Graue Vorzeit - Kurt Rechsteiner - E-Book

Graue Vorzeit E-Book

Kurt Rechsteiner

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Beschreibung

Wer waren unsere Vorfahren? Wie haben all jene gelebt, die nicht mit Rang und Namen in den Geschichtsbüchern auftauchen? Wie gingen die sozusagen gesichtslosen Kleinbauern, Tagelöhner, Soldknechte mit den Wirren ihrer Zeit um, mit Krieg, Pest, Hunger, Kindersterblichkeit? Hier bekommen sie ein Gesicht, auf Grund dokumentierter Ereignisse eingeordnet in ihre Zeit, vom Ende des 19. Jahrhunderts zurück bis in die frühe Neuzeit. Was hier notiert ist, könnte auch Ihren Ahnen geschehen sein: Ein Rosenkrieg zwischen einem verarmten Heimweber und seiner Ehefrau. Amerika-Auswanderer, die auf der langen Überfahrt fast ertrinken. Arme, die sich im Jahr ohne Sommer von gesottenem Gras, Blut und Kuttelwasser, Vögeln, Mäusen, Hunden und Katzen ernähren. Ein Schullehrer, der sich um 1800 geschlechtsneutraler Begriffe bedient. Ein Söldner, der nach 40 Jahren Kriegsdienst zurückkehrt und im Armenhaus landet. Ein Zürcher Arzt, der Appenzeller Naturheilärzte examinieren soll. Kriegsgewinnler und Pesttote im 30-jährigen Krieg. Eine Reise nach Palästina (ohne Rückkehr). Qualitäts- und Sozialkontrollen in der Textilstadt St. Gallen. Kinderhusten, rote Ruhr und Kinderblateren. Namenlose Mägde und Knechte.

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Rafael gewidmet, auch wenn er noch gar nicht lesen kann…

Inhalt

Mehr Licht – und etwas Farbe

Ahnen bekommen Gesichter

Bauer, Heimweber, Wirt

Zimmermann und Patschuliwiibli

Das Ende der Erinnerungen

Ehegaume

Ein Schuh tief Wasser im Zwischendeck

1815: Jahr ohne Sommer

Schule in revolutionärer Zeit

Mangel, Theuerung und Ruhr

Geheiratet wird immer

… oder doch meistens

Tod in fremden Diensten

Venedig sehen und sterben

Auswanderung als Alternative

Der Landhandel

Adrian Zieglers Pharmacopoea spagyrica

Hans Conrad Scheuss, Pastor

Jacob und die Haubtsucht

Fame

Kleine Eiszeit

7 Wyber, 22 K.

Gruss aus St. Gallen

Der schwarze Tod

Kurze Verschnaufpause

Wo sind die Mütter?

Bartholomäus Anhorn und die Folgen

Gewöhnliche und andere Tode

Kindersterblichkeit

Dampf und Rauch

Mord und Totschlag

Leichen im Moor

Ironie des Schicksals

St. Antönien

Das Einst und das Jetzt

Danke!

Stammbäume

Quellen

Mehr Licht – und etwas Farbe

Die meisten unserer Vorfahren tauchen nicht mit Namen und Ruhmestaten in den Geschichtsbüchern auf. Wer in den alten Kirchenbüchern und Bürgerregistern nach ihnen sucht, findet – bestenfalls – drei Daten: Geburt, Ehe, Tod. Und doch hatten sie alle eine Geschichte, und sie hatten ein Gesicht. Sie erduldeten Kriege, Pest und Hungersnöte. Sie starben im Krieg, an der roten Ruhr, selten an Altersschwäche. Die Glücklicheren freuten sich über friedliche Zeiten, gute Flachsernte und wirtschaftlichen Aufschwung.

Die „Graue Vorzeit“ ist mein Versuch, einige unserer Ahnen sichtbarer zu machen, ihnen Gesichter zu geben, sie in ihrer Zeit und ihrer Umwelt zu zeigen. Bisweilen handeln die Geschichten auch von nicht oder nur entfernt Verwandten, wenn sie beispielhaft Aspekte einer Epoche illustrieren. Immer aber geht es um Menschen, die tatsächlich gelebt haben; ich habe nichts dazu erfunden, auch wenn man das eine oder andere dieser Leben durchaus romanhaft darstellen könnte.

