Nachklang - Karin Eger - E-Book

Nachklang E-Book

Karin Eger

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Beschreibung

Ende der neunziger Jahre. Die junge, ehrgeizige Ellie Becker ist in der Marketingabteilung eines Großkonzerns angestellt. Das digitale Zeitalter ist angebrochen, und Ellie gehört zu den Vorwärtsdenkern in ihrem Team. Doch während sie versucht, alle Kräfte zu sammeln, um es mit dem konservativen Vorstand aufzunehmen, muss sie sich um ihren Vater kümmern, der als gescheiterter Unternehmer am Abgrund lebt. Zwischen dem Glauben an sich selbst und der Angst vor seinem Erbe liegen oft nur ein paar Gedanken. Ihr Vater wollte sie zur Pianistin ausbilden, doch sie hat seine hohen Ziele nie erreicht. In ihrem Job kämpft sie jetzt um den Erfolg, nach dem sie sich seit ihrer Kindheit sehnt. Da begegnet sie dem Mann, der ihre Karriere in der Hand hat, und verliert in nur einer Nacht die Kontrolle über ihr Leben. Jahre später. In ihrer Ehe mit dem Topmanager Theo Schmidt geht Ellie durch Höhen und Tiefen. Ihre hungrige Seele und seine geschäftliche Getriebenheit sind nicht in Einklang zu bringen. Er kennt ihre Ängste und weiß sie zu lenken. Erst als Ellie in die Abgründe der elitären Unternehmerfamilie blickt, in die sie eingeheiratet hat, kommt sie ihren eigenen inneren Fesseln auf die Spur und beginnt, sie zu lösen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Karin Eger

Nachklang

Roman

© 2017 Karin Eger

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-7019-3

Hardcover:

978-3-7345-7020-9

e-Book:

978-3-7345-7021-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Titelfoto und Gestaltung © 2017 Michael Eger

Für Andy †

Freedom is a road not an exit.

Teil 1

Spanien,

Dezember 2011

Inselnacht

Sanft setzen wir auf der nassen Landebahn auf. Die Bremsen quietschen und einige nimmermüde Urlauber klatschen und jubeln, beschwingt von ihren Piccolos. Wir sind in eine spanische Nacht gesunken. Links funkelt das Flughafengebäude weihnachtlich durch den Nieselregen. Der Moment des Eintreffens auf der Insel sollte mir vertraut sein, doch ich fühle mich wie ein Eindringling. Das dunkle Land, das sich jenseits der Scheinwerfer ausbreitet, hat mich diesmal nicht eingeladen.

Es ist der zweite Dezember. Meine drei Kinder haben keine Adventskalender bekommen, aber sie haben sich nicht beschwert, nicht einmal die Kleine. Sie haben mich nicht gefragt, wann ich wiederkomme. Sie vertrauen darauf, dass ihre Tante Charlotte ihnen in ihrem vorsichtigen Erklärton alle Fragen beantworten wird, die sie auszusprechen wagen.

Ob ich mich nicht fürchte ganz alleine, war das Einzige, was mein Großer noch wissen wollte, bevor er wieder seinem Basketball hinterherlief. Nein, Darius. Meine Angst ist ausgestanden. Wovor soll ich mich noch fürchten? Alles, was mich eben noch bedrohte, ist einfach geschehen.

Die Kabinenbeleuchtung und eine fröhliche Musik springen an. Sobald ich aus dem Flugzeug raus bin, spurte ich los, als würde mich draußen in der Ankunftshalle jemand sehnsüchtig erwarten. Jemand, der sich mit aufflackerndem Herzen schon vorstellt, wie ich ihm gleich um den Hals fallen werde. Ich renne mit meiner schweren Tasche durch die endlosen Gänge des Flughafens, vorbei an den Laufbändern, wo träge ältere Herrschaften ein Durchkommen verhindern. In wilden Schlenkern weiche ich erwartungsfrohen Familien aus, laufe den Vätern und Müttern, die ihre Kleinen fest an den Händchen halten, vor die Füße, sodass sie erschrocken ihre hopsenden Kinder zu sich heranziehen, damit ich sie nicht umschubse. Ich schaue mich nicht mal um. Heute gehöre ich zu den Kinderlosen, denen das Gewusel der Winzlinge im Weg ist.

Wie oft haben Theo und ich mit Engelsgeduld unsere Kinder hier durchgeschleust? Sie immer wieder angetrieben und gelockt mit den Aussichten auf unser Haus, die Schaukeln, die Orangenbäume, den Pool. Nur nicht ausrasten, wir sind ja im Urlaub. Endlich mal ein paar Tage Zeit haben für unser fabelhaftes Trio.

Wenn wir schließlich am Gepäckband standen, mussten wir immer wieder die beiden Jungs einfangen, die entweder mit dem Gepäckwagen Formel Eins spielten oder sich aufs Band setzten, um mitzufahren. Nie ging ihnen der Blödsinn aus. Und immer ließen sie eine unglückliche kleine Schwester zurück, die nicht mitmachen konnte, weil ich sie nicht alleine laufen ließ, keine Minute. Sie war mir zu zart.

Nach Theos Vorbild reise ich heute nur mit Handgepäck, schleppe meine Sachen selbst, um Zeit zu sparen. Zeit, die ich nicht brauche, denn ich habe nichts damit vor. Irgendwann im Laufe der Nacht werde ich ankommen in unserem vereinsamten Haus, auf unserer Insel der Einigkeit, wo wir sie immer gesucht haben, die Zeit, um dem Wesen unserer Kinder auf die Spur zu kommen. Doch sie schwirrte über unsere Köpfe hinweg wie die großen schwarzen Käfer, die den Luftraum um unser Haus bevölkerten. Kaum hörte man sie anschwirren waren sie schon eine Ecke weiter.

Statt am Band warte ich diesmal in der Schlange bei der Autovermietung. Ich habe Friedrich, unserem Nachbarn, nicht Bescheid gesagt, dass er mich mit unserem klapprigen Renault abholen soll. Ich möchte erst mal niemanden sehen. Außerdem wüsste ich wahrlich nicht, was ich tun sollte, wenn der Renault seine Macken kriegt. Es ist niemand mehr da, der gerne unter seiner Motorhaube Puzzlespiele spielt.

Friedrich und seine Frau Sylvie besuchten uns eines Abends, als wir letzten Sommer hier waren. Sie wunderten sich, dass die Kinder nicht dabei waren, fragten aber nicht weiter nach. Theo und ich bewirteten unsere Freunde, stellten eine Flasche Rioja auf den Tisch, rührten aber selbst nichts davon an.

Diesmal ließ sich die Zeit in ihrer ganzen Schwere auf uns nieder und fühlte sich an, als wäre sie nicht mehr vom Fleck zu bewegen. Doch wir ahnten, dass dies nur ihre dramatische Art war, sich zu verabschieden.

„Die ersten Wochen nach dem Tod eines Ehepartners sind nicht so schlimm. Man steckt in einer Ausnahmesituation, in der man zu stark gefordert ist, um in ein Loch zu fallen. Die Angst vor dem Zusammenbruch hält dich am Rotieren…“

Dieses Wissen teilten nach Theos Beerdigung Außenstehende mit mir, die Ähnliches noch nicht erlebt hatten. Schlimm sei es erst, wenn der Alltag zurückkehre, man jede einzelne Gewohnheit neu einschleifen müsse.

Sie hatten keine Ahnung.

Etwas so Luxuriöses wie Gewohnheiten hatte es in meinem Leben schon lange vor Theos Tod nicht mehr gegeben.

Vor drei Wochen standen dann all diese Verwandten, Bekannten, Mitarbeiter und Weggefährten vor der Aufgabe, mir und meinen Kindern ihr Beileid auszudrücken. Als ich vor dem Berg von Kondolenzkarten stand, widerstand ich nur schwer dem Reflex, sie ungelesen dem Kamin im Wohnzimmer zu übergeben. Stattdessen stapelte ich die Karten und band sie mit bunten Geschenkbändern zusammen. Sie sollen nicht anonym im Feuer schmoren. Ich will vorher prüfen, ob ihr jeweiliger Absender diese Vollstreckung tatsächlich verdient. Daher habe ich sie jetzt dabei.

Nachdem sich in ansteigenden Passagen immer wieder das nahende Bergland angedeutet hat, mündet die vierspurige Straße in eine ganze Serie von Kreisverkehren. Der dritte Kreis ist unserer. Hier verlässt man die Hauptader und fädelt sich ins dunkle Hinterland ein. Die hier verstreuten Häuser sind unbeleuchtet, denn die Bauern schlafen und die urigen kleinen Restaurants, die in den Reiseführern als „Geheimtipp“ gehandelt werden, haben geschlossen. Selbst die meisten Finca-Besitzer sind zu Hause in Deutschland, Österreich oder England. Das stürmische Wetter weist sie ab. Es gibt ein paar Aussteiger in dieser Gegend, die in ihrem Ruhestand aus den ungemütlichen Ländern komplett übergesiedelt sind. Doch auch sie rühren sich selten aus ihren Refugien und ernähren sich von Eingelagertem. Es sind meist ehemalige Erfolgsmenschen wie Friedrich und Sylvie, die sich ihre Genießerseele bewahrt oder sie spät entdeckt haben. Sie brauchen keinen sozialen Spuk mehr. Ihre tiefe Zufriedenheit mit ihrem zurückgezogenen Leben, das sich nur um diesen einen gemeinsamen Fluchtpunkt dreht, hat mich immer fasziniert.

