Mut zur Nachhaltigkeit -  - E-Book

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Beschreibung

Klaus Wiegandt gibt den Band ›Mut zur Nachhaltigkeit. 12 Wege in die Zukunft‹ heraus und versammelt darin die Top-Wissenschaftler aller für die Frage nach einem nachhaltigen Leben relevanten Disziplinen. Denn ein Leben im Sinne der Nachhaltigkeit zu führen ist mit die größte Herrausforderung und Notwendigkeit unserer Zeit. Dabei sind verschiedene Funktionen der Erde und Aktivitäten der Menschen sowie deren Wechselwirkungen untereinander zu berücksichtigen. Indem die hier versammelten Wissenschaftler den jeweils aktuellsten Forschungsstand wiedergeben, wird ein wahrhaft umfassender Überblick zum Thema Nachhaltigkeit vermittelt. Das wiederum bietet uns allen die Grundlagen dafür, die Zukunft verantwortungsvoll gestalten zu können. Mit Beiträgen u.a. von dem Klimaforscher Mojib Latif, dem Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf, dem Politologen Harald Müller und dem Ozeanologen Stefan Rahmstorf.

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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Herausgegeben von Klaus Wiegandt

Mut zur Nachhaltigkeit

12 Wege in die Zukunft

 

Über dieses Buch

 

 

Ein Leben im Sinne der Nachhaltigkeit zu führen ist mit die größte Herausforderung und Notwendigkeit unserer Zeit. Dabei sind verschiedene Funktionen der Erde und Aktivitäten der Menschen sowie deren Wechselwirkungen untereinander zu berücksichtigen. In diesem Band sind die Top-Wissenschaftler der hierfür relevanten Disziplinen versammelt. Indem sie den jeweils aktuellsten Forschungsstand wiedergeben, wird ein wahrhaft umfassender Überblick zum Thema Nachhaltigkeit vermittelt. Das wiederum bietet uns allen die Grundlagen dafür, die Zukunft verantwortungsvoll gestalten zu können.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490139-8

 

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Inhalt

Unseren Enkelkindern, Livia, Tim [...]

Klaus Wiegandt Vorwort

Danksagungen

Jill Jäger, Ines Omann, Fritz Hinterberger Was verträgt unsere Erde noch?

Einleitung

Der globale Wandel

Die Erde als System – biophysikalische Grenzen

Die vier planetaren Grenzen, die schon überschritten wurden

Die Ursachen des globalen Wandels

Nachhaltigkeitsziele

Vom Wissen zum Handeln

Ressourcenverbrauch

Ressourcenverbrauch und die planetaren Grenzen

Um wie viel müssen wir reduzieren?

Wie soll eine Reduktion erreicht werden?

Wer muss was tun?

Ein radikales Umdenken

Welchen Wandel brauchen wir?

Einleitung

Transformation und Forschung

Akteure einer erfolgreichen Transformation

Wege in die Nachhaltigkeit

Literatur:

Mojib Latif Bringen wir das Klima aus dem Takt? Hintergründe und Prognosen

Klima und Klimasystem

Klimavariabilität

Der Treibhauseffekt

Der Anstieg des Kohlendioxids seit dem Beginn der Industrialisierung

Der anthropogene Klimawandel

Identifizierung des Menschen als Hauptverantwortlicher am Klimawandel

Indikatoren des Klimawandels

Zukunftsprojektionen

Stefan Rahmstorf, Katherine Richardson Wie bedroht sind die Ozeane?

Die Erwärmung der Meere schreitet weiter fort

Der Meeresspiegel steigt weiter

Der Klimawandel und das Leben im Ozean

Dorsch in einem sich ändernden Klima

Korallenriffe werden sowohl vom Klimawandel als auch steigendem CO2 in der Atmosphäre bedroht

Ozeanversauerung

Der Ozean als Kohlenstoffsenke

Die Funktion des Ozeans als Kohlenstoffsenke nimmt wahrscheinlich ab

Sauerstoffzehrung

Das Meer als Müllhalde

Ernte von Meeresressourcen

Was können wir tun?

Rainer Münz, Albert F. Reiterer Weltbevölkerung und internationale Migration

Was wissen wir über die Bevölkerung?

Kurze Geschichte der Weltbevölkerung: Von Lucy und dem Turkana Boy auf 7,5 Mrd.

Prognosen und Projektionen: ein Blick in die Zukunft

Der demographische Übergang: Moderne Bevölkerungen entstehen

Lebenserwartung und Sterblichkeit

Familiengröße und Kinderzahl

Demographische Alterung: Die Fakten und die Debatte

Demographische Alterung: zwei Beispiele

Migration

Massenmigration in der Neuzeit

Flucht und Vertreibung im 20. und frühen 21. Jahrhundert

Migration und Mobilität von Arbeitskräften

Weltbevölkerung und die »Tragfähigkeit« der Erde

Literatur

Klaus Hahlbrock, Wolfgang Schuchert Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?

Ausgangssituation

Biosphäre, Klima und Wasser

Pflanzen- und Tierzüchtung

Nahrungsproduktion, Konsumverhalten und Gewohnheiten

Alternative Ressourcen und Renaturierung

Verschwendung und Haltbarkeit

Perspektiven

Literaturhinweise

Abbildungsnachweise

Wolfram Mauser Die Zukunft der Ressource Wasser – revisited

Die Kernaussagen von 2007

Was wissen wir 2016 über die globale Wasserknappheit?

Ist die globale Wasserkrise abgesagt?

Wird das Wasser für die Ernährung der Weltbevölkerung ausreichen?

Wie wird sich der Klimawandel auswirken?

Welche Rolle spielt das virtuelle Wasser bei der Reduzierung der Wasserknappheit?

Wie hat sich die Situation der globalen und regionalen Wassergovernance verändert?

Fazit

Quellen

Friedrich Schmidt-Bleek They can’t put it back Ressourcenwende

1971. Kapitel

1989. Kapitel

1992. Kapitel

2006. Kapitel

2011 Energie

2015 Wirtschaft

2016 Umweltpolitik

Zukunft: Neue Geschäftsmodelle

Zukunft: Eine Gemeinschaft der »Willigen und Fähigen«?

Bernd Meyer Wie können die planetaren Belastungsgrenzen eingehalten werden? Ergebnisse des Forschungsprojektes POLFREE

Das Problem

Das POLFREE-Projekt: Ein Überblick

Business-As-Usual

Die Annahmen

Die (Modell-)Ergebnisse

Die Alternativen: Die Politikmaßnahmen und andere Vorgaben der Simulationen

Global Cooperation

Klimapolitik:

Ressourceneffizienz bei abiotischen Materialien:

Nachhaltige Nutzung von Land und Wasser:

Ökologische Steuerreform:

EU Goes Ahead

Civil Society Leads

Die Alternativen: Ergebnisse der Simulationen

Schlussfolgerungen

Literaturhinweise

Hermann-Josef Wagner Was sind die Energien des 21. Jahrhunderts?

Gesichter der Energie

Bevölkerungswachstum und Energieverbrauch

Wirtschaftsgut Energie – erhebliche Veränderungen

Energieeffizienz – Basis des Energiekonzeptes

Erneuerbare Energien – erhebliche Fortschritte

Änderungen im Strommarkt

Energienutzung – auch eine ethische Frage

Herausforderung Energie – Chancen nutzen

Josef H. Reichholf Ende der Artenvielfalt?

Vorbemerkung

Ursprung und Natur der Artenvielfalt

Wie groß ist die Artenvielfalt?

Wie ist die Artenvielfalt global verteilt?

Wie ist die Artenvielfalt zustande gekommen?

Wie wird Artenvielfalt aufrechterhalten?

Erhaltung der Artenvielfalt

Globale Bedrohung

Regionale Bedrohung: Beispiel Deutschland

Erfreuliches zum Ausblick

Warum Artenschutz?

Literaturhinweise

Stefan H.E. Kaufmann Wächst die Seuchengefahr?

Einleitung: Neue Namen, alte Probleme – und ein neuer Blickwinkel

Alte Seuchen im neuen Jahrtausend

HIV/AIDS: Gebremste Pandemie mit lokalen Ausnahmen

Tuberkulose: Gravierende Seuche mit Resistenzproblematik

Neue Seuchen im neuen Jahrtausend

SARS, MERS, Grippe, EHEC: Häufigere Ausbrüche in der globalisierten Welt

Ebola: Großausbruch der unterschätzten Urwald-Seuche

Zika, Dengue, Chikungunya: Vernachlässigte Tropenkrankheiten breiten sich aus

Gegenmittel

Antibiotika: Die Resistenzkrise verschärft sich

Impfungen: Fortschritte und neue Ansätze für Schutz und Therapie

Fazit: Erste Fortschritte nach dem Weckruf

Danksagung

Weiterführende Literatur

Harald Müller Nachhaltige Weltpolitik

Was heißt nachhaltige Weltpolitik?

Nachhaltigkeitsbedingungen

Gerechtigkeit

Die Anerkennung von Verschiedenheit

Gewaltverzicht

Realität der Weltpolitik: Störfaktoren

Großmachtrivalität

Der Westen und Russland

China, Japan, die USA und Indien

Rüstungswettlauf

Fragmentierung und Staatszerfall

Transnationaler Terrorismus

Nationalismus und Populismus

Zwischenbilanz

Nachhaltige Weltpolitik in harten Zeiten: zwei Lichtblicke

Das Pariser Abkommen zur Klimapolitik

Der »Umfassende Gemeinsame Aktionsplan« (GUAP) zum Nuklearprogramm Irans

Schluss: Die Bedeutung der Lichtblicke

Klaus Wiegandt Ein Weckruf zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft

Nachhaltigkeit – in erster Linie eine kulturelle Angelegenheit

Der Wachstumsimperativ

Wer CO2 emittiert, muss zahlen

Meilensteine im Klimaschutz – Waldoptionen

Die Maßnahmen

Mehr Demokratie wagen

Autorinnen und Autoren

Weltkarte der Temperaturveränderung seit [...]

