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Neuauflage eines bewegenden Frankfurt- und Taunus-Romans über die Macht des Zufalls, unvorhergesehene Erschütterungen und den zuweilen segensreichen Einfluss von Naturgewalten
Dirk Kurbjuweit schildert in Nachbeben die schicksalhafte Verstrickung zweier Liebender und zeichnet ein literarisches Seismogramm der deutschen Neunzigerjahre. Der im Bankenmilieu angesiedelte Frankfurt- und Taunus-Roman ist zugleich eine reizvolle Parabel über unvorhersehbare Erschütterungen, die Macht des Zufalls und den zuweilen segensreichen Einfluss von Naturgewalten.
Mit diesem Buch, das sich gekonnt in der »Tektonik der Herzen« einnistet, so Peter Henning im Tagesspiegel, gelinge Dirk Kurbjuweit etwas Eigentümliches, nämlich die »deutsche Währungs- und Wissenschaftsgeschichte ebenso kurzweilig abzuhandeln wie die darin eingebettet verlaufenden Regungen seiner fünf Hauptakteure«.
Ausgewählt für »Frankfurt liest ein Buch« 2025
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2025
Dirk Kurbjuweit schildert in Nachbeben die schicksalhafte Verstrickung zweier Menschen und liefert ein literarisches Seismogramm der deutschen Neunzigerjahre. Der im Bankenmilieu angesiedelte Frankfurt- und Taunus-Roman ist zugleich eine reizvolle Parabel über unvorhersehbare Erschütterungen, die Macht des Zufalls und den zuweilen segensreichen Einfluss von Naturgewalten.
Mit diesem Buch, das sich gekonnt in der »Tektonik der Herzen« einnistet, so Peter Henning im Tagesspiegel, gelinge Dirk Kurbjuweit etwas Eigentümliches, nämlich die »deutsche Währungs- und Wissenschaftsgeschichte ebenso kurzweilig abzuhandeln wie die darin eingebettet verlaufenden Regungen seiner fünf Hauptakteure«.
Dirk Kurbjuweit, geboren 1962 in Wiesbaden, zählt zu den vielseitigsten und renommiertesten Autoren unserer Gegenwart. Als Zeit- und Spiegel-Reporter einer breiten Leserschaft bekannt, überzeugte er schon früh als Erzähler. Nach dem Debüt »Die Einsamkeit der Krokodile« (1995) wurden besonders die Novelle »Zweier ohne« (2001) und der Roman »Angst« (2013) von der Kritik gefeiert. Auch der Roman »Haarmann« (2020) und die Erzählung »Der Ausflug« (2022) sorgten für breites Presse-Echo. Etliche seiner literarischen Erfolge dienten als Vorlage für Verfilmungen, Theaterstücke und Hörspiele.
DIRK KURBJUWEIT
ROMAN
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ISBN 978-3-641-32992-1V001
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Für Jonas
Einmal in meinen vielen Jahren durfte ich erleben, wie aus einer Erdbebennacht eine Liebesnacht geworden ist, eine Liebesnacht mit Folgen. Mir bedeutet das viel, weil es mich ärgert, dass wir von den Regungen unseres Planeten allein die Zahl der Toten erinnern. Aber Erdbeben sind mehr als Heimsuchungen der Menschheit. Im besten Fall stiften sie Glück, Liebe, eine Ehe.
Es war der 22. Juni 1989, 22.54 Uhr MEZ. Ich weiß das, weil hier oben nichts verloren geht. Wir von der Dr. Albert von Reinach’schen Erdbebenwarte auf dem Kleinen Feldberg registrieren alles, wir führen ein Archiv, das vollständig ist. Es war, für deutsche Verhältnisse, ein starker Erdstoß, eine Magnitude von vier auf der Gutenberg-Richter-Skala.
Wir lagen im Nebel, auch das weiß ich noch. Selbst wenn ich mich nicht so genau erinnern würde, könnte ich mit diesem Satz kaum etwas Falsches behaupten. Wir haben hier zweihundert Nebeltage im Jahr. Die Wolken mögen uns, sie mögen den Kleinen Feldberg im Taunus, sie verweilen gern, bevor sie nach Frankfurt weiterziehen. Wir hassen sie dafür. Jeder hier oben hat seine Stunden, in denen er die Wolken hasst. Zweihundert Nebeltage sind nicht leicht auszuhalten. Man merkt sie uns an, fürchte ich. Aber warum rede ich immer noch im Plural? Ich bin allein seit ein paar Wochen, seit Konrad und Charlotte nicht mehr leben. Es ist noch stiller hier ohne die beiden. Aber keine Sorge, es geht mir gut. Ich bin glücklich auf 825 Metern über dem Meeresspiegel, trotz des Nebels, trotz der Einsamkeit. Ich weiß, dass ich nicht mehr lange allein sein werde. Bald kommt Zuwachs, ein Möbelwagen, Menschen, Stimmen. Wir werden wieder eine nette, kleine Gemeinschaft sein, eine Familie vielleicht.
Um halb elf hatte Lorenz das Licht ausgemacht, eine halbe Stunde nach seiner Mutter. Hier sind immer alle früh schlafen gegangen, außer mir. Was soll man auch tun in der Nacht? Bei uns gibt es nur den Wald und den Nebel. Man ist froh, wenn der Schlaf früh kommt und lange bleibt. Für mich hat das allerdings nie gegolten. Ich schlafe wenig. Ich verpasse es nicht gern, wenn die Erde bebt. Ich will die Ausschläge sehen, Primärwelle, Sekundärwelle, ich will die Entfernung messen, will genau beobachten, wenn sich unser Planet schüttelt. Hundertfünfzig Erdbeben der Magnitude drei und mehr gibt es weltweit jeden Tag, die allermeisten richten keinen Schaden an. Man dämonisiert Erdbeben, wie man alles dämonisiert, was sich nicht einfügt in die ewige Jagd nach dem Glück oder dem Geld, was so vielen dasselbe zu sein scheint.