Ich weiß, dass auch Theo gerne hier seine alten Tage verbracht hätte. Aber es war klar, dass es keinen gemeinsamen Lebensabend geben würde: schulpflichtige Kinder, die Firma, eine Frau, die noch mindestens zwei Jahrzehnte lang mitten im Leben stehen würde – es hat nie ein Konzept gegeben für die Zeit, wenn Theo alt sein würde.

Doch manchmal verriet Theo, dass er sich Gedanken machte: „Oh je, Ellie. Jetzt ist es nur die Brille, die ich ständig verlege. Irgendwann kommt das Gebiss dazu. Wenn es mal so weit ist, hast du die Erlaubnis, mich in einen Rollstuhl zu setzen und die nächste Klippe hinunter zu kippen.“

„Schreib das gleich auf und gib mir den Zettel, sonst vergisst du es wieder“, scherzte ich. Theo war allerdings kein bisschen vergesslicher oder zerstreuter als ich. „Du wirst nicht alt, Theo. Nicht für mich“, beruhigte ich ihn.

Er wurde nicht alt.

Das einsame Haus rückt näher. Fast hätte ich die Abzweigung verpasst. Mir ist, als wäre ich nicht wirklich hier. Als Kind glaubte ich, dass all das, was niemand bezeugen kann, gar nicht wirklich passiert. Wenn ich allein war, hatte ich das Gefühl, nicht wahrhaftig zu existieren. Ich befand mich in einer Schutzzone unterhalb der Wirklichkeit, in der Träume das wahre Leben sind, in der man vermintes Neuland betreten kann, schwebend wie ein Geist, ohne in die Luft zu fliegen. Deshalb wagte ich es mit zwölf Jahren, meinem älteren Bruder eine Schachtel Zigaretten zu klauen und mich damit auf den Speicher zu verziehen. Später folgten ein paar klebrige Porno-Hefte, die ich unter seinem Bett hervorgezogen hatte. Eines Nachts war es eine Flasche Wein aus dem Keller, die ich in meinem Kleiderschrank trank. Jeden Abend ein paar Schluck. Alles verboten. Nichts, was der braven Elisabeth ähnlich sah.

Die Zigaretten wurden nie angesprochen. Wahrscheinlich hat mein Bruder gedacht, meine Mutter habe sie beim Putzen gefunden und weggeworfen. Die Hefte legte ich noch in der selben Nacht zurück. Meine Rauschzustände schlief ich aus und die leere Flasche brachte ich zu all den vielen anderen, die mein Vater in einem großen Sack in der Garage sammelte. Meist brachte er den Sack selbst zum Container, damit meine Mutter die Flaschen nicht zählen konnte. Er trank alleine.

Ich genieße das vertraute Geräusch der Räder auf dem feinen Schotter der breiten Auffahrt, als ich zum Haus rolle. Es klingt für mich immer wie sanftes Trommeln, das ein großes Hallo einleitet. Genau hier habe ich sie immer kommen gespürt, die Freude. Beim Aussteigen sogen wir den friedlichen Duft der Pinien und Mittelmeerkräuter ein. Endlich konnte nichts mehr kommen zwischen uns und ein paar lange, idyllische Tage.

Ich betrachte das Haus, das sich stolz und wie immer völlig unberührt gegen den Nachthimmel erhebt. Es verzieht keine Miene, als ich ohne Theo aus dem Auto steige und die verklemmte Doppeltüre aufsperre, deren Flügel man immer exakt zueinander ausrichten muss, da sonst der Riegel nicht zu bewegen ist. Es lässt mich eintreten in seine kühle, abgestandene Raumluft. Immer riecht es hier ein bisschen nach feuchten Wänden. Erleichtert stelle ich fest, dass mir das alte Gemäuer die Versöhnlichkeit einer Heimat nicht verweigert.

Klappkarten

Das feuchte Holz scheint sich über mich zu amüsieren. Ich muss fast zwei vollständige, dicke Wochenzeitungen aus dem letzten Sommer zu fünfzig Papierbällen zerknüllen und anzünden, bis es endlich heiß genug ist, um eine kleine Flamme zu übernehmen. Im Haus ist es deutlich kühler als draußen. Die klamme Kälte kriecht aus den Wänden.

Theo liebte und beherrschte die Kunst des Feuermachens, daher gibt es auch keine Anfeuerhilfen außer alten Zeitungen. Tagsüber wurde Reisig und dünnes Holz im Wald gesammelt. Das war immer die Aufgabe unserer Söhne Darius und Kilian. Abends musste einer von beiden unter Anleitung von Theo das Feuer in Gang setzen. Darius hörte zu, vollzog die einzelnen Schritte präzise und geduldig, notfalls drei Mal hintereinander, wenn sein Vater feststellte: „Da muss mehr Raum unter den Scheiten sein, damit die Luft reinziehen kann.“ – „Das dünne Holz muss nach unten, Darius.“ – „Nicht so hinstellen – sonst fällt es um und purzelt raus. Das muss schon stabil stehen! Oder willst du, dass der Teppich brennt?“

Kilian hörte sich all das an und wusste, dass er am nächsten Tag dran wäre. Und wir alle wussten, dass der Spaß dann keiner mehr sein würde, denn unser jüngerer Sohn verdrehte bei Anweisungen seines Vaters grundsätzlich die Augen und tat, was er selbst für richtig hielt. Bevor das Feuer schließlich brannte, musste ich mehrfach einschreiten: „Es ist doch egal, wie er es macht, Theo. Hauptsache das Ergebnis stimmt!“ Es dauerte Jahre, bis mein Mann einsah, dass dieser rituelle Kampf es nicht wert war, unser gemütliches Zusammensein in Gezeter auflodern zu lassen.

Endlich habe ich das Holz zum Brennen gebracht. Im CD-Player liegt noch die Musik der Sommerwochen. Ich schalte sie ein. Debussy. Mir fällt ein, was Theo über das Stück und seinen Komponisten gesagt hat: „Er möchte mir den Tod als Heil verkaufen.“ Ich frage mich, was für einen Tod er sich dabei vorgestellt hat, denn die plätschernden Klänge scheinen mir eher das fließende Leben und Werden zu beschreiben. Ich sehe einen rieselnden Bach, in dem die Sonne glitzert, das weiche, blütenbestückte Gras an seinem Ufer. Eine Schönheit, eine Ewigkeit, wie sie nicht lebensnäher sein könnte. Vielleicht steckt die Gewissheit vom Tod genau hier, in den kleinen, fast schon gleichgültigen Lebendigkeiten.

„In der Frucht seiner Liebe und seiner Arbeit wird er weiterleben“, hat meine Schwägerin Iris auf die linke Innenseite der Klappkarte geschrieben. Ein alter Baum spreizt sinnlos seine kahlen Äste im Nebel. Er weiß nicht mehr, warum er immer noch stehen muss, vermutlich bis ans Ende aller Tage, wo er doch so müde ist und die Welt so unscharf. Unter ihm steht: In stiller Anteilnahme.

Liebe Ellie, lieber Darius, lieber Kilian, liebe Nell,

von ganzem Herzen senden wir Euch unsere Gedanken und unser Beileid. Leider ist geteiltes Leid nicht halbes Leid, und wir können euch den Verlust Eures lieben Ehemanns und Vaters nicht erleichtern, auch wenn wir das gerne tun würden. Doch Ihr solltet wissen, dass auch wir unendlich trauern um unseren Bruder und Schwager.

Wir sind dankbar, dass ein so außergewöhnlicher Mensch wie Theodor Schmidt Teil unseres Lebens war. Er hat so viel geleistet. Doch sein größter Wunsch war, dass ihr glücklich werdet. Wir hoffen, ihr werdet ihm diesen Wunsch erfüllen.

In Liebe

Lothar und Iris

Wie immer scheint Iris’ mahnender Zeigefinger über ihren Sätzen zu schweben. „Leisten“ – das ist ihr Wort! Was hat er nicht alles geleistet. Ohne ihn wärst du ein Nichts, liebe Ellie. Jetzt erfüll ihm den letzten Wunsch und werde glücklich! Und sorge vor allem dafür, dass seine Nachkommen glücklich werden. Dann hast du wenigstens etwas Sinnvolles für ihn getan.

Als ich Theo kennenlernte, hatte er mit seinem Zwillingsbruder und dessen Frau Iris seit fast zehn Jahren kein Wort mehr gewechselt. Den Draht nahm er erst wieder auf, als es offiziell war, dass ich ein Kind von ihm erwartete. „Lothar hat ein Recht zu erfahren, dass ein weiterer Familienerbe unterwegs ist“, erklärte er mir.

Er fuhr nach Heilbronn. Ich wusste, dass nicht alle Brücken zwischen den Brüdern abgebrochen waren: Es gab die jüngere Schwester, Charlotte, die mit beiden Kontakt hielt, und die Firma, die allen drei Geschwistern gehörte, die Theo aber nur noch samstagvormittags betrat, wenn er sich mit dem Geschäftsführer traf.

So richtig verstehen konnte ich die Beziehung zwischen den Geschwistern ohnehin nicht. Charlotte hatte mir schon bei unserer ersten Begegnung sogar noch von einem dritten Bruder erzählt, den Theo mir bis dahin verschwiegen hatte. „Warum hast du eigentlich Matthias noch nie erwähnt?“, fragte ich Theo, weil es mich reizte, die mysteriösen Verwicklungen der Familie ans Licht zu holen.

