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Bernd Eilert

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Beschreibung

"Ein Buch, das uns gefiel, als wir jung waren, und uns auch im Alter noch am Herzen liegt - das muss wohl ein gutes Buch sein." (Aus dem Vorwort) "Fehlt Ihrem Leben Sinn, Richtung und Orientierung? Auf den Seiten dieses Buchs finden Sie all das - und zudem noch hundert unverschämt gute Leseempfehlungen. (Denis Scheck)

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

ISBN 978-3-949899-32-4

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN der Druckversion 978-3-949899-22-5© onomato Verlag Düsseldorf 2025Alle Rechte vorbehalten

 

 

Bernd Eilert / Klaus Modick

Nachlese

Hundert Bücher - Ein Jahrhundert

Mit Graphiken von Simone Frieling

Inhaltsverzeichnis
Vorsätze zur Nachlese
1900 Joseph Conrad - Herz der Finsternis
1900 Heinrich Mann - Im Schlaraffenland
1902 Herman Bang - Sommerfreuden
1902 Hugo von Hofmannsthal - Ein Brief
1903 Eduard von Keyserling - Beate und Mareile
1904 Jack London - Der Seewolf
1906 Robert Musil - Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
1906 Selma Lagerlöf - Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen
1909 Elizabeth von Arnim - Die Reisegesellschaft
Editorische Notiz und Dank

Vorsätze zur Nachlese

Das 20. Jahrhundert dürfte die letzte Ära gewesen sein, in der literarischen Texten noch die Funktion eines Leitmediums zugebilligt werden konnte, eine Epoche, die mehr Bücher hervorgebracht hat als jede andere, darunter zahlreiche Werke von weltliterarischem Rang, deren Einfluss bis in die Gegenwart nachwirkt.

Unsere Nachlese erhebt allerdings nicht den Anspruch, einen Kanon aus hundert Büchern zu bilden, die dies Jahrhundert repräsentieren könnten. Es geht uns nicht um „große“ oder „bedeutende“ Werke, und schon gar nicht um „die besten“ Bücher des 20. Jahrhunderts, sondern um Werke, die uns aus unterschiedlichen Gründen besonders gefallen. Es geht also um den persönlichen, entschieden subjektiven Geschmack zweier befreundeter Leser, die sich seit Jahrzehnten über ihre Lektüren ausgetauscht haben, ohne in Hagiographie zu verfallen. Wir halten es da mit Thomas Bernhard: „Nur der Dummkopf bewundert, der Gescheite bewundert nicht, er respektiert, achtet, versteht.“ Denn es gibt ja literarische Hochleistungen, die man wertschätzen kann, für die man sich aber nicht erwärmt, während es umgekehrt leichter lesbare Bücher gibt, die uns begeistern - diese Erfahrung macht gelegentlich wohl jeder Leser. Was sich leichter liest, muss aber nicht zwingend trivial sein, und umgekehrt ist das schwerer Verständliche nicht gleich große Literatur.

Literarische Qualität erweist sich weniger am Stoff, als vielmehr am Stil, also nicht am Was, sondern am Wie. Und hohe literarische Qualität findet sich eben nicht nur in den so genannten epochalen Werken, sondern häufig auch und besonders in eher abgelegenen, vergessenen, unterschätzten oder auch in den so genannten Nebenwerken unserer Lieblingsautoren. Diese Bücher interessieren uns besonders, da sie vom Geist der Zeit, die zur Hälfte auch die unsere war, vieles verraten, was Werke, die in Hinsicht auf einen fragwürdigen Ewigkeitswert verfasst wurden, bewusst oder unbewusst übersehen.

Um eine Nachlese handelt es sich hier insofern, als wir Bücher, die uns bei der ersten Lektüre so stark beeindruckten, dass wir sie bis heute nicht vergessen konnten, noch einmal aus dem Regal genommen haben, um unsere Erinnerungen zu überprüfen und unsere Eindrücke zu begründen. Denn ein Buch, das uns gefiel, als wir jung waren, und uns auch im Alter noch am Herzen liegt – das muss wohl ein gutes Buch sein.

