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Wie wurde aus dem genialischen Nerd eine kettensägenschwingende Ikone der globalen Rechten?
Mit Paypal hat Elon Musk die Finanzbranche aufgemischt, mit Tesla den Markt für E-Autos revolutioniert, nach seiner Übernahme Twitter kurzerhand auf rechts gedreht. Im US-Wahlkampf 20204 schwang er sich zu einem der wichtigsten Einflüsterer Donald Trumps auf, anschließend machte er sich mit seiner Abteilung für Regierungseffizienz (DOGE) daran, den amerikanischen Staat zu zerlegen.
Wie wurde aus dem genialischen Nerd eine kettensägenschwingende Ikone der globalen Rechten? Um die Welt zu begreifen, die Musk erschafft, müssen wir die Welten verstehen, die Musk erschaffen haben. Quinn Slobodian und Ben Tarnoff zeichnen nach, wie sich im Silicon Valley um die Vorstellungen von Disruption und tollkühnen CEOs ein regelrechter Kult bildete, wie soziale Medien und Videospiele die Erzählung vom heldenhaften Einzelgänger etablierten und wie rassistische Memes und Verschwörungstheorien Eingang fanden in die Gedankenwelt des reichsten Menschen der Erde. Der Muskismus, so Slobodian und Tarnoff, ist ein frankensteinsches Monster des zeitgenössischen Kapitalismus.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2026
3Quinn Slobodian/Ben Tarnoff
Muskismus
Aufstieg und Herrschaft eines Technoking
Aus dem Englischen von Stephan Gebauer
Suhrkamp
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Die Originalausgabe erschien 2026 unter dem Titel Muskism. A Guide for the Perplexed bei Harper (New York).
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2026.
Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026© Quinn Slobodian/Ben Tarnoff, 2026
Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Umschlaggestaltung nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt
Umschlagabbildung: Quinn Slobodian und Ben Tarnoff unter Verwendung von Grok KI
eISBN 978-3-518-78492-1
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Einleitung: Ein Betriebssystem für das 21. Jahrhundert
I
. Foundation
1. Festungsfuturismus
Stadt der Zukunft
Die Welt in einem Kasten
Der Mech
No Future
2. Das Superset
Die Errichtung der Infomall
Finanzfabulismus
Der Ort, an dem alles Geld ist
Die digitale Konterrevolution
Die Siliziummonarchien
3. Souveränität als Dienstleistung
Im Windschatten von Uncle Sam
Eine agile Raumfahrt
Löschen und integrieren
Hinein in den Staat und gegen den Staat
Ein Unternehmen mit den Eigenschaften eines Landes
Die Erstürmung des Himmels
4. Elektrische Autonomie
Umfriedete Gärten
Der alte grüne Kapitalismus
Kein Krieg für Öl
Das neue Paradigma
Wie man eine Batterie baut
Gigafabrik gegen Globalisierung
Eine düstere grüne Zukunft
II
. Cyborg
5. Aufmerksamkeitsalchemie
Die Woken und die Trolle
Der Troll-Kapitalismus
Meme City
Eine Doge-Geschichte
Stonks! Schlimmer Fehler, erfolgreich
6. Kybernetische Kollektive
Zum Bot werden
Gedankenkontrolle
Superspreader-Events
7. Godwins Maschine
Die digitale Partei
Die Furcht vor einer woken
KI
Der MechaHitler
8. Der Staat X
Kybernetisches Regieren
Datenbasierte Allwissenheit
Schattenmenschen
Die rote Pille
Schluss: Vier Zukünfte des Muskismus
Anmerkungen
Einleitung: Ein Betriebssystem für das 21. Jahrhundert
I
. Foundation
1. Festungsfuturismus
2. Das Superset
3. Souveränität als Dienstleistung
4. Elektrische Autonomie
II
. Cyborg
5. Aufmerksamkeitsalchemie
6. Kybernetische Kollektive
7. Godwins Maschine
8. Der Staat X
Schluss: Vier Zukünfte des Muskismus
Dank
Informationen zum Buch
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Jeder hat eine Meinung zu Elon Musk: Er ist ein genialer Unternehmer, der die Menschheit in eine Science-Fiction-Zukunft führt. Er ist ein Herr der Memes auf Ketamin, bläst Spekulationsblasen auf und schwadroniert über Geburtenraten. Neuerdings ist er ein Handlanger der extremen Rechten, das Gehirn von Twitter und düsteren Prophezeiungen über eine Invasion von Migranten zerfressen.
Die Urteile sind sehr verschieden, aber in einem sind sich alle einig: Sie betrachten Musk als Individuum. Erlöser, Clown, Bösewicht, Drogensüchtiger. Aber gute Geschichtsschreibung blickt über die individuelle Psyche hinaus. Als wir beiden – ein Historiker und ein auf den Techsektor spezialisierter Autor – begannen, über dieses Buch zu sprechen, gelangten wir rasch zu der Überzeugung, dass man nicht fragen sollte: Wer ist Musk? Die nützlichere Frage lautet: Wofür ist Musk ein Symptom? Im Folgenden werden wir versuchen, diese Fragen zu beantworten. Dabei stützen wir uns auf das, was Musk öffentlich gesagt und getan hat. Unsere Quellen sind am Ende des Buches dokumentiert.
Vor einem Jahrhundert schrieb Henry Ford seine Memoiren, die den Titel My Life and Work erhielten. Bald darauf wurde ein Begriff geprägt: »Fordismus«. Ein einzelner Mann hatte einen neuen Commonsense hervorgebracht. Beim Fordismus ging es um mehr als um Autos, die vom Fließband liefen: Der Begriff wurde zu einem Synonym für den Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, der die Massenproduktion mit dem Massenkonsum verknüpfte.1
8Genauso behandeln wir Musk. Wie andere bereits festgehalten haben, ist er nicht einfach ein Mann, sondern der Avatar eines Weltverständnisses: des Muskismus.2 Musk selbst hat nie vom Muskismus gesprochen, so wie Ford nie vom Fordismus sprach. Wenn der Fordismus das Betriebssystem des 20. Jahrhunderts war, stellt der Muskismus in unseren Augen ein potenzielles Betriebssystem für das 21. Jahrhundert dar.
