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Examensarbeit aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike, Note: 2,0, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main (Alte Geschichte), Sprache: Deutsch, Abstract: Diese wissenschaftliche Hausarbeit untersucht die Motive des makedonischen Königs Alexander des Großen, die ihn mit seiner Thronbesteigung 336 v. Chr. und mit der Übernahme der korinthischen Hegemoniestellung in Hellas zum Zug nach Asien bewogen haben. Es ist daher unabdingbar, sich zunächst mit der Zielsetzung des Korinthischen Bundes auseinanderzusetzen, welche bereits von seinem Vater Philipp II. verkündet worden war. [...] Alexander konnte die bereits ausgesprochene Kriegserklärung gegen Persien weder zurücknehmen, ohne seine Position als Führer in Hellas zu gefährden, noch die Motive Philipps revidieren, ohne damit womöglich die Zielsetzung des Korinthischen Bundes als Vorwand zu entlarven. Daher scheint ihm zu Beginn seiner Herrschaft der vom Vater geerbte Krieg wenig Spielraum für eigene Beweggründe gelassen zu haben.[...] Dass der anfangs unsichere Verlauf des Perserkrieges im „Siegeszug durch Asien“ münden und eine neue Epoche einleiten würde, die später durch die historische Forschung als Hellenismus bezeichnet werden sollte , war mehr ein Glücksfall als ein vorauszusehendes Ereignis. [...] Alexander fasste seinen Entschluss, die Herrschaft über Asien zu erreichen, erst im Laufe seines Feldzuges und nachdem er Dareios zum ersten Mal in die Flucht geschlagen hatte . Die neuen Beweggründe Alexanders, welche sich mit der Übernahme der persischen Herrschaft ergaben, schienen den zuvor erklärten Rachekrieg ins Gegenteil zu verkehren und erweckten den Anschein, als hätte der makedonische König sich die Sympathie der Griechen mit seiner ursprünglichen Motivation lediglich erschlichen. Es scheint daher „methodisch sicher richtig, daß [sic!] man Alexander nicht einfach als Erben eines bereits beschlossenen Unternehmens […] ansieht, sondern bei ihm von neuem die Frage nach den Gründen stellt.“ Um nicht Gefahr zu laufen Ursachen, Vorwände und Anfänge des Asienzuges miteinander zu vermengen, wird bei dieser Analyse nach Beweggründen des makedonischen Königs Alexander III. gesucht, welche dem Kriegsentschluss und den militärischen Interventionen vorausgingen . Ein spezielles Augenmerk liegt dabei darauf, die Rolle der politischen Propaganda des Königs und der antiken Geschichtsschreibung der griechisch-lateinischen Autoren der Antike zu untersuchen.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Motive für den Perserkrieg