„Da gibt es wenig zu erwähnen, ich kenne ihn kaum. Er kam auf die Welt, als ich schon ausgezogen war. Vor fünfzehn Jahren hat er sich verabschiedet.“ Mehr erfuhr ich nicht von ihm.

Von seinem Besuch bei Lothar und Iris kam Theo erstaunlich entspannt zurück, ganz anders als er aufgebrochen war. Offenbar hatten sie ihm sogar zugeredet, sich wieder persönlich im gemeinsamen Unternehmen zu engagieren.

„Und was sagen sie zum Erben?“

„Es kam natürlich die Frage, ob ich auch sicher der Vater bin.

Wir werden es doch schriftlich brauchen.“

„Kein Problem. Das kriegen sie schriftlich”, versicherte ich ihm, woraufhin er mir die Prozedur eines Vaterschaftstests beschrieb, über die er sich offenbar schon im Detail schlaugemacht hatte. Heute wundere ich mich darüber, dass mich das damals nicht berührte. Aber ich war jung, verliebt und wollte nur uns beide und unser Wunderkind.

Jahrelang haben Lothar und Iris zu viel Platz in unserem Leben negativ besetzt. Unsere Energie verschwand im Sog des aufreibenden Verhältnisses zu ihnen wie in einem großen schwarzen Loch. Der Umgang miteinander in der Firma, wo Lothar einer von zwei Geschäftsführern war und Iris die Key-Account-Managerin, war so angespannt, dass keiner großartig Lust hatte auf private Zusammenkünfte. Erst als Theo offen über seine Krankheit sprach, kehrte ein verzweifelter Frieden ein.

„Sie haben es offenbar begriffen”, sagte ich zu Theo. „Wofür haben euer Vater und Großvater so hart gearbeitet? Doch allein dafür, dass es allen in der Familie gut geht. Nicht dafür, dass ihr euch gegenseitig ins Grab bringt mit eurer Missgunst.“

Theo nahm meine Hand und wiederholte zum hundertsten Mal: „Versprich mir, dass du dich weiterhin um unseren Teil der Firma kümmern wirst.“ Dabei überwand er stimmlich sogar die Leblosigkeit, die ihm in sein fahles Gesicht geschrieben war. Ich weiß heute, wie man den Krebs von der Haut ablesen kann. Ich erinnere mich genau an das erste Mal, als ich ihn anblickte und diese Farbleere wahrnahm. Etwas ist anders, dachte ich mir da. Etwas ist nicht gut.

„Tu es für unsere Kinder. Lass nicht locker. Du musst sehr stark sein, wenn ich nicht mehr kann, Ellie”, bedrängte er mich weiter.

Doch die Zeiten waren hart, und ich war nicht stark. Ich fürchtete um ihn, ich litt mit ihm, ich trauerte um unsere Familie und hatte keine Ahnung, wie ich angesichts all dieses Entsetzens meinen Teil dazu beitragen sollte, ein Unternehmen mit achthundert Mitarbeitern durch eine epochale Krise zu führen.

„Ich verspreche es“, sagte ich.

Wenn er morgens nicht aufstehen konnte und ich bei ihm bleiben wollte, zwang er mich zu gehen.

„Du musst jetzt leben für uns beide, Ellie“, sagte er dann.

„Mach weiter, gib nicht auf.“

Nachts träumte ich, dass ich im treibenden Sand vor einer riesigen schwarzen Welle davonzulaufen versuchte, die in rasendem Tempo hinter mir her jagte. Immer wieder der gleiche Traum. Ich rannte und schrie, rannte und schrie, und kam nicht vorwärts. Meine Beine versanken bleischwer, meine Lunge nahm keine Luft mehr auf.

Die Flammen lassen die graue Karte mit dem kahlen Baum im Nebel golden schimmern. Doch ihr Anblick lässt mich kalt. Lothar und Iris haben nicht mal eine leise Ahnung von dem, was Theo und ich durchgestanden haben. Mit zwei schnellen Handbewegungen landet ihre Beileidsbekundung im Feuer.

Draußen in der tiefen Dunkelheit der verlassenen Insel singt ein Vogel wunderschön einsam. Während seine Sequenz erklingt, gehört ihm die Nacht. Singt er, um einen Dynastieplan vorwärtszubringen? Oder tut er, was er tut, nur um die Nacht zu bereichern?

Ich sehe die Wüste, die vor mir liegt. Alles, was ich darin tun werde, um sie bewohnbar zu machen, werde ich für jemanden tun, der nicht mehr da ist. Während die Hitze des Feuers auf meine rechte Körperseite brennt wie die Wüstensonne, höre ich Theo, als säße er neben mir. „Schlaf nicht ein!“, sagt er. „Einer von uns muss funktionieren.“

Auf der nächsten Karte ist eine mit wenigen Kohle-Strichen gezeichnete, langstielige Rose zu sehen. Liegt sie oder steht sie? Sie krümmt sich ohne Lebensmut und sieht dabei bezaubernd aus. Im rechten unteren Eck steht in Schreibschrift geschrieben: Es ist schwierig, Worte zu finden.

Die Karte klappt nach oben auf.

Daniel Schweizer muss lange überlegt haben, das sieht man an den Wortabständen, die sehr weit gehalten sind. In Konferenzen ist er ein wahrer Formulierungskünstler, doch den Trost auf diesem kleinen Raum in Worte zu fassen, hatte sich offenbar schwierig gestaltet.

Liebe Ellie,

in diesen Tagen muss ich ohne Unterbrechung an Dich und Theo denken. Ich denke an Eure Anfänge. Um ein Haar hättet Ihr Euer Glück verpasst, wäre ich Deinem Geheimnis damals nicht auf die Spur gekommen. Sei mir nicht böse, wenn ich ein bisschen stolz darauf bin.

Leerraum. Denkpause.

Liebe Ellie, meine Gedanken sind bei Dir und Euren Kindern. Es kommt eine schwere Zeit auf Dich zu. Lass mich wissen, wenn ich Dir helfen kann.

Dein Daniel

Seit wann war ich mit meinem früheren Chef per Du? Seit wann war er Daniel für mich? Mein Mann hatte ihn mit Vornamen angesprochen, doch nur wenn sie sich auf neutralem Grund befanden. Auf der Beerdigung hatte Daniel Schweizer mich lange umarmt. Über die Geschichte von Ellie Becker und Theo Schmidt wusste er mehr als alle anderen Trauernden und es gab eine Art verschworene Intimität zwischen uns. Seine Frau Stefanie stand neben ihm, ergriff herzlich meine Hände und blickte mir in die Augen mit einer Sie-schaffen-das-Botschaft im Blick.

Daniel gehört zu den wenigen Leuten, für die ich schon Bedeutung hatte, bevor ich Frau Becker-Schmidt wurde, die Frau mit dem stillen Minus im Namen.

Beckers blinder Fleck

Damals saß ich mit feuchten Händen in seinem engen Büro zwischen kahlen, hellgrauen Wänden, wo wir häufig gemeinsam gesessen hatten, um die Zukunft unseres Arbeitgebers schön bunt zu malen. Ich wusste nicht, wie ich herausrücken sollte mit den Tatsachen, die ich nicht mehr ändern konnte. Wie immer fiel mein Blick zuerst auf das Foto im Aluminiumrahmen, das an der linken Wand auf einem Sideboard stand. Es zeigte eine strahlende, dunkelblonde Frau, die jeden ihrer beiden Arme um ein süßes goldgelocktes Mädchen geschlungen hatte, Schweizers Töchter. Konnte diese mit so bezaubernden Geschöpfen gesegnete Mutter überhaupt jemals einen schlechten Tag haben? Ob ich auch mal so ein reizendes Püppchen haben würde?

Daniel Schweizer hatte an mich geglaubt. Er hatte mir ein Projekt anvertraut, mit dem sein eigener Status stand und fiel: den Aufbau der ersten bereichsübergreifenden Internetseite des Unternehmens, in dem wir beide unsere Karriere verfolgten. Er hatte auf mich gesetzt, darauf, dass ich alles geben würde, dass ich nicht krankmachen, nicht abspringen und nicht anfangen würde zu pokern für die nächsten zwei bis drei Jahre. Er hatte sich dabei immer so partnerschaftlich verhalten, nur selten den Chef gegeben, sich gesorgt um mein Schlafquantum, wenn ich Abend für Abend im Büro blieb, um weiter zu tüfteln. Er brachte mir Cola und Snacks. Er rief mich abends um elf von zu Hause aus an und sagte: „Jetzt ist aber gut, Frau Becker.“

Nur wenige Wochen später würde er unsere Arbeit vor dem Vorstand präsentieren müssen. Das ganze Team befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Euphorie und Erschöpfung. Einmal fühlten wir uns wie Internet-Pioniere, dann wieder mussten wir zusehen, wie ein Konkurrenzunternehmen einen Auftritt präsentierte, der richtig gut durchdacht war – vor uns! Wir waren Versager. Der Vorstand würde uns alle entlassen und die wahren Cracks anheuern. Es war ein Dauerlauf ohne Atempause.

Ich wusste, dass die drei Schönheiten auf dem Foto zu Hause auf ihn warteten. Seit einiger Zeit hatten sie Namen: Stefanie, Julia, Johanna. Ich hatte eine Hemmschwelle überschritten und ihn danach gefragt. Seither waren wir ein kleines bisschen privater im Umgang.

