Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dreihundert Jahre Familiengeschichte auf zweihundert Buchseiten, geht das? Wie werden die Protagonisten lebendig und erhalten Authentizität? Wie lebten die Menschen damals im siebzehnten, achtzehnten Jahrhundert? Wie lebten vor allem die einfachen Leute, die sich in den Geschichtsbüchern keinen Namen gemacht hatten? Kurt und Ruth Rechsteiner wollten es wissen und entschlossen sich, ein Buch darüber zu schreiben. Zu zweit ein Buch schreiben? Geht das? Ja, besonders dann, wenn der Autor und die Autorin verschiedene Aufgaben haben. Kurt Rechsteiner beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Ahnenforschung. Dreihundert Jahre zurück recherchierte er die Geschichte von zwei Familien. Dabei interessierte er sich auch für die damalige Lebensweise und die historischen Zusammenhänge. Kriege, die Notwendigkeit auszuwandern, Kindersterblichkeit und die Armut, in der viele der Sarganser- und Oberländer lebten, waren die Realität der Ahnen. Sorgfältig trug er Daten und Fakten zusammen. Ruth Rechsteiner erfand mögliche Geschichten um die im Faktenteil festgehaltenen Ahnen und Urahnen, wie es hätte sein können. So erhalten die Namen und Daten ein Gesicht und ein Leben. Als Journalistin, Autorin und Schreibwerkstattleiterin bringt sie die Erfahrung mit dafür. Im zweiten Teil erinnert sich die Autorin persönlich an ihre Ahnen, weil sie diese noch gekannt hatte.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dani und Andrea gewidmet
Vorwort
Teil 1: Aktenkunde
Prolog
Spätgotische Kursive
Die Willi sind früh präsent
… die Guntli nicht viel später
Eine Pilgerreise erleidet Schiffbruch
Samuel Guntlis Ehen
Papier und Tinte sind teuer
Melser im Grossen Türkenkrieg
Der Nachtwächter von Mels
Tod im Holz
thoro natus
Seine Exzellenz kommt zu Besuch
Weisstannen im Fokus
Vom Schlössli Parpan nach Wangs
200 Jahre Schrabach
Noch ein Exkurs: Schule um 1800
Auswanderung, die erste
Peter Guntli, Grestis
Zurück ins Tobel
Bach-Peterlis
Gelobtes Land
Halb zog sie ihn,
Auch Guntli wandern aus
Schrabach zum zweiten
Fass ohne Boden
Das Leben geht weiter
Die Stellvertreterinnen
Teil 2: Lebhafte Erinnerung
Guntli-Bauer
Johann Guntli
Maria Philomena Guntli geb. Bauer
Mareli
Pia
Nes
Hedi
Emmeli
Hans
Anneli
Willi-Schnider
Joseph Leonhard Willi
Agatha Johanna Willi geb. Schnider
Lenhärti
Maria Elisabetha
Lorenzi
Sepp
Jakob Alois
Anni
Epilog: Die Spuren der Ahnen
Quellen
Zu den Autoren
Was wissen wir über unsere Herkunft? Über unsere Eltern: wenig. Die Grosseltern, die wir vielleicht gar nicht bewusst erlebt haben: noch weniger. Weiter zurück: fast gar nichts.
Dabei hatten unsere Vorfahren alle eine Geschichte, auch wenn sie nicht mit Namen in den Geschichtsbüchern auftauchen. Sie kämpften gegen Kartoffelkäfer und Pestratten, kleine Eiszeiten und Hungersnöte, gegen böse Landvögte, Eisenherren und Fabrikanten. Sie freuten sich über wohl geratenes Jungvieh und ebenso gefreute eigene Nachkommen, riefen den Alpsegen vom Maienberg zu den Nachbaralpen und ins Tal hinunter.
Dieses Buch will hier einige Wissenslücken schliessen. Es erzählt von den Geschlechtern der Willi und der Guntli über drei Jahrhunderte. Faktenbasiert, eingebettet in ihre damalige Umwelt und – wo das möglich war – ergänzt um persönliche Erinnerungen. Es soll diesen Ahnen wenn nicht Gesichter, so doch wenigstens Konturen geben. Es soll zeigen, dass sie alle mehr waren als Zähleinheiten der Statistik, namenlose Leibeigene und Kanonenfutter in fremden Kriegen.