2.1 Motive für den Perserkrieg unter Philipp II.
2.2 Hintergrund des Kriegsmotivs Befreiung
2.3 Friedensbündnis und Korinthischer Bund
2.4 Hintergründe des Kriegsmotivs Rache
2.4.1 Zerstörung der griechischem Heiligtümer durch Xerxes
2.4.2 Religiöse Legitimation des Rachekriegs
2.4.3 Konstruierte Identität und gemeinsame Rechts- und Moralvorstellungen
2.4.4 Mythische Dimension eines panhellenischen Feldzuges unter Alexander
2.4.5 Feindschaft zwischen Griechen und Persern
3. Kritische Betrachtung der propagierten Kriegsmotive Rache und Befreiung
3.1 Alexander und die antike Geschichtsschreibung
3.2 Erklärungsmodell des Polybios zur Analyse und Kritik der Kriegsmotive
3.2.1 Unterscheidung zwischen Anfängen, Ursachen und Vorwänden nach Polybios
3.2.2 Ergebnisse der Analyse der Kriegsursachen des Perserfeldzuges nach Polybios
3.2.3 Zur Bewertung der von Polybios angegebenen Kriegsursachen
4. Zur Bewertung der Kriegsmotive Rache und Befreiung
4.1 Motiv der Befreiung als Vorwand
4.1.1 Geringe Bereitschaft der Griechen zu einem Perserkrieg
4.1.2 Eroberungskrieg in Kleinasien
4.2 Motiv der Rache - ein Vorwand?
4.2.1 Alexanders Flucht nach vorn
4.2.2 Schock nach dem Fall Thebens
4.2.3 Alexanders Abhängigkeit von Griechenland
4.2.4 Brand von Persepolis
4.2.5 Nachfolge der Achaimeniden
4.3 Pothos als Motiv
4.3.1 Alexanders Antrieb
4.3.2 Alexanders Ehrgeiz und die damit verbundene Motivation
5. Fazit
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
Diese wissenschaftliche Hausarbeit untersucht die Motive[1] des makedonischen Königs Alexander des Großen, die ihn mit seiner Thronbesteigung 336 v. Chr. und mit der Übernahme der korinthischen Hegemoniestellung in Hellas[2] zum Zug nach Asien bewogen haben. Es ist daher unabdingbar, sich zunächst mit der Zielsetzung des Korinthischen Bundes auseinanderzusetzen, welche bereits von seinem Vater Philipp II. verkündet worden war. Denn auch wenn sich im Laufe des Perserkrieges wesentliche Unterschiede zwischen Philipps und Alexanders Plänen ergaben[3] , ist die Frage nach den Motiven Alexanders für den Perserzug zunächst unmittelbar mit Philipp verbunden, welcher nicht nur den Krieg im Namen aller Griechen verkündet hatte, sondern auch für die Rolle Alexanders als Hegemon und Führer der Hellenen gegen das persische Reich maßgeblich war[4]. Als Philipp 337/6 v. Chr. den Krieg gegen Persien erklärte, rechtfertigte er ein gemeinsames Vorgehen der Griechen mit der Rachenahme für die Zerstörung der griechischen Heiligtümer durch Xerxes und sendete ein Heer nach Kleinasien, um dort die hellenischen Städte von der persischen Herrschaft zu befreien[5]. Alexander konnte die bereits ausgesprochene Kriegserklärung gegen Persien weder zurücknehmen, ohne seine Position als Führer in Hellas zu gefährden, noch die Motive Philipps revidieren, ohne damit womöglich die Zielsetzung des Korinthischen Bundes als Vorwand zu entlarven[6]. Daher scheint ihm zu Beginn seiner Herrschaft der vom Vater geerbte[7] Krieg wenig Spielraum für eigene Beweggründe gelassen zu haben. Selbst wenn diese bereits vorhanden waren, schweigen die erhaltenen Quellen darüber und vermitteln eher das Bild, Alexander habe jede Möglichkeit wahrgenommen, um den Perserzug als panhellenischen Rachekrieg zu inszenieren [8]. Alexanders erste persönliche Äußerung über die Motivation des Krieges, die von Philipps Zielsetzung abweicht, findet sich erst während der Verhandlungen mit Dareios und damit zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die Position Alexanders auf einen Schlag verbesserte und nicht mehr der Ausgangsbedingung des Feldzuges entsprach. Dass Alexander beim Antritt seines Erbes die Herrschaft über Asien als erfüllbar bzw. vor den Augen der griechischen Öffentlichkeit [9] als vertretbar angesehen hätte[10], kann durchaus bezweifelt werden. Denn bis zu seinem ersten militärischen Erfolg in Asien schien es mehr als unwahrscheinlich, dass Alexander überhaupt einen Sieg gegen die Perser erringen könnte, geschweige denn die Ziele, die sein Vater in Korinth vorgegeben hatte, zu erfüllen vermochte[11]. Dass der anfangs unsichere Verlauf des Perserkrieges im „Siegeszug durch Asien“ [12] münden und eine neue Epoche einleiten würde, die später durch die historische Forschung als Hellenismus bezeichnet werden sollte[13], war mehr ein Glücksfall[14] als ein vorauszusehendes Ereignis. Dabei sollte der Zug Alexanders bis tief in das persische Reich nicht als selbstverständlich verstanden werden, hatte es doch den Hellenen bislang eher fern gelegen, sich jenseits ihrer relativ abgeschlossenen Welt zu