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Die Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung stellen unsere Welt vor große Aufgaben, und die traditionelle Betriebswirtschaftslehre vor neue Herausforderungen. Oftmals werden nur Teilaspekte nachhaltigen Wirtschaftens beleuchtet, dieses Buch stellt hingegen einen ganzheitlichen Ansatz einer nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre vor – das Nürtinger Modell. Im Kontext planetarer Grenzenund großer gesellschaftlicher Probleme in globalen Lieferketten muss unternehmerische Wertschöpfung neu gedacht werden, kommt neue Verantwortung mit neuen Aufgaben auf das Management zu. Unweigerlich müssen alle Unternehmensfunktionen Nachhaltigkeit in den Kern ihres Handels aufnehmen. Wie das möglich ist, zeigt dieses Buch in aller Ausführlichkeit, von der Strategie bis hin zu allen primären und sekundären Wertschöpfungsaktivitäten von Unternehmen. Somit wird den Leser:innen ein ganzheitliches Verständnis einer neuen, nachhaltigen Betriebswirtschaft vermittelt. Das Buch richtet sich neben Studierenden der BWL an alle, die sich mit nachhaltiger Betriebswirtschaft grundlegend auseinandersetzen möchten.
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Seitenzahl: 647
Veröffentlichungsjahr: 2021
Dietmar Ernst / Ulrich Sailer / Robert Gabriel
Nachhaltige Betriebswirtschaft
2., überarbeitete und erweiterte Auflage
Umschlagmotiv: © iStockphoto shark_749
© UVK Verlag 2021— ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
utb-Nr. 3977
ISBN 978-3-8252-5375-2 (Print)
ISBN 978-3-8463-5375-2 (ePub)
Nachhaltigkeitsmanagement ist keine Spezialdisziplin der BWL. Nachhaltigkeitsmanagement ist vielmehr eine grundlegende und umfassende, zukunftssichernde Organisations- und Umfeldentwicklung. Da kein Unternehmen nachhaltig werden kann, ohne dass alle betrieblichen Funktionen, das Kerngeschäft, die Strategie, die Produkte und Dienstleistungen, die Lieferketten und alle Stakeholder-Beziehungen nachhaltig ausgestaltet sind, ist Nachhaltigkeitsmanagement moderne BWL.
Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Schaltegger
Professor für Nachhaltigkeitsmanagement
Leiter des Centre for Sustainability Management
Leiter des MBA Sustainability Management
Leuphana Universität Lüneburg
Nachhaltigkeit ist auch ein sehr aktuelles Thema der Betriebswirtschaftslehre. Das Buch ist schon mit der ersten Auflage zum Standard geworden!
Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker
Ehrenpräsident des Club of Rome
Ehemaliger Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Ehemals Mitglied des Deutschen Bundestags
Aktuell besteht oft ein Spannungsfeld zwischen sozialer Verantwortung und Nachhaltigkeit auf der einen - und Wirtschaftlichkeit auf der anderen Seite. Aber im Dienst der nächsten Generationen müssen sie zu Teamplayern werden. Es ist klar, dass unsere Welt nachhaltiger werden muss, wenn sie auch in Zukunft noch lebenswert sein soll. Im Übergang darf die Wirtschaftlichkeit aber nicht verloren gehen. Effizientes unternehmerisches Handeln schützt Arbeitsplätze und sichert die Investitionsfähigkeit. Wir sind davon überzeugt, dass Unternehmen in Zukunft nur erfolgreich sein können, wenn sie Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit vereinen. Insofern ist es begrüßenswert, wenn eine nachhaltige Betriebswirtschaftslehre an den Hochschulen gelehrt wird. Das vorliegende Buch stellt eine sehr gute Grundlage hierfür dar.
Sandra Coy, Sprecherin Unternehmensverantwortung & Qualität, Tchibo GmbH
Anliegen des Buches ist es aufzuzeigen, wie nachhaltiges Wirtschaften in allen Funktionen und Geschäftsbereichen von Unternehmen und somit in allen Aufgabenfeldern der Betriebswirtschaft konkret umgesetzt werden kann. Mit dieser integrierten Sichtweise stellt das Buch eine innovative und interessante Bereicherung der verfolgten Ansätze in den bestehenden BWL-Lehrbüchern dar.
Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. F. J. Radermacher
Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung
Zalandos Nachhaltigkeitsstrategie do.More ist ein wichtiger Bestandteil unseres künftigen Geschäftserfolgs. Unsere Vision bei Zalando ist es, eine nachhaltige Mode-Plattform zu sein, mit einer netto-positiven Auswirkung auf Mensch und Erde. Das heißt, wir führen unser Unternehmen so, dass wir der Gesellschaft und der Umwelt mehr zurückgeben, als wir nehmen. Unsere ambitionierten Nachhaltigkeitsziele können umso besser umgesetzt werden, je bewusster und offener unsere Stakeholder sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Insofern begrüßen wir es, dass in Hochschulen wie der HfWU eine nachhaltige BWL gelehrt wird. Das vorliegende Lehrbuch zeigt in hervorragender Weise, wie wirtschaftlicher Erfolg und nachhaltiges Handeln verbunden werden kann.
Patrick Kofler, Head of Investor Relations, Zalando SE
Für immer mehr Marktteilnehmer sind Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG) bei ihren Investitionsentscheidungen von großer Bedeutung. Institutionelle wie private Investoren wollen damit die Entwicklung einer nachhaltigeren Wirtschaft zu unterstützen. Dies führt auch dazu, dass Banken sich immer stärker Nachhaltigkeitsthemen annehmen und entsprechende Produkte für Kunden und Investoren anbieten. Das vorliegende Buch leistet einen wertvollen Beitrag, das nachhaltige Wirtschaften von Unternehmen in einem Lehrbuch strukturiert und innovativ aufzubereiten. Es wird aufgezeigt, wie nachhaltiges Wirtschaften im Unternehmen nicht nur möglich wird, sondern sich auch zu einem Wettbewerbsvorteil entwickelt.
Rainer Neske, Vorstandsvorsitzender der Landesbank Baden-Württemberg
Die nachhaltige Betriebswirtschaft umfasst das ökonomisch, ökologisch und gesellschaftlich verantwortungsvolle Handeln von Unternehmen. Auf der ganzen Welt gibt es überzeugende Beispiele solch verantwortlich handelnder Unternehmen, die mit ihrem Nachhaltigkeitskonzept auch wirtschaftlich extrem erfolgreich agieren. Diese Unternehmen sind nicht „trotz“, sondern „wegen“ ihres nachhaltigen Handelns erfolgreich.
Immer mehr Unternehmen machen sich auf, diesem Beispiel zu folgen. Oft stehen Sie aber noch am Anfang des Weges und fragen sich, wie nachhaltiges Wirtschaften in ihrem Unternehmen umgesetzt werden kann. Ziel dieses Buches ist es, Unternehmen, Managern und Studierenden ein umfassendes Werk an die Hand zu geben, das sie auf Ihrem Weg hin zur Nachhaltigkeit begleitet.
Dieses Buch „Nachhaltige Betriebswirtschaft“ ist ein Gemeinschaftswerk von 23 Professorinnen und Professoren aus drei Fakultäten der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Dieser Nürtinger Ansatz der Nachhaltigen Betriebswirtschaft wurde über viele Jahre hinweg an der HfWU entwickelt und stellt ein gemeinsames Verständnis der Nachhaltigkeit in der Betriebswirtschaftslehre dar. Wir wollen mit diesem Grundlagenbuch sowohl Studierenden betriebswirtschaftlicher Studiengänge als auch in Verantwortung stehenden Managern aufzeigen, wie Unternehmen nachhaltig erfolgreich geführt werden. Dies umfasst die Auseinandersetzung mit Umwelt, Gesellschaft, Gestaltung der Wertschöpfung und Managementfunktionen .
Die erste Auflage stammt aus dem Jahr 2013. Seither hat sich die Nachhaltigkeit in den Unternehmen, in der Gesellschaft wie auch in den Hochschulen enorm weiterentwickelt. Folglich wurde diese zweite Auflage nicht nur konsequent überarbeitet, sondern auch um zahlreiche wichtige Aspekte der Betriebswirtschaftslehre erweitert. Als erfreulicher Trend ist zu beobachten, dass bei Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen die Beschäftigung mit der Nachhaltigkeit mittlerweile auf sehr großes Interesse stößt.
Wir bedanken uns für die hervorragende Zusammenarbeit mit dem UVK Verlag, insbesondere mit Herrn Dr. Jürgen Schechler. Weiterhin danken wir Philipp Seidel für die professionelle Überarbeitung der Abbildungen. Die Herausgeber freuen sich über Rückmeldungen von der Leserschaft, jedweder Art.