Wir haben die Werke chronologisch angeordnet, wobei das Erscheinungsjahr nicht unbedingt mit dem der Entstehung identisch ist. Hundert Bücher - das heißt in diesem Fall auch hundert unterschiedliche Autoren, da von jedem nur jeweils ein Buch vorgestellt wird. Auch daraus erklären sich die Lücken, deren wir uns bewusst sind, und die jeder Leser nach seinem Gusto füllen möge.

1900

Joseph Conrad (1857-1924)

Herz der Finsternis

Heart of Darkness

Es gibt Seereisen, die wie zur Illustrierung des Lebens geschaffen sind, die als Sinnbild des Daseins gelten könnten. Man kämpft, arbeitet, schwitzt, bringt sich fast um, bringt sich zuweilen wirklich um in dem Versuch, etwas zu vollbringen – und vermag es doch nicht. Ohne dass man schuld daran wäre.

Wie die molltönende Ouvertüre zu einem Jahrhundert, dessen erste Hälfte vom Rückfall in die Barbarei geprägt ist, wirkt Joseph Conrads Erzählung heute. Was er beschreibt, entspringt durchaus nicht der Phantasie des Autors. Zehn Jahre zuvor war Conrad noch selbst auf dem Kongo unterwegs, als Kapitän des Dampfboots „Roi des Belges“.

Dieser König von Belgien, Leopold II., war verantwortlich für einige der abscheulichsten Gräueltaten, die unter dem Deckmantel der Zivilisierung Afrikanern angetan wurden.

Verdammungsurteile sind da leicht gefällt, doch so einfach macht es sich Conrad nicht. Angesichts der Grausamkeit weißer Kolonisatoren lässt er nach den Ursachen fragen: „Für die Wissenschaft“, sagt ein Arzt, „wäre es interessant, die geistigen Veränderungen des Individuums an Ort und Stelle zu verfolgen.“ Sind es nur die Umstände die das Schlechteste in Menschen hervorbringen? Am Ziel seine Reise trifft Conrads Alter Ego Kapitän Marlowe auf ein hocheffizientes Terrorsystem, exekutiert von einem Handelsagenten namens Kurtz. Doch auch der verkörpert nicht das Böse an sich, sondern nur die Möglichkeit dazu, die, so fürchtet Marlowe, in jedem von uns steckt.

Conrads apokalyptisches Horrorszenario beeinflusste Autoren von Albert Camus bis V.S.Naipaul. Francis Ford Coppola hat den Höllentrip nach Vietnam verlegt, wo Marlon Brando als Colonel Kurtz alles auf einen Begriff verkürzt: „The horror...“ Das ernüchternde Gefühl der Vergeblichkeit, das sich einstellt, da alle gut gemeinten Bemühungen den Keim des Scheiterns in sich tragen, findet sich in beinah jedem Werk Joseph Conrads. Kein Wunder, bedenkt man, dass auch jedes literarische Werk eine Reise ins Ungewisse ist und dies Risiko eingeht. Doch gegen das Grauen hilft letztlich nur die Literatur.

BE

1900

Heinrich Mann (1871-1950)

Im Schlaraffenland

Reden halten, Orden verleihen, feierlich frühstücken und Ehrenjungfrauen auf die Stirne küssen, öffentlich beweihräuchert und hinterrücks verulkt, von der Presse geärgert und von Anarchisten ermordet werden: das alles käme tatsächlich Ihnen zu, Herr Generalkonsul.

