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Nachdem Tim und Ogar durch die Eingeweihten vor Toron gerettet worden sind, schmieden sie einen Plan, wie sie Tim helfen können, wieder nach Hause zu kommen. Dazu brauchen sie den Ring der Macht. Doch nicht alles verläuft so, wie sie es sich wünschen und obwohl es zunächst so scheint, dass sie ein großes Unheil verhindern können, ergeben sich weitere Probleme. Tim und seine Freunde setzen alles daran, dass Tim zur Pforte des Lichts gelangen kann. Aber gelingt es ihnen? Kann Tim den Kampf gegen den Golianer gewinnen? Und kann er Torons Fängen entwischen, der ihn noch immer sucht?
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Claudia C. Knauer
MURA Band 3 – Tim und der Ring des Wächters
Fantasy-Roman
1. Auflage 2026, © Claudia C. Knauer
Autorin: Claudia C. Knauer
Texte, Karten und Umschlaggestaltung: Claudia C. Knauer, Köln
E-Book, epubli-Verlag, 2026
Alle Rechte vorbehalten
Claudia C. Knauer
Band 3
MURA
Tim und der Ring des Wächters
Fantasy-Roman
Nachdem Tim und Ogar durch die Eingeweihten vor Toron gerettet worden sind, schmieden sie einen Plan, wie sie Tim helfen können, wieder nach Hause zu kommen. Dazu brauchen sie den Ring der Macht. Doch nicht alles verläuft so, wie sie es sich wünschen und obwohl es zunächst so scheint, dass sie ein großes Unheil verhindern konnten, ergeben sich weitere Probleme. Tim und seine Freunde setzen alles daran, dass Tim zur Pforte des Lichts gelangen kann. Aber gelingt es ihnen? Kann er den Kampf gegen den Golianer gewinnen? Und kann er Torons Fängen entwischen, der ihn noch immer sucht?
INHALT
Die Höhle des Drachen5
Die Zitas13
Die Überraschung36
Das Versteck59
Die grüne Murana75
Das goldene Ei91
Der Sturm112
Die Energiestraße136
Der Plan der Golianerin164
Der Weg zur Pforte182
Das Sternenschiff204
Die Sabotage231
Piluna249
Der Kampf263
Impressum283
Die Höhle des Drachen
Tim begann zu gähnen, er war so unendlich müde. Er wollte so gern schlafen. Mit großen Augen sah er den Drachen an, der plötzlich gar nicht mehr so furchtbar war und auch nicht mehr so groß. War es überhaupt ein Drache? Seine Augenlider wurden schwerer und schwerer. Schlafen, einfach nur schlafen. Unter größter Anstrengung versuchte er die Augen offenzuhalten. Tim schwankte und seine Augenlider fühlten sich an, als würden Bleigewichte auf ihnen ruhen, doch er hielt die Augen offen und sah – warum sah er plötzlich eine muritianische Frau? Nein, hier war keine Frau. Wie sollte überhaupt eine Frau hierher kommen? Das konnte doch nicht sein! Nein! Es war der Drache! Tim riss sich zusammen und schüttelte das Trugbild ab. Mit aller Macht stemmte er sich gegen den übermenschlichen Willen des Drachen. Der Golianer durfte einfach nicht gewinnen. Nein! Abrupt ließ Tim den Stein los, der sich in der gedehnten Schlaufe seiner Fernbedienung befand. Nur knapp verfehlte er sein Ziel. Der Stein sauste haarscharf am Kopf des Drachen vorbei, prallte von der dahinterliegenden Wand ab und fiel auf etwas, das ein knackendes Geräusch von sich gab, als wäre etwas zerbrochen.
Der Golianer blickte sich überrascht um. Als er sah, was geschehen war, stieß er einen gellenden Schrei aus. Die Müdigkeit zerbarst in Tims Kopf wie eine übergroße Seifenblase und die grauen Gedanken von Schlaf und das Trugbild, das sich über die Wirklichkeit gelegt hatte wie ein etwas zu durchsichtiges Foto, hatten sich unvermittelt aufgelöst. Der ohrenbetäubende Schrei widerhallte in seinem Kopf, als wäre direkt neben ihm eine große Kirchenglocke angeschlagen worden.
Außer sich vor Wut richtete sich der Golianer zu seiner vollen Größe auf und breitete seine gigantischen Flügel aus. Der erste Teil von Tims Auftrag war jedoch erledigt. So furchterregend der Anblick des riesigen Ungetüms auch war, Tim jubelte innerlich, gleichwohl ihm das Herz fast aus der Brust sprang vor Aufregung und Angst. Jetzt musste er sich erstmal in Sicherheit bringen. Aber wie? Der Eingang zur Höhle war zu eng, das hatte er bei seinem genialen Plan nicht bedacht.
Urplötzlich stürzte sich der Golianer auf ihn. Doch damit hatte Tim ja gerechnet. Geschickt wich Tim dem Angriff aus, indem er sich bückte und einen scharfen Haken nach oben flog, knapp an den ausgebreiteten Flügeln des riesigen Wesens vorbei, das mit seinen ausgestreckten Krallen beinahe seine Füße streifte. Schnell erhaschte Tim einen Blick auf das Lager des Drachen. Da! Zwischen dunkelgrün glitzernden ovalen Kieselsteinen funkelte der schwach leuchtende goldene Ring. Einer der Steine schien zerbrochen zu sein und eine helle Flüssigkeit trat heraus. Tim blieb keine Zeit, um darüber nachzudenken. Blitzschnell sauste er zum Lager des Golianers, schnappte sich den Ring und flog geradewegs zu dem zweiten Durchgang, der hinter dem Lager lag. Er hörte, wie der Drache einen zweiten markerschütternden Schrei ausstieß, doch er blickte sich nicht um. Er wusste, dass Ogar, Lekaro und der Wächter in die Höhle des Golianers gestürmt waren.