Das Büchlein setzt ein mit der Generation meiner Grosseltern, also vor 1900, und tastet sich in kleineren und grösseren Schritten zurück bis zu den frühesten Hinweisen im 15. Jahrhundert. Die vorliegende zweite Auflage ist im Aufbau unverändert, aber in vielen Details ergänzt.

Kurt Rechsteiner

St. Gallen-Bruggen, Frühjahr 2019

Ahnen bekommen Gesichter

Mit Auszügen aus dem Familienregister der Gemeinde Wald AR, beglaubigt am 7. Januar 1993, fing meine Ahnenforschung an. Es folgten ebenso beglaubigte Fotokopien aus Zivilstandsregistern, dann Mikrofilme in den Staatsarchiven der Kantone Appenzell Ausserrhoden und St.Gallen. Einzig der Kanton Thurgau legte sich lange quer, mit abenteuerlichen, für mich bis heute nicht nachvollziehbaren Begründungen. Weil ich mein ganzes Berufsleben in der Informatik verbracht habe, basierte das Ganze von Beginn weg auf einer Datenbank, anfänglich mit ATARI (ist auch längst Geschichte), dann auf Windows.

Um die alten Schriften lesen und Texte transkribieren zu können, besuchte ich beim damaligen Stadtarchivar Dr. Ziegler und seinen Nachfolgerinnen Schriftenlesekurse. Irgendwann war aber für mehrere Jahre die Luft draussen; ich hatte schlicht genug von den langen Sitzungen an den Mikrofilmlesern. Das änderte erst, als das Staatsarchiv AR alle ausserrhodischen Kirchenbücher einscannte und online stellte, was meine Recherchen massiv erleichterte. So ist die Sammlung inzwischen auf über 4‘000 Sätze gewachsen, davon gut 700 direkte Vorfahren meines Enkels Rafael, Tendenz nach wie vor steigend.

Natürlich gab und gibt es weitere Quellen neben den Kirchenbüchern, sie sind am Schluss summarisch aufgeführt. Zu den stillen Helfern gehörte auch Gottlieb Büchler: Der Sohn eines Kleinbauern und Taglöhners genoss neben dem Viehhüten nur gerade drei Sommersemester Schulunterricht, wurde später führender Historiker und Genealoge Ausserrhodens. Der Vorkämpfer für das Gedankengut der Aufklärung lebte in ärmlichen Verhältnissen und schlug sich als Zeitungskolporteur, Publizist, Rechtsanwalt und Taglöhner durch. Er konnte um 1830 fünf Bücher publizieren; jenes über die Familien Scheuss ist über google.play sowie erstaunlicherweise bei Ex Libris in gedruckter Form verfügbar.

Bei mir beginnt die „Graue Vorzeit“ nur schon aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes mit der Generation meiner Grosseltern. Die Stammbäume (Stand Januar 2019) sind am Schluss des Buches aufgezeichnet, der Übersichtlichkeit zuliebe aufgeteilt. Die jüngeren Generationen sind andernorts dokumentiert, zum Beispiel in einem familieninternen Buch „Vom Linsebühl nach Bruggen“.

Weil ein Stammbaum, egal wie umfangreich, eine ziemlich trockene Angelegenheit ist, und unsere Vorfahren ja nicht im luftleeren Raum lebten, habe ich versucht, auch ihre sehr reale Umwelt mit einzubeziehen. Das ging aus praktischen Gründen besser bei den Ausserrhodern und Bürgern der Stadt St. Gallen: Die Zivilstandsregister beschränken sich oft auf das Minimum von Tauf-, Ehe- und Sterbedaten, erwähnen vielleicht noch öffentliche Ämter, und reichen nur bis ins 19. Jahrhundert zurück; da bieten die Kirchenbücher und auch das Bürgerregister der Stadt St. Gallen mehr. Weil die katholischen Pfarrbücher weniger aussagefähig und gelegentlich auch unvollständig sind, kommen manche Ahnengeschlechter im Folgenden etwas zu kurz; vor allem für die Willi und Guntli ist aber Besserung in Form eines weiteren Büchleins in Sicht.

