Sierra Clara - Karin Eger - E-Book

Sierra Clara E-Book

Karin Eger

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Beschreibung

Zwei Frauen, zwei Hautfarben, Tochter und Mutter, die mit ihrem Glauben aneinander Berge versetzen. Mutig verfolgen sie ihre Träume in einer weißen Männerwelt voller Erniedrigungen und Ausgrenzung.Clara wächst in der süddeutschen Provinz am Alpenrand auf. Hier ist sie der einzige Mensch mit einer Hautfarbe wie Kakao mit Milch und Honig. Das Mutter-Tochter-Gespann wird kritisch beobachtet. Wo ist der Vater? Was verbirgt die lebenshungrige Mutter? - Als junge Frau folgt Clara ihrem Traum von der Ferne und wird Flugbegleiterin. Ruhelos reist sie um die Welt, bis sie beschließt, ihren Vater ausfindig zu machen. In Vancouver kommt es zu dem lange ersehnten Treffen. Die Schatten lichten sich, und Clara blickt in ein Geflecht aus finanzieller Macht und Diskriminierung, in dem auch ihr Vater gefangen ist. Ihre Angst, von ihm abgelehnt zu werden, weicht der Einsicht, dass alle Freiheit in uns selbst liegt. Mit scharfem Blick für die Gefühle und einer wunderbar präzisen Sprache gelingt es der Autorin Karin Eger ergreifend darzustellen, wie Frauen um ihre Freiheit und Würde kämpfen müssen. Die sensible Heldin Clara entwickelt schon als Kind ein Gespür für das, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die ihr und ihrer Mutter begegnen. Doch sie lernt, sich davon zu lösen. Obwohl die Geschichte schon 1984 beginnt, ist sie heute aktueller denn je.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Karin Eger

SIERRA CLARA

Roman

 

 

 

 

 

 

Für Isla

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Clara

Luftraum 2008

24 Jahre

 

Schnee und Kakao

 

Früher, in Wiesenberg, wenn über Nacht der erste Schnee fiel, dann spürte ich die Veränderung schon, wenn ich morgens aufwachte, obwohl es draußen noch dunkel war und es im Schlafzimmer unserer Wohnung kein Fenster gab, nur einen Lichtschacht. Als hätte sich die weiße Schicht auf die Welt hinter meinen geschlossenen Augen gelegt und von dort alle Dunkelheit vertrieben. Manchmal schlich ich aus dem Zimmer, um meine Mutter nicht zu wecken, rannte aus der Wohnung, die Treppe hoch und aus der Haustüre. Im Schlafanzug und mit bloßen Füßen lief ich in den Vorgarten, mitten in den noch unberührten Winter hinein. Das ganze Dorf war in frischen weißen Puder gepackt.

Die eisige Luft wehte direkt in mein Herz, das Schöne, das Schützende, das meine Mutter und ich in Wiesenberg gefunden hatten, der Jubel über die Wiederkehr dessen, was letztes Jahr schon wiedergekehrt war.

Alles verlangsamte sich, nur das Räumfahrzeug gab Gas. Seine Lichter bewegten sich aus der Dorfmitte auf mich zu. Gesteuert von August, unserem Nachbarn, scharrte die eiserne Schiebeschaufel die Sträßchen entlang. Vor unserem Haus blieb August kurz stehen, schob sein klappriges Fenster zur Seite und rief: »Zieh dir was an, du verrücktes Kind!«

Weil wir August hatten und ein paar andere Frühaufsteher, hatten wir selbst die härtesten Winter immer im Griff. Die Schneewände, die sie bauten, formten mit den Wochen ein anderes Dorf mit noch schmaleren Straßen, die wahre Schluchten waren.

Wenn der Marktplatz für die Weihnachtszeit geschmückt wurde, stiegen die Männer auf die lange Leiter des Feuerwehrautos und verteilten Lichterketten. Die Frauen hielten im Gemeindesaal den Punsch warm. Sobald schließlich der große Tannenbaum und jeder einzelne Laternenmast entlang der Hauptstraße festlich funkelten, versammelten sich alle um den großen Feuerkorb herum und machten Pläne für den Weihnachtsmarkt.

Meine Mutter, Tante Frieda und ich konnten keinen Mann beisteuern, der beim Schmücken half. Aber der Weihnachtsmarkt war ganz unser Ressort. Dort verkauften wir all die Babyschühchen, die Tante Frieda und ich im Laufe des Herbstes gehäkelt hatten.

Häkeln war Tante Friedas Trick, um mir beizubringen, dass man dem Leben in kleinen Handgriffen, Masche für Masche, ein Muster und eine Form gibt. Nebenbei zauberten wir den noch ungeborenen Dorfbewohnern Wärme und entzückende Borten an die Füße.

Wenn meine Mutter von ihrer Arbeit im Gasthaus heimkam, hatte jede von uns einen Schuh fertig, und die beiden Frauen konnten in ihr aufgeregtes Erzählen verfallen. Warum sie dabei einen beruhigenden Melissentee tranken, blieb mir ein Rätsel, denn er zeigte keinerlei Wirkung.

Nicht alle Babyschuhe verblieben im Dorf. Auch die Fremden, die im Gasthaus wohnten, kauften sie uns auf dem Weihnachtsmarkt für sieben Mark das Paar ab. Wir hatten nie genug davon.

 

»Du musst dich ganz leicht machen«, erklärte ich meiner Freundin Franzi. Es war Anfang März. Wir liefen von der Schule nach Hause. Es hatte lange nicht geschneit, und der Weg, den wir Schulkinder im Laufe der Wintermonate über den Buckel getrampelt hatten, war teuflisch glatt. Unsere Gummisohlen hatten ihn aufpoliert. Die Schneeflächen neben dem Weg hatten eine samten schimmernde Kruste. Wären wir kleine Käfer gewesen, dann wäre diese gleichförmige Oberfläche ein unendliches Universum gewesen. Wir probierten immer wieder, auf dieser Pracht zu laufen, ohne einzukrachen. Hexenschritte machen, nannten wir das.

Franzi versuchte, mit einem Aufschwung ihrer Arme das Gewicht aus ihren Füßen zu hebeln. Drei Schritte weit funktionierte es, doch dann brach sie durch. Dann kam ich dran. Ich huschte wie ein Insekt über die Oberfläche mit so wenig Kontakt wie möglich. Aber auch meine Stiefel landeten im sulzigen Zeug unten drin. Wir waren beide zu schwer geworden für den Hexenzauber.

Jetzt, im Frühjahr, roch der Schnee nicht mehr nach den eisigen Alpengipfeln, die uns umgaben, ohne dass wir sie sehen konnten, sondern nach aufgetauten Pflanzen. Ich blickte mich um und sah Bäume, die ihre Äste weit ausstreckten, um die Sonnenstrahlen einzufangen. Er sickerte durch mich hindurch, der friedliche Abschied des Winters. Die Zeit nahm wieder Fahrt auf.

 

Vier Uhr dreißig an einem diesigen mitteldeutschen Morgen. Ich gab mir genau eine Minute Zeit, um aus meinen Träumen aufzutauchen, dem Winter in Wiesenberg. Ich erinnerte mich nicht, dort jemals so gefroren zu haben, wie ich jetzt gleich frieren würde. Ich zwang mich unter der Decke hervor und lieferte meinen müden Körper dem klimatisierten Hotelzimmer aus.

Der Blick aus dem Fenster im obersten Stock rüber zum Flughafen war halb verhangen, so als wäre ich schon in den Wolken. Die Freude aufs Abheben trieb mich ins Bad. Für die warme Dusche blieben mir drei Minuten Zeit. Auch meine anschließende Routine war genau getaktet. Erst die Beine ganz trocken reiben, damit ich schnell und ohne Laufmaschenunfall in die Feinstrumpfhosen schlüpfen konnte. Vielen Dank, liebe Hotelangestellten, für das frische duftende Handtuch! Es war fast, als hätte meine Mutter den Qualitätscheck gemacht.