Wie der Fordismus ist auch der Muskismus ein Modernisierungsprojekt. Aber der Fordismus schrieb den Gesellschaftsvertrag mit dem Versprechen um, den Lebensstandard für alle zu heben: ein Auto in jeder Garage, ein Kühlschrank in jeder Küche, und mit der Produktivität würden auch die Löhne steigen. Hingegen geht es dem Muskismus nicht um die gleichmäßige Verteilung der Erträge. Er verspricht Souveränität durch Technologie.
Musk verkauft nicht einfach Autos, Raketen und Satelliten. Er verkauft den Traum, dass nicht nur Staaten, sondern auch die einzelnen Menschen in einer zusehends instabilen Welt autark werden können, indem sie seine Infrastrukturen nutzen. Das Paradoxe daran ist natürlich, dass die Menschen dadurch von ihm abhängig werden. Das, was uns als Techno-Souveränität verkauft wird, ist der Zutritt zu Musks von hohen Mauern umgebenem Garten – und Musk hat den Generalschlüssel. Sowohl das Pentagon als auch die Nasa sind auf SpaceX angewiesen. Starlink ist auf dem Schlachtfeld und in der Wildnis mittlerweile unverzichtbar. X und Grok sind in das Gewebe des Staates eingeflochten. Wer den Stecker ziehen und sich von Musk unabhängig machen möchte, muss feststellen, dass die Steckdose Musk gehört.
Es ist also eine selektive technologische Souveränität. 9Die einen bekommen Autonomie, aber die anderen werden ausgegrenzt. Die migrantischen Horden und ihre linken Helfershelfer sind Überträger eines »woken Virus«, das aufgespürt, eingedämmt und neutralisiert werden muss. In den Augen des Muskismus ist die Welt ein beschädigter Programmcode. Mitgefühl mit den Mitmenschen ist ein »Exploit«, eine Schwachstelle in der Software unseres Bewusstseins, die von böswilligen Akteuren ausgenutzt wird, um den Westen in den »zivilisatorischen Selbstmord« zu treiben.3 »Die suizidale Empathie ist wie eine Autoimmunerkrankung«, sagt Musk. »Der Körper greift sich selbst an.«4
Die eine Seite der technosouveränen Medaille des Muskismus ist die Technosouveränität, die andere ist die Vertreibung. Zu den Gegenmaßnahmen gehören Säuberungen der sozialen Netzwerke, ideologisch gereinigte KI-Modelle und eine Massendeportation ethnischer Außenseiter. Das Endziel ist eine geläuterte Gemeinschaft, definiert über kulturelle und genetische Zugehörigkeit zu einem weißen, europäischen Westen. Diese Gemeinschaft ist der höchste Ausdruck der Menschheit und muss in einer mit überlegener Technologie bewehrten Festung vor dem Schlechtesten der Menschheit geschützt werden. Die Technologien aus Musks Garten werden die Mauern der Nation und des privaten Zuhauses verstärken. Härtet eure Herzen, verbarrikadiert die Grenzen und beseitigt die Fehler im Quellcode. »Wenn Toleranz das Ende der westlichen Zivilisation bedeutet«, teilte Musk seinen 225 Millionen Followern im August 2025 mit, »dann dürfen wir nicht tolerant sein.«5
Weshalb sollten wir uns nicht mit Musk, sondern mit dem Muskismus beschäftigen? Zunächst einmal hilft der Muskismus dabei, Musk zu erklären. Viele sehen in dem 10Mann immer noch einen Libertären, der den Staat verabscheut. Wir denken, das Gegenteil trifft zu: Musk hat sein Imperium im Bündnis mit dem Staat errichtet. Er spricht oft von seinem Wunsch, den Mars zu besiedeln; dieses Vorhaben bezeichnet er als seine Lebensaufgabe. Doch im muskistischen Denken ist der Mars nie wirklich ein Exit-Plan gewesen: Er stellt vielmehr ein Faustpfand für Verhandlungen dar. Der Exit ist nie ein Ausstieg, sondern ein Werkzeug, das eingesetzt wird, um weitere techno-sezessionistische Vorhaben zu verfolgen. Auch Musks Online-Persönlichkeit wird missverstanden: Seine Kritiker werfen ihm Unreife oder Bosheit vor, wo seine Anhänger Nahbarkeit und Authentizität sehen. Beide Seiten erkennen nicht, dass im Muskismus das Trolling die Infrastruktur ist. Jeder Scherz, jede Umfrage ist ein Belastungstest für die Responsivität: Kann er immer noch mit einem Post die Märkte bewegen? Kann er den Algorithmus und die dafür verwendeten Trainingsdaten weiter nach rechts lenken? Kann er mit einem Plebiszit unter den Reply-Guys Demokratie simulieren? Es ist kein Spiel, sondern ein Experiment. Ob absichtlich oder nicht, Musk misst und manipuliert die Elastizität der Aufmerksamkeit, die Bandbreite des Glaubens.
Der Muskismus träumt auch von einer weniger menschlichen Zukunft. Durch Automatisierung wird die Produktion von Menschen gesäubert. Unter Einsatz von sozialen Medien, Gehirn-Computer-Schnittstellen und Künstlicher Intelligenz wird der Mensch mit der Maschine verschmolzen, um Musks »kybernetisches Kollektiv« aufzubauen. Die Souveränität durch Technologie kommt in Gestalt eines Cyborgs.
Viele halten Musk für unbesiegbar. Doch er hat sein Kö11nigreich auf einem brüchigen Fundament errichtet. Eine der selten erwähnten Gemeinsamkeiten zwischen ihm und Ford ist die mangelnde Liquidität des persönlichen Vermögens. Fast das gesamte Vermögen Henry Fords steckte in seinem Unternehmen, das nach seinem Tod noch fast ein Jahrzehnt lang eine private Gesellschaft blieb. Auch Elon Musks Vermögen ist fast zur Gänze in Aktien seiner eigenen Unternehmen angelegt. »Wenn Tesla und SpaceX bankrottgehen«, erklärte er in einem Interview, »bin auch ich augenblicklich bankrott.«6
Deshalb ist der Muskismus darauf angewiesen, dass die Öffentlichkeit von Musks Unternehmen stets unmittelbar bevorstehende technologische Durchbrüche, die Rettung des Planeten oder hohe finanzielle Erträge erwartet. Um seinen Reichtum zu erhalten, muss Musk die Welt glauben machen, dass seine Unternehmen auch in Zukunft exponentiell wachsen werden. Im Silicon Valley hat er gelernt, dass man viel Geld verdienen kann, indem man von bevorstehenden Wundern fabuliert. Die Blase muss gut gefüllt bleiben. Ein Blick auf Musks Biografie zeigt, dass seine Zukunftserwartungen oft vom Konjunkturzyklus abhängen: Wenn das Geld billig ist, macht er großspurige Ankündigungen. Wenn die Zinsen steigen, sieht er überall Feinde.