bewegen bzw. dorthin vorzustoßen[15], ganz abgesehen von den nahezu unlösbaren Schwierigkeiten, die ein Heer bei einem solchen Kriegszug zu erwarten hätte[16]. Alexander fasste seinen Entschluss, die Herrschaft über Asien zu erreichen, erst im Laufe seines Feldzuges und nachdem er Dareios zum ersten Mal in die Flucht geschlagen hatte[17]. Die neuen Beweggründe[18] Alexanders, welche sich mit der Übernahme der persischen Herrschaft ergaben, schienen den zuvor erklärten Rachekrieg ins Gegenteil zu verkehren[19] und erweckten den Anschein, als hätte der makedonische König sich die Sympathie der Griechen[20] mit seiner ursprünglichen Motivation lediglich erschlichen. Es scheint daher „methodisch sicher richtig, daß [sic!] man Alexander nicht einfach als Erben eines bereits beschlossenen Unternehmens [...] ansieht, sondern bei ihm von neuem die Frage nach den Gründen stellt. “ [21] Um nicht Gefahr zu laufen Ursachen, Vorwände und Anfänge des Asienzuges miteinander zu vermengen, wird bei dieser Analyse nach Beweggründen des makedonischen Königs Alexander III. gesucht, welche dem Kriegsentschluss und den militärischen Interventionen vorausgingen[22][23]. Ein spezielles Augenmerk liegt dabei darauf, die Rolle der politischen Propaganda des Königs und der antiken Geschichtsschreibung der griechisch-lateinischen Autoren der Antike zu untersuchen. Da eine kritische Analyse der Beweggründe in den erhaltenen Sekundärquellen fehlt und der Fokus dort primär auf den glücklichen Ausgang des Asienfeldzuges gelegt wird, scheint eine genauere Untersuchung der propagierten Kriegsmotive Rache und Befreiung notwendig. Unhinterfragt und unkritisch wirken diese Motive auf zahlreiche antike und moderne Historiker wie ein selbstloser panhellenischer Akt mit der Zielsetzung, die religiöse Frevelhaftigkeit der Perser zu rächen und dabei die hellenischen Einigkeit zu fördern. Die kritische Betrachtung der Motive Rache und Befreiung führt hingegen oft zur Annahme, es handle sich bei diesen Beweggründen um einen Vorwand, der die eigentlichen Ziele - ein Eroberungskrieg in Asien mit derBeteiligung der griechischen Bundesgenossen - verschleiern sollte[24]. Denn besonders beliebt war ein Krieg gegen Persien nicht[25]. Umso wichtiger scheint es daher für Alexander gewesen zu sein, den Feldzug im panhellenischen Licht erscheinen zu lassen [26]. Dies hatte bereits das Misstrauen einiger antiker Autoren geweckt und förderte die Zweifel an den verkündeten Motiven des Perserzuges[27]. Obwohl die Unterscheidung zwischen Kriegsursachen und propagierten Vorwänden und die Analyse der Anlässe und Anfänge eines Krieges die historische Forschung im starken Maße beschäftigen, kritisiert Seibert im Bezug auf die Motivation des Perserzuges Alexanders zurecht, dass diese Thematik hier vernachlässigt worden wäre[28]. Seibert schlägt zur differenzierten Untersuchung der Kriegsmotive das antike Modell der Kriegsursachen von Polybios vor, welches zusätzliche Beweggründe ins Spiel bringt, die jenseits der Motive Rache und Befreiung liegen[29]. Mit einer Unterscheidung zwischen Ursachen, Vorwänden und Anlässen des Perserkrieges schärft sich der Blick auf die Motive Alexanders, wobei nicht vorausgesetzt werden soll, dass Polybios mit seiner Analyse immer Recht behält, sondern hierin soll ein analytisches Werkzeug zur Untersuchung der propagierten Beweggründe gesehen werden.
Die vorliegende Arbeit widmet sich daher zunächst einer genaueren Untersuchung der Kriegsmotive Alexanders, wie sie bereits von Philipp verkündet worden waren. Dabei soll der spezifische Hintergrund beleuchtet werden, welcher den Motiven Rache und Befreiung zur ihrer Akzeptanz und Gültigkeit verholfen hat, denn für die antike Welt war es von entscheidender Bedeutung, dass ein Krieg in „gerechtfertigter Weise begonnen“ [30]wurde. Philipp und Alexander mussten ihr Handeln rechtfertigen, um den Ansprüchen eines panhellenischen Feldzuges gerecht zu werden. Dies konnte nur im Einklang mit etablierten Wertvorstellungen der griechischen Welt geschehen. Eine Verbindung von Religion, Recht und Herrschaft verdeutlicht dabei den Rahmen, in welchem sich die makedonischen Könige mit ihrer Kriegsbegründung bewegen konnten. Nur so konnte der Perserzug mit Unterstützung der griechischen Bundesgenossen geführt werden. Ob es sich bei den Rechtfertigungen um Vorwände handelte, die Mitglieder des Korinthischen Bundes zu einem gemeinsamen Feldzug zu bewegen, und welche anderen Absichten hinter einen panhellenischen Rache- und Befreiungskrieg gestanden haben könnten, soll im Anschluss daran erörtert werden.