Jetzt den engen blauen Rock über Beine und Hüften nach oben ziehen und dann nach unten glatt streichen. Die Knie mussten immer bedeckt sein, um die Männer nicht zu Blicken zu verführen. Wo ist die Grenze zwischen einem femininen und einem aufreizenden Auftritt? Meine Mutter hat sie immer im Blut gehabt.

»Willst du wirklich andere Menschen bedienen, so wie ich das jahrelang machen musste, Clara? Willst du nicht lieber Wirtschaft studieren? Da könntest du zu geregelten Zeiten am Schreibtisch sitzen und müsstest keine Schichten schieben, nicht mitten in der Nacht aufstehen und wärst nicht ständig unausgeschlafen.«

Damit begann die Aufzählung künftiger Strapazen, damals, gegen Ende meiner Schulzeit, wenn meine Mutter mal wieder an meiner Sehnsucht nach Höhe und Ferne verzweifelte.

»Niemals werde ich an einem Schreibtisch sitzen, Mama!«

Ich knöpfte die weiße Bluse von unten nach oben zu, ließ den obersten Knopf auf und band mir das Halstuch um. Das dem Logo meiner Fluglinie entliehene Orange leuchtete auf meiner dunklen Haut. Während ich meine schwarzen Locken mit einem Zopfband und Haarnadeln bändigte, sah ich mich wieder als kleines Mädchen in unserem Badezimmer in Wiesenberg stehen.

Es war am Tag unserer Ankunft. Ich zog den Hocker hervor, der unter dem Waschbecken stand. Er brachte mich hoch genug, sodass ich in den runden Spiegel schauen konnte. Stolz ließ ich die Hände über mein Gesicht gleiten. Dann beugte ich den Kopf, schob meine vielen kleinen Locken auseinander und schielte nach oben, um herauszufinden, ob die Haut unter meinen Haaren vielleicht so weiß wäre wie Tante Friedas Haut unter ihren grauen Haarbüscheln. Doch meine Haut dort war so braun wie mein Gesicht.

»Wie Kakao mit Milch und Honig«, so beschrieb meine Mutter immer meine Haut. »So wie Kakao am leckersten ist.«

 

 

 

 

 

 

 

Clara

Wiesenberg 1990

6 Jahre

 

 

Fremde

 

Anfang September 1990, wenige Wochen nach meinem sechsten Geburtstag, kamen wir im Dorf an. Wir waren mit dem Zug in München losgefahren und dann in einen Bus umgestiegen, wo ich auf Mamas Schoß eingeschlafen war. Als sie mich weckte, wusste ich nicht, welche Wege uns hierhergebracht hatten. Das Dorf war wie ein anderer Planet, losgelöst von der Welt, wie ich sie kannte.

Wir stiegen aus dem Bus und standen auf einem Platz vor einer Kirche. Mama setzte mir meinen kleinen Rucksack auf den Rücken. Sie selbst schulterte den großen Rucksack und nahm mich fest an der Hand, so wie sie mich gestern noch in München an der Hand gehalten hatte, als der Verkehr an uns vorbeigedonnert war. Je lauter in München der Verkehr war, desto fester hielt Mama immer meine Hand. Doch jetzt, nachdem der Bus davongefahren war, hörte ich kein einziges Auto. Warum hielt sie mich so fest? Hatte sie Angst um mich?

Die Häuser waren viel kleiner als in München, selbst die Kirche schien mir wie aus einem Bilderbuch ausgeschnitten. Die Straßen waren schmal, die Gärten dafür weit. Zwischen den Häusern sah ich Ausschnitte von welligen Wiesen. An solchen Wiesen waren wir auch mit dem Zug vorbeigerollt. Immer wieder tauchten Dörfer auf, wie hineingewürfelt in die Mulden, als hätte der liebe Gott Kniffel gespielt.

Meine Mutter hielt einen Zettel in der Hand, auf dem eine Adresse stand. Müde, hungrig und mit hängendem Kopf tappte ich neben ihr her. Sie hatte versprochen, wir würden die Salamibrote essen, sobald wir angekommen wären. Doch jetzt zog sie mich immer weiter, und ich wollte schon nichts mehr sehen von diesem Kleinkinderdorf.

»Rechts abbiegen in den Birkenweg, dann zweite links«, las Mama vor. Sie brauchte beide Hände, um das Stück Papier ruhig zu halten. Ich solle mich an dem Gurt ihres Rucksacks festhalten, sagte sie. »Nicht loslassen, Clara!«, ermahnte sie mich, als gäbe es hier Schluchten, die mich verschlingen würden, wenn ich nicht irgendetwas an ihr festhielt. Schließlich öffnete sie ein Gartentor, und ich staunte über ihren Mut. »Das muss es sein«, murmelte sie. Wir liefen einen Steinweg entlang, vorbei an Blumen und Sträuchern, auf eine breite Steintreppe zu. Die hölzerne Haustüre öffnete sich wie von allein. Ich hielt den Rucksack meiner Mutter fester. Dann sah ich das große helle Gesicht einer älteren Frau. Sie lachte meiner Mutter entgegen und sagte etwas, was ich nicht verstand. Dann blickte sie zu mir herunter, und ihr Lachen blieb für einen Augenblick stehen, als wäre sie Frau Holle, und ich hätte sie gemalt.

»Ist das Ihre Tochter?«, fragte sie ungläubig, ohne ihren Blick von mir abzuwenden.

»Ja«, sagte meine Mutter und streichelte mir über den Kopf. »Das ist Clara.«

Das große Gesicht der Frau kam auf meine Höhe, und ich sah ihre weiße Kopfhaut durch die flauschigen grauweißen Büschel auf ihrem Kopf.

»Ich bin Tante Frieda«, sagte sie.

Meine Mutter und Tante Frieda redeten schnell und aufgeregt miteinander, und sie hörten von da an nie wieder damit auf.

Tante Frieda stieg mit uns hinunter in den Keller ihres Hauses, wo unsere neue Wohnung lag. Was Mama während der Wohnungsbesichtigung zu Tante Frieda sagte, nahm ich nur bruchstückhaft auf. Ich war mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, die versuchten, sich einen Reim zu machen auf das, was ich hörte.

»Sie wird es nicht leicht haben hier. In München gab es wenigstens noch ein paar Kinder mit dunklerer Haut.«

Ich dachte an die Kinder in München. Keines hatte so ausgesehen wie ich.

»… aber Clara ist ein starkes Mädchen.« Mama hob meine Hand, die sie wieder fest umklammert hielt, über meinen Kopf, als hätte ich einen Preis gewonnen.

Dann kam von Tante Frieda: »Sie spricht aber schon Deutsch?«

»Ja, natürlich. Sie ist nur sehr schüchtern.«

»Mama, ich verhungere!«, beschwerte ich mich. Als ob ich kein Deutsch sprechen würde!

»Magst du vielleicht ein Gulasch essen?« Tante Friedas Kopf kam wieder auf meine Höhe. Gulasch war mit Sicherheit kein deutsches Wort, also schüttelte ich den Kopf. Doch Tante Frieda rief aus: »Ich mach euch beiden jetzt ein warmes Essen.«

Als Tante Frieda nach oben verschwunden war, sagte ich: »Mama, wir haben gar kein Klo.« Ich zappelte, um ihr zu zeigen, wie dringend ich musste.

Mama lachte, öffnete zielsicher die Tür gegenüber der Küche und drückte auf den Lichtschalter im Bad. Ich schlüpfte hinein. Ich musste nicht aufs Klo, aber ich musste in den Spiegel schauen.

 

In dieser Wohnung würden wir nur ein paar Monate bleiben, erklärte mir meine Mutter. Wir saßen im letzten Tageslicht, das spärlich durch den Schacht fiel, auf dem Doppelbett mit einer ungemütlich glatten braunen Tagesdecke, ich umgeben von meinen kleinen Stofftieren und Bilderbüchern, sie von ein paar Zeitschriften. Alles roch nach der fremden Erde, in die unsere Wohnung halb eingegraben war. Die Spätsommerwärme fand hier nicht herunter.