Ich hatte ihn schon am Morgen angerufen: „Herr Schweizer, ich müsste heute mal mit Ihnen sprechen.“ Zwar hätte ich ihm noch nicht mitteilen müssen, was mit mir geschehen war, ich hätte noch Zeit gehabt. Aber ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen, ohne das Gefühl zu haben, er könnte aus mir herauslesen, dass ich nicht mehr dieselbe war wie noch vor wenigen Tagen.

„Worum geht es?“ Er war im Stress. Er musste Prioritäten setzen. Alles, was nicht kriegsentscheidend war, wurde verschoben auf danach.

„Es ist persönlich. Es ist wichtig. Nur ein paar Minuten”, bat ich.

„Okay, ich sag Ihnen Bescheid, wenn ich Zeit habe.“

Der Rückruf kam um viertel vor sieben Uhr abends: „Kommen Sie in zehn Minuten zu mir ins Büro.“

Da saß ich nun und wünschte mich an meinen Schreibtisch zurück, zu meinen Aufgaben. Sie waren geradezu paradiesisch gegen das hier.

„Wo drückt der Schuh, Frau Becker? Sie brauchen Urlaub, ich weiß. Falsches Timing …“

Er setzte sich mir gegenüber in seinen Bürosessel und ließ mit jeder Bewegung durchblicken, dass er es eilig hatte, wieder aufzustehen.

„Mir ist was passiert“, rückte ich heraus, „völlig ungeplant. Ich bin schwanger.“ Pause. Er starrte mich an. „Es tut mir leid”, beendete ich meine Offenbarung schnellstmöglich. Als ich mir selbst nachhörte, schossen mir Tränen in die Augen.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie einen Freund haben”, rettete er mich aus der grausamen Stille.

„Habe ich nicht. Das war ein Fehltritt. Nur eine Nacht – und peng. Der Mann hat mir glaubhaft versichert, dass er zeugungsunfähig sei.“

„Ach!! Das gibt’s ja wohl nicht. Hat der denn gar keine Skrupel?“ Witzigerweise fiel er jetzt in seinen schwäbischen Akzent, den er sonst so sauber ausbügelte. Er atmete tief durch.

„Weiß er davon, der Vater?“, fragte er.

„Noch nicht.“

„Und was ist Ihr Plan?“

„Ich habe einen Termin für einen Eingriff.“

„Frau Becker, wenn das wirklich Ihr Plan wäre, würden Sie

jetzt nicht hier sitzen.“ Er sank tiefer in seinen Stuhl und deutete damit an, dass er jetzt plötzlich mehr Zeit hatte.

„Ich wollte wissen, ob ich Alternativen habe. Ich wollte mit jemandem sprechen.“

„Sie haben mit niemandem gesprochen bisher?“ Ein Anflug von Stolz flimmerte in seinen Augen.

„Nur mit einem alten Freund, doch der weiß auch keinen Rat.“

„Es gibt da Beratungsstellen.“

„Die Beratungsstellen können mir nicht sagen, ob ich meinen Job verliere.“

„In Ihrem Zustand sind Sie unkündbar, Frau Becker.“

„Ich weiß. Aber ich möchte genau diesen Job behalten und nicht zur Teilzeitkraft werden. Ich möchte an meinen Projekten dranbleiben. Mich hat noch nie etwas so ausgefüllt in meinem Leben. Warum muss mir das ausgerechnet jetzt passieren?“

„Das Leben, Frau Becker …“

„Das Leben! Einmal und schon ist alles aus! Das ist ein Sch…leben. Entschuldigung.“

Er lehnte sich über den Schreibtisch und blickte mir ins Gesicht.

„Es geht weiter”, impfte er mir ein. „Wir finden eine Lösung. Bleiben Sie mir nur fit für die nächsten drei Wochen!“

„Ich bin fit, so fit wie nie. Glauben Sie mir!“

„Das ist jetzt erst mal das Wichtigste. Haben Sie noch Zeit mit der Entscheidung, ob Sie das Kind bekommen wollen?“

„Ja. Mein Termin ist in etwa zwei Wochen. Ich sehe keinen Ausweg, ich habe keine familiäre Unterstützung, keine finanziellen Reserven, nichts.“

„Tut mir leid, Frau Becker, aber ich kann als Mann wenig dazu sagen. Nur dass ich das Verhalten dieses Typen verabscheue …“

„Bitte sagen Sie niemandem was davon. Offiziell melden müsste ich es erst in vier Wochen.“

„Ist doch klar, Frau Becker. Aber Sie müssen mir eines versprechen: Sie reden mit dem Vater! Und zwar umgehend. Ist das klar?“

„Klar.“

„Und wenn er keine Verantwortung übernehmen will, dann werde ich ihn mir persönlich vorknöpfen. Klar?“

„Klar.“

Ich verließ sein Büro und ging wieder an die Arbeit. Es gelang mir, die immer wiederkehrende Ausweglosigkeit in meinem Leben zu vergessen, indem ich mich in den Mikrowelten meiner Arbeit versenkte. Was Daniel damals nicht wusste: Ich konnte nicht mit dem Vater meines Kindes sprechen. Und er auch nicht. Unmöglich.

Zum ersten Mal, seit ich hier in unserem Ferienhaus bin, laufe ich in die Küche und schaue mich dort um. Durch alle Schränke hindurch mache ich mir ein Bild von der Versorgungslage. Theo und ich haben nicht nachgefüllt letzten Sommer.

Ein paar Nudeln, ein paar Salzstangen, zwei Gläser Oliven sind da. Ein paar Flaschen Rotwein in Theos Weinregal. Alter Malbec und junger Rioja. Mein Appetit ist verschwunden seit Theos Tod. Wenn ich ans Essen denke, kommt ein Verdruss über mich, der meinen Geist sofort von allem Körperlichen trennt. Fast als sollte der Körper vor der Krankheit des Geistes geschützt werden.

Ich trage Daniels Karte im Kreis herum, nehme Salzstangen und Oliven aus dem Schrank und stehe lange vor dem Weinregal.

Einen guten Rotwein in einem bauchigen Glas schwenken, in ein paar Kissen am Feuer sinken, still sitzen und den Grillen lauschen – diese Vorstellung war es, die mich all die Jahre in meiner heimischen Tretmühle in Gang gehalten hat. Leichten Sinnes abreisen, drei fröhliche Kinder im Schlepptau. Jeden Morgen ein Stück freies Leben vor uns, jeden Abend eine Flasche Wein. Jeder in seinem Sessel saßen wir dann da und blickten in die Flammen. In unseren Köpfen drehten sich Szenen und Gedanken, die hier nichts verloren hatten. Doch wir sprachen viele nicht aus, um die Balance nicht zu stören. Ein paar Gesprächsfelder waren völlig ungefährlich: unser älterer Sohn und unsere Tochter, den Zweitältesten ließen wir besser aus, Theos Schwester Charlotte und ihre drei Töchter, ihren Mann ließen wir aus, unsere ersten gemeinsamen Jahre, einige spätere ließen wir aus.

Ich stelle mir vor, wie ich jetzt alleine da drüben am Feuer sitze, Salzstangen esse und Wein trinke und greife schon mit der Hand, in der ich noch immer die Karte halte, nach einem der Flaschenhälse. Dann senke ich sie wieder. Seit Theo und ich vor etwa neun Monaten von seinem tödlichen Krebs erfuhren, habe ich keinen Schluck Wein mehr getrunken.

Strandfest

Ich wache auf in Theos Betthälfte und weiß nicht, wie ich dorthin geraten bin. Ganz sicher bin ich auf meiner Seite eingeschlafen. Jetzt liege ich hier in seiner typischen Schlafhaltung, flach auf dem Rücken, den Kopf nach links gedreht. Ich sehe ihn vor mir, wie er langsam den Kopf wendet und den Blick zu mir wandern lässt, kurz bevor er mich in die Arme nimmt.

Wie ein Eisregen kommt es auf mich herunter: Ich bin allein. In dem ganzen großen Haus kein Mann, keine Kinder. Nie wieder werden wir hier alle fünf umhergeistern, uns am Morgen auf dem Gang vorm Bad begegnen, wettlaufen, wer zuerst drin ist und die Türe hinter sich abschließt, damit der Verlierer die kalte Steintreppe hinunterlaufen muss ins untere Badezimmer. Nie wieder werden Theo und ich hier liegen und uns angrinsen, wenn unsere Kinder laut debattierend in aller Frühe um den Esstisch herum die erste Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Partie spielten. Nie wieder wird Nell zu uns hereinschleichen, weil die Jungs sie geschickt haben, um zu fragen, wann denn mal jemand Frühstück macht.

Ich sehe sie vor mir: Sie haben ihr das bunte Sommerkleidchen verkehrt herum über den Kopf gezogen, die Nähte nach außen. Auf bloßen Füßchen tänzelt sie zu mir ans Bett, kraxelt nach oben, kriecht unter die Decke und krabbelt mit ihren kalten Zehen zwischen meine Knie. Nur den dunklen, ungekämmten Wuschelschopf lässt sie hervorschauen und mich an der Nase kitzeln. Dann manövriert sie ihren runden, weichen Puppenkörper rüber zu ihrem Vater und fängt an ihn zu kneifen. Theo kneift zurück und Nell quietscht ohrenbetäubend.

Jetzt im Rückblick erkenne ich es: Das war Glück.

Doch damals hingen Schatten über unseren Seelen. Sie reisten immer mit, auch dorthin, wo sie nichts verloren hatten.

