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Frauke Meyer kommt nach dem Tod ihres Mannes nach Nordfriesland, um ehrenamtlich im Naturschutz zu arbeiten und neue Pläne für ihr weiteres Leben zu entwerfen. Doch die Idylle trügt. Der zauberhaften Landschaft steht die Zerstörung durch den Raubbau des Menschen gegenüber. Frauke sieht den Leiden der Tiere in der industrialisierten Landwirtschaft nicht länger tatenlos zu und beginnt einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Massentierhaltung und für die Rechte der Tiere. Doch der Versuch, den Landwirt Frerk Petersen zur Abkehr von seinen Stallerweiterungsplänen zu bewegen, eskaliert, der skrupellose Tierhalter verunglückt tödlich. Frauke fürchtet, für den Tod des Bauern zur Rechenschaft gezogen zu werden. Nachdem auch die begonnene Liebesbeziehung zu dem Ranger Hannes Persson zerbricht, verliert sie den Boden unter den Füßen und begibt sich auf eine Reise über das Meer - mit ungewissem Ausgang.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nach der Schafskälte
Roman
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden.
Meinen Eltern Franz und Elisabeth,
Schatten über dem Mittagsweg,
Rohrdommel träumt im Schilf.
Wind in amethystenen Gräsern,
Fandango im Salbeiduft.
Automatische Tiererkennung
Einstallung, Ausstallung
Zugvögel ziehn übers Schwemmland,
Lämmer schnaufen am Tor.
Hundsrose pink und Holunder schäumt,
Rohrdommel steht im Schilf.
Einzeltierfixierung
Vogelwolke am Horizont,
Untiefe, fliederblau.
Seegras driftet in der Strömung,
Flutwind kräuselt die Gischt.
Optimale Schlachtkörpereigenschaften
Ausstallung, Ausstallung
Dämmerung spreizt ihr Gefieder,
hudert das Violett.
Durch das halbgeöffnete Küchenfenster drang der Geruch nach Erde und Harz. Den ganzen Nachmittag schon hatte Frauke am Küchentisch gesessen und hinaus auf die nebelverhangenen Bergspitzen geblickt. Neben einem Becher Kamillentee lag ihr Strickzeug. Sie hatte es nicht einmal zur Hand genommen. Hatte einfach nur dagesessen, die Hände auf der Tischplatte gefaltet, und reglos hinaus in den Regen gestarrt. Wie ein Igel, der nach langem Winterschlaf nur mühsam wieder zu sich kommt. Als Leo sich auf die Hinterbeine setzte und zu winseln begann, stand sie auf, drückte eine Tablette aus der Packung, nahm die Dose mit Leberwurst aus dem Kühlschrank und steckte das Medikament in einen kleinen Happen. „Das wird dir guttun.“ Leo schnappte nach dem Leckerbissen. Leberwurst nahm er immer, auch bei starken Schmerzen. Sie kraulte seinen Nacken. „Gleich geht‘s dir besser, Leohund. Gleich sind die Schmerzen weg.“ Hoffentlich stimmte das. Sein Zustand verschlechterte sich von Monat zu Monat. Würde er sie auch noch verlassen, genauso wie ...
Es klingelte. Frauke richtete sich auf und ging langsam durch die Diele. Sie hatte keine Lust auf Besuch. Sie legte ihre Wange gegen die Tür und fragte, ohne den Schlüssel zu drehen: „Wer ist da?“
„Ich bin‘s, Frauke, mach auf!“ Erika, ihre Schwiegermutter. Unwillig schloss sie auf und nahm die Umarmung der Eintretenden entgegen, ohne sie zu erwidern.
„Hast du einen Kaffee für mich? Ich will mit dir sprechen, Liebes.“
Eine Viertelstunde später saßen die beiden Frauen mit einer Kanne Kaffee und einem Teller Haferkeksen im Wohnzimmer. Leo hatte sich neben Erikas Füße gelegt. Er mochte sie, genauso wie alle anderen Mitglieder und Freunde der Familie. Frauke wusste, was sie erwartete. Es war nicht das erste Mal, dass die Schwiegermutter ihr ins Gewissen reden wollte. Und Erika war nicht die Frau, lange herumzudrucksen. Sie kam sofort zur Sache. „Frauke, du hast dein Leben nicht mehr im Griff! Es entgleitet dir mehr und mehr, ich sehe es. Du latschst hier nur noch mit hängenden Schultern rum.“
„Na und? Wen stört das?“
„So kann es einfach nicht mehr weitergehen. Niko hätte das nicht gewollt, sicher nicht. Und Jakob und Lili brauchen dich.“
„Sie sind erwachsen.“
„Aber sie müssen auch mit seinem Tod fertig werden. Den Vater haben sie schon verloren, und ihre Mutter ist zurzeit kaum ansprechbar. Reiß dich zusammen, Frauke, komm zu dir!“
Frauke hob die Hände. „Nicht schon wieder. Ich brauch einfach Zeit. Ist das denn so schwer zu verstehen?“
„Liebes, Niko ist seit einem Jahr tot. Du bist dreiundvierzig. Kein Alter, um sich aus dem Leben zurückzuziehen. Es ist schon schlimm genug, dass Niko ...“ Erika zog ein Taschentuch aus der Jacke und schnäuzte sich. Leo erhob sich und schlurfte durch die Diele zu seiner Matte neben der Haustür. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich fallen. Erika schob eine Broschüre über den Tisch. „Du musst einfach mal hier raus, Kind. Schau dir mal diesen Prospekt an. Es geht um Bundesfreiwilligendienst. Verzieh nicht gleich das Gesicht, es ist eine gute Sache. Du könntest da was Soziales machen, was für andere Menschen tun. Vielleicht in einem Kindergarten. Das würde dich auf andere Gedanken bringen, dir neue Perspektiven aufzeigen. Denk an Jako und Lili! Sie leiden darunter, dass du aus deiner Trauer nicht mehr rausfindest.“ Frauke blätterte die Broschüre durch. Bundesfreiwilligendienst. Schon das Wort klang abstoßend. Wie kam Erika nur auf eine solche Idee?
„Jeder von uns geht mit der Trauer anders um. Jakob vergräbt sich in sein Studium, Lili sucht Ablenkung. Du, Frauke, wirst krank, wenn du dich weiter so zurückziehst. Sprichst du überhaupt noch mit irgendjemand, außer mit Leo?“
„Mit wem soll ich denn sprechen, wozu. Ich hab das ganze Gerede so satt.“
„Du musst dir eine neue Aufgabe suchen, gerade weil es dir nicht gutgeht! Willst du‘s dir nicht wenigstens mal ansehen?“ Sie deutete auf die Broschüre.
„Später schau ich vielleicht mal rein. Wollen wir jetzt zusammen einen kleinen Gang machen? Der Regen hört heute eh nicht mehr auf. Und Leo braucht seinen Auslauf.“ Die Frauen gingen in die Diele. Frauke schlüpfte in ihren knöchellangen Regenmantel und griff gewohnheitsmäßig nach der Leine. „Wie geht‘s Leo eigentlich“, fragte Erika.
„Wenn ich nicht so feige wäre, würde ich diesen gewissenlosen Züchter anzeigen. Oder noch besser: Umbringen. Und die Vereinsvorstände, Gutachter – alle, die an der Ware Hund mitverdienen, gleich mit. Skrupellose Profiteure.“ Frauke hockte sich neben Leos Korb. „Armer Kerl.“ Sie streichelte ihm über den Kopf. Der Hund streckte alle viere aus und gähnte vernehmlich. „Gassi gehen, Brüderchen, nun komm schon!“ Schwerfällig erhob der löwengelbe Labrador sich, einen Moment stand er wackelig auf den Beinen. Frauke hielt ihn am Halsband.