Während der wilhelminischen Gründerzeit kommt der Sohn eines rheinischen Winzers nach Berlin zum Studium, träumt aber von einer Karriere als Schriftsteller, nachdem er in zweitklassigen Provinzzeitungen ein paar drittklassige Gedichte veröffentlichen durfte. Dank nepotistischer Klüngeleien gewährt man ihm Zutritt zum Salon eines Bankiers und Generalkonsuls. Im neobarocken Prunk und Protz fühlt sich der naive, aber gut aussehende Streber auf Anhieb sauwohl: „Man kommt wildfremd hin und verkehrt doch gleich wie mit alten Bekannten. Die Weiber sehen sich sehnsüchtig um und warten bloß, wer sich von ihnen glücklich machen lassen will. Dann bekommt man auch noch Geld, ohne zu wissen, woher. Gutes Essen, feine Weine, Weiber, Witze, Kunst und Vergnügen, es ist alles da. Man langt eben zu, wie im Schlaraffenland.“

Wie der Held in Guy de Maupassants „Bel Ami“, der hier ganz offensichtlich Pate gestanden hat, kommt auch Heinrich Manns Opportunist schnell dahinter, dass der Weg zum Erfolg durch die Herzen und Betten der Damen führt. Als er sogar die dicke Gattin des Bankiers erobert und ihr zu Gefallen ein dünnes Drama schreibt, fühlt er sich im Schlaraffenland als König. Dem steilen Aufstieg folgt, wie könnte es anders sein, der noch schnellere Fall zurück ins muffige Kleinbürgertum.

Mit diesem „Roman unter feinen Leuten“ (so der Untertitel) erwies sich Heinrich Mann als ätzender Satiriker, der seine Kritik am neureichen Spekulantentum und der Doppelmoral des Kaiserreichs mit den Romanen „Der Untertan“ und „Professor Unrat“ noch zuspitzen sollte. Unter den Brüdern Heinrich und Thomas Mann galt übrigens Heinrich lange als der „große“ Bruder; doch nachdem der jüngere Thomas 1929 den Nobelpreis bekam, war Heinrich nur noch der „ältere“. Für das literarische Jahrhundert in Deutschland lieferte „Im Schlaraffenland“ aber wahrlich keinen schlechten Start.

KM

1902

Herman Bang (1857-1912)

Sommerfreuden

Sommerglaeder

Schreibe – schreibe – schreibe. Eines Tages wird man noch den Sargdeckel von innen beschriften müssen, um die Rechnung der eigenen Beerdigung bezahlen zu können.

Tagebuch, 1909

Gegen Ende seiner literarischen Glanzzeit schrieb Herman Bang seine schönste Erzählung. „Sommerfreuden“ ist ein Wimmelbild aus viel Licht und wenig Schatten, von der Länge her eher eine Novelle; doch die unerhörte Begebenheit besteht bloß darin, dass ein verschlafener dänischer Badeort jäh aus dem Sommerschlaf gerissen wird: Gäste kommen! Und das gleich scharenweise.

Die Gastgeber sind ebenso überrascht wie überfordert. Was sie selbst ersehnt und in einer Annonce versprochen haben, gilt es nun einzuhalten. Ein hin- und herwogender Kampf gegen Anforderungen, Umstände, Tücken der Objekte und Subjekte beginnt; doch was anfangs schier aussichtslos schien, wird am Ende knapp gemeistert.

Wie eine Kameradrohne schwebt der Erzähler über den sich kreuzenden und querenden Ereignissen; so entsteht aus kleinsten Erzählpartikeln eine Art Mobile, das nicht zur Ruhe kommt. Im Gegenteil: Das Tempo steigert sich in Slapstickmanier, Gastgeber und Gäste geraten in einen alle mitreißenden Handlungswirbel, der erst im Morgengrauen beim ersten Hahnenschrei zum Stillstand kommt.

Die Helligkeit und Schnelligkeit dieser Erzählung ist nicht typisch für Herman Bang. Sein Repertoire war breit: Bekenntnisprosa, Gesellschaftsromane, Kindheitserinnerungen; im Ton mal ironisch-satirisch, mal nostalgisch und sentimental.

„Sommerfreuden“ erinnert an Bangs Anfänge als Feuilletonist. Bewundert von Autoren wie Thomas Mann und Herrmann Hesse ist er zu einer internationalen Berühmtheit geworden. Dazu beigetragen haben seine expressive Vortragsweise, sein offensiver Dandyismus und der skandalöse Ruf, der ihm wegen seiner kaum kaschierten Homosexualität vorauseilte.

