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Düster, tödlich, unwiderstehlich – die gehypte Dark-Forces-Reihe von BookTok-Sensation K.M. Moronova endlich auf Deutsch!
Nach den dramatischen Ereignissen während des Bootcamps, kann Emery sich an nichts mehr erinnern. Auch nicht an Cameron, den Mann, dessen geheimnisvolle Augen sowohl Angst als auch tiefe Anziehung in ihr auslösen. Cameron wiederum weiß: Sollte Emery ihr Gedächtnis wiedererlangen, könnte dies alles zerstören, was zwischen ihnen entstanden ist. Als eine gemeinsame Mission katastrophal schief geht, treffen die beiden Soldaten auf einen unerwarteten Feind. Und Cameron wird sich der Person stellen müssen, die er am meisten fürchtet: sich selbst.
Enemies to Lovers trifft auf Forced Proximity – die gehypte Dark-Military-Romance Reihe endlich auf Deutsch!
Bei diesem Buch handelt es sich um Dark Romance mit einer Leseempfehlung ab 18 Jahren. Im Buch sind Triggerwarnungen enthalten
Books that make you – blush.
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Enthaltene Tropes: Dark Romance, Enemies to Lovers, Forced Proximity
Spice-Level: 5 von 5
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 553
Veröffentlichungsjahr: 2025
Nach den dramatischen Ereignissen während des Bootcamps kann Emery sich an nichts mehr erinnern. Auch nicht an Cameron, den Mann, dessen geheimnisvolle Augen sowohl Angst als auch tiefe Anziehung in ihr auslösen. Cameron wiederum weiß: Sollte Emery ihr Gedächtnis wiedererlangen, könnte dies alles zerstören, was zwischen ihnen entstanden ist. Als eine gemeinsame Mission katastrophal schiefgeht, treffen die beiden Soldaten auf einen unerwarteten Feind. Und Cameron wird sich der Person stellen müssen, die er am meisten fürchtet: sich selbst.
K. M. Moronova ist eine erfolgreiche Dark-Romance-Autorin mit einer Vorliebe für missverstandene Antihelden und süchtig machende spicy Szenen. Ihre Romane erobern die Herzen von Tausenden Leser*innen weltweit und zählen zu den Lieblingen der BookTok-Community. Die USA-Today-Bestsellerautorin lebt in Montana, USA.
Weitere Informationen unter: www.kmmoronova.com
www.instagram.com/k.m.moronova/
www.tiktok.com/@k.m.moronova
K. M. Moronova
Roman
Deutsch von Leena Flegler
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »My Blade, Your Back« bei Bloom Books, an imprint of Sourcebooks, Naperville, Illinois.
Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
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Copyright der Originalausgabe © 2025 by K. M. Moronova
Published by Arrangement with TRIADAUS, INC., Sewickley, PA 15143 USA
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2025 by blush. Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Ulrike Gerstner
Umschlaggestaltung: bürosüd nach einer Vorlage von Nicole Lecht/Sourcebooks
Umschlagillustration: © K.M. Moronova
Vignetten: © Adobe Stock/Illustrator Mariia Mazaeva, vidimages
DK · Herstellung: DiMo
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-33940-1V001
Liebe Leser*innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet sich hier eine Triggerwarnung.
Achtung:
Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.
Wir wünschen allen das bestmögliche Leseerlebnis.
K. M. Moronova und der Blush Verlag
Für alle, die eine Schwäche für verwundete Seelen haben.
Dear Agony – Breaking Benjamin
Dark On Me – Starset
Taking Over Me – Evanescence
Tourniquet – Evanescence
Bring Me To Life – Evanescence
Broken – Seether & Amy Lee from Evanescence
Legends Never Die – League of Legends (feat. Against the Current)
Human – Christina Perri
Teeth – 5 Seconds of Summer
Never Let Me Go – Florence + The Machine
Revenge – XXXTENTACION
Namentlich nicht genannt
»Was soll das heißen, verdammt – sie weiß nicht mehr, wer sie ist?« Meine Finger krampfen sich um das Handy. Ich werde nur selten von etwas getriggert, aber das hier war nicht Teil des Plans. Es war nicht mal Teil eines Back-up-Plans.
»Mehr weiß ich auch nicht, Sir … Brauchen Sie noch etwas von mir?«
Ich muss kurz überlegen. »Nein. Danke für das Update, Jayce.« Kaum dass ich aufgelegt habe, lösche ich für den Fall, dass mein Handy in unbefugte Hände fällt, Jayce’ Prepaid-Nummer.
Ungehalten trommele ich mit den Fingern auf die Stahlbank und lasse den Blick über meine Einheit schweifen, die gerade ihren Morgendrill absolviert. Unser letzter Einsatz ist einige Zeit her, und unterdessen hatte ich anderweitig zu tun, deshalb muss ich zumindest ein paar Wochen hierbleiben, sonst würde ich mir auf der Stelle selbst ein Bild von Emerys Zustand machen.
Mein Kiefermuskel zuckt, während ich fieberhaft überlege, was ich tun kann, damit das hier funktioniert.
Was für eine verdammte Scheiße. Ich ächze tief und reibe mir mit der flachen Hand übers Gesicht.
Allerdings hätte es wohl noch viel schlimmer kommen können. Sie hätte auch sterben können – was alles zunichtegemacht hätte. So besteht immer noch die Möglichkeit, dass sie ihr Gedächtnis wiedererlangt.
Darüber muss ich nachdenken. Ich lehne mich zurück und hole tief Luft. Die Panik, die mich ganz kurz erfasst hat, verebbt wieder. Ja, so könnte es klappen. Sie hat immer noch Mori, und ebenso sehr, wie mir daran gelegen war, dass er sie nicht umbringt, war mir nach und nach klar, dass er einen Narren an ihr gefressen hat. Er bringt ihr Erinnerungsvermögen schon wieder auf Trab – auf welche Art auch immer. Die Chemie zwischen den beiden ist regelrecht mit den Händen zu greifen. Sie werden die Finger nicht voneinander lassen können.
Ts. War ja irgendwie klar, dass ausgerechnet derjenige, der auch zuvor all seine Partner umgebracht hat, alles ruinieren würde. Er hätte zu keinem schlechteren Zeitpunkt auf diesen Strafmonat geschickt werden können – ausgerechnet in dem Moment, da Emery in die Dark Forces eingegliedert wurde.
Ein Stolperstein nach dem anderen. Ich beiße die Zähne zusammen.
Alles okay, das wird schon wieder. Ich bin ein langmütiger Mensch.
Trotzdem würde ich gerade alles geben, um eine von Nolans gottverdammten Pillen in die Finger zu kriegen. Der General schließt sie gewissenhaft weg, und wenn Mori sein Tablettenröhrchen beiseite wirft, ist es immer leer.
Ich muss einfach ein paar Dinge umplanen. Vielleicht rede ich mal mit Nolan, und er gibt Emery das Medikament direkt … Süße, vertrauensselige Emery. Ein Teil von mir hat wirklich Mitleid mit ihr.
Aber immerhin – sogar ich hab Gefühle. Nur hat all das seinen Preis.
Und ich war immer bereit, diesen Preis zu zahlen.
Cameron
Es ist jetzt fünfunddreißig Tage her, seit Emery wieder zu sich gekommen ist und das Schlimmste gesagt hat, was ich je gehört habe: »Ich hab keine Ahnung, wer du bist.«
Dann dieser Blick, als sie mich gemustert hat, als wäre auch dies das erste Mal – etwas Herzzerreißenderes kann man gar nicht durchmachen. Zumindest glaube ich das.
Man erntet, was man sät … Heißt dieser Scheißspruch nicht so?
Was für ein Elend, verdammt. Die Qualen, die durch meine Adern pumpen, fühlen sich an wie Schwefelsäure. Ich schleppe mich von Tag zu Tag, hoffe und bete, dass Emery sich wieder an mich erinnert – dass sie sich wieder daran erinnert, was wir zusammen erlebt haben. Ein anderer Teil von mir hofft inständig, dass sie für immer vergisst, was uns in der Vergangenheit widerfahren ist. Für ihre Sicherheit wäre es eindeutig besser so.
Ich will sie nie wieder verletzen.
Auch wenn das bedeutet, dass ich auf ewig leiden muss.
An der warmen kalifornischen Luft mache ich einen tiefen Atemzug, lehne mich zurück und sehe Emery dabei zu, wie sie Gage im Nahkampf-Sparring fertigmacht.
Das Einzige, was mir von ihr geblieben ist, ist ihre absurd umwerfende Persönlichkeit. Ich hab das Gefühl, ihr morbider Humor ist nur umso größer geworden. Garantiert ist daran ihre vergessene tragische Vergangenheit schuld, aber in ihrer Anwesenheit schaffe ich es kaum, mein Pokerface aufrechtzuerhalten. Sie schnappt einiges von den anderen in der Squad auf. Nur ihr aufrichtiges Lächeln hab ich immer noch nicht wiedergesehen. Ich frage mich, ob sie sich das von Gage abgeguckt hat – von uns allen hat er dieses Fake-Grinsen am häufigsten aufgelegt. Ich selbst gebe mir nicht die Mühe, die anderen davon überzeugen zu wollen, dass ich ein gut gelaunter Mistkerl bin.
