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Beschreibung

Der Lindwurm, Wolpertinger, eine Isarnixe: seltsame Gestalten, die München bevölkern und von den meisten unbemerkt in den Sagen weiterleben. Der Alte Peter, der Schöne Turm, das Fausttürmchen: Münchner Orte, um die sich wundersame Legenden ranken. Franz von Stuck, der heilige Onuphrius, Studenten der Kunstakademie: historische Persönlichkeiten, deren Geschichten vergessen oder nie erzählt wurden. 20 Münchner Autorinnen und Autoren begeben sich auf eine Reise in die Vergangenheit, die Gegenwart und die ferne Zukunft. Dabei kommen sie spannenden, lustigen, tragischen und verstörenden Mythen auf die Spur.

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Lindwurm, Wolpertinger, Isarnixe – seltsame Gestalten, die München bevölkern und von den meisten unbemerkt in den Sagen weiterleben. Der Alte Peter, der Schöne Turm, das Fausttürmchen – Münchner Orte, um die sich wundersame Legenden ranken.

Franz von Stuck, der heilige Onuphrius, Studenten der Kunstakademie – historische Persönlichkeiten, deren Geschichten vergessen oder nie erzählt wurden.

Zwanzig Münchner Autor:innen begeben sich auf eine Reise in die Vergangenheit, die Gegenwart und die ferne Zukunft. Dabei kommen sie spannenden, lustigen, tragischen und verstörenden Mythen auf die Spur.

Münchner Schreiberlinge

Die Münchner Schreiberlinge sind eine Gruppe freier Autor:innen in und um München. Kennengelernt haben wir uns in Schreibkursen, Leserunden, Buchveranstaltungen und treffen uns seit Anfang 2017 regelmäßig einmal die Woche zum gemeinsamen Austausch, Schreiben und Lesen.

Einige von uns haben bereits Bücher veröffentlicht, andere schreiben nur für sich und genauso vielfältig wie wir sind auch unsere Texte und Genres. Über Zuwachs freuen wir uns immer! www.muenchner-schreiberlinge.de

Die Erlöse dieser Anthologie

unterstützen den KulturRaum München e.V.Kultur ist Nahrung für die Seele. Kultur schafft Zugehörigkeit. Kultur ist der Schlüssel zu einer gelungenen Inklusion in die Gesellschaft. Wir von KulturRaum München wollen, dass Kultur für alle Menschen in München zugänglich ist. Deshalb vermitteln wir gespendete Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen kostenlos an Menschen mit geringem Einkommen. Zusätzlich zur Kartenvermittlung engagieren wir uns mit verschiedenen Projekten für mehr kulturelle Teilhabe für Alle in München. Einfach. Kultur für alle. www.kulturraum-muenchen.de

Dieses Buch enthält Inhaltswarnungen / Content Notices zu den einzelnen Geschichten auf der letzten Seite gegenüber der Deckel-Innenseite.

Siehe auch: www.muenchner-schreiberlinge.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Stefanie Hasler

Von der Hasenplage im Münchner Norden

Martin Anderfeldt

Die Stille

Regine Wegner

Die Münchner Baustellen-Saga

Corinna-Rosa Falkenberg

Die Eskimotragödie

Sarah Malhus

Der Spiegelmörder

Roxane Bicker

Reliquien

Jo Romic

Das Erbe von Aratho

Dani Aquitaine

Die letzte Hexe

Sabrina Hiebl

Cassandra und die drei Schwestern

Matthias Sebastian Biehl

Urteile

Marie Wilhelmsen

Bryanna

Lidia Kozlova-Benkard

Der Lindwurm

Matthias Rothe

Das Geheimnis des Lindwurms

Peter Teschke

Zeitreise

Mario C. G. Juhnke

Die Flüsterecke

Andrea Wojtkowiak

Der Brezenreiter

Nelly Altmeyer

Die Isarnixe

Karen Metz

Des Goldschmieds Verhängnis

Michaela Thomson

Urteile nie zu schnell

Peter Krall

Die Unschuld des Franz von Stuck

Danksagung

Die Autor:innen

Vorwort

Seit drei Jahren treffen sich bei den Münchner Schreiberlingen regelmäßig Autor:innen – zum Ratschen, Austauschen, aber natürlich auch zum gemeinsamen Schreiben. So entstand aus der Gruppe heraus der Wunsch nach einem eigenen Projekt – einer gemeinsamen Anthologie.

Das Thema war schnell gefunden: München, Weltstadt mit Herz, Stadt der Sagen und Legenden, die neu erzählt und interpretiert werden sollten. Zur Inspiration gab es eine gemeinsame Stadtführung, die uns den Mythen auf die Spur brachte. Weitere thematische Vorgaben wurden nicht gemacht – so finden sich manche Legenden mehrfach, aber vollkommen unterschiedlich! Und auch der Blick über die Stadtgrenze Münchens hinaus wurde gewagt.

So versammelt sich in dieser Anthologie eine Vielfalt unterschiedlicher Texte und eine ganze Reihe Erstveröffentlichungen! Wir wünschen viel Spaß mit der Lektüre und der Reise in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Natürlich freuen wir uns immer über Rückmeldungen zu unseren Geschichten.

Damit auch andere von diesem Buch profitieren, sei herausgehoben, dass alle Beteiligten unentgeltlich gearbeitet haben und die Erlöse aus dem Verkauf dieses Buches dem Verein KulturRaum München e.V. zugutekommen.

Sicher hat jeder schon einmal vom Wolpertinger gehört, diesem urbayerischen Fabelwesen, das sich aus unterschiedlichen Tieren zusammensetzt. Was wäre, wenn es die Wolpertinger noch heute gäbe oder wenn sie eine ganz entscheidende Rolle bei Ereignissen der bayerischen Geschichte gespielt hätten?

Stefanie Hasler

Von der Hasenplage im Münchner Norden

Der Münchner Norden, das sieht jeder, der mal zwischen Allianz-Arena und Feldmoching unterwegs war, ist quasi überschwemmt von Hasen. Sogar am Flughafen müssen’s immer wieder die Viecher umbringen, damit sie nicht in die Triebwerke geraten.

Mir täten da ein paar Worte einfallen für die Leute, die sowas anordnen. Keins davon ist nett.

Aber gut, ich bin auch einer von den Betroffenen. Also nicht einer von den Flugzeugpiloten, nicht dass da der falsche Eindruck entsteht. Einer von den Hasen.

Genauer gesagt, stimmt das so auch nicht ganz. Ich bin nämlich kein Hase nicht. Ich bin ein Wolpertinger. Es gibt zwischen mir und einem, sagen wir einmal, Standard-Feldhasen, doch gewisse Unterschiede, anatomisch gesehen. Zum Beispiel haben Hasen kein Geweih. Ich bin mir relativ sicher, dass Hasen auch keine Flügel haben, nicht mal so kleine, quasi dekorative, wie ein paar von meinen Verwandten. Außerdem hab ich noch einen wundervollen, riesigen, prächtigst grünen Schwanz. Also quasi wie bei einem Huhn. Nicht, dass ich ein Huhn bin deswegen. Der Rest von mir hat immerhin, wie ich meine, das schönste, weichste Fell, das du finden kannst. In einem traumhaften Braun, das weder dunkel noch hell ist, und sehr mit meinem Geweih harmoniert. Jedes Mal, wenn ich einen Spiegel finde, bin ich aufs Neue entzückt und kann’s gar nicht lassen, mich zu betrachten.

Ich schätze, dass es Hasen auch ein bisschen egaler ist, wie sie aussehen, als dem durchschnittlichen Wolpertinger. Nicht, dass man mich erkennen könnte. Für den normalen Münchner, gerne auch Isarpreiß genannt, sehen wir aus wie Hasen. Das verdanken wir einem netten Feenwesen, oder, wie der Bayer zu sagen pflegt, einem Deifi aus dem neunzehnten Jahrhundert. Davor sind wir gejagt und ausgestellt worden. In vielen Almen kann man meine toten Vorfahren noch heute bestaunen, ausgestopft und an die Wand gehängt. Barbarisch, diese Menschen.

Naja, dank dem Zauber sehen wir halt aus wie Hasen, und wir konnten uns deswegen relativ gut mit den Menschen arrangieren. Natürlich, ohne dass die davon was mitkriegen. Aber wenn sie was davon mitkriegen, dass wir keine Hasen sind, dann sehen sie uns so, wie wir halt sind. Quasi wie beim Pumuckl, bloß dass Kleber bei uns egal ist. Und dann können sie uns wieder jagen. Uns, die wir eh fast ausgestorben sind.

Ist nicht so, dass wir uns so stark vermehren können. Dass wir darauf mal Lust haben, ist selten. Auch das ist bei den Hasen irgendwie anders.

Deswegen ist das mit den Fallen auch so blöd. Weil, nicht alle Wolpertinger sind so schlau wie ich. Ein paar, wie der Alois, sind sogar strunzdumm. Also, der Alois könnte auch ein Hase sein, so dumm wie der ist. Nur noch verfressener. Der wär schon zweimal fast in so eine Falle reingerannt, und wie erklärst du das dem Kammerjäger, äh, Ungezieferbeseitiger, äh, Landschaftspfleger, wenn der Hase, der in seiner Falle liegt, auf einmal ein Geweih oder Federn, oder halt, wie der Alois, genau ein Horn hat?