Gestorben ist Herman Bang während einer Vortragsreise quer durch die USA in Ogden, Utah. Auch diese Kuriosität passt zu seinem Motto: „Das Leben ist traurig genug – lachen wir also.“

BE

1902

Hugo von Hofmannsthal(1874-1929)

Ein Brief

Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Mund wie modrige Pilze.

Im Wien des Fin de Siècle war er das literarische Wunderkind. Schon als 16-jähriger Gymnasiast publizierte Hugo von Hofmannsthal unter dem Pseudonym Loris Gedichte, die, gemäß einer Formulierung Stefan Zweigs, von „poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile durchdrungen“ waren. Unter dem schlichten Titel „Ein Brief“ erschien dann 1902 ein Prosatext, der zu einem der berühmtesten Exempel moderner Sprachskepsis werden sollte.

Ein gewisser Lord Chandos, die fiktive Figur, aus der Hofmannsthal spricht, schreibt einen Brief an Francis Bacon, in dem er dem englischen Philosophen des Empirismus erklärt, warum er dessen Briefe nicht mehr beantwortet und auch sonst nichts mehr zu Papier bringt: „Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Die Wahrnehmung der Realität überwältigt ihn wie ein Rausch, die Gegenwart der einfachen Dinge, das schlichte Dasein, wird ihm zu Offenbarungen jenseits alles Sagbaren: „Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Mund wie modrige Pilze.“

So wurde Hofmannsthals Brief des Lord Chandos zur Mutter jeder Sprachskepsis und aller Schreibblockaden im 20. Jahrhundert. Paradoxerweise ist der kurze Text von einer stilistischen Noblesse, die im Deutschen ihresgleichen sucht. Dem Widerspruch, dass einem angesichts der Erfahrungsfülle des Daseins die Worte fehlen und zugleich Worte für diesen Verlust gesucht und gefunden werden, musste nicht nur Lord Chandos aushalten. Man könnte natürlich auch schweigen. Sprachskepsis und Schreibblockaden lassen sich jedoch nur lösen, indem man die Suche nach dem treffenden Wort nicht aufgibt.

KM

1903

Eduard von Keyserling(1855-1918)Beate und Mareile

Am Abend, als der Mond rund über den Parkbäumen stand, sollte eine Kahnfahrt unternommen werden. „Das zu versäumen, wäre barbarisch“, schnarrte Tettau. „Man hat doch auch seine Poesie im blauen Blut, nicht, meine Damen?

Eduard von Keyserling wird gern mit Theodor Fontane verglichen. Beider Bewunderer Thomas Mann gab Keyserling den Vorzug: „Sein Werk ist schmaler, graziler, später, wählerischer, es hat nervöseren Puls; der Blick auf das Leben ist kälter geworden, geistiger, präziser, der Gesamthabitus ungemütlicher, künstlerischer und weltläufiger.“

Es ist eigentlich gleichgültig, welche von Keyserlings Novellen man empfiehlt – nach zwei erfolglosen Romanen hat er seinen Inhalt und seine Form gefunden: Wehmütiges Erinnern an seine baltische Heimat und das Milieu des deutschsprachigen Adels, der „Am Südhang“ in „Abendlichen Häusern“, die „Schwülen Tage“ im „Stillen Winkel“ ausklingen lässt – ein Satz, in dem gleich vier typische Keyserling-Titel genannt sind. Anders als der bürgerliche Fontane ist der Graf ein Insider, was ihm erlaubt, seine Standesgenossen selbstironisch zu sezieren.

„Beate und Mareile“, die erste in einer Reihe von „Schlossgeschichten“, macht keine Ausnahme. Der Titel und die Konstellation klingen zunächst arg nach Groschenroman: Ein Mann zwischen zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Was dann geschieht, würde Nostalgikern weniger gefallen: Der Schlossherr, der in der Anfangsszene noch vor Selbstzufriedenheit strotzt, wird nun nach allen Regeln der Kunst demontiert, ohne dass die beiden Damen dabei ungeschoren davonkommen.