Gerade aus den Totenverzeichnissen lässt sich einiges über Lebensumstände im Kleinen (Berufe, Kindersterblichkeit, Schule) und Auswirkungen der weiteren Umwelt (Kriege, Pest, Missernten) herauslesen. Einige Pfarrer notierten auch die verbreiteten Über- oder Rufnamen wie Harzer, Schürer, Alp Rudy, Wisly, Milchjogg, Hermanns Uli, Moritzen Friedli, Vetter Hansen Opeli, Grütheini, Berlocherin, Graden Uli, Buben Uli, Joppen Ulis Anna, Brunners Büble, Kübler, Roggenhelmer, Gallis Michel, Joler, Schägger, Kindle, Butschli oder Schugger – was manchmal die klare Zuordnung erleichtert. So bekommen auch die Ahnen der Unterschicht nicht nur Namen, sondern auch so etwas wie Gesichter. Und zur Oberschicht gehörten ja immer nur wenige.

Wissenschaftlichen Ansprüchen genügt das Ganze natürlich nicht, war auch nie so gedacht. Quellen sind sehr summarisch am Schluss erwähnt, Zitierregeln und Fussnoten auf der Strecke geblieben. Dafür habe ich transkribierte Texte im O-Ton kursiv gesetzt und dort in heutige Sprache übersetzt, wo es mir nötig schien. Und wo Vorfahren erwähnt sind, sind die beim ersten Erscheinen grau unterlegt.

Bauer, Heimweber, Wirt

Wenn wir, immer von Rafael ausgehend, vier Generationen zurück schauen, stossen wir natürlich auf die Namen Rechsteiner und Bertschy, dann aber auch Bauer, Ciccardini, Gasperi, Graf, Guntli, Willi und Züst. Deren männliche Vertreter sind alle zwischen 1874 und 1879 geboren, bei den Frauen ist die zeitliche Spanne etwas breiter. Sie lebten in einer noch nicht so grauen Vorzeit, aus der Lebensläufe, persönliche Erinnerungen, hie und da sogar Fotografien und Gerichtsakten existieren. Drei Beispiele dazu:

Johann Bertschy (geb. 2.10.1878) wuchs in Düdingen auf. Sein Vater war Pächter des Heimwesens Balliswil, das wohl zum heute noch stehenden Schloss Balliswil gehörte. Gemäss Volkszählung von 1880 wohnte der kleine Johann dort mit Vater, Mutter, damals drei Geschwistern, einem Onkel und zwei Tanten mit dem Vermerk „helfen dem Bruder“. Dazu kamen fünfzehn (!) „Dienstboten“, also eine Magd und vierzehn meist junge Knechte. Weitere sechs Geschwister und, nach zweiter Ehe des Vaters, sieben Halbgeschwister stiessen später dazu. Eine grosse Gesellschaft mit 17 Kindern (die grösste Kinderzahl bei Rafaels Vorfahren) also, da lief immer etwas. Ebenso sicher gab es auch immer zu tun, mitzuhelfen im Betrieb, man wohnte schliesslich nicht im Schloss, sondern nebenan. Eine gewisse materielle Sicherheit war aber da, ebenso die örtliche Stabilität: Bertschys lebten schon seit langem in Düdingen, Balliswil gehört dazu, ebenso Angstorf, wo sich Johann später niederliess.

Bei Gottfried Rechsteiner (geb. 5.7.1877) sah da manches anders aus. Gottfried wurde in Wald (AR) unehelich geboren, heiratete Helena Züst (geb. 20.3.1881), Tochter eines Herisauer Schuhmachers, und zeugte mit ihr neun Kinder, die alle in verschiedenen appenzellischen Gemeinden zur Welt kamen; fünf von ihnen starben bevor sie zweijährig waren. Seinen Lebensunterhalt und später jenen seiner Familie verdiente er, wie im Appenzeller Vorderland für Ungelernte weit verbreitet, als Seidenweber. Die Naturkeller der kleinen Weberhöckli eigneten sich wegen der Feuchtigkeit ganz besonders für das Weben von Seidenbeuteltuch für das Müllereigewerbe. Die Familie wohnte immer in den entlegensten „Krachen“; dementsprechend waren auch die Schulwege für die Kinder. Und immer lebte die Familie äusserst karg, wie Helene später gelegentlich ihrem Enkel Herbert erzählt (meinem ältesten Bruder, von ihm stammen auch die folgenden Erinnerungen): Die Kinder werden nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit in die Fabrik geschickt, Lehren kommen nicht in Frage. Sohn Hans (Johannes) zum Beispiel kommt noch vor der Konfirmation als Halbwüchsiger nach Altstätten zu Adolf Locher, wo sein Vater jeweils den Lohn abholt. Später leben Gottfried und Helene in Degersheim. Gottfried arbeitet nur noch sporadisch, zum Beispiel als 'Böscheler'. Helene geht in die Fabrik. Sie ist eine sehr sparsame Frau. Zur Sparsamkeit hat sie sicher allen Grund. Sonntag-Nachmittag kommt sie gern zur Familie ihres Sohnes gleich nebenan; sie spielt leidenschaftlich 'Eile mit Weile'; dabei kann sie ihren eher eintönigen Alltag etwas vergessen und herzhaft lachen. Dieses Lachen - wobei jeweils ihre dritten Zähne lebhaft mitwackeln - und ihr Ausspruch, wonach 'am besten lacht, wer zuletzt lacht', sind mir (Herbert) in bester Erinnerung. Ihre Stärke ist das 'hungen', d.h. das Kochen von Konfitüre, und ihr Kummer, dass Grossvater ihren 'Hung' gleich löffelweise konsumiert.