„Frauke, du hast so viel Groll in dir. Niko würde das nicht gefallen. Er war so stolz auf dich, als du ohne Zögern die Fürsorge für Leo übernommen hast. Aber die Welt kannst du nicht retten.“
„Es ist eine Schande, was er alles durchmachen muss. Von der OP hat er sich auch noch nicht ganz erholt. Aber Rüster sagt, es wird. Nun muss er schon wieder Antibiotika schlucken. Hätte Niko ihn operiert, dann ...“ „Sei nicht ungerecht. Sven ist ein guter Tierarzt. Wir sollten froh sein, dass Nikos Praxis in so kompetente Hände gegangen ist. Stell dir vor, du hättest keinen Nachfolger gefunden.“ Frauke zuckte mit den Schultern und kickte mit dem rechten Fuß Leos Spielzeug zur Seite. Seit langem lief er keinem Ball mehr hinterher. Sie verließen das Haus.
Vor der Tür atmete Frauke tief durch. Die Luft hatte noch immer ihren bitteren winterlichen Duft; Nebel hing über den Tälern und verhüllte die Bergspitzen. Vermutlich würde es noch einmal Schnee geben. „Wollen wir zum Wald rauf?“
„Gern“, sagte Erika, „aber ich will noch mal auf meinen Vorschlag zurückkommen. Du könntest versuchen, den Weg der Wüstenväter zu gehen, dieser Männer, die im dritten Jahrhundert nach Christus im Sinai gelebt haben.“
„Kirchenväter? Erika, du weißt, ich bin …“ „Wenn diese Männer an ihrer Bestimmung und ihrem Glauben zweifelten, zogen sie sich zurück in die Wüste und lebten eine Zeit lang als Eremiten in Askese, Gebet und Arbeit. Auf diese Weise fanden sie ihren inneren Frieden wieder.“
Frauke lachte auf. „Du meinst, ich finde im Bundesfreiwilligendienst mein inneres Gleichgewicht wieder? Ohne Niko? Erika, wie stellst du dir das vor? Du weißt, dass ich nie kirchentreu war wie du, Manfred und Niko. Und ich werde es auch nie sein, weil …“ „Das ist egal. Auch Manfred hatte sich in den letzten Jahren der Kirche entfremdet. Das hat weder Niko noch mich gestört. Askese würde dir guttun.“
„Ich hasse schon das Wort.“
„Es sind doch nur Bezeichnungen für bestimmte Inhalte. Ich gebe zu: Askese – das sagt uns heute nicht mehr viel. Aber Besinnung auf das Wesentliche, Abstand zum Lärm des Alltags, darum geht es. Das ist heilsam, für jeden. Ich stelle mir dich und Leo vor wie den Heiligen Hieronymus in seiner Klause, mit seinem Löwen und seinem Hund. Du könntest deine Trauer aufschreiben, Frauke. Sie in Erinnerungen übersetzen, Erinnerungen an dein Leben mit Niko. Das würde dir guttun. Und den Kindern auch.“
Sie gab es nur unwillig zu, aber das Bild des Heiligen Hieronymus mit seinen Tieren gefiel Frauke. „Ich lebe hier doch schon wie in einer Einsiedelei. Nachdem ich nicht mehr in der Praxis bin und Jakob und Lili aus dem Haus sind, hab ich Tag und Nacht genug Leere um mich rum.“
„Nein, Frauke, das hat nichts mit Meditation zu tun. Stille ist nicht Leere. Du hast keine Aufgabe, das ist das Problem. Geh durch deine Trauer hindurch, aber in Verbindung mit einer sinnvollen Aufgabe. Dann findest du deine Kraft wieder. Und den Weg, der für dich richtig ist.“
„Warum bist du eigentlich nicht Pastorin geworden, Erika?“
„Zu meiner Zeit war das noch undenkbar. Ich hätte gerne Theologie studiert und wäre in den Kirchendienst gegangen. Aber mein Leben war und ist auch so gut.“
„Und Nikos Tod?“
Frauke schämte sich, kaum dass ihr diese Worte herausgerutscht waren. Es dauerte eine Weile, bis die Schwiegermutter antwortete. „Es ist auch für mich nicht leicht. Aber ich verzweifle nicht. Außerdem sehen wir ihn wieder. Er hat nur früher als wir zurückgefunden ins Paradies.“
Sie erreichten den Wald und stapften schweigend hügelaufwärts. Im Unterholz hatten sich bereits erste Frühjahrsblüher durch das trockene Laub gekämpft; Scharbockskraut und Anemonen reckten ihre gelben und weißen Blüten dem Licht entgegen.
„Lass Leo los. Er ist doch noch nie weggelaufen.“
Frauke bückte sich und knipste die Hundeleine vom Halsband. „Geh spielen, Leolöwe.“
Leo setzte sich in Bewegung und schlingerte wedelnd am Wegesrand voraus, die Nase am Boden.
Frauke war in Rottbek geboren und auf dem Betrieb ihres Vaters aufgewachsen, einer Landschlachterei. „Rottbek hat seinen Namen bekommen, als einer unserer Vorväter die erste Schlachterei betrieb“, hatte ihr Vater oft gesagt. „Beim Schlachten lief das Blut in den Bach hinter dem Hof und färbte ihn rot. Rottbek – der beste Ort für unser Gewerbe! Was sollten die Leute ohne uns essen?“ Ihr Vater war stolz, die Schlachterei bereits in sechster Generation zu führen. Er hielt auf Tradition und bereitete die Wurst immer noch nach alten, handgeschriebenen Rezepten der Urgroßmutter zu. Als Erste aus der Familie Beermann hatte Frauke in Lübeck das Abitur abgelegt. Seit sie zehn Jahre alt war, hatte sie nur einen Berufswunsch gehabt, sie wollte Tierärztin werden. Während ihres Studiums an der Hochschule Hannover lernte sie Nikolaus Meyer kennen. Noch immer spürte sie das Kribbeln in ihrem Bauch, das sie überfallen hatte, wenn Niko zu spät zur Vorlesung kam, sich neben sie setzte, beim Schreiben zu ihr herüberlinste und sie anstrahlte. Einmal wandte er seinen Blick so lange nicht von ihr ab, bis er über den Rand des Collegeblockes auf der Tischplatte schrieb. Prustend stürmten sie aus dem Hörsaal. Unter der Neonbeleuchtung im Flur küssten sie sich zum ersten Mal. So lange, bis die Vorlesung zu Ende war, die Kommilitonen in den Gang strömten und sie auseinander scheuchten. Niko machte seinen Abschluss, als sie ins vierte Semester kam. Wenig später starb sein Vater an einem Herzinfarkt und er musste von heute auf morgen die Praxis übernehmen. Eine Weile sahen Frauke und er sich nur am Wochenende. Dann fragte er sie kurz vor ihrer Zwischenprüfung, ob sie ihn heiraten und ihm in der Praxis helfen wollte. Nach einigen Tagen Bedenkzeit nahm sie seinen Antrag an. Sie brach ihr Studium ab und zog zu ihm. Mühelos lebte sie sich in Waldberg ein. Mit ihrer Schwiegermutter Erika verstand sie sich auf Anhieb. Nikos Vater hatte sie nur einige Male bei Besuchen gesehen. Nach einigen Wochen sagte sie ihrem Mann, dass sie sich so wohl fühlte wie nie zuvor. Endlich hatte sie ihre eigene Familie. „Nur ein Kind fehlt noch“, alberte sie und drohte ihm mit erhobenem Zeigefinger, „nimm dir mehr Zeit für uns beide.“
Zwei Jahre später kam Jakob zur Welt, ein Jahr danach Lilian. Nach Lilis Geburt kam Niko eines Tages von einem Einsatz zurück und schenkte ihr eine Kette mit einem aus Amethyst gearbeiteten Anhänger. „Ein Engelsflügel“, sagte er und legte ihr das Schmuckstück um den Hals, „er soll dir Glück bringen. Und außerdem ist er wandelbar: Wenn dir mal alles zu viel ist mit uns, dann betrachte den Anhänger als einen Vogelflügel, mit dem du davonfliegen kannst. Aber versprich mir, dass du nicht zu weit fliegst und nicht zu lange wegbleibst.“ Dann hatte er sie geküsst und in ihr Ohr geflüstert: „Oder hast du niemals Fluchtgedanken?“