Mama redete. Sie beschrieb unsere Lage, verglich sie mit der früheren, als sei ihr alles schon lange klar gewesen, alles schon Geschichte. Doch die Art, wie ihre Stimme immer wieder nach oben ausrutschte, verriet mir, dass auch ihr alles unheimlich war.

Das Schlafzimmer lag auf der geschlossenen Seite des Kellers. Der Blick aus dem Fenster fiel auf eine Betonwand in einem Schacht mit Kieselsteinen und Spinnweben. Wir würden uns eine größere, hellere Wohnung suchen. Wir würden auf eine Wiese schauen, vielleicht mit Pferden, sagte Mama.

Später versuchten wir einzuschlafen, und Mama streichelte mich. »Das sind alles ganz liebe Leute hier auf dem Land, Clara. Sie sind nicht so gestresst wie die in der Stadt. Sie haben Zeit, um miteinander zu reden.«

 

Tante Frieda ließ keinen Zweifel daran, dass sie viel Zeit hatte, um mit meiner Mutter zu reden.

Manchmal unterbrach ich die beiden Frauen laut und forsch: »Ich mag mal wieder Nudeln, nicht immer nur Brot zum Fleisch!« Oder: »Wann darf ich endlich in den Kindergarten?« So wollte ich sie daran erinnern, dass ich Deutsch sprechen konnte. Zunächst redeten sie einfach weiter, über meine Wortmeldungen hinweg, dann waren sie für ein paar Sekunden still, bevor eine kurze Antwort daherkam, manchmal von beiden gleichzeitig: »Morgen gibt’s Nudeln, Clara«, oder: »In drei Tagen gehen wir in den Kindergarten. Jetzt iss, komm!«

Tatsächlich kam der Abend, als Tante Frieda sagte: »Clara, heute geht’s früh ins Bett. Morgen um Viertel vor acht machen wir uns auf.« Ich sollte meinen Rucksack packen: Hausschuhe, Regenjacke, Wechselhose. Tante Frieda hatte eine Liste im Kindergarten abgeholt. Davon las sie noch eine ganze Reihe von Sachen vor, die ich nicht hatte: ein leeres Heft, eine Sammelmappe für meine Arbeiten, eine Trinkflasche aus Plastik (bitte kein Glas!). Wie sollte ich ohne diese Sachen in den Kindergarten gehen? Ich sank auf dem Boden zusammen. Tante Frieda stellte mich wieder auf die Füße und sagte: »Die Hanna wird das verstehen.«

Dass »die Hanna« die Kindergartenleiterin war, hatte ich schon gelernt. Auch dass Tante Frieda vor die Namen immer ein der oder die setzte, als handelte es sich um ein Tier – der Wolf, die Schnecke, der Igel. Wenn sie zu mir von meiner Mutter sprach, sagte sie »die Mama«, und ich machte insgeheim daraus »die Mameise«. Abends im Bett erzählte ich Mama von ihrem neuen Namen. Da kicherte sie und kitzelte mich mit Ameisenfüßen. Sie war aufgeregt wegen des Kindergartens.

 

Viel zu schnell lief Mama hinter Tante Frieda her die Straße entlang und hielt dabei meine Hand. Immer wieder musste ich in einen Pferdegalopp fallen, um mitzukommen. Ich blickte die schmale Straße hinunter und am Kirchturm hoch. Er ragte weit in den Himmel, hielt uns ein rotes Ziffernblatt mit goldenen Zeigern entgegen und wurde oben von einer grünlichen Zwiebel gekrönt. Ich stellte mir vor, dass der Turm nicht nur die Uhrzeit kannte, sondern mit seinem Glockenschlag zu jeder Stunde auch die Pflichten aufzählte, an die sich jeder Dorfbewohner zu halten hatte. Acht Uhr Kindergarten, Hausschuhe, Wechselhose, Arbeitsmappe, Trinkflasche …

Doch plötzlich war der Kirchturm nicht mehr das Größte an meinem Horizont. Dahinter offenbarte sich etwas noch Mächtigeres. Eine teils gräserne, teils waldige Halbkugel.

»Mama! Schau, der Berg!«, rief ich aufgeregt, so lange, bis sich beide Frauen zu mir umdrehten.

»Das ist der Graskopf, Clara. Da oben leben die Kühe«, erklärte mir Tante Frieda.

 

Eine Frau mit ganz kurzen schwarzen Haaren holte mich an der Tür ab, durch die Tante Frieda mich schob. Sie wechselte lustig hopsende Worte mit Tante Frieda, und ich verstand, dass das Hanna war. In Hannas runden braunen Augen funkelte eine Freude, als wäre es auch ihr erster Tag. Sie schien genauso aufgeregt wie ich über alles, was in ihrem Kindergarten heute passieren würde. Vielleicht weil es genau das war, was jeden Tag passierte, mit der Ausnahme von meinem Erscheinen. Sie schob mich in den Gruppenraum, und ich fand mich in einem Meer von Gesichtern. Es spülte die Gesichter in Wellen zu uns. Hanna erklärte mehr als einmal, dass ich aus München kam. Daraufhin sagten die Gesichter fröhlich »Hallo« und verteilten sich dann schnell wieder in den Ecken.

In meinem Münchner Kindergarten hatte es viel lärmenden Spaß gegeben und viel Unordnung. Hier dagegen war die Ordnung der Spaß und umgekehrt. Beide regierten gemeinsam in den Räumen, in der Zeit, sogar im Lärm. Es gab einen Frühstücksraum, eine Kuschelecke, einen Bastelraum und eine Tobe-Ecke, wo das Chaos hingehörte.

Ich lernte, wie ein Tag ablief: Morgensingen, freies Spielen, frühstücken, arbeiten, in der Kuschelecke Bücher vorgelesen bekommen und schließlich das Allertollste: Jacken anziehen und rausgehen in den Wald. Ich blieb die ganze Zeit bei Hanna an der Hand.

»Die Clara hat nicht mit uns geredet«, sagte Hanna, als meine Mutter mich abholte. »Aber ich glaube, dass sie morgen reden wird. Oder, Clara?«

 

Am nächsten Tag war alles anders. Als ich in den Gruppenraum kam, bemerkte ich, wie die Kinderstimmen plötzlich leiser wurden. Ich stand verloren in der Mitte des Raumes, dann ging ich in die Kuschelecke, um mir dort ein Buch anzuschauen. Das Leisesprechen, überlegte ich, gehörte vielleicht in den Morgen so wie später das Singen.

Anders als gestern sah ich jetzt auch Mütter mit in den Gruppenraum hereinkommen. Sie blickten sich um, bis sie mich sahen, schauten mich eine Weile lang an und gingen dann wieder hinaus. Eine der Mütter wurde von ihrer Tochter in meine Richtung gezogen. Dann zeigte das Mädchen direkt auf mich und zog ihre Mutter weiter zu mir heran.

»Bist du die Clara?«, fragte die Mutter.

Ich tat, als hätte ich nichts gehört. Da legte die Frau ihren Arm um ihre Tochter und sagte: »Das ist die Franzi. Sprichst du Deutsch?«

»Besser als du!«, antwortete ich. Franzis Mutter lachte und sah dabei aus wie eine Königin im Bilderbuch, mit blonden gewellten Haaren und einem schönen großen Mund. Dann ging sie davon und ließ mir ihre Franzi da, eine Prinzessin, hell und zart mit blauen Augen. Sie setzte sich neben mich.

»Warum ist deine Haut so braun? Meine Mama sagt, dass deine Mama dich vielleicht adoptiert hat aus einem Land in Afrika.« Im Nu drängelte sich eine ganze Schar von Kindern um uns. Sie riefen durcheinander:

»Mein Papa sagt, dass ihr Papa ein Soldat aus Amerika ist.«

»Meine Mama sagt, ihre Mama war mit denen von der Kirche in Afrika wegen der Wicklungshilfe. So wie die Mutter Teresa.«

Endlich kam mir Hanna zu Hilfe: »Lasst die Clara in Ruhe, Kinder! Euch fragt ja auch keiner, warum ihr eine Brille tragt oder Sommersprossen habt. Die Clara hat eben eine dunklere Haut, das ist doch toll!« Sie setzte sich auf den Boden, und die Kinder bildeten einen Kreis um sie. »Stellt euch mal vor, ihr wärt wie die Clara ganz neu hier. Wer kann sagen, wie er sich da fühlen würde?«, fragte Hanna.