Der Spruch, der uns schützt, wirkt nämlich nur, wenn wir leben. Und das ist mit den ganzen SUVs auf der Straße gar nicht immer so leicht. Und den Fallen, natürlich.

Neulich hatten wir so eine Situation, wo das ganze fast schief gegangen wär. Ich mein’, wir haben es so schon nicht leicht, wenn man das alles so bedenkt. Und dann haben ein paar von uns ein Pech, das wirkt, als hätt’s der liebe Gott echt schlecht mit uns gemeint. Der Alois zum Beispiel. Der ist in eine Lebendfalle gerannt. Das war so der Anfang.

Lebendfallen. Ganz toll, sollte man denken. Muss keiner sterben, kommt man leicht wieder raus, scharfe Zähne und alles, und ein paar von uns können ja auch ein bisschen zaubern. Bloß dass Zauber nicht auf Metall wirken und die Lebendfallen heutzutage alle aus rostfreiem Edelstahl, made in China, sind.

Und dann sitzt der Alois, der alte Gierschlund, in seinem Edelstahlkäfig und hat erstmal zehn Minuten nix besseres zu tun, als gemütlich die Möhre zu naschen, wegen der er in der Situation gewesen ist. Weiß wahrscheinlich gar nicht, dass er in einer Falle sitzt. Ich mein’, die Stäbe von den Dingern, die glänzen so toll, da kann man quasi sein Spiegelbild sehen, und dass man da abgelenkt wird, das ist schon verständlich.

Wie die Möhre dann weg ist, fällt ihm auf, dass er nicht mehr rauskommt aus dem Käfig. Und dann ist der Alois verunsichert. Soll er jetzt um Hilfe rufen, oder soll er still da sitzen bleiben, bis wer kommt? Und wenn wer kommt, soll er sich einfach so verhalten, als ob er ein Hase wäre? Bloß, wie verhält sich so ein Hase denn, wenn er in einer Falle hockt? Der Alois hat die Hasen immer nur so am Rande wahr genommen, wie sie auf der Wiese rumgehüpft sind, und nicht in irgendwelchen Fallen. Also verstellen wohl eher schwierig.

Aber was dann? Was passiert denn so mit Hasen, die in diese Fallen geraten? Warum werden die überhaupt lebendig gefangen? Ich mein’, dass die wieder ausgesetzt werden, das glaubt ja nicht mal der Alois. Also was machen sie mit denen? Den Weißkitteln geben für Tierversuche? In den Zoo geben und den Löwen verfüttern? Oder dann doch, wie sagt man, euthanasieren, aber weniger qualvoll als mit anderen Fallen?

Naja, das sind ein Haufen Überlegungen, die der Alois da anstellt in dem Käfig. Und da, wie wir ja schon wissen, der Alois nicht der Schnellste ist, braucht der natürlich seine Zeit für Überlegungen. Und derweil spring’ ich draußen rum und frag’ mich, wo er denn schon wieder steckt, der Depp. Warum ich? Naja, gut, der Alois ist mein Bruder. Da muss man schon ein bisschen aufpassen, fürsorgepflichtmäßig. Auch wenn er sich wirklich manchmal deppert anstellt. Aber dafür kann keiner was, am wenigsten der Alois.

Na, und wie er da sitzt, da kommt so ein Madl daher. Also, eine junge Frau, eher. So mit Outdoorjacke, Jeans und Lederstiefeln, passend angezogen fürs Feld. Vermutlich schaut sie auch für Menschen nicht schlecht aus, mit der frechen Stupsnase und dem hellbraunen Pferdeschwanz, und die Figur war auch ganz ordentlich. Also, für einen Menschen. Bückt sich runter zum Käfig mit dem Alois drin, sagt irgendwas, und hebt den Käfig auf.

Und ich, der ich sie schon bisschen länger angeschaut hab’, wie sie da übers Feld geht und sich immer wieder bückt und in die Fallen reinschaut, fall fast tot um vor Schreck. In dem Moment seh’ ich nämlich den Alois zum ersten Mal. Natürlich nicht zum allerersten Mal. Aber zum ersten Mal in der Falle. Und wie sie ihn so hochhebt und ächzt, weil wiegen tut der schon was, der Alois, da schaut der Alois sie an und kriegt Panik. Und will da raus.

Der Alois kann nicht fliegen, also wirft der sich gegen die Gitterstäbe, ganz wild, und reißt ihr damit den Käfig fast aus der Hand. Leider nur fast, weil sie muss damit schon irgendwie gerechnet haben, sie hält den Käfig fest und schaut dem Alois in die Augen. Und dann sagt sie: »Ganz ruhig, du Dicker! Dir passiert doch nix.«

Und dann wird der Alois ganz ruhig. Nicht weil er ihr glaubt, nein. Der Alois ist beleidigt, weil Dicker, so dürfen ihn nicht mal seine ganz engen Freunde nennen. Weil er hat ja schon ein Problem mit seinem Gewicht – wie gesagt, verfressen – aber zugeben will er es auch nicht. Nur wurmt es ihn halt, wenn er nicht mehr ganz so schnell rennen kann wie wir leichteren Kaliber, und auch nicht fliegen und sogar die Hasen schneller sind als er. Also dreht er sich ganz demonstrativ um in seinem Käfig, und streckt dem Madl seinen Hintern hin, und setzt sich hin.

Und was tut sie? Grinsen tut sie, die Frau, und packt den Käfig am Griff und schleppt ihn weg.

Woraufhin dem Alois wieder einfällt, was er da eigentlich tut, in dem Käfig hockend, und dass das eigentlich nicht so gut ist für ihn. Aber da hat sie ihn schon in ihrer Schubkarre, die da rum steht, zusammen mit ein paar vereinzelten Hasen.

Und ich, fragt ihr jetzt bestimmt? Wo bin ich, was tu’ ich? Gar nix, ist die Antwort. Also nachhoppeln tu’ ich ihnen, und denk’ fieberhaft drüber nach, was ich mach’. Gleiches Problem wie der Alois vorher, wir verraten den Menschen ja eigentlich nix, wenn sie uns nicht eh schon so sehen können, wie wir sind.

Aber dann haben wir Glück. Weil sie dreht sich einfach um und geht zu anderen Fallen und würdigt den Alois keines weiteren Blickes! Und ich seh’, dass sogar dem Alois aufgefallen ist, dass das eine gute Gelegenheit ist zum Entkommen. Aber bevor der sich zu erkennen gibt und den ganzen Schubkarren umwirft, weil stark ist er schon, bin ich schnell hin.

»Pssst!«, flüster’ ich. Und der Alois schaut erstmal verwirrt.

»Pssst?«, sagt er dann, unkreativerweise.

»Hier unten!« Ich stell’ mich dann auf meine Hinterläufe und mit den Vorderläufen gegen die Schubkarre, dass er mich sehen kann. »Ich bin’s!«

»Ah«, sagt der Alois.

»Was besser’s fallt dir ned ein?«

»Naa. Und g’fanga bin I aa.«

Da hat er einen Punkt. »Soll I dir heifa?«

»Scho’.« Anscheinend dämmert ihm so langsam, dass er alleine da seine Probleme hat.

Also nehm’ ich Anlauf, hüpf’ hoch (fliegen kann ich nicht, aber ihr solltet mich mal hüpfen sehen), und lande grazil wie eine Katze auf der Schubkarre. Und dann, weil meine Pfoten geschickter sind als die vom Alois, und ich außen bin und er innen, schwupps, ist die Tür vom Käfig offen.

Naja, also so halbwegs schwupps. Ist nicht so ganz einfach, so ein Mechanismus. Und für größere Hände gemacht als meine Pfoten. Also hat’s ein bisschen gedauert. Nicht lang, aber so vier, fünf Minuten werden es sein. Vielleicht auch zehn.

Und der Alois, der sich die ganze Zeit dreht hat wie ein Verrückter, und sich freut, dass er bald rauskommt, der macht die Sache auch nicht besser. Naja. Irgendwann hab’ ich dann die Tür auf, aber, weil Lebendfalle, muss ich sie natürlich aufhalten, dass der Alois raus kommt.

»Mach schnell«, flüster’ ich ihm zu. »Des is schwerer wia’s ausschaugt!«

Und er lässt sich nicht lange bitten, hoppelt raus und bleibt stocksteif stehen. Ich lass so die Tür fallen und dreh mich um, und dann steht die junge Frau da und schaut uns ungefähr so an wie der Alois sie in dem Moment: Große Augen und der Mund offen stehend, und ihr Finger hat sich so ein kleines bisschen gehoben, wie als ob sie auf uns deuten will und das nicht ganz zu Ende bringen kann. Ihr Mund öffnet sich, schließt sich, und geht wieder auf.

»Das glaub’ ich jetzt nicht«, sagt sie.

Und der Alois, der Depp, zu ihr: »Warum?«

Und das ist dann der Moment gewesen, wo ich einfach nur meine Pfoten vors Gesicht halten muss. Weil Alois halt. Wie gesagt, wenn ein Mensch mal mitgekriegt hat, dass wir keine Hasen sind, sieht er uns, wie wir sind. Und genau das sieht das Madl nun. Mich, allerprächtigstes Fell und Hahnenschwanz und Geweih, und den Alois mit seinem soliden Bierbauch, dem schneeweißen Fell und dem Geißenbart.

Naja, dann ist sie erstmal still. Und der Alois auch, dem das dann auch in dem Moment auffällt, was er da für einen Mist gebaut hat. Und ich sowieso. Und wie ich dann so aufschaue und die junge Frau anseh’, da glaub ich, wir haben sie ein bisschen kaputt gemacht.