Also, sie schliefen, und ich schlief nicht. Ich saß in meinem Haus, einem schönen, wenn auch verwitterten Haus aus braunrotem Holz, und schaute auf das weiße Papier, das endlos und träge vor mir abrollte. Es war still, die Erde schlief wohlverdient, ist sie doch strapaziert und geschunden wie kein anderer Planet. Soll sie ruhen. Die Pause sei ihr vergönnt, auch wenn es dann nichts zu sehen und zu messen gibt für den alten Luis, der manchmal einnickt in diesen Pausen, und das kam früher nicht vor. Ich bin ein Greis geworden.
Ich sah hinüber zum Haus des Hausmeisters, das nur zwanzig Meter entfernt steht, weshalb ich es auch in den meisten Nebelnächten sehen kann. Es braucht schon schwarze Wolken, um mir diesen Blick zu nehmen. Wie verloren ich mich dann fühle, wie abgeschnitten und allein. Gott behüte mich vor den schwarzen Wolken. Es sind meine schlimmsten Stunden. Bei leichtem Nebel, wie in jener Nacht, sehe ich das Haus gut. Es ist klein, das Dach ist tief heruntergezogen wie eine Mütze, ein Hutzelhaus, verwinkelt, eine hübsche Gaube am Dach, ein Haus für die Träume von der glücklichen Kindheit. Lorenz wohnte damals nicht mehr dort, war längst nach Frankfurt gezogen und arbeitete hoffnungsvoll für die Bundesbank, für die Stärke unserer Deutschen Mark, unserer verlorenen Mark, wie man jetzt wohl sagen muss. Letzte Nacht war Sylvester. Seit heute gibt es den Euro. Ich habe noch nicht getauscht. Hier oben brauchen wir kein Geld, und ich habe Vorräte für ein paar Wochen. Danach werde ich hinuntergehen zum ›Roten Kreuz‹, mit dem Bus nach Kronberg fahren und das neue Geld in Empfang nehmen. Wenn kein Schnee liegt. Bei Schnee gehe ich nicht mehr den Berg hinunter, dafür sind meine Knochen zu alt.
Lorenz war in jener Nacht bei uns, weil sein Vater im Krankenhaus lag und seine Mutter nicht mehr allein sein konnte, nicht allein in diesem Haus, auf diesem Berg. Ich sah die beiden beim Abendbrot sitzen, dann ging Lorenz in das Zimmer, das früher sein Kinderzimmer war, und las. Wahrscheinlich las er Akten, Berichte über die Wirtschaft, über den Geldwert, Zahlen, nicht irgendwelche Zahlen, sondern die wichtigsten, die es für uns gibt. Wir haben ja alle Angst vor der Inflation, wir Deutschen. Ich habe zweimal erlebt, wie unser Geld seinen Wert verlor. Nie wieder, heißt es nun, nie wieder. Unsere Besten gingen damals zur Bundesbank, Lorenz hatte einen Abiturschnitt von eins Komma null.
Die Erde bebte viermal, bis Lorenz das Licht ausmachte, kleine Ausschläge, weit weg. Ich saß da, dachte nicht viel. Mein Haus ist innen hübsch mit dunklem Holz verkleidet, der Fußboden ist hell bis auf ein paar schwarze Flecken. Mein Vorgänger hier, Professor Manthey, war Meteorologe und hatte versucht, Blitze einzufangen, um ihre Energie zu nutzen. Es kam mehrmals zu kleineren Bränden. Er starb in einer psychiatrischen Klinik. Manchmal glaube ich, dass der Nebel uns hier so oft besucht, weil er auf der Suche ist nach einer Tür zu unserem Kopf, unserer Seele. Mit den Jahren lernt er uns immer besser kennen und irgendwann findet er den Weg in unser Inneres.
Die Primärwelle kam um 22.54 Uhr. Ich sah die Tintennadel zittern, der Strich auf dem Papier zackte aus. Ich nahm mein Lineal und wartete. Die Zeit nach der Primärwelle ist immer die spannendste. Wann kommt die nächste Sekundärwelle? Der Zeitunterschied zeigt an, wie weit das Epizentrum entfernt ist. Fünf Sekunden, sechs Sekunden … die Nadel zitterte. Es war nahe, das wusste ich schon. Ich maß mit dem Lineal, rechnete, kam auf 170 Kilometer. Ich ermittelte die Koordinaten, ging zur Weltkarte. Südlich von Köln, genauer lässt sich der Ort so schnell nicht bestimmen. Bleibt ruhig, dachte ich, eure Häuser stehen fest, ein bisschen Gewackel, ein kleiner Schrecken in der Nacht, vielleicht hier und dort ein Riss in der Wand. Niemand muss sterben. Als ich wieder am Seismographen saß, trafen die Oberflächenwellen ein. Sie sind die langsamsten, ihr Ausschlag ist oft am größten und zeigt die Magnitude an, die Stärke des Erdbebens. Es war eine Vier, harmlos.
Drei Minuten später klingelte drüben das Telefon. Ich wusste, dass es die Polizei war. Nach einer größeren Erschütterung will die Polizei wissen, ob ein Beben registriert wurde. Denn wenn es kein Beben war, war es eine Bombe. Einmal war es eine Bombe, gezündet ganz in der Nähe, in Bad Homburg. Damals starb der Chef der Deutschen Bank, ich sah den Ausschlag auf dem Papier.