„Nein“, hatte sie geantwortet, „ich möchte nirgendwo anders sein als hier, mit dir und den Kindern.“
„Dann bleibt es eben beim Engelsflügel“, hatte er geraunt und seine Nase in ihrem Haar vergraben, „segensreichen Beistand kann jeder brauchen, auch der Glücklichste!“
Frauke genoss das turbulente Familienleben. Sie kochte, putzte, half bei den Hausaufgaben, fragte Vokabeln ab. Wann immer Zeit übrig war, arbeitete sie in Nikos Praxis mit. Sobald beide Kinder die Oberstufe erreicht hatten, entließ Niko eine Sprechstundenhilfe und Frauke assistierte regelmäßig am Behandlungstisch. Niko bot Operationen für Hunde, die an Zuchtfehlern litten, besonders günstig an. „Ich schlage aus der Not dieser Tiere keinen Profit“, sagte er. Als vor vier Jahren Leo als ein solcher Patient in ihr Leben kam, schien das Glück der Familie Meyer perfekt. Leo war chronisch krank. Die Laboruntersuchungen und Röntgenaufnahmen zeigten, wie schwer seine Ellenbogengelenke geschädigt waren. Er litt unter Ellenbogendysplasie, einer genetisch bedingten Erkrankung seiner Rasse. Darüber hinaus hatte er eine Futtermittelallergie, die lange falsch behandelt worden war. Sein Fell sah räudig aus, seine Haut war übersät von Pusteln. Der Juckreiz musste ihm Höllenqualen bereiten. Seine Besitzer, ein junges kinderloses Paar, ehrgeizige Werbegraphiker, wollten die Kosten und Mühen der Behandlung nicht auf sich nehmen und kündigten an, den Hund einschläfern zu lassen. Leo saß auf dem Behandlungstisch, sah aufmerksam in die Runde und wedelte mit dem Schwanz. Frauke zögerte keinen Moment. Nicht einmal mit Niko sprach sie sich ab. „Einschläfern kommt überhaupt nicht in Frage“, stellte sie kategorisch fest und legte ihre Hand auf Leos Schulter, „ich kümmere mich um ihn.“ Das junge Paar war einverstanden. Besser konnte ihr Hund es ja nicht treffen, als im Haushalt eines Tierarztes zu leben. Niko schüttelte nur kurz den Kopf und murmelte: „Typisch meine Frauke. Hat ein Herz so weit wie die Welt.“
Familie Meyer nahm Leo voller Freude in ihren Kreis auf, ganz besonders Jakob und Lilian. Aber Leo hatte sich vom ersten Tag an Frauke angeschlossen, als wüsste er, dass sie ihn vor einem ungewissen Schicksal bewahrt hatte.
Inzwischen hatten sie den Waldrand erreicht. „Gib mir Leo mal, ich hab ihn so lange nicht mehr geführt.“
„Gern“, sagte Frauke und reichte ihrer Schwiegermutter die Leine. Es war nicht schwer, Leo zu lotsen. Er ging zuverlässig bei Fuß. „Ich hab nur nicht so viel Lust zum Reden, Erika. Ich mache mir gerade ein paar Gedanken, in Ordnung?“
„Ja, sicher, Liebes. Aber denk auch über meinen Vorschlag nach.“
Sozialarbeit. Frauke fragte sich, ob sie einer verantwortungsvollen Tätigkeit in ihrer jetzigen Situation überhaupt gewachsen war. Seit Nikos Tod waren ihre Tage nichts als einförmige Modulationen in Moll, aneinandergereihte Strophen eines dunklen Liedes. Wie in einer Endlosschleife kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu jenem Tag vor gut eineinhalb Jahren. Jakob war bereits im zweiten Semester seines Lehramtsstudiums in Tübingen, und Lili bereitete sich auf das Abitur in wenigen Monaten vor. Frauke hatte an dem Morgen die Tür der Praxis aufgeschlossen. Wie üblich drängten die ersten Klienten mit ihren Hunden, Katzen und Meerschweinchen ins Wartezimmer. „Wieder einmal!“, hatte Frauke gestöhnt, nachdem sie den Anruf von Frau Mühlheim entgegengenommen hatte. Frau Mühlheim rief mindestens zweimal die Woche nach Niko. Ihr Pferd war uralt, ebenso wie sie selbst. Neben Nikos regelmäßiger Medikation konnte man die Arthrose des hochbetagten Wallachs nur mit Kräuterwickeln lindern. Immer wieder bot Frau Mühlheims Tochter an, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch die alte Dame bestand darauf, dass der Herr Doktor persönlich kam und nach ihrem Liebling sah. Auch an diesem Tag beorderte sie Niko einmal mehr direkt vom Frühstückstisch zu sich nach Hochdorf. Frauke rechnete damit, dass sich der Beginn der Sprechstunde um nicht viel mehr als eine halbe Stunde verschieben würde. Das Wartezimmer füllte sich zusehends. „Platz! Sitz, aber, willst du wohl!“ Unterdrücktes Knurren, eine Katze miaute kläglich in ihrem mit einer Wolldecke abgedunkelten Korb, ein schwarzer Pudel saß auf den Hinterbacken und winselte sein Herrchen an. Frauke, die gerade eine Nierenschale mit Infusionsbesteck durchs Wartezimmer trug, beugte sich herunter zu dem zitternden Tier. „Prinz, beruhige dich doch. Musst doch keine Angst haben, der Doktor will nur dein Herz abhören.“
„Sonst fürchtet er weder Tod noch Teufel“, erklärte sein Besitzer und lachte Frauke zwischen blitzenden Goldzähnen an, „aber der Herr Doktor – vor dem hat er Respekt!“
„Uns geht es nicht anders, wenn wir zum Zahnarzt müssen, oder?“ Frauke tastete in ihrer Kitteltasche nach einem Leckerli und hielt es Prinz hin. Der Hund wandte den Kopf ab. Sie gab den Keks an einen anderen Hund und setzte ihren Weg in Richtung Behandlungszimmer fort. Die Tür des Wartezimmers öffnete sich und ließ einen kalten Luftzug ein. Frauke wandte sich um und sah die Eingetretenen erstaunt an. Die Polizisten, ein Mann und eine Frau, nahmen ihre Mützen ab. „Wir möchten Frau Meyer sprechen.“
„Das bin ich.“ Frauke fühlte, wie eine eisige Klammer sich um ihr Herz legte. Im Geist scannte sie die Standorte ihrer Angehörigen ab: Jakob in Tübingen im Seminar, Lili im Chemieraum ihres Gymnasiums, in der ersten Stunde hatte sie Herrn Hohmann; Niko bei der alten Frau Mühlheim und ihrem lahmen Wallach, die Schwiegermutter in ihrem Haus auf der anderen Seite der Straße, vermutlich gerade beim Frühstück. Vielleicht war mit ihrer Mutter etwas nicht in Ordnung. Im vergangenen Winter hatte Dorothea immer wieder über Herzrhythmusstörungen geklagt.
„Wo können wir ungestört mit Ihnen sprechen?“ Sie ging voraus ins Arztzimmer.
„Jacqueline, lass uns bitte einen Moment allein.“ Während die Sprechstundenhilfe zur Tür ging, huschte ihr Blick zwischen Frauke und den Polizisten hin und her.
„Frau Meyer, Ihr Mann hatte einen schweren Unfall. Er ist auf der Bundesstraße von der regennassen Straße abgekommen.“ Die Uhr über dem Medikamentenschrank. Frauke hatte sie noch nie so laut ticken gehört.
„Und?“ Ihr Herzschlag wurde immer langsamer. Sie war nicht sicher, ob er nicht gleich aussetzen würde. Hoffentlich bemerkten die Polizisten nicht, wie das untere Lid ihres rechten Auges zitterte.
