmel, der den feuchten Wänden und den angefaulten Dielenbrettern entstieg, kamen der atembeklemmende Dunst aus nassen Kleidern – und ein intensiver Geruch nach ungewaschenem Mensch. Frische Luft war Mangelware, weil niemand ein Fenster öffnen wollte. Man blickte auch hier gegen kahle, mit abbröckelnder Kalkfarbe gestrichene Wände und eine niedrige Decke. Drei schmutzige kleine Fenster ließen viel zu wenig Licht herein. Drinnen war es kaum wärmer als auf der Straße. Zwar stand in einer Ecke ein Ofen, aber das notwendige Brennholz mussten die Familien liefern – und die hatten selber nicht genug. Nun froren Schüler und Schulmeister also um die Wette, der eine mehr, der andere weniger. Denn einen warmen Wintermantel nannten nur die allerwenigsten ihr Eigen, und manches Kind steckte in Fetzen, die man eigentlich nur noch dem Lumpensammler mitgeben konnte. Auch Martini zog seinen abgeschabten Rock unwillkürlich enger, als er auf das hohe Podest mit dem Pult trat.

Vor ihm standen zwei Bankreihen, vielleicht einen guten halben Meter voneinander entfernt, abgeschabt und von zahllosen Schülergenerationen zerschnitzelt. Links hing in einem zerkratzten Gestell eine Tafel, die man um die eigene Achse drehen konnte – sein einziges pädagogisches Hilfsmittel, denn Bücher oder Hefte gab es kaum. Der größte Teil des Unterrichts bestand aus Nachsprechen, Auswendiglernen und Aufsagen. Da sämtliche Kinder gleichzeitig unterrichtet werden mussten, konnte sich der Schulmeister immer nur um einen Jahrgang kümmern, für die übrigen musste er sich eine Beschäftigung ausdenken, die nicht allzusehr in Lärm ausartete. »Man kommt sich vor«, hatte Martini seinem neuen Freund Lars Lürsen einmal anvertraut, »als müsse man in einem Orchester sämtliche Instrumente gleichzeitig spielen.«

»Dann geh mal an deine Arbeit, du Einmann-Orchester«, hatte Lürsen lachend erwidert.

Dabei war Martinis Arbeit in Wirklichkeit alles andere als lustig, oft sogar ausgesprochen anstrengend und nervtötend. Kein Wunder, dass viele seiner Kollegen die Geduld verloren und hemmungslos auf ihre Schüler einprügelten. Andere kühlten ihr Mütchen, indem sie die Kinder für sämtliche Schattenseiten ihres Berufes büßen ließen: den Hungerlohn, das geringe Ansehen und die Verachtung, die ihnen von allen Seiten entgegenschlug, weil nahezu jeder Erwachsene in der Schule einst Prügel bezogen hatte.

Sein Vorgänger Karl Brünner war deswegen sogar vor den Send, das örtliche Kirchengericht, zitiert worden, denn die Schulaufsicht lag beim Pfarrer. Dass Brünner die Jungen beim geringsten Anlass über die vorderste Bank gelegt und ihnen das blanke Hinterteil versohlt hatte, als dresche er auf einen Kartoffelsack ein, hätten ihm die zumeist strengen Eltern ja noch durchgehen lassen. Dass er die Kinder danach zu Boden stieß, auf sie eintrat und dabei schrie und tobte wie ein Berserker, sorgte schon eher für Stirnrunzeln im Dorf. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte die Tatsache, dass dieser Schulmeister seine Strafaktionen auch auf die Mädchen ausdehnte. Er hatte ihnen zwar nicht den Hintern versohlt, ihnen aber mit seinem Rohrstock so heftig auf die Handflächen geschlagen, dass sie ihren Müttern im Haushalt kaum noch zur Hand gehen konnten. Nach reiflicher Überlegung hatte der Send Brünner zu einer Geldstrafe, zahlbar an den Fonds für die Armen- und Almosenspende des Dorfes, verurteilt und ihm angedroht, im Wiederholungsfall seine Versetzung in ein abgelegenes Eifeldorf zu betreiben. Inzwischen war Brünner über den Atlantik verschwunden und vermöbelte jetzt wahrscheinlich in der Neuen Welt ungestraft die hoffnungsvolle Kolonisten-Jugend. Vielleicht tobte er seine überschüssigen Kräfte aber sinnvoller aus, nämlich bei der Urbarmachung der nordamerikanischen Wildnis.