Keyserlings Ironie macht nur vor einer halt: vor der Natur, für die er immer neue Sprachbilder entwirft, gesättigt von Licht und Schatten, erfüllt von Duft und Vogelstimmen. Keyserling als Impressionisten zu bezeichnen, ist nicht falsch, unterschlägt indes ein Sensorium für Verfall und Untergang seiner Welt, das den Erblindenden eher mit Tschechows „Kirschgarten“ als mit Monets „Seerosen“ verbindet.

In der deutschen Literatur hat es diese Verbindung aus Empfindsamkeit und Spottlust seither nicht mehr gegeben.

BE

1904

Jack London (1876-1916)

Der Seewolf

The Sea-Wolf

Was ich auszudrücken suche, ist die Stärke selbst als etwas für sich, ganz abgesehen von ihrer körperlichen Erscheinung. Es war eine Stärke, wie wir sie gewohnt sind, in Gedanken mit primitiven Dingen, mit wilden Tieren, mit Geschöpfen zu verbinden, die wir uns in der Phantasie als unsere baumbewohnenden Vorfahren denken – die wilde, reißende, lebendige Stärke an sich, die letzte Essenz des Lebens, die Potenz der Bewegung, der Grundstoff selbst, aus dem die wilden Lebensformen gestaltet wurden.

Jack London hat während der ersten beiden Jahrzehnte des 20.Jahrhunderts gut zwei Dutzend Romane geschrieben. Der populärste ist auch sein bester: „Der Seewolf“ lief Anfang der 70er Jahre als Vierteiler im ZDF. Wie der Titelheld eine Kartoffel zerquetschte, ist den meisten Zuschauern unvergesslich geblieben - der philosophische Konflikt, den London hier verhandelt, dürfte weniger Eindruck hinterlassen haben.

Dabei sind die beiden Protagonisten Wolf Larsen und Humphrey van Weyden plakativ genug: Muskelprotz kontra Schöngeist, Materialismus kontra Idealismus, Sozialdarwinismus kontra Humanismus, Friedrich Nietzsche kontra Jack London. Folgerichtig unterliegt der Nietzscheaner Larsen am Ende dem Londoneaner van Weyden, freilich ohne dass jener seiner rücksichtslosen Gesinnung abschwört, und erst nachdem dieser sich einige Überlebensstrategien von ihm abgeschaut hat.

Dass sich viele Passagen als Jugendlektüre eignen, spricht nicht gegen den Roman; es spricht allerdings für Jack Londons Talent, abstrakte Problemstellungen in konkrete Szenen aufzulösen, die er gekonnt mit Spannung auflädt. Und da befindet er sich in bester Gesellschaft: Daniel Defoe, Robert Louis Stevenson und Herman Melville wurden ähnlich klassifiziert und sogar „für die Jugend bearbeitet“ – was mir schon als Jugendlichem den Spaß an diesen großen Romanen fast verdorben hätte.

Und noch etwas hat „Der Seewolf“ mit „Robinson Crusoe“, der „Schatzinsel“ und „Moby Dick“ gemeinsam: Die Bretter, die hier die Welt bedeuten, sind Schiffsplanken, und die Romane beziehen daraus immer noch viel von ihrer Attraktivität – auch wenn Segelschiffe heute längst durch Sternenkreuzer ersetzt worden sind - zumindest in der Literatur. Aber auch Science Fiction wird ja erst da interessant, wo philosophische Fragen im Weltraum stehen.

BE

1906

Robert Musil (1880-1942)

Die Verwirrungen des

Zöglings Törleß

Handle, so gut du kannst und so schlecht du mußt, und bleibe dir dabei der Fehlergrenzen deines Handelns bewußt! wäre schon der halbe Weg zu einer aussichtsvollen Lebensgestaltung.