Wir leben in einer Zeit, in der der Muskismus gedeihen kann. Überall in der demokratischen Welt schwindet das Vertrauen in die Institutionen rasch.7 Die wachsende Ablehnung der Zuwanderung stärkt die extreme Rechte, die auf dem Vormarsch, ist wie seit den 1930er Jahren nicht mehr – und Musk ist ihr lautstärkster Vorkämpfer. Donald Trump zerstört die liberale Weltordnung und attackiert die in der amerikanischen Verfassung festgeschriebene Gesell12schaftsordnung. Die wachsende Rivalität zwischen den USA und China sowie die russische Invasion der Ukraine tragen zur Zersplitterung einer zunehmend paranoiden und militarisierten Welt bei. Der mit Unterstützung beider Parteien im US-Kongress vorangetriebene israelische Genozid in Gaza trat das Völkerrecht mit Füßen.
Der Muskismus ist gut an diese Entwicklungen angepasst. Sein Versprechen von Souveränität durch Technologie deckt sich mit den Bestrebungen von Staaten, die der Unabhängigkeit den Vorzug vor der Integration geben und die Deglobalisierung vorantreiben. Sein Angebot, einem Teil der Menschen Autonomie zu bringen und die übrige Menschheit auszuschließen, deckt sich mit dem neuen Antihumanismus, unter dem für bestimmte Bevölkerungsgruppen Ausgrenzung und Tod vorgesehen ist. Die Begeisterung des Mannes für den Cyborg spielt dem Techno-Maximalismus einer politischen und wirtschaftlichen Elite in die Karten, die jede Gelegenheit nutzt, um unser Leben weiter zu digitalisieren, was in jüngster Zeit unter dem Deckmantel der Künstlichen Intelligenz geschieht.
Wenn wir fordern, den Muskismus ernst zu nehmen, behaupten wir nicht, dass sein Erfolg garantiert ist. Aber der institutionelle Zusammenbruch eröffnet ihm eine Chance. Irgendwann wird sich die Gesellschaft in einem neuen Rahmen stabilisieren, und es ist durchaus möglich, dass der Muskismus diesen Rahmen liefern wird.
Damit keine Missverständnisse entstehen: Wir glauben nicht, dass die Entscheidungen, die Musk im Lauf der Jahre fällte, auf festen Überzeugungen beruhten. Er ist kein systematischer Denker und hat keine klare Ideologie. Wir interessieren uns nicht nur für das, was er sagt, sondern auch 13für das, was er tut – und für die historischen Kräfte, die seine Handlungen prägen. Den Muskismus findet man in der Rückkoppelungsschleife zwischen dem Mann und dem Augenblick. Um zu verstehen, was für eine Welt Musk errichten will, müssen wir die Welt verstehen, die Musk hervorgebracht hat.
Deshalb schreiben wir dieses Buch. Wir untersuchen die prägenden Augenblicke in Musks Leben von der südafrikanischen Apartheid bis zu den Meme-Coins, von der Startrampe bis zum Doomscrolling. Wir sehen uns an, wie seine improvisierten Vorstöße, bei denen er von Finanzzyklen und geopolitischen Krisen profitierte, in den Muskismus mündeten. Unser Buch ist ein Ratgeber für die Ratlosen, für all jene, die nicht nur angesichts von Musk, sondern auch der historischen Situation, in die wir geraten sind, nicht mehr durchblicken und nach Antworten suchen.
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Elon Musk bezeichnet die Lektüre von Isaac Asimovs Foundation-Romanen als prägende Erfahrung.1 Die Foundation-Trilogie, ein Klassiker der Science-Fiction-Literatur, ist in einer fernen Zukunft angesiedelt: In den letzten Tagen des galaktischen Imperiums gründet ein genialer Mathematiker namens Hari Seldon eine als Foundation bezeichnete Organisation, die in dem dunklen Zeitalter nach dem Zusammenbruch des Imperiums das Wissen der Menschheit bewahren soll. Die Foundation übersteht eine Reihe von Krisen, weitet ihren Einfluss aus und errichtet schließlich ein neues galaktisches Imperium.
Asimov beschäftigt sich mit der Frage, wie die Geschichte von einer Epoche zur nächsten fortschreitet. (Inspiriert wurde er von Edward Gibbons Verfall und Untergang des Römischen Reiches.2) Im Foundation-Zyklus entwickelte Asimov ein Modell historischer Prozesse, in dem die Epochen nicht in einer Reihe aufeinander folgen wie die Waggons eines Güterzugs, sondern in dem die Saat für jede neue Ära in der vorhergehenden ausgebracht wird. Die Foundation wird im ersten Imperium gegründet und dient ihrerseits als Nährboden für das nächste Imperium.
Die Geschichte des Muskismus im vergangenen halben Jahrhundert kann man in ein ähnliches Schema einordnen: Er entwickelte sich unter bestimmten historischen Bedingungen, hat sich jedoch von ihnen gelöst und sich in den Keim von etwas Neuem verwandelt.
Im ersten Teil dieses Buchs beschreiben wir die Entwick18lung des Muskismus in vier prägenden Phasen von Musks Leben. In Kapitel 1 beschäftigen wir uns mit seiner Kindheit und Jugend im Südafrika der 1970er und 1980er Jahre. Kapitel 2 ist seiner frühen Karriere im Silicon Valley während des Dotcom-Booms der 1990er Jahre gewidmet, als Musk reich wurde. In Kapitel 3 untersuchen wir den Aufstieg von SpaceX, das er 2002 nach seinem Umzug nach Los Angeles mit dem Geld gründete, das er mit dem Internet verdient hatte. In Kapitel 4 wenden wir uns Tesla zu, dessen Leitung er 2008 übernahm, nachdem er jahrelang Geld in das Unternehmen investiert hatte.