Weil das O von ihrem Mund, das ist ein O geblieben, und ihre Augen schauen so glasig aus.

»Alois«, flüster’ ich. »Alois, lauf weg!«

Aber er, vor Scham oder Schreck oder was auch immer, ist genauso gelähmt wie sie. Also schieb ich den Alois so halb vom Wagen, aber eben auch nur halb, weil mir sein Gewicht in die Quere kommt. Und das Madl ist leider schneller als der Alois.

»Moment mal«, sagt sie. »Ihr … ihr könnt sprechen?«

Ich verdrehe die Augen. »Naa«, sag ich.

Der Blick. Unbezahlbar.

»Also blöd kommen brauchst du mir auch nicht«, sagt sie.

Ich dreh’ mich um und setz’ mich auf die Hinterpfoten. »G’scheid is aa koane Option mehra.«

»Aha«, sagt sie. Atmet tief durch. Und dann überrascht sie mich. »Ich bin die Julia.« Sie lächelt, und streckt mir die Hand hin.

Vorsichtig, ganz vorsichtig, weil das ist immerhin die Frau, die den Alois in einem Käfig gefangen hat, tu’ ich meine Vorderpfote in ihre Hand. Sie schüttelt sie, aber nur ganz sanft.

»Josef«, sag ich.

Irgendwas ist komisch an ihrem Lächeln. Ein bisschen zu breit, so als wäre sie kurz vor einem Grinsen. Und die Augen funkeln komisch. Ich ziehe meine Pfote zu mir, schnuppere dran und niese. Honig-Milch-Seife und Sumpf. Ein bisschen Hase, und viel Mensch. Es gibt schlimmere Gerüche an einem Menschen.

Sie wartet geduldig, bis ich fertig bin mit schnuppern. Räuspert sich. »Freut mich, dich kennenzulernen, Josef.«

»Ähm«, sag ich.

Sie dreht den Kopf leicht schräg.

Ich kratze mein Geweih. »Und jetzt?« Vor meinen Augen schon: Weiße Kittel, Käfige, komische Leute, die in Mikroskope starren. Nadeln. So viele Nadeln.

»Was seid ihr?«, fragt sie. Klingt so ein bisschen verträumt. Augen immer noch leicht glasig.

»Wolpertinger«, raunzt der Alois. Dreht sich zu mir um, zuckt mit den Schnurrhaaren, quasi wie eine Entschuldigung. Ich schau ihn gar nicht mal mehr an.

Und die Julia, die hat das entweder nicht gehört, oder die wusste schon was. Sie nickt jedenfalls bedächtig. »Das … das erklärt einiges.«

Jetzt bin ich dran mit blöd schauen. »Hä?«

Sie deutet auf die Lebendfallen, dann auf uns.

»Hä?«, fragt der Alois.

Sie seufzt. »Lange Geschichte«, sagt sie.

Ich schau’ mich um, betont langsam. Wie erwartet, niemand zu sehen, und strahlender Sonnenschein. Also noch Zeit.

»Na ja«, meint sie dann. Schluckt. »Ein paar Hasen bewegen sich komisch.«

Der Alois schaut sie blöd an. Ich schau nicht minder blöd, aber so langsam dämmert mir was.

»Ihr schaut’s uns zu?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Studenten und so. Naturbeobachtung. Und ein paar Leute passen sehr genau auf.« Deutet auf die Hasen. »Peilsender.«

»Aber warum?«, frage ich sie.

»Weil die Hasen hier ein Problem werden können. Hasen ziehen Füchse an, Füchse verbreiten Tollwut und andere Krankheiten. Und das ist nicht gut für die Hunde und so.«

Ich nicke. Was sie nicht weiß ist, dass ein Fuchs normalerweise eine Begegnung mit einem Wolpertinger vermeidet, wenn er einen Überlebensinstinkt hat.

»Und Ihr seid’s wer?«

»Die Uni. Bio-Tiermedizin-Kooperation.«

Ich deute auf die Hasen in den Fallen. »Und die da?«

»Die werden wir mit Peilsendern versehen.«

»Damit ihr seht, wo’s hirenna?«

Sie braucht eine Weile, um mich zu verstehen. Ist vermutlich nicht von hier. »Ja, damit wir sehen, wo sie hinlaufen.«

»Und eich is aufg’foin, dass si a paar Hasen … anders vahoit’n als Hasen?«

Sie nickt.

Klar. Hasen sind ja auch relativ eindeutig. Und wir dann doch ein bisschen interessanter. Abgesehen davon, dass wir auch einfach schneller rennen und weiter laufen und auch mal zu den Menschen hingehen. So wie der Luis, der gern mal in Garching durchs Fenster den Tatort schaut, wenn er ned erwischt wird. Jeden Sonntagabend, wie ein Pilger. So ein Verrückter.

»Jetzt woaßt as.«

»Jetzt weiß ich es.«

Ich schau sie an, leg’ den Kopf schief. »Und jetzt?«

Sie überlegt kurz. »Warum kann ich euch sehen?«

Also erklär ich ihr den ganzen Schmarren mit dem Feenzauber und so.

»Das heißt, nur ich kann euch sehen? Und ich kann euch alle sehen?«

Ich nicke. Der Alois auch.

Ich glaub’ der Alois mag sie.

Sie überlegt wieder, schaut die Käfige an. »Und das sind Hasen? Also echte?«

Wieder nicke ich. Komische Kopfbewegung, das. Vor allem mit Geweih. Vielleicht ist es einfacher für geweihlose Menschen.

Sie grinst. »Na, dann mach’ ich meine Peilsender jetzt an die Hasen, und wir beobachten die Hasen.«

»Und die Wolpertinger?«

»Die lassen wir in Ruhe.«

»Warum?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Weißt du, wie viele von meinen Kollegen dich sezieren würden?«

Alle Haare in meinem Fell stellen sich auf. Das kann ich mir lebhaft vorstellen.

»Du nicht?«, frag ich.

»Ich unterhalte mich lieber.«

»Aha«, sag’ ich.

»Darf ich denn ab und zu wieder kommen?«, fragt sie. Ein bisschen zaghaft.

Ich nicke. Was bleibt mir für eine andere Wahl? Aber irgendwie nett ist sie ja schon. Für einen Menschen.

Sie überlegt. »Zu schade, dass ihr den Menschen nicht erzählen könnt, dass es euch gibt.«

»Wie denn?«, frag’ ich. Uns allen Menschen zu zeigen, ist viel zu gefährlich. Jäger und so. Und deswegen, leider, auch in Zukunft, keine Wolpertinger-Interviews im Fernsehen.

»Ihr könntet was über euch schreiben«, sagt sie.

»Des daad doch eh koana glaubn.«

Sie denkt nach. Lächelt wieder. »Dann schreibt doch ein Märchen. Eine Geschichte. Mal was moderneres.«

Ich zeig’ ihr meine Pfoten. Die sind jetzt nicht wirklich geeignet dazu, zu schreiben oder zu tippen. Aber irgendwie versteht sie mich, die Julia.

»Pass auf, du diktierst und ich schreib.«

»Und dann?«

»Dann bringen wir das als Geschichte raus.«

»Und dann?«

»Dann überlegen sich die anderen Menschen vielleicht noch mal, ob die Hasen wirklich so schlimm sind.«

Hm. Ganz so blöd ist sie nicht, die Idee. Und wahrscheinlich auch die Julia. Also nicht so blöd. Weil, wenn es auch nur einen Menschen gibt, der einen Hasen sieht und nicht Gas gibt, weil er an die Geschichte denkt, dann haben wir schon gewonnen.

Und ich wollte eh schon immer Autor werden. Ich glaub’, die Karriere passt zu mir.

Julia streckt ihre Hand aus und lächelt. Und ich leg wieder meine Pfote rein.

Und der Alois? Der hat inzwischen irgendwo im Wagen eine Karotte gefunden und isst sie. Schaut aus wie ein Hamster. Und so sind alle glücklich und zufrieden. Quasi Happy End.

Und da habt ihr sie, die Geschichte von den Hasen im Münchner Norden. Die eine Plage sein könnten, es aber nicht sind. Weil nicht alle sind Hasen. Manche denken, wenn auch so langsam wie der Alois. Also regt euch nicht auf, wenn euch wieder einer vor die Reifen hoppelt, fahrt lieber langsamer. Man weiß ja nie, wessen prächtiges Geweih man damit aus Versehen kaputt fährt.

Und uns gibt’s schon lang, und wenn es nach mir geht, wird es uns auch noch lange geben.

Martin Anderfeldt

Die Stille

Es gibt eine Stille, die du spürst, wenn du auf offenem Felde mit der Gesellschaft hoch zu Ross dahingejagt bist, irgendwann erhitzt innehältst, dampfend das Tier, erschöpft auch der Reiter. Eine Stille, die nichts mit Ruhe zu tun hat. Eine Stille, zäh wie Baumharz und schwarz wie Tinte. Unweigerlich fragst du dich, ob sie die ganze Zeit schon da gewesen war und du sie nur nicht verspürt hast, weil du soeben noch selbst fröhlich und laut gewesen bist. Diese Stille aber setzt jeglichem Frohsinn ein jähes Ende.