Die Sonne mogelt ihre Strahlen durch die Läden des kleinen Fensters, das tief in der Mauer steckt, und lässt mich wissen, dass sie draußen bereits Licht und Wärme verbreitet. Meine Haut sehnt sich nach ihrem Streicheln, aber ich finde noch nicht die Energie, um aufzustehen.

Das leere Haus wartet nicht darauf, dass ich es bewohne. Ich will ohnehin nur drei Tage bleiben, soll ich für diese kurze Zeit tatsächlich so tun, als wäre ich hier angekommen? Einkaufen, putzen, verwittertes Holz streichen, den Pool reinigen, Betten auslüften. Warum und für wen?

Nein, ich werde mir einen verlassenen Strand suchen und dort den ganzen Tag lesen und schlafen. So habe ich mir das ausgemalt, als ich vor ein paar Tagen den Flug gebucht habe, um mich davonzustehlen aus dem allgegenwärtigen „Das Leben geht weiter“. Um den Blicken von Lothar und Iris zu entgehen, die ständig aufkreuzen, um mich zu beobachten. Ich stelle mir vor, was sie hinter meinem Rücken reden: Was tut Ellie jetzt? Sie muss sich doch überlegt haben, wie es weitergeht … Sie hatte ja genug Zeit …

Die Testamentsverlesung hatte ich verschoben. Als der Termin anstand, war Theo noch keine zwei Wochen unter der Erde. Auch jetzt stand er noch jeden Morgen auf und textete mir ins Gewissen. Ich musste uns Zeit geben, uns voneinander zu verabschieden, damit er und ich Ruhe finden würden.

Mit meinem Beileidskartenstapel, einer Tasse schwarzem Kaffee und dem Rest Salzstangen vom Vortrag sitze ich schließlich am Pool auf einem der staubigen Plastikstühle. Das Schwimmbecken lasse ich abgedeckt, die bunten Sitzkissen erst mal im Schuppen bei der artenreichen Armada von aufblasbaren Gummitieren. Die Sonne ist Komfort genug, mehr als angebracht scheint.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das schöne alte Gemäuer aus warmem Naturstein das letzte Mal so ausgiebig betrachtet habe, die hübschen steinernen Bögen mit den Kletterpflanzen, den Hof mit den gemauerten Bänkchen, die im Wind klappernden Palmen über mir, die piniengesäumte, geschwungene Auffahrt und die auf dem umliegenden Land weit verteilte Baumvielfalt: Oliven, Mandeln, Orangen, Zitronen, Feigen. Wenn alles untergeht – die Firma, die Wirtschaft und die ganze totorganisierte Welt –, könnte ich mit den Kindern hier herkommen und wir würden von dem leben, was hier wächst. Eigentlich kann uns nichts passieren.

Mitten in diesen tröstlichen Gedanken platzt die Erinnerung an einen Tag im letzten September, an dem Theo, Charlotte und ich nach Zürich fuhren, um „Papierkram zu erledigen“, wie mein Mann sich ausdrückte. Niemand wusste, wie lange Theo noch zu leben hatte – einen Monat oder zwei? Ich war zu keinem klaren Gedanken fähig. Mein Kopf war ein Schlachtfeld, auf dem der Tod die Szene beherrschte. Ich blickte zurück und sah die unausgegorenen Zeiten, in denen ich nicht der Mensch gewesen war, der ich gerne gewesen wäre. Ich blickte nach vorne und sah keine Chance mehr, etwas besser zu machen.

Wir suchten einen Notar auf. Ein Mann, der zu jung wirkte für sein Amt, las mir einen Stapel Papiere vor. Es ging um monatliche Zahlungen, um die Ausbildung der Kinder, um meine Stellung in der Firma, die sicher sein sollte, um den Verzicht auf irgendwas, was ich sowieso nur zur Hälfte bekommen würde. Die andere Hälfte bekäme der deutsche Staat.

Mein Mann erklärte mir: Ich möchte alles so regeln, dass es keinen Streit gibt, und dass du nicht so viel Steuern zahlen musst. Niemand ist mir so wichtig wie unsere Kinder. Ihnen soll einmal alles offen stehen. Vertrau mir. Unterschreib hier.

Theo liebte mich und ich liebte ihn. Er würde bald gehen und mich zurücklassen. Alles, was ich noch für ihn tun konnte, war ihm die Gewissheit geben, dass danach alles so weiterginge, wie er sich das wünschte.

Gleich nach den Bäumen und Blumen ist Wasser das beliebteste Motiv auf den Beileidskarten. Eine Meeresbrandung umspült eine mächtige Felsformation. Eine gewaltige Kraft spült aus dem Ozean, verbreitet sich und trifft auf Widerstand. Im Inneren der Karte stehen drei Zeilen in einer bauchigen Frauenschrift:

Liebe Ellie,

schau nach vorne. Dein Leben wartet schon zu lange auf Dich.

Christina

Auf meinem Weg durchs Wohnzimmer zum Auto werfe ich die Karte in die kalte Asche, um sie am Abend zu verbrennen. Meine Freundin Christina aus Studentenzeiten hat mich mit ihrer Idee von Freiheit nie überzeugt. Wie frei ist man, wenn man von den Alimenten seiner Exmänner abhängig ist? Christina ihrerseits hat mich nie verstanden: Warum lässt ausgerechnet du dich so einsperren? Damit stocherte sie immer wieder in meinen Alltagskonstruktionen. Damals, bevor Theo krank wurde, als noch eine Möglichkeit bestanden hätte, mein Eigenleben wieder zu erfinden.

Auf der Fahrt zum Strand zieht die malerische Insel wie in einer Diashow an mir vorbei. Etwas hält mich nach wie vor davon ab, zu landen.

Der Sand ist warm wie im September. Die Sonne lässt die zaghaften Wellen an ihren schaumigen Spitzen tiefgolden glitzern. Unser Lieblingsstrand fernab der Hotelanlagen ist fast völlig verlassen. In einer kleinen Felsbucht hat sich eine spanische Großfamilie um ein paar Klapptische herum niedergelassen. Die Kinder planschen kreischend im seichten Wasser. Die Erwachsenen lachen, schnattern, debattieren und ernähren sich aus Körben von Weißbrot, fettiger Wurst und Rotwein. Ich liege etwa zwanzig Meter entfernt und habe mich bäuchlings so ausgerichtet, dass ich sie unter meinem Arm hindurch heimlich beobachten kann. Ich sehe eine Großmutter, zwei Pärchen, die ihre Söhne, Töchter oder Schwiegerkinder sein müssten, einen männlichen Single Anfang zwanzig, umwerfend charmant, und sieben Kinder aller Altersstufen. Alle plappern durcheinander und aufeinander ein. Die Frauen tanzen sporadisch, hüftschwingend und busenzappelnd, zu fröhlicher Musik, die aus einem billigen Rekorder von einem Klapptisch scheppert. Die kleinen Mädchen imitieren ihre Bewegungen. Die Männer und Jungs steigen manchmal mit Angeln bewaffnet auf einen etwas weiter entfernten Felsen und werfen mit der Eleganz eingefleischter Insulaner ihre Schnüre übers Wasser. Hier und da fliegt ein Ball durch die Luft. Die kleineren Kinder wetzen ihm nach, erwischen ihn aber nie, denn die Großen sind geschickter und schnappen ihn weg. Immer wieder brechen alle gleichzeitig in ausgelassenes Gelächter aus, völlig gleichgültig, ob sie sich gerade an der Unterhaltung beteiligt oder mit den Kindern beschäftigt haben. Auch die Großmutter, die im Klappstuhl sitzt, viel grinst und viel plappert, lacht bebenden Bauches mit.

Diese Familiendynamik, die in alle Richtungen ausbrechen kann, sich aber immer wieder wie ein Vogelschwarm sammelt, könnte ich stundenlang beobachten. Ob es da unterschwellige, unüberwindbare Abgründe gibt, über die einfach hinweggefeiert wird? Zwei, die sich nicht ausstehen können, sich irgendetwas niemals verzeihen werden und dennoch hier am Strand miteinander Rotwein trinken?

Während die Inselfamilie, die ich Gonzales getauft habe, ihr Strandpicknick feiert, fällt mein eigenes Leben wieder in diese schummrige Nicht-Existenz, wie ein alter Film, an den man sich nur dunkel erinnert anhand einzelner Szenen, die keinerlei Gegenwartsbezug haben. Erst nach gefühlten Stunden, in denen der Film irgendwo jenseits von mir flackerte, wage ich es dann doch, in meine Tasche zu greifen und eine der Karten herauszufischen, die ich beim Verlassen des Hauses eilig hineingestopft habe. Die Sonne steht jetzt rötlich über der Wasseroberfläche. Familie Gonzales hat inzwischen ein kleines Feuerchen gemacht. Kinder wie Erwachsene laufen mit auf langen Stöcken aufgespießten Würstchen durch die Gegend.

Die solide Haptik der Karte holt mich in meinen Körper zurück. Sollte sie vernichtet werden müssen, werde ich hinüberlaufen und fragen, ob ich etwas Brennstoff zum Bratwurstfest beisteuern dürfe.

Ellie, meine Liebste,

grade habe ich im Newsletter der Firma Schmidt die tragische Meldung gelesen und konnte es gar nicht glauben. All der Schmerz, den Du aushalten musst. Ich hoffe, Du bist jetzt stärker denn je.

Verzeih mir, dass ich dein Leben noch schwieriger gemacht habe. Jetzt fällt mir auf, wie wenig ich wusste. Doch es gibt Dinge, die sind einfach größer als man selbst.