Als das Telefon klingelte, ging in Lorenz’ Zimmer das Licht an. Was für ein schöner Anblick in einer solchen Nacht, ein milchig gelber Schimmer im Nebel, in der Dunkelheit, ein Trost, gerade wir Seismologen brauchen viel Trost.
Der Tod, manchmal der massenhafte Tod, ist unleugbar eine Folge der inneren Unruhe unserer Weltkugel, wenn auch nicht oft, wirklich nicht oft. Es gab gleichwohl schreckliche Nächte für mich, Nächte, in denen ich große Ausschläge auf dem Papier sah, Beben der Stärke sieben oder acht, und ich inständig hoffte, betete, dass ich einen Ort errechnen würde, der weit entfernt lag von menschlichen Ansiedlungen. Wie bedrückt ich war, wenn ich von der Weltkarte zurücktrat und ein Epizentrum in der Türkei errechnet hatte oder in China, in der Nähe von großen Städten, inmitten einer Ansammlung von Dörfern. Auf dem Kleinen Feldberg war es auch in solchen Nächten still, aber ich hörte die Schreie der Verletzten, das Rufen und Heulen der Kinder, hörte das Schweigen der Toten. Zehntausend Tote können sehr laut schweigen, auch auf große Distanz. Niemand weiß das besser als der alte Luis. Ein gelbes Licht hätte mich trösten können, ein bisschen jedenfalls, ein kleiner Widerspruch zur tiefen Einsamkeit und Schwärze solcher Nächte. Aber meist war es dunkel auf dem Berg, und dunkel hier oben ist anders dunkel als unten, als in Kronberg, als in Frankfurt. Dunkel für uns ist Undurchdringlichkeit.
Ich sah Lorenz in die Küche gehen. Er nahm den Hörer auf, sagte wahrscheinlich »Erdbebenwarte« und seinen Namen. Er lauschte. Er sagte ein paar Worte, legte den Hörer neben das Telefon und zog den Mantel über. Dann kam er herüber zu mir. Ende zwanzig war er damals, groß, stattlich, der Haaransatz schon auf dem Rückzug. Ich empfing ihn an der Tür, bat ihn herein, aber er wollte nur schnell wissen, ob es im Kölner Raum ein Erdbeben gegeben habe. Ich sagte ihm, was mir der Seismograph gemeldet hatte. Er ging wieder nach drüben, nahm den Hörer auf, sprach hinein. Dann legte er auf. Er ließ Leitungswasser in ein Glas laufen, stand an die Spüle gelehnt, trank und wartete. Kurz darauf kam der nächste Anruf. Viele Leute rufen nach einem Beben bei der Auskunft an und fragen, ob es irgendeine Nummer für einen solchen Fall gebe. Dann landen sie bei uns auf dem Kleinen Feldberg. Sie wollen wissen, ob noch mehr Beben kommen, ob sie sich schützen können, ob sie im Haus bleiben oder im Freien warten sollen. Wir beruhigen sie. Wenn es ihnen ein besseres Gefühl gibt, sollen sie nach draußen gehen, aber notwendig ist es nicht. Ihr Leben ist nicht in Gefahr. Dies ist Deutschland, nicht Anatolien, wir hier am westlichen Rand der eurasischen Platte leben auf vergleichsweise festen Gesteinsformationen, nicht auf einer Verwerfung.
Ich sah Lorenz viele Anrufe entgegennehmen. Dann führte er ein Gespräch, das länger dauerte.
*
Er war müde. Er trank ein Glas Wasser. Das Telefon klingelte erneut. Alles Angsthasen, dachte er.
»Kühnholz.«
»Hallo, ist dort die Erdbebenwarte?« Die Stimme einer jungen Frau.
»Ja, hier ist die Erdbebenwarte.«
»Das Haus hat gewackelt, ganz schlimm, ich bin im achten Stock. Ich weiß nicht …«
»Wo sind Sie?«
»In meiner Wohnung.«
»Ich meine, in welcher Stadt?«
»Köln.«
»Ihnen kann nichts passieren. Es war ein Beben der Stärke vier. Die Häuser halten das aus. Legen Sie sich schlafen. Sie sind in Sicherheit.«
»Ich weiß nicht, ich mache mir Sorgen, das Geschirr ist kaputt, so schlimm war es noch nie.«
»Sind Sie allein?«
»Ja, mein Mann ist … er ist nicht da.«
»Gehen Sie schlafen, es ist alles …«
»O Gott, es geht wieder los, Hilfe, das Haus stürzt ein, Gott, es kippt, nein …!«
»Das Haus kippt nicht, es passiert Ihnen nichts, bleiben Sie ruhig.«
Schweigen.
»Hören Sie, es ist nur ein Nachbeben, es ist gleich vorbei …«
»Helfen Sie mir, bitte.«
»Es gibt immer Nachbeben, sie sind schwächer als das erste Beben, es ist ganz normal, Ihr Haus hält das aus, wirklich, vertrauen Sie mir. Hallo?«
Er lauschte.
»Hallo? Sind Sie noch da?«
Er lauschte wieder.
»Sie müssen nicht weinen. Es ist alles gut. Vielleicht kommt noch ein Nachbeben, aber es wird sehr schwach sein.«
Er hörte, wie sie sich eine Zigarette anzündete und rauchte, tiefe Züge.