Diese Schauspielerei verbraucht nur mehr Energie, die es mir nicht wert ist.
Im selben Moment, da ich erneut zu Emery spähe, huscht ihr Blick in meine Richtung. Sie kneift die Augen leicht zusammen, konzentriert sich dann aber wieder auf ihren Kampf. Prompt macht sich ein unbehagliches Gefühl in meiner Brust breit.
Es zwingt mich hier niemand, auf Abstand zu gehen oder sie von mir wegzuhalten. Allerdings darf ich nicht zulassen, dass so etwas wie bei der letzten Prüfung noch einmal geschieht. Je mehr ich mich abschotte, umso besser für ihre Sicherheit – selbst wenn die Qualen in meiner Brust immer weiterschwären.
Thomas setzt einen Fuß auf die Kiste, die er uns als Fußstütze organisiert hat, und nimmt einen großen Schluck aus seiner Feldflasche. Erst weht mir Whiskeygeruch entgegen, dann sein Lachen. »Verdammt, diese Frau macht einen Mann ganz schön fertig, was? Ich kann immer noch nicht fassen, dass jemand mit rosa Haaren in der Fury Squad ist.« Er setzt die Flasche erneut an und ext den Rest.
Ich beäuge ihn von der Seite, ehe mein Blick zurück zu ihr wandert. »Ich mag ihre Haare«, sage ich betont beiläufig, während sie Gage mit Leichtigkeit von den Füßen holt. Meine Mundwinkel zucken. Ich kann mir gerade noch ein Schmunzeln verkneifen.
Lieutenant Erik hat ihr Färbemittel besorgt, damit sie ihren Haaransatz nachfärben kann, und Kayden hat ihr dabei geholfen, weil er der Einzige von uns ist, der tatsächlich weiß, wie man sich die Haare färbt.
Sie alle haben sie im Nu als eine der ihren akzeptiert. Seit sie sich die Aufnahmen angesehen und erkannt haben, welche Fähigkeiten sie im Unter bislang an den Tag gelegt hatte und wie problemlos wir beide zusammenarbeiten, sind sie mehr als bereit, sie als neues Teammitglied willkommen zu heißen, das ich ausnahmsweise nicht sofort umlegen würde.
Nur fast. Ich beiße mir in die Wange, um die Stimme in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen.
Thomas stößt einen Grunzer aus, schiebt die Hände in die Taschen seines braunen Ledermantels und tippt mit dem Fuß gegen meinen Stiefel. »Das hab ich mir gedacht, Mori. Hast du ihr deshalb das Gehirn aus dem Schädel geballert?«
Tja, es ist nun mal kein Geheimnis. Egal, wie sehr ich es mir wünschte. Jeder hier weiß Bescheid. Dumm nur, dass ich weit darüber hinaus bin, mich vor diesen Leuten zu schämen, nachdem ich ohnehin schon drei von uns auf dem Gewissen habe. Dass sie überlebt hat, feiern sie richtig. Ich wünschte mir, sie könnten mich wieder mit dummen Sprüchen überhäufen, wie es vorher war.
Da fühlte es sich auch viel eher so an, als würde ich dazugehören. Als wäre ich immer noch ein Mensch und nicht eine Waffe, die sie brauchen, um ihre Befehle auszuführen.
Ich spähe zu Thomas hoch, und er grinst mich breit an.
Er ist zweifellos das größte Arschloch der Truppe. Mit seinem sandbraunen Vokuhila und dem wilden Blick wirkt er wie einer dieser hoffnungslosen Hinterwäldler. Trotzdem ist er der beste Fernmeldetechniker und Aufklärer, mit dem ich je gearbeitet habe.
Und es wäre ziemlich mutig, ihn einfach zu ignorieren. Er liebt es, wenn er mir auf die Nerven gehen kann, und je heftiger ich reagiere, umso mehr gibt er sich Mühe. Ich atme bereits tief ein – stehe dann aber auf, als Gage sein Sparringsmatch mit Emery abbricht, indem er ihr mit hochroten Wangen im Schwitzkasten mehrmals auf den Arm klatscht.
Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob sie ihn noch mal loslässt. Ihr Blick flackert erneut zu mir, und diesmal sieht er weit eisiger aus. Mir stehen die Haare auf den Armen zu Berge, mein Kiefer verspannt sich, und ich muss all die Gefühle hinunterschlucken, die ich ihr so gern zeigen würde. Was müsste ich wohl tun, um ihr Einhalt zu gebieten? Ich balle die Hände zu Fäusten.
Nur um ihretwillen muss ich mich fortan auf diese Weise verhalten.
»Ich bin dran«, brumme ich, streife meine Jacke ab und lasse sie achtlos zu Boden fallen.
Emery
Mori. Sofern er noch einen anderen Namen hat, dann kenne ich ihn nicht.
Gott, bei seinem Anblick kriege ich Gänsehaut. Allein sein Blick könnte einen Berg zu Staub zermalmen. Allerdings hat er auch etwas Bedrücktes an sich, was diese speziellen, attraktiven Gesichtszüge nur umso interessanter macht.
Mein Blick verharrt auf seinen Muskeln, als er die Jacke abstreift. Darunter trägt er bloß ein eng anliegendes schwarzes T-Shirt, das den Blick auf seine Tätowierungen freigibt. Aus unerfindlichen Gründen sehe ich vor mir, wie ein längliches Tattoo eine Narbe auf seiner Brust verdeckt; ich hab sogar davon geträumt.
Laut General Nolan ist es nicht ungewöhnlich, dass man von Dingen träumt, die man am meisten fürchtet. Tatsächlich musste er mich mehrmals beschwichtigen, weil meine Albträume Nacht für Nacht wiederkamen. Dann ist Mori also eindeutig jemand, dem ich besser nicht zu nahekommen sollte. Allerdings erklärt das noch lange nicht, warum ich so detailliert von ihm träume.
Ständig sieht er mich an, als würde er mir nicht über den Weg trauen. Als würde allein meine Anwesenheit ihm Bauchschmerzen bereiten. Sein ausdrucksloses Gesicht beschert mir ein mulmiges Gefühl.
Das einzige Mal, dass ich auch nur den Anflug eines Gefühls an ihm erkennen konnte, war direkt nachdem ich im Anschluss an die Prüfungen wieder zu mir gekommen war. Die Qualen und die Schuld standen ihm ins Gesicht geschrieben. Dann, nach ein paar Tagen, als ich aus dem Lazarett entlassen worden war, trat er nur mehr völlig eiskalt auf und tat so, als würde er mich kaum kennen.
Sich nicht mehr daran zu erinnern, wer man ist oder was man tut, ist an sich schon ein einziger Albtraum – umso mehr, wenn jemand wie er sich rundheraus weigert, einem irgendwas zu erzählen. Also hab ich beschlossen, dass er nur Ärger bedeuten würde – nicht nur, weil ich mich zu ihm hingezogen fühle wie die Motte zum Licht. Sondern weil er Gefahr ausstrahlt.
Nach allem, was ich gehört habe, hat er mich gerettet, nachdem ich meinen Gegner in der dritten Prüfung ausgeschaltet hatte, und er hat mich auch in den Bunker getragen. Ich müsste ihm eigentlich dankbar sein, aber irgendwas in mir wünschte sich, ich wäre an jenem Tag gestorben. Dieses Gefühl reicht mir bis tief ins Mark – wie ein grässlicher Traum, der einen einfach nicht mehr loslässt.
Ich war eine Kriminelle, und jetzt bin ich Soldatin in einer geheimen Einheit. Nicht gerade das, was man eben so schluckt, wenn man sein Gedächtnis verloren hat.
Ich fühle mich wie eine Schachfigur, die übers Schachbrett gezogen wird, allerdings ziellos und ohne Funktion; mein Körper ist nur mehr ein Instrument, das dem Töten dient, worin ich angeblich ziemlich gut bin.
Trotzdem erkenne ich mich nicht wieder. Und ich weiß nicht, ob das je wieder der Fall sein wird.
Mori schiebt die Hände in die Hosentaschen und starrt mich reglos an. Das macht er die ganze Zeit – tut so, als würde ihm im Ring nichts und niemand Angst machen. Ich atme scharf aus, weil mich seine Arroganz dermaßen frustriert. Seine Braue zuckt nach oben, und dann macht sich auf seinem Gesicht der Anflug eines Grinsens breit. Kein nettes – vielmehr ein Grinsen, das besagt: Dich zerschlag ich zu Staub.
Wenn er mich gerade nicht ignoriert, dann scheint er mich fertigmachen zu wollen.
Langsam umkreise ich ihn. Ihn frontal anzugreifen, würde nicht funktionieren, deshalb gehe ich im Kopf ein paar Alternativen durch. Mori macht einen Schritt vorwärts und schließt dann die Augen, als wäre er jetzt schon zu Tode gelangweilt. Ich balle die Fäuste, die ich mit Tape umwickelt habe, und starte die erste Attacke von der Seite.
Normalerweise würde ich mich auf die Beine konzentrieren und meinen Gegner zu Boden schicken, weil die anderen alle doppelt so groß sind wie ich. Doch er reagiert, indem er den Fuß behände umsetzt. Als er gerade den ersten Tritt gegen meine Brust ausführen will, als hätte er das schon zigmal getan, weiche ich zurück und packe ihn an der Ferse.