Auch Martini benutzte seinen Rohrstock gelegentlich – um auf etwas zu zeigen, das an der Tafel stand. Nur wenn es ihm wirklich einmal zu bunt wurde, zweckentfremdete er dieses Symbol schulmeisterlicher Allmacht. Gerade die Schüler, die mit einer Aufgabe beschäftigt waren, begannen irgendwann zu schwatzen oder trieben allerlei Unfug. Dann riss Martini manchmal die Geduld, und er ließ besagten Rohrstock krachend auf die Tischplatte niedersausen, dicht vor den Fingern des Übeltäters. Das sorgte jedesmal für einen ordentlichen Schreck, zumal der Betreffende nie wusste, ob der Schulmeister beim nächsten Mal nicht doch genauer zielte. Den ärgsten Rabauken verpasste er wohl auch eine Kopfnuss – aber damit erschöpfte sich für Martini auch schon das Arsenal körperlicher Züchtigungen. Seine Eltern hatten ihn ohne Prügel aufgezogen, und bei dieser Erziehungsmethode gedachte er auch in seinem Unterricht zu bleiben.

Die Schüler hatten sich nun neben ihren Bänken aufgestellt und warteten auf den Morgengruß ihres Lehrers. Als Antwort setzte ein disharmonischer Chor mit einem leierigen »Guten Morgen, Herr Schulmeister« ein, nur von einem gelegentlichen Husten unterbrochen. Nun sprach Martini die ersten Worte des Vaterunser, und die Kinder fielen ein. Es folgte ein »Gegrüßet seist du, Maria«, bei dem Martinis Gedanken jedesmal abschweiften, weil er das Bild Maria Molitors vor sich sah. Dann endlich durften die Kinder sich setzen.

Als erstes ließ Martini seine Kleinsten noch einmal eine Reihe schwieriger Wörter vorlesen, die er gestern an die Tafel geschrieben hatte. Dann gab er ihnen die Aufgabe, jedes drei Mal abzuschreiben. Bald kratzten acht Griffel emsig über die Schiefertafeln, und nun konnte Martini mit den Älteren das große Einmaleins üben.

Am niedlichsten fand er die Kleinen, wenn sie erst einmal ihre Scheu vor ihm als Schulmeister verloren hatten, weil sie spürten, dass er ihnen wohlgesinnt war. Dann wurden sie zutraulich und oft so mitteilsam, dass er sie bremsen musste, denn sonst wäre er kaum noch zum Unterrichten gekommen. Als Allererstes musste er den meisten Hochdeutsch beibringen, weil sie nur den moselfränkischen Dialekt sprachen, das dörfliche Platt. Bei diesem Lernprozess gab es manchmal putzige Rückschläge. So hatte ihm die kleine Anna Herges eines Morgens in fast akzentfreiem Hochdeutsch berichtet: »Mein Papa hat ganz laut gepfeift.«

Aber auch die halbwüchsigen Jungs, die immer zu irgendwelchem Unfug bereit waren und mit ihren zunehmenden Kräften noch nichts Rechtes anzufangen wussten, amüsierten ihn heimlich, wenn sie ihm auch manchmal auf die Nerven fielen – das war allerdings in den meisten Familien nicht viel anders.

Martini überzeugte sich kurz, dass die Kleinen eifrig mit dem Malen von Buchstaben beschäftigt waren. Die kleine Anna bewegte vor lauter Anstrengung ihre Zungenspitze zwischen den leicht geöffneten Lippen hin und her, was so niedlich aussah, dass Martini seinen Blick kaum abwenden konnte. Er riss sich zusammen und wandte sich einem der höheren Jahrgänge zu.

»Roth, zweimal elf!«, rief er. Der Schüler sprang auf und schmetterte wie aus der Pistole geschossen: »Zweiundzwanzig!«

»Weiter«, forderte Martini ihn auf. Seine Schüler wussten sofort Bescheid.

»Drei mal elf«, rief Roth in die Runde, und sein Banknachbar antwortete mit »Dreiunddreißig.« So wechselten sich Frage und Antwort ab, wobei einige Schüler ihren Ehrgeiz daransetzten, das Tempo der Rechenkette immer mehr zu beschleunigen. Weiter ging es mit den Zahlenreihen zwölf, dreizehn und vierzehn, immer vor und zurück durch die kleine Gruppe des gleichen Jahrgangs. Ab und zu hakte es auch, wenn ein Schüler zu langsam war. Dann ertönte von irgendwoher ein Zischeln, das dem verhinderten Rechengenie auf die Sprünge half.

Als die siebzehn an der Reihe war, stockte es wieder einmal, denn der etwas bräsige Johannes Thiesen war zwar gut genährt und gekleidet, aber nicht allzu helle. Sein hauptsächliches Interesse lag im Verzehr von Lebensmitteln.

»Drei mal siebzehn. Nun, Thiesen?«, hakte Martini nach.

Wieder ertönte von irgendwoher das ominöse Zischeln.

»Zweiundfünfzig«, rief der dicke Thiesen erleichtert.

Um ihn herum brach schallendes Gelächter aus. Am lautesten lachte der hagere Wulff, dem ein solcher Fehler wohl kaum unterlaufen wäre. Er hatte offensichtlich falsch vorgesagt.