Nervös schnaubend dreht das Pferd die Ohren, ein Zittern geht durch den mächtigen Rumpf und den Reiter befällt Schwermut. Als hätte sein Eindringen zur Unzeit etwas unterbrochen – ein Treiben, das kein Mensch stören darf.

Etwas lauert in den Wäldern, den Feldern und besonders in den Bergen. Etwas, von dem die rechtschaffenen Bürgersleut der großen Stadt nichts ahnen. Kaum eine Tagesreise von ihren biederen Häusern liegt das Grauen im Hinterhalt. Lärmend, wenn es niemand hört, lauschend, wenn du innehältst.

Mag sein, dass es ein empfindsames Gemüt voraussetzt, das Unbekannte zu erspüren. Die Seele eines Künstlers, eines Musikers, vielleicht eines Kindes … die meisten Bürger sind ja tagein, tagaus damit beschäftigt, ihren Wohlstand zu mehren und dem Adel nachzueifern.

Er wandte sich nicht um, aber er wusste, dass weit hinter ihnen ein Diener ging. Welcher – Joseph? Xaver? Er seufzte. Es hatte keinen Sinn; mitunter war ihm, als wechselte seine Dienerschaft rascher als die Wochentage.

Vertrauen konnte er niemandem. Die treuen Diener waren lange verschwunden, einer nach dem anderen. Bemerkte er es und fragte »Ach, wo ist denn der gute Sebastian hin? Er hat mir doch immer recht gut gedienet?«, so antwortete man ihm, er hätte geheiratet oder wäre nach Hause in sein Dorf, weil sein Vater erkrankt wäre. Ob er wieder käme? – Gewiss, gewiss.

Bei seinem letzten Ausflug erblickte er auf dem Kutschbock einen fremden Mann – einen finsteren, grobschlächtigen Koloss mit schwarzem Bart; einen wahren Mordgesellen – schweigend und grauenvoll. Jede Vorfreude auf die Lustbarkeit war von ihm gewichen, ohne ein Wort machte er kehrt und eilte zurück zur Tür, floh in seine Gemächer und verbat sich, auch nur eine Seele noch zu sehen. Selbst zum Essen ließ er sich dann nicht mehr überreden und betrat den Speisesaal nur, als man ihm zusicherte, dass sich dort niemand mehr aufhielt.

Nun wandte er sich doch um. Bis auf Gudden, der wenige Schritte hinter ihm ging, war keiner da.

Die Stille wartete nur darauf, sich auf ihn zu senken. Wenn doch ein Diener da wäre, einer wie Sebastian – notfalls auch Xaver oder Franz oder eben der dunkle Kutscher. Natürlich noch lieber ein kräftiger Bauernbursche, wie sie hier zu finden waren. Blond oder dunkelhaarig, mit sonnenverbrannter Haut und einem kantigen, doch freundlichen Gesicht. So wie die Burschen, welche die Abordnung des Parlaments von Hohenschwangau einst mit Schimpf und Schande davongejagt hatten. Die hatten ein frisches Blut und eine unverbrauchte Kraft, die wüssten schon, was zu tun wäre, im Falle, dass die Stille unerträglich würde. Falls sie sie denn wahrnähmen. Gewiss würde ihre Volksfrömmigkeit sie vor derlei unheiligem Zauber schützen.

Wie er es manchmal beneidete, das einfache Volk.

»Es wird regnen, Hoheit«, ließ sich Gudden vernehmen, »Gehen wir zurück.«

Was wusste der alte Tölpel schon? Und wie redete der mit ihm? Wie konnte er es überhaupt wagen, das Wort an ihn zu richten? Allein diese näselnde Stimme. Wenn er die hörte, erfasste ihn ein starker Widerwille.

Er brummte etwas und beschleunigte seinen Schritt. Musste er diesem Pack eine Antwort geben? Mitnichten. Er musste gar nichts. Weil der Mann ein Nichts war. Studiert und Doctor gar – aber was bedeutete das schon?

Er hörte Gudden schnaufen. Wie er sich bemühte, mit ihm Schritt zu halten. Was für ein lachhafter alter Mann! Ein sogenannter Gelehrter! Ha!

Er ging noch schneller. Der Alte hinter ihm musste mit seinen kurzen Beinen beinahe rennen. Seine Schritte waren unsicher und unregelmäßig. Wenn er wollte, könnte er sich problemlos des Störenfrieds entledigen. Aber das hieße, ihm mehr Bedeutung zumessen, als er verdiente.

Ihm wurde warm. Er hätte den Mantel im Schloss lassen sollen. Von wegen Regen. Warm war es und staubtrocken. Von Regen keine Spur.

Der Berg war nicht steil, eher ein Hügel, kein Vergleich zu den herrlichen Gipfeln in der Umgebung des neuen Baus. Des Baus, den sie ihm so übel nahmen, die Krämerseelen, die kleinlichen.

Ihn überkam die Lust, eine Cigarette zu rauchen. Sich hinzusetzen auf einen gewiss nicht zu kalten Stein oder einen Baumstumpf und eine rauchen, das würde ihn beruhigen. Aber nicht hier. Nein. Er musste weiter.

Was hatte der Gudden mit den Dienern noch zu besprechen gehabt, bevor sie losgingen? Er hatte mit ihnen zusammengestanden und etwas mit ihnen beredet. Sicher nichts Gutes. Der Gudden spielte sich als Freund auf, als besorgter Arzt, aber das war er nicht. Bestenfalls ein willfähriges Werkzeug der Emporkömmlinge aus München, schlimmstenfalls Drahtzieher eines Putschs.

Bismarck gab ihm einst den Rat, sich häufiger dem Volk zu zeigen, aber wie stellte der sich das vor? Sollte er einfach durch die Theatinerstraße spazieren? Die Messe besuchen, als wäre er ein ganz normaler Bürger?

Die Leute waren doch längst aufgehetzt. Verblendet von der Propaganda der bürgerlichen Presse. Aber denen würde er es zeigen. Sie konnten ihn nicht absetzen. Das würde einen unverschämten Präzedenzfall schaffen, den die anderen Fürsten nicht zulassen durften. Die Politiker mit ihren Zylindern und Fracks hatten kein Recht, ihm das Erbe zu stehlen, das doch der Herrgott selbst ihm anvertraut hatte.

Die Menschen hier, auf dem Land, die standen zu ihm. Die waren noch nicht von der Propaganda verblendet. Die ehrlichen, aufrechten Menschen waren allesamt auf seiner Seite. Wenn er hier durch ein Dorf ritt, dann verneigten sich die Menschen in Demut vor der Kutsche mit dem königlichen Wappen.

Das waren die Menschen, die Bayern zu dem machten, was es war: ehrlich, gottesfürchtig und katholisch. Dank dieser guten Menschen – und nicht wegen der Bankiers aus Augsburg und München oder der Industriellen aus Nürnberg – war Bayern das erste unter den deutschen Fürstentümern.

Das Atmen fiel ihm zunehmend schwer. Die Stille wirkte erdrückend. Sie senkte sich wie ein Grabtuch über alles.

Er ging langsamer, wandte sich immer wieder um. Wo blieb nur der Gudden? Selbst die Gesellschaft dieses schrecklichen Menschen wäre ihm jetzt willkommen.

Er fühlte, wie der Wald atmete, in dem Maße, wie es ihm schwerer fiel, Luft zu holen. Es raubte ihm den Atem gleich einem nächtlichen Alp, der auf seiner Brust saß. Er holte tief Luft, sog den Sauerstoff tief in die Lunge, doch das Gefühl ersticken zu müssen, ließ nicht nach. Nochmals atmete er ein. Vergeblich. Schon spürte er, wie ihm die Sinne schwanden …

Er lehnte sich gegen eine dicke Birke. Der Rand seines Gesichtsfelds verschwamm. Die Stille pochte in seinen Ohren, hämmerte gegen seine Stirn, drohte seinen Kopf zu zerquetschen.

Das, was die Stille verursachte, kam näher. Legte sich auf ihn, weich und erstickend.

Er fasste sich an die Brust, rang rasselnd nach Atem. Er spürte, wie sich sein Brustkorb weitete, doch die Lunge füllte sich nicht. Er würde auf die Knie sinken, gleich hier und sein Leben im Angesicht des Würmsees aushauchen.

Steckte sie am Ende in ihm, die Stille? Das Herz, die Lunge, all diese Organe, von denen Doctores sprachen, konnten vergehen, konnten ihn im Stich lassen. Ein Herzschlag, würde es dann heißen. Gab es die Stille gar nicht?

»Hoheit.« Der Gudden. Sein runder Kopf erschien zwischen den Baumstämmen. Wahrscheinlich zum ersten Mal im Leben freute er sich, den Arzt zu sehen. Der Alp war von ihm abgefallen.

»Wir sollten zurück zum Schloss … es wird regnen.««

Welchen Widerwillen er empfand beim Anblick des feisten, alten Arztes. Warum musste er sich mit solchen Kriechtieren abgeben?

Ludwig blickte über Gudden hinweg. Dort glitzerte der Würmsee im Licht der untergehenden Sonne. Ein Anblick, der ihn ein Weilchen sein Ungemach vergessen ließ.

Also noch weiter bergan. Schon, um dem Gudden nicht die Genugtuung zu schenken, dass er auf ihn hörte.

Wortlos wandte er sich um und stieg den Hügel weiter nach oben. Ein einsamer Wanderer. Der König, die Schultern schwer von der Verantwortung für seine Landeskinder.