»Ganz allein«, kam aus dem Kinderkreis zurück.

»So als wär man anders als die andern.«

»So als hätte man keine Freunde.«

»Ganz genau«, sagte Hanna. »Um der Clara zu zeigen, dass wir ihre Freunde sind, gehen wir jetzt mit ihr rüber in den Frühstücksraum und feiern Philipps Geburtstag.«

Alle wollten neben mir sitzen. Doch Franzi sagte, sie sei zuallererst meine Freundin gewesen, daher kriegte sie den Platz links neben mir. Rechts saß Philipp vor einem mit Girlanden geschmückten Teller. Alle sangen ein Lied für ihn, und es kam mir vor, als sängen sie es auch ein bisschen für mich: Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.

 

Bald redete ich mit allen im Kindergarten. Ich nahm sogar etwas von ihrem immer leicht aufgeregten Dialekt an. Doch Hanna legte Wert darauf, dass alle richtiges Deutsch lernten, und ich half ihr, es ihnen beizubringen.

»Der Sebaschtian isch z’kloi. Der kut da it nauf!« Wenn jemand so einen Ausruf tätigte, dann fragte Hanna: »Clara, wie würde man das auf Hochdeutsch sagen?« »Der Sebastian ist zu klein. Der kommt da nicht hoch«, übersetzte ich.

Doch es gab etwas noch viel Wichtigeres, was Hanna uns allen beibrachte. Sie nannte es Selberfühlen. »Denkt mal nach, wie würdet ihr euch fühlen, wenn …« Dann kam etwas, was gerade einem von uns zugestoßen war: »… eure Mutter im Krankenhaus wäre, so wie die Mutter vom Andreas?« Ich hätte solche Angst, dachte ich und umarmte meine Mutter extra lange, als sie mich abholte.

Doch Selberfühlen bedeutete auch selber wissen, was man wollte und was nicht. »Wer mag heute früher nach draußen?«, fragte Hanna. »Nicht einfach sagen, was alle sagen. Fühlt selber, was ihr wollt.«

 

Während ich Hanna und den Kindergarten lieben lernte, bahnte sich meine Mutter mit ihrer Mitteilungsfreude einen direkten Weg ins Herz der ganzen Gemeinde. Still stand ich neben ihr und wartete, bis wir weiterlaufen würden, während sie ihren neuen Bekanntschaften erzählte, dass sie aus einem Dorf im Schwarzwald stammte und mit mir aufs Land gezogen sei, damit ich in der Natur aufwachsen würde, so wie sie. Zehn Jahre lang habe sie in München gelebt, doch die Großstadt sei kein Ort für sie und schon gar nicht für ein Kind wie mich.

Die Offenherzigkeit meiner Mutter endete erst, wenn jemand fragte: »Und wo ist der Vater der Kleinen?« Sie machte dann eine wegwerfende Handbewegung und sagte, der lebe weit weg. Schließlich hörten die Leute auf, nach ihm zu fragen. Man mutmaßte wohl, die Sabine wolle ihr Kind vor zu viel Information über seinen Vater schützen. Das Dorf tat, was gute Nachbarn tun: Es half, mich zu schützen.

 

Meine Mutter hatte Wiesenberg für uns ausgewählt, weil es hier eine offene Stelle in der Alten Post gab, dem Gasthaus gegenüber von Marktplatz und Kirche. Die Alte Post hatte Fremdenzimmer im historischen Hauptgebäude und einige weitere in einem neuen Anbau. Aus ganz Deutschland reisten Urlauber an, von Frühjahr bis Herbst zum Wandern, im Winter zum Skifahren. Die Wirtsleute arbeiteten Tag und Nacht. Meine Mutter hatte das Hotelfach von der Pike auf gelernt und sehr gute Referenzen aus der Landeshauptstadt. Sie wurde dringend gebraucht.

An dem Morgen, bevor meine Mutter das erste Mal zur Arbeit ging, saßen wir an Tante Friedas Esstisch. Es war noch nicht mal ganz hell draußen. Tante Frieda goss Mamas Kaffee und meinen Kinderkaffee mit heißer Milch aus dem Topf auf. Als wir losliefen, fiel mir auf, dass die Luft so früh am Morgen anders roch. So als würde jetzt das echte Landleben losgehen, das jeden Morgen mit einem kühlen Windhauch begann, der vom Graskopf herunterwehte und einen herben Heuduft in sich trug. Das war das Leben, für das man ein starkes Mädchen sein musste, so wie ich es war.

Unterhalb der Schule trennten sich unsere Wege. Mama hatte keine Zeit mehr, um mich zum Kindergarten zu bringen. Sie ging den restlichen Weg mit mir durch: »Den Buckel hoch, an der Schule vorbei, dann an der Hauptstraße entlang, schön innen laufen, Clara, bleib weg vom Randstein, dann gleich in die nächste Straße rechts einbiegen. Das hier ist deine rechte Hand, Clara.«

Aus den Klassenzimmern fiel gelbliches Licht in Vierecken auf den steilen Buckel, an dessen oberem Ende der Eingang zur Schule lag, an dem ich vorbeimusste. Mitten in einem dieser Lichtfelder war ich in den letzten Tagen immer stehen geblieben und hatte zugeschaut, wie die Lehrerin den Reihen von Köpfen, die ich nur von hinten sah, etwas beibrachte. Es dauerte nie lange, dann ging irgendwo eine Hand nach oben. Eines Tages würde ich in einem dieser Klassenzimmer sitzen und hören, was die Lehrerin sagte. Ich würde etwas dazu zu sagen wissen und meine Hand nach oben strecken. Sie würde mich loben für mein gutes Deutsch.

Doch an diesem Morgen war ich so früh dran, dass der Unterricht noch nicht begonnen hatte. Enttäuscht trottete ich weiter. Da überholte mich eine Gruppe von schnatternden Mädchen. Als sie an mir vorbei waren, drehte sich eine von ihnen um und rief: »Schaut mal die!« Dann drehten sie sich alle um, und eine andere sagte: »Ja, das ist die kleine Schwarze, die bei der Frieda wohnt.« Dann drehten sie mir wieder ihre bunten Schulranzen zu und liefen durch die Glastür in die Schule. Aus der anderen Richtung bewegten sich ein paar Jungs auf die Schultür zu. Schnell drehte ich mich um und blickte in Richtung des Kirchturms, damit sie mein Gesicht nicht sahen.

 

Wenn Tante Frieda und meine Mutter mich am Abend fragten, wie es im Kindergarten gewesen war, antwortete ich gewöhnlich mit einem glücklichen Getänzel, während ich ihnen vom Singen, Basteln, Geschichtenhören und Versteckspielen im Wald vorschwärmte. Doch an diesem Abend führte ich keinen Freudentanz auf.

Mamas Redestrom brach los, sobald sie an Tante Friedas Tisch saß und ihre Teetasse in der Hand hielt. Anstrengend sei es gewesen im Hotel, Hochbetrieb ohne Pause. Und die Fremden! Wie unmöglich sie waren! Saßen in der Gaststube und wollten unterhalten werden, während die Zimmer gerichtet werden mussten und das Telefon klingelte. Die hatten einfach zu viel Zeit! Mama hatte den ganzen Tag lang alles gleichzeitig gemacht. Das musste man können im Hotelbetrieb.

»Wie war’s im Kindergarten, Clara?«, flocht sie zwischenrein.

Schlimm war es. Alle Kinder hatten, als sie mich anschauten, eine Schwarze gesehen, sogar Franzi, und ich hatte an nichts anderes denken können. Es hatte keine andere Farbe mehr an mir gegeben.