Rede „Über die Dummheit“

Robert Musils Debütroman war zugleich sein größter Erfolg. Man kann ihn als Internatsgeschichte lesen, als psychologischen Entwicklungsroman, als soziologische Studie autoritärer Machtverhältnisse oder als Auftakt zu Musils Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“. Der Zögling Törleß ist ein Mann ohne Charakter, ein Mangel, der bei einem Sechzehnjährigen kaum verwundert. Wobei Musil „Charakter“ allenfalls als vagen Begriff für den Verhältnissen sich anpassende Eigenschaften gelten ließe.

Als Schüler eines k.u.k. Eliteinternats lässt Törleß sich in einen Missbrauchsfall verwickeln – nicht als Opfer sondern als Mittäter, der dem Sadismus seiner Mitschüler nicht entgegentritt. Musil hat das rare Talent, sowohl die äußeren Umstände wie die inneren Bedingungen für solche Exzesse mit gleicher Sorgfalt zu behandeln.

Den „Törleß“ schrieb er, während er Maschinenbau studierte. Seine Relativsatzketten klingen bisweilen lehrbuchhaft. Gerade aus dieser Kluft zwischen verwirrten Gefühlen und der beinah bürokratischen Pedanterie, mit der über sie Buch geführt wird, bezieht die Geschichte ihre unheimliche Wirkung. Sie wird verstärkt durch die unwillkürliche Anteilnahme, die von der Überforderung des Helden ausgeht, von seinem Schuldbewusstsein und den Skrupeln, die indes nicht ausreichen, seine Passivität rechtzeitig zu überwinden. Am Ende wird längst nicht alles gut.

Der Absicht des Autors, der darauf besteht, keine naturalistische Novelle, sondern die Illustration einer Idee geschrieben zu haben, kommt das Gefühl, es stecke etwas hinter den geschilderten Vorgängen, entgegen. Ob man in diesem Etwas nun den Zerfall der habsburgischen Monarchie und der bürgerlichen Gesellschaft oder bereits das Heraufdämmern brutaler Despotien zu erkennen glaubt, bleibt dem Leser überlassen.

BE

1906

Selma Lagerlöf (1858-1940)

Die wunderbare Reise des

kleinen Nils Holgerssonmit den Wildgänsen

Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige

Es war einmal eine Saga, die wollte erzählt und in die Welt hinausgetragen werden. Dies war ganz natürlich, weil sie wußte, daß sie schon so gut wie fertig war. Viele hatten mitgeholfen, sie durch merkwürdige Taten zu schaffen, andre hatten ihr Teil dadurch beigetragen, daß sie diese Taten immer wieder und wieder erzählten. Ihr fehlte nur, daß einer sie notdürftig zusammenfügte, damit sie gemächlich durchs Land ziehen könne.

Ein Stück Lebensgeschichte

Lesen lernten deutsche Schüler in den 1950er Jahren aus Büchern, die ein Deutschland restaurierten, das, von wackeren Aufbauern und züchtigen Hausfrauen bevölkert, seine Wunden leckte, deren Ursache allerdings nirgends genannt wurde.

Schwedische Schüler müssen es fünfzig Jahre zuvor wesentlich besser gehabt haben. Dort hatte die zuständige Behörde um 1900 Aufträge für neue Schulbücher in Auftrag gegeben. Für den Band über Land und Leute sollte Selma Lagerlöf zuständig sein. „Eine wahre Goldgrube“, witterte sie, „besser als der Nobelpreis“.

Und so schrieb sie flugs die Geschichte von Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen. In 55 Kapiteln lernt der Held sein Heimatland kennen und die Märchen und Sagen, die es hergibt. Für den Spannungsbogen sorgt ein Fluch, der den vierzehnjährigen Nils zunächst auf Wichtelgröße schrumpfen lässt, bis er endlich geläutert ist und erlöst werden kann.