Prof. Dr. Dr. Dietmar Ernst ([email protected])
Prof. Dr. Ulrich Sailer ([email protected])
Prof. Dr. Robert Gabriel ([email protected])
Einleitung
Nachhaltige Betriebswirtschaft
Nachhaltigkeit – Eine Einführung
Planetare Grenzen und Gesellschaft
Management und Wertschöpfung
Ausblick
Die Leser
verstehen den Transformationsdruck, den der Bedarf an nachhaltiger Entwicklung in unserem Wirtschaftssystem auslöst.
können den Ansatz der „Nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre“ in die Geschichte der Betriebswirtschaftslehre mit ihren unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten einordnen.
sind in der Lage zu erkennen, dass es innerhalb der Nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre ständig Weiterentwicklungen gibt, um bestmögliche Antworten auf die gesellschaftlichen, technologischen und ökologischen Herausforderungen zu finden.
verstehen, in welcher Form Nachhaltigkeit Unternehmen vor vielfältige, globale und komplexe Herausforderungen stellt
verstehen, dass Nachhaltigkeitsprojekte in positiver und negativer Weise Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg nehmen können
kennen das Konzept des „Creating Shares Value“ als Mindset zur Verknüpfung von Nachhaltigkeit mit wirtschaftlichem Erfolg
kennen ein Business Value Framework, mit dem sich der Business Case von Nachhaltigkeitsprojekten systematisch ermitteln lässt
verstehen das „Nürtinger Modell“ einer Nachhaltigen Betriebswirtschaft, das diesem Buch als konzeptionelle Basis dient
Business Value Framework, Corporate Social Responsibility, Entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre, Ethisch-normative ökologische Betriebswirtschaftslehre, Faktortheoretischer Ansatz, Nachhaltige Betriebswirtschaftslehre, „Nürtinger Modell“, Ökologieorientierter Ansatz, Shared Value, Sustainability Business Case, Umweltorientierter Ansatz, Zielkonflikt
Noch vor wenigen Jahren war es unbedingt erforderlich, dem Leser zu Beginn eines Beitrags über Nachhaltigkeit zu erläutern, warum das betrachtete Thema ernsthaft von Nachhaltigkeit betroffen ist1. Inzwischen bedeutet dies meist, Eulen nach Athen zu tragen, da – gerade auch in Zeiten von „Fridays for Future“ – die Mehrzahl der Menschen die ökologischen und sozialen Herausforderungen verstanden hat.
Auch zahlreiche Staaten engagieren sich zunehmend, die Wirtschaft nachhaltiger auszugestalten.2 Eine wachsende Anzahl von Entscheidungsträgern fordert eine neue, nachhaltige Definition wirtschaftlichen Erfolgs, und neue Wege zu denken und zu handeln.
Jacinda Ardern, Prime Minister of New Zealand
„Economic growth accompanied by worsening social outcomes is not success, it is failure. Turning things around requires changing both the way we think, and the way we act, and the way we measure success.” 3
In der Wirtschaft ist der Handlungsdruck angekommen. Einige Branchen, beispielsweise Automobil und Energie, befinden sich mitten in einer Transformation4 hin zu nachhaltigen Systemen und Technologien. Doch auch in anderen Branchen werden die Chancen und Risiken aus einer nachhaltigen Entwicklung wahrgenommen. Darüber hinaus wächst das Gefühl, für die ökologischen und sozialen Folgen der globalen Wertschöpfungsketten Verantwortung übernehmen zu müssen. Der Druck der Anspruchsgruppen (neudeutsch: Stakeholder) beschleunigt diesen Wandel.
Beispiel: Transformation der Automobilbranche
Die Automobilbranche steht vor der größten Transformation der letzten Jahrzehnte. Neben technologiebedingten Auslösern wie Vernetzung, Digitalisierung oder autonomem Fahren ist die Nachhaltigkeit ein wesentlicher Treiber der Veränderung. Aus der völkerrechtlichen Vereinbarung zur Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad, bzw. 1,5 Grad, (siehe hierzu das sogenannte Paris Agreement5) ergibt sich für die Automobilbranche ein dringender, disruptiver Veränderungsbedarf.
Global werden 18 % der CO2-Emissionen durch den Straßenverkehr ausgelöst6. In Europa werden mehr als 60 % der CO2-Emissionen des Straßenverkehrs durch PKW ausgelöst7. Somit geraten die Automobilhersteller in den Fokus und sehen sich starken regulatorischen Anforderungen ausgesetzt. 2021 dürfen PKW-Neufahrzeuge im Flottenschnitt nur noch 95 g CO2/km ausstoßen, 2030 soll dieser Zielwert um weitere 37,5 % reduziert werden8. Dies ist nicht durch die weitere Optimierung von Verbrennungsmotoren möglich, sondern erfordert den flächendeckenden Einsatz neuer Antriebstechnologien wie Elektromobilität oder Wasserstoffantrieb. Das wird die globalen Wertschöpfungsketten in der Automobilbranche radikal verändern. Diese Risiken und Chancen richtig zu managen, ist eine gewaltige Aufgabe für die gesamte Branche.
Die Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung in die Betriebswirtschaft zu integrieren, ist eine große Herausforderung. Dieses Kapitel zeigt auf, wie diese Integration bewältigt werden kann. Dazu wird zunächst der Blick auf die historische Entwicklung der Betriebswirtschaft gerichtet. Anschließend werden die Anforderungen an eine nachhaltige Unternehmensführung herausgearbeitet. Es werden wichtige Prinzipien beleuchtet, die für die erfolgreiche Umsetzung von zentraler Bedeutung sind. Und schließlich wird – als gemeinsame Basis für dieses Buch – ein Verständnis von „Nachhaltiger Betriebswirtschaft“ erläutert und visualisiert. Dies zeigt auf, wie sich die einzelnen Beiträge in die Konzeption des Buches einfügen.
Die Betriebswirtschaftslehre ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich seit ihrer Entstehung kontinuierlich weiterentwickelt. Sie nimmt aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen auf und steht im Austausch mit anderen Wissenschaftsdisziplinen. Die Behandlung ökologischer und sozialer Fragestellungen innerhalb der Betriebswirtschaftslehre wurde schon thematisiert, lange bevor die Ausrichtung der Nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre entstand.
Maßgeblich wurde die Betriebswirtschaftslehre nach dem zweiten Weltkrieg durch den faktortheoretischen Ansatz geprägt. Der Wiederaufbau und damit verbunden die industrielle Produktion standen im Mittelpunkt der Betriebswirtschaftslehre. Es ging darum, möglichst effizient zu produzieren. Methodisch bediente man sich den neoklassischen Modellen der Mikroökonomik, die sich mit Produktionsfunktionen auseinandersetzen. Soziale Fragestellungen wurden nicht explizit behandelt. Arbeit galt als Produktionsfaktor und das Menschenbild wurde in den Modellen auf das rationale Wesen des „Homo oeconomicus“ reduziert. Die Umwelt diente dazu, die notwendigen Rohstoffe für die Produktion zur Verfügung zu stellen. Ein Bewusstsein für ökologische Fragestellungen war nur gering ausgeprägt.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Betriebswirtschaftslehre verstärkt zu einer von der Volkswirtschaftslehre unabhängigen Wissenschaftsdisziplin. Ein Meilenstein war sicherlich die entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre, die eng mit dem Namen Edmund Heinen verbunden ist. Der entscheidungsorientierte Ansatz führte zwei Neuerungen in die Betriebswirtschaftslehre ein:
die realitätsnahe Berücksichtigung konkreter Entscheidungssituationen und damit die Weiterentwicklung der Betriebswirtschaftslehre zur Managementlehre und
die Öffnung der Betriebswirtschaftslehre für sozialwissenschaftliche Fragen.
„Die entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre entlässt „ … den Homo oeconomicus der klassischen Mikroökonomie in das Reich der Fabel.“ 1 Dieser Satz ist prägend für die Entwicklung der BWL zu einer Nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre.
Als weiteren Schritt in Richtung der Einbeziehung sozialer Aspekte ist die verhaltenswissenschaftlich orientierte Betriebswirtschaftslehre zu nennen. Sie setzt sich zum Ziel, das tatsächliche Verhalten von Einzelpersonen und Unternehmen mithilfe der Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften zu erklären. Dies bedeutet, dass sich die Betriebswirtschaftslehre Disziplinen wie Psychologie, Sozialpsychologie und Soziologie und deren Erkenntnisse öffnet.