Hastig preschte Tim in die angrenzende Höhle. Langsamer werdend flog er eine Runde durch das riesige ovale Gemach, dessen Wände in grünem Licht schimmerten. Das Blut pochte ihm in den Ohren und sein Herz hämmerte so wild gegen seine Brust, dass er Mühe hatte zu atmen. Fest presste er seine Faust um das mühsam errungene Diebesgut und hätte jubeln können, wenn nur seine Beine nicht noch immer wie verrückt zittern würden. Er versuchte, sich zu beruhigen, indem er bewusst langsam ein- und ausatmete, und allmählich nahm er mehr und mehr Einzelheiten um sich herum wahr. An den Seiten der grünen Höhle waren Nischen eingelassen, die wie bequeme Riesenstühle aussahen. Nie zuvor hatte er etwas ähnliches gesehen und er fragte sich, welchem Zweck sie wohl dienen konnten.
Wieder schrie der Drache unfassbar laut. Erschrocken zuckte Tim zusammen und drehte sich zum Eingang um. Er sah den Wächter in der angrenzenden Höhle mit dem Rücken zum Eingang stehen. Sein Stab wirbelte durch die Luft. Doch der Drache war nicht da. Wohin war er verschwunden? Vorsichtig näherte Tim sich dem Eingang.
Der Wächter hieb unermüdlich mit seinem Stab in die Luft. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich Lekaro und Ogar an der gegenüberliegenden Seite auf, um kurz darauf wieder ins Nichts zu verschwinden. Tim wollte schon an seinem Verstand zweifeln, da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Der Golianer war unsichtbar!
Abrupt blieb Tim stehen und starrte wie gebannt auf das Geschehen, während sein Herz erneut so heftig gegen seine Brust trommelte, als würde es ihn anfeuern wollen, hier schleunigst zu verschwinden. Der Wächter hieb unablässig auf die Luft vor sich ein. Immer wieder tauchten Lekaro und Ogar für den Bruchteil einer Sekunde an der hinteren Höhlenwand auf und wurden im nächsten Moment wieder vom Nichts verschluckt. Der Wächter schien den Drachen jedenfalls sehen zu können, denn er wirbelte den Stab wie im Zeitraffer durch die Luft und hieb unablässig auf sein unsichtbares Ziel ein.
Dann stieß der Drache jäh einen gellenden Schrei aus und die Bewegungen des Wächters wurden langsamer. Tims Ohren schmerzten, so laut war der Schrei des Drachens gewesen. Im selben Moment wich der Wächter nach links aus und verschwand aus dem Sichtfeld Tims, der sich viel zu nah an den Eingang gewagt hatte, um das Schauspiel des Kampfes zu verfolgen. Kurz darauf erschien wie in Zeitlupe und scheinbar aus dem Nichts heraus der Golianer im Eingang zur Höhle.
Die riesige Gestalt wankte, fiel auf die Vorderpranken und stieß mit dem Kopf gegen den Eingang. Vor Schmerz riss der Drache sein riesiges Maul auf und brüllte erneut. Diesmal so laut, dass Tim sich automatisch die Ohren zuhielt. Eine helle Flüssigkeit tropfte aus seinen großen Nasenlöchern. Doch der Golianer rappelte sich wieder auf und Tim sah, wie der gewaltige Drache auf seinen Hinterbeinen in das grüne Gemach getorkelt kam. Im Gehen breitete er die Flügel aus und versperrte mit seinem massigen Körper den einzigen Fluchtweg für Tim. Panisch sah Tim sich um. Es gab hier keinen weiteren Ausgang. In diesem Raum saß Tim in der Falle. Hektisch drehte Tim sich um und verkroch sich ängstlich in der nächstliegenden Wandnische.
Es war kein besonders gutes Versteck. Lena hätte ihn sofort gefunden. Tim kauerte in der Nische und zitterte wie Espenlaub am ganzen Körper. Vor Angst biss sich Tim auf die Unterlippe. Er vergrub sein Gesicht in den Händen, als würde die Dunkelheit ihm helfen und ihn besser verbergen können.
Vorbei, dachte er. Gleich ist es vorbei. Und schon sah er vor sich das riesige Gebiss des Golianers mit den spitzen gefährlichen Zähnen. Zeitgleich hörte er einen dumpfen Aufprall. Der Boden unter ihm erzitterte und weil es plötzlich so still war, nahm Tim die Hände vorsichtig herunter und lugte aus seinem Versteck.
Der übergroße Kopf des Drachen lag direkt neben Tim. Tim konnte nur eines der Augen sehen. Der Golianer hatte das Auge halb geschlossen, doch seine große Pupille hatte sich auf Tim gerichtet. Tim zog sofort seinen Kopf wieder zurück, schloss zitternd seine Augen und traute sich kaum zu atmen. In diesem Moment zog etwas an seinem Arm. Tim glaubte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Doch als er die Augen aufschlug, blickte er zu seiner Erleichterung in die Augen des Wächters.