Hab dich, du Arschloch!
Ich schmunzele in mich hinein, während sein Blick zu mir huscht, doch statt Sorge sehe ich in seinem Gesicht nur einen vielsagenden, hinterhältigen Ausdruck. Ich keuche auf, als er einen Satz vorwärts macht und mich am Handgelenk packt. Beide gehen wir zu Boden.
Binnen eines Wimpernschlags hat er mich zur Seite gewuchtet, presst seine Brust gegen meinen Rücken und nimmt mich in den Schwitzkasten. Ich tue alles, um mich aus seinem Griff zu befreien, aber er hält mich eisern fest und übt umso mehr Druck aus, je heftiger ich mich zur Wehr setze.
Verdammt. Ich klatsche ihm zweimal auf den Arm, und erst da lässt er mich wieder los.
Ich hole ein paarmal angestrengt Luft und sehe ihn argwöhnisch an, während er langsam aufsteht. Die Eiseskälte in seinem Blick ist dieselbe wie zuvor – distanziert und unerschütterlich. Für einen kurzen Moment starre ich die Narbe an, die senkrecht über sein linkes Auge hinweg verläuft. Als er mitbekommt, wie ich ihn mustere, guckt er bloß missmutig, ehe er sich mit den Fingern durch diese bildschönen weißblonden Locken fährt und ohne ein weiteres Wort zurück zu den anderen geht.
Arschloch. Ich lasse die Schultern sacken und hole tief Luft.
Ein Teil von mir wünschte sich, dass er mehr reden würde – dass er mir irgendwelche Ratschläge geben würde, einfach irgendwas.
»Das war lächerlich«, sagt er über die Schulter, und mir lodern Flammen der Wut über die Wirbelsäule.
Ach, egal. Mori kann mich mal.
Trotzdem wäre es nett, wenn wir einfach nur zivilisiert reden könnten, statt dass er mich ständig nur anpisst. Ich würde ihn wirklich gern besser kennenlernen, auch wenn er auf Abstand zu bestehen scheint. Er muss irgendwas über mich wissen.
Mein Blick bleibt erneut an seinen Muskeln hängen, die sich am Rücken wölben, als er die Arme über Kopf dehnt. Ich nötige mich, wegzusehen und tadele mich innerlich, weil ich ausgerechnet so jemanden attraktiv finde.
Gage kommt lässig zu mir rübergeschlendert und gibt mir einen Klaps auf die Schulter. »Fühlt sich nicht geil an im Schwitzkasten, was, Morphine?« Er trägt die dunkelblonden Haare kurz und glatt, nicht mal so verschwitzt wie jetzt gerade locken sie sich.
Ich verdrehe die Augen, während er mir den Arm tätschelt und mich freundschaftlich an sich zieht. Er ist genauso groß wie Mori, sprich: ein Riese. Das sind sie alle, aber Gage und Mori sind die größten in der Einheit.
»Vergiss es. Müssen wir nicht allmählich zum Briefing?« Ich winde mich aus seinem Arm. Gage verzieht das Gesicht und sieht zu Thomas, der schon unsere Trainingsjacken einsammelt und jedem seine zuwirft. Ich fange meine gerade noch rechtzeitig aus der Luft, ehe sie mich im Gesicht erwischt hätte.
»Ja, und wir geben besser Gas, wenn wir nicht für den Rest des Abends Push-ups machen wollen.« Gage reibt sich den Nacken und gähnt.
»War Lieutenant Erik nicht derjenige, der einen eher bis ans Lebensende laufen lässt?«, murmele ich.
Der Anführer unserer Einheit ist ein noch härterer Hund als meine Kameraden. Allerdings ist das für mich ein gutes Zeichen. Es bedeutet schließlich, dass er sich etwas aus uns macht. Zumindest glaube ich das, während Gage und Kayden sich gern mal beschweren, dass er uns nur deshalb leiden lässt, weil wir ihn anscheinend nerven.
Ich weiß, dass Mori großen Respekt für Erik aufbringt. Das haben wir gemeinsam. Mori versucht ständig, bei unserem Lieutenant zu punkten. Ich kann ihm das an der Art ansehen, wie er sich härter als wir anderen antreibt, und er scheint immer nur dann kurz durchzuatmen, wenn Erik ihn lobt. Gage hat mir erzählt, dass Moris einziges Ziel im Leben darin besteht, in der Hierarchie aufzusteigen und irgendwann Sergeant zu werden.
Ich laufe hinter Thomas und Mori her auf unser Kasernengebäude zu. Wann immer wir hier im kalifornischen Stützpunkt herumlaufen, gehen meine Gedanken auf Wanderschaft. Hier sieht es annähernd so aus wie zuvor in Alaska, allerdings ist dieser Stützpunkt in jeder Hinsicht größer – und zehnmal so warm. Was für meine Gelenke ein Segen ist.
Abgesehen von Riøt sind sämtliche Squads der Dark Forces hier stationiert. Riøt ist irgendwo an der Ostküste, zumindest hab ich das mal gehört, aber nach allem, was ich mitbekommen habe, kommen sie mit dem Rest von uns einfach nicht klar und würden uns reihenweise umbringen, sobald wir auch nur minimal aus der Reihe tanzen. Und nicht nur uns – auch die höheren Ränge. Ihre Spezialität ist anscheinend, Verräter auszulöschen.
Also werden sie eben andernorts untergebracht. Die meisten von uns haben keinen Schimmer, wie auch nur einer von ihnen aussieht. Das ist garantiert Absicht – denn so hätten wir keine Ahnung, mit wem wir es zu tun haben, bis es auch schon zu spät wäre.
Die drei anderen Squads – Fury, Warschau und Malum – sind also hier in Kalifornien stationiert. Ich wünschte mir, ich könnte irgendwo ein bekanntes Gesicht aus meiner früheren Unter-Zeit ausmachen, aber mir fällt niemand auf.
Ich nicke ein paar Navy-SEALs zu, an denen wir unterwegs zu unserem Gebäude vorbeilaufen. Sie folgen mir mit dem Blick, und sofort stehen mir die Nackenhaare zu Berge. Am liebsten würde ich ihnen eins verpassen, aber ich will keinen Ärger bekommen … nicht schon wieder.
»He, was macht euch Arschlöcher eigentlich so besonders, dass die da rosa Haare haben darf? Und dieser Wichser da drüben darf Tattoos bis unters Kinn haben«, kommentiert einer von ihnen.
Tja, nun dürfen wir ja nicht einfach austrompeten: »Weil wir gemeingefährlich sind und mit unserem Äußeren einfach machen, was wir wollen.«
Folglich beiße ich bloß die Zähne zusammen und gehe weiter. Mori hingegen bleibt abrupt stehen und dreht sich so jäh um, dass ich in ihn hineinlaufe, nach Luft schnappe und schleunigst von ihm zurückweiche. Sein eisiger Blick verharrt für einen Moment auf mir, ehe er blinzelt und sich den Typen hinter uns zuwendet.
Die Dark Forces sollen eigentlich nicht mit den »oberen« Soldaten interagieren. Und sich erst recht nicht mit ihnen anlegen.
»Komm, dann zeig ich dir, was uns so besonders macht«, sagt Mori mit einem fiesen Grinsen. Es ist richtiggehend schmerzhaft, wenn er schlechte Laune hat, weil er dann umso angriffslustiger ist. Allerdings sind er und Thomas vergleichbar aggressiv; ich hab die erste Woche ziemlich viel Zeit damit verbracht, den beiden bei Kämpfen zuzusehen, bis Blut geflossen ist oder bis Kayden und Gage sie auseinandergezogen haben. Und ich hab die darauffolgenden Abende miterlebt, an denen die komplette Einheit zur Strafe laufen gehen musste.
Ich weiß überdies, dass die Strafe umso härter ausfällt, wenn es zu einer Auseinandersetzung mit jemandem außerhalb unserer Einheit kommt.
Die Typen runzeln die Stirn, als würden sie ernsthaft darüber nachdenken, seiner Aufforderung nachzukommen und ihn auch noch zu provozieren.
»Was machst du denn, verdammt?«, raunt Thomas Mori leise zu.
»Der macht doch nur Witze.« Gage lacht sein charmantes Fake-Lachen und schubst Mori vor sich her.
Doch Mori bewegt sich keinen Millimeter. Er späht zu mir und muss mir die Ungeduld angesehen haben, weil er zu guter Letzt seufzt und klein beigibt. Unterdessen wirft Thomas ihm einen warnenden Blick zu, der jedoch an ihm abperlt.
»Du bringst uns bloß alle in Schwierigkeiten«, knurre ich, als er zu mir aufschließt und wir weiter auf unsere Unterkunft zulaufen. Mori grunzt nur zur Antwort und würdigt mich keines Blicks.