Kurt Rechsteiner Ruth Rechsteiner-Willi
Das Sarganserland ist seit mindestens 4‘000 Jahren besiedelt. Da waren die Räter, dann die Römer, Goten und Franken. Mels, Vilters und Wangs sind seit dem achten Jahrhundert in Urkunden dokumentiert; in Mels stand schon im sechsten Jahrhundert eine Kirche, die Pfarrei betreute neben Mels auch Weisstannen, bis ins 15. Jahrhundert auch Vilters, Wangs noch viel länger. Die Habsburger beherrschten das Gebiet, ab 1483 die Eidgenossen (genau genommen: sieben der acht alten Orte, Bern regierte da nicht mit). Napoleon schlug es kurz dem Distrikt Linth zu, schliesslich wurde es – nach langem Sträuben – st.gallisch. Gesträubt hatten sich die Sarganserländer schon immer: Gegen das Vordringen der deutschen Sprache, da hielt das Romanische bis ins dreizehnte Jahrhundert durch (daher auch die vielen romanischen Flurnamen). Gegen die Untertanenschaft, als sie im späten Mittelalter vergeblich eine eigenständige Republik anstrebten. Das Sarganserland war chronisch dünn besiedelt, nur hier wuchs die Bevölkerung von 1669 bis 1809 überhaupt nicht. Und es war und blieb arm.
Aus dem Sarganserland stammen auch die Guntli und die Willi. Natürlich sind sie nicht bis zu den Rätern zurück nachweisbar, da wurde noch nicht viel aufgeschrieben, Familiennamen sind auch noch nicht so lange üblich, und in mittelalterlichen Urkunden tauchen höchstens Adlige oder Mitglieder der Oberschicht auf. Fassbarer werden die „Normalbürger“ erst mit der Einführung der Pfarrbücher. Da spielten ab Mitte des 16. Jahrhunderts die reformierten Kirchgemeinden Vorreiter, die Katholiken zogen meist später nach. Die (katholischen) Melser starteten damit 1639, also gegen Ende des Dreissigjährigen Kriegs, mit dem Tauf-und dem Totenbuch, 1649 kamen die Ehen dazu. Viele heute noch gängige Namen tauchen schon auf den ersten Seiten auf. Sie sind mit Gänsekiel und Eisengalletinte in spätgotischer Kursive geschrieben, mehrheitlich natürlich in Latein (ausser den Berufsbezeichnungen, ein Wagner blieb ein Wagner, vielleicht reichte des Pfarrers Kirchenlatein ja nicht weit genug): Bärtsch, Good, Grünenfelder, Kalberer, Nadig, Natsch, Pfiffner, Schumacher, Tschirky, Vogler, Wachter – und eben auch Guntli und Willi.
Nicht immer heutiger Schreibweise entsprechend, oft phonetisch angehaucht, Frauennamen wurden wie vielerorts üblich mit –in, –n oder je nach Pfarrer auch mit –ena verlängert, Anna Tschirky hiess dann eben Anna Tschirggin, Magdalena Willi wurde zu Magdalena Willena. Auch exotisch klingende Namen wie Tschärfiger sind dabei, es gibt das Geschlecht heute noch, Tscherfinger geschrieben, und der Flurname „Im Tscherfinger“ in Heiligkreuz (Gemeinde Mels) existiert auch noch.
Der erste dokumentierende Pfarrer macht dem Genealogen das Leben nicht allzu schwer. Im Taufbuch heisst es unter dem 20. Februar 1640: „Barbara Petter Guntli Barbara Pfiffner Hanni Natsch Maria Anna Bürgi“, was bedeutet „Barbara, Tochter des Peter Guntli und der Barbara Pfiffner, Taufzeugen waren Heinrich Natsch und Maria Anna Bürgi“.