„Komm“, befahl der Wächter knapp und zog ihn mit einer Leichtigkeit aus der Nische heraus, als wäre er ein Strohpüppchen. Willenlos ließ Tim sich auf die Füße ziehen, schweigend gab der Wächter ihm zu verstehen, in die Hocke zu gehen und Tim verstand. Lang ausgestreckt lag der Golianer auf dem Boden der ovalen Höhle und versperrte mit seinem massigen Körper einen Teil des Eingangs zur angrenzenden Höhle. Vorsichtig flog er über das riesige Wesen, das seine Augen nun ganz geschlossen hatte. Ob es wohl tot war? Irgendwie tat der Golianer ihm leid, doch er verscheuchte das Gefühl sofort wieder. Der Wächter wartete, bis Tim sicher in der angrenzenden Höhle angelangt war, und sprang dann so behände über den massigen Körper des Drachen, als wäre das Hindernis nicht größer als ein Grashalm.
Lekaro und Ogar erwarteten ihn schon an der hinteren Wand der Schlafhöhle. Bei ihnen stand ein Grüppchen kleiner Gestalten, die sich nicht vom Fleck rührten. Ogar schloss Tim in seine Arme und strubbelte ihm durchs Haar. Die Erleichterung war ihm ins Gesicht geschrieben. Lekaro nickte ihm zu und schenkte ihm ein Lächeln, dann drehte er sich wieder zu den kleinen Gestalten um und redete auf sie ein. Es mussten die Kinder sein, die der Golianer entführt hatte. Sollten sie nicht längst schon geflüchtet sein? Die Kinder standen jedoch da, als wären es kleine Schaufensterpuppen. Sie starrten mit leerem Blick durch Lekaro, Ogar und Tim hindurch, als wären die drei ebenso unsichtbar wie der Drache eben im Kampf mit dem Wächter.
Ogar schüttelte eines der Kinder sachte an der Schulter. Es war ein kleines Mädchen. Seine blonden Zöpfe pendelten hin und her, doch es behielt seinen starren Blick und sah durch Ogar hindurch. Was war nur los mit den Kindern? Lekaro und Ogar sahen sich hilflos an. Die Kinder zeigten keine Reaktion, sie würden nirgendwo hingehen. Wie aber sollten sie die Kinder hier hinausschaffen?
Schließlich hatte der Wächter die rettende Idee. Er bot Lekaro an, die Kinder zum Eingang am Fuße des Berges zu bringen. Lekaro war sofort damit einverstanden, warf jedoch einen skeptischen Blick zu dem Drachen hinüber, der sich nicht mehr regte. Der Wächter versicherte Lekaro, dass von dem Golianer vorerst keine Gefahr ausging. Und los ging es. Der Wächter schnappte sich das Mädchen mit den blonden Zöpfen und nahm es vorsichtig auf seine Arme. Ogar flog dem Wächter hinterher, um sich draußen um die Kinder kümmern zu können, denn die Nacht musste schon angebrochen sein. Die Kraft, eines der Kinder bis zum Ausgang zu tragen, besaß Ogar nicht. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Wächter wiederkam, denn er konnte ja nicht wie der Blitz durch die Gänge sausen, sondern musste Ogar hinterhergehen, der ihm den Weg wies. Unterdessen war Lekaro mit Tim in der Schlafhöhle des Golianers geblieben, um die Kinder zu bewachen und aufzupassen, dass sich der Drache nicht wieder regte. Nach weiteren erfolglosen Versuchen, die Kinder zur Flucht zu überreden, bezog Lekaro seinen Posten im Eingang zum grünen Gemach. Tim hatte die Flugschuhe deaktiviert und stand bei den Kindern, die auf ihn wie große Puppen wirkten. Ihr Blick war starr und leer und sie erinnerten ihn an Roboter, die man einfach abgeschaltet hatte. Schließlich wandte er sich von den Kindern ab und ging zu Lekaro hinüber. Vorsichtig öffnete er seine Faust und hielt ihm den Ring mit dem gelben Stein hin.
„Wie haben es tatsächlich geschafft, Tim“, sprach Lekaro leise und mit sichtlich bewegter Stimme, wobei er lächelte und Tims Hand sacht von sich weg schob. „Du musst den Ring der Macht behalten und beschützen, bis wir wieder in der Station sind.“ Als er Tims fragenden Blick sah, fügte er hinzu: „Ich trage bereits einen der mächtigen Ringe der Namurianer. Es ist nicht gut, wenn einer von uns zwei dieser Ringe trägt.“
Tim verstand und nickte. Wortlos schob er den goldenen Ring mit dem zitronengelben Stein in seinen Hüftgurt hinein und schlenderte hinüber zu den Kindern. Endlich kam der Wächter wieder und holte das nächste Kind.
Die Zitas
Plötzlich fiel Tim die glitzernde grüne Wand wieder ein, die er sich vorhin gern näher angesehen hätte, bevor der Drache erwacht war. Vorsichtig ging er darauf zu. Die Wand gab ein geheimnisvolles Leuchten von sich. Er legte seine Hand an die glitzernde Wand und staunte. Sie fühlte sich nicht wie Stein an, sondern weich und warm und sonderbar vertraut, so wie die Wände der Großen Spinne und die der Ruinen in der Alten Stadt. Sein Blick wanderte nach oben und er sah eine Reihe von Vertiefungen, etwa einen Meter über seinem Kopf. Sofort aktivierte er die Flugschuhe und flog nach oben. Verblüfft schaute er auf eine Reihe weißer Murmeln, die in den meisten der runden Vertiefungen steckten. Was hatte das zu bedeuten? Warum steckten hier Murmelm in den Löchern? Oder waren es gar keine Murmeln?