»Die Giraffe ist kaputt.«
»Bitte?«
»Der Hals ist abgebrochen.«
»Was für eine Giraffe?«
»Ich habe eine Giraffe, habe ich mir aus Afrika mitgebracht, über zwei Meter hoch, ganz schmal, aus dunklem Holz. Sie hat einen kleinen Kopf, aber sehr große Ohren. Sie ist eben umgefallen, der Hals ist gebrochen. Es sieht so traurig aus, wie sie da liegt.«
»Kann man das nicht kleben?«
»Weiß nicht.«
»Kann man bestimmt.«
»Ich habe gar keinen Mann.«
Er schwieg.
»Ich rauche auch nicht. Es sind seine Zigaretten.«
»Wessen Zigaretten?«
»Von meinem Mann. Er hat sie hier gelassen. Seit vier Monaten ist er weg. Die Giraffe habe ich mir aus Sambia mitgebracht, ganz billig. Die verkaufen sie am Straßenrand. Erst dachte ich, dass ich sie nicht ins Flugzeug kriege, war aber kein Problem. Tut mir leid, dass ich die Nerven verloren habe, Sie müssen ja denken …«
»Schon gut. Im achten Stock fühlt es sich bestimmt schlimm an.«
»Aber der Ausblick ist schön. Ganz Köln, der Rhein, der Dom. Was trinken Sie da?«
»Wasser, ich trinke Wasser. Ich hatte schon geschlafen.«
»Ich auch.« Sie lachte leise.
»Wenn Sie mich jetzt sehen könnten …«
»Was? Was wäre dann?«
»Na ja, ich war schon im Bett.«
Sie schwiegen.
»Und Sie, Sie sind für Erdbeben zuständig?«
»Ich bin bei der Bundesbank …«
»Ach, die kümmert sich auch um Erdbeben?«
»Irgendwie schon, ja, Sie haben recht.«
Sie lachten. Er trank, sie rauchte.
»Soll ich Ihnen meinen Ausblick beschreiben? Also, hier vorne ist der Rhein, und da spiegeln sich die Lichter drin, und da ist die Deutzer Brücke, die ist aber nicht schön, die Eisenbahnbrücke ist schön, so schön gebogen, aus Eisen, so von früher, wissen Sie. Und dann der Dom, ich mag den Dom, ich dachte immer, dass er da ist, um mich zu beschützen, nicht, weil ich katholisch wäre oder so, sondern weil es der Dom ist und … ich habe immer noch Angst.«
»Es ist alles in Ordnung, erzählen Sie weiter.«
»Ich …« Sie kicherte. »… komisch, ich habe ein rostrotes Nachthemd an, aus Seide, und dazu ein Höschen, aber es ist grün, grün passt gar nicht zu rostrot.«
Schweigen.
»Warum hab ich das jetzt gesagt? Hören Sie, es tut mir leid, ich wollte das nicht, wissen Sie, ich habe solche Angst, aber ich weiß nicht, warum ich Ihnen das gesagt habe, ich bin nicht so, ich leg jetzt auf, ich leg auf, tschüs …«
»Grüne Wäsche tragen vor allem teure Frauen, habe ich gehört.«
»Stimmt bei mir nicht. Ich trage grüne Höschen, weil … nein, ich leg jetzt auf.«
»Nein, halt, legen Sie nicht auf. Sie sind durcheinander, das ist ganz normal nach einem Erdbeben, alle sind dann durcheinander … Soll ich Ihnen meine Mutter geben?«
»Ihre Mutter? Sie sind ja süß. Warum sollte ich mit Ihrer Mutter reden?«
Schweigen.
»Ich habe Boxershorts an, rote und weiße Streifen, ein Unterhemd von meinem Vater, gerippt, zwei Löcher unter den Armen. Ich hatte nichts dabei, und es ist kühl heute Nacht, es ist oft kühl hier oben, auch im Sommer.«
»Wo oben?«
»Auf dem Kleinen Feldberg, da ist die Erdbebenwarte.«
»Ich glaube, es geht wieder los.«
»Es wird ganz schwach sein, glauben Sie mir, es wird immer schwächer. Erzählen Sie mir von sich.«
»Ich heiße Selma.«
»Lorenz.«
»Es wackelt ein bisschen.«
»Was machen Sie, was machst du so?«
»Ich bin Kinderärztin, in einem Krankenhaus, ich habe gerade erst angefangen, vor einer Woche. Es ist anstrengend, aber die Kinder sind lieb, und es ist schön, wenn man ihnen helfen kann … o Gott, was erzähle ich hier für einen Mist?«
»Ich höre dir gerne zu.«
»Wird es noch ein Nachbeben geben?«
»Kann schon sein, aber es wird nicht schlimm.«
»Die Vorstellung, dass dieser Turm einstürzt, ist so schrecklich, ich meine, er wird mich unter sich begraben, aber wahrscheinlich bin ich schon tot, wenn ich unten ankomme.«
»Der Turm stürzt nicht ein.«
»Warum kümmert sich die Bundesbank um Erdbeben?«
»Mein Vater ist der Hausmeister dieser Erdbebenwarte. Ich bin hier, weil er im Krankenhaus ist, und meine Mutter ist nicht gern allein.«
»Niemand ist gern allein. Was hat dein Vater?«
»Irgendwas am Herzen.«
»Das klingt ja nicht nach Mitgefühl.«
»Es ist schwierig mit ihm, er ist schwierig. Aber …«
»Was?«
»Weiß nicht. Ich stelle mir vor, dass du langes dunkles Haar hast.«
»Ich habe kurzes dunkles Haar. Und du?«
»Kurzes braunes Haar.«
»Kommt noch ein Nachbeben?«
»Vielleicht.«
»Das hier ist Köln, nicht die Türkei oder China. Warum muss es hier Erdbeben geben?«
»Die afrikanische Platte gleitet nach Norden und schiebt Italien gegen die eurasische Platte. Das sorgt für Druck- und Zugspannungen in der Erdkruste. Im Rheinland kommt es deshalb zu Beben, weil der Boden …«
Sie pfiff leise durch die Zähne.