„Er wurde auf die Intensivstation des Städtischen Krankenhauses gebracht. Die Ärzte haben ihn in ein künstliches Koma versetzt. Es ist sehr ernst.“ Im oberen Stockwerk kratzte Leo an der Zwischentür. Steifbeinig und mit Schwindel im Kopf stieg Frauke die Treppe hinauf und ließ ihn frei. Er lief vor ihr ins Behandlungszimmer, beschnupperte die Polizisten und setzte sich neben ihren Stuhl.
In den folgenden Tagen und Nächten bewegte sie sich wie automatisch von ihrem Haus ins Krankenhaus und zurück, durch Nebel, Kälte und Stille. Stundenlang saßen Jakob und Lili mit ihr an Nicos Bett, oft schmiegten die beiden sich schutzsuchend an sie. Keiner von ihnen weinte im Krankenzimmer. Wenn sie nach Hause kamen, war Leo da und begrüßte sie voller Begeisterung. Immer wieder versuchte er, Jakob und Lili zum Spielen aufzufordern, sie aufzuheitern. Öfter als sonst kam er zu Frauke und legte seinen Kopf auf ihr Knie. Stupste sie an. Beobachtete sie.
Nach vier Tagen starb Niko, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Noch am Abend nach der Beisetzung fuhr Jakob nach Bochum zurück. Lili schaffte trotz allem ihr Abitur. „Das bin ich Papa schuldig“, sagte sie, wenn sie gleich nach dem Mittagessen in ihr Zimmer hinaufging, um zu lernen. Frauke schämte sich. Sie akzeptierte die Situation einfach nicht. Sie hasste den Tod, der ihr Nico genommen, ihr gewohntes Leben zerstört und sie ins Nichts gestoßen hatte. Alles Blödsinn, was der Pfarrer im Trauergottesdienst erzählt hatte: Gottes Ratschluss. Sie hasste diesen Gott, der Nicos unsinnigen Tod zugelassen hatte. Wie im Traum bewegte sie sich durch Tage und Nächte, die sich nicht voneinander unterschieden. Alle Farben waren aus ihrem Leben verschwunden. Die Kinder lebten ihr Leben weiter. Kürzlich hatte Jakob sich eine Homepage eingerichtet, auf der er seine Zeichnungen und Fotografien ausstellte. Mit einem Porträt von sich und Leo als Profilbild. Sie hatte erst davon erfahren, als Erika erzählte, welch begeisterten Kommentar sie in Jakobs Gästebuch geschrieben hatte. Wenige Tage später bekam Frauke eine Postkarte aus Aveiro: Viele liebe Grüße von der herrlich sonnigen Atlantikküste! Lili hatte bei ihrem letzten Telefonat vor zehn Tagen nichts von ihrer Reise nach Portugal gesagt. Eigentlich sollte sie froh sein, dass ihre Kinder trotz allem ein unabhängiges Leben führten. Sie hatte Jakob und Lili zur Selbständigkeit angeleitet. Ihnen früh Freiräume gelassen, sich selbst zurückgenommen. Aber jetzt war sie allein. Die Kinder fehlten ihr. Niko. Ihr gemeinsames Leben – einfach aufgelöst. Dabei gab es in den Monaten nach seinem Tod so viel zu tun. Als Erstes musste sie einen Nachfolger für die Praxis suchen. Als sie endlich Sven Rüster fand, erklärte er sich bereit, die komplette Praxiseinrichtung zu übernehmen, aber von dem Nippes hielt er nichts. Es hatte sich so viel angesammelt in den Jahren. Frauke hatte es nie übers Herz gebracht, die Geschenke der Vertreter sowie dankbarer Hunde- oder Katzenhalter wegzuwerfen. Nun raffte sie alles zusammen und warf es in einen Karton: aus Sperrholz gesägte Gänse mit blaukarierten Schleifen, Stofftiere, den möwengroßen Hundefloh aus Kunststoff. Nach der Praxisübergabe verkaufte sie das Haus und suchte sich eine kleine Wohnung. Nein, zum Grübeln hatte sie keine Zeit gehabt. Erst jetzt, nachdem alles abgewickelt war, packte die Trauer sie, hinterrücks, als habe sie all die Zeit in einer Ecke ihres Bewusstseins gelauert. Sie hatte zu nichts mehr Lust. Oft genug vergaß sie, etwas für sich einzukaufen, kochte schon lange nicht mehr. Ab und zu brachte Erika ihr eine warme Mahlzeit, die sie meist nicht einmal aufaß. Nur um Leo kümmerte sie sich wie eh und je. Vielleicht hatte Erika recht. Vielleicht sollte sie sich eine Aufgabe suchen, etwas Sinnvolles tun. Vielleicht würde sie so ihre Energie zurückgewinnen und konnte dann die Weichen für die Zukunft stellen. Vielleicht ...
Sie nahm die Hundeleine wieder in die Hand. „Erika, ich glaube, ich mache das mit diesem Bundesfreiwilligendienst. Heute Abend sehe ich mir die Broschüre an und recherchiere im Internet, was es für offene Stellen gibt. Danke für den Tipp.“ Sie legte ihren Arm um die Schulter der Schwiegermutter und drückte sie an sich. Der Regen hatte nachgelassen. Nur von den Bäumen tropfte es noch. Im Westen schimmerte die Vorfrühlingssonne blass durch das glänzende Blattwerk.
Hannes parkte den Geländewagen genau vor der Haustür. Das würde Gönna missfallen, aber er musste gleich nach dem Abendessen noch einmal los. Schließlich hatte er Frerk Petersen versprochen, ihm beim Umtreiben der Schafe behilflich zu sein. Es hatte ihn einige Überredungskunst gekostet, den kauzigen Landwirt davon zu überzeugen, dass es sowohl dem Deich als auch seinen Schafen guttat, wenn sie wenigstens einmal im Sommer die Weidefläche wechselten. Die Grasnarbe konnte sich dann erholen; und für die Schafe war es nur von Vorteil, wenn ihr Tisch einmal neu gedeckt wurde. So hatte Hannes es formuliert. Frerk hatte nur den Kopf geschüttelt und sich an die Stirn getippt. „Na, wenn du dann auch mal mit anpackst, meinetwegen.“ Wie üblich hatte Frerk die Laute, die er ohnehin so sparsam wie möglich setzte, tonlos durch seine fast geschlossenen Lippen geschoben. Heute Abend war es so weit: Schafauftrieb. Eine neue Aufgabe für Hannes, die sich unauffällig an seine vielen anderen Tätigkeiten koppelte. Über Beschäftigungsmangel konnte er sich nicht beklagen. Aber er liebte seinen Job auch nach all den Jahren noch ebenso wie am ersten Tag. Hannes packte gern an, niemand musste ihn lange bitten. Wenn er gebraucht wurde, half er. Ihm war klar, dass seine Hilfsbereitschaft der Grund war, warum er so viele Freunde hatte und mehr Einladungen bekam, als er wahrnehmen konnte. Seit sieben Jahren war er als Ranger beim Verein Grüne-Westküste-Wattenmeer in Husum angestellt und kümmerte sich verantwortlich um das Naturschutzgebiet Wietriffharder Koog.
Hannes war in Hamburg geboren und aufgewachsen, im Stadtteil Winterhude. Wenn er zurückdachte, kam es ihm so vor, als hätte er während seiner Kindheit den größten Teil seiner freien Zeit im Stadtpark verbracht. Von klein auf faszinierte ihn alles, was mit der Natur zusammenhing. Deshalb widersetzte er sich nach der mittleren Reife den Wünschen seiner Eltern nach einer weiterführenden Schulbildung und ging ins Alte Land, um dort Landschafts- und Gartenbau zu lernen. Dreizehn Jahre lang arbeitete er im Obstbau, anfangs in einem konventionellen Betrieb, die längste Zeit aber bei einem Biobauern. 1996 lernte er im Hofladen Gönna kennen, die mit ihren Eltern zu einem Sonntagsausflug ins Alte Land gefahren war. Am folgenden Sonntag stand sie wieder im Laden, diesmal allein. Nach seiner Schicht tranken sie den ersten Kaffee zusammen.