Fasziniert betrachtete Tim die runden kleinen Kugeln in den Vertiefungen der glitzernden Wand, die ihn an das Solitär-Brettspiel erinnerten, das sein Vater so gern spielte. Zu dem Spielbrett seines Vaters gehörten 38 wunderschöne glattgeschliffene Edelsteinmurmeln, die in die runden Öffnungen im Spielbrett gelegt werden mussten. Vielleicht kam daher Tims Faszination für Murmeln, denn für Tim gab es nichts Schöneres als seine Murmelsammlung. Alle Murmeln, die er besaß, waren etwas Besonderes, eigene Welten, in die er in Gedanken reisen konnte. Sogar hier nach Mura hatte er ein paar seiner Murmeln mitgenommen und trug sie die ganze Zeit mit sich herum. Tim kramte die Glasmurmel mit den hellblauen Sprenkeln hervor und musste sofort an Maia denken. Was sie wohl sagen würde, wenn sie ihn hier in dieser Höhle sehen könnte?
Neugierig schaute Tim sich die hellen, perlfarbenen Murmeln in der Wand näher an und verglich ihre Größe mit der seiner blauen Murmel. Er fragte sich, ob es wohl ein Murmelspiel für Golianer war, denn Tims Murmeln hatten etwa die gleiche Größe wie die runden Kugeln in der Wand
Tim blickte nach unten. Der Wächter war wiedergekommen und hatte das nächste Kind mitgenommen. Tim seufzte. Das konnte dauern. Zwanzig Kinder noch. Er musterte die kleine Schar, doch die Kinder standen unverändert an ihrem Platz und rührten sich nicht. Von hier oben wirkte das Bild der unbeweglichen Kindergruppe noch unheimlicher. Im Moment konnte er den Kindern nicht helfen.
Also wandte er sich zu der Perlenreihe um und strich neugierig mit der Hand über die hellen Murmeln des Golianers, doch es geschah nichts. Er betastete eine der hellen Kugeln, die in der Wand steckten. Sie fühlte sich glatt und kühl an, genauso wie die Glasmurmel in seiner Hand.
Dann nahm er seine blaue Murmel und steckte sie vorsichtig in eine der Vertiefungen. Sie passte! Doch außer, dass die Murmel stecken blieb, passierte überhaupt nichts. Mmh. Tim versuchte, seine Murmel wieder aus der Wand zu ziehen, aber es gelang ihm nicht. Sie haftete so fest in der Wand, als wäre sie in der Vertiefung festgeklebt. Tims Murmel steckte fest und so sehr er daran zog, er bekam sie einfach nicht mehr aus dem runden Loch heraus.
Dann griff er mit Daumen und Zeigefinger eine der hellen Kugeln des Golianers und zog daran, doch auch diese schien festgewachsen zu sein.
Der Wächter kam wieder hereingesaust und holte das nächste Kind. Noch neunzehn Kinder, dann konnten sie endlich von diesem düsteren Ort verschwinden. Tim drehte sich um, die Kinder würden sicher nirgendwo hingehen.
Die Kugeln ließen ihm keine Ruhe. Es war ihm ein Rätsel, wieso er seine blaue Murmel nicht mehr aus der Vertiefung in der Wand herausbekam. Wenn er es irgendwie schaffen konnte, sie zu befreien, würde es ihm vielleicht auch gelingen, die hellen Kugeln des Golianers herauszubekommen. Er zählte die Kugeln. Es waren exakt 22.
Merkwürdig, diese Zahl kam ihm so bekannt vor. Natürlich!
Es waren 22 Kinder in Mura entführt worden! Also mussten die Kugeln etwas mit den Kindern zu tun haben. Nur was? Tim musterte die Wand. Sie bot für mehr als 22 Kugeln Platz und sie hielt auch seine Murmel fest. Tim ließ von der Wand ab. Der Wächter war bereits wieder zurück und schnappte sich das nächste Kind, um es nach draußen zu bringen. Tim flog hinüber zum Lager, wo er vorhin den Ring aufgehoben hatte. Nachdenklich blickte er auf die großen glitzernden Kieselsteine. Wieso war einer von den Steinen eigentlich zerbrochen?
Tim zückte seine Stablampe aus der Hosentasche und beleuchtete den zerbrochenen Stein. Im Lichtschein der Lampe wurde deutlich, dass es überhaupt kein Stein war. Das ovale Gebilde hatte eine dunkle dünne Schale, die entzwei gegangen war. Es war ganz eindeutig ein Ei!
„Lekaro!“, rief er und erschrak über seine laute Stimme. Lekaro kam sofort angelaufen.
„Was ist?“, fragte er.
Stumm deutete Tim auf das zerbrochene Ei. Lekaros Augenbrauen hoben sich vor Erstaunen, als er seinen Blick auf das Lager des Golianers richtete. Er erkannte es auch sofort. Dort lagen keine Steine, es war auch kein Lager, es war ein Nuest! Tim hatte die Eier des Golianers entdeckt!
Wieder kam der Wächter wie der Blitz in die Höhle gesaust und nahm das nächste Kind mit. Die anderen Kinder standen mit leeren Blicken in der dunklen Ecke der Höhle.
Lekaro war so überrascht, dass er zunächst gar nichts sagen konnte. Tim sah Lekaro an, dass dieser fieberhaft überlegte.
„Was machen wir jetzt?“, flüsterte Tim zaghaft.