Grossvater hat nach Grossmutters Tod wechselweise bei seinen Kindern Menga, Werner und Hans gelebt. Er bleibt dann jeweils einige Zeit, wobei er sich am Anfang sehr bemüht, sich in die Familie einzufügen. Nach einigen Wochen ist auf einmal nichts mehr recht; er beginnt zu drohen, dass er jetzt nach Genf zu Menga gehe und schliesslich geht er dann auch. Später wechselt er dann zur Familie von Werner und kommt schlussendlich auch wieder zu uns. Als die AHV im Jahre 1948 in Kraft tritt, ist er von Anfang an Rentenbezüger und hat damit die Rente von vierzig Franken pro Monat für seine Reisen zur Verfügung. Irgendwann äussert er die Absicht, ins Bürgerheim in Wald einzutreten und als ihn niemand ernsthaft daran hindern will, macht er das. Der Armenvater macht ihm allerdings von vornherein klar, dass er von hier aus nicht mehr herumvagabundieren könne.

An meinen Grossvater Gottfried, den ich als einzigen dieser Generation überhaupt kennen gelernt habe (die andern Grosseltern sind vor meiner Geburt gestorben), erinnere ich mich als kleinen, eigenwilligen Mann mit krummen Beinen und einer sicher fingergrossen Vertiefung auf der Stirn, die gerüchteweise von einem Selbstmordversuch mit dem Beil stammte.

Auch der zweite Johann dieser Generation, Johann Guntli (geb. 19.4.1879), hatte kein einfaches Leben; er hat es 1933 so beschrieben: Geboren & aufgewachsen in Vilters besuchte ich die dortige Primarschule. Der Vater war Landwirt. Wir waren 4 Kinder, 2 Töchtern & 2 Söhne. Bis zum 30. Lebensjahr war ich auf dem väterlichen Heimwesen tätig, dann kaufte ich in Ragaz eine Liegenschaft mit 10 Juchart Boden für Fr. 35‘000. Auf dieser Liegenschaft war ich 15 Jahre. Anno 1914 verehelichte ich mich mit Marie geb. Bauer von Häggenschwil St. G. Sie brachte Fr. 3000.- Vermögen und die Aussteuer in die Ehe. Der Ehe sind 7 Kinder entsprossen, wovon eines gestorben ist. Das älteste Kind ist heute 17 Jahre alt (…), in Stellung als Dienstmädchen bei Müller-Wyss, Bäckerei & Konditorei in Sargans. Ein Bericht des Gemeinderats von Ragaz schreibt ihm den Ruf eines soliden und sparsamen Bürgers und guten Zahlers zu. Allerdings habe er „häufige Misserfolge in der Viehhaltung gehabt. Es soll dies einer der Gründe gewesen sein, warum er die Liegenschaft verkaufte, da er das viele Unglück unbekannten Ursachen zuschrieb, die zu beheben nicht in seiner Macht stand.“