Martini verzog keine Miene. »Komm doch mal nach vorne, Wulff«, sagte er leise und so unfreundlich, dass einige erstaunt hochsahen. Auch Wulff starrte ihn verblüfft an, dann schob der Schüler seinen hageren Körper aus der Bank und stellte sich vor das Lehrerpult.

Nun scheuchte Martini ihn im Höllentempo durch das große Einmaleins, aber nicht etwa bequem entlang der Zahlenreihen, sondern querbeet. Seine Fragen prasselten auf den Schüler ein wie Hagelkörner: »Drei mal siebzehn, fünf mal neunzehn, acht mal sechzehn …«

Da Wulff zwar nicht auf den Kopf gefallen war, aber auch nicht gerade ein Ausbund an Intelligenz und geistiger Regsamkeit, schwitzte er Blut und Wasser.

Martini war so sehr darin vertieft, den Schüler Wulff in die Mangel zu nehmen, dass er auf einen leisen Plumps von der linken Seite her zunächst nicht reagierte. Doch dann bemerkte er, dass die kleine Anna, die eben noch so eifrig ihre Buchstaben gemalt hatte, seitlich aus der Bank gekippt war. Sie lag mit geschlossenen Augen auf dem schmutzigen Dielenboden.

Beunruhigt stieg Martini von seinem Podest und beugte sich etwas hilflos über das regungslose Kind.

»Was ist denn, Anna?«, fragte er besorgt.

Jetzt schlug die Kleine ihre Augen auf und flüsterte: »Hunger.«

Martini ergriff ihre jämmerlich dünnen Ärmchen und setzte das Kind sanft zurück in seine Bank.

»Macht keinen Unfug, ich bin gleich wieder da«, rief er in den Klassenraum, verließ die Schulstube und stürmte die Treppe hoch in sein Zimmer. Auf der Kommode fanden sich noch ein Rest Brot und ein letztes Stück Käse. Er nahm den Teller in die Hand und rannte die Treppe wieder herunter. Seine Schüler waren zwar unruhig geworden, gingen aber nicht über Tische und Bänke. Selbst zum Herumtoben fehlte vielen die Kraft.

Martini stellte den Teller vor das Kind. »Iss«, sagte er.

Die kleine Anna starrte ihn ungläubig an. Doch dann nahm sie Brot und Käse und schlang beides hinunter. Dem Schulmeister entgingen nicht die neidischen Blicke, die das essende Kind von allen Seiten trafen. Er fragte sich unwillkürlich, wie viele von seinen Schülern genauso viel Hunger hatten, ohne deswegen aus der Bank zu fallen.

Überdeutlich wurde ihm klar, dass er etwas unternehmen musste. Aber was? Der Pfarrer hatte schon alles Menschenmögliche versucht, die noch nicht vollständig ruinierten Familien im Dorf spendeten, so viel sie entbehren konnten, es gab auch noch die von mageren Zuschüssen und einem schwachen Fonds getragene Armen- und Almosenspende, mit der gelegentlich Lebensmittel- und Brennholzkäufe finanziert wurden. Aber angesichts der allgegenwärtigen Misere war das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Weit und breit war einfach kein roter Heller zu verdienen, und die letzten Reste wirtschaftlicher Substanz wurden den Winzern durch »Subhastation«, durch die unsinnigen Pfändungen, auch noch genommen. Auf diese Weise entzog der preußische Staat mit seinen Fehlentscheidungen und seiner Untätigkeit, wie Martini fand, einer ständig wachsenden Zahl an Bürgern die Lebensgrundlage. Als Folge mussten immer mehr Menschen von immer weniger Mitmenschen unterstützt werden – eine Abwärtsspirale ohne Ende. Sollten denn hier im Moseltal bis auf ein paar Reiche alle verhungern? Zerstreut brachte Martini seinen Unterricht zu Ende.

Neben der gemauerten Feuerstelle im Anbau des Schulgebäudes stand eine Terrine mit Suppe, die der gutherzige Pfarrer seinem Schulmeister geschickt hatte. Aber Martini verspürte keinerlei Appetit. Außerdem war kein einziges Scheit Feuerholz mehr da, um die Suppe aufzuwärmen. Daran hatte Pütz bei all seiner Fürsorge wohl nicht gedacht.

Plötzlich fasste Martini einen Entschluss. Er würde den Weingutbesitzer Nicolay bitten, den mageren Fonds für die Armen- und Almosenspende aufzustocken – wohl wissend, dass er damit einen schweren Gang antrat. Denn Nicolay war nicht gerade für seine Gutherzigkeit und Mildtätigkeit bekannt. Gleichwie, es musste etwas geschehen. Ohne Rücksicht auf seinen knurrenden Magen verließ Martini das Schulgebäude.