Lekaro zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Tim. Niemand hat je darüber nachgedacht, dass der Golianer eine Frau“, Lekaro stockte, „ich meine, eine Golianerin sein könnte.“
Er blickte über die Schulter in das grüne Gemach hinüber, wo die Golianerin hingestreckt lag und sich nicht rührte. „Wir müssen jedenfalls schnell handeln. Ich glaube nämlich nicht, dass sie sterben wird.“
„Meinst du?“, fragte Tim zweifelnd.
Lekaro nickte. „Der Wächter ist nicht auf Töten programmiert. Er kann zwar kämpfen, aber nicht töten. Er ist darauf trainiert, einen Gegner kampfunfähig zu machen. Er könnte niemals jemanden töten, verstehst du?“
Tim nickte und schaute in das besorgte Gesicht Lekaros.
„Und was machen wir mit den Eiern?“, wollte Tim nun wissen. Er konnte sich gut vorstellen, dass es eine Katastrophe für Mura wäre, wenn die Golianerin so viele kleine Drachen aufziehen würde. Lekaro nickte. Er schien Tims Gedanken erraten zu haben.
Lekaro nahm Tims Schleuderstein, der noch zwischen den Eiern lag und begann zögernd, auf das nächste Ei einzuschlagen. Krack. Eine helle Flüssigkeit lief aus der aufgebrochenen Schale hervor auf das untergelegte Laub. Traurig sah Tim zu. Ihm fiel jedoch auch keine andere Lösung ein. Wenn die Golianerin erwachte und ihre Eier ausbrüten würde, könnte das für Mura den sicheren Untergang bedeuten.
Unermüdlich zerschlug Lekaro mit düsterem Blick ein Ei nach dem anderen. Während Tim Lekaro dabei zusah, holte der Wächter weitere Kinder und brachte sie schnell wie der Wind aus dem Berg hinaus. Als Lekaro schließlich auch das letzte Ei der Golianerin zerschlagen hatte, warf er den Stein so angeekelt von sich, als könne er selbst nicht fassen, was er gerade getan hatte. Seine Augen wirkten müde und traurig.
Noch zehn Kinder standen in der Höhle, als der Wächter auftauchte und sich wieder eines auf die Arme lud. Sie taten Tim leid. Lekaro hatte seinen Posten an dem Eingang zum grünen Gemach wieder eingenommen und Tim gesellte sich zu ihm. Nachdenklich blickte Tim auf die grüne Höhle.
„Was ist das?“, Tim zeigte auf die Nischen an den Wänden.
„Ich weiß es nicht“, murmelte Lekaro, der in Gedanken versunken schien, „es sind 22. Ich habe sie vorhin gezählt.“
In Tims Kopf begann es sofort zu arbeiteten. 22 Kinder, 22 Murmeln, 22 Nischen. Er flog zum Nest zurück und es kostete ihn einiges an Überwindung, die zerbrochenen Eier zu zählen. 21. Vielleicht hatte er sich verzählt, egal. Er mochte die zerstörten Eier im Nest nicht länger anschauen, daher wendete er sich schaudernd ab. Immerhin war die Golianerin kein Tier und ihre Eier – nein, er mochte jetzt nicht weiterdenken. Sein Blick fiel auf die muritianischen Kinder. Acht standen noch dort. Es war, als würden sie mit offenen Augen schlafen. Da kam abermals der Wächter und nahm eines der Kinder mit.
Erneut betrachtete Tim die grüne Wand. Was hatte die Golianerin mit den Kindern angestellt? Tim wusste von Pia, dass die Golianer eine hochentwickelte intelligente Spezies waren. Als sie Krieg mit den Namurianern führten, hatten sie es vor allem auf die Kinder abgesehen. Tim grübelte. Die Kinder waren der Schlüssel. Die Golianer benutzten die Kinder für die Aufzucht ihrer Nachkommen. Vielleicht hatte es etwas mit dem Bewusstsein oder den Gedanken der Kinder zu tun. Mmh. Konnten die Golianer das Bewusstsein stehlen? Doch wie war das möglich? Tim flog noch einmal hinauf zu den Kugeln in der grünen Wand.
Gedankenverloren drückte er mit dem Zeigefinger auf seine Murmel, die so wie die hellen Kugeln in der grünen Wand feststeckte, als wäre sie dort festgewachsen. Da war wieder der Wächter. Tim ließ die Murmel los. Doch kaum hatte er seinen Finger von der Murmel gelöst, fiel diese scheppernd auf den Höhlenboden. Lekaro blickte sich erschrocken um. Das Geräusch hallte um ein Vielfaches verstärkt durch die Höhle. Tim sauste schnell seiner Murmel hinterher, die davon gerollt war.
„Ich hab’s!“, rief Tim plötzlich und zog den Kopf kurz ein vor Schreck über den lauten Widerhall seiner Stimme.
Fast hätte er ein Freudentänzchen aufgeführt. „Ich hab’s, ich hab’s!“, flüsterte er stattdessen immer wieder aufgeregt vor sich hin, während er seine Murmel in seinen Hüftrucksack zurückschob und zu den weißen Perlen zurückkehrte. Hastig drückte er seinen Zeigefinger auf eine der geheimnisvollen hellen Kugeln. Und als er den Finger hob, löste sich diese Kugel genau wie seine Murmel vorher und rollte auf seine Hand, die er sicherheitshalber darunter gehalten hatte. Sie fühlte sich sogar so ähnlich an. Vorsichtig steckte er die helle Kugel zu den Steinen und seiner blauen Murmel in seinen Hüftrucksack.
Lekaro war herübergekommen, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und beobachtete neugierig, was Tim dort oben trieb.
