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Seit einigen Jahren hat Reinhard Dinkelmeyer begonnen, die von seinem internationalen Freundeskreis sehr geschätzten Jahresendtexte mit kurzen Erzählungen zu ergänzen. Sie handeln von Personen und Begegnungen, die sich ihm eingeprägt haben, ein Reigen spontan und unsystematisch erscheinender und wieder verschwimmender Gesichter. Keine Berühmtheiten, sondern Menschen. Personen, die nicht als Protagonisten im Strudel der Geschichte auftauchten, denen es aber auf verschiedene Weise gelungen ist, ihre Würde und Grazie zu bewahren. Neben der geschliffenen Ironie, die Reinhard Dinkelmeyers Texte kennzeichnet, klingt zuweilen eine verhaltene Nachdenklichkeit an, aufgefangen und in der Schwebe gehalten von der Leichtigkeit, die dem Autor persönlich und stilistisch zu eigen ist.
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2021
Rottenbauer 1945
Neues Gymnasium Nürnberg 1957
Berlin - Mauer 1961
Sudan - Mutwakhail 1969
New Delhi – Der Wahrsager 1973
Nairobi - Okot p‘Bitek 1975
Nairobi - Leo Pardo 1978
Los Angeles - Abraham Issac, ein Bild für Goethe 1989
Los Angeles - DEFA Orchester 1990
Kyoto - Inamoto-san, die Geisha aus Gion 1996
Kyoto - Wilhelmus 1998
Napoli - „Incurabili“ 2001
Die Stadt der Engel
Mein Beitrag zum Endsieg hat nichts mehr genützt. Im Herbst 1944 wurde ich in der Volksschule in Rottenbauer eingeschult. Bei unserer Klassenlehrerin, Fräulein Gresser, habe ich Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen erworben. Eine klare Erinnerung, wie mir das gelungen ist, habe ich nicht.
Erst später erfuhr man, dass Fräulein Gresser eine begeisterte Nationalsozialistin war. Deshalb ist sie schon bald nach dem Einmarsch der Amerikaner in Rottenbauer zu einem Umschulungslehrgang in ein Lager gebracht worden.
So endete mein erstes Schuljahr vorzeitig.
Aus der kurzen Zeit meiner nationalsozialistischen Indoktrinierung sind mir zwei Details in Erinnerung geblieben, deren Bedeutung ich erst viel später begriffen habe.
Wir mussten damals offenbar ziemlich häufig ein Lied singen, dessen erste Strophe begann mit: „Wir sind dohoitsche (deutsche) Kinder......und haben auch dohoitsches Blut“.
Ich habe mir nichts Böses dabei gedacht. Mit meiner Mutter und ihrer Gitarre haben wir zuhause praktisch alle Lieder des „Zupfgeigenhansl“ von vorn bis hinten gelernt, ich habe gern und laut gesungen und das mit den deutschen Kindern kam mir nicht verdächtig vor, schließlich waren wir zuhause auch fünf deutsche Kinder, wie das damals bei einer evangelischen Pfarrersfamilie üblich war. Dass es auch Menschen mit englischem, oder französischem Blut geben könnte, kam mir damals nicht in den Sinn.
Erst viel später, nachdem ich einiges dazugelernt hatte, ist mir irgendwann die Melodie dieses Liedes wieder in den Sinn gekommen und ich stellte mit nachträglicher Empörung fest, dass die Nazis dafür die Melodie von „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ geklaut hatten.
Die zweite Erinnerung an mein erstes Grundschuljahr ist mir auch erst im Rückblick bedeutsam erschienen. Bei schönem Wetter bestellte Fräulein Gresser uns oft auch nachmittags in die Schule und wir machten mit ihr Spaziergänge über die Wiesen und Äcker rund um Rottenbauer. Wir sollten Heilkräuter sammeln für unsere verwundeten Soldaten. Bisher hatten wir in der Schule immer nur von unseren siegreichen Soldaten gehört. Wir lernten vier Kräuter kennen: Schafgarbe, Johanniskraut, Minze und Löwenzahn.
Sie wuchsen damals reichlich auf reinem, deutschem Boden, denn Kunstdünger gab es im letzten Kriegsjahr nicht. Kunsthonig gab es auf Marken.
Ob unsere Heilkräuter wirklich noch einem verwundeten Soldaten geholfen haben, weiss ich nicht.
Dann kamen die Amerikaner. Wir fünf Pfarrerskinder kletterten eilig auf den Kirchturm, dem Pfarrhaus gegenüber. Noch oberhalb der Glocken gab es eine schmale, halsbrecherische Plattform, von dort konnte man den Verlauf der Strasse ein paar Kilometer weit überblicken. Wir sahen zum ersten Mal die Jeeps mit dem Stern auf der Kühlerhaube, dann viele Lastwagen und am Ende noch vier Panzer in einer langen Kolonne auf unser Dorf zukommen. Wir waren sehr aufgeregt, denn die Erwachsenen waren es auch. Aber Angst hatte ich keine. Für mich war das, was da gerade stattfand, ein aufregendes Abenteuer. Meine sechs Jahre ältere Schwester Erika war eher persönlich betroffen. Die Amerikaner hatten sich für die Einnahme von Rottenbauer nämlich ausgerechnet den Palmsonntag ausgesucht, an dem sie konfirmiert werden sollte.