Bei den Ehen gibt er sogar Hinweise auf die Eltern des Brautpaars (da ist er eine Ausnahme, ebenso bei der Benutzung des Deutschen, mehr dazu später), etwa so: „A1659. 25 Febru: Hans Meli der Schnider des lang Hans Melis zu Wangs Suhn und Elisabetha Schuomacheri des Jog Schuomachers zu Fontanix Dochter Testes Claus Schuomacher und alt Barthli Vogler“. „Testes“ sind (Trau-)Zeugen, mehr muss man nicht transkribieren, oder? Auch Übernamen und/oder Ortsnamen fügt er an, leider oft recht unleserlich, Bartholome Müller wird so zu „Barthli Müller zu Vermohl, genannt Schattbarthli“. Und manchmal stirbt auch nur „ein altes wibli“.
Gut, auch dieser Pfarrer pflegte seine Eigenhei-ten, abgesehen von der ordentlichen und gepflegten, aber doch gewöhnungsbedürftigen Schrift: So hat er offenbar mehrere Kinder zweimal getauft. Gleiche Vornamen, gleiche Eltern, gleiche Paten, im Abstand von wenigen Wochen. Ein anderes Mal gleiche Vornamen, gleiche Eltern, unterschiedliche Paten. Warum das?
Was ab jetzt grau unterlegt ist, sind direkte Vorfahren des Johann Guntli-Bauer oder des Joseph Leonhard Willi-Schnider. Sie sind immer beim ersten Auftreten markiert, gelegentlich zur besseren Unterscheidung auch später; damit sollen sie klar(er) unterschieden werden von all den anderen Guntli oder Willi, die „nur“ mehr oder weniger nah verwandt sind, aber doch in dieser oder jener Geschichte auftauchen.
Im ersten Jahrgang des Melser Taufbuchs sind nicht weniger als fünf Willi aufgeführt: Jacobus, Sohn des Fridli und der Anna Jacob, getauft sowohl am 27. Juli wie auch am 25. August; Magdalena, Tochter des Jacob und der Anna Hipper am 27. August; Joannes, Sohn des Hannis und der Catharina Kalberin (Kalberer) am 28. August; Maria, Tochter des Hans und der Maria Guggi am 11. November; und, ganz wichtig, Martinus, Sohn des Fridli und der Elisabetha Broder am 2. November.
Daraus lässt sich schon einmal ablesen, dass Willi ein recht verbreitetes Geschlecht war, was sich bestätigt mit gut 200 Taufen in den ersten 65 Jahren. Sie siedelten überall in Mels, mehrheitlich in Tallagen: Mels Ober- und Unterdorf, Gurguns, Gurtnatsch, Heiligkreuz, Huob, Mädris, Meilen, Plons, Tils.
Zu Stammvater Fridli (Fridolin) Willi und seiner Ehefrau waren keine weiteren Informationen zu finden. Vielleicht war Martin einfach der jüngste und damit der einzige im Pfarrbuch dokumentierte Nachkomme. Bei diesem Martin ist immerhin klar, dass er mit Maria Müller mindestens fünf Kinder aufzog und in Vermol zuhause war. Vermol ist ein Weiler westlich des Dorfes Mels im Weisstannental auf gut 1‘000 müM gelegen, seit 1527 bezeugt und – der Name bedeutet „unwirtliches, gefährliches Tal, wüstes Tobel“ – nicht gerade eine Toplage.
Mit dem älteren der zwei Söhne von Martin und Maria geht die Willi-Linie weiter: Jakob wurde am 11. Dezember 1664 geboren und heiratete vor 1685 (zwischen 1671 und 1685 fehlen die Seiten im Ehebuch) Elisabeth Pfiffner aus Weisstannen, Tochter des Christian und der Regula Albrecht. Aus den Büchern lässt sich zu ihren mindestens sieben Kindern einiges herauslesen: Das erste stirbt mit nur zwei Monaten. Ein Jacobus ist im Taufbuch nicht zu finden, wird aber 1691 gefirmt. Ein erster Johannes wird höchstens vierjährig. Der zweite Johannes wird am 27. April 1699 geboren und schafft es ins Erwachsenenalter. Diesen Johannes zieht es dann weiter ins Tal hinunter und näher ans Dorf Mels. Er wohnt in Butz (Butz: Pfütze, Viehtränke) und heiratet am 6. November 1730 Maria Schumacher von Fontanix oberhalb Wangs, fast in Sichtweite von Butz. Man kannte sich eben.