„Ich erklär es später“, sagte Tim und löste nach und nach alle Kugeln aus der grünen Wand. Als er fertig war, sah er den Wächter hereinkommen. Nur noch ein Kind war übriggeblieben. Wenn der Wächter zurückkam, konnten sie die Höhle der Golianerin endlich verlassen.
***
Tief in der Nacht durchquerten Tim und Lekaro das scheinbar unendliche Gewirr der Gänge, die sich durch die mächtigen Berge des Osur-Gebirges zogen. Tim konnte sich kaum noch auf seinen Flugschuhen halten, als sie endlich aus dem letzten finsteren Gang in die Freiheit flogen. Die frische Nachtluft belebte Tims Lebensgeister so sehr, dass er jubelnd einen Salto vor dem Eingang flog und sich jauchzend ins nachtdunkle Gras neben einen dicken Felsen plumpsen ließ. Er war so glücklich und erleichtert, endlich der Enge des Berges entkommen zu sein, dass plötzlich alle Müdigkeit von ihm abgefallen war und die Erschöpfung wie weggewischt schien.
Die Nacht war längst hereingebrochen und Tim sah staunend zum Sternenzelt hinauf. Über ihm glitzerten tausende Sterne am Firmament, quer über den Himmel zog sich ein pink eingefärbter Streifen, in dem die Sterne funkelten wie eingefasste Edelsteine und ein großer blauer Mond hing wie eine gigantische, bläulich eingefärbte Zitronenscheibe über dem Horizont der weiten Ebene, die sich im zarten blauen Licht des Himmelstrabanten badete. Verwundert betrachtete er den fremden Himmelskörper. Er wusste zwar, dass dieses kreisrunde Gebilde der zweite Mond Tamurats war und sein Name Moros lautete. Doch nie zuvor hatte Tim den Sternenhimmel von Tamurat in all seiner Pracht gesehen. Tim atmete tief die kalte Nachtluft ein und bestaunte den überirdisch schönen Anblick.
Lekaro stand ein paar Schritte abseits und sprach mit jemandem über das Sip, vermutlich mit Miduna oder Gwen. Die Kinder hatte der Wächter unter einem Felsvorsprung abgeladen und hatte sich nun vor dem Eingang zum Höhlensystem postiert, um Wache zu halten. Rechnete er damit, dass die Golianerin wieder erwachte und herauskam? Er wollte sich gar nicht vorstellen, was geschah, wenn sie entdeckte, was mit ihren Eiern geschehen war. Tim lief bei diesem Gedanken ein eiskalter Schauer über den Rücken. Doch was geschehen war, war geschehen und er verbot sich das Gefühl der Reue, das in ihm aufsteigen wollte.
Mitfühlend betrachtete er die reglosen kleinen Gestalten nahe am Berg. Ogar hatte sich zu den Kindern gesellt. Er hatte seinen Mantel ausgezogen und ihn um drei der Kinder gezurrt, die ganz vorn standen. Tim streifte die Tabadorek-Schuhe ab, rappelte sich auf und ging zu Ogar hinüber. Die Kleinen standen eng zusammengedrängt und zitterten vor Kälte. Ihre Lippen bebten, doch ihre Augen blickten noch immer ins Leere. Tim zog wortlos seinen Reisemantel aus und reichte ihn Ogar. Ein feines Lächeln umspielte dessen Mund, als er den Mantel entgegennahm und um zwei der Kinder schlang, die ihm am nächsten standen.
„Meinst du, wir können ihnen helfen?“, fragte Tim leise, ohne den Blick von den Kindern zu wenden.
„Ich weiß es nicht, Tim.“ Ogar zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich habe noch nie ein Kind in einem solchen Zustand gesehen. Ein Schockzustand kann es nicht sein, denn er hält meines Wissens nicht so lange an. Immerhin sind die Kinder schon eine ganze Weile beim Golianer gewesen und Kinder finden sich schneller mit neuen Lebensumständen ab als Erwachsene.“
Beim Wort Golianer fielen Tim wiederum die Eier ein, die er und Lekaro zerstört hatten. Doch er kam nicht dazu, Ogar etwas davon zu erzählen. Neben Lekaro erschien plötzlich eine helle Lichtsäule. Als sie sich auflöste, wurde ein großer Stapel Decken sichtbar. Tim lief hinüber zu Lekaro und erkannte, dass es keine Decken, sondern Reisemäntel waren. Tim half mit, sie den Kindern umzuhängen, die still und zitternd dastanden und alles mit sich geschehen ließen. Tim nahm seinen Reisemantel wieder an sich, denn die Nacht war kühl.
Wenige Schritte von den Kindern entfernt hatten Ogar und Tim sich auf einen niedrigen Felsen gesetzt. Unter Ogars Augen hatten sich tiefe, dunkle Schatten gebildet. Lekaro hatte sich zum Wächter gesellt und unterhielt sich leise mit ihm. Ogars Blick hing an den kleinen unglückseligen Geschöpfen. Er zermarterte sich das Hirn, wie er ihnen helfen konnte. Gedankenverloren kramte Tim in seinem Hüftgürtel und angelte vorsichtig eine der hellen Murmeln hervor.
Er hielt sie Ogar unter die Nase.
„Was ist das?“, fragte Ogar neugierig. Er zückte seinen Leuchtstab und betrachtete die kleine Murmel. Sie glitzerte wie eine kostbare Perle.
„Es ist eine Murmel der Golianerin“, witzelte Tim, denn er wusste ja, dass Ogar nicht mitbekommen hatte, was weiter in der Höhle geschehen war und was Lekaro und er entdeckt hatten.