»Morgen geh ich wieder um acht!«

Das gefiel meiner Mutter nicht. Tante Frieda bot sich zwar an, mit mir zu frühstücken und mich dann in den Kindergarten zu bringen, doch Mama sagte: »Das fangen wir gar nicht erst an.«

 

Vor mir der Schulbuckel, in meinem Rücken der Kirchturm, weit und breit kein Baum oder Busch, um dahinter zu verschwinden, trottete ich am nächsten Tag auf die Schule zu. Ich hielt meinen Blick auf den Graskopf gerichtet und sehnte den Moment herbei, wenn ich freie Sicht auf ihn haben würde. Doch dazwischen lag eine wachsende Schar von Kindern. Sie kamen von allen Seiten, es war unmöglich, sich von ihnen wegzudrehen. Sie lachten und riefen sich Dinge zu, die ich nicht verstand.

Als ich neben ein paar größeren Jungs auf der Mitte des Hanges war, überholte mich plötzlich Philipp.

»Schneller, Clara!«, rief er.

Da hörte ich einen der Jungs neben mir sagen: »Clara heißt die? Sieht eher aus wie Ka…«

Weiter kam er nicht. Der Junge, der neben ihm lief, rammte ihm seinen Ellenbogen in die Seite, sodass er einen Schmerzlaut hervorpresste wie im Cowboyfilm, wenn einer von einer Kugel getroffen wird. Da rannte ich los, so schnell ich konnte, und holte Philipp ein, der schon an der Schule vorbei war.

Weder Hanna noch Franzi bekamen ein einziges Wort aus mir heraus. Zur Wand gedreht lag ich in der Kuschelecke und tat, als würde ich ein Buch anschauen. Mein ganzer Körper wollte platzen vor lauter Traurigkeit. Immer wieder ließ ich ein paar Tränen durch meine geschlossenen Augen laufen, weil es mich sonst zerrissen hätte.

Franzi sah, dass ich weinte, und fragte, was los sei, aber ich hatte keine Antwort. So weit draußen war ich aus ihrer Welt, dass ich nicht mal mehr Deutsch sprach. Ich hatte keine Worte für irgendetwas. Nur die anderen hatten Worte. Meine Freunde kannten eine andere Clara, nicht mich. Ich war ein Mädchen, das nur meine Mutter kannte. Aber meine Mutter wollte auch lieber die andere Clara als Tochter haben, nicht mich.

Das halbe Wort mit K bohrte sich in das Dunkel in mir. Es wollte mir sagen, wer ich wirklich war, in dem allergemeinsten Ton, den es gab. Gleichzeitig versuchte Franzi, die Clara zu umarmen, die da lag. Da konnte ich es nicht mehr halten und heulte los. Ich heulte so heftig, dass mir die Luft ausging. Jeder Versuch, Luft zu holen, endete in einem Schluchzen, das jede andere Stimme im Raum übertönte.

Ohne dass auch nur ein Quäntchen Trost in mein verwüstetes Inneres drang, ließ ich mich von Hanna hochnehmen und hing auf ihrer Schulter wie ein nasser Sack. Sie steuerte mit mir in ihr Büro, Franzi lief hinter uns her. Hanna setzte mich in den Sessel neben ihrem Schreibtisch und kniete sich vor mich hin. Es dauerte, aber sie holte es aus mir heraus, das halbe Wort mit K.

Es vergingen ein paar entsetzte Sekunden, bevor Hanna aufsprang, ihre Jacke vom Haken nahm und mit Franzi und mir zur Garderobe marschierte. Dort half sie uns, Jacken und Schuhe anzuziehen, und lief mit uns rüber in die Schule. Als Dreiergespann, mit Hanna an der Spitze, schossen wir durch die Glastüren und mitten hinein in den hallenartigen Gang. Dort steuerte Hanna auf eine der vielen Türen zu und klopfte daran, laut und forsch.

Ein Mann öffnete. Er war kleiner als Hanna und hatte keine Haare. Hanna redete schnell und laut im Dorfdialekt.

»Es ist gleich Fünfminutenpause«, sagte der Mann und blickte auf seine Armbanduhr. Er sah mich an und wollte wissen, wie der Junge ausgesehen habe, der das halbe Wort gesagt hatte. Blond sei er gewesen, sagte ich, ein T-Shirt mit den Deutschlandfarben drauf habe er angehabt.

»Wie groß?«, hakte der Mann nach. Ich hielt meinen Arm über meinen Kopf und zeigte ihm, wie groß.

Dann erklang ein Gong. Franzi und ich wurden auf der Bank an der Garderobe abgesetzt. Von hier aus schauten wir zu, wie Hanna mit dem Mann durch die dritte der vier Klassenzimmertüren ging.

Ehrfürchtig beobachteten wir einige Schulkinder, die zu den Toiletten liefen. Sie sagten »Hallo«, und wir sagten »Hallo« zurück. Fiel ihnen auf, dass meine Haut anders war als Franzis? Es schien, als wären sie eher mit sich selbst beschäftigt, und mit den fünf gezählten Minuten, in denen ihre Klassenzimmertüre sie freigelassen hatte. Zwei Kindergartenmädchen sahen ihnen staunend zu, wie sie sich in ihrer Schule bewegten, so, als gäbe es in einer Schule ganz gewöhnliche Vorgänge, als wäre nicht selbst der Gang zum Klo etwas Bewundernswertes.

Als der Mann mit Hanna wiederkam, kniete er sich vor mich hin, über seiner Nase war jetzt eine Falte: »Wir wissen, wer es war, Clara. Er wird sich überlegen, wie er sich bei dir entschuldigt. Dafür geben wir ihm ein bisschen Zeit.«

Zurück im Kindergarten betraten Franzi und ich Hand in Hand den Frühstücksraum, stolz auf unser Abenteuer. Meine Freunde kamen zu mir und sagten, sie wüssten, wie ich mich gefühlt hatte, als ich weinte.

 

Als Tante Frieda mich abholte, erfuhr sie von Hanna die ganze Geschichte. »Der soll mir unter die Augen kommen!«, sagte sie.

Wir liefen an der Kirche vorbei zum Bäcker, und Tante Frieda kaufte Hörnchen. Auf dem Heimweg zeigte sie auf die Alte Post und sagte: »Der Mama erzählen wir das gar nicht, Clara. Die regt sich nur auf. Das wär nicht gut.«

Zu Hause machte sie uns Kinderkaffee mit warmer Milch. Wir saßen an ihrem Tisch und tunkten die Hörnchen in unsere Tassen. Draußen hing eine Wolkendecke über den Wiesen und Gärten. Leise zwitschernd und in alle Richtungen offen lag der Nachmittag vor uns. Wir würden später in den Garten gehen. Tante Frieda würde Salat pflanzen, und ich würde auf den Steinplatten mein Hüpfspiel von gestern weiterspielen. Es juckte mich schon in den Füßen.

Wir räumten gerade die Tassen und Teller ins Spülbecken, da läutete es an der Tür. Als Tante Frieda öffnete, versteckte ich mich hinter ihr. »Ist die Clara da?«, hörte ich eine Jungenstimme.

»Was willst du denn von ihr, Florian?«

»Ich will ihr die Blumen da bringen. Den Rest muss ich ihr selber sagen.« Er klang nicht, als wolle er Freundschaft mit mir schließen. Trotzdem kam ich aus meinem Versteck. Ich war neugierig und wollte die Blumen sehen, ein paar grob ausgerupfte Gänseblümchen mit viel Gras dazwischen.

Florian trug immer noch das T-Shirt mit den Deutschlandfarben, die in Streifen über seine Brust verliefen. Neben ihm stand der andere Junge, der ihm heute Morgen den Stoß versetzt hatte. Auch er trug dieses T-Shirt. Er war noch größer als Florian, hatte dunkle lockige Haare und ein nettes Lächeln. Florian dagegen hatte ein freches Gesicht, das gar nicht lächeln konnte, sondern nur grinsen. Ich nahm das Blumenbüschel entgegen.