Die Minister hatten kein Recht, ihn zu entmündigen. Er war ein guter König, ein gerechter Herrscher. Immer gewesen. Das Volk liebte ihn.

Mit frischem Schritt ging er weiter und schon bald ließ er Gudden wieder weit hinter sich.

Die Stille lauerte, aber diesmal ließ sich der König nicht beirren. Immer weiter ging’s. Wohin? Das spielte keine Rolle. Immer weiter, am besten bis nach München und direkt ins Parlament und diese Minister des Hochverrats anklagen.

Dick und undurchdringlich sank die Stille herab; alles erstickend, was unter ihr lag.

Er lauschte seinen Schritten auf dem dick mit Laub und Nadeln

bedeckten Waldboden, jedes

andere Geräusch war tot

und ganz ver

gesse

n

.

Der Wald lichtete sich. Flecken goldenen Sonnenscheins auf dem Nadelboden. Es ging noch steiler nach oben. Er konnte sich nicht erinnern, dass über dem Ort ein so schroffer Berg aufragte.

»Majestät.«

Er verdrehte die Augen. Gudden!

Trotz des leidigen Arztes stahl sich ein Lächeln auf sein Antlitz, so gut fühlte er sich. Und so blieb er stehen und wandte sich um. »Herr Gudden.« Den Doktortitel ließ er weg. Der Quacksalber würde nicht wagen, ihn zu korrigieren. Ludwig nickte ihm zu.

»Wir«, der Mann war noch außer Atem, »wir müssen umkehren. Es könnte doch regnen und es wird bald dunkel.«

»Es wird bald dunkel?« Der König runzelte die Stirn, den Blick in die Ferne gerichtet, wo die Sonne hoch am Himmel stand. War sie nicht eben noch am Untergehen gewesen? Das musste von unten so gewirkt haben, vom See aus. Spöttisch verzog er den Mund. »Wohl noch nicht.«

Gudden drehte sich um, nahm seinen Hut ab und kratzte sich am runden, spärlich von Haaren bedeckten Kopf.

»Wir gehen weiter«, beschloss Ludwig. Er fühlte sich so kräftig wie lange nicht mehr. Die Luft roch hier irgendwie anders, frischer, würziger als weiter unten. Wie nach einem Regen. Vielleicht hatten die Ärzte doch recht gehabt, die ihm empfohlen hatten, häufiger tagsüber auszugehen und seine nächtliche Lebensweise mehr dem Leben seiner Untertanen anzupassen. Ein dummer Grund, aber sei’s drum.

Der Gipfel des Hügels lag vor ihm, schade nur, dass er dicht mit Wald bestanden war und keinen Ausblick auf die umliegenden Ländereien und Ortschaften gestatten würde. Es war eine arme Gegend; steinige Hügel und dazwischen ausgedehnte Moore erschwerten den Landbau. Aber ein ehrlicher und gottesfürchtiger Menschenschlag hauste hier; die Kirchen waren nicht nur am Sonntag gut besucht, sondern zu jeder Messe. Ein ganz anderer Typus als die Preußen im Norden.

Nicht weit vor ihm lichtete sich der Wald. Vielleicht könnte er von dort mehr sehen. Oder sollten sie doch umkehren? Am Ende hatte der Alte recht – was machten sie hier überhaupt noch? Immerhin müssten sie den ganzen Weg zurückgehen und ehrlich gesagt verspürte auch er bereits Müdigkeit in den Gliedern.

Auf der Lichtung wollte er verschnaufen und – ob man dort nun etwas sah oder nicht – umkehren. Das würde nicht aussehen, als hätte er klein beigegeben. Die Lichtung bildete das Ziel und wenn man ein Ziel erreichte, kehrte man eben um.

Er trat auf die Lichtung. Totes Holz türmte sich auf der freien Fläche, ein Gewirr von umgefallenen, verrottenden Bäumen. Ein ganz schönes Durcheinander, das eigentlich gar nicht zu den Menschen hier passte. Die Wälder waren meist gepflegt, nicht zuletzt stellten sie ja auch eine wichtige Einnahmequelle für die Menschen dar. Na ja. Das würde schon seine Richtigkeit haben.

Äste knackten hinter ihm, wo sich Gudden seinen Weg bahnte. Just in dem Moment, als Ludwig sich anschickte, den Fuß auf die Lichtung zu setzen, bewegte sich dort etwas. Er blieb stehen, in der Hoffnung, einen Fuchs oder ein Reh zu sehen. Vielleicht einen röhrenden Hirsch – welch ein majestätischer Anblick das jetzt wäre. Der rechte Abschluss für die Wanderung. Doch das, was sich dort bewegte, schien kleiner. Gab es hier Auerwild? Es lag lange zurück, dass er das letzte Mal auf der Jagd gewesen war. Warum eigentlich? Er hatte sich verkrochen, war nur noch nachts durchs Land gefahren. Aber das würde nun ein Ende haben. Dieses Land, dieser Geruch, gab ihm eine Kraft, die –

Es schien tatsächlich zu flattern. Ein Fasan? Ein Rebhuhn? So viel stand fest: Es war ziemlich groß für einen Vogel. Vielleicht ein Rabe oder ein Raubvogel?

Es hielt inne, sodass er es gut erkennen konnte, und sah ihn an. Der Körper des Biests erinnerte an einen Hasen, aber es war kein Hase. Ganz sicher nicht. Denn es hatte einen gekrümmten, gelben Schnabel und vor allem rot leuchtende Raubvogelaugen, mit denen es ihn anstarrte. Er wich einen Schritt zurück.

Welch eine Ausgeburt der Hölle. Was war das für ein Tier? Eine Laune der Natur, eine Mischung aus verschiedenen Tieren? Aber das gab es nicht, so etwas konnte nicht leben, einmal abgesehen von Kreuzungen wie Pferd und Esel, die sich ja hinreichend ähnlich waren.

Das Tier legte den mit einem grotesken Geweih gekrönten Eulenkopf schief. Es öffnete den Schnabel, ein spitzer Schrei durchbrach die Stille.

Ludwig fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Neugier und Furcht. Ein gänzlich unbekanntes Tier! Ach, hätte er doch seine Flinte bei sich. Das Wesen ließ ein Knurren ertönen und scharfe Eckzähne blitzten auf. Beim Allmächtigen! Ob es ihm gefährlich werden konnte, wenn es zum Kampfe käme? Mit den zarten, an ein Reh erinnernden Gliedmaßen wirkte es eher zerbrechlich denn bedrohlich. Doch hatte er schon einmal erlebt, wie ein angeschossenes Reh, das sie für tot gehalten hatten, sich urplötzlich wieder erhoben und einen der Jäger beinahe niedergerannt hatte. In den schlanken Läufen wohnte eine Kraft, die, wenn ein Tier sie im Streite einsetzte, durchaus nicht zu vernachlässigen wäre. Und dann noch dieser Schnabel und Hauer, die einem kapitalen Eber zur Ehre gereichen würden.

Nein, es wäre wohl klug, das Tier nicht zu reizen. Ohne das Wesen länger als einen Wimpernschlag aus den Augen zu lassen, sah er sich nach einer behelfsmäßigen Waffe um. So viele Zweige und Äste auch herumlagen, entdeckte er nichts Geeignetes, das gut in einer Hand zu führen wäre. Die einen Äste waren zu groß und schwer, die anderen zu klein. Zudem waren die meisten von kleinen Zweigen besetzt, was ihren Gebrauch naturgemäß erschwerte. Dennoch – er hatte einen knotigen Ast ins Auge gefasst – er würde schon etwas finden. Der Ast schien nur auf einer Seite von kleinen Wurzeln besetzt, die andere wirkte glatt. Wenn das Biest näher käme, würde er es damit auf Distance halten.

»Majestät, wir sollten jetzt aber –«

Gudden. An den hatte er überhaupt nicht mehr gedacht.

»Er schweig still. Sieht er nicht auf der Lichtung dort vorn … das Untier?«

Gudden blieb neben ihm stehen und nahm seinen Hut in die Hand. Er räusperte sich. »Majestät, wir müssen nun wirklich zurück. Als Ihr Arzt fürchte ich, muss ich darauf –«

»Aber sieht er es dann nicht?«, unterbrach ihn der König.

Gudden räusperte sich, eher überrascht denn gekränkt ob des Affronts.

»Das Untier, dort vorn, auf der Lichtung!«

»Majestät, der Tag war lang und der Spaziergang vielleicht doch keine gute Idee.«

Überrascht drehte sich Ludwig um. Das Wesen war verschwunden. Und doch hatte es da gesessen. Es war real, dessen war er sich gewiss. Es mochte sein, dass er eine lebhafte Vorstellungskraft besaß, Phantasie, wie die Ärzte das nannten – er vermochte sich vorzustellen, wie das Land in früherer Zeit aussah, wie stolze Ritter von Burg zu Burg zogen, Minnesänger ihre Weisen darboten und Prinzessinnen ihnen von der Höhe der Zinnen herab lauschten. Ganz wie der unsterbliche Wagner und andere Künstler das konnten. Aber das war etwas anderes. Er stellte sich keine garstigen Wesen mit Geweih und Reißzähnen vor, seine Phantasie galt einzig dem Schönen, Erhabenen. Wäre es denkbar, dass Wagner dem … diesem Ding eine Oper widmete? Niemals. Nicht diesem Monster.

»Doktor Gudden, ich sage Ihnen, da war etwas.« Zu seinem Ärger klang seine Stimme wenig fest.