Die ökologische Seite der Nachhaltigkeit wurde erst sehr spät in den 80-iger Jahren des 20. Jahrhunderts in die Betriebswirtschaftslehre aufgenommen. Der umweltorientierte Ansatz war eine Reaktion auf die zunehmenden Umweltprobleme der Industriegesellschaft, die zu einem Umdenken in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft geführt haben. In der betriebswirtschaftlichen Forschung lassen sich heute zwei Grundströmungen erkennen:
die ethisch-normative ökologische Betriebswirtschaftslehre2 und
der ökologieorientierte Ansatz3.
Die ethisch-normative ökologische Betriebswirtschaftslehre ist eine wirtschaftssystemkritische Betriebswirtschaftslehre und fordert eine grundsätzliche Neuorientierung des wirtschaftlichen Denkens und Handelns, indem die Vereinbarkeit von ökologischer und betriebswirtschaftlicher Sichtweise in den Vordergrund gestellt wird. Es geht weniger um das in einzelnen Bereichen „unmittelbar Machbare, sondern um eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Ökonomie und Ökologie“4. Die Klimaerwärmung ist ein Beispiel für diese Grundsatzdebatte, deren Ergebnisse über Maßnahmen der Politik in die Wirtschaft einfließen. Eine prominente Vertreterin der ethisch-normativen Betriebswirtschaftslehre ist Maja Göpel5. Sie bezweifelt, dass das kapitalistisch-marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem in der Lage ist, die Klimakatastrophe abzuwenden und fordert ein alternatives Wirtschaftssystem. Wie dieses jedoch konkret aussehen könnte, bleibt bislang noch offen.
Beim ökologieorientierten Ansatz geht es nicht um eine Umorientierung des betriebswirtschaftlichen Denkens, sondern um eine Einbeziehung ökologischer Fragestellungen in die traditionelle Betriebswirtschaftslehre. Der Umweltschutz wird als neues Element im betriebswirtschaftlichen Zielsystem verstanden. Dieser steht nicht in Konkurrenz zum Gewinnstreben, sondern als Nebenbedingung beim Streben nach wirtschaftlichen Zielen.
Die hier vorgestellte Nachhaltige Betriebswirtschaftslehre ist stark in der klassischen Betriebswirtschaftslehre und im ökologieorientierten Ansatz verankert, umfasst dabei aber alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit. Sie lässt sich auch als funktional-nachhaltige Betriebswirtschaftslehre bezeichnen, da sie sich mit der Integration von Nachhaltigkeit in den verschiedenen Funktionsbereichen des Unternehmens beschäftigt. Dieser Ansatz dominiert oftmals in der Praxis. Mithilfe innovativer Umwelttechnologien sollen neue, umweltschonende Verfahren und Produkte entwickelt werden, die einen Beitrag dazu leisten, betriebliche und gesellschaftliche Umweltziele zu erreichen. Trotzdem sollten Unternehmen auch zur Diskussion über die ethisch-normativen Aspekte eines nachhaltigen Wirtschaftssystems beitragen und Verantwortung übernehmen, damit künftige Generationen ein intaktes ökonomisches, ökologisches und soziales System vorfinden.
Die Frage, welchen Beitrag die Nachhaltige Betriebswirtschaftslehre zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann, zeigt sich im Spannungsfeld des ethisch-normativen und des ökologieorientierten Ansatzes. Der ethisch-normative Ansatz fordert, die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen so zu setzen, dass die ökologischen Ziele rasch erreicht werden, ohne dabei den Wohlstand zu gefährden. So ist in einer globalisierten Wirtschaft etwa zu berücksichtigen, dass nachhaltige Unternehmen gegenüber internationalen Konkurrenten wettbewerbsfähig bleiben. Ist dies gegeben, wird im Rahmen des ökologieorientierten Ansatzes von den Unternehmen ein aktiver Beitrag zur Nachhaltigkeit erwartet. Ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes unternehmerisches Handeln kann somit zu Wettbewerbsvorteilen führen.
Die konkreten Herausforderungen, die sich aus der Maxime einer nachhaltigen Entwicklung1 für Unternehmen ergeben, sind vielfältig, global und komplex. Die Vielfältigkeit liegt vor allem daran, dass sich hinter den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – ökonomisch, ökologisch und sozial – zahlreiche Einzelthemen verbergen. Dies wird beispielsweise im Kennzahlen-Katalog des Nachhaltigkeits-Berichtsstandards der Global Reporting Initiative sichtbar.2
Darüber hinaus sind die Wertschöpfungsketten der meisten Branchen globalisiert und stark arbeitsteilig. Eine schier unkontrollierbare Menge an Akteuren agiert in der Wertschöpfungskette miteinander, und Veränderungen sind sehr schwer umzusetzen. Das folgende Beispiel zu Konfliktmineralien illustriert dies. Die Wertschöpfungskette ist generell nicht nur „Upstream“ zu sehen, welche die vorgelagerten Aktivitäten beinhalten, sondern auch „Downstream“. Dies enthalten die Weiterverarbeitung sowie die Nutzung und abschließende Verwertung der Produkte und Dienstleistungen.
Beispiel: Konfliktmineralien
Die Förderung von Mineralien kann in bestimmten, politisch instabilen Regionen schwerwiegende gesellschaftliche Folgen haben. Es lassen sich beispielsweise Korruption oder Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsarbeit oder die Anwendung von Gewalt beobachten. Hier stehen die sogenannten Konfliktmineralien – Zinn, Wolfram, Tantal und Gold – besonders im Fokus. Diese Mineralien werden beispielsweise in der Informationstechnologie, in Autos oder für Schmuck verwendet. Ein Land, das von dieser Problematik besonders betroffen ist, ist die Demokratische Republik Kongo.
Um diesem Problem zu begegnen, hat die EU über eine neue Verordnung, die zum 1. Januar 2021 in Kraft trat, Auflagen in Kraft gesetzt. Alle Unternehmen, die diese Mineralien bzw. Metalle in die EU einführen (um die 1.000 importierende Unternehmen sind betroffen), müssen unter Anwendung eines fünfstufigen Rahmens der OECD3 diesbezüglich Managementsysteme aufbauen, Risiken bewerten, Audits durchführen und jährlich darüber Bericht ablegen. Die Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung nehmen dadurch einen starken Einfluss auf Wertschöpfungsketten.4
Die Aktivität in vielen unterschiedlichen Ländern, mit abweichenden rechtlichen Rahmenbedingungen, verschiedenartigen Werthaltungen und kulturellen Prägungen, steigert die Anforderungen an ein Nachhaltigkeitsmanagement weiter. Spätestens an dieser Stelle wird das System von einem komplizierten zu einem komplexen, kaum vorhersagbaren System, das schwer zu steuern und zu kontrollieren ist.
Eine zentrale Frage, die sich den Akteuren stellt, ist die nach dem Zielkonflikt zwischen wirtschaftlichem Erfolg und nachhaltigem Wirtschaften. Im kapitalistischen Wirtschaftssystem der westlichen Welt ist wirtschaftlicher Erfolg die unausweichliche Zielgröße. Ohne wirtschaftlichen Erfolg kann auf lange Sicht kein Unternehmen bestehen. Und nun kommen diese zusätzlichen Anforderungen an nachhaltiges Wirtschaften hinzu. Macht das den Unternehmen den überlebensnotwendigen wirtschaftlichen Erfolg nicht noch schwerer?
In den Köpfen nicht weniger Entscheider herrscht die Vorstellung, dass nachhaltiges Handeln zwar ethisch wünschenswert ist, aber auf Kosten des wirtschaftlichen Erfolges geht. Hierbei ist eine deutlich differenziertere Betrachtung notwendig. Diese einseitige „traditionelle“ Sicht wurde vielfach widerlegt. Es finden sich zahlreiche Beispiele, in denen Unternehmen durch Nachhaltigkeitsmaßnahmen ihren wirtschaftlichen Erfolg steigern konnten. Dies können etwa reduzierte Energiekosten und sinkende CO2-Emissionen durch die Steigerung der Energieeffizienz sein.
Gleichzeitig finden sich aber auch Beispiele, in denen Entscheidungen für Nachhaltigkeit zumindest kurzfristig zu steigenden Kosten oder sinkenden Umsätzen führen. Dies kann z. B. der rechtlich nicht zwingend erforderliche Einbau eines Abgasfilters auf einem Schornstein sein. Dem Unternehmen mag es trotzdem gelingen, daraus durch glaubwürdige Kommunikation oder die steigende Akzeptanz bei den Stakeholdern langfristig wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Trotzdem wird das nicht immer möglich sein, es gibt also Fälle, in denen Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg sehr wohl im direkten Konflikt miteinander stehen. Die funktional- nachhaltige Betriebswirtschaftslehre steht solchen Projekten kritisch gegenüber. Hier greift eher die ethisch-normative nachhaltige Betriebswirtschaftslehre, die die absolute Bedeutung des wirtschaftlichen Erfolgs und die Systemvoraussetzungen hinterfragt.5
Im Ergebnis muss der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Erfolg und nachhaltigem Wirtschaften differenziert betrachtet werden. Abbildung 1.1 stellt dies grafisch dar.