»Kommt rein, ihr zwei«, lud Tante Frieda sie ein. Sie holte ein kleines Wasserglas für die Blumen, ordnete sie darin einigermaßen hübsch und stellte das Glas auf den Tisch. Dann bot sie Florian und seinem Freund ein Malzbier an. Als sie die Flasche auf den Tisch stellte, waren darauf auch die Deutschlandfarben in Streifen abgebildet. Da fiel mir ein, warum: die Fußball-Weltmeisterschaft!

Überall waren in München die Deutschlandfarben aufgetaucht. In Tante Annis Wohnung hatten wir das Endspiel angeschaut. Die deutsche Mannschaft hatte gegen die anderen mit den weiß-blauen T-Shirts mit einem Tor gewonnen. Danach war es in der Stadt so zugegangen, dass Tante Anni uns nicht zur Bahn gehen lassen wollte und ein Taxi rief.

Ich wollte eigentlich mit den beiden Buben nicht sprechen, aber meine Neugierde war wieder zu stark. »Warum habt ihr die Weltmeister-T-Shirts an?«, fragte ich. Die beiden saßen artig am Tisch und tranken ihr Malzbier. Ich kniete auf der gepolsterten Eckbank, um mit ihnen auf Augenhöhe zu sein.

»Weil wir später mal in der Nationalmannschaft spielen werden«, erklärte Florian. »Dann werden wir es sein, die den Titel holen!«

»Vielleicht könntet ihr ja erst mal für Wiesenberg gewinnen und endlich mal die Emmenstädter schlagen«, schlug Tante Frieda vor. »Wolltest du Clara nicht etwas sagen, Florian?«

»Nein!«, rief ich. »Ich will’s nicht hören!« Und ich hielt mir die Ohren zu. Ich wollte nicht an das erinnert werden, was heute Morgen passiert war.

»Du, Clara«, sagte der andere Junge, der eindeutig liebere von beiden, als meine Ohren wieder offen waren. »Ich finde, du siehst aus wie die Tochter vom Diego Maradona. Und der ist der größte Fußballer aller Zeiten.«

»Haha!«, lachte der Florian. »Wahrscheinlich siehst du nicht nur so aus wie die Tochter vom Maradona, sondern bist es auch noch. Aber leider hat er ja verloren, gegen uns Deutsche!«

»Vor vier Jahren hat er aber gewonnen gegen die Deutschen und war der beste Spieler in der ganzen WM«, warf der andere Junge ein.

»Der Benedikt hat recht«, sagte Tante Frieda. »Der Maradona ist der Beste. Da muss der Matthäus noch ein paar Jährchen üben.«

Mit ausladendem Schwung, als wäre es eine richtige Halbe, hob Florian sein Malzbierglas an den Mund. Er nahm ein paar große Schlucke und setzte das Glas mit Nachdruck wieder ab. Dann rieb er sein Kinn mit den Fingerspitzen. »Weißt du was, Clara? Du wirst Fußballerin. Dann spielst du wie der Maradona, aber nicht für die Argentinier, sondern für uns!«

»Das werde ich auch«, sagte ich entschlossen. »Dann schlage ich die Emmenstädter und dich dazu!«

»Von mir aus, schlag mich. Aber dann sind wir quitt«, erklärte Florian und streckte mir seine Hand hin.

»Dann sind wir quitt«, sagte ich und schlug ein.

Das Dunkel

 

Von nun an gehörte das Dunkel zu mir, und ich war damit immer die eine, gleiche Clara. Von meiner Mutter kam kein Dementi, also war gesetzt, dass ich die Tochter eines großen Fußballspielers war. An der Schule vorbeizugehen war jetzt ein lustiges Abenteuer. »Claradona, Fußballstar!«, sangen die großen Jungs, als wäre ich schon auf dem Platz und sie würden mich anfeuern. Ich grinste, während ich an ihnen vorbeilief.

Ich wollte wissen, wie Fußballspielen geht und wie ein Spieler den anderen schlägt. Aber die Frauen hatten keine Zeit, um mit mir auf den großen Kickplatz zu gehen, wenn dort gespielt wurde. Also machten sie mir abends den Fernseher an und ließen mich Spiele anschauen. Einmal spielte Maradona mit. Seine Mannschaft verlor, und er sah schrecklich wütend aus.

 

Alle paar Wochen fuhr Tante Frieda mit dem Bus nach Lindau, um ihren Sohn und seine Familie zu besuchen. Dann gab es zwischen ihr und meiner Mutter eine Unterhaltung darüber, wie man das mit mir machen würde.

Wenn es ein Kindergartentag war, brachte mich Franzis Mutter Susie mittags in die Alte Post. Dort bekam ich von Mama in der Gaststube ein Mittagessen serviert. Dann durfte ich mit ihr durch die Hotelzimmer gehen, ihr beim Bettenmachen zuschauen, Kissen glatt streichen und die Blümchen auf den Nachttischen so arrangieren, dass sie nicht alle in dieselbe Richtung schauten, sondern in einem Halbkreis durchs Zimmer, wo die Fremden bald wieder in ihrer Ferienlaune herumlaufen würden. Die Blümchen durften nur nicht nach hinten an die Wand schauen, wo sie niemanden anlächeln konnten.

Am liebsten goss ich die Blumen auf den Balkonen. Wenn man auf der Straße vor dem Hotel stand, sah man sie entlang der beiden übereinanderliegenden Balkongeländer leuchten, rot, orange und rosarot. Doch von der Balkonseite her sah ich nur das Durcheinander ihrer Stängel und Blätter, die immer durstig aussahen. Um die Gießkanne hoch genug zu halten, musste ich einen kleinen Hocker von Kasten zu Kasten tragen. Ich musste aufpassen, dass ich mit der Gießkanne unter die Blätter kam, denn landete das Wasser auf den Blättern, tropfte es nach allen Seiten herunter. Deswegen rief der Pfarrer, der nach seinem Nachmittagskaffee von der Gaststube wieder ins Pfarrhaus zurücklief, zu mir hoch: »Mich brauchst du nicht zu gießen, Clara, ich wachse nicht mehr.«

Nach dem Gießen war der Nachmittag rum, und es gab Abendessen. Weil die Gaststube dann voll war, musste ich in der Küche essen. Ich saß auf einem Stuhl im Eck und hatte meinen Teller auf dem Schoß. Ich weiß nicht, ob die Wirtin mich dort sitzen sah, als sie hereinkam und zu meiner Mutter sagte: »Bitte lass die Clara nicht mehr gießen, Sabine. Sie vertreibt uns noch die Gäste.«

Wenn ich Mama half, die Tische hübsch zu decken oder abzuräumen, dann begegnete auch ich den Fremden. Ich drehte meinen Kopf in ihre Richtung und setzte mein liebstes Lächeln auf. Manche stellten mir Fragen: »Wohnst du hier in Wiesenberg? Wo kommen deine Eltern her?«

Einmal hörte ich, wie eine Frau, die mit ihrem Mann beim Mittagessen in der Gaststube saß, zur Wirtin sagte: »Das ist aber ein fleißiges kleines Mädchen, das Sie da als Hilfe haben. Und so hübsch ist sie. Als käme sie von ganz weit her.« Obwohl es keine Fragen waren, hörte ich deutlich die Fragezeichen am Ende ihrer Sätze.

Die Wirtin war ein ganzes Stück größer als meine Mutter. Sie hatte einen düsteren Blick. Ihre schwarzen Haare wölbten sich auf ihrem Kopf nach oben und gaben noch mal eine Handbreit zu ihrer Turmartigkeit dazu. Sie blickte sich kurz um, wohl um sicherzustellen, dass meine Mutter in der Küche war, und sagte: »Ja, das ist die Kleine von der Sabine. Wir wussten ja, dass sie ein Kind hat, als wir sie eingestellt haben. Aber dass es das Kind von einem Afrikaner ist, das wussten wir nicht.«

Da verschwand ich in der Küche hinter meiner wild wirtschaftenden Mutter und kam nicht mehr hervor.