Gudden räusperte sich nochmals. »Majestät, nun … es gibt viele Tiere hier in den Wäldern und sicherlich seid Ihr darin besser bewandert, als ich es bin.«

»Das war kein Tier des Waldes. Und auch kein Vogel.«

»Nun, es mag im Dickicht nicht immer einfach sein, ein Tier zweifelsfrei zu bestimmen …«

Die Rede des Arztes erzürnte den König. Er musste ihm dieses Biest zeigen. Ob Monster oder nicht. Er bückte sich und griff den Stock, den er vorher ins Auge gefasst hatte.

»Majestät! Was habt Ihr vor mit dem Ding?«

Ludwig grinste grimmig. Er schuldete diesem Wurm keine Erklärung. Mit festem Schritt trat er auf die Lichtung. Hier lag noch mehr Kleinholz herum, Äste, die splitterten, wenn man auf sie trat, schmierige Pilze auf der abblätternden Rinde. Dazwischen sprossen harte, dunkelgrüne Grashalme wie Schamhaar.

Gudden rief etwas.

Sollte er. Er würde schon mitkommen, schließlich wurde er dafür bezahlt. Und wenn nicht, sei’s drum.

Der Stock lag gut in der Hand, er hätte nicht übel Lust, ihn hin- und her zu schwingen, einzig der Gedanke, dass ihn das aussehen ließe wie einen kleinen Bub, der Ritter spielt, hielt ihn davon ab. Wiewohl – der Gedanke gefiel ihm gar nicht so schlecht. Er war ein Ritter, der ein Monstrum zu bezwingen hatte.

Kein Monstrum, vielmehr ein Curiosum. Etwas, das einst präparieret im Museum für Naturkunde stehen würde. Er fuhr herum. Hatte sich da etwas bewegt? Dort, im Schatten des Wurzelstocks, der aufragte wie ein Paraplü, den der Wind einem Spaziergänger im Park aus der Hand gerissen hatte.

»’s wird a Wolperdinger gewesen sein«, rief ihm Gudden nach.

Lachte er? Unverschämtheit.

»Haben Sie verstanden? Majestät?« Und dann rannte er dem König auch schon nach.

Eine neuerliche Unverfrorenheit! Ludwig kannte sie wohl, die sogenannten Wolperdinger – ausgestopfte Bälger, die aus Teilen verschiedener Tiere bestanden. Kürschner machten sich einen Scherz daraus, möglichst groteske Wesen zusammenzusetzen. Hasen mit den Flügeln eines Waldvogels als Ohren oder Ähnliches. Er hatte derlei bereits gesehen, mitunter überraschend lebensecht. Er wünschte, sein geliebter Hagibert wäre in ähnlicher Weise konserviert worden, doch vermutlich stieß die Präparierkunst bei einem derart großen Tier an ihre Grenzen.

Wieder war ihm, als hätte sich im Schatten etwas bewegt, doch als er genauer hinsah, waberte es nur vor seinen Augen. Er stand nun keine fünf Schritte von der Stelle entfernt, wo das Tier gesessen hatte und es war offensichtlich, dass es das Weite gesucht hatte. Er hoffte jedoch, dass es Spuren hinterlassen hatte, vielleicht ein paar Haare oder einen Fußabdruck.

Er erreichte den Platz. Strich mit den Händen über feuchtes Moos, betastete die Zweige ringsum. Nirgends konnte er Fell oder Federn entdecken. Er seufzte.

In diesem Moment ertönte hinter ihm ein Schrei, ganz kurz nur. Er fuhr herum. Da stand der Gudden, doch grauenvoll verändert. Es war, als hätte sich ein Schatten auf ihn geworfen, etwas umgab ihn wie ein Mantel, bald seinen Körper, bald sein Gesicht, aus dem Ludwig nur die schreckgeweiteten Augen sehen konnte. Bedeckend, wabernd, in der Form nicht zu erfassen, glitt das Schwarz über ihn. Wie versteinert betrachtete Ludwig das Geschehen, unfähig einzugreifen. Quecksilber gleich umfloss der Schatten den Mann. Gudden schrie, als sein Mund wieder frei war, dann schwieg er erstickt. Seine Glieder zuckten spastisch – wie die seiner Patienten, fiel es Ludwig ein. Vor Jahren hatte er eine Irrenanstalt in Regensburg besucht, der Leiter hatte ihm von den fortschrittlichen Methoden erzählt, doch Ludwig konnte sich nur mit Grauen abwenden angesichts der vor sich hin vegetierenden Menschen, die mit leerem Blick die Wand anstarrten, der Leib rhythmisch zuckend oder unbewegt und zu einer Kugel zusammengerollt. Waren es die Geister seiner Patienten, die Gudden nun heimsuchten? Die Seelen der Menschen, die er gegen ihren Willen eingesperrt hatte, auf dass sie dort den Rest ihres Lebens verbrachten, verachtet von der Gesellschaft und verstoßen selbst von ihren Familien, welche die Schande fürchteten?

Der Arzt ging zu Boden, seine Beine knickten ein und er sank hin zwischen Moos und Gestrüpp.

Endlich fand der König wieder zur Besinnung. Er trat zu dem aufs Ärgste bedrängten Manne hin, holte mit dem Knüppel aus und ließ ihn niederfahren auf den Schatten. Da verwandelte sich der Schatten, Formen wurde sichtbar, die an Fledermäuse oder kleine Menschen denken ließen. Spitze, weiße Zähne blitzten auf und rot umrandete Augen funkelten ihn an. Er schlug nochmals zu und noch einmal. Rhythmisch, wie eine Dienerin, die einen Teppich ausklopfte. Zwei, nein drei Formen schälten sich aus dem wabernden Schatten und tropften zu Boden. Er hielt mit dem Stock darauf darauf, bis sie ins Dickicht davonkrochen.

Dann verharrte er. Mit solchem Furor hatte er zugeschlagen, dass ihn nun der Arm schmerzte. Stöhnend lag Gudden da, das Gesicht zerkratzt und geschunden.

»Wie geht es ihm?«, fragte Ludwig. Ein Satz, den er noch nie in seinem Leben geäußert hatte und der ihm keineswegs leicht von den Lippen ging. Warum war denn auch kein Diener da? Wo war Joseph oder wie auch immer der Neue hieß?

Zum Glück gelang es dem Alten irgendwie, aus eigener Kraft aufzustehen. Er wischte sich übers Gesicht und die Augen und immer wieder leckte er mit der Zunge über die Lippen. Seinen Hut hatte er verloren. Flechten und Nadeln hingen in seinen Haaren.

Ludwig gab ihm noch einen Moment, sich zu fassen. »Zurück zum Schloss, möchte ich sagen.«

»Majestät, das war – ich habe so etwas noch nie gesehen …«

»Hm-hm.«

»Ob es sich um das Tier handelt, welches Ihro Majestät erblickt haben?«

»Hm. Wahrscheinlich nicht. Doch möglich ist es.«

»Ich bin kein Zoologe, gleichwohl –«

»Zum Schlosse, Doctor. Zurück zum Schlosse, bevor es anfängt zu regnen.«

»Ja, ja …« Gudden rang die Hände, ihm fehlte wahrscheinlich sein Hut.

Ludwig ging an ihm vorbei, zurück dorthin, woher sie gekommen waren. Unschlüssig betrachtete er den Stock; sollte er ihn wegwerfen oder zur Sicherheit behalten?

Er entschied sich, das Holz zunächst bei sich zu halten, hatte es ihm doch gute Dienste geleistet. »Weiter, Gudden.«

Es ging leicht bergab. Anders als beim Anstieg achtete Ludwig sorgfältig darauf, dass der Arzt ihm auch folgte und sich nicht zu weit von ihm entfernte. Verräter oder nicht, niemand hatte es verdient, von solch einem Wesen zerfleischt zu werden. Sie waren doch nicht in Afrika, im Urwald, wo sich die Neger täglich von Löwen fressen ließen, sie waren doch gute Christenmenschen.

Während er so ging, schweiften seine Gedanken ab. Wie waren die Wesen zu erklären, die Gudden angegriffen hatten? Was, wenn sie giftig waren? Gewiss besaßen sie Krallen, die Spuren waren in Guddens Gesicht zu sehen. Er hatte von Tieren gehört, bei denen selbst kleine Bisse und Kratzer tödliche Folgen haben könnten, weil Zähne und Krallen mit Gift getränkt waren. Er warf dem Arzt einen Blick zu. Der sah zu Boden, damit beschäftigt, über trockene Äste und Zweige zu steigen, ohne zu stolpern.

Der Wald verströmte einen geradezu hypnotischen Duft. Und das mitten im Sommer. Warum bemerkte er das erst jetzt? Rührte das überhaupt von Pflanzen her? Der Geruch erinnerte eher an ein Tier, doch auf nicht unerquickliche Art. Einst hatten sie ein Rehkitz erlegt, ein Versehen eher. Es war diese Ausdünstung des jungen Rehs, an das er sich nun erinnert fühlte, wild und doch zart, voller Leben und – nun ja, Lust. Er verzog das Gesicht. Natürlich war der Geruch keineswegs unangenehm, doch schon der Gedanke an das Fleischliche, Sinnliche, war ihm zuwider. Das war etwas für Tiere, bestenfalls noch für Bauern. Empfindsame Seelen waren für Höheres bestimmt, als sich lüstern im Stroh zu wälzen. Vielleicht spielte ihm auch nur seine Phantasie einen Streich.

