Im Stadthaus der Herzogin - Benedikta zu Stolberg - E-Book

Im Stadthaus der Herzogin E-Book

Benedikta zu Stolberg

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Beschreibung

Im Frühjahr 1625 wird der Musiker John Dowland im Auftrag des englischen Königs Charles I. mit einem Geheimauftrag an den Hof der Herzogin Augusta in Husum gesandt, er soll Informationen über mögliche katholische Umtriebe in der Region beschaffen. Doch die Herzogin verfolgt eigene Pläne mit dem gut aussehenden Lautenspieler. Verfängt John sich in den Intrigen des Hofes oder schafft er es, dem Ränkespiel der Herzogin unbeschadet zu entkommen?

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Seitenzahl: 42

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Reisetag war einer der heißesten in diesem Juni, deshalb hätte er sich gern erst ein wenig frisch gemacht, bevor er der Herzogin gegenübertrat, aber dafür war es zu spät. Nachdem sein Reisebegleiter, der Friedrichstädter Organist und Musikdirektor Bendix Lorenzen und er das Gottorfer Land verlassen hatten, waren sie an der ersten Weggabelung abgestiegen und hatten die Pferde im Bach getränkt. Während sie ihr Frühstücksbrot verzehrten, verwickelten sie sich in ein langes Gespräch über Noten, Rhythmen und die Musikliebe der Gottorfer Herzöge. So war John viel zu spät in Husum eingetroffen. Dabei wusste er, dass die Herzogin, so nachsichtig sie mit den meisten Schwächen ihrer Untergegebenen war, ausgerechnet Unpünktlichkeit nicht duldete. Als er mit einem flauen Gefühl im Magen das Stadthaus betrat und Mogens von Plessen ihn stirnrunzelnd empfing und eilig die Treppe hinaufführte, versuchte John, sich innerlich gegen eine Standpauke der Hausherrin zu wappnen. Das Durchatmen fiel ihm schwer, einerseits weil er erschöpft war, andererseits weil das Haus beißend nach Farbe und Firnis roch, der Innenausbau war gerade erst vollendet worden. John betrat den Empfangssaal im oberen Stockwerk und ließ den Blick über den mit bunten Fliesen belegten Fußboden, die goldgestanzten Ledertapeten und die imposante Stuckdecke schweifen, er schritt zu dem breiten Eichentisch voran und verbeugte sich.

„Meister John Dowland, spät, sehr spät, aber immerhin nicht unter die Räuber gefallen, sondern augenscheinlich bei guter Verfassung.“ Mit dem Anflug eines Lächelns streckte Augusta ihm die Hand zum Kuss hin. John bog das Knie und senkte den Kopf, ließ seine Lippen knapp über dem funkelnden Ring an ihrem Finger schweben. „Mogens, lassen Sie meinem Gast frisches Wasser und einige französische Kringel bringen, er sieht hungrig aus.“ Sie zog die Hand zurück, wies John einen Platz an und zeigte auf die Personen, die ihr gegenüber am Tisch saßen. „Darf ich vorstellen?

Das ist die Husumer Bürgerin Anna Ovena Hoyers, neben ihr sitzt Nicolaus Teting, derzeitiger Hauptpastor in unserer schönen Kirche Sankt Marien.“ John begrüßte die beiden. Die junge Frau war sehr blass, auf ihren Wangen glänzten Tränen und sie seufzte hörbar, während sie den Gänsekiel aus der Hand legte und ihr Gesicht mit einem weißbestickten Tuch wischte. Ein großformatiges Dokument lag ausgerollt auf dem gewachsten Eichentisch, bereits mit Augustas Zeichen, den Lettern „HA“ gesiegelt. Mit geübtem Blick erkannte John, dass es sich um einen Pfandbrief handeln musste. Nun, dass Bürger ihr Hab und Gut verpfändeten, wenn sie Steuern oder ähnliche Abgaben nicht entrichten konnten, kam oft vor, aber dass ein solches Geschäft in Anwesenheit eines Pastors abgewickelt wurde, war eher ungewöhnlich. Doch es blieb keine Zeit, sich weitere Gedanken über die Hintergründe des seltsamen Geschehens zu machen.

„Meine liebe Anna, mein guter, verehrter Teting, es ist genug für heute. Wir vervollkommnen unser Werk ein anderes Mal, ich werde Sie rufen lassen.“ Beinahe liebevoll verabschiedete Augusta die bedrückte Frau, die sich jetzt mühsam zu fassen versuchte, und wies den ebenso unfroh dreinblickenden Pastor Teting mit einer Handbewegung an, das Dokument in einem Schrank zu verstauen. Nachdem die beiden die herzogliche Amtsstube verlassen hatten, trat Augusta an eins der drei niedrigen Fenster und sah auf den Marktplatz hinunter. „Da geht sie, armes Mädchen, läuft offenen Auges in die Irre“, murmelte sie kopfschüttelnd und John trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Bevor er sich eine angemessene Antwort überlegt hatte, kehrte Mogens mit einem Tablett, zwei Gläsern und einer Flasche dickflüssigen Ports sowie einer Schale voll knusprigem, weißem Gebäck zurück.

Nachdem sie die Gläser erhoben hatten, fragte Augusta: „Nun, Meister Dowland, wie gefällt Ihnen mein neues Amtshaus?

Haben Sie schon einen Blick zur Decke geworfen?“ John nickte, beugte aber pflichtbewusst noch einmal den Kopf in den Nacken und sah sich um. Die Decke war in acht Fächer aufgeteilt, jedes wurde von lebensgroßen Früchten und üppigem Blattwerk begrenzt, in der Mitte stieg ein Phönix aus Feuerflammen auf, in seinem Schnabel trug er einen wesentlich kleineren Vogel. Augenblicklich erkannte John, um welches Tier es sich handelte: Es war die Taube aus dem Gedicht von William Shakespeare „Der Phönix und die Turteltaube“. Der Dichter war ein enger Freund von Augustas Vater gewesen, dessen in Dänemark gelegenes Schloss Kronborg zu Shakespeares Hamletschloss geworden war.

Die Herzogin hatte den bedeutendsten aller englischen Poeten schon als Kind kennengelernt und die Darbietung von „Romeo und Julia“ durch die „Shakespeare Company“ auf Schloss Gottorf gesehen. An diesem großen Tag war John selbst dabei gewesen, es war eine Aufführung, wie keine andere: Außer Rand und Band belagerten die Schleswiger Bürger das Schloss Gottorf, sie versuchten sogar, Zäune und Absperrungen zu stürmen, alle wollten den großen Meister und seine Theaterkunst sehen.

„Ist diese Stuckarbeit nicht entzückend?

Erstaunlich, was der Künstler aus Lehm, Kälberhaaren und Kalk gezaubert hat, oder?

Sehen Sie, John Dowland, wie der Feuervogel aus der Asche steigt und sich mit der Geliebten vereint? Wahrheit und Schönheit,