Ich bin da, wenn du mich brauchst. Ich vermiss Dich jeden Tag.

(Herzchen)

Henry

Die Art, wie ich die Karte in den Händen drehe, ist ein Versuch, sie so objektiv zu betrachten wie all die anderen. Doch das ist unmöglich. Es ist die erste selbst gestaltete Karte, sie ist von Hand genutet und gefaltet. Außen ist ein Schwarz-Weiß-Foto aufgeklebt.

Künstlerisch ausgeleuchtet breitet sich auf einer Spiegeloberfläche ein Teich aus schwarzer Flüssigkeit aus. Links außen liegt ein zartes, nicht mehr ganz frisches Gänseblümchen, dessen Kopf aus dem Teich herausragt. Interessant ist, dass man die Schönheit der Blüte nur in der Spiegelung sieht. Rechts positioniert sich duster eine Mini-Darth-Vader-Figur. Ihre Kanten sind hart ausgeleuchtet. Der Star-Wars-Krieger steht knöcheltief im schwarzen Etwas. Rechts daneben liegt eine offene Tube Wimperntusche, darüber die Bürste. Aus der Tube fließt die dunkle Soße. Das Foto ist präzise im Querformat auf die Karte geklebt. Rundherum bleibt ein etwa zentimeterbreiter weißer Rand. Darin steht unten rechts in Versalien geschrieben:

HENRY THIES · DEC 2011

Wie bitte?

Er hat doch tatsächlich den Pakt gebrochen! Keinerlei Kontakt mehr, lautete der Schwur. Offenbar geht es ihm immer noch nicht gut. Doch hat das sein müssen?

In meiner restlichen Zeit auf der Insel werde ich also dazu verdammt sein, mit meiner abgespaltenen dunklen Seite zu hadern. Mit dem schwarzen Teich. Ich versuche, keine Geräusche zu machen, mein Gesicht tief in meinen Armen zu vergraben, aber es gibt bald ein Problem. Ich muss ein Taschentuch aus der Strandtasche hervorkramen, finde keines, muss stattdessen ein Handtuch nehmen, um die Sturzbäche trockenzulegen, die aus mir herausströmen.

Als ich aus dem Handtuch hervorblicke, sehe ich zwei milchkaffeefarbene, wohlgeformte männliche Beine. Ein Typ geht vor mir in die Hocke und streckt mir einen Pappbecher hin. Er duckt sich etwas, um in mein verheultes Gesicht zu schauen, und lächelt mich schüchtern an. Es ist der junge Mann, der in den letzten Stunden drüben in der kleinen Felsbucht Kinder und Erwachsene mit seiner betörend guten Laune angesteckt hat. Ich wische mir das Gesicht ab und setze mich auf.

„Have some wine”, versucht er sich gebrochen an der englischen Sprache. „Make you better.“ Offensichtlich war ihm auf den ersten Blick klar, dass ich Deutsche bin und kein Wort Spanisch spreche.

Als ich den Kopf schüttle und „No, thank you“ antworte, bleibt er trotzdem in der Hocke sitzen und hört nicht auf, mir in die Augen zu blicken.

„Come“, drängt er. „Be happy. No worry.“

Das bringt mich so zum Lachen, dass die Tränen wieder fließen.

„Come with me.“ Er erkennt seinen Durchbruch und lässt nicht locker.

Da stecke ich Henrys Karte in meine Tasche, schnappe mir den Becher und komme auf die Füße.

„I’m coming.“

Freudig nimmt mich mein Retter an der Hand und schleift mich durch den Sand in die Felsbucht.

„¡Hola!“, rufen sie alle, die großen und kleinen Gonzales, als ich in ihren Kreis trete. Sie scheuchen eins der Kinder aus einem Klappstuhl, entsanden ihn für mich und rücken ihn näher ans Feuer.

„¡Salud! ¡Salud!“, rufen sie und schwenken ihre Becher in der Luft, bis wir alle gleichzeitig trinken. Spanischer Landwein ist mein Wein! Er schmeckt, als würde meine Seele darin schwimmen. Er stiehlt die versunkene Sonne aus dem Meer und übergibt sie an meine Geschmacksnerven.

Als einer der älteren Männer alle Namen der Feiernden für mich aufgesagt hat, auch die der Kinder, klopfe ich mir auf die Brust und sage:

„Ellie.“

„Ella“, macht er kurzerhand daraus, mit gefühlten drei L. So heiße ich für den Rest des Abends.

Raphael, der junge Mann, der mich geholt hat, sitzt neben mir im Sand. Als alle sich wieder in Unterhaltungen verlieren, dreht er sich zu mir und erzählt mir aus seinem Leben. Er arbeite in einem Elektrizitätswerk und spare auf eine Reise nach Kanada. Dort würde er in die Wildnis ziehen wollen, Lachs fischen und Bären jagen. Wenn er zurückkomme, möchte er heiraten und Kinder haben.

„Will your girlfriend come with you to Canada?“

„I have no girlfriend. I will find her when it is time to marry.“ Es gibt keinen Zweifel daran, dass er eine große Auswahl haben wird.

Unausweichlich kommt irgendwann die Frage, warum ich so traurig bin.

„My husband died three weeks ago.“

Da steht er spontan auf und umarmt mich. Dann dreht er sich um und erzählt den anderen in dem mir völlig unverständlichen Inseldialekt, was ich gesagt habe. Die Frauen schlagen sich mit der Hand vor den Mund und nuscheln ehrfürchtig ein paar Gebete. Die Männer verstummen eine Weile. Irgendwann hebt der Älteste, der mir als Pablo vorgestellt wurde, wieder seinen Becher und sagt: „Bella Ella …”, den Rest übersetzt mir Raphael so: „You are so beautiful. When it is time you will find new man and be happy again.“

Ich lasse mir zum dritten Mal den Becher von ihm füllen und trinke darauf.

Teil 2

Mosbach,

Mai 1999

Theos Welt

Die Ruhe hier in diesem Städtchen ist mir so fremd, dass ich mir nicht erklären kann, wie sie mich gefunden hat. Theo hat den Flügel überholen lassen. Ich spiele jeden Tag. „Spiel für deinen Frieden“, sagt Theo.

Wenn ich unseren Nachbarn vor dem Haus treffe, den alten Herrn Seibold, dann sagt er: „Schön haben Sie heute Morgen gespielt, Frau Schmidt, war das wieder Chopin?“

„Ja, das war Chopin. Ich hoffe, ich habe Sie nicht gestört, Herr Seibold.“ Ich muss ein bisschen zu laut sprechen mit ihm. Aber eigentlich ist es ein Glück, dass er schwer hört und ihm die zahlreichen Baustellen in meinem Spiel entgehen.

„Aber nein, Frau Schmidt! Ich freue mich über jedes Konzert!“

Frau Binger in dem kleinen Buchladen ums Eck bestellt Ratgeber für mich, nach denen ich nicht gefragt habe. „Schauen Sie, Frau Becker, das hier wird viel gelesen.“ Damit drückt sie mir ein neues Werk in die Hand über die pränatale Förderung oder die Säuglingsmassage. Ich habe ihr mal erzählt, wie unvorbereitet ich bin. Wie viele Mosbacher Bekannte, die Theo interessiert beobachtet haben, seit er hier hergezogen ist, ahnt sie wohl, wie ich zu meiner Rolle in seinem Leben gekommen bin. Im Gegensatz zu Herrn Seibold schlussfolgert sie auch, dass wir nicht verheiratet sind.

Manchmal sitze ich in unserem Wohnzimmer wie in einem mittelalterlichen Gemälde mit einem schweren, trägen Buch aus Theos Sammlung in der Hand und entdecke den Luxus der Langeweile. Ich staune über die Weite in meinem Kopf, gegen die das Stück Literatur, das ich zu studieren versuche, regelrecht eingezwängt ist, von festen Deckeln vor dem Ausbruch bewahrt.

Mein Kind hat noch kein Gesicht, kein Geschlecht, nimmt keine Zeit in Anspruch, keinen Raum, außer den in mir, und hat noch keinen Willen. Ich kann zwar seine Gliedmaßen ertasten, seinen Kopf streicheln und manchmal sogar seine Launen erraten, doch es ist noch ein Traum, eine große vage Sammlung von Wünschen und Geheimnissen. Theo wollte mit mir eine Erstausstattung kaufen gehen. Doch ich musste ihm sagen, dass mir das unmöglich sei, solange ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dass es wahrhaftig ein Baby sei, was mich da unter dem Herzen so ganz und gar ausfülle. Wie soll ich wissen, dass es wirklich ein Fuß ist oder ein Ellenbogen oder der Po, der manchmal eine Beule auf meiner Bauchdecke formt, ich sehe ja nur die Beule. Ich weiß nur eins: Dies zu spüren, ist das unglaublichste Gefühl der Welt.

Vor sieben Monaten brachte mich Theo zum ersten Mal hierher, nachdem wir uns in seinem Auto auf dem nächtlichen Parkplatz einer Autobahnraststätte geküsst hatten. Wir kannten uns kaum, doch uns verband ein winziger, ungeborener Mensch, der vor einigen Wochen seine kleine, ungeahnte Chance auf Leben ergriffen hatte. In dieser Nacht war ich Theos Einladung nicht gefolgt, weil die Sehnsucht nach sexueller Erfüllung stärker war als die Vernunft, oder weil ich Angst hatte vor meiner Einsamkeit. Ich war um Mitternacht mit ihm nach Hause gefahren, weil wir beide wussten, dass unsere Schicksale für immer untrennbar miteinander verbunden sein würden.