Unseren Enkelkindern, Livia, Tim und Theo,

stellvertretend für die Kinder dieser Welt

Klaus WiegandtVorwort

Als ehemaliger Manager eines Großkonzerns ist mein spätes Engagement für Nachhaltigkeit weniger auf ein einzelnes Schlüsselerlebnis zurückzuführen. Vielmehr signalisierten mir Verstand und Bauchgefühl Mitte der 90er Jahre, dieser schier unersättliche Ressourcen- und Energieverbrauch mit seinen Folgen für die Umwelt auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen ist mit Blick auf künftige Generationen nicht zu verantworten. So begann ich mit Eintritt in den Ruhestand, mich intensiv mit der wissenschaftlichen Literatur zu wesentlichen Fragen der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, und es reifte der Entschluss, mich im Wesentlichen mit meiner im Jahr 2000 gegründeten Stiftung Forum für Verantwortung diesen Themen zu widmen.[1]

Weiter bestärkt wurde ich durch die bis dahin größte und umfassendste Bilanz zur Nachhaltigkeit: das 2005 von der UNO veröffentlichte »Millennium Ecosystem Assessment«. Mehr als 1000 Wissenschaftler hatten fünf Jahre lang den Wissensstand zu unterschiedlichen Bereichen der Nachhaltigkeit zusammengetragen. Die Ergebnisse konnten schockierender nicht sein: Alle wesentlichen Entwicklungen auf dem Globus liefen in die falsche Richtung, von der Weltbevölkerung, dem Ressourcen- und Energieverbrauch, den steigenden Treibhausgasemissionen, dem Zustand der Ozeane bis hin zur sich weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich sowohl zwischen verschiedenen Staaten als auch innerhalb einzelner Länder.

Sehr skeptisch bewertete ich die Erfolgsaussichten von Wissenschaftlern, Umweltaktivisten und NGOs im Rahmen der UNO, durch Umweltgipfel und Resolutionen die Politik zum Setzen von notwendigen Rahmenbedingungen für eine Kurskorrektur zu bewegen. So hätte beispielsweise die Internalisierung von Kosten oder die künstliche Verteuerung der Energiepreise zur zügigen Abwahl der dafür verantwortlichen Politiker geführt. In Demokratien kann und darf man nicht erwarten, dass Politiker für ihr Handeln ihre dann sichere Abwahl in Kauf nehmen. Darüber hinaus war und ist für eine Kurskorrektur der Beitrag jedes Einzelnen sowohl in der Rolle als Konsument als auch in der des Staatsbürgers unabdingbar. Dieses Verständnis, diese Einsicht für notwendige Schritte in die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft ist bis heute in weiten Schichten der Bevölkerung nur schwach ausgeprägt.

So entschloss ich mich, die Weichen in meiner kleinen Stiftung zu stellen, um einen Beitrag für einen wissenschaftlich geführten Diskurs über Nachhaltigkeit mit und in der Zivilgesellschaft zu führen. Ziel war und ist, den Einzelnen zu befähigen, seinen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung sowohl als Konsument als auch als Staatsbürger zu leisten.

Aus eigener Erfahrung wusste ich: Es gab eine Fülle an Literatur zu Themen der Nachhaltigkeit, allerdings war diese von Wissenschaftlern für Wissenschaftler geschrieben, aber nicht für den interessierten Bürger der Zivilgesellschaft. In einem ersten Schritt gab ich daher zwölf Bücher zu Themen der Nachhaltigkeit heraus, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihr jeweiliges Fachgebiet den aktuellen Stand der Forschung sowie mögliche Handlungsoptionen für Laien verständlich darlegten. Die Buchreihe erschien im Jahr 2007 im Fischer Taschenbuch Verlag. Ein Jahr später erschien die Reihe in englischer Übersetzung in Großbritannien. Ein Teil der Bücher wurde darüber hinaus ins Japanische, Chinesische, Koreanische und Arabische übersetzt.

In einem zweiten wichtigen Schritt schloss ich mich mit der ASKO EUROPA-STIFTUNG und der Europäischen Akademie Otzenhausen zusammen, um die Bildungsinitiative »Mut zur Nachhaltigkeit« ins Leben zu rufen. Ihr Ziel ist es, das Wissen um die komplexen Zusammenhänge der Nachhaltigkeit aus dem Kreis derjenigen, die sich wissenschaftlich damit auseinandersetzen, breiten Kreisen von Zivilgesellschaft und Wirtschaft zugänglich zu machen und auf dieser Basis zu verantwortungsvollem Handeln im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen anzuregen.

Wir beauftragten das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie auf Basis der Buchreihe didaktische Module zu den Themen »Nachhaltige Entwicklung«, »Ressourcen/Energie«, »Konsum«, »Klima/Ozeane« »Wasser/Ernährung/Bevölkerung« und »Wirtschaft/Neue Weltordnung« zu erarbeiten. Diese Module wenden sich an Lehrende und Multiplikatoren, um den Teilnehmenden unterschiedlicher Aus- und Fortbildungssituationen vor allem in Seminaren und Workshops Wissen zur Nachhaltigkeit zu vermitteln. Zusammen mit den Büchern war so eine wissenschaftlich verständliche Grundlage für Seminare, Workshops, zwei Hörbücher und eine Fülle von Vorträgen und Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften geschaffen.

Jährliche Fixpunkte unserer Stiftungsarbeit sind seit 2011 das Kolloquium für den wissenschaftlichen Nachwuchs »Wege aus der Wachstumsgesellschaft« in Otzenhausen und seit 2012 der Kongress zum »ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit« in Hamburg. Dort werden Initiativen aus Wirtschaft und Wissenschaft gewürdigt, die durch die Entwicklung und die Anwendung neuer, vorbildhafter Konzepte für die Zukunft unserer Gesellschaft einen herausragenden Beitrag im Bereich nachhaltiger Entwicklung leisten.[2]

Unsere zwölfbändige Buchreihe zur Zukunft der Erde ist trotz teilweiser Überarbeitungen bei Neuauflagen nun wissenschaftlich »in die Jahre« gekommen; dieser Sammelband soll als Update zehn Jahre Entwicklung abbilden.

Beabsichtigt ist, dass die Beiträge sowohl einen Neuleser in das jeweilige Thema einführen als auch einen bereits kundigen Leser auf den aktuellen Stand der Dinge bringen. Da es letztendlich darum geht, was von jedem von uns zu tun ist, möchte ich dieses Buch abschließen mit einem Weckruf zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft.

 

Last but not least möchte ich für unsere Enkelkinder Livia, Timm und Theo, stellvertretend für etwa 2,5 Milliarden Menschen, die heute jünger als 20 Jahre sind, für eine spätere Geschichtsschreibung festhalten: Kein gegenwärtiger politischer Entscheidungsträger kann sich später einmal damit rechtfertigen, dass die Folgen eines ungebremsten Klimawandels in ihrem Ausmaß und ihrer Schärfe noch völlig unbekannt waren.

Die politischen Entscheidungsträger werden ihrer Verantwortung im Klimaschutz heute nicht gerecht, weil sie sich mit dem komplexen Sachverhalt nur oberflächlich auseinandersetzen oder aber zu Recht befürchten, bei Setzung der entscheidenden Rahmenbedingungen schon bei den nächsten demokratischen Wahlen abgewählt zu werden.

Die Politiker haben in den letzten Jahrzehnten aber auch wenig unternommen, breite Schichten der Bevölkerung über die unabdingbar notwendigen Veränderungen unserer verschwenderischen Produktionsprozesse der Wirtschaft aufzuklären.

Hoffnung machen jedoch weltweit Millionen von Bürgern, die sich auf unterschiedlichsten Gebieten für eine zukunftsfähige Welt von morgen engagieren. Aber sie sind weder national noch international vernetzt, und sie sind noch immer eine Minderheit, die politisch zu ignorieren völlig ungefährlich ist.

Diese progressiven Kräfte müssen sich unter dem Dach des Klimaschutzes national und international vernetzen. Der eindeutige Schwerpunkt ihrer Aktivitäten muss darin liegen, Millionen weiterer Bürger für den Klimaschutz zu mobilisieren. Nur wenn es gelingt, eine ständig wachsende Massenprotestbewegung in Gang zu setzen, wird es möglich werden, in den nächsten 15 Jahren noch die Weichen für einen gebremsten Klimawandel zu stellen.

Dies ist meines Erachtens der erfolgversprechendste Weg, unseren Enkelkindern und deren Nachkommen ein Leben in Würde und Erträglichkeit auf diesem Planeten zu ermöglichen.

Fußnoten

[1]

www.forum-fuer-verantwortung.de

[2]

Ausführlich zu den Stiftungsaktivitäten: Forum für Verantwortung (Hrsg.), 15 Jahre. Von der Evolution zur Nachhaltigkeit 2000–2015, Seeheim-Jugenheim 2015.

Danksagungen

Zu großem Dank bin ich allen Autorinnen und Autoren verpflichtet, die spontan zugesagt haben, an diesem Sammelband mitzuarbeiten, trotz des von mir eher knapp veranschlagten Zeitfensters.

In diesen Dank einbinden möchte ich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung, insbesondere Dr. Hannes Petrischak und Annette Maas, die bei der Planung und Durchführung dieses Bandes ihren Beitrag geleistet haben. Die Entscheidung, nicht die gesamte Reihe zu aktualisieren, sondern sie um einen Update-Band zu ergänzen, fiel nach anregenden und konstruktiven Diskussionen mit Wolfram Huncke, der mir stets ein guter Ratgeber war und ist. Und in diesem Zusammenhang auch mein Dank an meine beiden Kollegen, Arno Krause und Klaus-Peter Beck, ohne deren immaterielle, aber insbesondere finanzielle Unterstützung die Initiative »Mut zur Nachhaltigkeit« nie diesen Aktionsradius hätte annehmen können. Dem Förderkreis meiner Stiftung gebührt ebenso ein ganz ausdrücklicher Dank, denn ohne den vorbehaltlosen nicht nur finanziellen Zuspruch seitens der Mitglieder des Förderkreises wären solch ambitionierte Buchprojekte nicht zu verwirklichen.

Last but not least Dank an unsere bewährte Lektorin Ulrike Holler, die von Beginn an alle Buchprojekte begleitet und ohne deren Tatkraft und liebenswürdige Beharrlichkeit es nicht möglich gewesen wäre, dass der vorliegende Band in weniger als Jahresfrist erscheinen konnte.

 

Klaus Wiegandt

Seeheim-Jugenheim im Juni 2016

Jill Jäger, Ines Omann, Fritz HinterbergerWas verträgt unsere Erde noch?

Einleitung

Im Jahre 2007 schrieben wir das Buch Was verträgt unsere Erde noch?, weil die Situation auf unserem Planeten viel dramatischer war, als viele glaubten. Zudem wollten wir gute Handlungsoptionen aufzeigen.

In diesem Beitrag wollen wir hauptsächlich neue Fragen, Erkenntnisse, Herausforderungen und Ideen, die in den letzten neun Jahren an Bedeutung gewonnen haben, präsentieren. Wie im Buch von 2007 beantworten wir in der Einleitung eine Reihe von Fragen, die zeigen, worum es uns geht.