Zusammenhang zwischen Wirtschaftlichem Erfolg und Nachhaltigkeitsperformance nach Wagner und Schaltegger6 (eigene Übersetzung)
Nachhaltigkeitsmaßnahmen reduzieren also nicht grundsätzlich den wirtschaftlichen Erfolg, sondern können diesen auch steigern. Diese Maßnahmen sollten identifiziert und ergriffen werden. Die zunehmende Sensibilität der Stakeholder und die regulatorischen Eingriffe des Staates werden dazu führen, dass sich die Kurve in obiger Abbildung nach rechts hin zur gestrichelten Linie verschiebt und Maßnahmen, die sowohl wirtschaftlich, ökologisch als auch sozial vorteilhaft sind, zunehmen.
Auch ohne Eingriff des Staates führen schon heute viele Nachhaltigkeitsmaßnahmen, mit den Unternehmen Verantwortung übernehmen, zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Performance. Für diese Maßnahmen gibt es demzufolge auch keinen Zielkonflikt. Diese Projekte, Produkte oder Geschäftsmodelle konsequent zu identifizieren, zu entwickeln und umzusetzen ist heute wichtiger Teil der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, und damit auch im Kern der modernen, nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre.
Ray Anderson, CEO and Founder of Interface Floor
„Business and industry is the major culprit, causing the decline of the biosphere, but it is also the only institution that is large enough, and powerful enough, to really lead human kind out of this mess.“7
Betrachtet man die Umsetzung von Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility (CSR) in Unternehmen, so zeigt sich, dass viele Unternehmen sich sehr darum bemühen, „eine gute Figur“ abzugeben und sich vor Kritik zu schützen. Eine Anpassung und Veränderung im Kern des Geschäftsmodells ist bei diesen Unternehmen selten zu beobachten, oder erfolgt zumindest nicht in hinreichend konsequenter Form. Das zeigt sich auch darin, dass die sozialen und ökologischen Probleme bis heute nur unzureichend behoben wurden.
Unternehmen sind also oft damit beschäftigt, die heute erfolgreichen Geschäftsmodelle abzusichern. Das passiert über Lobbyismus, oder durch das Berichten von Erfolgstories. Die Verantwortung wird nicht angenommen, sondern den Verbrauchern oder dem Staat zugeschoben. Es wird mehr reagiert denn agiert, und der Kern des Geschäftsmodells wird möglichst nicht angefasst, um den heutigen Erfolg nicht zu gefährden. In diesem Kontext sind Nachhaltigkeitsaktivitäten vor allem dazu da, sich vor Druck von außen zu schützen, und durch eine verbesserte Reputation den kurzfristigen Erfolg anzukurbeln. Eine solche Herangehensweise ließe sich als „playing not to lose“ bezeichnen, als Versuch, das Erfolgsmodell von heute – das morgen schon von gestern sein wird… – zu schützen.
In den letzten Jahren steigt allerdings die Anzahl der Unternehmen, die Nachhaltigkeit ernsthaft angehen. Diese Unternehmen begegnen der Herausforderung unternehmerisch. Sie erkennen die unvermeidliche Entwicklung und werden aktiv, fragen sich, welche Chancen und Risiken der Megatrend Nachhaltigkeit mit sich bringt. Optionen werden geprüft und bewertet und die Strategie und die Kernprozesse werden angepasst. Dies erfordert unternehmerischen Mut, da es große Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung gibt. Diese Herangehensweise ließe sich als „playing to win!“ bezeichnen. Eine Strategie, die eine große Herausforderung frühzeitig aufgreift, ist offensichtlich langfristig erfolgreicher.
Wie können Unternehmen diese neuen Herausforderungen bestmöglich angehen? Hierbei kommt es stark auf das Mindset an. Ein positiver Ansatz ist das von Porter und Kramer entworfene Konzept des „Creating Shared Value“ (CSV). Diesem liegt das Leitbild von Produkten und Geschäftsmodellen zugrunde, die sowohl für die Gesellschaft als auch für die Unternehmen Wert generieren. Die beiden Autoren zeigen (in plakativer Form) die Unterschiede zwischen CSR und CSV auf (Tabelle 1.1.). Im Endeffekt geht es bei CSV darum, neue Lösungen zu entwickeln. In diesen Lösungen soll der Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung durch die Kernaktivitäten und das Geschäftsmodell begründet sein. Gleichzeit sollen die neuen Ansätze natürlich ähnlich profitabel sein wie die bisherigen Aktivitäten. Diese neuen, profitablen und gleichzeitig von der Gesellschaft begrüßten Aktivitäten, sind den bisherigen Lösungen überlegen: dem Unternehmen liefern sie langfristig abgesicherten und gesellschaftlich akzeptierten Geschäftserfolg und eine stärkere Wettbewerbsposition. Der Gesellschaft bieten diese neuen Geschäftsmodelle und Produkte ökologische, soziale und/oder ökonomische Vorteile. 1
Gegenüberstellung CSR und „Shared Value“ nach Porter und Kramer (2011)2 (eigene Übersetzung)
Mit einem solchen Mindset der „Shared Value Creation“ verändert sich die Rolle des Nachhaltigkeitsmanagements. Aus einer Stabsstelle, die den Nachhaltigkeitsbericht verantwortet, wird eine Keimzelle für Innovation und neue Lösungen. Nachhaltigkeitsmanager brauchen somit ein hohes Verständnis für das Kerngeschäft und eine gute Vernetzung im Unternehmen, um mit den Abteilungen neue, nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Die Nachhaltigkeitsexperten wirken als Katalysator und helfen dabei, neben den Nachhaltigkeitszielen auch wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Das Beispiel von Kimberly Clark zeigt, wie gleichzeitig Treibhausgase reduziert und Energiekosten gesenkt werden können.
Beispiel: Energieeffizienz bei Kimberly Clark
Das Unternehmen Kimberly Clark (KC), bekannt z. B. über die Marke Kleenex, machte 2019 mit 42.000 Mitarbeitern ca. 18 Milliarden US-Dollar Umsatz mit Hygieneartikeln. Die Papier- und Zellstoffbranche ist sehr energieintensiv, und KC wies Energiekosten von über einer Milliarde USDollar auf.
Durch den Einsatz eines ausgereiften Technologie-Benchmark-Ansatzes konnte das Unternehmen binnen 2 Jahren eine Einsparung bei den Energiekosten von über 150 Millionen US-Dollar erreichen. Durch die Überführung eines Excel-gestützten Systems mit mehr als 10.000 verknüpften Excel-Dateien in eine dezidierte Nachhaltigkeitssoftware (SoFi Software), werden den Verantwortlichen von KC die Auswirkungen ihrer Entscheidungsoptionen transparent gemacht. Im System befinden sich aktuell geplante oder skizzierte Maßnahmen in einem Volumen von 300 Millionen US-Dollar. Durch die Auswahl der richtigen Projekte bietet sich KC das Potential, bis 2022 weitere 200 Millionen USD an jährlichen Energiekosten einzusparen. Dies entspricht etwa 7 % des Betriebsergebnisses von 2019.3, 4
Für eine nachhaltige Unternehmensführung ist es entscheidend, neue Geschäftsmodelle, Produkte, Dienstleistungen und Prozesse zu entwickeln, die nachhaltig und profitabel sind. Dafür ist es wichtig, den Business Case der jeweiligen Projekte zu verstehen. Zur Umsetzung existieren Frameworks, wie etwa von McKinsey5 oder das Business Value Framework von thinkstep (Abbildung 1.2).
Busines Value Framework nach thinkstep (eigene Überarbeitung) 6
Aus der Anwendungserfahrung von vielen hundert Projekten heraus gehen die Autoren im dargestellten Framework davon aus, dass sich alle geschäftlichen Vorteile aus Nachhaltigkeitsprojekten in den vier Hauptkategorien wiederfinden lassen: mehr Umsatz, weniger Kosten, geringere Risiken und verbesserte Reputation. Somit lässt sich das Framework als Checkliste verwenden, und jedes Projekt wird über diese Kategorien auf seine Vorteile hin untersucht. Neben der Identifikation der Werttreiber liegt die zweite Herausforderung darin, die Größe des Wertbeitrags zu quantifizieren. Es ist also z. B. die Frage zu beantworten, wie viel Mehrumsatz ein grünes Produktportfolio liefern könnte. Diese Quantifizierung ist anspruchsvoll, zugleich aber Bestandteil eines jeden Business Cases und somit keine dezidierte Herausforderung für Nachhaltigkeitsprojekte.
