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Geschichten wie Rasierklingenschnitte – einschneidend und virtuos verdichtet erzählt Fleur Jaeggy von opiumabhängigen, halluzinierenden und irrwitzigen schriftstellerischen Genies.
Sie hausten prekär, litten an Tuberkulose, verzweifelten an der Wirklichkeit. Sie waren Visionäre, Träumer, Genies – und hochgradig opiumabhängig. Sie experimentierten mit Lachgas, aßen rohes Fleisch, um »prachtvolle Träume« herbeizuführen, wähnten sich unter den Inkas und von »blauen Teufeln« umringt, glaubten, vergiftet worden zu sein, reisten Robert Louis Stevenson hinterher, und was sie suchten, blieb ihnen meist verborgen. Thomas De Quincey, John Keats, Marcel Schwob: Fleur Jaeggy legt mit Mutmaßliche Leben drei biographische Skizzen von Schriftstellern vor, denen die Welt viel zu winzig schien und die mit ihren Texten und ihren Spleens die Grenzen des Denkbaren sprengten.
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Seitenzahl: 40
Veröffentlichungsjahr: 2026
Fleur Jaeggy
Mutmaßliche Leben
Aus dem Italienischen von Barbara Schaden
Suhrkamp Verlag
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Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel Vite congetturali bei Adelphi Edizioni S. p.A, Milano.Die Übersetzung dieses Buches ist dank einer Förderung des italienischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Kooperation entstanden.Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale Italiano.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2026
Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026© 2009 Adelphi Edizioni S.p.A., Milano
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Umschlaggestaltung: Willy Fleckhaus
eISBN 978-3-518-78613-0
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Thomas De Quincey
John Keats
Marcel Schwob
Informationen zum Buch
Thomas De Quincey wurde 1791, mit sechs Jahren, zum Visionär. Sein älterer Bruder William versuchte zu ergründen, wie man fliegengleich kopfunter die Zimmerdecke entlangspaziert; Richard, genannt Pink, heuerte auf einem Walfänger an und wurde von Piraten gefangen genommen; die anderen waren Melancholiker. Thomas blättert geräuschvoll in Aladin und die Wunderlampe. Jeden Morgen schritt Frau De Quincey ihre aufgereihten Söhne ab, beduftete sie mit Lavendel oder Rosenwasser und befreite sie mit eisiger Huld bis zum Mittagessen von ihrer Anwesenheit. Träume von »schrecklicher Größe« suchten die Kinderstube heim, die delectatio morosa hatte sie in ihren Klauen und hinterließ bei den Kleinen den sonderbar bösen, glänzenden und verstohlenen Blick jener, die mit Albträumen spielen. Jener, die touched with pensiveness sind, »von Tiefsinn befallen«, was Baudelaire mit marqué par la rêverie fatale übersetzt. Die Schwester Jane lebte drei Jahre. Als sie starb, war Thomas überzeugt, sie käme wieder wie die Krokusse. In Pastorenfamilien wissen die Kinder, was der Tod ist – sie betrachten sozusagen vom Fenster aus die eigenen Knochen in den kargen Beeten. Thomas vervollständigte ein Herbarium und stellte mit zerstreuter Zerknirschung das Warten auf Jane ein. Wenn er zusah, wie sich im winterlichen Garten pflanzliche Erinnerungen aus dem Schnee schoben, langsame Gespräche mürber Wurzeln, dann beklagte er »diese Widerlichkeit, die der Verfall des Winters zu Frühling ist«. Er richtet ein Gesuch an den Himmel; er wünschte sich mehr Schnee, Frost, Raureif, Unwetter von der ersten Novemberwoche bis Ende Januar. Es erkrankt die Schwester Elizabeth, um deren Kopf sich Thomas »eine Tiara aus Licht oder eine funkelnde Aureole« vorstellte, als Zeichen der »frühen Großartigkeit ihres Geistes«. Dr. Percival wird gerufen, ein Freund von Condorcet und d'Alembert, und Mr Charles White, der eine kraniologische Studie auf der Grundlage von Kopfvermessungen bei Vertretern sämtlicher Menschenarten veröffentlicht hatte. Die Diagnose der Todesursache lautete: Hydrocephalus. Thomas stellte eine andere Theorie auf: Nicht die Erkrankung habe die »frühzeitige Entwicklung des Verstandes« hervorgerufen, sondern es habe umgekehrt das spontan eingetretene Wachstum des Verstandes das Fassungsvermögen der das Gehirn umschließenden physischen Struktur überstiegen und damit die Erkrankung ausgelöst. Das Greisenalter hielt Einzug in das Kind. Nun verabschiedet sich Thomas von der Kindheit wie ein Kalif von seinen Rosengärten, der kleine leidende Dandy tritt heimlich an Elizabeth heran. Er starrte auf die gläsernen Lider, betrachtete die Bibel, die winzigen Gegenstände in dem bleichen Zimmer, hörte ein nichtssagendes, trostloses Prasseln, alles war jetzt ganz fern. Das komplizenhafte und höhnische Licht pflichtete bei, indem es zwischen die erstarrten Hände ein Totengebet legte. Das Kind begann zu schreiben: Es diktierte der windstillen Ruhe, der Asche, dem Flüstern des Schicksals, dem düsteren Ausrufezeichen, den Visionen, der Apathie seine Erinnerungen. Es wünschte sich ein langes Leben. Es griff nach Handschuhen, Hut und weißem Schal und machte sich, »sweet and solemn farewell« zitierend, in der Kutsche auf den Weg zum liturgischen Gottesdienst.
Der Vater, Inhaber der Firma Quincey and Duck Linen Drapers, Manchester, lebte in den portugiesischen Bergen, in Lissabon, auf den