Ein halbes Jahr später zog er zu Gönna nach Hollerstedt. Er machte eine Umschulung zum geprüften Natur- und Landschaftspfleger und war auch heute noch davon überzeugt, dass er mit seiner Einstellung beim Verein Grüne-Westküste-Wattenmeer das große Los gezogen hatte. Nur die Verbindung mit Gönna hatte ihm kein Glück gebracht. Aber man konnte vielleicht nicht alles vom Leben verlangen. Gönna und er schlossen kurz nach Sinas Taufe ein Abkommen: Solange Sina klein war, würden sie sich nicht trennen. Unbedingt sollte ihre Tochter mit Vater und Mutter aufwachsen. Sie wollten sich bemühen, respektvoll miteinander umzugehen. Leider gelang ihnen das immer seltener. Manchmal war es Gönna, die stichelte, manchmal er selbst, der seine Enttäuschung nicht länger unterdrücken konnte und sie seine Frau durch bissige Bemerkungen spüren ließ. An einem Abend stocherte Gönna beim Abendessen lustlos in ihrem Gemüse herum.
„Ist irgendwas?“ Immerhin fragte er. Sie berichtete von neuen Mobbingvorfällen, von Stress mit ihrem Chef.
„Einige Kollegen nehmen sich so viel raus“, sagte sie mit unterdrücktem Schluchzen und barg das Gesicht in ihren Händen, „und selbst wenn ich mir nicht alles gefallen lasse, bin ich am Ende doch die Dumme.“ Das alles hatte er schon oft gehört. „Niemand hat dich gezwungen, Bänkerin zu werden. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass Schwiegervater das überhaupt nicht gut fand. Hättest wohl doch besser den Hof übernommen.“ Als Hannes zu seiner künftigen Frau gezogen war, hatten die Schwiegereltern und Gönna die Ländereien gerade erst verkauft. Sie lebten auf dem Resthof mit Stall und großem Garten. Hannes und sein Schwiegervater bedauerten den Verkauf des Landes oft genug abends beim Bier. Dann malten sie sich aus, was Hannes aus dem Hof gemacht hätte: einen mustergültigen Biobetrieb, Gemüseanbau, eine eigene Käserei ...
„Ich muss gleich wieder los. Gibt‘s was zu essen?“ Ohne aufzublicken nickte Gönna zum Herd hinüber. „Kartoffelgratin, ist noch warm.“ Hannes füllte sich auf und setzte sich an den Tisch. Sina hatte die Küche verlassen, es war Zeit für die Sesamstraße. „Superlecker“, sagte er kauend. „Ach, übrigens, Gönna: Wir bekommen eine neue Bundesfreiwilligendienstlerin. Für das Schutzgebiet. Anfang August kommt sie ins Alte Schöpfwerk. Frauke Meyer soll sie heißen. Na, wie das wohl wird.“
„Wie immer“, sagte Gönna gelangweilt und schob das Rätselheft zur Seite. Sie griff nach der Tageszeitung und schlug sie in der Mitte auf. Das tat sie nur, um ihn auf Abstand zu halten. Das letzte Mal, als er versucht hatte, sie abends beim Fernsehen in den Arm zu nehmen, hatte sie „lass es“ gezischt und war von ihm abgerückt. „Aber eine junge Frau da draußen? Da sind doch immer nur Männer, weil das Alte Schöpfwerk so abgeschieden liegt.“
„Jung ist sie nicht, die Frau ist in unserem Alter.“
„In den Vierzigern?“
„Genau. Witwe, hat zwei erwachsene Kinder.“
„Und dann hat sie nichts Besseres zu tun, als BFD zu machen? Na, das muss ja eine Schnepfe sein! Ich wünsch dir viel Spaß, Hannes. Vielleicht findest du ja endlich eine verwandte Seele. Eine Naturliebhaberin, die genauso begeistert durchs Schilf kriecht wie du. Immer auf der Suche nach der untergegangenen Welt der Rohrdommel.“
Er hatte es doch gewusst. Hätte er nur nichts gesagt. Es lief immer auf dasselbe hinaus: Anwürfe, Unterstellungen, Verdächtigungen. Wenn er nur in Gönnas Nähe kam, verspritzte sie schon ihr Gift. Hannes leerte einen zweiten Teller mit lauwarmem Gratin. Dann ging er hinauf zu Sina, um ihr gute Nacht zu sagen.
Als er eine halbe Stunde später aufbrach und unter der Haustür nach dem Wetter sah, hingen die graugelb geschwungenen Wolkenbänder so leicht unter dem blauen Himmel, als könnten sie sich jeden Moment losreißen und über den Horizont davonschweben. Er machte sich auf den Weg zum Norderdeich. Auch wenn er Frerk nicht besonders mochte, hoffte er doch, nach dem Umtreiben der Schafe zu einem Bier auf dem Petersen-Hof eingeladen zu werden. Die Abende in Frerks Küche endeten regelmäßig in einem Besäufnis, und das war genau das, wonach er sich heute sehnte. Irgendwie hatte die Neuigkeit von der Freiwilligen, die Anfang August ins Alte Schöpfwerk ziehen würde, ihn aus dem inneren Gleichgewicht gebracht. Und Gönnas ätzende Worte hatten ihn noch mehr aufgewühlt. Vielleicht teilte die neue Helferin ja tatsächlich sein Interesse für die Natur, den Naturschutz, für die Flora und Fauna seines geliebten Naturschutzgebietes Wietriffharder Koog. Es war sein Job, sie in ihre Aufgaben einzuweisen und zu betreuen. Das hatte er schon oft getan. Jedes Jahr kamen Freiwillige ins Alte Schöpfwerk. Aber es waren bislang immer junge Männer gewesen, die nach dem Abitur ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvierten, um Zeit für die Planung ihrer Ausbildung zu finden, praktische Erfahrung zu sammeln, Selbstbewusstsein aufzubauen. Er hatte sich immer gern um seine Schützlinge gekümmert. Die meisten von ihnen arbeiteten engagiert. Doch irgendwie waren die jungen Leute und er nie über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausgekommen: Rückfragen vor Entscheidungen, anerkennendes Schulterklopfen. Und nun eine Frau in seinem Alter. Würden sie auf Augenhöhe miteinander sprechen, Hand in Hand arbeiten? Wie sie wohl aussah? Hannes drückte die Linke gegen seinen Bauch. Dieses Kribbeln in der Magengrube hatte er lange nicht mehr gespürt. Er war doch eigentlich zufrieden mit seinem Leben.
Sie hatte diesen Landstrich ganz anders in Erinnerung. Das letzte Mal war sie vor zehn Jahren mit Niko, Erika, Jakob und Lili für drei Wochen Ferien nach St. Peter-Ording gefahren. Frauke konnte immer noch fühlen, wie der warme Sand durch ihre Finger rieselte, fast wie die Sonnentage, die sich in ebenmäßigem Strahlen aneinanderreihten: Picknick am Strand, Buddeln im Sand, Burgen bauen, die Juchzer der Kinder, wenn sie im Wasser planschten. Lili im rotweiß gepunkteten Schwimmring und Jakob, der in den flachen Wellen am Spülsaum mit seinem Plastikkrokodil rang. Jeden Abend, wenn die Schwiegermutter den Schlaf der Kleinen in der Ferienwohnung bewachte, brachen Niko und sie auf zu einer weiten Wanderung über den Strand und durch die Dünenwälder. Auf dem hölzernen Aussichtsturm beobachteten sie den Sinkflug einer Sternschnuppe. Ohne ein Wort zu sagen, zogen sie sich aus und liebten sich. Am nächsten Morgen half Niko ihr, einen Splitter aus dem linken Schulterblatt zu ziehen. Er nannte sie seine Prinzessin auf dem Splitter.