 

1. Was bringt der globale Wandel?

 

Der Begriff »globaler Wandel« beschreibt die tiefgreifenden Veränderungen der Umwelt, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachtet wurden: Klimawandel, Wüstenbildung, Artensterben etc. Die Transformation der Umwelt, aber auch der Gesellschaft, zeigte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine dramatische Beschleunigung. In den letzten Jahren konnten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zeigen, dass manche Veränderungen schon so gravierend sind, dass sie ein signifikantes Risiko für die gesellschaftliche Entwicklung sein könnten (s. S. 18ff.).

 

2. Ist die Situation wirklich so dramatisch, oder haben wir noch Zeit zu handeln?

 

Die Situation ist dramatisch – vor allem aus drei Gründen: Die meisten Einflussgrößen, die für Umweltveränderungen relevant sind (wie wirtschaftliche Entwicklung, der Konsum in den Industrieländern, die Größe der Weltbevölkerung, Ressourcenverbrauch und Energieverbrauch), erfreuen sich weiterhin ungebremsten Wachstums. In den letzten Jahren haben die Regierungen der Welt sowohl Klimazielen als auch Nachhaltigkeitszielen zugestimmt. Es ist dringend notwendig, dass die Umsetzung von Maßnahmen, um diese Ziele zu erreichen, ernst genommen wird (s. S. 35ff.).

 

3. Was sind die treibenden Kräfte für Umweltveränderungen?

 

Menschliche Aktivitäten sind die stärksten Kräfte des globalen Wandels. Der Verbrauch von natürlichen Ressourcen wird durch Landwirtschaft, Nahrungsmittelproduktion, Industrie, Energiebereitstellung, Verstädterung, Transport, Tourismus und internationalen Handel beeinflusst. Durch diese Aktivitäten werden die Zusammensetzung der Atmosphäre, die Eigenschaften der Landoberfläche, die Artenvielfalt, das Weltklima und die Strömungen in den Ozeanen verändert (s. S. 18ff.).

 

4. Um wie viel müssen wir den Ressourcenverbrauch reduzieren?

 

In den letzten 30 Jahren kam es zwar in vielen Ländern zu relativen Verbesserungen im effizienten Einsatz der entnommenen Rohstoffe. Global gesehen, gewinnt die Menschheit heute etwa 40 % mehr ökonomische Wertschöpfung aus einer Tonne Rohstoff als noch vor 30 Jahren. Diese Verbesserungen konnten aber den Zuwachs an konsumierten Ressourcen nicht ausgleichen. Die Weltwirtschaft wächst, und somit produzieren und konsumieren wir auch immer mehr. Die Effizienzgewinne werden daher durch das Wirtschaftswachstum mehr als kompensiert. Menschliche Aktivitäten verbrauchen Naturkapital 1,5-mal schneller, als die Natur es erneuern kann. Im Jahr 2013 betrug die globale genutzte Materialentnahme etwa 85 Milliarden Tonnen, einschließlich Biomasse. Hinzu kommen 50 Milliarden Tonnen ungenutzte Entnahme. Insgesamt also 135 Milliarden Tonnen. Neuere Studien zeigen, dass die Materialentnahme insgesamt nicht mehr als 45 Milliarden Tonnen betragen soll, um die Grenzen des sicheren Handlungsspielraumes der Menschheit nicht zu überschreiten. Auf globaler Ebene würde dies eine Gesamtreduktion des Materialverbrauchs um mehr als 60 Prozent bedeuten (s. S. 39ff.).

 

5. Welchen Wandel brauchen wir?

 

Wir befinden uns in einer multiplen Krisensituation, begleitet von tiefgreifenden Transformationsprozessen, die schneller und intensiver ablaufen als je zuvor. Daher steht die Menschheit vor großen Herausforderungen. Wie können wir diesen begegnen? Durch Negieren und Weitermachen wie bisher oder durch Anerkennung dieser Herausforderungen und der sie begleitenden Transformationsdynamik? Wenn wir uns für die Anerkennung entscheiden, gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder wir lassen diesen Wandel passieren und es kann zu einem »change by disaster« kommen, oder wir gestalten den Wandel der Welt, »change by design«. Kann die derzeitige multiple Krisensituation als Chance für eine holistisch gestaltete Transformation gesehen und genützt werden? In dieser Hinsicht ist die Umsetzung des Leitbildes »Nachhaltigkeit« auch eine fundamentale Transformation unserer augenblicklichen Konsum-, Produktions- und Entscheidungsmuster (s. S. 52ff.).

 

6. Was können wir tun?

 

Die Transformation zu einer nachhaltigeren Welt kann nur durch ein radikales Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erreicht werden. Dies muss von organisierten und moderierten Prozessen begleitet werden, indem alle Akteure (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft) gemeinsam Visionen einer nachhaltigen Welt entwickeln, gemeinsam entscheiden, wie ihre Vision erreicht werden kann, gemeinsam Transformationspfade entwickeln, umsetzen und evaluieren. Die Transformation braucht Experimente und Lernprozesse. Wir können jetzt schon viel von den gelungenen Experimenten im kleinen Umfang lernen und damit anfangen, eine glückliche und ressourcenschonende Welt zu gestalten.

Der globale Wandel

Die Erde als System – biophysikalische Grenzen

In 2009 veröffentlichten Johann Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre, und eine große Gruppe von anderen renommierten WissenschaftlerInnen eine Studie, in der das Ausmaß der Veränderung des Systems Erde durch menschliche Aktivitäten klar dargestellt wurde. Rockström und seine KollegInnen haben »planetare Grenzen« definiert. Die Überschreitung dieser Grenzen bringt unsichere Konsequenzen und potentiell größere und dramatische Veränderungen für Menschen und die Umwelt. Grenzen wurden auf der Basis von wissenschaftlichen Arbeiten für folgende Teile des Erdsystems festgelegt:

Veränderung des Klimas, Versauerung des Ozeans, Abbau des stratosphärischen Ozons, Veränderung des Stickstoffkreislaufs und des Phosphorkreislaufs, Verbrauch von Süßwasser weltweit, Veränderung der Landnutzung, Verlust von Biodiversität, die Menge von Partikeln in der Atmosphäre und chemische Verunreinigung.

Die letzten zwei Grenzen konnten damals noch nicht quantifiziert werden. Bei den anderen Prozessen war es möglich, die Grenze festzulegen und zu schauen, ob die Grenze schon überschritten worden ist. Die Ergebnisse zeigten, dass schon drei Grenzen überschritten wurden: Veränderung des Klimas, Verlust von Biodiversität und Veränderung des Stickstoffkreislaufs. Die AutorInnen betonten, dass es noch Wissenslücken gebe, und auch, dass die Grenzen zum Teil mit anderen Grenzen verbunden sind. Das heißt, wenn man eine Grenze überschreitet, könnte das einen Einfluss auf andere Grenzen haben. Aber nichtsdestotrotz zeigt diese Studie, dass die menschliche Entwicklung in Gefahr ist, wenn diese biophysischen Grenzen im Erdsystem ignoriert werden.

Im Jahr 2015 wurde eine neue Version dieser Studie der planetaren Grenzen veröffentlicht. Will Steffen und KollegInnen haben die gleichen Prozesse im Erdsystem angeschaut, aber zwei davon sind umbenannt worden: »Verlust von Biodiversität« wurde »Verlust der Integrität der Biosphäre« genannt, um den Einfluss von menschlichen Aktivitäten auf die gesamte Funktion von Ökosystemen zu unterstreichen. »Chemische Verunreinigung« wurde »Einbringung von neuen Substanzen« genannt, um die Tatsache widerzuspiegeln, dass neue Technologien viele verschiedene Auswirkungen haben können.

Die Ergebnisse dieser Studie sind in Abbildung 1 zusammengefasst. Weiterhin sind zwei Grenzen nicht quantifiziert worden. Die Studie zeigt auch, wo noch Unsicherheiten herrschen. Vier Grenzen sind schon überschritten worden: Veränderung des Klimas, Verlust der Integrität der Biosphäre, Veränderung der Landnutzung sowieVeränderung des Stickstoff- und Phosphorkreislaufs. Diese vier Grenzen werden unten weiter diskutiert.

Die Analyse von planetaren Grenzen basiert auf vielen Studien, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden. Zugrunde liegt die Tatsache, dass das Erdsystem in den letzten ca. 11700 Jahren, der sogenannten Holozän-Periode, relativ stabil war und die Entwicklung von Landwirtschaft, Urbanisierung und komplexen menschlichen Gesellschaften erlaubte. Wenn menschliche Aktivitäten dieses Gleichgewicht der Holozän-Periode destabilisieren, sind irreversible und plötzliche Umweltveränderungen möglich, die nicht vorhersagbar sind und die künftige Entwicklung für alle ErdbewohnerInnen in Gefahr bringen.

Diese biophysischen Grenzen, die einen sicheren Handlungsraum für die Menschheit definieren, sind von Kate Rayworth mit sozioökonomischen Aspekten ergänzt worden. Diese Kombination reflektiert viel besser die Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung: Es ist notwendig, die biophysikalischen Grenzen zu respektieren und gleichzeitig Armut zu bekämpfen und eine gute Lebensqualität für alle zu erreichen. Abbildung 2 zeigt diese Kombination. Die sozioökonomischen Aspekte geben eine innere Grenze, während die biophysischen Prozesse die äußere Grenze aufzeigen. Dazwischen liegt ein Raum, in dem die Menschheit in einer sicheren Umwelt mit sozialer Gerechtigkeit gedeihen kann.

Ist es möglich, innerhalb des Ringes zu bleiben? Würde die Eliminierung von Armut nicht zwangsläufig eine Überschreitung der biophysischen Grenzen bedeuten? Rayworth beantwortet diese Fragen mit einem eindeutigen »Nein!«. So zeigt sie zum Beispiel, dass die zusätzlichen Kalorien, die gebraucht werden für die 13 % der Weltbevölkerung, die heute unter Hunger leiden, nur 1 % der heutigen globalen Lebensmittelversorgung ausmachen. Eine Elektrizitätsversorgung für die 19 % der Bevölkerung, die heute keine Elektrizität haben, würde laut Rayworth die globalen CO2-Emissionen nur um 1 % erhöhen. Der größte Stress für die planetaren Grenzen heute ist der Konsum der reichsten 10 % der Gesellschaft und die dazugehörigen Produktionsmuster. Ungefähr die Hälfte der CO2-Emissionen werden von nur 1 % der Weltbevölkerung produziert. 33 % des globalen nachhaltigen Stickstoffbudgets wird für die Fleischproduktion in Europa benutzt – und das sind nur 7 % der Weltbevölkerung.