In diesen vier Kapiteln beschreiben wir die Säulen des Muskismus. Wir zeigen, wie das Versprechen der Souveränität durch Technologie aus den wichtigsten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im letzten halben Jahrhundert hervorging. Wie die Foundation ist auch der Muskismus eine neue Ordnung, die in der Schale der alten herangereift ist.
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»Wir müssen die physischen Möglichkeiten für ein wunderbares Leben erkennen«, schrieb Elon Musks Großvater mütterlicherseits im Jahr 1940 in Technocracy Digest.1 Joshua Haldeman lebte als Chiropraktiker und ehemaliger Rodeoreiter in der kanadischen Provinz Saskatchewan und war in einer Bewegung aktiv, die sowohl den Kapitalismus als auch die Demokratie abschaffen wollte. Das 1933 von dem US-amerikanischen Ingenieur Howard Scott gegründete Technocracy Movement träumte von einer Diktatur der Ingenieure, deren Aufgabe es sein würde, die Ressourcen nach wissenschaftlichen Kriterien zu verteilen. Das Fiatgeld sollte durch stabile Energieeinheiten ersetzt werden, sogenannte »Ergs«. In Kombination mit einer umfassenden Automatisierung sollte dies allen Menschen ein Leben mit mehr Freizeit ermöglichen. Nur jene zwischen 25 und 45 Jahren würden arbeiten müssen, und zwar nur vier Stunden täglich an vier Tagen in der Woche. »In der Technokratie wird die Wissenschaft eine Mangelwirtschaft durch Überfluss ersetzen«, verkündete Scott.2
Die Anhänger der Technokratischen Bewegung waren der Sache treu ergeben. Die Mitglieder sprachen sich gegenseitig mit Zahlen an. (Haldeman war 10450-1.)3 Sie trugen graue Mäntel und fuhren in Konvois von grauen Pontiacs. Sie hatten sogar einen eigenen Gruß. »Die neue Kultur des technokratischen Menschen wird vom Geist des Könnens beseelt sein«, schrieb E. Merrill Root, der William F. Buckley später bei der Gründung der libertär-konserva20tiven Zeitschrift National Review unterstützen würde. »Die alte Kultur ist das Wehklagen der Unfähigen. Die neue Kultur wird die Poesie der Fähigen sein.«4
Um die Träume der Technokraten verwirklichen zu können, bedurfte es einer neuen Ordnung. Dies war das »Technat«, ein Superstaat, der sich von Grönland bis zu den Galapagosinseln erstrecken würde. Er musste so groß sein, weil er für völlige Autarkie ausreichende Ressourcen benötigen würde. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit würde das Technat auch gegen den zersetzenden Einfluss des globalen Finanzsystems abschirmen. Dieser Aspekt der Technokratie sagte Haldeman besonders zu. »Auf diesem Kontinent haben wir alles, was wir brauchen, um uns Gewissheit und Sicherheit zu geben«, schrieb er 1940 in einem Artikel für die Zeitschrift der Gruppe. »Mit technologischer Kontrolle kann das nordamerikanische Volk in diesem technologischen Zeitalter Angriffen der gesamten übrigen Welt widerstehen.«5
Im Jahr 1940 verbot die kanadische Regierung die Technokratische Bewegung, und Haldeman wurde für kurze Zeit ins Gefängnis gesteckt. Seine anderen politischen Experimente verliefen enttäuschend, und im Jahr 1950 wanderte er mit seiner Familie – darunter seine Tochter Maye, die später Elon zur Welt bringen würde – nach Südafrika aus. Im Gepäck hatte er ein Cabrio und ein Flugzeug für die Erkundung des Hinterlandes.6 Die Wahl des Zeitpunkts war aufschlussreich. Nur zwei Jahre vor seiner Ankunft war in Südafrika die Nationale Partei an die Macht gekommen und hatte die »Apartheid« eingeführt, die rassistische Politik einer Trennung von Weißen und Schwarzen. Tatsächlich gehörte die Apartheid zu den Dingen, die Haldeman anzo21gen. »Die Haltung der Regierung hielt mich nicht von Südafrika fern, sondern hatte genau die entgegengesetzte Wirkung: Sie gab mir einen Ansporn, mich hier niederzulassen«, erklärte Haldeman kurz nach seiner Ankunft im Gespräch mit Die Transvaler, einer Zeitung, die der Apartheid positiv gegenüberstand.7 In den Augen der Anhänger des Regimes war Südafrika eine von Feinden umzingelte Trutzburg der weißen Zivilisation am Südzipfel eines schwarzen Kontinents. Später bezeichnete Haldeman die internationale Ablehnung der Apartheid in einer im Selbstverlag erschienenen antisemitischen Streitschrift als Beweis für eine jüdische »Verschwörung zur Errichtung einer Diktatur über die Welt«.8
Aber Südafrika war nicht nur ein suprematistischer Staat, sondern auch einer, der die Modernisierung vorantrieb. Die Apartheid, erklärte der südafrikanische Intellektuelle W. A. de Klerk, sei »ein Versuch, eine Gesellschaft entsprechend einem soziopolitischen Ideal umzugestalten«.9 Laut der Historiker Paul Edwards und Gabrielle Hecht verfolgte das Regime »ein technopolitisches Projekt«, das ihm die Loyalität derer sicherte, die sein vorrangiges Ziel teilten: die Errichtung einer auf Segregation beruhenden Utopie.10
Die Architekten der Apartheid betrachteten sich als Futuristen. Sie hofften, die Technologie werde dabei helfen, aufgrund vermeintlicher biologischer Unterschiede errichtete Ungleichheit der altmodischen Sorte zu festigen. Unterstützung erhielten sie von internationalen Konzernen wie IBM, Ford und Toyota, die ihnen Technologie verkauften, mit der sie ihre Souveränität stärken konnten. Großrechner wurden genutzt, um schwarze Arbeitskräfte zu zählen, zuzuteilen und zu beaufsichtigen. Man nutzte Bau22pläne europäischer und japanischer Automobilwerke, um die heimische Industrie aufzubauen; Atomwaffen gaben dem Regime Sicherheit gegen äußere Feinde. Singapurs erster Präsident Lee Kuan Yew wollte sein Land in eine giftige Garnele verwandeln, ungenießbar für die großen Räuber, von denen das kleine Land umgeben war.11 Südafrika, das sich mit zwei Bedrohungen konfrontiert sah – der rooi gevaar (der roten Gefahr) und der swart gevaar (der schwarzen Gefahr) –, schlug einen ähnlichen Weg ein. Der Apartheid-Staat konnte nur überleben, indem er moderne Techniken und Technologien nutzte.