Dass der Held ein moralisch durchaus fragwürdiger Charakter ist – faul, hartherzig und verlogen – erleichtert die Identifikation. Zumal allein die Vorstellung, auf dem Rücken eines Gänserichs durch die Luft fliegen zu können, für Kinder in der ganzen Welt offenbar so reizvoll war und ist, dass das Buch immer neu übersetzt und in verschiedenen Versionen verfilmt wurde. Sicher wird mancher in seiner Kindheit eingeschlafen sein in der tröstlichen Gewissheit, unter seiner Bettdecke ebenso geborgen zu sein wie der kleine, bösartige Nils unter den weichen Schwingen des gutmütigen Ganters Martin.

Nur der schwedischen Schulbehörde fehlte darin die dezidiert christliche Gesinnung. Und es stimmt ja, dass die pädagogische Absicht hinter der Fülle von guten Geschichten verschwindet. Die Autorin freilich wurde reich und berühmt und bekam kaum drei Jahre nach Erscheinen des „Nils Holgersson“ – als erste Frau übrigens - noch den Nobelpreis dazu.

BE

1909

Elizabeth von Arnim(1866-1941)

Die Reisegesellschaft

The Caravaners

Streichhölzer, Aschenbecher und die eigene Frau sollten immer griffbereit sein; und ich behaupte, dass sich die perfekte Ehefrau das Verhalten der Streichhölzer und Aschenbecher zum Vorbild nimmt und Nützlichkeit mit Stummsein verbindet.

Baron Otto von Ottringel ist Major der preußischen Armee und – um es gleich mit aller gebotenen Deutlichkeit auf den Punkt zu bringen – ein chauvinistisches Riesenarschloch. Konservativ zu sein ist ihm eine Selbstverständlichkeit, weil sowohl der König von Preußen als auch „Gott der Allmächtige leidenschaftliche Konservative“ sind. Ottos Verhältnis zu Frauen ist entsprechend unkompliziert: „Streichhölzer, Aschenbecher und die eigene Frau sollten immer griffbereit sein; und ich behaupte, dass sich die perfekte Ehefrau das Verhalten der Streichhölzer und Aschenbecher zum Vorbild nimmt und Nützlichkeit mit Stummsein verbindet.“

Von seiner zweiten, noch jungen Ehefrau lässt er sich zu einer Urlaubsreise nach England überreden und hält dabei unverdrossen an seinem Vorurteil über Land und Leute fest. Faul, blasiert, degeneriert: „So steht es um die Verweichlichung dieser viel zu reichen und viel zu bequemen Nation.“ Dagegen hat Otto mit der englischen Sprache keine Probleme: Er spricht sie der Einfachheit halber so aus, wie er sie geschrieben vorfindet, womit er allerdings nicht unbedingt auf das Verständnis der Einheimischen stößt.

So vorbereitet schließt sich das preußische Paar einer Gruppe englischer Adeliger und Großbürger an, die in Wohnwagen durch die Grafschaft Kent kutschieren. Während Otto sich prompt in eine der Damen verliebt und sie vergeblich hofiert, entdeckt seine Ehefrau ihre eigene Ferienfreiheit und emanzipiert sich nur allzu gern von ihrem peinlichen Gatten.

Die aus Australien stammende Elizabeth von Arnim hat viel und Vielfältiges geschrieben, von spitzzüngig-witzigen Komödien wie „Verzauberter April“ bis zu psychologisch abgründigen Ehedramen wie „Vera“. Ihr bestes Buch dürfte aber die ätzende Satire der „Reisegesellschaft“ sein, auch weil sich unter der saukomischen Farce bereits der Zerfall der europäischen Adelsgesellschaft und die Tragödie des Ersten Weltkriegs ankündigen.

KM

 

Editorische Notiz und Dank

Nachlese“ basiert auf der Kolumne „Hundert Bücher – Ein Jahrhundert“, die von 2020 bis 2022 in der Oldenburger Nordwest-Zeitung erschienen ist. Die redaktionelle Betreuung lag bei Oliver Schulz, dem an dieser Stelle gedankt sei.

Unser besonderer Dank gilt auch Simone Frieling für ihre Scherenschnitte sowie Kristin Eilert fürs Korrekturlesen.

Bernd Eilert und Klaus Modick

Frankfurt/M. und Oldenburg/O. im Dezember 2023