Niko und sie hatten sich für die flache Landschaft Eiderstedts begeistert: unbeschränkte Weite, ein Horizont, der sich in die Unendlichkeit wölbte. Aber so präsentierte die Gegend sich an diesem strahlenden Sommermorgen ganz und gar nicht mehr. Die Weite war zersplittert. Überall rotierten Windräder durch das Blau, in schleppenden Drehungen spulten ihre Flügel die Horizontlinie auf und verquirlten die Wolken. Die Schatten der Rotoren jagten über das Land. Wie moderne Raubritterburgen erhoben sich grüne Türme und Kuppeln von Biogasanlagen über die Marsch. Auf Ständer montierte Dächer trugen Sonnenkollektoren, die funkelnde Zwiesprache mit Außerirdischen zu halten schienen. Windturbinen, die sich endlos drehten und Strom produzierten, den niemand abnahm. Biogasanlagen, die Boden und Grundwasser belasteten. Viele Insekten, Vögel und kleine Säugetiere hatten die Knicks und Feldränder schon verlassen. Unter den riesigen Sonnenkollektoren weideten Schafe, winzig und verloren wie Relikte der Vergangenheit. Heute war die Zeit der industriellen Agrarwirtschaft mit ihren riesigen, hektarweit auf besten Ackerböden und Grünflächen aufgestellten Anlagen. Der alte Traum der Menschheit, Stroh zu Gold zu spinnen.
Frauke erinnerte sich, wie Niko und sie sich während der Fahrt durch Eiderstedt ausgelassen in mittelalterliche Vorstellungen hineinfabuliert hatten: Die Erde eine Scheibe, der Mittelpunkt des Universums. Wenn sie einfach immer weiterfuhren, würden sie über den Rand stürzen. Die Menschen hatten dieses Denken überwunden, wie so viele andere irrige Glaubenssätze. Und doch saßen sie immer neuen Irrtümern auf. Einer davon war die Maxime, sich die Natur untertan zu machen. Wie oft hatten Niko und sie dieses Thema diskutiert. Wie viel Industrialisierung ertrug die Natur? Wie weit durfte man gehen? War die Grenze nicht längst überschritten?
Niko hatte sich im Lauf seiner Tätigkeit als Tierarzt auf dem Land verändert. Anfangs hatte er unbeirrt die Positionen der Nutztierhalter vertreten: Ein bäuerlicher Betrieb musste Gewinn abwerfen, sonst funktionierte das Ganze nicht. Doch mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft hatte er seine Meinung anfangs zögerlich, später immer entschlossener und schließlich radikal geändert. „Sie haben keine Hemmungen mehr, die Erde und ihre nichtmenschlichen Bewohner auszubeuten“, klagte er, „sie quetschen alles an Profit aus den Wäldern, Äckern, Weiden und Tieren heraus, was nur möglich ist. Um jeden Preis.“
Immer öfter kam er niedergeschlagen von seinen Einsätzen in den Großraumställen des Harzer Vorlandes zurück, ließ seinen Behandlungskoffer in der Diele fallen und warf sich aufs Sofa. Dann verschränkte er die Hände hinter dem Kopf und starrte an die Decke. Frauke wusste, dass sie ihn besser in Ruhe ließ, bis er von selbst zu sprechen begann.
Eines Abends teilte er ihr mit, dass er ab sofort den Praxisbetrieb auf die Behandlung von Kleintieren umstellen würde. „Ich verordne keine einzige Antibiotikumprophylaxe mehr für eine Schweineherde!“, sagte er und knallte den Kaffeebecher auf den Tisch. „Keinen Tag länger lass ich mich zum Handlanger der Veterinärpharmaindustrie machen!“
Sie schluckte. Die Erinnerung an die Gespräche mit ihrem verstorbenen Mann bedrückte sie. Nun fuhr sie schon seit Stunden durch eine Küstenlandschaft, die sich in einigen Abschnitten in einförmiges Ödland verwandelt hatte. Nordfriesland fächerte sich vor ihr auf, immer noch weiträumig und grün, aber um viele Arten von Flora und Fauna beraubt. Eine ausgeräumte Landschaft. Am liebsten wäre sie einfach umgedreht und zurückgefahren. Neben der Straße folgte ihr ein Vogelschatten. Das Tier selbst sah sie nicht.
Worauf hatte sie sich nur eingelassen? Ärgerlich drehte sie am Regler des Autoradios. Der MDR war nicht klar zu empfangen, also lauschte sie den norddeutschen Regionalnachrichten. Alles klang fremd, die Ortsnamen ebenso wie die Nachrichten über Auseinandersetzungen zwischen Regionalpolitikern, Krabbenfischern und Umweltschützern. Nein, sie wollte sich auf diese Themen nicht einlassen. Sie hatte eine klare Vorstellung von ihrer Arbeit als Bundesfreiwilligendienstlerin. Sie würde ihre Aufgaben gewissenhaft und mit Eifer erledigen. Aber der Feierabend sollte nur ihr gehören. Sie hatte Erikas Vorschlag aufgegriffen und sich ein dickes Notizbuch gekauft, um Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Niko hineinzuschreiben. Schreibend wollte sie die glücklichen Jahre mit ihrem Mann und den Kindern noch einmal zum Leben erwecken. Hinten im Kofferraum stand ein großer Karton mit unsortierten Fotos. Sie würde sich in Husum ein oder zwei Alben besorgen und die Aufnahmen einkleben und beschriften. Nachruf auf eine sorglose Zeit. Und wenn ihr Dienst im Wietriffharder Koog abgelaufen war, wollte sie dem Naturschutzverein eine annehmbare Arbeit hinterlassen, aber auch ihr persönliches Feld gepflügt, gedüngt und frisch eingesät mit in ihren Neustart nehmen. Den Aufenthalt in diesem entlegenen Landstrich wollte sie nutzen, um endlich einen Schlussstrich unter ihre Trauer zu ziehen. Wenn sie nach Hause zurückkehrte, wollte sie wissen, was sie in Zukunft tun, wo, wie und wofür sie leben würde. Sie musste sich Klarheit verschaffen.
Beinahe hätte sie die Abfahrt nach Husum verpasst. Sie nahm den Fuß vom Gas und setzte den Blinker. Wenig später parkte sie auf einem kostenpflichtigen Parkplatz in der Husumer Altstadt und ließ Leo aus dem Kofferraum. Nachdem er eine halbe Minute an einer Hausecke geschnüffelt hatte, durchquerten sie eine enge Gasse, die zum Hafen hinunterführte, wo Frauke der Beschreibung nach das Haus des Vereins Grüne-Westküste-Wattenmeer finden würde.
Es war inzwischen zwei Uhr mittags. Sie hatte bohrenden Hunger. Sie schlenderte durch die Hafenstraße und fand schließlich einen Bäcker. Vor der Tür stand eine Schale mit Wasser. Leo trank gierig. Frauke setzte sich an einen der freien Tische unter einer Markise mit Blick auf den Hafen.
„Was kann ich Ihnen bringen?“
„Einen kleinen Salat, ein Käsebrötchen und eine Tasse Kaffee, bitte.“ Es war Ebbe. Segelyachten, ein Katamaran und ein Restaurantschiff staken schief im Schlick oder lehnten an der Kaimauer. Möwen spazierten am Grunde des Hafenbeckens umher, immer wieder flogen sie auf und kreisten über den Spaziergängern, forderten kreischend ihren Zoll an Fischbrötchen und Vanillewaffeln. Vor den Cafés und Eisdielen saßen die Menschen in kurzen Hosen und ärmellosen Tops und genossen den warmen Augustmittag. Beinahe wie zuhause, dachte Frauke, dieselben zugleich entspannten und gelangweilten Gesichter der Urlauber. Nur dass sie in Waldberg nicht am Hafen saßen, sondern im Kurpark am Fuß der Harzer Berge.
Frisch gestärkt setzte sie ihren Weg fort. Bevor sie das Vereinshaus betrat, fuhr sie sich mit den Händen durch das Haar. Hoffentlich roch sie nicht nach Schweiß. Es war im Auto viel zu warm gewesen, denn Leo bekam von der Klimaanlage Atemschwierigkeiten und seine Augen tränten. Nun nahm sie ihn an die kurze Leine und trat durch die offene Glastür ins Innere des Gebäudes.