Ogar blickte ihn verwirrt an. Ihm war anzusehen, dass er gerade nicht zum Scherzen aufgelegt war. In wenigen Worten erzählte Tim nun, was sie in der Höhle herausgefunden hatten, während der Wächter die Kinder nach draußen gebracht hatte. Staunend blickte Ogar auf die kleine Murmel. Lekaro war herübergekommen und sie rätselten gemeinsam, was es mit den Murmeln auf sich haben könnte.
Plötzlich fiel Lekaro etwas ein: „Gib sie mir mal, Tim. Ich will sie dem Wächter zeigen, vielleicht hat der eine Idee.“
Tim ließ die Murmel vorsichtig in Lekaros geöffnete Hand rollen. Schnurstracks lief Lekaro zum Wächter. Tim und Ogar folgten ihm. Als Lekaro seine Hand öffnete, um dem Wächter die Perle zu zeigen, wurden dessen Augen groß vor Staunen.
„Ich glaube, das ist eine Zita.“
Verständnislos blickten die drei den Wächter an. Der nahm die Murmel behutsam zwischen seine Fingerspitzen und hielt sie vor seine Augen. Dann nickte er und gab sie Lekaro zurück. „Was über die Zitas herausgefunden wurde, ist ein wohlgehütetes Geheimnis der Namurianer. Daher bitte ich euch, mit diesem Wissen sorgsam umzugehen.“
Der Wächter blickte Lekaro, Ogar und Tim in die Augen, wie um zu prüfen, ob sie verstanden hatten. Dann fuhr er fort: „Diejenigen, die herausgefunden hatten, was mit den namurianischen Kindern in der Gefangenschaft bei den Golianern geschah, wollten nicht, dass Panik unter der Bevölkerung ausbrechen würde. Für die Kinder, die gefangen worden waren, gab es nämlich kein Zurück. Man hatte entdeckt, dass die Golianer imstande waren, das Bewusstsein der namurianischen Kinder in kleine Perlen zu übertragen, die Zitas genannt wurden. In einer Zita ist die gesamte Energie des Bewusstseins eines Lebewesens enthalten. Je jünger das Lebewesen, umso weniger störende Erinnerungen enthält das Bewusstsein und umso reiner und mächtiger ist die Energie.“
Der Wächter schwieg einen Moment. Tim wollte gerade fragen, wozu die Golianer diese Energie benötigten, als er schon die Antwort erhielt.
„Die Golianer leiten die Energie einer mit Bewusstsein gefüllten Zita in eines ihrer eigenen Kinder.“
Ogar stöhnte vor Empörung und Lekaros Antlitz hatte sich in sorgenvolle Falten gelegt. Tims Blick fiel auf die kleine runde Perle in Lekaros Hand. Auch wenn es Tims Vorstellungsvermögen sprengte, wie es möglich sein konnte, das Bewusstsein eines Lebewesens in eine kleine Perle zu übertragen oder gar darin einzusperren, so begriff er doch, dass sich in dieser kleinen Kugel das Bewusstsein eines der Kinder befand, das noch immer unter dem Felsvorsprung stand, ohne sich zu rühren.
Schon sprach der Wächter weiter: „Die Zitas sind zweifellos einer der Schlüssel für die hohe Intelligenz der golianischen Kinder. Das Bewusstsein aller intelligenten Lebewesen besteht aus einer machtvollen Energie. Die Golianer haben entdeckt, wie sie diese Energie in die Zitas und schließlich auf ihre Nachkommen transferieren können. Ihre Kinder profitieren von der übertragenen Energie. Es gibt ihrer Entwicklung einen Sprung, den sie in der natürlichen Evolution erst nach vielen Jahrtausenden gemacht hätten. Ist der Übertragungsvorgang jedoch einmal abgeschlossen, so gibt es keine Möglichkeit mehr, das Bewusstsein der Kinder zurückzuholen. Es ist für immer mit dem Bewusstsein des golianischen Kindes verbunden.“
Tim konnte sich gut vorstellen, warum das Wissen über die Zitas geheim bleiben musste. Hätten die Namurianer damals gewusst, dass es für ihre Kinder kein Zurück geben würde, hätten sie wohl schnell ihre Zuversicht verloren. Die Kraft für den Widerstand kam vor allem aus der Hoffnung, ihre Kinder eines Tages befreien zu können.
„Die künstliche Steigerung ihrer Intelligenz“, setzte der Wächter hinzu, „ist vermutlich auch der Grund für die fehlende Empathie der Golianer. Völker, die sich auf natürlichem Wege zu einer solchen Blüte der Intelligenz aufschwingen, entwickeln unseres Wissens nach das entsprechende Mitgefühl für die Lebewesen in ihrer Umgebung.“
Lekaro und Ogar nickten. Unter normalen Bedingungen würde das Kind eines Golianers demnach auch nur durchschnittlich intelligent werden.
Tim versuchte zu verstehen, was der Wächter ihnen mitgeteilt hatte. Bei den Worten des Wächters waren in seinem Kopf Bilder von seinem eigenen Heimatplaneten aufgetaucht. Er sah gestrandete Wale, Mäuse und Affen in Käfigen und Delfine, die in kleinen Wasserbecken in Gefangenschaft gehalten wurden.
Tim kamen die Menschen in den Sinn, die sich auf der Erde für die bedrohten Tierarten einsetzten und sie zu beschützen versuchten. Es gab auch in seiner Welt Lebewesen. die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren und rücksichtslos ihre Umwelt zerstörten und Tiere töteten oder für ihren eigenen Vorteil einsetzten. Und diese Lebewesen waren keine Golianer, sondern Menschen!