Viele betrachteten Südafrika als Anachronismus, aber wie sein Partnerstaat Israel war es in mancher Hinsicht ein Vorläufer unserer Zeit. Das südafrikanische Modell der militarisierten, modernisierenden Isolation kündigte eine Welt an, in der Exportkontrollen, Handelskriege, Wiederaufrüstung und eine Rückverlagerung der Produktion in aller Munde sind. Obwohl Musk eine schwierige Beziehung zu seinem Geburtsland hat, war das Apartheid-Südafrika die Wiege des Muskismus. Dort wurde sein Festungsfuturismus geprägt: die Überzeugung, dass man seine Eigenständigkeit in einer feindseligen Welt am besten mit Technologie verteidigen kann.
Elon Musk wurde 1971 in Pretoria geboren. Seine Heimatstadt war ein Anschauungsbeispiel für den Festungsfuturismus. Als Verwaltungszentrum des Landes beherbergte Pretoria die Behörden, in denen die Apartheid geplant wurde, 23und die Sicherheitsdienste, die das System verteidigten. Die Bestrebungen der Machthaber fanden ihren Ausdruck auch in der Architektur der Regierungsgebäude: Aus Beton, Stahl und Glas gebaut, waren sie im kühlen modernistischen Minimalismus des Internationalen Stils gehalten, mit Pfeilern, Podien und Vorhangwänden. Im Stadtzentrum schimmerte das Pretoria von Musks Kindheit wie ein Getriebegehäuse, modern wie Le Corbusiers Hauptstädte in Brasília oder Chandigarh.12
Etwa 30 Kilometer von Pretoria entfernt befand sich Pelindaba, das wichtigste südafrikanische Kernforschungszentrum, ein Ensemble brutalistischer Gebäude. Der Name war dem Zulu entlehnt und bedeutete »das Ende der Geschichte«.13 Mit beim Goldabbau angefallenem Uran und gestützt auf die Sachkenntnis US-amerikanischer und israelischer Wissenschaftler, entwickelte Südafrika erst die Kernenergie und dann Atomwaffen. Im Jahr 1982 verfügte es über seinen ersten einsatzfähigen Nuklearsprengkopf.
In Pretoria wurde die Apartheid in Stein gemeißelt. Die schwarze Bevölkerung wurde in Townships am Stadtrand verdrängt, während sich die weiße Elite in Vororten wie Waterkloof sammelte. In Waterkloof, das an einem Berghang südlich der Stadt liegt, lebte Musk in den Jahren, in denen er die Oberschule besuchte. In weißen Enklaven wie dieser gab es Pools und Grünflächen, und auf guten Straßen gelangte man rasch an seinen Arbeitsplatz in Ministerien oder Militäreinrichtungen im Zentrum. Die weißen Viertel waren noch keine geschlossenen Wohnanlagen wie in den 1990er Jahren, aber das war auch nicht nötig. Der ganze Staat gewährleistete ihre Sicherheit.
Rund um das Stadtzentrum gab es Fabriken und Lager24häuser. Dort fand die Industrialisierung statt, die Südafrika dabei helfen sollte, selbst zu produzieren, was es bis dahin hatte importieren müssen. Ein gut verzahntes System strebte nach wirtschaftlicher Autarkie. Pretoria West erzeugte Stahl, Munition, Gummi und Kunststoffe. Im Osten, in Silverton, baute Ford 1967 ein Automobilwerk. In Rosslyn im Nordosten errichtete BMW im Jahr 1968 sein erstes Werk außerhalb Europas.14
Die Automobilwerke wurden auf halbem Weg zwischen dem weißen Stadtzentrum und den schwarzen Townships gebaut, damit stets schwarze Arbeitskräfte zur Hand waren, auf die man bei Bedarf zugreifen und die man wieder wegschicken konnte, wenn man sie nicht mehr brauchte. Das Grundkonzept des Fordismus war »Massenproduktion plus Massenkonsum«, aber bei der südafrikanischen Variante war der Konsum der weißen Minderheit vorbehalten. In den 1980er Jahren gab der Politikwissenschaftler Stephen Gelb dem südafrikanischen System einen Namen: Er bezeichnete es als »rassistischen Fordismus«.15
Eine weitere Technologie, die der südafrikanische Staat für Produktivität, Sicherheit und Bevölkerungskontrolle brauchte, war der Computer. Im Jahr 1965 wurde ein Planungsministerium eingerichtet, das ganz Südafrika als eine Werkshalle betrachtete, die entsprechend den Grundsätzen des rassistischen Fordismus organisiert werden sollte:16 Die Bürokraten entfernten in weißen Gebieten sogenannte »schwarze Flecken«, indem sie schwarze Gemeinden zwangsumsiedelten – bis Anfang der 1980er Jahre wurden dreieinhalb Millionen Menschen vertrieben – und billige schwarze Arbeitskräfte zu neuen Industriestandorten umlenkten.17
25Um dieses große Social-Engineering-Projekt durchführen zu können, mussten gewaltige Mengen an persönlichen Daten gesammelt werden. Südafrika war ein »biometrischer Staat«, wie es ein Historiker ausdrückt.18 Computer versetzten die Behörden in die Lage, die für die Verwirklichung der Apartheid benötigten Informationen zu speichern und zu verarbeiten. Zum Beispiel wurde in einem als »Book of Life« bezeichneten Identifizierungssystem die ethnische Einstufung sämtlicher Bürger auf IBM-Großrechnern gespeichert. Gegner der Apartheid sahen das dystopische Potenzial dieser Werkzeuge. In einer 1982 veröffentlichten Streitschrift mit dem Titel Automating Apartheid wurde ein Zukunftsszenario beschrieben:
Ein Anwender fordert den Computer auf: »Gib mir die Namen und Adressen aller Schwarzen in der Victoria Street, samt Passnummern und Fingerabdrücken.« Der Computer zeigt die angeforderten Daten auf einem Bildschirm an. […] Gleichzeitig wird die Information elektronisch an die Polizei weitergeleitet. […] Die importierte Computertechnologie macht derartige Abläufe ganz leicht.19
Obwohl die tatsächlichen Möglichkeiten des Staates hinter diesen Befürchtungen zurückblieben, wirkte die Angst vor dem Technoautoritarismus nicht vollkommen unbegründet. Die Apartheid stützte sich von Anfang an auf Daten: Sie war eine reaktionäre Technokratie, die glaubte, die Gesellschaft optimieren zu können. Die Verantwortlichen begriffen, dass Computer die Verwirklichung dieses Vorhabens erleichtern konnten. Aber nicht nur das Regime besaß digitale Werkzeuge. Auch Anti-Apartheid-Gruppen setzten sie ein und verschickten mit dem Commodore 64 – ei26nem frühen PC, der im Jahr 1982 auf den Markt gekommen war – verschlüsselte Nachrichten an Aktivisten im Ausland.20 Technologie konnte die Rüstung des Staates noch undurchdringlicher machen; gleichzeitig ließ sie sich jedoch nutzen, um diese Rüstung rissig werden zu lassen.