»Warum weiß jemand von der Bundesbank solche Sachen?«
»Drüben im Blockhaus lebt der alte Luis, der ist Seismologe und hat mir alles erklärt. Die Erdkruste ist eigentlich aus Granit, aber in der …«
»Du hast eine schöne Stimme.«
»Du auch.«
»Ich geh hier weg, ich hau ab. Ich will nie wieder in diesem Turm sein, scheiß Idee, hier einzuziehen, scheiß Ausblick, scheiß Köln, scheiß Dom, scheiß afrikanische Platte, scheiß lockerer Boden, scheiß Erdbeben. Kann ich den Aufzug nehmen, oder ist das zu gefährlich?«
»Bleib, wo du bist. Ich bin in anderthalb Stunden bei dir.«
»Was?«
»Wenn ich jetzt losfahre, kann ich in anderthalb Stunden bei dir sein.«
Schweigen.
»Ich fahr jetzt los.«
»Es ist gleich beim Dom, der erste Turm, achter Stock, Schneider.«
»Bis gleich.«
»Bis gleich. Halt, du willst wirklich fahren?«
»Ja.«
Er legte auf. Er ging in sein Zimmer, zog seine Sachen an, Anzug, Krawatte. Er schaute in den Spiegel, nahm die Krawatte wieder ab. Leise verließ er das Haus und ging hinüber zu Luis.
»Ich muss noch mal weg. Kannst du rüberkommen? Es rufen bestimmt noch Leute an, und ich will nicht, dass Mutter allein ist, falls sie aufwacht.«
*
Ich ging rüber, natürlich ging ich, obwohl es mir nicht ganz leicht fiel, meinen Seismographen allein zu lassen. Man weiß ja nie, wann ein Erdbeben kommt. Leider können wir Erdbeben nicht vorhersagen.
Es fällt mir nicht leicht, das einzuräumen. Es ist so bitter, so schwer zu ertragen. Aber ich will nicht klagen. Mein Leben war erfüllt, ein schönes Leben, ich durfte tun, was ich tun wollte. Ich wollte mich mit Erdbeben befassen, das habe ich getan. Aber die Erde, ich muss es so sagen, hat sich mir widersetzt, hat mir verwehrt, was ich ihr seit sechzig Jahren abringen will: einen zuverlässigen Blick auf ihr künftiges Treiben. Als ich, ein junger Geophysiker von gut zwanzig Jahren, 1940 damit anfing, Erdbeben zu erforschen, war mir, war meiner Zunft vollkommen klar, dass wir den Durchbruch erleben würden, dass unsere Generation eine verlässliche Erdbebenvorhersage etablieren kann. Es war nur die Frage, wer von uns den entscheidenden Beitrag leisten und sich damit unsterblich machen würde. Ein Nobelpreis, der eigene Name vor einer Skala, einem Wahrscheinlichkeits-Koeffizienten, etwas in der Art. Ich hatte Hoffnungen. Ich, Luis Sommerfeldt, wollte Menschenleben retten.
Gestern wurde an der San-Andreas-Verwerfung ein Sommerfeldt-Koeffizient von 14,2 gemessen. Damit ist innerhalb der nächsten 48 Stunden mit einem schweren Erdbeben im Raum San Francisco zu rechnen.
Millionen Menschen verlassen ihre Häuser, fahren aufs Land. Die Erde bebt, und alle überleben. So sahen in jungen Jahren meine Träume aus. Verweht. Wir Seismologen müssen uns vorhalten lassen, dass wir in den vergangenen sechzig Jahren in der entscheidenden Frage keinen Fortschritt gemacht haben. Dabei sah es zwischendurch so aus, vor allem im Jahr 1973, als würden wir es schaffen, aber wir wurden enttäuscht. Die Erde erwies sich auf diesem Gebiet als widerspenstig, als undurchschaubar. Welche Fortschritte hat es in sechzig Jahren in anderen Disziplinen der Wissenschaft gegeben! Der Gencode ist entschlüsselt, Tuberkulose heilbar, ein Telefon so groß wie eine Zigarettenschachtel. Nicht, dass wir nichts geleistet hätten. Wir kennen das Innere der Erde sehr gut, auch dank, ich darf es wohl sagen, bescheidener Beiträge von mir. Aber das, was die Menschheit wirklich von uns wissen will, können wir nicht sagen: Wann, wo und in welcher Stärke wird die Erde als Nächstes beben? Der nächste Ausschlag auf dem Seismographen ist noch immer eine Überraschung, genau wie vor sechzig Jahren. Damals wurde das Papier mit einer Petroleumlampe berußt, und eine Nadel kratzte die Amplituden in die schwarze Rußschicht. Es roch immer ein bisschen verbrannt. Jetzt habe ich einen schönen Tintenstrahldrucker. Ich könnte auch vor einem Bildschirm sitzen, die Daten werden digitalisiert. Aber der Drucker und das Endlospapier gefallen mir besser. Ich bin ein wenig altmodisch, was man mit 82 ja wohl sein darf.