Als erste Guntli wird am 20. Februar 1640 in Mels eine Barbara getauft, Tochter des Peter Guntli und der Barbara Pfiffner. Am 14. September 1642 folgt mit den gleichen Eltern Samuel, der später öfters verheiratet war und im übernächsten Kapitel nochmals auftaucht. Dann braucht es zunächst einmal ganz viel Geduld: Erst sechzehn Jahre später ist Magdalena zu finden, und am 9. November 1660 mit Ludovicus ein zweiter männlicher Nachkomme, beides Kinder des Jacob Guntli und der Maria Guggi. Dazu kommt eine weitere Barbara Guntli, aus Weisstannen, die am 23. August 1659 Matheus Rickli vom Heiligkreuz heiratet.
Ludovicus wie Barbara sind zusätzliche Bemerkungen wert: Ludovicus ist, wie die graue Markierung zeigt, ein direkter Vorfahr, allerdings nicht des Johann Guntli (*1874), sondern des Joseph Leonhard Willi (*1879)! Und Barbara ist die einzige Guntli, die je im Zusammenhang mit Weisstannen auftaucht; das Geschlecht taucht in den dortigen Pfarrbüchern kein einziges Mal auf. Vielleicht ein Indiz, dass die Guntli ursprünglich in Weisstannen zuhause waren und erst um 1600 aus der hoch gelegenen Walsersiedlung weiter nach unten zogen?
Mit achtzehn Nachkommen innert fünfundsechzig Jahren waren die Guntli offensichtlich kein häufiges Geschlecht, ganz im Gegensatz zu den Willi. Wenn man noch die hohe Kindersterblichkeit in Rechnung stellt und die Weitergabe des Geschlechtsnamens nur über die männlichen Nachkommen, hätten die Guntli damals als bedrohte Spezies auf eine rote Liste gehört.
Und ganz trivial ist trotz den wenigen Guntli-Taufen die richtige Zuordnung und Einbettung in einen Stammbaum dann doch nicht. Dazu später mehr.
Übrigens sind seit dem 17. Jahrhundert Guntli auch in Buchs verbürgert. Dabei sind – wegen der komplizierten Herrschaftsverhältnisse in der alten Eidgenossenschaft – die Buchser Guntli reformiert. Es war eine zahlenmässig kleine Sippe mit nur 41 Familien zwischen 1670 und 1880, ohne Hinweise auf öffentliche Ämter und mit nur einer einzigen Berufsangabe (einer dieser Guntli war Kaminfeger), alle anderen waren offensichtlich einfache Bauern.
Die Jungfrau wird sie erhören
Auf ihrem Bett liegt alles bereit: ein Kamm, ein Stück Seife, ein Kopftuch und eine Bluse zum Wechseln. Ein Rock muss genügen. Sorgfältig hat sie die paar Münzen in den Saum genäht. Das Gebetbuch ist wichtig und der Rosenkranz. Kunstvoll bestickt mit einem Bildnis der Jungfrau ist der kleine Beutel. Jetzt verstaut sie alles darin.
Die festen Schuhe sind blitzblank geputzt und das Sonntagskopftuch scheint ihr angemessen für den bedeutungsvollen Gang. Barbara hat sich entschieden, die Wallfahrt mitzumachen. Persönlich will sie ihr Anliegen bei der Jungfrau vorbringen. Jeden Tag betet sie den Rosenkranz, aber das ist offenbar nicht genug.
Sie fürchtet sich ein wenig vor der Wallfahrt, werden sie doch mit dem Schiff auf dem breiten Fluss unterwegs sein. Schwimmen hat sie nie gelernt. Der Jungfrau Maria vertrauen, dann wird schon alles gut gehen. Das sagt sie sich immer wieder um sich Mut zu machen. Maria wird sie beschützen wie bis anhin immer.