Die vor den Griechen in Korinth[31] vertretenen Kriegsmotive für den Beginn des Perserzuges lassen sich nur verstehen, wenn man die Vorraussetzungen berücksichtigt, welche Alexander bei seiner Machtübernahme nach dem Tod von Philipp II. vorgefunden hat. Denn sein Vater Philipp von Makedonien hinterließ ihm nicht nur den makedonischen Königstitel, sondern auch die Hegemoniestellung im Korinthischen Bund und die damit verbundene Zielsetzung des Perserkrieges [32].
Der Aufstieg Makedoniens zur führenden Macht in Griechenland begann unter der Herrschaft Philipps, welcher selbst einige Jahre in Griechenland verweilte und hellenische Erziehung und Bildung genossen hatte [33]. Als er 359 v. Chr. seine 24 Jahre währende Königsherrschaft antrat, rechnete niemand damit, dass er unter den äußerst schlechten Ausgangsbedingungen das Werk vollbringen würde, Makedonien zur mächtigsten „Herrschaft in Europa“ [34] zu führen[35]. Denn er hat das bäuerliche Volk der Makedonen an das urbane Leben nach griechischem Vorbild gewöhnt und die Machtkämpfe innerhalb Makedoniens und nach außen siegreich beigelegt[36]. Der von ihm eröffnete Zugang zum Meer und die Einführung der hellenischen Kultur schufen die Basis für das neue Weltreich. Obwohl er und seine Landsleute auf Grund ihrer rückständigen Kultur und Lebensweise nie von den „Hellenen als kulturell gleichberechtigt anerkannt worden“ [37] waren, erschütterte er durch seine Erfolge die griechische Welt und brachte so manchen Gegner zur „Ratlosigkeit “ [38] und zum „ Schweigen “ [39] . Philipp erreichte dies zum einen durch seine ausgeklügelten diplomatischen Fähigkeiten - vor allem charakterisiert durch zahlreiche Bündnisse und Bestechungen[40], zum anderen durch die von ihm geschaffene schlagkräftige makedonische Armee. Als vorderster Kämpfer führte er sein Heer an und verstand es dabei auch, notwendige Reformen im Heeresverband durchzusetzen. Indem er die Waffen der Phalanx verbesserte - die Speere wurden erheblich verlängert und die Schilde verkleinert - und verschiedene Fußtruppen mit der Reiterei mischte, schuf er eine nahezu unbezwingbare und routinierte Kampftruppe, welcher keine andere Bürgermiliz der Griechen gewachsen war [41]. Seine Neuerungen betrafen auch die Reihen der Hofaristokratie. Er gliederte erfolgreich Nicht-Makedonen in sein Umfeld ein und verband sich so mit den vormals verfeindeten aristokratischen Anführern der jeweiligen Reichsteile[42]. Die verbesserte Infrastruktur und das aufblühende Städtewesen steigerten zusätzlich den ökonomisches Zugewinn und das Prestige Makedoniens im gesamten griechischen Raum[43]. Es wäre jedoch verfehlt zu behaupten, dass sich Philipp in Griechenland weitgehend großer Beliebtheit erfreut hätte. So berichtet Plutarch, dass Demosthenes seine politische Karriere nur begann, um Griechenland gegen den makedonischen König aufzubringen und um „die Rechte der Griechen gegen Philippos“ [44] zu verteidigen. Denn die aufstrebende Macht Makedoniens wurde in Hellas als bedrohliche Tyrannei empfunden[45]. Sah man doch vor allem die Bemühungen Philipps, Athen vom restlichen Griechenland zu isolieren und seine Macht in Hellas weiter auszubauen[46]. Der Einmarsch der Makedonen in Mittelgriechenland