Ich ging also hinüber, nachdem mich Lorenz gebeten hatte, konnte ihm eine solche Bitte nicht ausschlagen, und saß bis zum Morgengrauen in der Küche, während Charlotte oben schlief und nicht wusste, wer über sie wachte. Zehn, elf Leute riefen noch an, und ich habe sie alle beruhigen können, auch die junge Dame, die etwas erstaunt schien, meine Stimme zu hören. Eine Frau Schneider, die mich fragte, wo der Herr Kühnholz hin sei. Unterwegs, sagte ich, mit mir unbekanntem Ziel. Das schien sie zu freuen, aber dann fragte sie, ob mit weiteren Nachbeben zu rechnen sei und welche Gefahr sie bedeuteten, zumal im achten Stock. Sie hatte eine junge, schöne Stimme. Ich ahnte da schon, wohin mein Freund unterwegs war, und ich habe zurückhaltend geantwortet, nicht gerade Panik geschürt, das nicht, das verbietet sich, aber ich blieb undeutlich an manchen Punkten, sodass der Spannung und Freude, mit der Lorenz erwartet wurde, nichts genommen war. Es sind ja oft diese kleinen, versteckten Freundschaftsdienste die wertvollsten.
*
Er hatte einen 3er BMW, er fuhr zweihundert. Die rechtsrheinische Autobahn war leer, leichter Regen, eine CD von Cole Porter. Er dachte nicht viel nach. Bei der Ausfahrt Neuwied trat er plötzlich auf die Bremse, scherte aus, verließ die Autobahn, überquerte die Brücke und fuhr auf der anderen Seite zurück. Bei der nächsten Ausfahrt fuhr er wieder runter und setzte seinen Weg Richtung Köln fort. Er legte eine neue CD ein. Wenn sie zu Ende ist, bin ich da, dachte er. Und dann? Er wusste es nicht. Er dachte an das rostrote Nachthemd und das grüne Höschen. Er musterte sein Gesicht im Rückspiegel, schmal, kantig, ganz hübsch. Der BMW fuhr zweihundertzehn.
Er dachte an den Präsidenten, er mochte ihn. Er war seit einem halben Jahr sein Referent, ein Traumjob. Gestern war er mit ihm auf der Konferenz der europäischen Zentralbanker gewesen. Sie tagten im Gästehaus auf dem Gelände der Bundesbank. In den Pausen war er beim Präsidenten, schon am Abend, als sie im Kaminzimmer aßen. Alle trugen dunkle Anzüge, nur der Präsident eine helle Hose, ein Polohemd und Schuhe ohne Socken. Es war sehr warm, der Präsident war gebräunt wie immer. Er war der Mittelpunkt, fröhlich, dabei würdevoll. Er klopfte den anderen auf die Schultern, er führte das Gespräch. Die anderen lauschten. Lorenz sah ihren Respekt. Er beobachtete vor allem den Franzosen, der auch ein Mittelpunkt sein wollte, den das aber große Mühe kostete. Er musste das Gespräch suchen, ihm wurde nicht viel Zeit gewährt. Alle strebten zum Präsidenten. Den Franzosen ärgerte das. Lorenz war stolz auf diesen Präsidenten. Fast alle hier übernahmen die Zinsbeschlüsse der Bundesbank binnen einer halben Stunde, sie hatten gar keine andere Wahl. Wenn sie versuchten, sich zu widersetzen, wie zuletzt die Franzosen, ging es ihrer Währung schlecht. Sie mussten abwerten, das war peinlich. Einmal zwinkerte der Präsident Lorenz zu. Er hatte einen Witz erzählt, und die Männer, die um ihn herumstanden, lachten laut. Der Franzose nippte am Champagner, der Präsident lächelte. Zwischen dem Hosensaum und den Slippern sah man ein bisschen von seiner braunen Haut. Lorenz brachte ihm die Mappe mit den Notizen für die kleine Ansprache, die er nach dem Dinner halten wollte. Die anderen würden nicht begeistert sein. Die Bundesbank setzte ihre strenge Zinspolitik fort.
In Köln parkte er am Rheinufer. Er sah an dem Hochhaus hinauf, hässlich, siebziger Jahre. Im achten Stock brannte Licht. Fast überall brannte Licht. Es war halb zwei, ein Mittwoch. Die Angst hält die Leute wach, dachte er. Sollte er den Aufzug nehmen oder die Treppe? Es würde, wie er wusste, kein schlimmes Nachbeben geben.
Ganze Tage hatte er mit Luis vor dem Seismographen verbracht, auf das Zittern der Nadel gewartet, das Auszacken der schwarzen Linie, und Luis hatte erzählt und erzählt, vom Innenleben der Erde und von den großen Erdbeben, und immer endeten die Geschichten damit, dass eine getigerte Katze wundersam gerettet, ein Kind unerwartet nach vielen Tagen geborgen wurde. Für Lorenz waren Erdbeben lange Zeit Ereignisse, die der Vorbereitung eines großen Glücks dienten, und deshalb saß er voller Hoffnung auf Luis’ Schoß und sehnte das Zittern der Tintennadel herbei, während sein großer Freund mit seiner schönen, tiefen Stimme von tektonischen Verschiebungen erzählte, von brodelnden Vulkanen und riesigen Gräben, in denen Drachen wohnten. Was unterirdisch geschah, hatte sehr viel mit den Drachen zu tun, die dort unten rumorten und stritten und Feuer spien, wenn sie zornig waren. Es gab die guten und die bösen Drachen, und am Ende, nach titanischen Kämpfen, waren alle miteinander versöhnt, und die Erde lag still und beruhigt im Licht des Mondes.