Barbaras Augen schweifen in der kleinen Kammer umher. Ihr Zuhause die letzten zwanzig Jahre. Sie kennt jede Ritze dieser Kammer. Das schmale Bett mit dem Strohsack, das leinene Tuch darauf und die Kommode mit der Waschschüssel. In der untersten Schublade fein säuberlich aufgeschichtet sind die bestickten Leintücher und zwei Tischdecken, auch der Saum des Hochzeitskleides ist verziert mit winzigen Motiven. Abend für Abend arbeitete Barbara an ihrer Aussteuer. Alles ist bereit.
Jetzt ist es Zeit für eine andere Kammer, für ein grosses Bett. Einen Ehemann und eine Schar Kinder möchte sie. Die Jungfrau Maria wird ihren Wunsch erhören und sie wird ihre Furcht vor dem Wasser bekämpfen. Mit einunddreissig anderen wird sie betend dem Gnadenbild entgegen reisen. Alle haben ihre Anliegen, ihre Sorgen und so vereint werden sie ihr Ziel erreichen. Barbara schläft unruhig in dieser Nacht vor der Wallfahrt.
Weil die Melser Pfarrbücher erst 1639 einsetzen, fehlen personenbezogene Angaben zum Beispiel zu den Pestzügen im 16. und 17. Jahrhundert, weitgehend auch zum Dreissigjährigen Krieg. Zwar ist bekannt, dass auch die Sarganserländer viele Pesttote zu beklagen hatten – ob da auch Willi- oder Guntli-Vorfahren dazu gehörten, bleibt offen.
Ebenso gut ist dokumentiert, dass in der Reformationszeit etliche Gemeinden zum reformierten Glauben wechselten, unter dem Einfluss der alten Orte und vor allem des Landvogts von Sargans aber zur katholischen Lehre zurückkehrten. Und dann konsequent dabei blieben: 1836 standen 40 Reformierten 14‘274 Katholiken gegenüber, und noch nach dem Zweiten Weltkrieg waren fast 90% der Bevölkerung katholisch.
Wie auch immer: Die allererste dokumentiert getaufte Guntli, die 1640 getaufte Barbara, ist mir ein zweites Mal in die Augen gestochen: Für den 10. Mai 1666 meldet das Totenbuch „in peregrinatione ad monte di(vi)nae virginis instituta et ponata a Kommunitate Melsensi, Raguntensi et civitate Sarguntinensi per naufragium factum in Rheno … suffocati fuere ex nostra ibg sequentes virgines“. Da haben also Leute aus Mels, Ragaz und Sargans auf einer Pilgerreise (eher Wallfahrt) zum Berg der göttlichen Jungfrau im Rhein Schiffbruch erlitten und sind ertrunken.
Dieser „mons divinae virginis“ war höchstwahrscheinlich der Liebfrauenberg in Rankweil. Der „Berg“ ist in Wahrheit nur ein Hügel. Allerdings reichte die Hügellage, um schon um 700 eine churrätische Kastellkirche zu bauen, ersetzt dann durch eine gotische Basilika, 1657/58 ergänzt durch die Loreto-Wallfahrtskapelle. Das passt vom Namen her und war nicht weit von Mels entfernt (immerhin gute 35 km zu Fuss auf mühsamen Wegen, da kam es sicher gelegen, den Umweg über eine der wenigen Brücken mit einer Fähre zu vermeiden). Vor allem war der Liebfrauenberg ein beliebtes Wallfahrtsziel, auch Etappenziel für Santiago-Pilger zwischen Landeck und Einsiedeln, mit drei verehrten Objekten: einem hölzernen, mit Silber überzogenen wundertätigen Kreuz (seit 1233), dem Gnadenbild von 1460 und dem Stein des Heiligen Fridolin, der Rheuma und andere Schmerzen lindern soll (war bei den früheren Lebensbedingungen vermutlich recht gefragt). Die Kirche war auch Hochzeits- und Taufkirche für manche Melser. Jedenfalls passt Rankweil sehr viel besser als das Kloster Bornhofen am Rhein bei Köln, auch wenn dort 1710 ebenfalls Wallfahrer im Rhein ertrunken sind…
Unter den Ertrunkenen waren zweiundzwanzig „virgines“, also unverheiratete Frauen, soweit feststellbar alle um die zwanzig- bis fünfundzwanzigjährig. Dazu kamen drei „adolescentes“ gleich ledige Männer, fünf „feminae“ oder verheiratete Frauen und zwei „viri“, verheiratete Männer. Gleich drei Familien betrauerten je zwei ihrer Nachkommen. Und unter den virgines war eben auch Barbara Guntli. Dass sie die einzige Guntli-Vertreterin war, ist nicht unbedingt mit fehlender Frömmigkeit gleichzusetzen, eher mit der zahlenmässig schwachen Vertretung des Geschlechts.