Der Computer öffnete auch dem jungen Elon Musk ein Tor zur Welt. Der schüchterne Sonderling litt unter dem in der weißen südafrikanischen Gesellschaft vorherrschenden Männlichkeitswahn. Es war »keine intellektuelle Kultur«, erinnert sich sein Vater Errol.21 In der Schule wurde Elon unablässig schikaniert, daheim vergrub er sich in Bücher. Als ihm schließlich der Lesestoff in der Bibliothek ausging, verschlang er die gesamte Encyclopedia Britannica.22 Er gehörte der englischsprachigen Gemeinschaft an, die eine Minderheit der weißen Bevölkerung stellte, und die englischsprachigen Weißen nahmen eine kritische Haltung gegenüber der Apartheid ein, obwohl sie nicht unbedingt den Rassismus ablehnten. Die Apartheid war das Projekt der Afrikaaner, der Nachfahren der Buren, niederländischer Siedler, die einst gegen die Briten um die Kontrolle über das südliche Afrika gekämpft hatten und jetzt den Großteil der weißen Bevölkerung des Landes stellten. Die Afrikaaner gaben den Ton in der herrschenden Nationalen Partei an und waren die Bevölkerungsgruppe mit dem größten politischen Einfluss. »Weiße, englischsprachige Südafrikaner wie Musks Familie profitierten von der ethnischen Hierarchie der Apartheid, lebten jedoch weitgehend getrennt von den herrschen27den Afrikaanern«, erklärt die südafrikanische Journalistin Rachel Savage.23
Doch auch englischsprachige Weiße gingen manchmal in die Politik. Elon Musks Vater saß als Vertreter des Vororts Sunnyside elf Jahre lang – von 1972 bis 1983 – im Stadtrat von Pretoria.24 Im Jahr 1980 trat er in die Progressive Federal Party ein, eine überwiegend weiße, reformorientierte Partei englischsprachiger Südafrikaner, welche die Apartheid ablehnte. Aber er schied nach nur drei Jahren wieder aus der Partei aus, weil er nicht mit ihrer Abneigung gegen eine neue Verfassung einverstanden war, die ein Dreikammerparlament einführte, in dem als »Farbige« eingestufte Personen (indischstämmige Menschen, »gemischtrassige« Personen) eine begrenzte Repräsentation erhielten, während die schwarze Bevölkerungsmehrheit ausgeschlossen blieb.25 Errol Musk behielt die Apartheid in guter Erinnerung. »Es gab keine Probleme. Schwarze und Weiße kamen sehr gut miteinander aus«, sagte er 2025 im Gespräch mit dem Guardian. »Es funktionierte gut. Das ist die Wahrheit. Natürlich wollen die Leute das nicht hören, aber es ist die Wahrheit.«26
Elon Musk besuchte die elitäre Pretoria Boys High School, die 1901 als Oberschule für die britische Kolonialelite gegründet worden war. Für Fotos posierte er in gestreifter Clubjacke im Stil von Eton und Harrow, was ihn als Anglosüdafrikaner von Afrikaanern aus der Unterschicht und der schwarzen Bevölkerung abhob. »Während das Land praktisch in Flammen stand, lebten wir in der Geborgenheit unserer kleinen, grünen Vororte und führten weiter unser normales Leben«, erinnert sich ein Mitschüler, der seinen Abschluss ein Jahr früher machte als Musk.27 Die Schule war durchaus progressiv und nahm im Jahr 1981 erstmals 28einen schwarzen Schüler auf. Musk freundete sich mit einem Cousin dieses Schülers an. Nachdem der Junge bei einem Autounfall getötet worden war, gehörte Elon zu den wenigen Weißen, die am Begräbnis teilnahmen.28
Das Südafrika der 1980er Jahre dürfte Musk vor allem als unerträglich provinziell in Erinnerung geblieben sein. Dieser Eindruck konnte durch die zahlreichen Reisen, die Elon als Kind unternahm, nur verstärkt werden. Sein Vater war wohlhabend und nahm den Jungen auf Geschäftsreisen in alle Welt mit, von Hongkong bis in die Vereinigten Staaten.29 Sein Heimatland war eine von der übrigen Welt isolierte geschlossene Gesellschaft. »Für jemanden wie Elon war Südafrika wie ein Gefängnis«, erinnert sich sein Bruder Kimbal.30
Welchen Ausweg gab es? In seiner eigenen, oft wiederholten Darstellung hatte Musk als Halbwüchsiger eine Offenbarung, nachdem er Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis gelesen hatte.31 Der Held des Buchs ist Arthur Dent, ein Mann, der von einem Außerirdischen aus seinem sinnlosen Dasein gerettet und zu einer intergalaktischen Abenteuerreise eingeladen wird. Die Geschichte enthält jede Menge clever erdachte Zukunftsszenarien. Das meiste ist weit hergeholt und unglaubwürdig, aber ein Bestandteil dürfte auf den jungen Elon Musk plausibel gewirkt haben: der galaktische Reiseführer. An diesem kleinen elektronischen Gerät befanden sich »ungefähr hundert winzigkleine flache Knöpfe und ein etwa zehn mal zehn Zentimeter großer Bildschirm, auf den blitzschnell jede einzelne von einer Million ›Buchseiten‹ eingespielt werden konnte«.32