Abb. 1

Planetare Grenzen. Quelle: Steffen et al.

Abb. 2

Die Kombination von planetaren und sozioökonomischen Grenzen. Quelle: Rayworth (2012)

Die vier planetaren Grenzen, die schon überschritten wurden

Klima

Wie in unserem Buch (2007) detailliert beschrieben, gilt Klimawandel als das mit Abstand wichtigste Umweltproblem der Zukunft. Seit 2007 haben sich der Wissensstand und die Klimapolitik weiterentwickelt (s. dazu den Beitrag von Mojib Latif in diesem Buch).

Das Jahr 2015 war das wärmste Jahr seit 1880 (s. Abbildung 3). Temperaturdaten von der US-Behörde NASA zeigten aber, dass die globale Erdoberflächentemperatur im Februar 2016 1,35 °C höher war als die durchschnittliche Temperatur für diesen Monat im Zeitraum 1951–1980. Einen Anstieg um 1,35 °C gab es bislang nicht. Der frühere Rekord (1,15 °C) wurde allerdings im Januar 2016 gemessen.

 

In den Jahren 2013 und 2014 veröffentlichte der Weltklimarat (IPCC) den fünften Sachstandsbericht. Es wurde berichtet, dass die Erwärmung der Erde eindeutig zu sehen ist und dass es »äußerst wahrscheinlich« ist, dass menschliche Aktivitäten die Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts waren. Es sind bereits Veränderungen des globalen Wasserkreislaufs, Schmelzen von Schnee und Eis, Ansteigen des mittleren globalen Meeresspiegels und auch einige Veränderungen von extremen Wetter- und Klimaereignissen zu beobachten.

Abb. 3

Globaler Land-Ozean-Temperaturindex der NASA (1880–2015)

Quelle: http://data.giss.nasa.gov/gistemp/graphs_v3/

Der Sachstandsbericht des Weltklimarats unterstreicht, dass die Klimaveränderungen der letzten Jahrzehnte bedeutende Folgen für Umwelt und Menschen gehabt haben. Empfindliche Ökosysteme wie Korallenriffe oder die Arktis zeigen jetzt schon die Folgen des Klimawandels. Die Erträge von wichtigen Grundsteinen der Ernährung, Weizen und Mais, werden überwiegend negativ beeinflusst, und in vielen Regionen werden Wasserressourcen beeinträchtigt.

 

Was könnten die künftigen Entwicklungen sein? Um diese Frage zu beantworten, wurden neue Klima- und sozioökonomische Szenarien entwickelt. Es gibt eine Reihe von Szenarien, weil sowohl die sozioökonomische Entwicklung als auch die künftigen Klimapolitikmaßnahmen die Emissionen von Treibhausgasen beeinflussen können. Dementsprechend zeigen die Szenarien, dass die mittlere globale Erdoberflächentemperatur bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 0,9 °C bis 5,4 °C gegenüber vorindustriellen Werten ansteigen. Diese Werte sind natürlich mit einigen Unsicherheiten versehen.

Sehr wichtig in der Diskussion des künftigen Klimawandels ist die Frage, wie viel Treibhausgase noch emittiert werden dürften, wenn wir eine gefährliche Veränderung des Klimas vermeiden wollen. Dazu berichtet der Weltklimarat, dass die kumulativen CO2-Emissionen, das heißt die Summe der Emissionen seit Beginn der Industrialisierung, weitgehend die mittlere globale Erwärmung der Erdoberfläche in diesem Jahrhundert bestimmen. Wenn die mittlere globale Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 66 % auf weniger als 2 °C begrenzt werden muss, müssen die kumulativen CO2-Emissionen seit 1870 auf etwa 2900 Gt CO2 begrenzt werden. Ungefähr zwei Drittel davon wurden bis zum Jahr 2001 bereits emittiert. Also, um die Erwärmung unter 2 °C zu halten, können nur noch ca. 1000 Gt CO2 emittiert werden.

Zusammenfassend: Klimawandel bleibt eine große Herausforderung. Die Risiken und Kosten nehmen zu. Es ist kaum möglich, die Treibhausgas-Emissionen in Zukunft zu erhöhen ohne große gesellschaftliche und ökologische Konsequenzen.

Im Dezember 2009 fand die 15. Konferenz der Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) in Kopenhagen statt. Das Ziel war, dass sich die Vertragsstaaten auf ein neues Regelwerk für den Klimaschutz nach Ablauf des Kyoto-Protokolls im Jahre 2012 einigen. In Kopenhagen war es jedoch nicht möglich, ein Abkommen zu beschließen. Erst drei Jahre später bei der Konferenz in Doha (2012) wurde die Fortführung Kyoto II für 2013–2020 beschlossen. Danach konzentrierten sich weitere Verhandlungen auf den Zeitraum nach 2020. Das Ziel war dann im Dezember 2015 bei der 21. Konferenz der Vertragsstaaten in Paris, ein Abkommen für die Zeit nach 2020 zu beschließen. Nach intensiver Vorbereitung und teilweise zähen Verhandlungen wurde das »Paris Agreement« von 195 Mitgliedstaaten akzeptiert.

 

Diese Vereinbarung von Paris sieht vor, dass die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter nicht über 2 °C steigen soll, und es sollen Anstrengungen unternommen werden, damit die Erwärmung nicht über 1,5 °C steigt. Weiter wird angestrebt, ein Gleichgewicht zwischen den Emissionen von Treibhausgasen durch menschliche Aktivitäten und der CO2-Bindung zu erreichen. Die CO2-Bindung geschieht entweder durch natürliche oder technologische Prozesse. Vor der Konferenz in Paris haben 186 Staaten freiwillige nationale Klima-Ziele vorgelegt. Die freiwilligen Ziele werden aber nicht ausreichen, den Temperaturanstieg auf unter 2 °C zu begrenzen. Ab 2023 werden die Ziele alle fünf Jahre geprüft und gegebenenfalls verschärft. Allerdings meinen einige WissenschaftlerInnen, dass eine Prüfung und Verschärfung in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts viel zu spät kommen würde, um das 2°C-Ziel zu erreichen.

Die Pariser Vereinbarung wurde von vielen als Erfolg gefeiert. Sie ist ein Signal, dass das Klima-Problem ernst genommen wird. Es war möglich, eine zwischenstaatliche Vereinbarung zu erreichen. Andere aber sind weniger glücklich. Bei freiwilligen Verpflichtungen gibt es keine Sanktionen, wenn ein Land das selbstgesteckte Ziel nicht erreicht. Die Wörter »fossile Energieträger« werden nicht einmal in der Vereinbarung erwähnt. Manche Wissenschaftlerinnen bezweifeln, dass es überhaupt noch möglich ist, die Erwärmung nicht über 1,5 °C steigen zu lassen, und unterstreichen, dass das Erreichen dieses Zieles eine schnelle und durchgreifende Änderung der Wirtschaft mit großen gesellschaftlichen Auswirkungen benötigen wird.

Die Integrität der Biosphäre

Die Zerstörung von Ökosystemen reduziert die Fähigkeit der Natur, menschliche Gesellschaften zu unterstützen. Ökosysteme erbringen eine Reihe von Dienstleistungen wie die Bestäubung von Obstbäumen, die Reinigung von Wasser und die Bereitstellung kulturell wichtiger Landschaften.

Im Jahre 2001 setzte sich die Europäische Union das ehrgeizige Ziel, den Verlust von Biodiversität bis 2010 zu halten. Biodiversität umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten (genetische Variation), den Reichtum an Arten und die Vielfalt der Ökosysteme. Nach 2010 konnte die Europäische Umweltagentur klar zeigen, dass das Ziel verfehlt wurde. Eine neue Vision und ein neues Ziel wurden ausgearbeitet.

 

Die Vision:

 

Bis 2050 werden in der Europäischen Union die biologische Vielfalt und die Ökosystem-Dienstleistungen, die dadurch zur Verfügung gestellt werden, geschützt, wertgeschätzt und in geeigneter Weise restauriert. Biodiversität bringt einen notwendigen Beitrag zur Lebensqualität der Menschen und zum wirtschaftlichen Wohlergehen. Katastrophische Veränderungen durch den Verlust von Biodiversität müssen vermieden werden.

 

Das Ziel:

 

Der Verlust von Biodiversität und die Zerstörung der Ökosystemdienstleistungen werden in der Europäischen Union bis zum Jahre 2020 gestoppt; so weit wie möglich werden sie restauriert, während der EU-Beitrag zur Vermeidung des globalen Biodiversitätsverlusts erhöht wird.

Wie die Europäische Umweltagentur im Jahre 2015 zeigte, ist diese Zielsetzung wieder sehr ehrgeizig und bleibt eine riesige Herausforderung. Im Jahre 2015 zeigten 60 % der Evaluationen von Arten und 77 % der Evaluationen von Lebensraum in Europa ein nicht zufriedenstellendes Ergebnis.

 

Wie im Beitrag von Josef H. Reichhoff in diesem Buch näher erläutert, wird Biodiversität von mehreren Seiten bedroht: durch die Verbreitung von invasiven gebietsfremden Arten, Klimawandel, Verschmutzung, Überdüngung und Veränderungen des Lebensraums. Dahinter stecken viele indirekte Ursachen, wie zum Beispiel demographische Änderungen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Konsummuster. Diese direkten und indirekten Bedrohungen für die Biodiversität werden laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) weiter die Biodiversität unter Druck setzen. Abbildung 4 zeigt Ergebnisse einer OECD-Studie, die verdeutlichen, dass ohne Gegenmaßnahmen Biodiversität in allen Regionen bis 2050 weiter verlorengeht.

Die Grenze bezüglich der Integrität der Biosphäre ist bereits überschritten worden. Wie könnte der Verlust von Biodiversität und Zerstörung von Ökosystemen rückgängig gemacht werden? Ein Vorschlag dazu kam von einer internationalen Studie im Jahr 2010 (TEEB 2010): Wir müssen den Beitrag von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen zu der Lebensqualität von Menschen messen und bezahlen. Es geht also um den Wert der Natur und wie wir bewerten! Die Vorteile des Schutzes der Ökosysteme und ihrer Dienstleistungen sind oft viel größer als die Kosten, aber das Marktsystem betrachtet selten die gesamten sozialen und wirtschaftlichen Werte der Ökosystemdienstleistungen.

Abb. 4

Durchschnittliche Artenvielfalt, 2010–2050.