Unter den Toten waren auch sechs Willi. Vier virgines: Eine Barbara, zwei Marien und eine Magdalena, alle vier nicht eindeutig einzuordnen. Dazu kamen zwei verheiratete Frauen, Anna und Magdalena; Anna ist bisher nicht klar zuzuordnen, der Vorname war einfach zu häufig. Auch bei den beiden potenziell passenden Magdalenen gab es erst nach längerer Recherche Klarheit: Die eine Magdalena, Tochter des Jerg oder Georg Willi aus Pluns genannt Büenler und der Elisabetha Bärtsch, wird am 30. Dezember 1640 getauft, heiratet am 4. Juni 1663 Schneidermeister Jacob Vogler im Winkel, hat nach dem Unfalldatum noch mindestens ein Kind und scheidet damit als Unfallopfer aus. Die „richtige“ Magdalena ist Tochter des Jacob Willi von Mäderis und der Anna Hipper, wird am 27. August 1639 getauft, heiratet am 28. November 1662 Jacob Willi (den Bruder der anderen Magdalena!) und bringt fünf Tage vor der Hochzeit, am 23. November 1662, Sohn Georg zur Welt, weitere Geburten sind nicht zu finden.
Im Kopf ist die Vergangenheit
Gefeiert wird nicht an seinem Geburtstag, immerhin 75 Jahre alt ist er. Zu feiern ist nicht Brauch in Mels, aber seine Ehefrau Maria Barbara kocht ihm sein Lieblingsessen, Speck mit Bohnen. Die erwachsenen Enkelkinder denken wohl kaum an ihn. Er sitzt auf der Ofenbank, wo er meistens sitzt. Seine Augen sind trüb und der Rücken krumm, die Gichthände liegen im Schoss. Er wartet. Worauf weiss er nicht.
In seinem Kopf ist die Vergangenheit. Sieben Frauen, sind es wirklich sieben Frauen, die er geheiratet hat? Mit Mühe bringt er die Namen zusammen. Elisabetha, das war eine Schöne und jung war sie. Ein leises Lächeln huscht über sein Gesicht. Sie war nicht lange bei mir, denkt er. Nur ein paar Jahre, dann ist sie gestorben. Gestorben wird viel in Mels. Oft bei Geburten. Einen Sohn hatte sie ihm geschenkt, der musste versorgt werden und in Haus und Garten brauchte er auch Hilfe, darum heiratete er noch während des Trauerjahres. Trauerjahre konnten sowieso nicht eingehalten werden. Barbara hiess die zweite Frau. Der erste Sohn wurde am Tag der Hochzeit getauft, so sparte man sich das Geld für zwei Essen für die Trauzeugen und Paten. Noch einen Sohn und zwei Töchter. Wie hiessen die nur? Samuel ist verwirrt. Die Namen weiss er nicht mehr. Es sind sowieso alle schon lange gestorben, Frau und Kinder. Nur er ist noch da.
Margaritha war eine gute Stiefmutter für die vier Kinder, die nach dem Tod der zweiten Frau zu versorgen waren. Kinder bekamen sie nicht. An Margaritha erinnert er sich kaum. Tüchtig, das war sie. Die Kinder gehorchten ihr aufs Wort und sie arbeitete von früh bis spät, bis die Schwindsucht sie dahinraffte. Und wieder war er allein mit den Kindern. Er schüttelt gedankenverloren den Kopf. Wie lange das her ist. Barbara, ja die war eine Schöne! Schwarze Haare und schwarze Augen hatte sie, aber mit den Kindern verstand sie sich nicht, hatte auch keine grosse Lust zu arbeiten. Dann wurde er laut und der Familienfriede war dahin. Sie starb nach nur drei Jahren. Weshalb? Er weiss es nicht mehr. Und wieder heiratete er, Maria. Sie gebar ihm zwei Kinder. Sie starb am gleichen Tag wie das zweite Kind, das nicht einmal getauft werden konnte.