Abschließend lässt sich sagen, dass der Megatrend Nachhaltigkeit eine Transformation unserer Wirtschaft erzwingen wird. Daraus entstehen große Risiken und Chancen, die Unternehmen am besten bewältigen, wenn sie aktiv und mutig vorangehen und ihre Strategien und Kernprozesse darauf ausrichten. Gelingt es ihnen, neue Geschäftsmodelle, Produkte, Dienstleistungen und Prozesse zu entwickeln, die profitabel und gleichzeitig nachhaltig sind, so sind sie zukunftssicher aufgestellt und wettbewerbsfähig. Aufgabe einer nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre ist es, hierfür das notwendige methodische Fundament zu liefern.
Im Rahmen der Umsetzung dieses Buchprojektes haben die Autoren gemeinsam eine Visualisierung für das Konzept einer neuen, nachhaltigen Betriebswirtschaft erarbeitet (vgl. Abbildung 1.1). Diese als „Nürtinger Modell“ einer Nachhaltigen Betriebswirtschaft bezeichnete Darstellung verdeutlicht den Kern dieser Publikation.
„Nürtinger Modell“ einer Nachhaltigen Betriebswirtschaft
Die Visualisierung setzt auf dem Verständnis auf, dass die Betriebswirtschaftslehre in der Vergangenheit einen wichtigen Beitrag zu Wohlstand und Frieden geleistet hat. Bei aller berechtigten Kritik am vorherrschenden Wirtschaftssystem sind diese positiven Errungenschaften unbedingt anzuerkennen. Ein neues, moderneres Modell der Betriebswirtschaft soll also nicht bestehende Konzepte verwerfen, sondern weiterentwickeln und anpassen, sie zukunftsfähig und zukunftssicher machen. Dies bedeutet, dass soziale, ökologische und auch ökonomische Nachhaltigkeitsaspekte integriert werden müssen.
Vor diesem Hintergrund stellt die Visualisierung, von außen nach innen betrachtet, die folgenden Grundzusammenhänge dar:
1. Planetare Grenzen für Wertschöpfung und Gesellschaft
Die Gesellschaft, und damit auch jegliche wirtschaftliche Aktivität und Wertschöpfung, muss aus offensichtlichen physikalischen Gründen innerhalb der planetaren Grenzen operieren1. Ein lineares System des „take, make and waste“ ist mit endlichen Ressourcenvorräten und einer begrenzten Möglichkeit, Schadstoffe und Emissionen aufzunehmen, nur eine bestimmte Zeitdauer möglich. Mittel- und langfristig führt an einer Wirtschaft in Kreisläufen („circular economy“) und an einer Berücksichtigung der nicht veränderbaren planetaren Grenzen in der Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft, und damit auch in unserem Wirtschaftssystem und den Unternehmen, kein Weg vorbei.
2. Wertschöpfung ist nur innerhalb der Gesellschaft möglich.
Jegliches wirtschaftliche Handeln hat unzählige Anknüpfungspunkte in die Gesellschaft. Offensichtlich erfordert der Aufbau und Betrieb von Wertschöpfungssystemen die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, benötigt also Mitarbeiter und Investoren als Partner. Darüber hinaus gibt es aber viele weitere Anspruchsgruppen, sogenannte Stakeholder-Gruppen, die versuchen, Einfluss auf Wertschöpfungsketten und Strategien von Unternehmen auszuüben. Dafür gibt es zwei Gründe: entweder sind Stakeholder-Gruppen von Handlungen von Unternehmen betroffen, oder die Unternehmen sind für ihren Erfolg auf bestimmte Stakeholder-Gruppen angewiesen2. Beispiele für typische Anspruchsgruppen sind Kunden, Geschäftspartner, der Staat/Behörden oder auch die die Anwohner eines großen Industriewerks. All diese Gruppen vertreten Teile der Gesellschaft, und die aufgezeigten Abhängigkeiten unterstreichen, dass Wertschöpfung nur im Austausch und Ausgleich mit der Gesellschaft, also „innerhalb“ der Gesellschaft, erfolgen kann.
3. Management als Kompass, unter Berücksichtigung aller Dimensionen
In der Betriebswirtschaftslehre liegt traditionell großes Augenmerk darauf, wie das Management Wertschöpfungsketten für den größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg gestaltet. Für langfristigen Erfolg ist dies heute nicht mehr ausreichend. Ergänzend muss das Management auch die Interaktion mit der Gesellschaft und die planetaren Grenzen in die Strategie und Entscheidungsfindung einbeziehen. Wie oben erläutert ist dies zum einen aus funktionalen Gründen für den Erfolg des Unternehmens wichtig, zum anderen dient es aber auch dazu, den von außen herangetragenen ethisch-normativen Erwartungshaltungen der Stakeholder und der Gesellschaft gerecht zu werden,
Die Visualisierung lehnt sich inhaltlich an die in Abbildung 2.1 (Kapitel 2) gezeigte elliptische Anordnung der Dimensionen der Nachhaltigkeit an. Die Weiterentwicklung liegt in der Rolle des Managements, das als richtungsweisendes Element (Kompass) wirken muss, und dabei alle drei Systeme – Wertschöpfung, Gesellschaft und den Planeten – im Blick haben und berücksichtigen muss. Optisch ist auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Donut-Modell von Kate Raworth3 erkennbar, die sich aus dem identischen Motiv der planetaren Grenzen ergibt.
Dieses "Nürtinger Modell" einer nachhaltigen Betriebswirtschaft bildet die konzeptionelle Grundlage dieses Buches. In der Einleitung erfolgt nach einer Einführung in die nachhaltige Betriebswirtschaftslehre in Kapitel 2 eine ausführliche Darstellung des Konzeptes der Nachhaltigkeit. Darauf folgt in den Kapiteln 3 und 4 eine Betrachtung der planetaren Grenzen und der Rolle der Gesellschaft. Hierzu werden Aspekte der Umweltökonomie dargestellt und im Kapitel zu gesellschaftlicher Verantwortung das Spannungsfeld aus Gewinn und Gemeinwohl beleuchtet.
Anschließend geht es in den Kapiteln 5 bis 21 um den Themenbereich Management und Wertschöpfung. Hier werden alle Aktivitäten und Funktionsbereiche von Unternehmen einzeln aufgegriffen und die konkrete Bedeutung und Auswirkungen nachhaltiger Betriebswirtschaft für diese Bereiche erläutert. Dahinter steht der Ansatz, dass wertschöpfendes Vorgehen nicht bedeutet, dass Nachhaltigkeit von einer Stabsstelle aufgezwungen wird. Vielmehr müssen die einzelnen Fachbereiche unter Kenntnis ihres Umfelds, ihrer Aufgaben und ihrer Herausforderungen neue Lösungen entwickeln und Verantwortung für ihren Bereich übernehmen. Nur so ist eine ganzheitliche und wirkungsvolle Umsetzung nachhaltiger Betriebswirtschaft möglich.
Das Buch schließt im Ausblick mit einer Utopie, einem Blick auf unser wirtschaftliches Leben im Jahr 2050. Diese Utopie steht für etwas, das wir uns alle wünschen, und das die Erstellung dieses Buches wesentlich motiviert hat: eine LEBENSWERTE ZUKUNFT!
Unser Wirtschaftssystem steht durch den Megatrend Nachhaltigkeit unter einem großen Veränderungsdruck. Die Betriebswirtschaftslehre hat dies aufgegriffen, und es haben sich für eine Nachhaltige Betriebswirtschaft ein ethisch-normativer und ein funktionaler Ansatz entwickelt. Den Risiken und Chancen der anstehenden Transformation zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem begegnen Unternehmen am besten, wenn Sie ihre Strategien und Kernprozesse frühzeitig und mutig daran anpassen. Durch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, Produkte und Prozesse, die nicht nur nachhaltig, sondern auch profitabel sind, verbessern Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit. Hierfür liefert das vorgestellte Nürtinger Modell – das auf den Ansatz der funktional-nachhaltigen Betriebswirtschaftslehre aufsetzt – in Verbindung mit diesem Buch eine neue und vertiefte methodische Grundlage.