Quelle: OECD Environmental Outlook to 2050

Änderungen der Stickstoff- und Phosphorkreisläufe

Menschliche Aktivitäten haben den Kreislauf von Stickstoff und Phosphor drastisch beeinflusst. Die Erzeugung und Anwendung von Düngemitteln sind die Hauptursachen. Menschliche Aktivitäten verwandeln mehr atmosphärischen Stickstoff in Formen des reaktiven Stickstoffs als alle terrestrischen Prozesse. Dieser reaktive Stickstoff wird meist in die Atmosphäre emittiert; er wird nicht von den Pflanzen aufgenommen. Wenn er durch Regen ausgewaschen wird, werden Flüsse, Seen und Küstengewässer verunreinigt, oder er kumuliert in der Biosphäre. Auch sehr viel Phosphor wird nicht von Pflanzen aufgenommen und kumuliert in Gewässern. Daraus resultiert ein hohes Aufkommen der Algenblüte, die Sauerstoff im Wasser aufbraucht.

Die planetare Grenze für Phosphor wurde von Rockström und KollegInnen gesetzt, damit ein großflächiger Verlust von Sauerstoff (»anoxisches Ereignis«) im Ozean vermieden werden kann. Der Fluss von Phosphor in den Ozean soll demnach unter 11 Tg P pro Jahr liegen. Steffen und KollegInnen rechnen, dass die heutige Zugabe von Phosphor in Düngemittel auf Landwirtschaftsflächen bei mehr als 14 Tg P pro Jahr liegt. Die Grenze für Stickstoff basiert auf detaillierten wissenschaftlichen Studien und wurde auf 62 Tg N pro Jahr festgelegt. Diese Grenze wird in der Landwirtschaft in Nordamerika, Europa, Indien und Ostasien überschritten.

Veränderung der Landoberfläche

Die Landoberfläche wurde und wird in vielen Teilen der Erde verändert. Wälder, Grünland und Feuchtwiesen werden für die landwirtschaftliche Nutzung oder den Städtebau konvertiert. Die Veränderungen haben große Konsequenzen für andere biophysikalische Grenzen wie die Integrität der Biosphäre oder den Wasserkreislauf. Steffen und KollegInnen haben eine neue Methode entwickelt, um die Veränderung der Landfläche zu beurteilen. Während Rockström und KollegInnen die Fläche, die für landwirtschaftlichen Anbau verwendet wird, benutzten, wurde in der neuen Studie die bleibende Waldfläche verwendet. Es wurde argumentiert, dass die Waldfläche viel wichtiger in der Interaktion zwischen Landoberfläche und Klima sei. Also ist die planetare Grenze erreicht, wenn die Fläche des Waldes in tropischen und in borealen Breiten unter 85 % der potentiellen Fläche ausmacht, während in mittleren Breiten die Grenze bei 50 % der potentiellen Fläche liegt. Die Wälder in den mittleren Breiten haben weniger Einfluss auf das Weltklima. Abbildung 5 zeigt, wo diese planetare Grenze schon überschritten worden ist und wo die größten Risiken sind. Demnach wurde die Grenze in den tropischen Wäldern in Afrika und Südostasien überschritten, während in den borealen Wäldern der nördlichen Hemisphäre das Risiko einer Grenzüberschreitung steigt.

Die Ursachen des globalen Wandels

Im Jahr 2007 haben wir die Ursachen detailliert beschrieben und die Auswirkungen der seit der industriellen Revolution stetig zunehmenden wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen betont. Dazu haben wir in Abbildungen gezeigt, wie die menschlichen Aktivitäten vor allem seit dem Jahre 1950 extrem schnell zugenommen hatten. Diese Trends wurden inzwischen für weitere zehn Jahre beschrieben. W. Steffen und KollegInnen zeigen, dass die »große Beschleunigung« weiterhin stattfindet. Interessant sind die Trends für Weltregionen. Zum Beispiel wächst die Weltbevölkerung weiter, aber der Hauptteil des Wachstums findet in Nicht-OECD-Ländern statt. Demgegenüber steht die Tatsache, dass das Wachstum der Weltwirtschaft (GDP) und dadurch des Konsums hauptsächlich in den OECD-Ländern stattfindet. Für einige Indikatoren für den Zustand des Erdsystems ist das Wachstum langsamer geworden (die Konzentration von Methan in der Atmosphäre) oder hat sich stabilisiert (die Konzentration von Ozon in der Stratosphäre).

Abb. 5

Veränderung der Waldfläche.

Quelle: Steffen et al. (2015)

Seit der Wirtschaftskrise 2009 wächst die Weltwirtschaft wesentlich schwächer als davor, und es ist auch nicht anzunehmen, dass sich das in den nächsten Jahrzehnten ändern wird. Dies verringert zwar die jährliche Verstärkung des Drucks auf die Umwelt, nicht aber diesen Druck selbst, der – wenn auch schwächer – weiter wächst.

Die Reduktion der Treibhausgasemissionen in Europa lag bei ca. 23 % zwischen 1990 und 2014. Weltweit sind die Emissionen von fossilen Energieträgern und Industrie im Jahre 2014 um 0,6 % gewachsen, und die Projektionen zeigten sogar eine Abnahme im Jahre 2015. Der starke Trend nach oben mit Wachstumsraten von 2,4 % zwischen 2005 und 2015 scheint gebrochen zu sein. Der Hauptgrund dafür ist, dass China weniger Kohle und viel mehr erneuerbare Ressourcen verwendet.

Die Weltbevölkerung wächst weiter, und die Prognosen werden regelmäßig aktualisiert. Die Zahl der Menschen auf der Erde hat sich mehr als verdoppelt seit den 1960er Jahren. Im Jahre 2013 waren es mehr als 7 Milliarden. Die Prognosen der Vereinten Nationen zeigen, dass das Wachstum langsamer wird und der mittlere Wert für das Jahr 2050 bei 9,6 Milliarden liegt. Diese Zahl hängt weiterhin sehr stark davon ab, welche Maßnahmen umgesetzt werden. Wenn in Bildung und Gesundheit sowie in die Stärkung der Rolle der Frauen investiert wird, sinkt die Geburtenrate. Das Bevölkerungswachstum findet hauptsächlich in Entwicklungsländern statt. In manchen Regionen aber schrumpft die Bevölkerungszahl, z.B. in der Karibik, Japan, Russland und Lateinamerika.

Wie wir im Buch (2007) beschrieben haben, wurden im Jahre 2000 bei der Millennium-Sitzung der Vereinten Nationen in New York die »Millenniumsziele« (Millennium Development Goals – MDG) verabschiedet. Zielgrößen bis zum Jahre 2015 wurden festgelegt. Ziel 2 war die Verwirklichung der allgemeinen Primärschulbildung. Alle Jungen und Mädchen sollen eine vollständige Grundschulausbildung erhalten. Dieses Ziel ist sehr wichtig für die künftige Reduktion der Geburtenrate. Im Jahre 2015 haben die Vereinten Nationen die Ergebnisse hinsichtlich der Millenniumsziele veröffentlicht. Im Jahre 2000 meldeten sich in Entwicklungsländern 83 % der Kinder für die Primärschule an und im Jahre 2015 91 %. Die Zahl der Kinder, die im Schulalter sind und nicht zur Schule gehen, wurde im selben Zeitraum fast halbiert. In Afrika südlich der Sahara gibt es erhebliche Verbesserungen: Die Schulanmeldungen zwischen 2000 und 2015 haben um 20 % zugenommen, im Vergleich zu einer Zunahme um 8 % zwischen 1990 und 2000. Auch sehr relevant für die Eindämmung des Bevölkerungswachstums war die Tatsache, dass die Alphabetisierungsrate der jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren von 83 % auf 91 % stieg zwischen 1990 und 2015 und die Lücke zwischen Männern und Frauen kleiner geworden ist.

Nachhaltigkeitsziele

Die Reihe der UNO-Konferenzen zum Thema nachhaltige Entwicklung hat sich im Jahre 2012 fortgesetzt. Nach der UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung im Jahre 1992 in Rio de Janeiro und der nachfolgenden Konferenz in Johannesburg im Jahre 2002 fand die sogenannte Rio+20-Konferenz im Jahre 2012 wieder in Rio de Janeiro statt.

 

Das Abschlussdokument der Rio+20-Konferenz, »The Future We Want«, enthält viele Absichtserklärungen und reflektiert die Ergebnisse der vergangenen Konferenzen. Es wird anerkannt, dass die Fortschritte seit der ersten Konferenz im Jahre 1992 ungleich sind. Daher ist es notwendig, mehr bei der Umsetzung von früheren Verpflichtungen zu tun. Auch müssen die Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern weiter reduziert werden. Drei wichtige Ziele in dem Abschlussdokument von Rio+20 sind die Bekämpfung von Armut, die Anerkennung und Bestätigung der Richtlinien der Konferenz aus dem Jahr 1992 und in bereits bestehenden Umwelt-/Nachhaltigkeitsstrategien die Entwicklung einer Wirtschaft, basierend auf nachhaltiger Entwicklung und der Armutsbekämpfung (»die grüne Wirtschaft«). Obwohl die Rio+20-Konferenz einige Schritte in die richtige Richtung gemacht hat, zum Beispiel bei der Stärkung des UN-Umweltprogramms, waren viele Beteiligte und Beobachter enttäuscht und meinten, dass die Ergebnisse schwach waren angesichts der großen Herausforderungen.

 

Die Rio+20-Konferenz hat auch die Wichtigkeit und Nützlichkeit von Nachhaltigkeitszielen unterstrichen. Es wurde beschlossen, einen Prozess zu etablieren, in dem die Regierungen, aber auch alle anderen Stakeholder, globale Nachhaltigkeitsziele entwickeln würden. Nach der Konferenz wurde eine offene Arbeitsgruppe über die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Open Working Group on Sustainable Development Goals – OWG) gegründet. Nach zahlreichen Treffen hat diese Gruppe im Juli 2014 ihren Vorschlag für 17 Ziele und 169 Unterziele vorgelegt. Im September 2015 wurden diese Vorschläge bei den Vereinten Nationen als die globalen Nachhaltigkeitsziele verabschiedet. Die Ziele und Unterziele sind in der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung enthalten.