Dann musste er unwillkürlich an die zerbrochenen Eier denken und schämte sich abgrundtief. War auch er ohne Mitgefühl? Immerhin hatte er dabei geholfen, intelligentes Leben zu vernichten. Schnell schüttelte er die Erinnerungen ab. Es war zum Wohle eines ganzen Volkes geschehen. Er durfte sich dafür keine Vorwürfe machen. Oder?
Lekaro unterbrach Tims Gedanken.
„Gibt es eine Möglichkeit, das Bewusstsein von den Zitas wieder auf die Kinder zu übertragen? Immerhin war der Übertragungsvorgang noch nicht abgeschlossen. Zumindest…“, unterbrach sich Lekaro selbst, „glaube ich das.“
Der Wächter zuckte mit den Schultern. Er wusste es nicht. Und er gab zu, dass auch die Informationen, die er zur Nutzung der Zitas hatte, nur rudimentär war – dennoch hatte Tim den Eindruck, dass der Wächter sehr viel mehr wusste, als er momentan preisgab. So wie Lekaro jetzt auch nicht erzählte, was er mit den Eiern der Golianerin angestellt hatte.
Aber irgendwie konnte Tim beide Seiten verstehen, immerhin hatte der Wächter das Geheimnis zu den Zitas gelüftet. Und Lekaro wusste, dass der Wächter ihm niemals geholfen hätte, das Gelege der Golianerin unschädlich zu machen. Vielleicht hätte der Wächter ja auch die Eier in einen Tiefschlaf versetzen können? Tim ärgerte sich, dass ihm der Gedanke nicht früher gekommen war. Jetzt war es jedenfalls zu spät – aber vielleicht – vielleicht war es ja noch nicht zu spät für die muritianischen Kinder, möglicherweise steckte ihr Bewusstsein noch in den Murmeln.
Tim schaute zu der Gruppe der kleinen Kinder und fragte sich, zu welchem wohl diese Perle gehörte.
„Ich habe eine Idee“, sprach Ogar, der wohl den gleichen Gedanken hatte wie Tim, und angelte behutsam die Perle aus Lekaros Hand. Er ging zu den Kindern hinüber, beugte sich zum erstbesten Kind hinab und hielt ihm die Murmel direkt vor die Augen. Das Kind reagierte nicht. Es blickte nur weiter starr vor sich hin.
Ogar probierte es nochmals. Er hielt die Murmel vor die Augen des nächsten Kindes. Wieder nichts. Tim hatte keine Ahnung, was Ogar vorhatte, vielleicht hoffte er, dass das Kind, zu dem die Zita gehörte, diese irgendwie erkennen würde, was Tim sich wiederum nicht vorstellen konnte, denn die Kinder starrten noch immer vor sich hin, als würden sie mit offenen Augen schlafen. Doch Ogar versuchte es schon beim nächsten Kind und dann beim übernächsten. Und plötzlich, beim achten oder neunten Kind, schien sich die Perle zu bewegen. Eigentlich war es keine Bewegung, es war ein feiner Nebel, der sich um die Perle zu bilden begann.
Ogar hielt die Murmel noch dichter an das Gesicht des Kindes. Lekaro war nähergekommen und blickte neugierig über Ogars Schulter und Tim war baff. Denn als die Murmel fast die Nasenwurzel des kleinen Jungen berührte, begann sich der hauchzarte Nebel weiter zu verdichten. Ein feines Nebelband wanderte plötzlich von der Perle zur Stirn des Jungen. Es schien in die Stirn des Jungen einzudringen. Nur wenige Sekunden dauerte das Spektakel, dann war das Nebelband verschwunden.
Der Junge schloss jäh die Augen und sackte einfach in sich zusammen. Ogar griff sich geistesgegenwärtig den kleinen Körper, bevor er auf dem Boden aufschlug, und nahm ihn hoch. Ohnmächtig lag der Kleine in Ogars Armen.
Hilflos sahen Lekaro und Tim auf den Jungen. Was sollten sie tun?
Nur Ogar schmunzelte: „Ich glaube, er ist einfach nur erschöpft. Wenn er aus der Zita wirklich sein Bewusstsein zurückerlangt hat, war das für seinen kleinen Körper einfach zu viel und er hat sich für eine Weile abgeschaltet.“
„Das würde uns einige Probleme ersparen“, murmelte Lekaro kopfschüttelnd vor sich hin. Fragend sahen Ogar und Tim ihn an. Der Alte räusperte sich.
„Ihr wisst, dass ihr nach wie vor von den Bewachern gesucht werdet. Ihr könnt die Kinder also nicht einfach zurückbringen oder Bescheid sagen, dass jemand sie einsammeln soll. Und wenn ich sie zurückbringen würde, müsste ich sehr viele Fragen beantworten. Und kaum eine davon dürfte ich wahrheitsgetreu beantworten können.“
Ogar nickte zögerlich: „Aber wir dürfen die Kinder hier nicht einfach zurück lassen.“
Lekaro schüttelte energisch den Kopf. „Nein“, fuhr er fort, „wir werden alle Kinder in Sicherheit bringen und dennoch unser Geheimnis bewahren. Ich habe schon eine Idee, wie wir das anstellen können. Wartet einen Moment, ich bin gleich wieder da.“
Er zerrte seinen Transportring aus dem Hüftrucksack. Dann aktivierte er ihn und rief: „Rührt euch nicht von der Stelle!“