Aus Fragmenten hatte ich mir ein Bild von ihm zusammengesetzt: das fette Auto, die grau kostümierte Freundin, sein elitäres Auftreten, die Art, wie er einen Raum einnahm schon allein mit seiner Stimme. Designervilla oder viktorianisch inspiriertes Herrschaftsgebäude, eins von beiden hätte dazu gepasst. Stattdessen besaß er ein altes, krummes Fachwerkhäuschen mitten in Mosbach, das unter Denkmalschutz stand.

Als wir noch im Auto saßen im Schein der Raststätte hatte er gesagt: „Komm mit mir heim, Ellie. Ich wohne nur zwanzig Minuten von hier.“ Und die vollen zwanzig Minuten lang hielt er meine Hand. Nur wenn er schalten musste, nahm er sie weg. Ich war so müde und rätselhaft glücklich, ich ließ alles geschehen.

„Du wohnst hier mittendrin?“, fragte ich, als er mich an der Hand über das Kopfsteinpflaster führte. Da steckte er schon einen Schlüssel in eine dunkle, alte, von Balken gesäumte Holztür. Dahinter stiegen wir enge Treppen hinauf und standen plötzlich in einem winkligen Raum, der sich auf der einen Seite um alte Stiegen wand, auf der anderen auf die Straße hinaus beulte und auf der nächsten der benachbarten Küche auswich, in die ein kleines Kiosk-Fenster mit Theke gezimmert war. Über einem Specksteinofen mit offenem Feuer wölbte sich ein Kaminschacht. Statt Wänden gab es Bücherregale, übervoll mit gebundenen Werken. Theo beobachtete mich, während ich staunte.

„Ich zeige dir alles morgen”, sagte er. „Du musst erst mal schlafen.“ Es war schon weit nach Mitternacht. Als die Frage kam, ob ich mein eigenes Bett haben wolle, war ich schon viel zu müde, um zu pokern: „Ich will bei dir sein“, sagte ich.

Vier Monate später hatten wir unseren ersten großen Streit. Ich war von Karlsruhe auf dem Weg zu meiner Wohnung in Frankfurt. Es ging mir nicht gut. Es war Sonntag Nacht, die Autobahn hektisch bevölkert, mein Fahrstil nervös und zu riskant angesichts meiner fortgeschrittenen Schwangerschaft. Theo war am Samstag auf einem Kongress gewesen. Ich hatte ihm am Vormittag eine Nachricht auf seiner Mobilbox hinterlassen, dass ich meinen Vater besuchen würde. Theo rief mich in jener Zeit jeden Abend an, so zwischen acht und neun. Es war inzwischen halb elf und er hatte mich seit gestern Abend weder erreichen können noch eine Nachricht von mir erhalten. Ich hatte einfach Abstand gebraucht, Zeit, um zu reflektieren, wo sich mein Leben hin bewegte. Wie hätte ich ihm das erklären sollen?

In meinem Kopf rasten Untergangsszenarien auf und ab. Am Darmstädter Kreuz verpasste ich meine Ausfahrt und verlor mich anschließend in den zahllosen Schleifen und konfusen Beschilderungen der Frankfurter Stadtautobahn. Als ich irgendwann gar nicht mehr wusste, wie ich jetzt nach Hause finden sollte, und ob ich im Westen oder Osten Frankfurts wohnte, fuhr ich auf einen Parkplatz und schrie meine Wut auf die wirre Welt laut hinaus. Ich heulte und fluchte, bis ich im Rückspiegel einen Mann auf mein Auto zukommen sah. Er winkte mir verzweifelt mit einem Heft. Eine Straßenkarte? Ich war doch selbst verloren! Hysterisch drehte ich den Zündschlüssel herum und drückte den Fuß aufs Gas.

Ich hörte nicht auf zu heulen, aber ich kannte mich plötzlich aus. Ich fuhr einfach mitten in die Innenstadt, von dort aus war mir der Weg geläufig. Ich bemühte mich wieder gleichmäßig zu atmen, versuchte, optimistisch zu sein und mich auf mein Bett zu freuen, einen heißen Tee, Musik.

Ich parkte vor meinem Block in der Homburger Landstraße, nahm hastig meine Tasche aus dem Kofferraum und schleifte sie zum Eingang. Als ich gerade den Schlüssel in die Haustür stecken wollte, hörte ich laut eine Autotüre knallen und sah eine Gestalt mit wehendem Mantel auf mich zu rennen. Vor Schreck zuckte ich so zusammen, dass mir der Schlüssel aus der Hand fiel. Theo baute sich frontal vor mir auf und packte mich am Arm.

„Da bist du ja!“, fauchte er mich an.

„Wo kommst du denn her, Theo?“

Wortlos hob er den Schlüssel vom Boden auf, schloss die Tür auf und schob mich hindurch. Er nahm mir die Tasche ab und stieg stumm vor mir her in den dritten Stock.

Kaum in meiner Wohnung wurde er laut: „Meinst du, dass du das mit mir machen kannst?“

Seine Augen schnitten mit einer solch stahlkalten Schärfe durch mein Gesicht, dass ich sicher war, er würde sich jetzt als Nächstes umdrehen, aus der Tür gehen und nie wiederkommen. Ich zitterte am ganzen Leib und konnte nur stammeln: „Ich hab dir doch gesagt, dass ich meinen Vater besuche. Ich bin über Nacht geblieben. Es war sehr anstrengend. Ich hatte überhaupt keine Ruhe, um zu telefonieren.“

„Erzähl mir keine Geschichten, Ellie. Ich war ganz krank vor Sorge. Vielleicht erinnerst du dich ab und zu mal daran, dass das auch mein Kind ist, das du mit dir rumträgst. Zumindest ist es das, was ich glaube.“

„Ach so. Es geht nur um das Kind, nicht etwa um mich?“

„Nein, es geht nicht um dich. Denn um eine Frau, die mir Märchen auftischt, will ich mir keine Sorgen machen. Die muss selbst schauen, wo sie bleibt. Du gehörst offenbar zu der Sorte, die nur nehmen und nicht geben kann, die von ihrem Partner ein Commitment einfordert, das sie selbst nicht eingehen kann. Du kannst keine Beziehung führen, wenn du nicht bereit bist, ein paar Freiheiten aufzugeben. Zum Beispiel die, tagelang zu verschwinden und nicht zu sagen, was du tust. Wenn du das als dein Recht empfindest, dann bist du bei mir falsch. Ich hasse Unzuverlässigkeit. Sie passt nicht in mein Leben!“

Starr vor Entsetzen ließ ich mich auf einen Sessel fallen und gewann nur langsam meine Fassung wieder. „Was glaubst du denn, wo ich war, Theo? Was genau unterstellst du mir?"

„Ich weiß nur eines, Ellie”, er atmete zu schnell und es standen ihm Schweißperlen auf der Stirn. „Wenn du über Nacht bei deinem Vater gewesen wärst, dann hättest du mich angerufen. Dann hätte es keinen Grund gegeben, das nicht zu tun. Dann wäre da kein Geheimnis. Und so weit waren wir doch schon mit unserem Verhältnis, oder? Dass man keine Geheimnisse voreinander hat.“

„Du nennst es Verhältnis, das sagt ja alles! Und weil ich dein Verhältnis bin, das du im Untergrund hältst, damit es ja niemand sieht, habe ich auch kein schlechtes Gewissen, dich im Dunkeln gelassen zu haben.“

„Du weißt, dass du Unfug redest. Gib nicht die eingeschnappte Geliebte. Und nur fürs Protokoll: Ich hätte dich meiner Schwester nicht vorgestellt, wenn ich mit dir nur ein Verhältnis hätte.“

„Und ihr eingebläut, sie soll nichts rumerzählen?“

„Vergiss nicht, wie mich die Tatsachen überrollt haben”, er bemühte sich, ruhig zu sprechen. „Ich kann nicht alles auf den Kopf stellen für dich. Du hast keine Vorstellung von dem Risiko, das damit verbunden ist.“

Ungläubig starrte ich ihn an und spürte, wie in mir die gleiche Abscheu aufstieg, die ich jetzt in seinen Zügen las. Die Abscheu vor der Realität, die sich aus dem Nebel schält, wenn irgendwo ein kaltes Licht aufgeht. Ohne mich zu zügeln, spuckte ich aus, was lange durch den Nebel geschlichen war.

„Vergiss nicht, wie mich die Tatsachen überrollt haben, Theo. Du hast eine Wahl, ich habe keine. Das Risiko, von dem du redest, ist geradezu lächerlich. Ich kann dir ja mal schildern, was ich vor Augen habe: Ich habe keinen Job mehr, kann meinen Vater nicht mehr unterstützen, er steigt zum obdachlosen Gesindel ab. Alle werden mich fallen lassen, denn das ist es, was passiert, wenn du einmal zu scheitern anfängst. Aber woher sollst du das wissen? Alles, wovor du Angst haben musst, ist ein kleiner Schmutzfleck auf deiner weißen Weste. Und nicht mal das. Wer in deiner elitären Gesellschaft regt sich schon darüber auf, wenn ein mächtiger Mann mal eine Affäre hat? Das ist doch wohl eher die Regel als die Ausnahme.“

„Du weißt gar nichts, Ellie“, versuchte er mich zu unterbrechen. Doch ich war noch nicht fertig.