„Frauke Meyer. Ich bin mit Frau Wilkens verabredet.“ Das junge Mädchen sah vom Bildschirm auf direkt in Fraukes Augen, drückte eine Taste ihres Telefons und meldete der Vorgesetzten ihre Ankunft. Frauke trat an einen der Schaukästen, die an den Wänden des Foyers aufgestellt waren. Ein ausgestopfter Austernfischer bewachte ein Gelege mit drei Eiern, eindrucksvoll in seinem schwarzweißen Federkleid, dem roten Schnabel und den roten Beinen. Wenig später erschien eine Frau in Fraukes Alter. Sie trug Jeans und ein grünes T-Shirt mit dem Emblem des Vereins. „Angela Wilkens. Wir sind hier alle per du. Ist doch okay für dich, oder?“ Frauke nickte. Angela bat sie mit hinauf in ihr Büro im ersten Stock. Die Geschäftsführerin des Naturschutzvereins gab ihr zwei T-Shirts, zwei Pullover und eine Drillichjacke, alles in Grün und mit dem Vereinsabzeichen versehen. Dann zog sie einen Aktenordner aus dem Regal. „So, hier ist dein Vertrag. Hund, ja …“, sie warf Leo einen Blick zu, „ist abgesprochen. Deine Arbeitszeit: sechs Stunden täglich. Obligatorische Teilnahme an den Seminaren, na ja, das weißt du doch alles schon.“ Sie klappte den Ordner wieder zu und lächelte. „Aber sag mal, hast du dir wirklich gut überlegt, auf was du dich da einlässt? Das Alte Schöpfwerk liegt total einsam, bis zum nächsten Hof ist es fast ein Kilometer! Außerdem erwartest du hoffentlich kein Sternehotel. In den letzten Jahren haben da nur junge Männer gewohnt. Die Wohnung ist … naja, nicht gerade tipptopp. Ich vermute, es geht mehr so in Richtung Raubtierkäfig.“ Sie zwinkerte Frauke zu.
„Das macht nichts.“ Frauke lehnte sich vor. „Ich freue mich darauf, in der Natur zu arbeiten.“
„Prima“, erwiderte Angela, „dann gebe ich dir jetzt mal den Schlüssel und wünsch dir eine gute Zeit. Wir haben dir ja schon geschrieben, dass dein Betreuer Hannes Persson heißt. Ich denke, er wird sich morgen bei dir vorstellen. Komm erst mal an und richte dich ein bisschen ein. Und denk dran, Frauke, dass du dir hier aus Husum Vorräte mitnimmst. Da draußen gibt es nichts, wirklich gar nichts.“ Sie tätschelte Leos Rücken und begleitete Frauke ins Untergeschoss. „Alles Gute!“, rief sie ihr nach.
Auf dem Weg stadtauswärts steuerte Frauke einen Supermarkt an und deckte sich mit Lebensmitteln und Getränken ein. Konventionelles Futter vertrug Leo schon lange nicht mehr. Sie hatte seine spezielle Diät im Wagen hinter dem Vordersitz verstaut. Wenn die Vorräte zur Neige gingen, würde sie Dr. Rüster anrufen und er würde Nachschub schicken.
Als Frauke nach ein paar Kilometern in die Hollerstedter Marsch bog, parkte sie am Rand des schmalen Weges, stieg aus und ließ ihren Blick schweifen. Wie träumend spannten die Marschwiesen sich um sie herum, einige Bereiche waren von der Sonne versengt, an schattigeren Plätzen stand das Gras auch jetzt im August noch hoch. Hier draußen war weit und breit kein Mensch zu sehen, der Ort schien weltvergessen. Sie ließ Leo aus dem Wagen. Er war erschöpft von der langen Fahrt. Lustlos trottete er hinter ihr her. Eine leichte Brise wehte ihr um die Nase, und über ihrem Kopf sang eine Lerche so hoch, dass Frauke sie nur als flatternden Punkt im Blau ausmachen konnte. Auf den Weiden lagerten Kühe und käuten wieder. Schafe grasten auf dem Deich, einige führten spätgeborene Lämmer bei sich, in ausgelassenen Sätzen sprangen sie um ihre Mütter. Frauke warf die Arme über die Schultern und streckte sich. Hier sah es friedlich aus, idyllisch. So langsam bekam sie Lust auf ihre neue Umgebung. Eigentlich sollte sie Erika dankbar sein, denn die hatte sie schließlich auf die Idee gebracht, hierher zu kommen. Die Arbeit in der Natur, die frische Seeluft und die Ruhe würden ihr sicher guttun. Gleich am nächsten Tag würde sie ans Meer gehen und schwimmen. Um sich von den ewigen Grübeleien abzulenken und sich auf ihre neue Umgebung vorzubereiten, hatte sie sich noch in Waldberg ein Buch über Nordfriesland gekauft. Darin hatte sie gelesen, dass die Hollerstedter Marsch schon im 14. und 15. Jahrhundert eingedeicht worden war. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich dann eine Hollerstedter-Commüne gegründet, ein Vorläufer des heutigen Zweckverbands. In gemeinsamer Arbeit entwässerten die Bewohner das Schwemmland. Das Alte Schöpfwerk, in dem sie wohnen würde, hatte längst ausgedient. Aber die Wasserbewirtschaftung war in diesem Gebiet unverändert wichtig. Ebenso wie früher war sie die Grundlage des Lebens an diesem Ort.
Frauke zog ihr Fernglas aus dem Rucksack und hob es an die Augen. Sie sah Häuserreihen, die wie aufgereiht auf ehemaligen Deichen oder Sandbänken lagen. Einzelne Häuser und Gehöfte standen in der Marsch, einige von ihnen auf Warften. Das Dorf Hollerstedt lag am Geestrand. Viel mehr als die Spitze des Kirchturms konnte Frauke von hier nicht sehen. Um sie herum nur Natur, Stille, Einsamkeit. Genau das hatte sie gewollt. Sie überlegte, ob sie auf den Deich klettern sollte, um einen ersten Blick in das seewärts gelegene Naturschutzgebiet zu werfen, verschob dieses Vorhaben aber auf später. Sie wollte erst einmal zu ihrer neuen Wohnung fahren. Leo brauchte Erholung. Er würde ohnehin noch eine ganze Weile seine neue Umgebung beschnuppern, bis er sich endlich auf seinem Schaffell niederlassen und zur Ruhe kommen würde.
Sie parkte direkt vor dem Eingang des Alten Schöpfwerks. Der Schlüssel klemmte, erst nach mehreren Versuchen gab das Schloss nach. Erleichtert atmete sie auf. Sie hatte schon befürchtet, noch einmal nach Husum zurückfahren zu müssen. Der Treppenaufgang zur Wohnung im oberen Stock war wenig einladend: eine abgetretene Holztreppe, und von der Wand blätterte Putz. Frauke schluckte, als sie in die winzige Diele trat. Von diesem Viereck ging es in einen Raum mit Aussicht auf den Deich, ihr zukünftiges Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer. Spinnweben hingen von der Decke, die ausgeblichene Tapete löste sich an den Kanten von der Wand. Ihre ursprüngliche Farbe hatte sich von Hellgrün in ein öliges Grau verwandelt. Sie setzte den Rucksack ab und atmete laut aus. Dann trat sie ans Fenster und fuhr mit dem Finger durch eine dicke Staubschicht. Wenn sie die Scheiben geputzt hatte, würde sie das Meer auf der anderen Seite des Deiches sehen können. Immerhin. Sie durchquerte den kleinen Mittelraum. Wollmäuse huschten vor ihren Füßen über die abgenutzten Dielenbretter. Wie sollte sie sich in diesem Kabuff hier je etwas zu Essen zubereiten? Eine Schicht aus altem Fett und Staub bedeckte das Inventar ebenso wie die Wände. Einige Becher standen in der Spüle, als hätte jemand sie abwaschen wollen, es aber dann vergessen. Frauke nahm einen auf und sah hinein. Schlieren von Tee- oder Kaffeeresten, eingetrocknete Fertigsuppe. Selbst den Wasserkocher überzog eine Art erstarrter Leim. Sie war nicht kleinlich, aber der Zustand dieser Bude entmutigte sie. Beklommen ging sie in das größere Zimmer und hob die Bettdecke. Die Matratze war durchgelegen, das Kopfkissen fast nur mehr eine schlabberige Hülle. Sicher waren die meisten Daunen längst zerfallen. Sie setzte sich auf den Stuhl vor dem Arbeitstisch am Fenster und blickte über den Deich in Richtung Naturschutzgebiet, über das Vorland und das Meer. Der Blick bot immerhin eine gewisse Entschädigung für den wenig komfortablen Zustand der Innenräume. Sie setzte sich auf und straffte den Rücken. Das Beste war, die Wohnung erst einmal gründlich sauber zu machen, bevor sie ihre Sachen heraufbrachte. Nach einer Grundreinigung würde sie es sich gemütlich machen, irgendwie. Sie entdeckte ein Paar Gummihandschuhe unter der Spüle und machte sich an die Arbeit.