Wagner, M. und Schaltegger, S. (2003): How Does Sustainability Performance Relate to Business Competitiveness. In: Greener Management International, No. 44, Winter 2003, S. 9
Porter, M.E. und Kramer, M.R. (2011). Creating shared value: How to re-invent capitalism and unleash a wave of innovation and growth, in: Harvard Business Review, Jg. 89 (1/2), S. 62-77.
Andersen, R. (TED-Talk vom Februar 2009). Ray Anderson: The Business Logic of Sustainability. www.youtube.com/watch?v=iP9QF_lBOyA
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Einleitung
Nachhaltige Betriebswirtschaft
Nachhaltigkeit – Eine Einführung
Planetare Grenzen und Gesellschaft
Management und Wertschöpfung
Ausblick
Die Leser
verstehen den Begriff der Nachhaltigkeit und dessen Herkunft,
wissen, wie sich die Nachhaltigkeit über den Brundtland-Bericht, das 3-Säulen-Modell und die Sustainable Development Goals entwickelt hat, und
erkennen, wie sich aus den Nachhaltigkeits-Herausforderungen auf gesellschaftlicher Ebene konkrete Anforderungen an Unternehmen ableiten lassen
verstehen, dass diese neuen Anforderungen ausgewogen in die herkömmlichen Zielsysteme der Betriebswirtschaft integriert werden müssen
Brundtland-Bericht, 3-Säulen-Modell, Sustainable Development Goals (SDG), Corporate Social Responsibility, Nachhaltige Betriebswirtschaft
Der Begriff der Nachhaltigkeit – für dieses Buch von zentraler Bedeutung – ist für viele Menschen schwer zu greifen. Deshalb wird in diesem Abschnitt die geschichtliche Entwicklung des Konzeptes der Nachhaltigkeit als Grundlage für alle folgenden Beiträge dargestellt. Im folgenden Abschnitt wird anschließend die allgemeine Bedeutung nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen betrachtet.
Nachhaltigkeit (Sustainability) ist ein sehr alter Begriff, dessen Bedeutung sich im Zeitverlauf gewandelt hat. Sustain ist dem lateinischen sustinere entliehen, das mit aufrechterhalten, tragen, bewahren oder zurückhalten übersetzt werden kann. Nachhaltigkeit drückt damit Strukturen aus, die tragfähig sind und die über genügend Reserven für die Zukunft verfügen.1 Als Ursprung der Nachhaltigkeit wird dabei regelmäßig die Forstwirtschaft genannt, in der schon vor Jahrhunderten die Grenzen des kurzfristigen Raubbaus angeprangert wurden. Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) plädierte im frühen 18. Jahrhundert für eine nachhaltige Nutzung des Waldes. Aufgrund der langen Regenerationsdauer und der geringen Wachstumsraten des Waldbestandes sei die Notwendigkeit eines pfleglichen Umgangs mit dem Rohstoff Holz offensichtlich, um eine langfristige Versorgung sicherzustellen. Es dürfe nur so viel Holz geschlagen werden, wie an Art und Menge wieder nachwächst2.
Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung der Nachhaltigkeit war die Veröffentlichung der Studie „The Limits to Growth“ im Jahre 1972 durch eine Gruppe junger Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA, beauftragt durch den Club of Rome. Mittels einer computerbasierten Systemanalyse wurde die Entwicklung der Weltwirtschaft und der Menschheit in einem Weltmodell simuliert. Dieses führte zu erschreckenden Ergebnissen und zu einer weltweit hohen Aufmerksamkeit.
„Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“3
Die Veröffentlichung entzündete die Diskussion um die Nachhaltigkeit, um die Wirtschafts- und Lebensweise der Menschen, auch wenn sie nicht unkritisiert blieb und zahlreiche Prognosen später korrigiert werden mussten. Bedeutsam war zudem, dass die Umweltproblematik systemisch betrachtet werden muss, um der komplexen Vernetztheit und den vielgestaltigen Wechselwirkungen gerecht zu werden.
Im gleichen Jahr fand die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm statt. Dies war die erste einer ganzen Reihe von Konferenzen, die zu einem globalen Bewusstsein für die Umweltprobleme führte. Auf dieser ersten Konferenz wurden grundlegende Prinzipien für die Umwelt und die Entwicklung beschlossen, ebenso war dies der Startpunkt für die internationale Zusammenarbeit bei der Nachhaltigkeit.
1987 ergab sich ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung der Nachhaltigkeit: der Brundtland-Bericht wurde veröffentlicht. Es handelt sich dabei um den Abschlussbericht der von den Vereinten Nationen eingesetzten „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“. Dieser Bericht trägt den Titel „Our Common Future“ und wird zumeist nach der Kommissionsvorsitzenden Gro-Harlem Brundtland (ehemalige norwegische Ministerpräsidentin) als Brundtland-Bericht bezeichnet. In diesem Bericht werden als Ursache globaler Umweltprobleme die Armut im Süden und eine nicht nachhaltige Produktions- und Konsumweise im Norden erkannt. Der Bericht ist zudem dafür bekannt, dass er das Leitbild einer Nachhaltigen Entwicklung entworfen und den Begriff der Nachhaltigkeit geprägt hat. Hier heißt es:
„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“4.
Über diese Klarstellung des Begriffs „nachhaltige Entwicklung“ (synonym: Nachhaltigkeit) hinaus wird im Bericht ausgedrückt, dass ein signifikanter Veränderungsprozess erforderlich ist, der Ressourcenverbrauch, Finanzströme, die Ausrichtung technologischer Innovation und institutionelle Strukturen betrifft.
Die oben zitierte Definition betont, dass die heutige Generation nicht über ihre Verhältnisse leben soll, damit zukünftige Generationen über vergleichbar gute Lebensbedingungen verfügen. Dies wird als intergenerative Gerechtigkeit bezeichnet. Weiterhin wird im Bericht adressiert, dass auch innerhalb eine Generation eine gerechte Verteilung stattfinden soll (intragenerative Gerechtigkeit). Und schließlich finden sich bereits in diesem Bericht die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit wieder: die ökonomischen, ökologischen und sozialen Lebensbedingungen werden explizit adressiert.
Die meisten Quellen sehen die ökonomische Nachhaltigkeit darin definiert, dass die Menschheit einen Bedarf an einem dauerhaft gesicherten Einkommen hat. Dies setzt voraus, dass sich die Summe des verfügbaren Kapitals – also z. B. Naturkapital oder Humankapital – nicht verringert.5 Unter ökologischer Nachhaltigkeit wird verstanden, dass die Menschheit ihre Bedürfnisse nur so befriedigen darf, dass die Kapazität der uns umgebenden Ökosysteme nicht überschritten wird, und die biologische Vielfalt nicht leidet6. Und hinter dem Begriff der sozialen Nachhaltigkeit steht das Verständnis, dass alle Menschen, in heutigen wie in zukünftigen Generationen, ihre menschlichen Grundbedürfnisse befriedigen können, und gleichzeitig elementare Prinzipien wie Gleichheit, soziale Gerechtigkeit oder soziale Sicherheit Anwendung finden7.
Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit müssen miteinander in einen Ausgleich, in eine Zielbalance, gebracht werden. Sie werden im gleichen Jahr erstmals in einer Publikation in der bekannten Darstellungsform der drei sich überschneidenden Kreise dargestellt. In dieser Darstellungsform findet sich die Nachhaltigkeit in der Mitte zwischen den Kreisen. In späteren Publikationen findet sich zunehmend das bekannte „3-Säulen-Modell“ der Nachhaltigkeit. Eine dritte Darstellungsform der Abhängigkeiten zwischen den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit sind geschachtelte Ellipsen8. Sie drücken aus, dass Wirtschaft nur innerhalb der Gesellschaft stattfinden kann und von der Interaktion mit ihr abhängig ist. Die Gesellschaft wiederum kann nur innerhalb der planetaren Grenzen ihrer Umwelt handeln. Diese drei bekanntesten Darstellungen der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit finden sich in Abbildung 2.1.
Darstellungsformen der Dimensionen der Nachhaltigkeit9
(eigene Übersetzung)
Wenige Jahre nach Veröffentlichung des Brundtland-Berichts, im Juni 1992, fand in Rio de Janeiro die UNO-Konferenz für Umwelt und Entwicklung, auch als Weltgipfel bezeichnet, statt. Bei dieser, mit 10.000 Teilnehmern aus 178 Ländern größten Konferenz, wurde über die Zukunft der Erde beraten und es wurden Handlungsvorgaben für eine nachhaltige globale Entwicklung erarbeitet. Hierbei wurde die Nachhaltigkeit zum Leitprinzip der Politik ernannt. Die Rio-Deklaration besagt, dass wirtschaftlicher Fortschritt langfristig nur möglich ist, wenn der Umweltschutz beachtet wird. Dies wird von der Erkenntnis getragen, dass ein globaler Schutz der Umwelt wiederum nur möglich ist, wenn auch soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt werden. Weitere wichtige Ergebnisse der Rio-Konferenz sind die Klimarahmenkonvention als völkerrechtliche Grundlage für den globalen politischen Klimaprozess, die Agenda 21 als Aktionsprogramm für eine neue Entwicklungs- und Umweltpartnerschaft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, und die Biodiversitätskonvention zum Schutz der Vielfalt des Lebens auf der Erde.