Wenn Erik nicht da ist, übernimmt Thomas das Kommando. Er ist sogar weitgehend vernünftig – allerdings legt er die Regeln richtig päpstlich aus. Eindeutig der Organisierteste von uns und obendrein der Klügste. Allein sein Vokuhila lässt darauf schließen, dass er Humor hat – und den hat er tatsächlich. Trotzdem ist sein Blick genauso eiskalt wie der von Mori. Die beiden haben die Fury Squad weit länger überlebt als jeder andere. Ich kann mir nicht ansatzweise vorstellen, was sie schon alles mitangesehen haben. Und ich kann mir nicht vorstellen, was ich alles mitangesehen und dann einfach vergessen haben soll. Wäre mein Blick sonst auch so kalt wie ihrer? Wäre mein Herz ansonsten ebenfalls zu Stein erstarrt?
»Kayden wird fuchsteufelswild, wenn du uns noch mal ins Loch reinreitest wie letztes Jahr.« Der Charme, der zuvor in Gage’ Stimme lag, ist verflogen.
Ich runzele die Stirn. »Ins Loch?« Den Ausdruck höre ich gerade zum ersten Mal.
Gage gluckst in sich hinein. »Glaub mir, es ist genau so, wie es klingt, und der Lieutenant lässt uns dadrin einen ganzen Tag lang schmoren.«
Ich runzele erneut die Stirn, weil ich nicht recht begreife, was daran so lustig sein soll.
Thomas zuckt mit den Schultern. Und grinst ebenfalls. »Ich würde ja sagen, es ist noch viel tiefer und düsterer, als es klingt.«
Mori hingegen zuckt nicht mit der Wimper und macht sich auch nicht die Mühe, zu antworten. Ich versetze ihm einen Ellenbogenstoß in die Seite, bekomme als Reaktion aber bloß einen leeren Blick. Ich habe nicht viel, worauf ich zurückgreifen kann, wenn es darum geht, mich mit Leuten anzufreunden; ich kann bloß meine Teamkameraden dabei beobachten, wie sie miteinander umgehen und einander anfrotzeln. Aber egal, was ich mache – Mori reagiert nicht auf mich.
Was mich nur umso mehr zu ihm hinzieht. Und mich dazu bringt, umso verzweifelter seinen Panzer durchdringen zu wollen. Dass er dermaßen gut aussieht, hilft dabei auch nicht gerade. Er hat Augen wie ein ganzer Wald aus Salbei, verführerische Lippen, eine Narbe, die über sein linkes Auge hinweg verläuft und die regelrecht danach schreit, liebkost zu werden.
Ich möchte alles von ihm wissen. Irgendwas tief in mir drin nötigt mich dazu.
Leider läuft uns fürs Kennenlernen die Zeit davon. Mori ist mir als Partner zugeteilt worden, und bereits nächste Woche sollen wir auf unsere erste Mission geschickt werden. Ich nehme an, davon soll auch das bevorstehende Briefing handeln.
Bei den Dark Forces wird nichts überstürzt, erst recht nicht die Planung und Ausführung von Operationen. Das Sich-vertraut-Machen mit den örtlichen Begebenheiten und die exakte Vorgehensweise stehen für uns an oberster Stelle.
Na ja, das – und der Umstand, dass wir niemals, unter gar keinen Umständen, den Anweisungen unserer Vorgesetzten zuwiderhandeln. Wir sind austauschbar, einige mehr als andere, und auch wenn ich keinen Schimmer habe, wer ich überhaupt bin, ist mir sehr wohl bewusst, dass auch ich austauschbar bin.
Und damit hieße jeder noch so kleine Regelverstoß, auf der Riøt-Liste zu landen. Oder noch schlimmer – ich weiß beispielsweise, dass Mori schon eigene Kameraden umgebracht hat. Ich wäre nicht überrascht, wenn er den entsprechenden Befehl erhalten hätte und seine Unzurechnungsfähigkeit bloß Tarnung war. Andererseits bin ich mir nicht sicher, wie weit man gehen müsste, um auf diesen Listen zu landen … Darüber wird nicht geredet, und Mori wirft mir Todesblicke zu, wenn ich auch nur versuche, so alberne Themen wie das Wetter anzusprechen. Etwas so Komplexes wie das Regelwerk der Dark Forces anzusprechen, habe ich mich bislang nicht getraut.
Wir laufen zwei Stockwerke runter auf eine Tür zu, die mit einem Zahlen-Codeschloss gesichert ist. Thomas hämmert die entsprechenden Ziffern ein und lässt den Rest von uns vorgehen. Nur der Anführer eines Teams und sein Stellvertreter kennen die Codes, und nur unter ihrer Aufsicht – fast wie im Knast – dürfen wir überhaupt nach oben und die echte Welt betreten.
Ich wünschte mir, ich könnte mich erinnern, wie mein Leben jenseits dieses Gefängnisses ausgesehen hat.
Vom Schiff aus, das wir aus Alaska nach Kalifornien genommen haben, hat man hauptsächlich Wasser und in der Ferne die Küste gesehen; allerdings kann ich mich vage an Landschaften und an Städte erinnern – nur dass ich mich selbst dort nicht einordnen kann. Wo komme ich überhaupt her? Es ist alles auf Nimmerwiedersehen weg. Hatte ich mal eine Familie? Was muss ich Schlimmes getan haben, um an einem Ort wie diesem zu landen? Ich weiß, dass Blut an meinen Händen klebt, ich weiß nur nicht, wie viel … Andererseits dürfte die Antwort wohl auf der Hand liegen, wenn man bedenkt, wo ich hier gelandet bin.
Ich lege mich auf meine Pritsche, hole tief Luft und schließe die Augen, während wir auf den Lieutenant warten.
Kayden ist aus der Einheit der Einzige, der heute den Morgendrill ausgelassen hat. Er ist ohnehin eher Einzelgänger. Als ich es klicken und Metall über Metall knirschen höre, spähe ich rüber zu seiner Pritsche. Er reinigt seine Pistole und sein MK 17 täglich, was seine einzige wiederkehrende Angewohnheit zu sein scheint.
Genau wie bei Thomas – nur dass der seine Wechselwäsche zusammenlegt, bis sie Naht auf Naht liegt. Oder bei Gage, der ständig mit den Fingern über den Saum seiner Shirts fahren muss.
Mori liest, wann immer er kann. Ich hab öfter, als ich zugeben mag, zu seinen Büchern hinübergespäht. Wie kann jemand wie er seine Zeit mit Literatur verbringen? Er wirkt eher wie einer, der allenfalls ein Waffenhandbuch liest. Aber wenn er manchmal mit seinem abgenutzten Bleistift dasitzt und sich auf dem Rand der Buchseite Notizen macht, könnte er glatt Dichter sein.
Ich hab seinen Zeitplan auswendig gelernt und mir vorgenommen, mir bei nächster Gelegenheit eins seiner Bücher zu schnappen und mal nachzusehen, was ihn so sehr beschäftigt. Vielleicht erfahre ich so ja mehr über ihn.
Gott, er wäre richtig angewidert, wenn er wüsste, dass ich ihn näher kennenlernen will!
»Mach mal deine kleinen Kackstelzen da weg.« Gage klatscht mir mit der Hand gegen die Stiefelsohlen, und ich ziehe die Füße aufs Bett, damit er Platz hat und sein Nachtschränkchen aufziehen kann.
Kayden verdreht die Augen. »Ihre Füße sind echt eine ganze Handbreit kleiner als meine.«
»Eben.« Gage kichert in sich hinein, als hätte er gerade ein Superargument angebracht.
Ich bin nur froh, dass es in unserer Einheit jemanden gibt, der bloß ein Dutzend Zentimeter größer als ich ist – gerade im Vergleich zu den übrigen Titanen. Kayden ist der durchschnittliche dunkelhaarige Typ mit südländischem Teint, den man eigentlich eher oben bei den »guten« Soldaten erwarten würde. Er hat auch nicht diesen versteinerten Blick wie die anderen.
Mich beschleicht das bestimmte Gefühl, dass jemand mich beobachtet, und ich spähe zum rückwärtigen Teil des Raums, wo Mori an der Wand lehnt und sich den Arm quer über die Brust gelegt hat. In der freien Hand hält er ein aufgeschlagenes Buch, über das er wenig auffällig hinwegspäht, und er guckt auch nicht weg, als ich hinsehe. Allerdings zucken seine Kiefermuskeln.
Warum hasst er mich so sehr? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass ich ihm in der Vergangenheit etwas richtig Fieses angetan haben könnte; er ist immerhin ziemlich furchterregend, und Auge in Auge hätte ich gegen ihn keine Chance. Hab ich versucht, ihn zu vergiften? Ach was, das ist doch lächerlich. Ich schürze die Lippen und schließe erneut die Augen.
Vielleicht sollte ich ihn einfach direkt darauf ansprechen.
Ein paar Minuten verstreichen noch, dann klopft Lieutenant Erik an den Türrahmen. »Männer«, sagt er, bedenkt mich mit einem Grinsen und einem vielsagenden Blick, »und Morphine … Los, in den Lageraum. General Nolan und Captain Hans Bridger kommen ebenfalls. Ich will also euer bestes Benehmen sehen.« Dann sieht er mit zusammengekniffenen Augen zu Mori. Überrascht mich kein bisschen.
»Wir sind doch keine kleinen Kinder mehr«, knurrt Kayden.