Johann Guntli mit Familie um 1924

Zurück zu Johanns Bericht: „Anno 1925 verkaufte ich die Liegenschaft in Ragaz mit einem Vorerlös von Fr. 20‘000. Von dort weg kam ich nach Rutzenwil-Bernhardzell. (…) In 1 Jahr machte ich dort ca. Fr. 6000 rückwärts, durch Unglück im Stall. Nach 1 Jahr verkaufte ich in Rutzenwil für Fr. 100‘000 ohne Vieh. Ich hatte von den gekauften nur noch 6 Stück, die andern hatte ich abtun müssen. Ich kaufte dann die Liegenschaft in Abtwil (…). In Abtwil bin ich aufgezogen mit 12 Stück Vieh, indem ich nebst den 6 in Rutzenwil gekauften noch 6 Stück von Ragaz her hatte. Ca ¼ Jahr ging es gut in Abtwil, ich hatte wacker Milch. Dann ging der Milchertrag von 80 L auf 40 L pro Gang zurück. In den 5 Jahren in Abtwil musste ich 33 Stück Vieh abtun, die meisten musste ich notschlachten (…). So kam es, dass ich die laufenden Schulden nicht mehr bezahlen konnte (…).

Und so brach – wie es die St. Gallische Kantonalbank ausdrückte - am 2. Januar 1933 der Konkurs aus, es folgten vier Versteigerungen (Heu, Vieh, Liegenschaft, Fahrhabe) und der Umzug in den Billenberg. Die Banken hielten sich einigermassen schadlos, dank Pfandrechten auf der Liegenschaft und verpfändetem Vieh; den aus dem Ganterlös nicht gedeckten Rest versuchten sie anschliessend bei den über zwanzig Bürgen zu holen. Einzelne Bürgen hatten sich mehrfach für Johann verbürgt, viele stammten aus dem St. Galler Oberland, waren mehr oder weniger nah Verwandte, bei einem E. Schnyder war als Wohnort vermerkt „z.Zt. Amerika“. Umgekehrt war auch Johann Bürgschaften eingegangen, wenn auch mit kleinerem Einsatz.

Die 52 übrigen Gläubiger mussten sich mit einer Konkursdividende von 7.65‰ begnügen, erhielten statt der geschuldeten 64‘000 nicht einmal 500 Franken; zu den Schuldnern gehörte Tierarzt Gschwend, dessen Rechnungen seit 1928 offen geblieben waren, aber auch das Kaufhaus Bislin in Bad Ragaz, der Schuhmacher und die Repulsorenwerkstatt in Liesberg, die acht „Repulsoren“ zur Abwehr schädlicher Wasseradern geliefert und durch den Rutengänger hatte montieren lassen (auch sie konnten den Konkurs nicht aufhalten).

Ganz nebenbei hatte Johann Guntli auch das Wirtepatent und betrieb – schon vor dem Konkurs und darüber hinaus – mit Johann Schwendener als Partner das (erst 2010 abgebrochene) Restaurant Lindenhof mit Kegelbahn am westlichen Ortseingang von Abtwil. Er hatte auch da Betreibungen wegen nicht bezahlter Weinlieferungen am Hals, konnte die aber offenbar beilegen. Dem Gemeinderat von Gaiserwald blieb er einzig darum im (Protokoll-)Gedächtnis, weil er immer wieder seine Gäste über die Polizeistunde hinaus „überhöckle“ liess und dafür gebüsst wurde.

Natürlich musste die Familie aus der Spieserwies ausziehen. Nur das Allernötigste konnte sie vor der Vergantung retten; wenigstens gehörte das Kaninchen dazu, das auf der Inventarliste aufgeführt war, schliesslich aber dem damals neunjährigen Sohn Hans Guntli überlassen wurde. Sie kam im nahen Billenberg unter in einem Haus, das bis 1950 Albert Braunwalder bzw. dessen Erben gehörte – auch sie hatten für Johann gebürgt, im 6. und 7. Rang. Von hier ging er dann nicht mehr in den eigenen Stall, sondern in die Fabrik. In der Färberei Sitterthal hielt er es allerdings nicht lange aus, er bevorzugte „Hilfsarbeiten bei diversen Landwirten“, wie das gut informierte Einwohneramt St. Gallen festhielt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zimmermann und Patschuliwiibli

Von den anderen Vertretern dieser Generation (des Gottfried und der beiden Johann) sind wenige weitere Geschichten überliefert. Eine zeigt ins Rheintal und ist ebenfalls Herbert Rechsteiner zu verdanken, er beschreibt seine Grosseltern so: … sind Johann Ulrich Graf (geb. 31.08.1874, gest. 22.11.1938), und Ida Berta Graf-Graf (geb. 21.11.1876, gest. 12.09.1942).

Joh. Ulrich Graf (links), Ida Berta Graf-Graf (Mitte), 1933