Als Konsequenz aus den Umweltkonferenzen hat die deutsche Bundesregierung 2001 den „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ berufen, der die Bundesregierung zur Nachhaltigkeit berät und sich mit den verschiedenen Interessengruppen hierzu austauscht. Seither verfügt Deutschland über eine Nachhaltigkeitsstrategie, die nicht nur wichtige Handlungsfelder benennt, sondern auch Einfluss auf die praktische Politik gewonnen hat.
Auf dem sogenannten Millenniums-Gipfel im Jahr 2000 in New York beschlossen die 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen Ziele in den Bereichen Armutsbekämpfung, Frieden, Menschenrechte und Umweltschutz, die bis 2015 erreicht werden sollten. Hierfür wurden Maßnahmen definiert und Messkriterien festgelegt, um die Zielerreichung zu ermitteln. Im Abschlussbericht aus dem Jahre 2015 berichten die Vereinten Nationen von großen Erfolgen bei der Armutsbekämpfung, bei der Bildung, der Kindersterblichkeit und der Trinkwasserversorgung. Bemängelt wird eine weiterhin bestehende Armut und Ungleichheit und insbesondere die Zunahmen der Umweltzerstörung und des Klimawandels.10
Noch während der Laufzeit der Millenniums-Ziele wurde deren Umsetzung teils als schleppend bezeichnet, teils wurde auch inhaltliche Kritik geübt. Diese bezog sich beispielsweise darauf, dass die Ziele der industrialisierten Länder auf die Entwicklungsländer übertragen wurden und auch die Maßnahmen mehrheitlich von den Entwicklungsländern zu tragen waren. Ein internationales Expertengremium hat daraufhin die nächste Stufe an Entwicklungszielen entwickelt, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs), die 2015 von allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen angenommen wurden.11 Ein zentraler Satz in der Präambel der SDGs ist: „Wir versprechen, auf dieser gemeinsamen Reise, die wir heute antreten, niemanden zurückzulassen.“12 Im Vergleich zu den Millenniums-Zielen wurden bei den SDGs auch die entwickelten Länder stärker verpflichtet, bis 2030 ökonomische, ökologische und soziale Ziele zu erreichen. Die Ziele sind zudem vielfältiger und zu deren Umsetzung werden internationale Kooperationen eingefordert. Die SDGs sind zwar auf Länder ausgerichtet, doch ist zu beobachten, dass insbesondere auch große Unternehmen wie Allianz, SAP, BASF oder Daimler einzelne, für sie relevante Ziele, in ihre Nachhaltigkeitsstrategie übernommen haben.
Beispiel: Daimler AG
„Unsere Nachhaltigkeitsstrategie 2030 unterstützt die im September 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs). Zwar richten sich die SDGs zuallererst an Regierungen und Staaten, doch für die Erreichung der Ziele wird die Wirtschaft mit ihrer Innovations- und Investitionskraft eine wichtige Rolle spielen müssen. Bei der Neuausrichtung der Daimler-Nachhaltigkeitsstrategie haben wir uns daher auch an den SDGs orientiert und eine Fokussierung auf jene SDGs vorgenommen, die durch unser Geschäftsmodell uns unsere Wertschöpfungskette maßgeblich beeinflusst werden und bei denen wir tatsächliche Veränderung bewirken können.“
Quelle: Daimler AG (2020): Nachhaltigkeitsstrategie und Sustainable Development Goals, www.daimler.com/nachhaltigkeit/strategie.html, Zugriff 30.07.2020
Die Nachhaltigkeit gewann in den letzten Jahren auf sehr unterschiedlichen Ebenen eine immer stärkere Wahrnehmung und Bedeutung. Das liegt auch daran, dass die Wissenschaft zunehmend klar herausgearbeitet hat, dass die Menschheit bereits in verschiedenen Bereichen die planetaren Grenzen erreicht hat.13 Eine sehr interessante Initiative, En-ROADS, stammt wiederum vom MIT, gemeinsam mit Climate Interactive. Beide haben einen wissenschaftlich fundierten und systemisch basierten, im Internet verfügbaren Simulator entwickelt. In dieser Anwendung kann ein jeder nachvollziehen, wie sich politische und technologische Entscheidungen auf zentrale Problemfelder des Umweltschutzes, beispielsweise die Klimaerwärmung, auswirken.14
Die letzte größere Bewegung, deren mittel- und langfristigen Auswirkungen abzuwarten bleiben, ist Fridays for Future. Sie entstand 2018 als weltweite Jugendbewegung mit einer sehr großen medialen Wahrnehmung und der Forderung an Politik und Gesellschaft, kurzfristig elementare Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels und zum Umweltschutz zu ergreifen.
Der Begriff der Nachhaltigkeit definiert sich aus der gesellschaftlichen Perspektive heraus und ist somit eine gestalterische Aufgabe der Politik. Als zentraler Akteur kann die Politik beispielsweise Verbote und Regeln erlassen, Steuern erheben und Subventionen gewähren. Die staatlichen und überstaatlichen Aktivitäten können jedoch nicht losgelöst von der Wirtschaft und von den Unternehmen gesehen werden. Unternehmen leisten einen ganz wesentlichen Beitrag zum Wohlstand einer Gesellschaft, verursachen zugleich aber auch soziale Verwerfungen und globale Umweltschäden. „Unternehmen kommt dabei eine Schlüsselrolle als Motor zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele zu. Sie prägen mit ihren Produkten und Lösungen in besonderem Maße die Gesellschaften und wie wir leben – heute und in Zukunft.“1
Eine wichtige Rolle bei der Definition diese Verantwortung der Unternehmen, auch „Corporate Social Responsibility“ (CSR) genannt, spielt die Europäische Kommission. 2001 veröffentlichte die Europäische Kommission ein Grünbuch zum Thema CSR. Hier wurde CSR definiert als ein „Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihrer Tätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit ihren Stakeholdern zu integrieren“2. Im Verlauf der nächsten zehn Jahre zeigte sich, dass diese weiche, unverbindliche und auf Freiwilligkeit basierende Beschreibung nicht hinreichend wirksam war. So wurde im Jahr 2011 eine deutlich verbindlichere Definition aufgestellt: hiernach ist CSR „die Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“3. Ergänzend wird angemerkt, dass Unternehmen versuchen sollen, die Wertschöpfung zum Nutzen des Unternehmen UND der Gesellschaft zu optimieren und negative gesellschaftliche Auswirkungen verbindlich zu verhindern oder zumindest abzumildern.4
Die Aktivitäten der EU werden flankiert durch unterschiedliche Richtlinien und Direktiven. Seit 2017 gilt beispielsweise europaweit für alle Unternehmen ab 500 Mitarbeitern die Richtlinie zur Offenlegung nicht-finanzieller Informationen. Seither sind diese Unternehmen, und vielfach auch ihre Lieferanten und Geschäftspartner, verpflichtet, über ihre Nachhaltigkeit zu berichten.5
Hieraus ergibt sich die zentrale Frage an die Betriebswirtschaft, wie sich Nachhaltigkeit in den Unternehmen umsetzen lässt. Nachhaltigkeitsmanagement in Unternehmen lässt sich, in Anlehnung an die Definition des Brundtland-Berichts, folgendermaßen definieren:
„Nachhaltigkeitsmanagement umfasst alle Aktivitäten eines Unternehmens zur Erarbeitung, Gestaltung und Steuerung einer dauerhaft tragfähigen ökonomischen Entwicklung im Einklang mit den Anforderungen der Bereiche Ökologie und Soziales, und zwar dergestalt, dass sie die Bedürfnisse der heutigen Generation berücksichtigen, ohne künftige Generationen der Möglichkeit zu berauben, ihre eigenen Wünsche zu erfüllen.“6
Das 3-Säulen-Modell gilt somit also nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf betriebswirtschaftlicher Ebene. Nachfolgende Tabelle zeigt beispielhaft, welche Aspekte dabei für die jeweilige Nachhaltigkeits-Dimension in Unternehmen eine wichtige Rolle spielen.