Captain Bridger kommt auch? Von dem hab ich ein bisschen was aufgeschnappt – von den Malum-Kameraden, im Waschraum. Seit ich hier auf dem Stützpunkt angekommen bin, gab es nicht viel zu tun, außer mich zu erholen, also hab ich ein bisschen Zeit damit verbracht, mich zu orientieren und mit den Strukturen vertraut zu machen. Die anderen Squads haben sich diesbezüglich als gute Quelle erweisen, von der ich profitieren kann – sofern sie denn anwesend sind, was leider selten vorkommt. Sie scheinen ständig auf Achse zu sein.
Der Captain ist mehr oder weniger Nolans direkter Vorgesetzter, trotzdem muss das hier eine echte Hausnummer werden, wenn er persönlich beim Briefing anwesend ist. Nervös verlagere ich das Gewicht.
Mori hält Blickkontakt mit Erik und lässt sich dabei nicht die geringste Regung ansehen.
»Also, ich weiß nicht …«, murmelt Erik. »Los jetzt.« Er bedenkt uns mit einem strengen Blick, macht auf dem Absatz kehrt und geleitet uns ein weiteres Stockwerk nach unten.
Der Lageraum der Dark Forces ist komplett verdunkelt. In der Mitte steht ein von schwarzen Lederstühlen gesäumter, ellenlanger Besprechungstisch. Unsere kleine Einheit nimmt nicht mal einen Bruchteil des Raumes ein. Es ist fast, als wäre der Lageraum darauf ausgelegt, dass im Ernstfall sämtliche Einheiten zu einer Krisensitzung oder so zusammenkommen könnten. Allerdings ist das, soweit ich weiß, noch nie passiert. Aber wer weiß, was uns noch alles bevorsteht.
Ich nehme neben Gage Platz, und Mori, Thomas und Kayden lassen sich uns gegenüber nieder, während Erik sich schräg ans Tischende setzt.
Wir müssen nicht lange warten, ehe zwei Männer hereinkommen. Einen erkenne ich sofort wieder – Nolan mit seinen hellbraunen Augen und den rehbraunen Haaren. Ich habe den Mann noch nie lächeln sehen, und irgendwas sagt mir, dass er dazu auch gar nicht imstande ist. Vielleicht ging es ihm ja wie mir, als er hier angefangen hat. Ich frage mich, was ihn hierhergeführt hat …
Und jetzt, da ich darüber nachdenke, bin ich mir nicht mal sicher, ob ich schon mal gelächelt habe, seit ich wieder zu mir gekommen bin. Ich Heuchlerin, tadele ich mich. Dabei hat mir die Zeit mit den anderen aus meiner Einheit doch nur gezeigt, wie sehr kaputte Leute sich auf Humor stützen; wie sehr wir uns wünschen, unser Gegenüber zum Lachen zu bringen. Doch meist ist das Lachen erzwungen. Trotzdem würde ich alles geben, um Mori fröhlich zu erleben. Mein Blick flackert erneut zu ihm, bevor ich mich wieder aufs Tischende konzentriere.
Der zweite Mann hat silbergraue Haare, die er sich mit Gel aus der Stirn gekämmt hat, die dunkelsten Augen, die ich je gesehen habe, und eine Adlernase, an der seitlich eine Narbe verläuft. Er zieht ein Bein leicht nach, vermutlich eine alte Verletzung. Captain Bridger. War er auch mal Soldat in den Dark Forces? Ich habe keine Ahnung, wie dies alles angefangen hat, will aber unbedingt alles erfahren. Ich kann es nicht ausstehen, über gewisse Dinge nicht Bescheid zu wissen, die ich entsprechend nicht steuern kann … zumal ich gerade über so gut wie überhaupt nichts in meinem Leben Bescheid weiß.
Erik steht auf und salutiert. »Captain, es ist eine Ehre, Sie heute hierzuhaben. Sir.«
Bridger winkt ab, stellt sich ans Tischende, und Nolan nimmt gegenüber Erik Platz. Dann räuspert sich der Captain und hebt an: »Lieutenant – wie immer schön, Sie zu sehen. Es hat ganz den Anschein, als hätten Sie es geschafft, Mori zu zähmen.« Er mustert Mori, der entspannt dasitzt, doch als sein Blick weiter zu mir wandert, zucke ich zusammen. »Und das muss die neue Rekrutin sein, die besagtes Monster unterworfen hat. Morphine, stimmt’s?«
Ich neige den Kopf zu einem angedeuteten Nicken, enthalte mich aber einer Antwort. Sein Blick ist analytisch. Bedeutungsschwanger. Mit der Andeutung einiger der dunkelsten Geheimnisse der Welt, da bin ich mir sicher. Was immer wir als geheime Einsatzkräfte wissen, weiß er fünffach und in allen Einzelheiten.
Nach allem, was ich gehört habe, seit ich das Bewusstsein wiedererlangt habe, ist die Welt tatsächlich ein dunkler, schrecklicher Ort. Und ich sage das nicht nur, weil Gage mich gezwungen hat, mir all diese grässlichen Kriegsfilme anzusehen. Ich hab auch mit angehört, welche abgrundtiefe Scheiße die Soldaten aus den Dark Forces erledigen müssen … Sie sollen töten. Keine Fragen stellen. Und weitertöten.
Mein Bauchgefühl besagt eindeutig, dass hier nicht alles so ist, wie es den Anschein erwecken soll. Sei also auf der Hut. Je länger man mitkriegt, was hinter den Kulissen vonstattengeht, umso mehr Monster tauchen rings um einen auf – und schlimmer: in einem selbst. Leute haben bis zu fünf verschiedene Gesichter, und ich frage mich gerade, wie man jemandes wahres Gesicht erkennt.
»Gut gemacht. So, und jetzt kümmern wir uns um das, was ansteht. Fury Squad – uns steht eine Operation der Stufe Schwarz ins Haus, in der ihr eine weltweit agierende illegale Handelsorganisation zerschlagen sollt. Die Operation besteht aus zwei Teilen: Erstens werdet ihr die Niederlassung im Great Basin infiltrieren und gewisse Informationen beschaffen, und zweitens – sobald das entscheidende Gut in unserem Besitz ist – alles final exekutieren.« Bridgers Stimme klingt düster, doch beim Wort »exekutieren« beschleunigt sich mein Puls.
Was war das denn gerade? Ich balle die Fäuste auf den Knien, damit mir niemand vor den Augen des Captain die überraschende Regung ansehen kann. Das hat sich vertraut angefühlt …
»Die gute Nachricht ist, dass es dort warm sein wird. Die schlechte Nachricht ist, dass der Gegenstand, auf den es uns vorrangig ankommt, sehr klein und somit schwierig zu beschaffen ist. Das heißt: absolut keine Fehler«, sagt er ernst, ehe er mit den Fingern schnipst.
Eine Flügeltür aus Ebenholz schwingt auf, und eine schlanke Frau tritt ein. Ihre bronzebraunen Haare hat sie sich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihr pflaumenlila Lippenstift betont ihren olivfarbenen Teint. Sie trägt eine auffällige rote Brille und hält ein kleines Tablet in der rechten Hand. Der dunkelblaue Hosenanzug verleiht ihr eine Aura von Autorität. Es ist offensichtlich, dass sie keine von uns ist.
Sie kommt ein paar Schritte auf das Tischende zu, bleibt dann aber auf Abstand stehen. Captain Bridger macht eine Willkommensgeste. »Darf ich euch Mikah vorstellen – die beste Hackerin der Dark Forces. Unser Hauptaugenmerk wird darauf liegen, sie sicher ins Zielobjekt zu bringen. Die Schleusen dorthin sind undurchdringlich – außer man öffnet sie manuell mithilfe von sogenannten Killcodes. Mikah ist imstande, sich in jedes Sicherheitssystem der Welt zu hacken und binnen weniger Minuten gewaltige Strukturen lahmzulegen. Allerdings braucht das nun mal seine Zeit – und die Fury Squad sorgt für ihre Unversehrtheit, während sie die Türen entsichert und den Datenstick besorgt.«
Thomas reißt die Augen auf. »Ist das euer Ernst?«, fragt er an Erik gewandt. »Eine Escort-Operation der Stufe Schwarz ist ja wohl Harakir … viel riskanter als andere Missionen auf diesem Level. Wie stellt ihr euch das vor? Wir sollen da rein, ohne entdeckt zu werden, und sie minutenlang vom Wachpersonal abschirmen? Das wäre wie ein Nahkampf über Stunden.« Er springt von seinem Stuhl auf und donnert erbost die Faust auf den Tisch. Unwillkürlich zucke ich zusammen. Normalerweise ist er die Ruhe selbst. Dass er so aus der Haut fährt, verunsichert mich.
Lieutenant Erik presst die Lippen zusammen und sieht Thomas süffisant an. »Genau deshalb übernimmt ja die Fury Squad. Unsere Kommandoriege geht davon aus, dass wir das hinkriegen …«
Für zwei, drei Sekunden höre ich nicht mal, was er noch sagt, weil Mori mich unter dem Tisch vors Schienbein tritt. Ich drehe den Kopf in seine Richtung, und die Wut treibt mir Hitze in die Wangen.
Was?, gebe ich ihm mit einem Blick zu verstehen – und mit den zusammengekniffenen Augenbrauen, dass ich mit seinem Timing alles andere als glücklich bin.