Er brauchte eine Weile, bis er Selmas Namen an der Klingel gefunden hatte. Sie meldete sich nicht, drückte nur den Knopf des Türöffners. Er nahm die Treppe. Auch wenn das Nachbeben schwach war, würde es vielleicht reichen, den Aufzug zu blockieren. Bis zum fünften Stock ging es mühelos, danach quälte er sich, keuchte und schwitzte. Zwischen dem sechsten und siebten Stock kam ihm eine Frau entgegen. Sie erschraken beide. Er sah, dass sie verweinte Augen hatte. Es war eng im Treppenhaus, sie waren sich kurz uneins, wer auf welcher Seite passieren würde, dann ging er links und sie rechts. Konnte das Selma gewesen sein? Zu alt vielleicht, aber das Licht hier drin war nicht gut. Im siebten Stock machte er eine Pause, stützte sich auf das Geländer, rang nach Atem. Seine Knie waren weich. Aus seinen Haaren tropfte Schweiß auf den Boden. Er betrachtete den Fall der Tropfen, sah sie aufschlagen und zu kleinen Pfützen werden.
Im achten Stock setzte er sich auf die Treppe, nass und erschöpft. Er konnte Selma so nicht gegenübertreten. Was für ein Wahnsinn, diese Fahrt gemacht zu haben. Er kannte diese Frau nicht, er musste morgen arbeiten, der Präsident brauchte ihn, um die nächste Sitzung des Zentralbankrats vorzubereiten, ein neuer Zinsbeschluss. Und er saß hier nachts in Köln im achten Stock und roch nach Schweiß. Er hörte den Aufzug rauschen, halten, die Tür fuhr zurück. Er hörte Schritte, ein Mensch, ein Hund. Eine Tür wurde aufgeschlossen, geöffnet, geschlossen. Stille. Er verschränkte seine Arme über den Knien, legte den Kopf darauf. Steh auf und hau ab, dachte er, fahr los. Er blieb sitzen.
Zuerst spürte er es in den Füßen, ein leichtes Vibrieren, dann im Hintern. Es wurde stärker. Er sah das Geländer zittern, hörte gedämpft den Schrei einer Frau. Er sprang auf, lief den Flur hinunter.
»Selma!« Er schrie. »Selma! Ich bin da. Hab keine Angst. Es ist alles gut.«
Eine Tür am Ende des Flurs sprang auf. Er stürmte hin und schlang seine Arme um die Frau, die dort stand. Er hielt sie fest, flüsterte. »Es ist nicht schlimm, es ist gleich vorbei, die Drachen sind immer nur ein bisschen wütend.«
Sie zitterte, vielleicht war es auch das Haus. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter, er presste sie eng an sich. Seine Augen waren geschlossen. In diesem Moment wusste er, dass er diese Frau lieben würde. Er würde sie heiraten, Kinder haben, viele Kinder. Er wusste jetzt, warum er diesen Vater hatte, warum er seine Kindheit und Jugend im Nebel zubringen musste. Es erhielt einen Sinn durch die Frau, die er umarmte. Er lächelte. Das Nachbeben hatte aufgehört, kein Zittern mehr. Er würde jetzt seine Augen öffnen und die Frau, die er heiraten wollte, zum ersten Mal sehen. Er ließ die Augen noch zu. Er spürte Selmas Herzschlag, spitz, schnell. Er öffnete die Augen, sah einen kurzen Flur und hinter der Tür ein großes Zimmer, ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle, Einbauschränke, Halogenstrahler. In einer Ecke stand eine Giraffe ohne Kopf. Sie war groß, schmal, kleiner runder Körper, lange Beine, langer Hals. Der Kopf mit einem kurzen Stück Hals lag auf dem Tisch. Über dem Bett hing ein Gemälde, das ein Reh zeigte und dahinter eine Gruppe von Menschen. Es wird auch über unserem Bett hängen, dachte er.
Er wollte jetzt wissen, wie seine zukünftige Frau aussah, senkte den Blick und sah auf dunkles Haar. Sie war mittelgroß, schlank. Sie löste sich aus seiner Umklammerung, trat einen halben Schritt zurück, strich sich verlegen durchs Haar. Er sah ihre Überraschung. Oder war es Enttäuschung? Sie drehte sich um, ging voraus in die Wohnung.
»Hattest du eine gute Fahrt?«
»Ja.«
Im Wohnzimmer bot sie ihm mit einer Geste einen Sessel an. Er setzte sich.
»Ich mach uns einen Kaffee.«
Sie ging hinaus. Er nahm den Giraffenkopf, der auf dem Tisch lag, streichelte über die großen Ohren. Sie blieb lange weg, so lange, dass er daran dachte, wieder zu fahren. Als er aufstehen wollte, hörte er eine Espressokanne pfeifen. Dann kam sie mit einem Tablett.
»Meine arme Giraffe«, sagte sie. »Ich habe sie bei den Viktoriafällen gekauft, nach unserer Raftingtour. Drei Tage waren wir unterwegs, und es war wunderschön, aber ich hatte viel Angst.«
Sie goss Kaffee in die Tassen.