Die ersten sieben Ziele entsprechen den Millenniumszielen: Abschaffung der Armut (Ziel 1) und des Hungers (Ziel 2), Gesundheit (Ziel 3), Bildung (Ziel 4), Geschlechtergerechtigkeit (Ziel 5), Wasser und Sanitärversorgung (Ziel 6) und eine nachhaltige Energieversorgung (Ziel 7). Als primär wirtschaftliche Ziele wurden die Förderung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums und menschenwürdiger Arbeit (Ziel 8) sowie einer nachhaltigen Infrastruktur und Industrialisierung (Ziel 9) formuliert. Die weiteren Ziele sind Verringerung der Ungleichheit zwischen und innerhalb einzelner Länder (Ziel 10), nachhaltige Siedlungsentwicklung (Ziel 11), nachhaltige Produktions- und Konsummuster (Ziel 12), der Umgang mit dem Klimawandel (Ziel 13), der Schutz der Meere (Ziel 14) und der Ökosysteme und der Artenvielfalt (Ziel 15) sowie friedlichen und inklusiven Gesellschaften den Zugang zu Justizsystemen und fähigen Institutionen zu gewährleisten (Ziel 16). Mit Ziel 17 sollen schließlich die Mittel zur Umsetzung und eine globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung gestärkt werden.

Wie geht es weiter, nachdem die Ziele und Unterziele beschlossen wurden? Wie soll die Umsetzung kontrolliert werden? Von den Vereinten Nationen wurde ein »High Level Political Forum« (Hochrangiges Politisches Forum) ernannt, um die Umsetzung zu überprüfen. Die Mitgliedsländer haben sich zwar verpflichtet, die Ziele zu erreichen und sich regelmäßig bei der Umsetzung überprüfen zu lassen, aber es wird immer wieder betont, dass die Umsetzung der Ziele eine nationale Angelegenheit ist. Das hochrangige politische Forum wird sich jährlich treffen, aber nationale Berichte zur Umsetzung der Ziele sind freiwillig. Es gibt auch noch sehr viel zu tun bei der Ausarbeitung quantifizierter Unterziele. Ohne quantifizierte Ziele kann man kaum messen, ob ein Ziel erreicht wird oder nicht.

Vom Wissen zum Handeln

In den letzten Jahren konnte die Wissenschaft die Risiken von globalen Umweltveränderungen präzisieren. Die Notwendigkeit einer nachhaltigen und klimaverträglichen Zukunft wird zunehmend anerkannt. Gleichzeitig wird immer klarer, dass diese Zukunft nur durch einen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft gelingen kann. Wie der deutsche Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in dem Bericht von 2011 schreibt, gleicht dieser Umbau einer »großen Transformation«. Es bedeutet, laut WBGU, dass Produktion, Konsummuster und Lebensstile so verändert werden, dass die globalen Treibhausgasemissionen im Verlauf der kommenden Dekaden auf ein absolutes Minimum sinken und klimaverträgliche Gesellschaften entstehen können.

 

Der WBGU kommt zu der Schlussfolgerung, dass diese große Transformation nur mit einem neuen Gesellschaftsvertrag gelingen wird. Die Menschheit muss die kollektive Verantwortung für die Vermeidung gefährlichen Klimawandels und anderer planetarischer Risiken übernehmen. Der neue Gesellschaftsvertrag ist ein Veränderungskontrakt: Notwendig ist eine Kultur der Achtsamkeit (aus ökologischer Verantwortung) zusammen mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratischer Verantwortung) sowie eine Kultur der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen (Zukunftsverantwortung). Sowohl der Staat als auch die Gesellschaft müssen agieren. Zu dem Thema Transformation schreiben wir später mehr (Seite 52ff.).

Ressourcenverbrauch

Ressourcenverbrauch und die planetaren Grenzen

So wichtig und richtig die wissenschaftliche Darstellung der planetaren Grenzen ist, so schwierig ist es, daraus konkrete Handlungsempfehlungen und politische Maßnahmen abzuleiten, die dazu führen, diese Grenzen nicht zu überschreiten. Aus diesem Grund wird seit einigen Jahren daran gearbeitet, konkrete Maßzahlen zu entwickeln und Ziele für den Ressourcenverbrauch und auch für einzelne wirtschaftliche Aktivitäten zu formulieren. Denn es sind immer Produktion und Konsum, die zur Überschreitung des planetaren Ressourcenverbrauchs führen.

Rockström und KollegInnen sprechen selbst von »beunruhigenden Wissenslücken« bezüglich der Möglichkeit der Identifikation von konkreten Grenzwerten für ihre planetaren Grenzen. Viele Umweltauswirkungen menschlicher Aktivitäten sind noch nicht hinreichend wissenschaftlich erfasst, um konkrete Ziel- oder Grenzwerte zu formulieren, wie es beispielsweise für die Klimawandelgrenze erfolgt ist (2°C-Ziel). Es ist jedoch dringend notwendig, Grenzwerte zu formulieren, die Risiken und Unsicherheiten zu analysieren und unter Anwendung eines Vorsorgeprinzips planetare Grenzen zu identifizieren.

 

Dabei hilft die Überlegung, dass alle Aktivitäten, die uns der Überschreitung der planetaren Grenzen näher bringen, mit dem globalen Ressourcenverbrauch zu tun haben. Aus diesem Grund wurde in den vergangenen Jahren intensiv daran gearbeitet, Ziele für den globalen Ressourcenverbrauch vorzuschlagen und Daten zusammenzutragen, die die Entwicklung des globalen Ressourcenverbrauchs beschreiben sowie sich auf einzelne Aktivitäten von KonsumentInnen und Produzenten beziehen lassen.

Ein solches Unterfangen baut auf Rockströms und Steffens Konzept des »sicheren Handlungsspielraumes für die Menschheit« auf. Dieses steckt den Rahmen, innerhalb dessen sich unsere sozioökonomischen Aktivitäten abspielen müssen, damit die Funktionsweise des Systems Erde und seiner ökologischen Teilsysteme sowie die der Gesellschaften nicht stark beeinträchtigt oder sogar irreparabel beschädigt werden.

Um den »sicheren Handlungsspielraum« im oben genannten Sinne zu operationalisieren, geht es deshalb um folgende Fragen:

Wie viel Materialien können maximal genutzt werden, um das Gleichgewicht zwischen ökologischer Tragfähigkeit und menschlicher Aktivitäten wiederherzustellen bzw. aufrechtzuerhalten, ohne dabei die Funktionsfähigkeit des Systems Erde (irreparabel) zu beinträchtigen?

Wann war der Zeitpunkt (oder Zeitraum), in dem das System Erde noch im Gleichgewicht war (als noch keine Grenzen übertreten worden waren bzw. das ökologische Gleichgewicht noch nicht in Gefahr war)?

Um wie viel müssen wir reduzieren?

Um Reduktionsfaktoren und Ziele für die Entnahme, Nutzung (inklusive Produktion) und Verbrauch von materiellen Ressourcen vorzuschlagen, müssen zunächst diejenigen Mengen an Materialien berechnet werden, die genutzt werden können, ohne dabei schwerwiegende Umweltauswirkungen auf globaler Ebene zu verursachen. Nur so kann ein Zustand des Systems Erde wiederhergestellt werden, der noch als »sicherer« Handlungsspielraum bezeichnet werden kann.

Das Ungleichgewicht zwischen dem menschlichen Bedarf an Ressourcen und der Fähigkeit des Ökosystems, sich selbst zu regenerieren, wurde bereits in den frühen 1970er Jahren von der internationalen Gemeinschaft, den nationalen Regierungen und der Zivilgesellschaft wahrgenommen. Aus heutiger Sicht ist es interessant zu sehen, dass die Beziehung zwischen menschlicher Nachfrage nach natürlichen Ressourcen und die Fähigkeit des Ökosystems, biotische Materialien zu produzieren und Abfälle zu absorbieren, aber auch die Ökosystemdienstleistungen von Wasser und Land zu gewährleisten, spätestens in eben diesen ersten Jahren der 1970er aus dem Gleichgewicht geraten ist. Deshalb wurde vorgeschlagen, das Jahr 1970 als spätesten Zeitpunkt heranzuziehen, um jene Mengen biotischer und abiotischer Materialien zu bestimmen, die künftig entnommen und konsumiert werden können, ohne den sicheren Handlungsspielraum der Menschheit zu gefährden.

Neben all den Ressourcen, die heute in Produktion und Konsum verwendet werden, müssen dabei auch alle ungenutzten Ressourcenentnahmen berücksichtigt werden. Warum sind auch diese für den globalen Wandel relevant? Der Natur ist es letztlich egal, welchen Nutzen wir Menschen aus den gewaltigen Umwälzungen, die wir in ihr verursachen, ziehen.

Bergbau und auch die Ernte erneuerbarer Rohstoffe verursachen immer auch Ressourcenentnahmen, die letztlich ungenutzt bleiben, die ökologischen Gleichgewichte aber ebenso verändern wie diejenigen, die vom Menschen genutzt werden. Das gilt auch für die Nahrungsmittelproduktion ebenso wie für den Anbau von Energiepflanzen und der als Rohstoffe genutzten Pflanzen. Nachwachsende Rohstoffe sind zwar erneuerbar, aber auf einem begrenzten Planeten letztlich begrenzt, und ihr Anbau sowie ihre Ernte stellen Eingriffe in die Natur dar (s. S. 27ff.), die von dieser ab einer gewissen Intensität nicht mehr gepuffert werden können, was zu irreversiblen Prozessen und letztlich zum Überschreiten der planetaren Grenzen führt.

Jeder Produktionsprozess verursacht Abfälle, was letztlich bedeutet, dass Ressourcen, die einmal abgebaut oder geerntet wurden, nicht in das Endprodukt eingehen. Wir sprechen daher von (unsichtbaren) ökologischen Rucksäcken, die mit jeder Produktion, jedem Konsum verbunden sind. Zusammengenommen sprechen wir von Total Material Consumption, kurz TMC.

TMC liefert ein umfassenderes Bild der vorgelagerten Ströme, da auch die mit den importierten Produkten assoziierten ungenutzten Anteile sowie die Anteile des Sekundärmaterialeinsatzes berücksichtigt werden (Letztere lassen Rückschlüsse auf die Auswirkungen der Wiederverwertung, Materialsubstitution oder eine erhöhte Materialeffizienz zu). Wie Krausmann und seine KollegInnen veranschaulicht haben (2009), ist beispielsweise die Umweltwirkung der Entnahme und des Verbrauchs von Baumineralien meist indirekt und daher im Moment oft noch schwer zu quantifizieren, weshalb es in einem ersten Schritt kategorienübergreifende Zielvorgaben geben muss. Auch wenn noch kein direkter Zusammenhang zwischen der Verwendung von Zuschlagstoffen und Umweltzerstörung wissenschaftlich bestätigt worden ist, so können zumindest die Größe der Stoffströme und die Zusammensetzung der Materialien als Behelfsindikator für die Umweltbelastung dienen.