Er entspannt die Kinnpartie, öffnet die Lippen, und mein Puls schießt in die Höhe. Dann beugt er sich vor und stützt die Hand auf, klappt die Kiefer demonstrativ zusammen. Sein Blick besagt unmissverständlich: Mund zu!
Ich beiße abrupt die Zähne aufeinander. Mir war nicht klar, dass ich mit offenem Mund dagesessen hatte, seit uns diese Scheißmission angekündigt wurde.
Ich sehe Mori finster an, und er zwinkert mir mit seinem vernarbten Auge zu. War das etwa nett gemeint? Er grinst nicht ansatzweise, trotzdem sieht er irgendwie leicht amüsiert aus.
»Außerdem werde ich selbst teilnehmen – und unsere Devise lautet: null Fehlertoleranz. Wir kommen erst wieder, wenn wir den Stick haben«, verkündet Erik ernst, und so, wie er die Zähne zusammenbeißt, scheint er keine weitere Kritik zu dulden.
Mein Blick huscht quer durch den Raum, weil ich sehen will, wie die anderen reagieren. Ihr Gesichtsausdruck macht nicht gerade Mut.
Doch aus unerfindlichen Gründen scheine ich angesichts dieser Art von Operation anders zu reagieren als meine Kameraden. Vielleicht weil ich nichts zu verlieren habe: keine Vergangenheit, kein lästiges Gepäck, niemanden, für den ich etwas empfinde.
Womöglich wird sich der Einsatz von meinem üblichen Trott kaum unterscheiden – außer dass ein bisschen Action dazukommt. Und ich könnte einen Tapetenwechsel vertragen – vielleicht kommen so ja sogar die Erinnerungen zurück. Ein bisschen Adrenalin bringt doch Schwung in die Hirnchemie, oder nicht? Das Gleiche soll ja für Sex gelten, zumindest wenn man dem glauben kann, was Gage erzählt.
Beim Gedanken an Sex steht mir sofort ein Bild von Mori vor Augen. So groß, wie er insgesamt ist, kann ich über die Ausmaße seines Gemächts nur spekulieren. Ich sollte wirklich aufhören, an seine Muskeln oder den durchdringenden Blick zu denken, mit dem er mich durchbohrt. Das einzige bisschen Cortisol-Ausschüttung, das er bei mir bewirken würde, käme durch puren Stress – denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir je …
Ich schüttele den Kopf. Trotzdem lodern meine Wangen, kaum dass ich darüber nachdenke, wie er mich berühren könnte, wie er mit seinen schwieligen Händen über meinen Bauch streichen und unter meinen Hosenbund … Gott, aufhören! Ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her und rufe mich zur Vernunft.
Was diese Mission und ihre Tödlichkeit angeht, habe ich tatsächlich nichts zu verlieren. Niemand würde mich betrauern. In der zivilen Welt wurde ich – rein formell – ohnehin längst für tot erklärt.
Insofern … Was macht es da für einen Unterschied, wenn ich sterbe?
Erneut spüre ich einen bohrenden Blick auf mir und spähe zu Mori. Er hat das Kinn in die Hand gestützt und sieht mich unverwandt an. Irgendwo in diesen gefühllosen Augen lauert etwas Weiches; trotzdem scheint es ihm wichtig zu sein, die Mauer aus Eis zwischen uns aufrechtzuerhalten. Sein Blick wandert über meine Haare, die ich mir zu einem losen Knoten zusammengezwirbelt habe. Leicht angewidert rümpft er die Nase. Dann konzentriert er sich wieder auf Erik und Bridger.
He, hat er jetzt etwa auch noch ein Problem mit meiner Frisur?
»Mori, du und Morphine, ihr seid die Ersten, die reingehen. Ihr macht ordentlich Radau und erregt die Aufmerksamkeit so vieler Wachen wie nur möglich. Ich hab die Anweisungen dazu schon in allen Einzelheiten vorbereitet, die bekommst du gleich im Anschluss. Mit den Vorbereitungen legt ihr sofort los. Wir haben eine genau Woche Zeit, bis es so weit ist«, sagt Captain Bridger und nimmt uns beide ein bisschen länger ins Visier als die anderen.
Es wundert mich kein bisschen, dass wir diejenigen sein sollen, die zuallererst reingehen. Wir sind die Labilsten im Team. Wenn ich entscheiden müsste, würde ich uns ebenfalls vorschicken.
Nolan verschränkt die Finger, als er anmerkt: »Parallel fangen wir mit den Versuchen zu unserem verbesserten Medikament an. Weitere Freiwillige, abgesehen von Mori?« Seine Stimme klingt weich und zugleich wie die einer Schlange. Bei Nolan habe ich ein richtig komisches Gefühl. Womöglich liegt es daran, dass in seinem Blick nicht der Hauch von Menschlichkeit zu sehen ist. Er betrachtet uns lediglich als jederzeit feuerbereite Waffen.
Allerdings ahne ich, dass noch mehr dahintersteckt. Womöglich wusste ich bis zu den Unter-Prüfungen sogar mehr über ihn. Er ist die wandelnde Lüge – nicht, dass ich es beweisen könnte. Ist bloß so ein Gefühl. Aber diesem Gefühl vertraue ich.
Was diese Versuchsreihe angeht, hab ich die Vorteile mit eigenen Augen mitangesehen. Mori ist der lebende Beweis. Die verbesserte Zusammensetzung beruht auf den Erkenntnissen, die sie an ihm erzielt haben. Insofern sollte diese Droge inzwischen wohl sicherer sein, oder?
Bedächtig hebe ich die Hand. Nolan grinst – ein hohles Raubtiergrinsen.
»Fabelhaft. Du bleibst nach dem Briefing noch ganz kurz da.«
Mori starrt mich ungläubig an. Ich spüre regelrecht, wie sein Blick mir Löcher in die Schläfe bohrt, und höre seine erbosten Atemzüge.
Ich habe nichts zu verlieren.
Ich bin nichts.
Und was bitte schön wäre da lustiger, als Dinge zu tun, vor denen alle anderen viel zu viel Angst hätten?
Cameron
Was zum Teufel hat sie sich dabei gedacht?
Ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht mit alledem rauszuplatzen, was ich ihr am liebsten an den Kopf werfen würde. Stattdessen balle ich die Fäuste und beiße die Zähne zusammen. Sie wird zusehends unberechenbarer, und meine Möglichkeiten, für ihre Sicherheit zu sorgen, sind nun mal begrenzt. Wenn sie jetzt auch noch diese Scheißpillen schluckt … und sich die Spritzen setzen lässt … Nein!
Schlagartig steht mir das Bild ihres leblosen Körpers vor Augen, und mir wird kalt bis ins Mark. Wenn das Medikament sie nicht sofort umbringt, dann mit der Zeit. Ich selbst bin längst dazu verdammt, zu sterben – auch weil ich mir selbst nicht mehr wert bin, als mich in den Dienst der Dark Forces zu stellen … Na ja, zumindest war das so. Bis ich ihr begegnet bin.
Sie ist alles, was ich an mir selbst verloren habe.
Sie ist es bis heute, womöglich noch mehr denn je. Jetzt, da sie von ihren vergangenen Traumata unbelastet ist, kommt sie mir vor wie eine Motte, die trotz angesengter Flügel ihre Kreise zieht. Und ganz egal, wie nah sie dem Feuer kommt: Ihre Neugier wächst weiter, immer weiter. Ich kann ihr ansehen, dass sie die Grenzen verschieben will.
Zudem gehen die glühenden Blicke, die sie mir zuwirft, sobald sie glaubt, ich bekäme es nicht mit, nicht unbemerkt an mir vorbei. Dabei kann sie meine Aufmerksamkeit kein bisschen gebrauchen. Was sie stattdessen braucht, ist, dass ich mich verdammt noch mal von ihr fernhalte.
Mir ist klar, dass es helfen würde, wenn ich ihr gegenüber noch brutaler wäre, als ich es jetzt schon bin. Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich mir insgeheim wünsche, ihr die Haare aus dem Gesicht zu streichen, wenn sie mal wieder Albträume hat, und sie an mich zu ziehen, damit ihr blumiger Duft mich umhüllt, so wie früher. Mein Trost, meine Heimat … Träumt sie von ihrer Vergangenheit? Von den Untaten, die sie aufgrund ihrer Abstammung verübt hat?
Das Blut der Mavestelli ist dicker als das der meisten anderen. Tief in mir drin weiß ich, dass sie sich daran erinnert; dass das Grauen nur darauf lauert, sie abermals heimzusuchen. Ich muss alle Kraft aufbringen, um mich zu beherrschen und nicht einzugreifen, sobald sie sich nachts qualvoll hin und her wälzt.
Es bringt mich schier um, dass ich ihr nicht helfen kann. Und es bringt mich um, dass sie sich keine Zöpfe mehr flicht. Es bringt mich um, dass ich dafür gesorgt habe. Dass ich schuld daran bin.
Emery bleibt noch, nachdem das Briefing beendet ist, und lungert an der Tür herum, weil sie auf Nolan wartet, der erst noch mit Bridger und Erik redet.