Langsam ging er die Dorfstraße entlang und erreichte die »Villa Lürsen«. So nannte man ein breites klassizistisches Gebäude, fast schon ein Herrenhaus, das der reichste Privatier des Ortes bewohnte. Da wurde über ihm auch schon ein Fenster geöffnet, und eine muntere Stimme rief quer über die Straße: »Grüß dich, ehrenwerter Schulmeister! Wohin des Wegs?«

Martini fuhr herum und erkannte seinen neuen Freund Lars Lürsen, der seit ungefähr sechs Wochen hier bei seinem wohlhabenden Onkel logierte. Lürsen war Student, wie noch vor Jahresfrist Martini selbst, bevor ein Schicksalsschlag sein Leben grundlegend verändert hatte und ihn zwang, die erstbeste Stelle als Schulmeister anzunehmen, so unattraktiv der Posten auch war. Es ging damals ums nackte Überleben. Jetzt trat der Student aus der Haustür und gab seinem Freund die Hand.

»Grüß dich Lürsen«, erwiderte Martini. »Ich bin unterwegs zu Matthias Nicolay.«

»Was willst du denn ausgerechnet von dem?«, fragte der Freund erstaunt.

Martini erzählte kurz von dem Vorfall in der Schule.

»So geht es wirklich nicht weiter«, bestätigte Lürsen. »Aber was hat das mit Nicolay zu tun?«

Martini berichtete von seinem Plan, die Finanzierung der Armen- und Almosenspende durch eine Zuwendung Nicolays auf eine breitere Basis zu stellen.

»Alle Achtung!«, rief der Student. »Nicolay um Hilfe anzugehen ist an sich schon mutig. Und dann auch noch einfach so vorbeizuschneien, ohne Vorankündigung und um die Mittagszeit … Hältst du das wirklich für klug?«

Martini dachte über seine Worte nach. Lürsens Einwände erschienen ihm stichhaltig.

»Willst du deine Idee nicht lieber vorher mit dem Pfarrer besprechen?«, fuhr der Freund fort. »Oder mit Bürgermeister Molitor? Wenn einer der beiden dich begleiten würde, könntet ihr vielleicht eher etwas ausrichten.«

Martini seufzte leise. Er wusste, dass er alles andere als ein glänzender Stratege war und zu impulsiven Handlungen neigte, die sich oft als kontraproduktiv erwiesen.

»Vielleicht hast du Recht«, murmelte er, zumal ihm gerade ein, wie er fand, berückender Gedanke kam. Wenn er in dieser Angelegenheit bei Sebastian Molitor vorsprechen musste, bekam er vielleicht Maria zu Gesicht. Sein Herz tat ein paar schnellere Schläge. Doch dann verdüsterte sich seine Stimmung wieder. Er würde seine Angebetete allenfalls ein paar Sekunden lang sehen und nicht mehr als ein paar unverbindliche Worte mit ihr wechseln können. Dennoch sagte er: »Das wäre bestimmt sinnvoller.«

Lürsen nickte. »Ich wollte dich übrigens heute Abend zu einer Bürgerversammlung nach Bernkastel schleppen.«

Martini nickte geistesabwesend.

»Dann bis nachher«, verabschiedete sich Lürsen. »Ich melde mich. Muss ja auf dem Weg in die Stadt ohnehin bei dir vorbei. Wir werden übrigens nicht die Einzigen sein. Ein ganzer Trupp ist heute Abend unterwegs. Bis dann.«

Langsam ging Martini zurück in Richtung Schulgebäude. Inzwischen plagte ihn trotz des kräftigen Frühstücks heftig der Hunger. Vielleicht konnte er ja eine seiner Nachbarinnen bitten, die Suppe für ihn aufzuwärmen. Und in einer Stunde ging der Unterricht weiter.

Da drang aus einem der niedrigen Häuser ein lauter Knall, zusammen mit einem wüsten Schrei. Die Dusemonds gehörten ebenfalls zu jenen Winzern, die jede Menge Wein im Keller, aber kaum Brot im Haus hatten. Schlug auch hier die Verzweiflung langsam in Gewalt um? Jetzt hörte er ein dünnes, weinerliches Kinderstimmchen und dann wieder das laute Organ von vorhin. »Ich kann et nit mehr hören!«, brüllte der Mann.

Martini warf unwillkürlich einen Blick durch das kleine Fenster direkt vor seinen Augen. Vor dem Küchenschrank stand ein Junge von vielleicht vier oder fünf Jahren. Er hatte die Arme hochgestreckt, als wolle er den Schrank öffnen und jammerte: »Ich han so Hunger, Mama! Gib mir doch wat!«

Martini sah, wie die Mutter verzweifelt ihren Kopf schüttelte: »Et is’ nix mehr da«, hörte er sie leise sagen.