Eine Stunde später sah ihr neues Zuhause schon wohnlicher aus. Sie blickte sich um.
„Und, Leo, was sagst du nun? Ist doch ganz okay hier, oder?“ Leo lag ausgestreckt auf seinem Schaffell unter dem Schreibtisch. Er schlief so tief, dass er sie nicht hörte. Im Schlaf zuckten seine Beine, als müsse er die ganze Strecke von Waldberg bis hier herauf in die Hollerstedter Marsch noch einmal auf seinen vier Pfoten nachlaufen.
Inzwischen war es sechs geworden; die Sonne stand tief über dem Deich. Frauke sortierte eben ihre Wäsche in den Schrank, als das Telefon klingelte. Sie schrak zusammen. In den letzten Stunden hatte sie bis auf das Klappern des Putzeimers und Leos Atem kein Geräusch gehört.
„Schutzstation Altes Schöpfwerk, Frauke Meyer“, sagte sie. Die ungewohnten Worte holperten schwerfällig aus ihrem Mund.
„Mama!“ Lilis Stimme klang belustigt. „Bist du gut angekommen? Wie ist es da oben auf deinem arktischen Außenposten?“
„Lili, meine Liebe! Nett, dass du anrufst. Naja, am Polarkreis bin ich ja noch nicht ganz. Hier ist herrliches Wetter, es ist ganz warm. Alles ist gut. Und wie geht‘s bei dir?“
„Ach, ganz okay. Soll dich auch von Jakob grüßen, ich hab vorhin kurz mit ihm telefoniert. Du sollst ihn mal anrufen, er will dir Neuigkeiten erzählen. Aber sag mal, Mama, ist das wirklich so ganz abgelegen, da, wo du jetzt wohnst? Nicht, dass ich mir Sorgen mache. Leo ist ja auch bei dir. Aber …“ Frauke unterbrach ihre Tochter und trat ans Fenster. Lili sollte sich nicht beunruhigen. „Mach dir keine Gedanken, Lili, der nächste Bauernhof ist in Rufweite. Und außer Seevögeln und Schwalben ist hier nichts, gar nichts. Mir geht‘s hier richtig gut. Morgen kommt mein Betreuer und weist mich in meine Arbeit ein.“ Es klingelte, und unten an der Haustür war aufgeregtes Klopfen zu hören. „Lilischatz, ich ruf dich später nochmal an, hier ist jemand. Vielleicht mein neuer Chef! Bis bald, Liebling, ciao!“ Leo stand bereits in der Tür. Erwartungsvoll sah er sich nach ihr um. „Komm mit!“, rief Frauke und eilte die Treppe hinunter. Irgendwie war sie froh, jemanden zu sehen. Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie in enger Nachbarschaft mit Menschen verbracht. Es würde vielleicht doch nicht so leicht sein, sich an die Einsamkeit zu gewöhnen. Als sie die Haustür aufriss, standen zwei junge Mädchen vor ihr. Sie hatten rote Wangen und keuchten, als hätten sie einen Tausendmeterlauf hinter sich. Wenige Schritte hinter ihnen sah Frauke zwei gegen den Deich geworfene Räder.
„Moin“, rief eine der beiden und wedelte mit den Händen vor ihrem verschwitzten Gesicht, „wir sind von der Nachbarstation Hamburger Hallig. In der Zentrale ist ein Schweinswal gemeldet worden. Hast du was gesehen?“
„Eine Lebendstrandung“, fügte die Zweite an.
„Äh … ich bin gerade erst vor zwei Stunden angekommen. Es tut mir leid, aber ich habe gar keine Ahnung. Ich war noch nicht mal oben auf dem Deich. Ein Schweinswal? Hier an der Nordseeküste?“
„Du musst mitkommen, uns suchen helfen. Wenn du dich noch nicht auskennst, fährst du am besten mit Ronja nach Norden, immer geradeaus über den Deich.“ Sie wandte sich um nach ihrer Kollegin. „Ronnie, nimm du die Neue mit! Ich übernehme heute noch mal das Schutzgebiet, sie kennt es ja noch nicht. Gibt‘s noch ein Fahrrad?“
Frauke streckte den Mädchen ihre Hand entgegen. „Ich bin übrigens Frauke, und das ist Leo.“
„Süßer Hund. Also, wir sind Charlotte und Ronja. Komm, wir dürfen keine Zeit verlieren!“
Frauke brachte Leo zurück in die Wohnung und wies ihn an, auf seinem Ruheplatz auf sie zu warten. Sie wusste, dass es ihm nichts ausmachte, in einer fremden Umgebung allein zu bleiben. Er vertraute ihr und war sicher, dass sie immer zu ihm zurückkam und für ihn sorgte. „Scheint hier ja ziemlich abenteuerlich zuzugehen, Leo“, sagte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor sie die Treppe hinuntereilte. Ronja zeigte ihr den Eingang zur Maschinenhalle auf der Rückseite des Alten Schöpfwerks. Frauke warf einen flüchtigen Blick auf die Unmengen von Gerümpel: aufgebockte Boote, Holzklötze, Taue, Seilwinden. Alles von Staub bedeckt. „Da steht das Fahrrad von deinem Vorgänger“, sagte Ronja und lachte. „Kannst von Glück reden, dass es ein Damenrad ist. Wir hatten in den ersten Tagen nur Herrenräder auf der Station.“
Während sie in nördlicher Richtung über die Deichkrone radelten, stießen immer wieder Böen vom Land her so jäh gegen Fraukes Körper, dass sie fast das Gleichgewicht verlor. Ronja hinter ihr rief: „An den Wind gewöhnst du dich noch. Der ist hier immer, überall. Egal, wohin du fährst – in Nordfriesland kommt der Wind immer von vorn.“
Von Zeit zu Zeit rief Ronja „Stopp!“, und sie hielten kurz an, um ihre Ferngläser vor die Augen zu heben und die Blicke über die Küstenlinie schweifen zu lassen. Es war Hochwasser. Der Himmel färbte sich allmählich orange und rosenfarben, und das Licht spiegelte sich schaukelnd im Wasser. Nach einiger Zeit kamen von Norden her zwei Gestalten auf sie zu. Auch sie trugen die grünen Jacken des Naturschutzvereins und hielten immer wieder an, um das Meer mit ihren Gläsern abzusuchen. Als sie auf gleicher Höhe waren, stellte Ronja die beiden jungen Männer vor. „Eine Schweinswalsichtung ist doch ein ordentlicher Einstand“, sagte einer der beiden lachend. „Nur schade, dass wir ihn nicht gesehen haben. Wir haben unseren Abschnitt komplett abgesucht. Deshalb kehren wir jetzt um und machen Feierabend. Spätestens morgen erfahren wir, ob es eine Falschmeldung war, oder ob der Schweinswal irgendwo gefunden wurde.