Anfang der 1980er Jahre beschaffte sich Elon einen sol29chen Reiseführer. Es war ein Commodore VIC-20, einer der ersten erschwinglichen Personal Computer. Musk sah das Gerät in einem Einkaufzentrum, der Sandton City Mall in Johannesburg, wo es im Schlussverkauf angeboten wurde. Er war hingerissen. »Ich dachte ›Mann, heilige Scheiße‹«, erzählte er später einem Biografen. Er bedrängte seinen Vater so lange, bis dieser ihm das Gerät kaufte.33 Auf dem VIC-20 waren keine Programme vorinstalliert, aber es gab eine Programmiersprache namens BASIC, mit der man seine eigenen Programme schreiben konnte, sowie einen Programmer's Reference Guide, in dem man erfuhr, wie das funktionierte. Das Handbuch bewarb außerdem eine Reihe von Anwendungen, die man käuflich erwerben konnte, darunter Programme für Schachspieler und für Leute, die Musik komponieren, Lagerbestände erfassen oder ihren Biorhythmus beobachten wollten. Musk blieb drei Nächte wach, um zu lernen, wie er die Maschine programmieren konnte. »Ich wurde vollkommen zwanghaft damit«, erinnerte er sich später.34
Neben Apple und Radio Shack war Commodore eines der ersten Unternehmen, die in den 1970er und 1980er Jahren Computer für den Massenmarkt bauten. Und als der Computer für Privatpersonen erschwinglich wurde, entwickelte sich die Programmierung in eine andere Richtung. Neulinge wie Musk waren nicht länger auf das Computerlabor einer Universität angewiesen, sondern konnten das Programmieren zu Hause erlernen – und eine engere Beziehung zur Maschine entwickeln. Die Programmierer verschmolzen ihren Verstand mit dem Computer. Sie entwickelten eine Art von Cyborg-Bewusstsein und gaben sich einem digitalen Flow-Zustand hin, was so weit ging, dass 30sie ihre Körper nicht mehr wahrnahmen oder das Zeitgefühl verloren.
Musk programmierte auf dem Commodore sein erstes Produkt: ein Videospiel namens »Blastar«, in dem der Spieler ein außerirdisches Raumschiff abschießen musste. Musk verkaufte das Spiel für 500 Dollar an eine Zeitschrift, die den Quellcode veröffentlichte, damit andere Computerbenutzer damit arbeiten konnten.35 Mit dem PC konnte Musk nicht nur virtuelle Welten erschaffen, sondern auch virtuelle Verbindungen zu anderen Teilen der physischen Welt herstellen. Sein Vater berichtete später, Elon habe ihm einen »grauen Kasten mit einem roten Lämpchen gezeigt« – ein Modem. »Er sagte, mit diesem Kasten könne er mit dem Computer der Universität Oxford kommunizieren. Er war gut darin, in die Zukunft zu schauen.«36
So paradox es scheinen mag, wurde das südafrikanische Regime in den Achtzigern – Musks Jugendjahren – intern repressiver, während sich kleine Fenster zur Welt öffneten. Eines dieser Fenster war der Computer, ein anderes das Fernsehen. In Südafrika war es erst im Jahr 1976 eingeführt worden, womit das Land zu den letzten Industrieländern zählte, die diese Technologie übernahmen. Südafrika hatte sich gegen das Fernsehen gesträubt, weil Hendrik Verwoerd, der Ministerpräsident, der gemeinhin als wesentlicher Architekt der Apartheid gilt, überzeugt war, dieses Medium habe ein ähnlich großes Zerstörungspotenzial wie die Atombombe.37 Das falsche Fernsehprogramm, erklärte er, könne 31den menschlichen Verstand korrumpieren: »Die Regierung muss allen Gefahren für das Volk begegnen, seien sie geistiger oder physischer Art.«38 (Es gab Leute, die dieser Denkweise zustimmten. James Burnham schrieb in der National Review, »das Fehlen einer ›nativen‹ Befreiungsbewegung in Südafrika« hänge eng mit der »erzwungenen Abwesenheit des Fernsehens« zusammen.39)
Die Fernsehserie Star Trek (Raumschiff Enterprise) wurde in Südafrika erstmals 1980 ausgestrahlt, und auch die Star Trek-Filme kamen in die Kinos.40 Für Musk war die Serie eine Inspiration. (Jahrzehnte später wurde die Asche von James Doohan, der in der Serie den Chefingenieur Scotty verkörpert hatte, bei einem fehlgeschlagenen Start einer SpaceX-Rakete »unabsichtlich ein zweites Mal kremiert«, wie es ein Journalist ausdrückte.41) Es gab noch weitere Serien, die Musk gesehen haben muss, darunter Battlestar Galactica und Buck Rogers in the 25thCentury, die in Südafrika Anfang der 1980er Jahre ausgestrahlt wurden, und die Trickfilmserien Transformers und Robotech, die ab Mitte des Jahrzehnts erschienen.42Transformers handelte nach Angaben des südafrikanischen Senders vom »Kampf um die Vormachtstellung« zwischen zwei Spezies von Außerirdischen, nämlich den guten »Autobots« und den bösen »Decepticons«.43 Autobots und Decepticons waren Fahrzeuge, die sich in Roboter verwandelten, in diesem Fall Autos. Jahrzehnte später, als Musk begann, bei Tesla Geld in die Entwicklung humanoider Maschinen zu pumpen, gab er seinem Roboter zu Ehren der Animationsfilmfigur, die ihn als Kind begeistert hatte, den Namen »Optimus« – nach Optimus Prime, dem Anführer der Autobots.