und die erfolglosen Versuche ihn zu verhindern, machten die Ohmmacht der hellenischenVerbündeten gegen Philipps schlagkräftige Armee deutlich[47] . Da Philipp nun die Unterwerfung des restlichen Griechenlands unter seine Hegemonie forderte und Richtung Attika marschierte, war ein Krieg mit Athen und seinen Verbündeten geradezu unausweichlich [48]. Der Redner Demosthenes vermochte es nach Plutarch und Diodor, Theben auf die Seite Athens zu bringen und so die Streitmacht des Hellenbundes erheblich zu vergrößern[49]. Obwohl sich beide Parteien - der antimakedonische Hellenbund unter der Führung Athens und Thebens und die Bündnispartner Philipps - ihrer Sache sicher waren, schaffte es Philipp, die Feldschlacht in Chaironeia für sich zu entscheiden und „die Freiheit Griechenlands“ [50] zu beenden[51]. Phillip erlangte so nach der erfolgreichen Unterwerfung die Führung in ganz Hellas, jedoch vermochte er es nicht, jegliche Opposition auszuschalten, sondern er konnte diese nur unterdrücken[52]. Mit Bedacht auf sein weiteres Vorhaben[53] eines gemeinsamen Feldzuges gegen Persien war er jedoch kühn genug, den Sieg „schlauerweise im Verborgenen“ [54] zu halten. Denn er sah sich gezwungen, seine ehemaligen Gegner - vor allem Athen[55] - nicht zu kränken, sondern holte sie zu gemeinsamen Friedensverhandlungen an einen Tisch und vereinbarte den Allgemeinen Frieden (Koine Eirene)[56]. Philipp zerschlug den Hellenenbund und trieb durch die Ungleichbehandlung der beiden führenden Poleis Theben und Athen - zu Lasten Thebens - einen Keil zwischen beide Städte. Weiterhin sorgte er dafür, dass brennende Grenzfragen zu seinen Gunsten gelöst wurden und schuf durch die neue territoriale Machtverteilung ein annäherndes Gleichgewicht zwischen den übrigen hellenischen Poleis. Nachdem der Attische Seebund von Philipp aufgelöst und Teile Griechenlands besetzt worden waren oder zumindest eine makedonienfreundlich gesonnene Verwaltung erhalten hatten [57], rief er die Hellenen zwecks der neuen Friedens- und Bündnisvereinbarungen nach Korinth und verkündete den neuen korinthischen Bundesgenossen den Kriegsplan gegen Persien [58]. Philipp erklärte 337/6 in Korinth, „daß [sic!] er den Krieg gegen die Perser im Namen aller Griechen eröffnen und Rache für die Entweihung ihrer Heiligtümer nehmen wolle, wodurch er sich die Ergebenheit der Griechen zu versichern verstand. “[59]
Die erste Kriegshandlung stellte die Entsendung eines Heeres nach Asien dar mit dem Auftrag, die Griechen dort vom Joch der persischen Herrschaft zu befreien[60]. Somit waren die Motive des Perserzuges bekannt; diese waren nach Philipp die Rache für die Zerstörung der griechischen Heiligtümer und faktisch die Befreiung der Griechen in Kleinasien. Jedoch hatte Philipp selbst keine Möglichkeit mehr, dies in die Tat umzusetzen, denn er wurde zuvor ermordet[61]. Sein Sohn Alexander III. ließ keinen Zweifel daran[62], dass er nicht nur die makedonische Königsherrschaft übernehmen wollte, sondern dass er auch die hegemoniale Führung im Krieg gegen Persien beanspruchte[63]. Philipps Krieg gegen Persien wurde von Alexander übernommen[64] mit der Bestätigung seiner Stellung als Strategos Autokrator durch den Korinthischen Bund[65].