Kayden verschränkt die Hände hinterm Kopf, drückt den Rücken durch und verzieht das Gesicht. »Das ist ja wohl der letzte Scheiß! Und ich dachte, wir würden auf so eine coole Mission wie Warschau geschickt werden! Schon gehört, dass die nach Tokio fliegen? Ich bin echt sauer, dass die immer die coolen Städtemissionen kriegen und wir jedes Mal in der Tundra oder in irgendeiner Wüste landen.«
Ich grunze nur. »Sei froh, dass sie dich Jammerlappen noch nicht loswerden wollten. Ich hab gehört, Riøt langweilt sich den Arsch ab und will mal wieder einen Soldaten erlegen«, entgegne ich, allerdings findet er meinen Konter kein bisschen lustig.
»Ja, ja. Aber wenn die jemanden ins Visier nehmen, dann ja wohl Thomas. Was bitte schön hast du dir dabei gedacht, so zu reagieren?«, fährt er ihn an.
Thomas zuckt bloß mit den Schultern. »Bringt doch nichts, zu überlegen, ob wir von anderen Squads ausgeschaltet werden könnten – wenn wir im nächsten Atemzug auf so eine Escort-Mission geschickt werden.«
Gott, hat der schlechte Laune!
»Wird schon schiefgehen«, mischt Gage sich ein, verschränkt allerdings nervös die Arme. Im Vergleich zu Thomas und mir ist er noch recht neu – wir sind die Einzigen, die aus der ursprünglichen Fury Squad noch übrig sind. Bei Fury überlebt keiner lange. Das ist nun mal Fakt. Auch wenn Lieutenant Erik schon mehrere Jahre bei den Dark Forces ist, hat er diese Einheit erst sechs Monate unter sich – seit der letzte Sergeant im Zuge einer Operation gestorben ist. Und auch von den vorigen Sergeants hat es keiner lange geschafft – immer üblicherweise ein halbes bis maximal zwei Jahre. Mir fallen nicht mal mehr ihre Namen ein.
Ich bin mir sicher, dass Erik bald ausgetauscht und zurück an den Schreibtisch geschickt wird. Er hat sein Soll als Sergeant dieser Squad längst erfüllt. Normalerweise dürfte er größeren Projekten zugeteilt werden und dann mit Nolan und dem Captain zusammenarbeiten.
»Hast du euer Einzelbriefing schon gelesen, Mori?«, fragt Thomas, um das Thema zu wechseln.
Er weiß genau, dass das nicht der Fall ist. Ich mag es nicht, wenn ein Vorgesetzter mich beobachtet, während ich es lese. Ich stehe sowieso schon unter Beobachtung wie eine Laborratte – und ich will meine verdammte Ruhe, wenn ich unsere Einsatzpläne durchgehe. Immerhin dürfen wir Kleinigkeiten daran ändern und uns aufgrund unserer Fähigkeiten ein paar Freiheiten nehmen.
»Geh ich später durch.« Meine Stimme klingt heiser, als ich mein Zippo zücke und mir eine Zigarette anzünde. Die anderen sehen mich ausdruckslos an, und ich nicke ihnen zu – sie können gern schon mal vorgehen. »Ich brauch noch kurz.«
»War ja klar«, schnaubt Kayden, und Gage versetzt ihm einen beifälligen Klaps.
Statt auf seine Anspielung zu reagieren, nehme ich einen langen Zug von meiner Zigarette. Emery steht immer noch an der Tür, und unsere Blicke kreuzen sich; diesmal sieht sie nicht sofort weg. Sie wirkt heute vollkommen furchtlos und will mich anscheinend bei jeder Gelegenheit provozieren.
Unwillkürlich zuckt mein Mundwinkel, doch dann reiße ich mich zusammen, nehme die Kippe zwischen die Lippen und schlendere auf sie zu.
Im selben Moment scheint sie sich zu verspannen; und es ist zu amüsant, um nicht darauf einzugehen.
Der Rauch kräuselt sich in die Luft, und ein Stück Asche fällt zu Boden. Ich bleibe auf Armeslänge entfernt vor ihr stehen und lehne mich gegen den Tisch – und zwar so, dass ich sie im Blick habe anstelle der drei Vorgesetzten, die schräg hinter mir stehen und immer noch plaudern.
Emerys Lidränder sind gerötet, und sie sieht grässlich müde aus; sie hat aber auch denkbar unruhig geschlafen. Das setzt mir ebenfalls zu, und manchmal frage ich mich, ob ihr Gehirn sie zu etwas antreiben könnte – ob es ihr einflüstert, dass sie zu mir zurückkommen muss. Ich kann es nur hoffen, allerdings wüsste ich nicht, warum sie sich sonst derart abstrampeln würde, um mich kennenzulernen. Allmählich kann ich es auch nicht mehr ignorieren. Alles in mir schreit, dass ich meiner Sehnsucht nach ihr nachgeben soll.
»Was willst du?«, blafft sie mich an, und ich konzentriere mich wieder ausschließlich auf sie.
Ohne mich zu ihr runterzubeugen, sehe ich ihr von oben herab in die Augen. »Muss ich irgendwas wissen? Wir sind jetzt immerhin Partner.« Ich ziehe erneut an meiner Zigarette. Der Rauch fräst sich in meine Lunge.
Emery sieht einen Augenblick lang zu mir hoch, ehe sie leise erwidert: »Warum hasst du mich so sehr?«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. Damit habe ich nicht gerechnet.
»Wie kommst du darauf?« Meine inneren Qualen drohen mich zu verschlingen. Wie brutal dieses Leben ist – so brutal, dass ich das Einzige, was mir je etwas bedeutet hat, auf Abstand halten muss.
Schnaubend schüttelt sie den Kopf. »Du ignorierst mich, wo du nur kannst. Du weigerst dich, mir zu helfen, mich wieder daran zu erinnern, was bei den Prüfungen passiert ist. Du bist ständig so …«
»Ein Arschloch?«
Sie kneift die Augen zusammen, und ein Hauch ihres früheren Wesens flackert auf. Ich stürze mich darauf wie ein Verdurstender.
»Ja.« Sie dreht sich vielsagend weg, als Erik und Bridger sich voneinander verabschieden.
Doch bevor sie auf Nolan zugehen kann, halte ich sie am Arm zurück. »Nimm das Medikament besser nicht.«
Sie funkelt mich mit diesen großen braunen Augen an. »Und warum nicht? Du hast es doch auch genommen.«
»Weil es nicht annähernd so ist wie irgendwas, was du je zuvor gemacht hast.« Die Erklärung ist Bullshit, allerdings wüsste ich nicht, was ich sonst sagen sollte, damit sie auf mich hört. »Es verkürzt dein Leben, und du hast immerhin noch ein langes Leben vor dir.«
Ihr Blick flackert erneut, und der Hauch eines Lächelns umspielt ihre Lippen – das erste echte, das ich von ihr sehe, seit sie ihr Gedächtnis verloren hat. Es ist Balsam auf meiner Seele, und kurz verliere ich den Faden, was sie sofort zu nutzen weiß.
»Sei bloß vorsichtig! Das klingt ja fast, als würde ich dir etwas bedeuten.«
Ihr Kommentar schneidet mir ins Herz.
Em sieht mir direkt ins Gesicht, und ich hungere nach ihrer Aufmerksamkeit, giere danach, dass sie mich mit derselben Sehnsucht ansieht, die ich für sie empfinde.
»Wen kümmert’s denn schon, wenn ich ein paar Jährchen früher abtrete.«
Ich versuche, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken.
Mich würde es kümmern.
Sie starrt mich noch einige Sekunden lang reglos an. Dann legt sie ihre Hand auf meine und schiebt sie an ihrem Arm hinab nach unten, bis ich die Hand sinken lasse.
Als der Captain und Erik endlich gehen, kommt Nolan zu uns rüber.
»Bereit, Morphine?« Er klingt dermaßen übereifrig, dass mir bei der Vorstellung, wie er sie als Versuchskaninchen missbraucht, richtiggehend schlecht wird. Ich selbst hab bislang überlebt, was keine Garantie dafür ist, dass für sie das Gleiche gilt.
Das Nasenbluten und die Turbulenzen in meinem Kopf habe ich ihr seit jeher verheimlicht. Sie hat keine Ahnung, wie übel es werden kann. Na ja, oder vielmehr: Sie könnte sich daran nicht mehr erinnern. Und sie hat die anderen nie sehen müssen, so wie ich. Von diesen Dreckspillen sind schon so viele gestorben. Die neue Version, die anhand meiner Testergebnisse verfeinert wurde, hat womöglich eine bessere Überlebensquote, aber ich kann einfach nicht anders: Die Vorstellung ist das reinste Grauen.
Sie nickt Nolan zu und würdigt mich keines Blickes mehr, als sie hinter ihm her den Raum verlässt.
Ich mache noch einen Schritt vorwärts, will sie zur Vernunft bringen, halte mich dann aber zurück und beiße mir auf die Lippe, als die Tür hinter den beiden zuknallt.
Das war’s.
Früher habe ich den Frieden genossen, wenn ich allein war.
Wie kann eine zarte Frau all das verändert haben?