In Robotech, einer amerikanisch-japanischen Gemein32schaftsproduktion, die im Jahr 1985 auf den Markt kam und in Südafrika im Jahr darauf ausgestrahlt wurde, stürzt ein außerirdisches Raumschiff auf die Erde. Die Menschheit, die bis dahin untereinander Krieg geführt hat, tut sich zusammen, um die abgestürzte Maschine zu studieren. Schließlich wird das Raumschiff nachgebaut und gestartet, und zwar genau in dem Moment, in dem eine Spezies gigantischer außerirdischer Krieger namens Zentraedi die Erdumlaufbahn erreichen. Doch nun hat die Menschheit eine mächtige Waffe auf ihrer Seite, die man aus dem ursprünglichen Schiff geborgen hat: eine Technologie, die Kampfflugzeuge in die Lage versetzt, sich in bemannte humanoide Roboter zu verwandeln. Diese werden als »Mechs« bezeichnet, abgeleitet von dem japanischen Wort mecha, das seinerseits auf dem englischen mechanical beruht. Mechs sind ein derart beliebter Bestandteil japanischer Anime- und Manga-Filme, dass ihnen ein eigenes Genre gewidmet wurde.
Auf ein Kind mit technischen Neigungen muss der Mech beträchtlichen Reiz ausgeübt haben. Elons Vater war ein Maschinenbau- und Elektroingenieur, und der Sohn zeigte ebenfalls früh ein Talent für Mathematik und Naturwissenschaften. Der Mech war ein Wunderwerk der Technik. Sein menschlicher Pilot war so vollkommen in seinen Körper integriert, dass Mensch und Maschine eine Einheit bildeten. In Robotech konnte der Mech sogar quasiautonom handeln, das heißt ohne direkte Anweisungen des Piloten.
Robotech war ein großer Erfolg in Südafrika. In den Zeitungen wurde für Action-Figuren geworben, und der Hersteller eines Erfrischungsgetränks forderte in einer Anzeige, in der ein jugendlicher Held unter einem futuristischen 33Helm hervorlugte, »geheime Robotech-Piloten« zum Kauf seines Produkts auf.44 Serien wie Transformers und Robotech dürften weiße Südafrikaner in den 1980er Jahren besonders angesprochen haben, denn ihr Thema war eine dramatisierte Version der inneren Konflikte des Landes. Der Mech war wie Godzilla eine Ausgeburt des japanischen Traumas: der Atombombenabwürfe auf Nagasaki und Hiroshima im Jahr 1945. Das Ungeheuer Godzilla ist ein Produkt radioaktiver Strahlung, und der Mech ist ein weiterer Mutant der Moderne.
Godzilla ist Zerstörer und Retter in einem. In einigen Filmen bedroht er die Menschheit, in anderen ist er der Beschützer der Erde. Dieselbe Dualität findet man beim Mech: Diese hochentwickelte Technologie ist im Besitz des Feindes, kann jedoch auch gegen diesen eingesetzt werden. Der Nexus mit der Atombombe liegt auf der Hand. Die Führung des Apartheid-Regimes glaubte, einer fremden Kraft gegenüberzustehen, die sie als apokalyptische Bedrohung empfand. Wenn die von den Weißen beherrschte Gesellschaft eine Zukunft haben sollte, mussten sie dem eine eigene apokalyptische Bedrohung entgegensetzen. Man brauchte nicht allzu viel Fantasie, um das Pretoria der 1980er Jahre in der »Autobot City« von Transformers und der »Macross City« von Robotech wiederzuerkennen. Alle drei Städte waren Produkte des Festungsfuturismus: gehärtet, belagert, mechanisiert.
Für den jungen Elon Musk hatte der Mech jedoch eine tiefere Bedeutung: Er war fasziniert von der Vorstellung, mit der Maschine eins zu werden. Später beschrieb er sein Unternehmen Neuralink als einen Versuch, mittels Gehirnimplantaten einen »Cyborg-Körper mit unglaublichen Fä34higkeiten« zu bauen.45 Im Jahr 2018 teilte er seinen mehr als 20 Millionen Followern auf Twitter mit: »Es ist an der Zeit, einen Mecha zu erschaffen.«46
Sosehr es sich auch um technische Fähigkeiten bemühte, Südafrika hatte keine Mechs. Eine seiner Antworten auf die Sicherheitsprobleme bestand darin, junge, schlecht ausgebildete Wehrpflichtige in die Konfliktregion im Norden des Landes zu schicken. In den 1960er Jahren waren Kämpfe zwischen den South African Defense Forces (SADF) und antikolonialen Guerillagruppen im damals noch von Südafrika besetzten Namibia ausgebrochen, und der Konflikt verschärfte sich erheblich, als in den 1980er Jahren angolanische Truppen mit Unterstützung Kubas und der Sowjetunion in die Auseinandersetzung eingriffen. Der 17-jährige Musk würde bald zum Kriegsdienst eingezogen werden. Selbst junge Männer aus der weißen Oberschicht konnten sich dem Einberufungsbefehl nicht entziehen.
»Ich bin in die Hölle gestoßen worden«, schrieb der weiße südafrikanische Schriftsteller André Carl van der Merwe über seine Erfahrung im Militär, »in die Armee getrieben wie ein Tier in den Schlachthof an der Grenze, ohne Einfluss auf mein Schicksal. Gezwungen, mir unbekannte Menschen für eine Sache zu töten, an die ich nicht glaube.«47 Es wurden Proteste gegen die Wehrpflicht laut, deren Gegner »legalisierten Mord« anprangerten.48 »Befreit uns von der Einberufung«, forderten sie.49 »Er sieht nicht aus wie ein Terrorist«, stand auf einem Plakat, das einen Mann in Kampf35anzug zeigte, der einen vor ihm auf dem Boden liegenden Toten betrachtet.50
Auch Musk äußerte sich später ablehnend. »Ich hatte nicht das Gefühl, meine Zeit gut zu nutzen, indem ich zwei Jahre damit verbrachte, Schwarze zu unterdrücken«, sagte er 2013.51 Im Jahr 1999 hatte er noch deutlichere Worte gefunden: »Wer will schon in einer faschistischen Armee dienen?«52 Also tat Musk im Alter von siebzehn Jahren, was sich die wenigsten seiner südafrikanischen Landsleute leisten konnten: Er stieg in ein Flugzeug und verließ das Land. Da seine Mutter kanadische Staatsbürgerin war, hatte er einen kanadischen Pass, und seine Eltern unterstützten ihn mit Tausenden Dollar.53