Das Kriegsmotiv Befreiung spielte im Zusammenhang mit der Agitation griechischer Bündner seit jeher eine wichtige Rolle[66]. Mit dem Begriff der Freiheit war im antiken Griechenland die Autorität und Souveränität einer Stadt verbunden, die ohne den Einfluss einer fremden Macht ihre inneren und äußeren Angelegenheiten regeln konnte[67]. Nach der erfolgreichen Abwehr der Perser im 5. Jh. v. Chr. rechtfertigten die Athener mit der Parole Freiheit für die Griechen ihre Außenpolitik. Ebenso setzten die Spartaner und ihre Verbündeten im Peleponnesischen Krieg gegen Athen auf ihre Agenda, Freiheit für die Griechen erreichen zu wollen[68]. Der Kampf für die Autonomie der Griechen - speziell in Kleinasien - hatte eine lange Tradition, die nach dem Geschichtsschreiber Herodot bis in das 6. Jh. v. Chr. reicht. Folgt man seinen Aufzeichnungen, so wurde das Bestreben nach Freiheit der Griechen in Kleinasien durch die Herrschaft des Krösus ausgelöst. Denn nach Herodot waren „vor der Herrschaft dieses Krösus [...] alle Hellenen frei. ‘[69] Die „Knechtschaft“[70], welche den Bewohner Kleinasiens zuerst von den Lydern auferlegt wurde, führte zum Widerstand der Ionier, jedoch ohne Erfolg [71]. Der persische Herrscher Kyros errichtete im Folgenden zum zweiten Male eine Hegemonie in Kleinasien und sicherte die Vorherrschaft Persiens mit einem Friedensabkommen [72]. Mehre Male appellierten die Ionier an die „Blutsverwandtschaft“ [73] aller Griechen und ersuchten um Hilfe gegen die Besatzer. Sie stellten dabei den Griechen leichte Beute und die Herrschaft über Asien in Aussicht [74]. Jedoch konnten sich kurze Zeit nach dem Ionischen Aufstand um das Jahr 500 v. Chr. die Perser erneut in Kleinasien durchsetzen [75] . Der Widerstand der Ionier verfolgte abermals das Ziel, die Freiheit und Autonomie der Griechen zurückzugewinnen, welche seit Krösus den Hellenen in Kleinasien verweigert wurde. Bei den Ioniern handelte es sich um verschiedene griechische Kolonien an der Westküste Kleinasiens, welche ihren Ursprung auf Athen zurückführten und daher Unterstützung von ihrer Metropolis gegen die Hegemonie der Perser forderten[76]. Im vierten Jh. v. Chr. war der Gedanke weit verbreitet, dass Athen der Ausgangspunkt für sämtliche Kolonisationsbewegungen war. Dass Athen die Mutterstadt der Ionier sei, wurde vor allem im Zusammenhang mit politischer Kriegspropaganda hervorgehoben [77]. So behauptet Isokrates: „Die meisten Güter aber verdankt die Menschheit unserer Polis allein. “ [78] Neben der politischen Verfassung, der Kultur und dem Wohlstand, welche die Athener den Kolonien in Kleinasien schenkten, hätten sie auch die Gewaltherrschaft und die Unterdrückung beseitigt und damit die Autonomiebestrebungen der Apoikien gefördert[79]. Diese propagandistische und idealisierende Darstellung ist zum einen eine Vermengung und Übertragung von Erfahrungen der griechischen Apoikienbewegungen des 5. Jahrhunderts und früherer Kolonisationsbewegungen und stellt weiterhin ein Paradebeispiel für die Beanspruchung der Führungsrolle durch Athen im griechischen Kernland dar[80]. All dies diente Isokrates, um herauszustellen, dass seine Polis Athen die kulturelle Verbundenheit gepflegt und die Griechen seit jeher gegen äußere Feinde - die Barbaren - verteidigt hat [81]. Ebenfalls arbeitet er den Unterschied zwischen Athen und Sparta heraus, denn nach Isokrates haben die Lakedaimonier selbst vor griechischen Poleis nicht halt gemacht, während die Athener sich um die Freiheit und Belange aller Griechenstädte gekümmert hätten [82]. Dies zeigt, dass das Befreiermotiv im Kontext der Außenpolitik durchaus Anwendung bei den Griechen fand und auch eine kriegerische Intervention rechtfertigte[83]. Beim Perserzug Philipps und Alexanders wurde dieser Beweggrund erneut aufgegriffen und führte oftmals zu der verbreiteten Ansicht, dass beide makedonischen Könige auszogen[84], um die während des Korinthischen Krieges wieder an Persien gefallenen Gebiete Kleinasiens zu befreien [85]. Der Antalkidas- oder Königsfriede von 387/86 unterstrich nämlich:
„dass die Städte in Asien ihm [Artaxerxes II., Anm. d. Verf.] gehören und von den Inseln Klazomenai und Kypros, und dass die übrigen griechischen Städte, kleine wie große, in Unabhängigkeit gelassen werden, ausgenommen Lemnos, Imbros und Skyros; diese sollen wie in der Vergangenheit den Athenern gehören. Wer aber diese Friedensbedingungen nicht annehmen will, gegen den werde ich [Artaxerxes, Anm. d. Verf.] Krieg führen mit denen zusammen, die diesen Frieden wollen, zu Lande und zu Wasser, mit meiner Flotte und meinem Gelde. “[86]