Samuel schaut sorgenvoll. Ja, die ungetauften Kinder. Wo kommen die wohl hin? Wohin kommt man überhaupt, wenn man stirbt? Er ist etwas beunruhigt, weil der Pfarrer beim letzten Besuch gesagt hatte, er müsse jetzt seine Angelegenheiten regeln, die Sünden bereuen, bevor er vor den Thron des Allmächtigen komme. Wegen der andern Kinder heiratete er so bald als möglich wieder. Eine Frau musste ins Haus. Das war Margarith oder so ähnlich. Sicher ist er nicht.
Die Kinder sind längst gross, brauchen keine Mutter mehr. Aber er braucht eine Frau, die für ihn sorgt, kocht und das Haus in Ordnung hält. Den Hof hat er längst dem ältesten Sohn übergeben.
Maria Barbara heiratet er als siebte Frau. Sie ist bei ihm, auch jetzt noch. Sie heizt den Ofen ein und sorgt dafür, dass er ins Bett kommt am Abend. Manchmal setzt sie sich zu ihm und miteinander erinnern sie sich an längst vergangene Zeiten. So bleiben sie, bis der Ofen kalt ist. Maria Barbara ist eine gute Frau, sinniert er und schaut zufrieden.
Samuel ist ja bereits zwei Kapitel früher eingeführt worden, als zweiter in den Melser Pfarrbüchern registrierter Guntli-Täufling, datiert auf den 14. September 1642. Er überstand die schwierigen Kinder- und Jugendjahre und heiratete am 1. August 1670 Elisabetha Buchmann. 1672 wurde Sohn Joseph geboren. Elisabeth starb vor 1680.
Am 6. Februar 1680 heiratete Samuel zum zweiten Mal: Barbara Kolb. Aus dieser Ehe resultierten zwei Söhne (von denen der erste am Tag der Hochzeit getauft wurde, sozusagen nebenher!) und zwei Töchter; die Kinder wurden nicht wirklich alt, sie starben mit 48, 29, 6 und 21 Jahren. Auch ihre Mutter starb schon 1688, mit 37.
Nun waren mindestens vier Kinder zu versorgen, Samuel verheiratete sich ein drittes Mal, 1689, mit Margaritha Nadig. Die Ehe blieb kinderlos, Margaritha starb nach vier Jahren. Auch die vierte Ehe, 1697 mit noch einer Barbara Kolb geschlossen, blieb ohne Kinder, sie dauerte gar nur drei Jahre. Ehe Nummer fünf, mit Maria Näher, führte zwar zu noch zwei Kindern, endete mit dem Tod von Maria aber nach ebenfalls vier Jahren, im Kindbett, gleichentags wie ihr zweites Kind, das nicht einmal getauft werden konnte. Nummer sechs, mit Margarith Strubel, ohne Kinder, dauerte immerhin sieben Jahre. Die siebente Ehefrau, Maria Barbara Beck, überlebte Samuel, er starb 1719 mit 75 Jahren.
Nun waren sieben Ehen aussergewöhnlich, zwei oder drei aber doch häufig. Die Mütter lebten gefährlich, und deutlich weniger lang als die Ehemänner: Schlechte medizinische Versorgung, viele Geburten oft in kurzen Abständen. Bei Samuels Ehefrauen ist der Tod im Kindbett nur im Fall von Maria Näher klar, bei mehreren anderen ist das mindestens denkbar. Dazu kommt, dass die Jahre von 1686 bis 1701 oft nass-kalt waren und auch als kleine Eiszeit bezeichnet werden, mit entsprechenden Ernteausfällen und einer siebenjährigen Teuerung. Und Lebensmittelhilfe aus dem Ausland kam nicht an, wegen des Pfälzischen Erbfolgekrieges waren die Grenzen geschlossen.
Waldburga und die Zwillinge