Dimension
Betriebswirtschaftliche Aspekte (Beispiele)
Ökonomische Nachhaltigkeit
Langfristiger Kapitalerhalt
Angemessene Rendite
Kostenoptimierung über den Lebenszyklus von Produkten
…
Ökologische Nachhaltigkeit
Geringe Schadstoffemissionen
Geringer Ressourceneinsatz
Kreislaufwirtschaft & Recycling
Langlebigkeit
…
Soziale Nachhaltigkeit
Mitarbeiterzufriedenheit
Sichere Arbeitsplätze
Steuerzahlungen
Soziales Engagement
Ethische Verantwortung
Arbeitsschutz
…
Beispiele für die betriebswirtschaftliche Ebene der Nachhaltigkeit
Gerade in den Wirtschaftswissenschaften wird vielfach Wert darauf gelegt, auf Basis eindeutiger Zielbeziehungen klare Entscheidungen zu treffen. Dies ist für Aspekte der Nachhaltigkeit oftmals schwierig, da es in vielen Fällen noch keine klare wissenschaftliche Referenz für eine zulässige „Dosis“ gibt, die sich für ein Unternehmen operationalisieren ließe. Ein Beispiel für eine positive Ausnahme ist der Klimawandel, und die Initiative „Science Based Targets“. Dieser Ansatz, den Stand 2020 bereits mehr als 1.000 führende Unternehmen weltweit einsetzen, erlaubt, aus dem wissenschaftlich berechneten Budget an zulässigen Klimagas-Emissionen für die kommenden Jahre ganz konkrete Emissions- und Reduktionsziele für das eigene Unternehmen zu berechnen, um den angemessenen eigenen Beitrag zum Einhalten des 2-Grad-Ziels zu leisten.7
Solche Zielbeziehungen zu untersuchen erlernt man bereits in den Einführungsveranstaltungen zur Betriebswirtschaftslehre. Der nächste Schritt ist es dann, Zielkonflikte zu klären und eindeutige Rangordnungen von Zielen zu erstellen. Zugegebenermaßen basiert dies auf einer recht mechanistischen Vorstellung von einem Unternehmen. Auf Basis eindeutiger Zielsysteme, exakt definierter Nebenbedingungen und vollständiger Informationen lassen sich zwar modelltheoretisch saubere Lösungen erarbeiten, doch mit der Wirklichkeit in den Unternehmen hat dies zumeist nicht mehr viel zu tun. Im Alltag sind wir es hingegen sehr wohl gewohnt, mit Ungenauigkeiten, mit fehlenden Informationen und mit Widersprüchen umzugehen. Und auch zahlreiche Unternehmen schaffen es, einen guten Ausgleich zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Belangen herzustellen, auch wenn zwischen diesen Widersprüche bestehen können. Anstatt die Ziele gegenseitig aufzurechnen, geht es vielmehr um die Ausgewogenheit und um eine tragfähige Zielbalance. Überträgt man also das 3-Säulen-Modell auf die Unternehmen, lässt sich der Erfolg des Unternehmens nicht an der Maximierung einer einzigen Spitzenkennzahl ausrichten.8
Beispiel: Eferest GmbH
„Nicht immer sind Entscheidungen dabei frei von Zielkonflikten – unser Anspruch ist es, diese transparent zu machen und die bestmögliche Lösung zu finden. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den natürlichen Ressourcen, zielgerichtete Investitionen in zukunftsfähige Technologien, die profitables Wachstum ermöglichen und unseren Kunden einen Wettbewerbsvorteil bieten, sowie eine Unternehmensethik, die über das Einhalten von Recht und Gesetzen hinausgeht und Integrität in den Mittelpunkt stellt: So wirtschaften wir nachhaltig und schaffen zugleich die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft unseres Unternehmens“.
Quelle: Eferest GmbH, www.eferest.de/unternehmen/nachhaltigkeit/, Zugriff 30.07.2020
Damit gelangen wir zu einer gewichtigen Erkenntnis für die Nachhaltige Betriebswirtschaft. Ökologische und soziale Ziele sind nicht nur weitere Vorgaben für das Unternehmen, quasi zusätzliche Leitplanken, die den Handlungsspielraum im Management noch weiter einengen. Es wird also nicht in dem nun engeren Freiraum weitergearbeitet wie bisher. In dieser traditionellen Denkweise sollten wir nicht von einer Nachhaltigen Betriebswirtschaft sprechen. Vielmehr ändern sich durch die ausgewogene Berücksichtigung der Nachhaltigkeit die Unternehmensziele und damit auch die Entscheidungen und die Maßnahmen.
In der Praxis ist zu beobachten, dass viele Unternehmen sich noch gegen eine solche Veränderung der Unternehmensstrategie sträuben und versuchen, ihre alten Geschäftsmodelle zu verteidigen. Dies liegt auch daran, dass bei Veränderungen der Fokus oft stark auf die Risiken ausgerichtet ist. Unbestritten bietet diese anstehende Transformation wirtschaftlichen Handelns jedoch auch jede Menge Chancen für Unternehmen. Beispielsweise kann sich eine Veränderung des Geschäftsmodells über die Einführung signifikant umweltfreundlicherer Produkte sehr positiv auf die Absatzentwicklung und den wirtschaftlichen Erfolg auswirken.
Beispiel: Siemens AG
Die Siemens AG machte im Jahr 2019 44 % ihres Umsatzes mit Produkten, Systemen, Lösungen und Dienstleistungen aus seinem Umweltportfolio. Um in das Umweltportfolio aufgenommen zu werden, müssen die Portfolio-Elemente nachweislich 20 % energieeffizienter sein als eine Vergleichslösung, oder in Summe bei den Kunden jährlich mindestens 100.000t CO2 einsparen. Alleine im Jahr 2019 sparte die Nutzung dieser Angebote bei den Kunden 637 Millionen Tonnen an CO2 ein. Zum Vergleich: dies entspricht mehr als einem Prozent der globalen Gesamtemissionen im Vergleichszeitraum.
Quelle: Siemens AG, Nachhaltigkeitsinformationen 2019, https://assets.new.siemens.com/siemens/assets/api/uuid:653997b6-8d38-49bf-9454-5f469c27250a/siemens-nachhaltigkeitsinformationen-2019.pdf, Zugriff 15.10.2020
In den Unternehmen zeigen sich zwei wesentliche Motive für ein nachhaltiges Engagement. Die Nachhaltigkeit im ethischen Sinne, bei der das Management aus einer inneren, werteorientierten Entscheidung ein Unternehmen nachhaltig steuert. Im Unternehmen dominiert eine moralische Überzeugung, dass nur ein gesellschaftlich und ökologisch verantwortliches Handeln akzeptabel ist. Bei der Nachhaltigkeit in einem funktionalen Sinne steht hingegen das rationale Kalkül im Vordergrund, dass sich Nachhaltigkeit wirtschaftlich rechnen muss. Mögliche negative Reaktionen der Stakeholder und finanzielle Belastungen durch zugefügte ökologische Schäden werden in unternehmerischen Entscheidungen berücksichtigt. In diesem funktionalen Sinne ist man nachhaltig, weil es wirtschaftlich ratsam ist. In den Unternehmen findet man beide Ausprägungen, zum Teil auch innerhalb einzelner Unternehmen. In der Nachhaltigen Betriebswirtschaft findet man daher auch beide Motive.
In vielen Unternehmen ist die Nachhaltigkeit eine fest etablierte Größe. Es werden Nachhaltigkeitsziele formuliert, Maßnahmen abgeleitet und in Nachhaltigkeitsberichten die Ergebnisse dargestellt. Etablierte Begriffe sind etwa die oben erwähnte „Corporate Social Responsibility“, die „Compliance“ (Einhaltung gesetzlicher, gesellschaftlicher und selbst gesetzter ethischer Standards) sowie „Corporate Citizenship“ (lokales gesellschaftliches Engagement). Mittlerweile kann es sich kein größeres Unternehmen mehr erlauben, sich in der Nachhaltigkeit nicht aktiv zu positionieren. Dies kann auf der inneren Überzeugung der Entscheidungsträger basieren, oder auch auf Druck von Kunden, Mitarbeitern, Geschäftspartnern, Investoren, der Öffentlichkeit, der Internet-Community oder der regionalen und überregionalen Politik. Schließlich werden häufig bei Ausschreibungen oder bei der Anbahnung strategischer Partnerschaften Zertifikate vorausgesetzt, welche die Erfüllung sozialer oder ethischer Anforderungen bescheinigen (z. B. ISO 14001, EFQM, SA8000). Die Nachhaltigkeit ist in den Unternehmen also angekommen. Damit ist es auch die Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre, sich den vielseitigen Facetten der Nachhaltigkeit anzunehmen.