Noch immer war der See nicht zu sehen. Warum nicht?

Er war erschöpft, der Spaziergang war doch viel weiter gewesen als geplant. Trotz der späten Stunde würde er sich noch einen Imbiss zubereiten lassen, wenn sie wieder im Schloss wären.

Und dazu eine Cigarette.

Ein morscher Ast knackte laut, als er darauf trat und Ludwig rutschte ein wenig ab. Gudden blickte auf, Ludwig sah ihn an und dann merkten sie es beide.

Der Wald hinter ihnen war in Bewegung. Eine Flut wälzte sich heran und das, was Ludwig erkennen konnte, versetzte ihn in Schrecken. Er sah Fell und Federn, braun, schwarz, grau, aber auch bunt schillernd. Vor allem aber sah er Krallen, Zähne, blitzende Augen. Es waren so viele.

Waren es die Wolperdinger, wie Gudden sie genannt hatte? So viele, so viele.

»Lauft, Majestät!« Zu Ludwigs Überraschung lief der dicke Arzt vorweg.

Der König folgte dem roten, schweißglänzenden Glatzkopf. Mitten im Laufe lockerte Gudden seine Schleife. Die beiden flogen geradezu bergab, sprangen über den weichen Waldboden, über Äste, Steine.

Der König wagte nicht, sich umzuwenden, sicher, dass die Tiere schnell aufholten. Welche Chance gab es auch gegen solche Biester? Ein Mann konnte nicht so schnell laufen wie ein Hase und weder er noch Gudden waren auf der Höhe ihrer körperlichen Kraft. Es konnte nicht mehr weit bis hinunter zum See sein.

Etwas kläffte und im Augenwinkel sah er, dass eines der Biester auf Guddens Bein sprang. Zum Glück konnte es sich nicht halten, es fiel sofort wieder herab.

Er vernahm ein Heulen, so nah, als wäre die Quelle des Geräuschs direkt an seinem Ohr. Er drehte den Kopf und blickte in ein Gesicht, das nur aus Zähnen zu bestehen schien. Er drehte sich weg und mit einem vernehmlichen Klacken bissen die Zähne ins Leere.

Genug! Wenn sie rannten, würden sie es ja doch nicht schaffen. Und wenn sie kämpften? Dann würden sie zumindest als Männer sterben.

Er blieb stehen, keuchend, den Oberkörper nach vorn gebeugt. Die Wesen stürzten sich nicht sofort auf ihn. Vielleicht besaßen sie eine Intelligenz und fürchteten oder respectierten ihn, nun, da er kein Beutetier mehr zu sein schien.

»Gudden«, japste er. »Doctor Gudden, kämpfen wir.«

Der Angesprochene war noch ein paar Schritte weiter gestolpert, dann stehen geblieben. Hinter den beiden die wogende Menge aus Klauen, Schnäbeln, Krallen und vor allem Zähnen. Soweit man das in dem Durcheinander erkennen konnte, waren die meisten der Untiere kaum größer als Füchse oder allenfalls Dachse, obwohl er, weiter hinten, eines von der Größe eines jungen Bären erkannte.

»Gott steh’ uns bei.« Gudden bekreuzigte sich.

Ludwig erhob seinen Knüppel, bereit, das erste Biest niederzuschlagen, das sich zu nahe heranwagte.

Doch sie kamen nicht näher, scheuten vor einer unsichtbaren Linie, die wie abgezirkelt in drei Metern Abstand um sie zu laufen schien. Aber irgendwann würden sie es tun. Sie würden heranstürzen und sie zerfleischen. Er würde hier sterben. Der König der Bayern, von unbekannten Biestern umgebracht. In der Blüte seiner Mannesjahre. Was hätte er noch tun, was vollbringen können!

»Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde …«, rief er, dann fuhr er fort: »Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name«, während ihm Tränen über die Wangen liefen. Es gab keine Hoffnung. Auf grotesque Art würden sie beide hier ihr Leben aushauchen. Mit blinden Augen drehte er sich im Kreis, drohte mal in die eine, mal in die andere Richtung, während es rund um sie fauchte, heulte, knurrte und schrie wie ein ganzer Zoo.

Er bemerkte etwas – vielleicht, weil sein Blick sich trübte: Die Stille war wieder da. Wieder legte sie sich wie eine Decke über sie, aber auch über die Tiere, ja, über den ganzen Wald. Was bedeutete das? Die grauenvolle Stille begrub alles unter sich, wie unter einem Leichentuch. Die Laute der Biester wurden gedämpft,

drangen nur noch zu ihnen

wie durch dichten

Nebel

.

Was hatte das zu bedeuten? Als die Stille das letzte Mal über ihn gekommen war, hatte er Todesangst verspürt und danach … danach war alles anders gewesen. Stand die Stille für einen Übergang? Eine Transition in … etwas Anderes? Vielleicht war das eine Chance?

»Gudden!«, rief er und zeigte mit dem Stock nach vorn. Er sah, dass auch der Arzt einen Ast in der Hand hatte, wenn auch einen reichlich inadäquaten, eher für ein Kind geeignet, das Gänseblümchen köpfen wollte. »Gudden!«

Die Stille verschluckte seine Worte, wie wenn er unter Wasser spräche.

Bemerkt der Gudden die Stille denn nicht? Jetzt endlich sah er zu ihm. Ludwig deutete wieder in Richtung bergab, dorthin, wo der See, wo Schloss Berg liegen mussten, wo es Diener gab und Gendarmen mit Pistolen. Der Doctor blickte ihn verständnislos an, doch wie hätte Ludwig sich begreiflich machen sollen? Die Stille verschluckte ja alles. So ging er selbst los, der Alte würde schon folgen.

Die Wolperdinger – oder was auch immer – schienen sich langsamer zu bewegen; als wären sie in Gelee eingelassen und wichen zurück, als der König sich näherte.

Es begann zu regnen, ein warmer Sommerregen, doch schon nach wenigen Augenblicken war Ludwigs Kleidung getränkt und Kälte breitete sich von den nassen Stellen aus. Doch das alles bemerkte er nicht, denn dort vorn, zwischen den Bäumen, sah er vor sich die dunkle, regengepeitschte Fläche des Würmsees. Gerettet!

Wo auch immer sie gewesen waren, dies war nicht die Welt der Wolperdinger, sondern die Welt der Menschen. Der Regen lief ihm über die Stirn und in die Augen, doch glaubte er, ein paar Lichter zu erkennen. Er widerstand dem Drang, in ihre Richtung zu gehen. Denn sie mussten zum See. Von dort würden sie das Schloss ganz leicht wiederfinden. Die Lichter konnten wohl Trugbilder sein, die sie zurückführten zu den Ungeheuern, allein der See war untrüglich.

War Gudden ihm überhaupt gefolgt? In der Tat, nicht weit hinter sich erkannte er die plumpen Umrisse des Doctors. Und von den Biestern keine Spur. Er hätte jubeln können, wäre er nicht so erschöpft. Im Stillen stimmte er ein Dankgebet an den Erlöser an, der sie auch aus dieser dunklen Stunde errettet hatte. Nur noch wenige Schritte bis zum Ufer. Schwarz lag das Wasser vor ihnen, die Oberfläche vom dauernden Regen in Unruhe versetzt, ohrenbetäubend das Prasseln auf dem Wasser und auf den Blättern, ein wildes Trommeln in mannigfaltigen Tonlagen.

Kies knirschte unter seinen Füßen, aber es war angesichts des Regens kaum zu vernehmen. Endlich, am flachen Ufer des Sees stehend, drehte er sich um.

Der gute Doctor Gudden schwankte heran, auch er: gerettet. Bald würden sie sich bei einem Glas Grog am Kamin wärmen. Und das im Juni.

Doch was war das hinter Gudden? Etwas bewegte sich hinter ihm – die Wolperdinger waren folgten ihnen.

Wie konnte das sein? Was taten sie hier in ihrer Welt? Fassungslos schüttelte der König den Kopf. Mit wenigen Schritten lief er in den See. Seine Schuhe liefen sofort mit eisig kaltem Wasser voll und machten das Gehen schwer. Gudden tat es ihm nach, doch weshalb bewegte er sich so seltsam? Hatten die Biester ihn etwa …?

Ludwig erhob seinen treuen Knüppel, der Arm schmerzte ihn, Regenwasser rann in seinen Nacken.

Und dann kamen sie über ihn.

Am 13. Juni 1886 wurden König Ludwig II. von Bayern und Dr. Bernhard von Gudden tot im flachen Uferwasser des Starnberger Sees (damals Würmsee) aufgefunden.

Anhand von Verletzungen und Spuren an der Kleidung und im Seeboden wurde seinerzeit geschlossen, zwischen den beiden Männern müsse ein Kampf stattgefunden haben.

Wer in München – insbesondere im Sommer – unterwegs ist, kennt das Phänomen der plötzlich auftauchenden Baustellen. Wer hätte geahnt, dass ihr Ursprung weit, weit in die Münchner Vergangenheit zurückreicht?

Diese Geschichte bezieht Anregungen aus den folgenden Münchner Sagen:

Wie der Name München entstand

Herzog Heinrich und der Löwe

Die Hexen auf der Spiegelwiese bei Pasing

Der Basilisk im Spiegelbrunnen

Das versunkene Dorf Pachem bei Berg am Laim

Die Utahöhle bei Trudering

Regine Wegner

Die Münchner Baustellen-Saga

Baustellen über Baustellen

Ist München von einer Baustellen-Krankheit befallen? Dieser Tage ist man schon froh, eine Straße oder einen Platz zu entdecken, auf der nicht gerade gebaut und abgesperrt wird.