Hinzu kommen schätzungsweise weitere 40 bis 60 % ungenutzte Materialentnahme, da sich trotz verbesserter Technologien das Verhältnis von ungenutzter zu genutzter Materialentnahme bis 2050 weiter verschlechtern wird. Dies ist vor allem auf den immer schwierigeren Zugang zu den Materialvorkommen und die abnehmende Konzentration der Metalle, Seltenen Erden etc. in den Roherzen zurückzuführen.

Unter dieser Annahme und unter der Berücksichtigung von 1970 als Referenzjahr ergibt das einen ungefähren Grenzwert von 45 Milliarden Tonnen TMC. Die globale Materialgewinnung sollte diese Größenordnung nicht überschreiten, um die Grenzen des sicheren Handlungsspielraumes der Menschheit nicht zu verlassen. Auf globaler Ebene würde dies eine Gesamtreduktion des Materialverbrauchs um rund 65 % bezogen auf das Jahr 2008 bedeuten. Bei einer angenommenen Weltbevölkerung von ca. neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 lässt sich ein relatives Pro-Kopf-Ziel von 5 Tonnen TMC ableiten.

Ähnliche Ziele lassen sich für die Ressourcen Wasser und Land ableiten, die im Konzept der planetaren Grenzen explizit als solche genannt werden. Neben diesen übergeordneten Zielen muss jedoch auf die unterschiedlichen geographischen, sozioökonomischen, klimatischen usw. Realitäten in den Ländern und Kontinenten eingegangen werden, und die bereits ausgeführten Differenzierungen müssen in Unterziele überführt werden.

Im Jahr 2013 betrug die global genutzte Materialentnahme einschließlich Biomasse bereits etwa 85 Milliarden Tonnen (www.materialflows.net). Hinzu kommen 50 Milliarden Tonnen ungenutzte Entnahme, was 60 % entspricht und eine gesamte jährlich vom Menschen verursachte Materialentnahme von 135 Milliarden Tonnen ergibt. Das sind 135000000000000 Kilogramm. Pro Kopf und Jahr kommt man so auf 18 Tonnen oder jeweils 50 Kilogramm pro Tag, die ein Erdenbürger an Ressourcenverbrauch verursacht. Dabei sind die regionalen Unterschiede gewaltig und reichen von 2,5 Tonnen im Jemen oder Ruanda über 12 bis 15 Tonnen in Österreich und Deutschland bis zu 21 Tonnen in den Vereinigten Staaten oder 44 Tonnen in Australien, worin die ungenutzte Entnahme noch gar nicht einberechnet ist, für die man im Durchschnitt noch einmal 60 % auf die angegebenen Werte addieren muss, um die Gesamtwirkung unserer Lebensweise abzuschätzen.

 

Würde die Weltwirtschaft weiter in diesem Tempo wachsen (das »Business-as-usual«-Szenario) und Entwicklungs- und Schwellenländer die gleichen Verbrauchswerte wie die reichen Länder erreichen, könnte der gesamte globale Materialverbrauch (inklusive ungenutzter Ressourcen) auf 250 bis 300 Milliarden Tonnen im Jahr 2050 anwachsen.

Die Europäische Kommission hat dazu bereits 2011 in ihrem »Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa« – kurz auch Ressourceneffizienz-Roadmap – Material, Fläche, Wasser und Treibhausgase als diejenigen Ressourcen und Umweltkategorien genannt, anhand deren ein Fortschritt in Richtung Nachhaltigkeit zu messen wäre.

Ziel ist es, die Hauptumweltkategorien abzudecken, um für die wesentlichen ökologischen Auswirkungen von Produktion und Konsum richtungssichere, quantitative Aussagen ableiten zu können. Es werden dabei die Hauptumweltkategorien (biotische und abiotische Ressourcen, Wasser, Landfläche und Luft), die von der OECD festgelegt wurden, berücksichtigt. Eine Berücksichtigung all dieser Kategorien hilft, bloße Verlagerungen von Umweltproblemen wahrzunehmen und Maßnahmen auf einen dementsprechend umfassenden Nachhaltigkeitsansatz auszurichten.

Von den fünf Hauptumweltkategorien lassen sich fünf Indikatoren ableiten (s. Abbildung 6).

Als Größenordnung für die für ein globales ökologisches Gleichgewicht notwendige Reduktion des Ressourcenverbrauchs wurde von Schmidt-Bleek (s. den Beitrag von Schmidt-Bleek) in diesem Buch und anderen für Industrieländer ein »Faktor 10« vorgeschlagen, was einer Verringerung um 90 % auf ein Zehntel entspricht, was auch der oben formulierten Zielsetzung von 5 Tonnen TMC pro Person und Jahr entspricht. Entscheidend ist dabei die absolute Höhe des Ressourcenverbrauchs und nicht, wie hoch dieser im Vergleich zur Wirtschaftsleistung (gemessen in BIP) oder pro Kopf ist. Für die Natur spielt es keine Rolle, was wir Menschen aus einem Kilogramm oder einer Tonne Ressourcen herausholen.

Abb. 6

Hauptumweltkategorien und daraus abgeleitete Indikatoren zur Formulierung von Zielen des globalen Umweltverbrauchs, Quelle: SERI

Wie soll eine Reduktion erreicht werden?

Erst wenn die Größenordnung des Ressourcenverbrauchs festgestellt und ein Ziel ermittelt ist (Faktor X), geht es darum, wie die entsprechende Reduktion zu erreichen ist. Dieses Ziel erfordert bereits wesentliche Veränderungen in den ökonomischen Aktivitäten aller Länder, allen voran jedoch der EU, USA, Chinas, Indiens und Brasiliens.

Ressourceneffizienz, wie von der europäischen und auch der nationalen Politik in vielen Ländern gefordert, bedeutet, mit einer gegebenen Ressourcenmenge mehr zu produzieren oder für eine gegebene Menge an Produktion weniger Ressourcen zu benötigen. Bezieht man den Ressourcenverbrauch eines Landes auf die Wirtschaftsleistung, also das Bruttoinlandsprodukt, erhält man die Material- oder Ressourcenproduktivität. Um gleichzeitig den Ressourcenverbrauch in Deutschland beispielsweise bis 2050 auf ein Fünftel zu reduzieren und die Wirtschaftsleistung zu verdoppeln (was einem Wirtschaftswachstum von 2 % entspricht), darf jede Einheit Sozialprodukt 2010 nur mehr mit einem Zehntel des heutigen Ressourcenverbrauchs erzeugt werden. Mit anderen Worten: Eine signifikante Steigerung der Materialproduktivität muss damit einhergehen. Dabei spricht man auch von (relativer) Entkopplung des Ressourcenverbrauchs von der Wirtschaftsleistung, einem wichtigen wirtschaftlichen Indikator. Anders gesagt, Wirtschaftswachstum frisst die Effizienzgewinne wieder auf.

Viel wurde in den letzten Jahren daher darüber diskutiert, ob eine Steigerung der Effizienz wirtschaftlicher Produktion für den erforderlichen Umweltschutz ausreicht oder ob dazu ein erhebliches Ausmaß an Suffizienz kommen muss. »Suffizienz« bedeutet, dass eine Steigerung der Lebensqualität nicht nur mit geringerem Ressourcenverbrauch, sondern auch mit einem geringeren Pro-Kopf-Einkommen einhergehen kann. So zeigen viele Studien, dass Wirtschaftswachstum in den reichen Teilen der Erde, etwa in Westeuropa, in den USA oder in Japan, praktisch keine Lebensqualitätszuwächse mehr bringt und dass das geringe Wachstum, das noch möglich ist, sich bei den obersten wenigen Prozent an Vermögensbesitzern konzentriert. Neueste Studien belegen auch (s. den Beitrag von Bernd Meyer in diesem Buch), dass Arbeitsplätze eher dann geschaffen werden, wenn Einzelne weniger arbeiten und die Erwerbsarbeit auf mehr Menschen verteilt werden kann. Dies entspricht auch den Wünschen vieler Menschen, die anstatt Lohnerhöhungen mehr Freizeit wünschen, was als sogenannte Freizeitoption z.B. in Österreich bereits Eingang in einige Kollektivverträge gefunden hat.

Angesichts des Ausmaßes der für eine effektive Abwendung einer Überschreitung der planetaren Grenzen notwendigen Veränderungen wird schnell klar, dass es wohl beides braucht, Effizienz und Suffizienz.

Wer muss was tun?

In einer komplexen Gesellschaft ist nicht zu erwarten, dass es einfache Lösungen gibt für eine Verringerung des Ressourcenverbrauchs. Vielmehr sind alle gesellschaftlichen Akteure aufgerufen und in der Lage, etwas zur Verbesserung der oben beschriebenen Situation beizutragen: Wirtschaft, Politik und jeder/jede Einzelne.

UnternehmerInnen können dazu beitragen, Unternehmen und Produkte lebenszyklusweit ökologischer (d.h. mit weniger Ressourceneinsatz) zu gestalten.

BürgerInnen können unsere Konsummuster hinterfragen, Schritte in Richtung Nachhaltigkeit aufzeigen und damit andere Menschen dazu animieren, nachhaltig zu handeln.

PolitikerInnen und WählerInnen können die gesetzlichen Rahmenbedingungen für nachhaltige Produktions- und Konsummuster schaffen und in ihrer Vorbildfunktion nachhaltig agieren.

WissenschaftlerInnen können qualifizierte, umfassende Antworten auf die großen Fragestellungen von KonsumentInnen, Unternehmern und der Politik geben und Möglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung aufzeigen.

Bewusstseinsbildende Maßnahmen können zur Erreichung von Ressourcen-Zielen eine Schlüsselrolle einnehmen – für jeden Bürger und jede Bürgerin, aber auch im Bereich der Wirtschaft. Um die ökologischen Rucksäcke zu reduzieren, muss dabei die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet werden: von der Extraktion bzw. Ernte der Ressourcen über Produktion und Transporte bis hin zum Gebrauch und der späteren Entsorgung bzw. dem Recycling der Produkte.

Und neben Effizienz und Suffizienz gewinnt ein drittes Kriterium (wieder) an Bedeutung, das zuweilen als »Konsistenz« bezeichnet wird. Darunter versteht man die qualitative Vereinbarkeit der verbliebenen (verringerten) Stoffströme mit den Kreisläufen der Natur. Die eingesetzten Stoffe sollten demnach für Mensch und Umwelt völlig ungiftig hergestellt und auch so verwendet werden, dass keine irreversiblen Veränderungen biologischer Prozesse und der Gesundheit von ihnen ausgehen, wie das etwa beim Einsatz vieler Chemikalien, von Hormonen, Medikamenten und Mikropartikeln der Fall ist.