Emery
Ich spüre den Einstich im Hals immer noch, obwohl schon eine Stunde verstrichen ist. Ich reibe über die Stelle und versuche, irgendwas von dem zu verstehen, was Mori vor sich hin brummelt – über die Pläne zu Phase eins der Mission. Er hat das komplette Whiteboard mit einem kleinteiligen Aufriss des Zielobjekts bedeckt, das wir infiltrieren sollen.
»Hörst du mir überhaupt zu?« Er verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mich finster an.
Mein Blick ist garantiert ebenso finster, als ich die Arme vor mir auf dem Tisch überkreuze und mein Kinn daraufsetze. »Klar«, murmele ich geistesabwesend.
Nein. Ich bin kein bisschen bei der Sache. Meine Gedanken kreisen um das Pillenröhrchen in meiner Tasche. Was Nolan gesagt hat, hallt immer noch in mir nach. »Jedes Röhrchen enthält einen Zwei-Wochen-Vorrat. Im Wachzustand alle vier Stunden eine Tablette. Wenn du im Einsatz verletzt wirst, mehr nach Bedarf.«
Ein ungutes Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. War es unklug von mir, mich für den Versuch zu melden? Aber wenn Mori damit klarkommt, dann kann ich das doch auch, oder?
Ein gellender Pfiff dringt an mein Ohr, und im nächsten Moment trifft mich ein Whiteboard-Marker mitten auf der Stirn.
»Au!« Ich nehme an, die Spritze wirkt noch nicht.
Wütend sehe ich zu ihm hoch. Er hat die Augen weit aufgerissen, als wäre er selbst überrascht, dass er das gerade gemacht hat. Dann blinzelt er seine Überraschung weg und legt wieder die übliche gleichmütige Miene auf.
»Hast du gerade einen verschissenen Marker nach mir geworfen?«, blaffe ich ihn an und reibe mir angesäuert die Stirn.
Sein Blick verdunkelt sich. Er macht einen Schritt auf den Tisch zu und stützt die Hände auf. »Das hier ist kein Spiel. Diese Operation gehört mit zu den gefährlichsten, die unsere Einheit je ausgeführt hat. Also ist jetzt mal Schluss mit dem Desinteresse. Dafür haben wir keine Zeit.«
Sein Tonfall rührt tief in meiner Brust etwas an. Ich spüre, wie mir Hitze in die Wangen steigt und sich in meinem Unterleib sammelt.
Sind das die Nebenwirkungen des Medikaments?, frage ich mich besorgt. Bitte, lieber Gott, lass es kein Aphrodisiakum sein … Ich kann mich auch so schon kaum im Zaum halten. Mori ist einfach so unfair attraktiv – diese Narben, die Tattoos, dieses ungewöhnlich helle Haar … Ich bin zu schwach für seine Schönheit.
Er scheint meine flache Atmung nicht zu bemerken, weil er sich vom Tisch abstößt und wieder vor seine Zeichnung auf dem Whiteboard tritt. Er schiebt die Linke in die Hosentasche, während er abermals beiläufig die Pläne durchspricht. Er sieht gerade aus wie ein Uniprofessor, nur dass er statt förmlicher Kleidung einen schwarzen Hoodie und eine Jogginghose trägt, die sich um seine athletischen Schenkel schmiegt.
»… hätte gern an einer altehrwürdigen Uni gelehrt, es wäre auch egal gewesen, an welcher …«
Beim Klang seiner Stimme in meinem Kopf zucke ich heftig zusammen. War das eine Erinnerung? Ich presse mir die Hand an die Stirn und schließe die Augen. Waren … Haben wir uns früher nahegestanden? Dass er mir so etwas erzählt haben soll, ist unvorstellbar.
Unterdessen geht Mori weiter den Einsatzplan durch. Dass ich abgelenkt bin, bekommt er nicht mit. Doch ich bringe es nicht fertig, mich zu konzentrieren.
»Erzähl mir was über mich«, falle ich ihm unvermittelt ins Wort.
Er hält inne und dreht sich wie so oft stirnrunzelnd zu mir um. »Wie bitte?« Er kneift die Augen zusammen.
»Hilf mir, mich wieder daran zu erinnern, wer ich bin – weil ich nämlich echt Schwierigkeiten habe, diese Mission ernst zu nehmen, solange mir alles dermaßen sinnlos vorkommt.« Ich behalte für mich, dass er anscheinend früher gesprächiger war; dafür ist gerade weder der richtige Ort noch der richtige Moment.
Er holt tief Luft, und sein Blick spricht Bände: als würde ihm jedes Wort, das er über mich verlieren müsste, Todesqualen bereiten.
Ich wusste es. Er hat mir ganz bewusst gewisse Dinge verschwiegen. Aber warum?
Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück, lege meine Kampfstiefel auf den Tisch und überkreuze erst die Beine, dann die Arme. »Schieß los.«
Ihn derart aufzufordern, fühlt sich grenzwertig an, und prompt verdüstert sich sein Blick erneut.
»Eine Sache?«, entgegnet er nach einer Weile. In seiner Stimme schwingt so etwas wie Nostalgie mit, als er mein Gesicht mustert und sein Blick an meiner Halsbeuge verharrt. Fast fühlt es sich wie Begierde an.
»Mhm.«
Mori dreht sich wieder zum Whiteboard um, und seine Schultern sacken beim Ausatmen nach unten. Irgendwas hat sich verändert – die Trostlosigkeit, die diesen Mann umgibt, scheint ins Unermessliche anzuwachsen, und ich könnte glatt darin untergehen. Ich könnte daran zugrunde gehen. Ich frage mich, ob noch jemand diese Seite an ihm je gesehen hat.
Hoffentlich nicht. Die Egoistin in mir will all das nur für sich.
»Du hast dir früher immer Zöpfe geflochten. Sobald du aus der Dusche kamst, bevor du ins Bett gegangen bist – in jeder wachen Minute, die ich mitbekommen hab, hattest du geflochtene Haare. Und wenn du dir die Hand verletzt hattest und es nicht selbst machen konntest …«
Statt weiterzusprechen, schüttelt er den Kopf. Diese leise, sehnsüchtige Stimme habe ich bislang nie an ihm gehört. Meine Neugier ist angefacht.
Geflochtene Haare? Ich spähe auf meine rosa Haare hinab, die mir bis zu den Hüften reichen, wenn ich sie offen trage. Ich fahre mit den Fingern durch die Strähnen, flechte mir einen einfachen Zopf und blicke zu ihm auf: Hat er das damit gemeint?
Er muss die Frage in meinem Blick aufgefangen haben. Doch irgendwas scheint sich verkehrt anzufühlen.
Er schüttelt den Kopf und murmelt: »Nein, nicht so. Soll ich’s dir zeigen?«
Sein weiches Timbre reißt mich augenblicklich ins Hier und Jetzt zurück. Er ist nähergekommen, lehnt jetzt nur einen knappen Meter von mir entfernt an der Tischkante, und mir stockt der Atem. Ich hab nicht mal gehört, dass er auf mich zugekommen ist.
Kurz sehe ich ihn an. Er wirkt vollkommen gelassen und geduldig, während ich mit der Vorstellung zu kämpfen habe, dass ich etwas derart Persönliches vergessen haben kann.
Und es kommt mir komisch vor, dass ich flüchtige Erinnerungen an ihn habe, aber keine einzige an mich selbst.
»Ähm. Okay …«, sage ich zaudernd und mustere ihn misstrauisch.
Mori streckt seine Hand aus, die im Neonlicht bleich aussieht. »Komm her.« Es klingt nur vage nach einer Aufforderung, trotzdem geht es mir durch Mark und Bein. All diese Gefühle, die besagen: Das hier hab ich schon mal mit ihm gemacht, rieseln durch mich hindurch wie Wasser, das von einer Kette tropft.
Meine Stiefel quietschen leicht über den Tisch, als ich die Füße herunternehme, widerwillig aufstehe und auf ihn zutrete. Sobald ich vor ihm stehe, schlägt sein Geruch regelrecht über mir zusammen. Er riecht nach Birkenholz – das Erste, was ich gerochen habe, als ich aus der Bewusstlosigkeit aufwachte. Dieser Geruch betört mir die Sinne. Bei der Erinnerung an sommerlich unbeschwerte Blicke und ein unbefangenes Lächeln, das nur mir gegolten hat, balle ich die Fäuste. Ich blinzele – und das Bild ist verschwunden. Stattdessen steht vor mir ein trauriger, trübsinniger Mann.
Er sah damals anders aus. Bei dem Gedanken lasse ich erneut den Blick über sein Gesicht schweifen.
»Und jetzt?«, frage ich fast schon genervt, obwohl ich in Wahrheit nervös bin. Ich war ihm niemals so nahe wie jetzt, und er ist aus solcher Nähe ebenso höllisch attraktiv wie aus sicherer Distanz.
Er hebt die Hände, wackelt mit den Fingern und bedenkt mich mit einem schiefen Grinsen, bei dem ich ein Flattern im Bauch verspüre. »Jetzt drehst du dich um.« Hitze lodert durch mich hindurch, weil ihm die pure Freude ins Gesicht geschrieben steht.
»Ich soll dir den Rücken zukehren?«
Unverschämt, ich weiß. Aber wir sprechen immer noch von Mori. Von Ich-schlag-meinem-Partner-den-Kopf-ab-Mori.