„Weißt du was, Theo? Bevor ich als heimliche Geliebte dein Kind gebäre und dann anschließend ein Schattendasein führe, stelle ich mich dem Kampf lieber alleine. Ich habe mir meine Würde hart erarbeitet und so leicht gebe ich sie nicht wieder auf. Wenn du dein Kind willst, dann musst du deine feine Welt auch mit mir konfrontieren. Die Entscheidung liegt bei dir.“

In der anschließenden Stille zog eine lähmende Müdigkeit um mich auf. Ich war es müde zu sprechen, müde ihn anzusehen, müde an das Kind zu denken. Ich wollte nur noch schlafen und in einer tiefen, leeren, schmerzfreien Dunkelheit versinken. Ich wollte nur noch in Ruhe gelassen werden. Ich wusste, dass Theo Schmidt unerpressbar war, und ich wusste, dass er jetzt gehen musste, wenn er seinen Prinzipien treu bleiben wollte.

Ohne ihn noch ein Mal anzusehen, wie er steif und kalt auf meinem Couchtisch saß, die Ellenbogen auf die schmalen Oberschenkel gestützt, die langen Hände gefaltet zwischen den spitzen Knien, seinen ewig alles abwertenden Blick auf mich gerichtet, stand ich auf, zog mit steifen Bewegungen Jacke und Schuhe aus, lief rüber in mein Schlafzimmer und legte mich ins Bett. Ich hörte nicht mehr, wie Theo mir nachging. Doch es dauerte nicht lange, da saß er auf meinem Bett und blickte mich wieder an. Ich schaute so weit von ihm weg wie möglich, auch als er anfing, mir Hose und Pulli auszuziehen. Theo zog auch sich selbst aus, legte sich neben mich und hielt mich fest. So fest, dass mir die Luft wegblieb. Ich weinte die halbe Nacht. Theo blieb hellwach und ließ nicht nach in der Stabilität seiner Umarmung, nicht einen Millimeter. Wir wechselten kein Wort mehr. Irgendwann weinte ich nicht mehr um den Vater, den ich nicht mehr lieben konnte, und um die selbstbewusste Mutter, die ich nie würde sein können, oder um das Bild von mir in Theos Kopf, das zerbrochen war, sondern nur noch wegen dem, was er da tat.

Ich weiß seither, dass es etwas gibt im Inneren unserer Liebe, das wirklicher ist als die rohe Wirklichkeit unserer beider Einzelleben.

Am nächsten Morgen ging mein Radiowecker um viertel nach sechs an, wie üblich. Als ich aufstand, um mich anzuziehen, zog Theo mich wieder zurück.

„Bleib liegen, Ellie. Schlaf mal aus.“

Dann rief er meinen Chef an, Daniel Schweizer. Ich hörte ihn sagen, dass es mir nicht gut gehe und er mich einen Tag lang beobachten wolle, bevor er mich wieder zur Arbeit lasse. Als Nächstes rief er seine Sekretärin an und sagte ihr, dass er heute eine private Angelegenheit regeln müsse, dass sie alle Termine verschieben solle und dass er seine E-Mails erst am Nachmittag abrufen würde. Noch während er ihr weitere Anweisungen durchgab, schlief ich wieder ein.

Als ich aufwachte hatte ich wieder den Theo vor mir, in den ich so hoffnungslos verliebt war. Der Theo, der mir Frühstück ans Bett brachte, mir aus Rücksicht auf meine Schwangerschaft statt Kaffee belebenden Kräutertee servierte und meine Vitaminzufuhr überwachte. Er musste nicht sagen, dass es ihm leidtat. Er zeigte es mit jeder seiner Zärtlichkeiten. Er wollte sogar wissen, wie es meinem Vater gehe.

„Du darfst ihn nicht aufgeben, Ellie. Er hat dir so wunderschöne Dinge beigebracht wie das Klavierspielen. Er muss ein wirklich tiefgründiger Mensch sein. Vielleicht kommt er einfach nicht zurecht mit dieser Welt.“

„Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass er nicht mal versuchen will, weniger Last zu sein. Er muss doch sehen, dass ich jetzt andere Sorgen habe, als mich um ihn zu kümmern.“

„Sein Zustand ist eine Krankheit, Ellie, eine heilbare Krankheit. Es ist nichts verloren.“

Theo war wieder auf Augenhöhe mit mir. Wenn es Dinge gibt, die ich ihm nicht erzählen kann, dann nicht weil ich etwas zu verbergen habe, sondern weil er ein Idealist ist, der versucht das Chaos der Welt zu ordnen. Ich weiß wie vergebens das ist. Er nicht.

Ich konnte ihm nicht erzählen, dass der Einzige, der sich vor Ort um meinen Vater kümmert, mein Exfreund ist. Er hätte gefragt, ob ich ihn bei meinem Vater getroffen hätte, und ich hätte sagen müssen, dass es so war. Dann hätte Theo mich der Untreue verdächtigt, wie Theo immer alle verdächtigt, triebhaft und gewissenlos zu handeln. Er hätte weiter gefragt, warum Joachim sich immer noch um meinen Vater kümmere, obwohl er nicht mehr mit mir zusammen ist, und ich hätte erzählen müssen, dass er im selben Haus wohnt, zwei Etagen über meinem Vater, weil wir das damals so arrangiert hatten, um den alkoholkranken Mann in unserer Nähe zu haben. Theo hätte dann auch gefragt, wo ich schliefe, wenn ich bei meinem Vater bin. Die Wahrheit ist, dass ich im Kinderzimmer in Joachims Wohnung schlafe, wenn sein Sohn nicht da ist. Nach wie vor fühlt sich Joachims Gegenwart tröstlich für mich an. Er ist der Mensch, der mich überall auflesen würde, ungeachtet meines unsteten Wesens, unter dem er schon so leiden musste. Er ist Vater und Bruder, die ich nicht mehr habe.

Joachim hatte mir letzte Nacht ins Gewissen geredet, stundenlang: „Ellie, du bist zu schade, um so zu enden. Als Geliebte von so einem Konzern-Hai!“ Obwohl er ihn nur aus meinen Erzählungen kannte, hielt Joachim gar nichts von Theo Schmidt. Die Tatsache, dass ich mich in diesen Mann verliebt hatte, hielt er für das Ende meines selbstbestimmten Lebens und meiner mir vom Universum zugedachten Chancen auf Glück und Erfüllung.

Wüsste Theo von all dem, würde er mir kein Wort mehr abnehmen, bis der Vaterschaftstest vorlag.

Als am Nachmittag die Sonne herauskam, fuhren wir in die Frankfurter Altstadt und zogen Arm in Arm an den Schaufenstern vorbei.

„Brauchst du was?“, fragte Theo vor jeder zweiten Boutique, sogar vor den Dessous.

„Schau mich an, Theo, ich pass doch da niemals rein!“

Als wir schließlich vor einem Geschäft mit Umstandsmode standen, schob er mich durch die Ladentür. Es war ein kleiner, sorgfältig gestalteter Verkaufsraum mit französisch anmutender Mode, reizenden Sommerkleidchen, die den Bauch stolz präsentierten, anstatt ihn zu überspielen. Die junge, zierliche Verkäuferin umschwirrte uns unaufhörlich und schleifte die tollsten Kreationen heran. Schließlich fand ich ein kurzes Trägerkleid mit viel federleichtem Stoff über dem Bauch, genau mein dunkles Rot. Anstandshalber unternahm ich einen Versuch zu bezahlen, machte es Theo aber nicht allzu schwer, mich davon abzuhalten. Ich hatte wieder fünfhundert Mark bei meinem Vater liegen lassen und hätte die verrückten zweihundert für das Kleid niemals ausgegeben.

Wir promenierten weiter, am Main-Kai entlang und über die alte Brücke.

Heute weiß ich, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die Theo so kennen: abgeschirmt von dem Druck seiner immensen Verantwortung, für wertvolle Stunden mit sich und der Menschheit im Reinen. Nicht eine einzige Laus sitzt ihm im Pelz. Schon sehr früh in unserer Beziehung hatte ich gelernt, diese Gelegenheiten tief einzuatmen und anschließend möglichst die herrliche Luft anzuhalten, denn es kommt der Punkt, wo sich die Läuse nacheinander wieder einnisten und Theo auf Treibjagd geht. Denn wer soll die großen Aufgaben angehen, wenn nicht er?

„Was du mit meinem Bruder anstellst, ist magisch, Ellie”, sagte neulich seine Schwester Charlotte zu mir. „Gott, ist der lieb und fröhlich und bemüht um dich. Der lebt ja regelrecht.“

Auf einer Parkbank am Ufer lag ein Obdachloser in einem hellroten Daunenanorak, die Beine zugedeckt mit Pappkartons, den Kopf auf einen alten Armee-Rucksack gebettet. Seine Arme verdeckten sein Gesicht. Ich sah nur einen kleinen Ausschnitt seiner alten, ledrigen Gesichtshaut. Unter der Bank lag die Flasche. Die Grenze zwischen unserer und seiner Stadt ist für die meisten Einwohner blickdicht. Doch Leute wie ich wissen, dass es eine schmale Linie ist, und empfinden die kalte Frühlingsbrise einen kurzen Moment lang wie einen gnadenlosen Sturm, gegen den selbst die fortschrittliche Daunenschicht machtlos ist. Unter den Kartons und anderen Schutzschichten sehen wir manchmal einen Menschen liegen, der noch vor ein paar Jahren mutig mitten im Leben unterwegs war.