In den einzelnen Abschnitten dieser Wertschöpfungsketten lassen sich folgende hot spots ausmachen:

Das eingesetzte Material sollte leicht sein, einen geringen »Rucksack« aufweisen, separierbar, erneuerbar, recycelbar und biologisch abbaubar sein.

Produkte sollten im Gebrauch langlebig, robust, adaptierbar und vielseitig nutzbar sein.

Das stellt auch besondere Ansprüche an das Design (funktional, zeitlos, adaptierbar, modular, original).

Ebenso an die Technologie (reparierbar, upgradebar – in technischer, organisatorischer und wirtschaftlicher Hinsicht).

Regionen spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Kreisläufe für Materialien, Produkte und Dienstleistungen zu schließen.

Schließlich braucht es neue Märkte für Produkte und Dienstleistungen, First und Second (Third, Fourth …) Hand, wie sie heute an vielen Orten entstehen.

Nach Akteuren können die folgenden Optionen identifiziert werden:

Bergbau/Anbau: effizientere Extraktion/Ernte

Hersteller von Vorprodukten: Recycling, Bio-Ökonomie

Produzent: Re-Manufacturing, Bezug auf die Bedürfnisse

Service-Anbieter: Re-Use, Kaskaden

Nutzer/Konsumenten: Reparatur, Kaskaden

Die globalisierte Weltwirtschaft ist von wachsenden Unterschieden im Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen geprägt. Dabei begegnen starke Wachstumsdynamiken in aufstrebenden Schwellenländern wie etwa China oder Brasilien dem konstant hohen Verbrauch der reichen Industrienationen.

Viele WissenschaftlerInnen äußern zudem bereits starke Zweifel daran, dass alle Länder der Welt ein »grünes« Wachstum erreichen, so wie es im Konzept der »Green Economy« diskutiert wird. Denn unser derzeitiges Wirtschaftssystem hängt noch immer zu stark vom Input natürlicher Ressourcen ab. In den letzten 30 Jahren kam es zwar in vielen Ländern zu relativen Verbesserungen im effizienten Einsatz der entnommenen Rohstoffe. Global gesehen gewinnt die Menschheit heute etwa 40 % mehr ökonomische Wertschöpfung aus einer Tonne Rohstoff als noch vor 30 Jahren.

Diese Verbesserungen konnten aber den Zuwachs an konsumierten Ressourcen nicht ausgleichen. Die Weltwirtschaft wächst, und somit produzieren und konsumieren wir auch immer mehr. Die Effizienzgewinne werden daher durch das Wirtschaftswachstum mehr als kompensiert. Dieser steigende Rohstoffhunger führt zu sozialen und ökologischen Konflikten, gerade wenn die wahren Kosten der zunehmenden Nachfrage nach immer knapper werdenden Ressourcen in andere Länder und Weltregionen »exportiert« werden.

Deswegen sollten »erworbene« und somit bereits vorhandene Ressourcen sinnvoller und nachhaltiger verwendet werden, beispielsweise durch Investitionen in effizientere Re-, Down- und Upcycling-Verfahren. Einerseits wäre es dadurch möglich, nicht nur beim eigenen Ressourcenimport Kosten zu sparen, sondern andererseits auch benötigte Ressourcen in geschlossenen Kreisläufen zu halten, anstatt sie auf Kosten von Ländern wie beispielsweise Ghana zu verschwenden und zu vergeuden.

 

Unsere Wirtschaft muss sich in Zukunft auf qualitativ hochwertige Produkte aus heimischen Roh- und Sekundärrohstoffen spezialisieren, die langlebig und reparierbar sind, und geteilt, gemeinsam genutzt bzw. getauscht oder weiterverkauft werden können. Dadurch entsteht neben der Produktion ein neuer, moderner Dienstleistungssektor. Das von der EU aufgegriffene Konzept der »Kreislaufwirtschaft« stellt dafür eine wichtige Leitlinie dar.

All diese Veränderungen sind notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingungen, wenn es darum geht, den Ressourcenverbrauch im notwendigen Ausmaß zu verringern und so ein Überschreiten der planetaren Grenzen zu verhindern. Die gute Nachricht ist aber, dass es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, dazu beizutragen. Wichtig dabei ist, dass sich das nicht in kleinen Schritten erschöpft, sondern dass ein radikales Umdenken beginnt, wenn es um das Zusammen-Leben und Zusammen-Arbeiten auf unserem Planeten geht.

Ein radikales Umdenken

Eine drastische Reduktion des Ressourcenverbrauchs kann letztendlich nur durch ein radikales Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erreicht werden. Es braucht langfristige, politische Zielwerte, wie sich die Weltgemeinschaft in den nächsten Jahrzehnten entwickeln soll; Prozesse wie die »Leitinitiative Ressourceneffizienz« der Europa-2020-Strategie der Europäischen Union beschäftigen sich bereits mit dem Finden solcher Zielwerte. Abfall- und Kreislaufwirtschaft kann hierzu wesentliche Beiträge leisten, müssen aber im größeren Zusammenhang gesehen werden. Der Ressourcenverbrauch muss, in absoluten Zahlen gerechnet, dramatisch reduziert werden, um die planetaren Grenzen nicht zu überschreiten.

Abb. 7

Die Kreislaufwirtschaft

Quelle: The Ellen MacArthur Foundation (2013). Towards the circular Economy: Economic and business rationale for an accelerated transition.

Welchen Wandel brauchen wir?

Einleitung

Der Wandel oder die Transformation, die wir jetzt bereits zu durchlaufen beginnen, wird oft als groß bezeichnet. Der Begriff der großen Transformation geht ursprünglich auf Karl Polanyis Große Transformation (1944, 1978) zurück. Ein Werk, das am Ende zweier Weltkriege und einer langen Wirtschaftskrise steht. Er beschreibt darin zwei Transformationen parallel: einerseits die Folgen einer langen Wirtschaftskrise und eines blutigen Krieges sowie das Aufkommen einer sozialen Marktwirtschaft und des Wohlfahrtskapitalismus. Andererseits sieht er im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft eine große Transformation, in der es zum starken Anstieg des Wirtschaftswachstums und des technologischen Fortschritts kommt (Novy 2015).

Die jetzige Transformation könnte eine von einer fossilen, neoliberalen zu einer postfossilen oder auch nachhaltigen Gesellschaft sein, in der Wirtschaftswachstum nicht mehr im Zentrum steht oder, besser gesagt, nicht mehr stehen darf (WBGU 2011). Dieser Wandel erfordert grundlegende Veränderungen von der individuellen Ebene (Lebensstile), über Arbeits-, Wirtschafts- und Produktionsweisen bis hin zu einem institutionellen und Wertewandel, einem radikalen Systemwandel, wie die VertreterInnen der verschiedenen Transformationsschulen ihn auch charakterisieren. Auch jetzt können wir, wie in Abschnitt 2 gezeigt wurde, Merkmale einer Krise erkennen. Einen Vorgeschmack hat uns das Jahr 2008 mit seiner Finanz- und Bankenkrise gegeben. Leider scheinen wir daraus nicht viel gelernt zu haben; die Chance für eine radikale Veränderung wurde nicht genutzt, weder in der Regulierung der Finanzmärkte noch im Umbau des Steuersystems oder einer Neudefinition von Arbeit.

Dennoch: Alte Strukturen brechen auf, das Neue zeigt sich noch nicht oder nur an wenigen Stellen. Es gibt große Unsicherheiten bei der Zivilgesellschaft, aber auch bei politischen Verantwortlichen. Die Dominanz und das Vorbild des Westens werden zunehmend erschüttert, nicht zuletzt deshalb, weil unser Lebensstil nicht auf die ganze Welt übertragbar ist; es fehlen schlichtweg die Ressourcen (Material, Energie, Land, Wasser) dafür, und die Nebenwirkungen wären nicht nur für die zukünftigen Generationen fatal, sondern auch schon für die jetzige Generation spürbar, zumindest in den benachteiligten Regionen (Extremereignisse, Armut …).

Es drängt sich daher die Frage auf: Kann die derzeitige multiple Krisensituation als Chance für eine holistisch gestaltete Transformation gesehen und genutzt werden?

Wir versuchen in diesem Abschnitt Ansatzpunkte dafür aus Forschung und Praxis zu geben. Bevor wir dies tun, möchten wir uns aber damit beschäftigen, wohin denn die Reise gehen soll und was das Ziel dieser Transformation ist, die bereits begonnen hat und die wir mitgestalten wollen.

 

»Nachhaltige Entwicklung« meint im Brundtland’schen Sinne eine Entwicklung, die es allen jetzt lebenden Menschen erlaubt, ihre Bedürfnisse zu erfüllen und damit hohes Wohlergehen zu genießen innerhalb der planetaren Grenzen, so dass die zukünftigen Generationen ihre Bedürfnisse ebenso mit einer bestimmten Wahlfreiheit erfüllen können. Anders gesagt, bedeutet es die Ermöglichung eines guten Lebens für alle, indem die objektiven Bedingungen für eine hohe Lebensqualität gegeben sind und damit die Basis für subjektives Wohlbefinden gelegt ist. Allen Menschen sollen die gleichen Chancen gegeben werden, ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und dadurch aufzublühen (Sen). Dies kann allerdings nicht in vollkommener Freiheit erfolgen, sondern muss innerhalb der planetaren Grenzen geschehen, damit auch die generationenübergreifende Gerechtigkeit gewährleistet werden kann.

Glück lässt sich selbstverständlich nicht per Gesetz verordnen. Es muss vielmehr das Ziel sein, politische, kulturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Menschen ermöglichen, ihr individuelles Glück zu entwickeln und zu leben.

 

Wie Andreas Novy (2013) sagt, kann das gute Leben für alle handlungsleitend für ein europäisches Entwicklungsmodell des 21. Jahrhunderts sein, wenn es darum geht, das europäische Wohlfahrtsmodell auf ökologisch und sozial sensible Weise zu transformieren. Letztendlich soll es aber ein Modell für die ganze Welt sein.

Dem Ziel, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen, haben sich in jüngster Zeit auch verschiedene Kommissionen, die politisch legitimiert und eingesetzt wurden, verschrieben, wie die von Sarkozy 2008 beauftragte Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission (Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress), der Wissenschaftliche Beirat für globale Umweltveränderungen (WBGU) in Deutschland und die deutsche Enquetekommission zum Thema Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, die von Ende 2010 bis April 2013 tagte, oder die Beyond-DGP