»Wir hatten vorher extra gefragt, ob es dort Krokodile gibt, und die haben gesagt, nein, gibt es nicht, unterhalb der Fälle sei die Strömung vom Sambesi zu stark, dort lebten keine Fische, und wenn es keine Fische gibt, gibt es auch keine Krokodile. Da waren wir beruhigt, weil das so logisch klang, und sind dann los in diesen Schlauchbooten, und weißt du, was am meisten Spaß gemacht hat? In den Stromschnellen so lange kippeln, bis das Boot kentert, und dann lagen wir im Wasser, und es war so herrlich, sich von den Stromschnellen treiben zu lassen, wir hatten ja Schwimmwesten an. Die Arme ausbreiten und treiben lassen und in den Himmel gucken. Und wenn das Wasser ruhiger wurde, wieder rein ins Boot und weiter, bis zur nächsten Stromschnelle. Red ich zu viel?«
»Nein.«
»Aber am zweiten Tag biegen wir um eine Ecke, und da war so ein Felsvorsprung, und weißt du, was dort in der Sonne lag? Ein Krokodil, ein so gigantisches, gemeines Krokodil, das kannst du dir nicht vorstellen, vier, fünf Meter lang, und als es uns gesehen hat, ist es sofort ins Wasser getaucht. Du hättest sehen müssen, wie schnell das ging, es war ein einziges unglaubliches Zucken von diesem riesigen Körper, und schon war das Biest im Wasser, und da wusstest du, was die für eine Kraft haben, nur Muskeln. Und Zähne natürlich.«
Er hatte sie am Anfang nicht schön gefunden, dann sehr, und jetzt wusste er es nicht genau. Es spielte keine Rolle. Er würde ein ganzes Leben lang auf die Momente warten, in denen er sie schön finden würde, kein Problem. Er nahm den Wechsel der Empfindungen als Zeichen einer großen Liebe. Die Frauen, die ihm gleichgültig gewesen waren, hatten für ihn immer gleich ausgesehen, immer gleich hübsch, gleich hässlich. Die beiden Frauen, die er geliebt hatte, sahen ständig anders aus, jedenfalls nach den ersten Wochen. Selma sah für ihn in der ersten halben Stunde ständig anders aus.
Sie hatte eine runde Stirn und einen hohen Haaransatz. Ihre Haare waren nach hinten gekämmt, wurden von einer schwarzen Spange zusammengehalten, darunter ein kleiner Zopf. In ihrem Gesicht lag ein Zug von Strenge, die ihm, dachte er, nichts durchgehen lassen würde, aber manchmal, wenn sie lächelte, sah er einen bockigen Willen zur Weichheit. Ihre Augen waren wie liegende Tropfen, rund an der Nasenwurzel und schmal an den Seiten. Braune Augen, er hatte noch nie eine Frau mit braunen Augen gehabt, lange Wimpern, schmale, stark gebogene Augenbrauen. Ihr Kinn war ein bisschen zu spitz, trat ein bisschen zu kräftig hervor, jedenfalls, wenn man sie im Profil sah, und er wusste sofort, dass daraus ein lebenslanger Vorwurf an sie werden würde. Es würden die Augen sein, die ihn retteten, vor allem die schmalen Enden, aus denen eigentlich die Strenge kam, aber er freute sich auf die Momente, wenn er ihre Liebe auch dort entdecken würde. Wahrscheinlich war sie einer der Menschen, bei denen einem irgendwann auffällt, dass die beiden Gesichtshälften nicht identisch sind, und es könnte ein schönes Spiel werden, sie mal mehr links und mal mehr rechts zu lieben. Er liebte sie jetzt schon sehr, mehr als jede andere zuvor. Sie hielten die heißen Tassen in den Händen, lächelten sich kurz über den Rand hinweg zu.
»Der Spaß war natürlich sofort vorbei. Niemand hat mehr sein Boot gekentert. Es hat auch keiner mehr gelacht oder gesprochen. Wir haben alle nur daran gedacht, dass wir gestern den halben Tag im Wasser waren und unter uns diese Ungeheuer. Wir stellten uns unseren Tod vor, und was für ein schrecklicher Tod das war, zerfleischt und verdaut von einem Krokodil. Weißt du, was ich da gelernt habe? Wenn man sich seinen Tod vorstellt, ist man ihn halb gestorben. Wir saßen als Halbtote in diesen lächerlichen Schlauchbooten, an deren Gummihaut ein Krokodilszahn doch nur einmal kurz ritzen muss, und die ganze Luft ist raus, und wir wären im Wasser gelegen, als Krokodilsfutter. Du hättest uns sehen sollen die letzten anderthalb Tage von dieser verdammten Raftingtour, still und steif saßen wir in unseren Booten, mit orangefarbenen Schwimmwesten um den Leib. Ich dachte, wir sind auf unserer eigenen Beerdigungsfahrt. Verstehst du jetzt meine Panik von eben? Ich bin gestorben, ich bin unter diesem Haus begraben worden. In meinem Kopf ist das alles passiert, verstehst du? Weißt du jetzt, was los ist? Du sitzt hier mit einer Halbtoten.«
Ich werde dich heiraten, dachte er, und du weißt es noch nicht.
Er erzählte ihr von der Bundesbank, der Geldpolitik. Er redete und redete. Um vier Uhr morgens hatte er ein Blatt vor sich und zeichnete Kurven. Er wollte ihr sagen, dass er sie liebte. Aber er fand den Mut nicht. Selmas Arme lagen verschränkt auf dem Tisch, darauf war ihr Kopf gebettet.
»Langweile ich dich?« Er hatte sie schon zweimal gefragt.
»Ich hör dir gerne zu.«
Er begann wieder zu zeichnen. »Die Kurve hier, das ist die Liquiditätspräferenz, die sinkt von links oben nach rechts unten. Die Senkrechte ist die Geldangebotskurve und da, wo sie sich schneiden, liegt der Gleichgewichtszinssatz P. Natürlich nur in der Keynes’schen Theorie, aber man muss das mal so verstanden haben, weil einem dabei vieles klar wird. Wenn die Liquiditätspräferenzkurve …«
Sie nahm ihm den Stift aus der Hand, zeichnete.
»Und diese Kurve, wie findest du die?«
Es war ein Herz. Er schluckte.
»Und diese Kurven?«
Sie zeichnete zwei Kreise nebeneinander und machte jeweils einen Punkt in die Mitte.
»Weißt du, wer so Brüste gemalt hat?«
Er lächelte töricht, hob die Schultern, ließ sie fallen.
»Picasso. Man nennt sie Picassobrüste. Sie sind perfekt gerundet.«
Sie sah ihn an. Er nahm den Giraffenkopf.