Baustellen überziehen die Stadt flächendeckend. Permanent werden Häuser abgerissen und aufgebaut, Straßen verbreitert oder verengt, Kanäle gegraben oder zugeschüttet. Ist München so kaputt? Oder geht es hier etwa nicht mit rechten Dingen zu? Sind möglicherweise unsichtbare Kräfte im Spiel, die gerade fertiggestellte Teerdecken immer wieder aufbrechen? Die Baustellen langwierig und kompliziert machen, wie am Sendlinger Tor? Die Autofahrer durch unsägliche Labyrinthe leiten? Die ihre Hand im Spiel haben, wenn eine Vielzahl an Baustellen zum alltäglichen Verkehrschaos führt? Es gibt da eine Legende und dunkle Gerüchte, die dies nahelegen. Ein wüster Fluch soll die Stadt dazu verdammt haben!

Ein Rückblick in die Geschichte

Warum sollte ein Dämon die Stadt solchermaßen verflucht haben? Mag hier etwas dahinterstecken, das man vielleicht wissen sollte? Ein Blick in die Geschichte erklärt den Ursprung der Legenden. Tauchen wir ein in die Zeit Heinrichs des Löwen, der München gegründet haben soll.

Heinrich der Löwe soll die Isar-Brücke bei Oberföhring niedergebrannt haben, um dann eine Brücke im heutigen Stadtgebiet Münchens (»näher bei den Mönchen«) zu errichten und den Brückenzoll selbst zu kassieren, statt ihn dem Freisinger Bischof und der katholischen Kirche zu überlassen. So oder ähnlich ist es nachzulesen in den verschiedensten Sagen und Legenden zur Geschichte der Stadt München.

Wie aber hat es sich wirklich zugetragen?

Heinrich der Löwe wollte an die Einnahmen, die sich aus dem »weißen Gold« ergaben, das über die Brücke transportiert wurde, da besteht wenig Zweifel. Wie gelegen kam es da, dass sich ihm eines Tages ein Dämon offenbarte. Dieser bot ihm an, gegen die Hälfte der Einnahmen die Brücke in seinen Besitz bringen zu können. Er müsse ihm, dem Dämon, nur die Wahl der Mittel überlassen.

Es trug sich zu in einer Gastwirtschaft in der Nähe der Mönche, am heutigen Isartor. Der Dämon hatte die Gestalt eines altbayrischen Gevatters angenommen, mit Schnauzer und wallendem Bart und sich mit seiner Pfeife zum Heinrich gesetzt, welcher sich gern ab und an in einfache Wirtshäuser begab, um die Stimmungen im Volk zu erkunden. Dort mag sich ungefähr folgendes Gespräch zugetragen haben:

Gevatter Dämon: »Zum Gruße, Heinrich!«

Heinrich: »Guten Tag, wen hab’ ich vor mir?«

Gevatter Dämon: »Ja, also, ich bin ein Dämon. Schau nur nicht ganz so aus …«

Heinrich: »Ach ja? Was führt Euch denn zu mir, Gevatter Dämon?«

Gevatter Dämon: »Ich habe da so was aufgeschnappt. Da wäre so eine Brücke, die Euch ein Dorn im Auge wäre …«

Heinrich (stellt sich dumm): »Ach so? Was für eine Brücke denn? Was denn für ein Dorn im Auge?«

Dabei wusste Heinrich natürlich genau, um was für eine Brücke es sich drehte. Es gab ja in dieser Gegend nur die eine Brücke …

Gevatter Dämon (tut so, als bemerke er Heinrichs Theater nicht): »Naja, die einzige Brücke, die es hier gibt. Über die Isar. Da wird das weiße Gold drüber transportiert und der Bischof von Freising kassiert die Brückenzölle!«

Heinrich: »Ja, so ist es!«

Gevatter Dämon: »So müsste es aber nicht bleiben! Die Zölle könnten uns gehören, man könnte die Brücke durch eine List dem Einflussbereich des Bischofs entreißen! Wärt Ihr dabei?«

Heinrich: »Eine List? Was für eine List?«

Gevatter Dämon: »Wer die Brücke passieren will, muss eine Frage beantworten. Die Frage muss so sein, dass die Bischöflichen sie nicht beantworten können. Wer die richtige Antwort nicht weiß, wird in einen Dämon verwandelt und muss fortan im Untergrund sein Unwesen treiben. Nur die Eurigen können Eure Fragen richtig beantworten und werden die Brücke passieren. Wer dagegen den Bischöflichen getreu sein will, wird seinem Schicksal nicht entkommen. Somit wird die Brücke Euch gehören und Ihr werdet die Einnahmen kontrollieren.«

Heinrich: »Oh! Ah! Klingt ja ganz gut! Da ist doch ein Haken dabei?«

Dämon (grinst verschlagen): »Nichts gibt’s umsonst, mein lieber Heinrich! Wir teilen uns die Einnahmen, jeder die Hälfte. Einverstanden?«

Heinrich war durchaus gewogen, den Vorschlag anzunehmen. Bevor er die Brücke niederbrennen würde und dann eine neue bauen lassen müsste… Allerdings geboten ihm der gesunde Menschenverstand und die Vorsicht, vorher noch ein wenig zu recherchieren. Woher kam denn zum Beispiel plötzlich dieser Dämon? Konnte er sich ausweisen? Konnte man sich auf ein Geschäft mit ihm einlassen? Was konnte passieren, wenn etwas schieflief? Daher bat er den Dämon um eine Frist, um die Sache zu überdenken. Der war hinwiederum daran interessiert, den Handel zügig abzuschließen.

Gevatter Dämon: »Überdenkt Ihr die Sache gut! Das Angebot ist nicht für ewig gültig! Nehmt Ihr das Angebot nicht an, wird ein anderes Angebot dem Bischof zugehen, welches für Euch nicht zuträglich sein wird. So bedenkt es, jedoch denkt schnell!«

Heinrich: »Wie lange habe ich denn Zeit?«

Gevatter Dämon: »Übermorgen um Mitternacht am Heiliggeist-Friedhof soll die Sache geregelt sein! Erscheint Ihr nicht dort, so sei es null und nichtig!«

Ein Pakt auf dem Heiliggeist-Friedhof

Nun hatte sich Heinrich der Löwe auf das dunkle Geschäft eingelassen und musste zum vereinbarten Treffpunkt erscheinen!

Dass auf dem Heiliggeist-Friedhof zu Mitternacht Gespenster umgingen, war allseits bekannt. Darum nahm Heinrich der Löwe vorsichtshalber den Löwen mit. Sein Schwert hatte er natürlich auch dabei, da er sich an den Kampf zwischen Löwe und Drache erinnerte, bei welchem durch sein mutiges Eingreifen der Löwe gerettet worden war. Wer weiß, ob er es gegen den Dämon ziehen werden müsste …

Als die Kirchenglocke zwölfmal schlug, trat in der Tat allerlei gespenstisches und zwielichtiges Volk hervor. Heinrich, der nicht an Gespenster glaubte, hielt die Erscheinungen für Vampire. Gut, dass er sein hochgeschlossenes Kettenhemd angelegt hatte. Um den Löwen fürchtete er anfangs, beruhigte sich aber, nachdem jener einem aufdringlichen Vampir sein Missfallen bekundet hatte, indem er den Störenfried mit einem mächtigen Prankenhieb in mehrere Vampirteile zerlegt hatte.

Heinrich hatte eine List erdacht, um den Dämon zu übervorteilen, denn ehrlich zu teilen war gegen seine Natur. Er würde zum Schein auf den Plan eingehen und mit dem Dämon den »Brücken-Pakt« schließen. Allerdings würde er sich vorbehalten, die Fragen zu stellen. Zur Begründung würde er angeben, dass nur er sich solche Fragen ausdenken könnte, die den Bischöflichen nicht verdächtig vorkämen. Dabei würde er dann eine Frage stellen, die der Dämon nicht beantworten könnte und somit würde der Dämon Opfer seiner eigenen List und in die Fluten gestürzt.

Was aber sollte er tun, wenn der Dämon nicht »auf der Brennsuppe daher geschwommen« kam und sich schon auf alle Arten von Listen vorbereitet hätte? Und wenn der hinterlistige Dämon seinerseits etwas im Schilde führte, das dann ihn, Heinrich, übervorteilte und letztendlich alles gute Geld vom Salzhandel in dessen eigene Tasche spülte? Er hätte vorher Erkundigungen einziehen sollen … für diesen Handel nahm er sich vor, auf Regeln zu bestehen, die einzuhalten wären – andernfalls die Brücke eben doch niedergebrannt werden müsste. Über solchen Überlegungen wurde es viertel eins – und noch immer vom Dämon keine Spur! Der Dämon kam wohl absichtlich zu spät, dachte Heinrich. Wohl, um ihn durch die ungemütliche Umgebung einzuschüchtern, so dass er, Heinrich, ohne Zögern und Zaudern auf seine Bedingungen einginge! Keine Unpünktlichkeiten! Das wäre schon einmal die erste Regel!

Erst kurz vor Ablauf der Geisterstunde erschrak er, als ihm ein Gespenst in »klassischer Gestalt«