 

Der nächste Tag war ein Samstag, und ich musste schon am Morgen mit in die Alte Post. Mama musste mich regelrecht hinter sich herziehen, als wir in unseren gelben Plastikjacken durch den strömenden Regen liefen.

»Die blöde Wirtin weiß nicht, dass der Maradona gar kein Afrikaner ist«, maulte ich leise. »Ich will die Kuh nie wieder sehen!« Den letzten Satz wiederholte ich stoisch im Takt meiner Schritte.

Irgendwann blieb Mama stehen.

»Was redest du da?«

Ich verstummte und trottete weiter, ließ den Satz nur noch in meinen Gedanken laufen. Er schlug dort den Rhythmus zu vergangenen Szenen, in denen meine Mutter im Zorn gefangen neben mir hergelaufen war und fast meine Hand zerquetscht hatte. Zerrte sie mich mit, weil ich ihre Rettung war oder weil sie mich sowieso nicht loswerden würde? »Die Mama regt sich nur auf, das wäre nicht gut«, hatte Tante Frieda zu mir gesagt, als das mit Florian passiert war. Das Dunkel in mir war das Dunkel im Leben meiner Mutter. In ihrem Beisein durfte ich es nicht ansprechen.

 

Je tiefer der Herbst vorrückte, desto weniger regnete es. Der Wind wehte morgens wieder vom Graskopf herunter, und die Sonne strahlte den ganzen Tag.

Ich malte einen dunklen mächtigen Kopf mit waldigen Haaren, der gegen einen blauen Himmel stand. Tante Frieda erkannte den Graskopf und fragte, warum er so gefährlich aussehe.

»Er ist nicht gefährlich, er ist nur dunkel«, sagte ich.

»Aber da unten, wo die Wiesen sind, da wo die Kühe leben, da ist er gar nicht dunkel«, sagte sie und deutete auf den Tisch unterhalb vom Bild, wo der Berg weitergegangen wäre, wenn das Blatt nicht voll gewesen wäre. Also malte ich den Graskopf noch mal. Diesmal mit grünen Wiesen unterhalb vom Gipfel.

»Wo sind die Kühe?«, fragte Tante Frieda.

Ich versuchte, eine zu malen, aber sie sah aus wie ein dicker Hund mit zwei Bananen auf dem Kopf.

Da zog mir Tante Frieda Jacke und Turnschuhe an, nahm ihren Mantel vom Haken neben der Haustür und sagte: »Komm, Clara, wir gehen Kühe anschauen.«

So kam ich zum ersten Mal auf die andere Seite des Dorfes. Wir liefen am Fußballplatz vorbei und eine Straße nach oben. Wer hier wohnte, der kam aus dem Oberdorf. Die Häuser waren größer als im Unterdorf. Man sah den Graskopf von einer anderen Seite. Am Ende der Straße ging es in einen Feldweg hinein, der auf beiden Seiten von Stacheldraht gesäumt war. Die Wiesen dahinter zogen sich den Hang hinauf und waren fast überall abgefressen. Von Weitem hörten wir schon die Kühe mit ihren Glocken läuten, und wir rochen sie auch.

Plötzlich galoppierten sie auf uns zu, erst nur ein paar wenige, dann die ganze Herde. Sie machten einen Höllenlärm mit ihren Glocken. Ich versteckte mich hinter Tante Frieda und schrie in blanker Panik in ihren Mantel hinein. Doch Tante Frieda blieb ganz ruhig und wartete, bis die wuchtigen Trampeltiere auf der anderen Seite des Stacheldrahtes zum Stehen kamen. Ich staunte, wie sie den Schwung ihres Galoppierens mit ihren schlaksigen Beinen abfingen.

Dann holte mich Tante Frieda hervor.

Die Kühe reckten uns neugierig ihre feuchten Nasen entgegen. Tante Frieda hob mich auf Augenhöhe mit ihnen, während ich vor Verzückung quietschte. Die Frechste, die ganz vorn stand, berührte ich sogar auf dem Flausch zwischen ihren Ohren. Ihr neugieriger Kuhblick war voll von reinster Fröhlichkeit.

In der Mitte des Bildes, das ich am Abend malte, war die große Kuhnase mit den weiten Nasenlöchern zu sehen. Die pechschwarzen Kuhaugen hatten lange Wimpern, links und rechts dahinter wuchsen die Ohren heraus. Gleich unter die Nase malte ich ein Lächeln, das eher mein eigenes war als das der Kuh. Um das Ganze herum zog ich einen dicken Kreis, aus dem zwei dünne lange Beine staksten. Bis auf einen weißen Rand um die Nase malte ich den Kreis braun aus, das gleiche Braun, das ich immer für mein eigenes Gesicht wählte.

Meine Mutter brach in ein glockenhelles Lachen aus, das völlig von ihrem Fremdenstress befreit war, als Tante Frieda ihr am Abend das Bild zeigte. »Das ist Kunst!«, flötete sie. »Kuh-unst!«

Während sie und Tante Frieda ihren Tee tranken und ihr Reden zum üblichen Strudel anschwoll, malte ich noch ein anderes Bild. Als ich fertig war, schob ich es Tante Frieda unter die Nase und sagte: »Schau!« Tante Frieda betrachtete es und rief aus: »Das ist der Sonnenhof!«

»Da will ich hin«, sagte ich.

»Den Hof muss sie gesehen haben, als wir zum Graskopf gegangen sind«, erklärte Tante Frieda meiner Mutter. »Man sieht ihn nur kurz. Das Kind hat ein fotografisches Gedächtnis, Sabine!«

Das Sonnenhof-Bild war knallbunt, Haus und Terrasse verliefen schief und krumm. Entlang des Terrassengeländers wuchs eine üppige Blumenpracht, und dahinter standen drei gelbe Sonnenschirme. Die Sonne trug ein Lachen, das zu erwachsen war, um mein eigenes zu sein.

Meine Mutter klebte das Bild mit Tesafilm über unser Bett und versprach: »An meinem nächsten freien Tag gehen wir zusammen auf den Graskopf. Dann machen wir Rast auf dem Sonnenhof und essen Kuchen.«

An einen freien Tag war aber erst mal nicht zu denken. Warum, das erfuhr ich im Kindergarten. Die Viehscheid rückte heran. Für keine andere Feierlichkeit reisten so viele Fremde an. Das Hotel war ausgebucht bis zum letzten Bett.

Von den Kindern im Kindergarten, die von einem Hof kamen, erfuhr ich, dass sie das letzte Stück mitlaufen würden, wenn die Kühe von den umliegenden Almen ins Dorf getrieben wurden. Philipp machte uns vor, wie er laufen würde. Dabei steckte er seine Daumen hinter die Hosenträger der Lederhose, die er tragen würde, machte ausladende Schritte durch den Raum und blickte von rechts nach links in sein Publikum.

Weil ich noch nie eine Viehscheid gesehen hatte, drehte er eine Extrarunde um mich herum und sagte: »Schau, so laufen wir hinter den Kühen her.« Dann blieb er plötzlich stehen und fragte: »Hast du überhaupt eine Tracht, Clara?«

»Ja, klar«, sagte ich, ohne zu wissen, wovon er sprach.

Als wir abgeholt wurden, verteilte Hanna gelbe Zettel und bat uns, sie zu Hause abzugeben. Ich fragte sie, was auf den Zetteln stand, und sie las mir vor: »Unser Neuzugang Clara König braucht eine Tracht, Größe 122. Wer kann uns eine leihen?«

 

Am Sonntagmorgen, Mama war schon lange aus dem Haus, putzte Tante Frieda mich heraus. Fast eine Stunde lang kämpfte sie mit meinen Haaren. »So ein Gewusel hat die Welt noch nicht gesehen!«, stöhnte sie vor sich hin, während sie eine Haarsträhne nach der anderen von meinem Kopf pickte und dann deren Anfang und Ende suchte. Schließlich zeigte sie mir mit zwei Spiegeln das unglaubliche Geflecht, das sich um meinen ganzen Hinterkopf legte.

Ich liebte meine strahlend weißen Puffärmel, die silbernen Taler, die auf dem schwarzen Samt meines Leibchens klimperten, den weit ausgestellten grünen Rock und die dunkelrot schimmernde Schürze. An den Füßen trug ich weiße Söckchen und schwarze Schuhe, die ein bisschen zu klein waren, sodass ich meine Zehen krumm machen musste. Als ich endlich Hand in Hand mit den anderen Dorfkindern an der Straße stand, passte ich perfekt in die Reihe. Von Weitem hörten wir schon die Kuhglocken. Je näher sie kamen, desto lauter wurden auch wir.

Dann sah ich eine wunderschön mit Blumen geschmückte Kuh herantrotten, das Kranzrind, wie uns Hanna erklärte. Dahinter veranstaltete eine ganze Parade von Kühen ein ohrenbetäubendes Gebimmel. Den Blick auf die Straße gesenkt ließen sie sich von den Hirten mit ihren Bergstöcken treiben. Aus war es mit ihrer Freiheit.

Alles staute sich auf dem Marktplatz, die ganze Dorfgemeinschaft, alle in der gleichen Tracht, und die Fremden in ihren bunten Dirndln und rot-weiß karierten Hemden. Ich sah meine Mutter, wie sie sich mit zwei Bierkrügen in jeder Hand einen Weg durch die Menge bahnte. Einige Musiker manövrierten ihre großen glänzenden Blechinstrumente zu der Holzbühne vor der Kirche, die für das Fest aufgestellt worden war.

Hanna übergab Franzi und mich Franzis Eltern. Franzis Vater trug eine kantige Brille. Angestrengt blickte er über unsere Köpfe hinweg, so als müsste er etwas ausrechnen und hätte keine Zeit für ein Hallo.

Die Musik posaunte los, und wir setzten uns an einen der aufgeklappten Tische nahe der Bühne. Meine Mutter kam voll beladen, um Franzis Vater und ein paar anderen wichtig dreinschauenden Männern Bier zu bringen. Mit einer Hand setzte sie drei Krüge gleichzeitig auf dem Tisch vor ihnen ab, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Da schauten die Männer plötzlich weniger ernst, als hätte die Sabine mit ihrem Bierbringen ein Spiel mit ihnen angefangen. Einer fasste sie um die Taille und krakelte lauthals über den Tisch: »Sapperlot, die hat Übung! So was lernt man nur in München!«

Meine Mutter lächelte ihr Fremdenlächeln, balancierte das Bier in den drei Krügen aus, die sie mit ihrer anderen Hand hielt, und eilte wieder davon.

 

Tante Frieda fand mich, als ich mit den anderen Kindergartenkindern auf der Wiese neben der Kirche Fangen spielte. Ich hatte meine Schuhe und Socken ausgezogen und war gerade mit Fangen dran. Sogar die Jungs hatten Angst vor mir.

Franzi eilte herbei und erklärte Tante Frieda: »Die Clara kann noch nicht heim. Wir müssen doch noch für das Foto auf die Bühne!« Da hörten wir schon Hanna, wie sie ins Mikrofon sprach. Wir Kindergartenkinder sollten uns vor den Schulkindern auf der Bühne aufreihen.

Die Menge war jetzt ruhiger. Einer der Männer, die an unserem Tisch gesessen hatten, stellte sich mit dem Mikrofon in der Hand vor uns und hielt eine Rede auf die gedrängten Köpfe und Bierkrüge hinab. Zum Schluss machte er mit seinem Arm einen feierlichen Schwenk hinter sich, stellte den Fremden den Nachwuchs des Dorfes vor und bat den Fotografen nach oben.

In die paar Sekunden der Stille hinein, die jetzt folgten, hörte man die Stimme einer Frau aus der ersten Tischreihe, wo die Fremden saßen: »Schau mal, die Dunkle da im Dirndl und ohne Schuhe! Wie ein kleines schwarzes Schaf.« Ich hätte das wohl gar nicht auf mich bezogen, wäre nicht Philipp im nächsten Moment aus der Reihe marschiert, zum Bühnenrand vorgelaufen und hätte zu dem Tisch hinuntergebrüllt: »Das ist doch die Clara! Und du bist selber ein Schaf!«

Uns allen war kein Lachen mehr zu entlocken. Auf dem Foto, das herauskam, spiegelten wir die betretenen Gesichter der Menge wider. Philipp hatte die Frau als Schaf bezeichnet, das war gegen alle Regeln der Freundlichkeit den Fremden gegenüber. Er würde Ärger bekommen.

Tante Frieda hatte mich schon ins Bett geschickt, als Mama nach Hause kam, doch ich lag wach und hörte, wie sie einen Redeanfall bekam. Auf irgendjemanden war sie böse. Vielleicht sogar auf mich.

Ich erinnerte mich an das, was nach dem Foto geschehen war: Tante Frieda holte mich von der Bühne. »Wir müssen noch deine Schuhe suchen, Clara!«, rief sie mir ins Ohr, denn die Blasmusik hatte wieder losgelegt. Doch ich wollte bei Philipp bleiben und ihn vor dem Ärger der Erwachsenen beschützen. Tante Frieda musste mich hinter sich her durch die Menge ziehen, während ich laut protestierte.

Die Feiernden waren inzwischen in wilde Bewegungen geraten. Die einen warfen sich beim Lachen weit nach hinten, die anderen schwenkten ihre Bierkrüge, um dem Nebentisch zuzuprosten. Tante Friedas Hand blieb eisern um meine geschlossen, und ihre Hartnäckigkeit brachte uns vorwärts. Auf der Wiese suchten wir die Schuhe, die man mir so großzügig geliehen hatte, aber sie waren nicht mehr da.

Wir kurvten wieder um die Tische, vorbei an Franzis Vater. Sein Gesicht war hochrot. Sein Lachen konnte ich nur sehen, nicht hören, aber ich erkannte eine dumme Bubenbosheit darin. Wieder kam meine Mutter mit dem Bier. Einer der Männer fasste sie um die Hüfte und zog sie diesmal noch näher heran, sodass das Bier überschwappte. Meine Mutter stellte die Krüge ab und wand sich mit einem wütenden Ruck aus der Umklammerung.

Bei dieser Erinnerung schlüpfte ich aus dem Bett, rannte nach oben und drückte mich auf Mamas Schoß. Sie legte ihre Arme ganz fest um mich, vergrub ihr Gesicht in meinen Haaren und wiegte mich hin und her. »Meine süße Maus. Wenn ich dich nicht hätte«, sagte sie, und ich wusste, es war alles wieder gut. Sie hatte mich ja.

 

Am nächsten Tag hatte Mama endlich frei und verschlief den Morgen. Ich saß an unserem schmalen Küchentisch, den man aus einem der Schränke herausfahren konnte, und malte Kühe mit Blumen auf dem Kopf. Normalerweise wäre ich hoch zu Tante Frieda gegangen, um Kinderkaffee zu trinken, aber etwas hielt mich davon ab. Eine Ahnung, dass die Ordnung im Haus heute eine andere war als gestern.

Als Mama aufstand und mich an dieser Stelle sitzen sah, fragte sie: »Warum gehst du denn nicht hoch, Clara?« Ich zuckte mit den Schultern. Sie öffnete alle Küchenschränke und suchte eine Kaffeemaschine. Um an die Schränke hinter mir heranzukommen, musste sie den Tisch einfahren und mich aufscheuchen. Endlich fand sie eine Maschine, aber Kaffee fand sie nicht. Schließlich setzte sie sich auf den zweiten Stuhl und raufte ihre wilde blonde Mähne.

»Können wir heute auf den Graskopf gehen?«, fragte ich.

Mama schüttelte müde den Kopf. »Mir tun noch alle Knochen weh, Clara.« Daraufhin rannte ich ins Wohnzimmer, warf mich auf die Couch und weinte so laut, dass Tante Frieda runterkam und uns zum Kaffeetrinken hochholte.