Aufgrund der Lage musste der Palmsonntagsgottesdient samt Konfirmation abgeblasen werden. Das fanden wir aus zwei recht weltlichen Gründen sehr bedauerlich: Trotz der schlechten Zeiten war es meiner Mutter gelungen, für das Festessen eine Gans zu ergattern, die im Ofenrohr schon recht vielversprechend vor sich hin brutzelte, außerdem standen im Klavierzimmer mindestens vier Kuchen bereit, die äußerst verführerisch durch das ganze Haus dufteten. Leider haben die Amerikaner nach einem kurzen Rundgang beschlossen, unser Pfarrhaus mitten im Dorf am Kirchplatz vorübergehend als Hauptquartier zu benutzen. Schuld war wohl der verführerische Geruch von Gans und Kuchen. Wir mussten binnen 15 Minuten das Haus verlassen und konnten vom gegenüber liegenden Schulhaus, wo wir kurzfristig unterkamen, zusehen, wie die hungrigen US Krieger mit gebratenen Gansschlegeln in der Hand vor der Pfarrhaustüre das Dorf betrachteten. Diese Episode wurde natürlich in der Familie tausendmal erzählt, bis allen das Wasser im Munde zusammenlief.
Wirklich unvergesslich ist mir eine kurze Szene von diesem ereignisreichen Tag in Erinnerung geblieben, deren Symbolwert mir auch erst in meinen nachträglichen Erinnerungen klar wurde.
Während der ansonsten ganz friedlich verlaufenen Einnahme von Rottenbauer muss irgendwo im Dorf ein Schuss gefallen sein. Wie man später erfuhr, hatten sich drei versprengte Volkssturmmänner in einem Keller versteckt, es müssen die ungeschicktesten Volksstürmer des Reiches gewesen sein. Sie hatten sich weder von ihrer Uniform, noch von ihren Gewehren rechtzeitig getrennt. Offenbar hat einer von ihnen, aufgeregt und verängstigt wie er war, an seinem Gewehr herumhantiert und aus Versehen einen Schuss abgegeben, der zum Glück keinen Schaden anrichtete. Man machte die drei Männer schnell dingfest und brachte sie zum Kirchplatz. Dort mussten sie mit erhobenen Händen an der Kirchhofmauer stehen. Die GI‘s hatten ihnen die Gewehre abgenommen und zertrümmerten die alten Schießprügel Stück für Stück an der Ecke der Kirchhofmauer. Es war ein wortlos überzeugendes Bild für einen Sechsjährigen: Sieger und Besiegte, vor meinen Augen an der Kirchhofmauer.
Mein Gymnasium hatte nur einen Flügel. Der andere war 1944 von Bomben zerstört worden. Zum Glück war das Treppenhaus zwischen den beiden Flügeln stehen geblieben, das erleichterte uns den Aufstieg zu höherer Bildung sehr.
Schon mein Einstieg in die Gymnasialzeit wäre beinah schiefgegangen. Da war zunächst die Aufnahmeprüfung. Meine Mutter bestand darauf, dass sie mich auf diesem, wie sie meinte, schweren Weg begleiten würde, obwohl meine älteren Brüder diesen Weg schon vor mir problemlos gemeistert hatten.
Wir wohnten in Rückersdorf bei Nürnberg, und man musste von dort mit dem Zug knapp 20 Minuten bis zum Hauptbahnhof fahren.
Fahrschüler haben ein recht präzises Zeitmanagement für Zugfahrten, um keine Minute zu früh am Bahnhof zu sein. Meine Mutter hatte das allerdings nicht und so kam es, daß sie die letzten 300 Meter bis zum Bahnhof Rückersdorf nicht mehr vor dem einfahrenden Zug schaffte. Ich dagegen rannte schnell genug, um den Zug noch zu erreichen. Die Fahrt verlief ereignislos und in Nürnberg musste man nur den Bahnhofsvorplatz geradlinig überschreiten, durch den Waffenhof gehen und dahinter lag schon die halb zerbombte Schule, die nach wie vor „Neues Gymnasium“ hieß.
Wundersamerweise bestand ich die Aufnahmeprüfung auch ohne die Begleitung meiner Mutter.
Den Bahnhofsvorplatz habe ich im Lauf der Schulzeit gut 6000 mal in beide Richtungen überschritten. An die Trümmerlandschaft hatten wir uns gewöhnt, wir kamen ja täglich schon an einem halb zerstörten Bahnhof an.
Der Pausenhof unserer Schule, umgeben von kahlen Brandmauern, war asphaltiert und es gab in der Ecke eine sandige Sprunggrube. Dort versammelten sich oft die Abiturienten, denen wir atemlos zuhörten, wenn sie von ihren Erlebnissen als Flakhelfer erzählten. Bei schlechtem Wetter musste das, was damals immer noch „Turnstunde“ hieß, ausfallen. Unser findiger Sportlehrer entdeckte einen halbverschütteten Zugang zum Luftschutzkeller unter dem zerstörten Flügel. Dort gab es einen heil gebliebenen Raum, der zum Filmkeller erklärt wurde. Wir sahen schwarz-weiße Dokumentarfilme, die von der amerikanischen Besatzungsverwaltung für den Unterricht freigegeben waren. Ich erinnere mich an einen Dokufilm über den Bau des Hoover-Damms, ein Projekt, das alle uns bekannten Superlative übertraf. Es passte so gar nicht in unseren Trümmeralltag und war wie eine Botschaft aus einer anderen, siegreichen Welt. Wie das dann in den Unterricht eingebaut wurde, weiß ich nicht mehr. Es war einfach so.
Im Rückblick fällt mir auf, dass wir eigentlich nie dazu ermutigt wurden, die Dinge, die wir lernen mussten, auch einmal zu hinterfragen, um zu begreifen, warum es wichtig war, sie zu lernen. Der Lernstoff war unantastbar.
Fast alle unsere Lehrer waren Kriegsteilnehmer gewesen.
In Vertretungsstunden, oder wenn sie gerade nicht vorbereitet waren, begannen sie zu erzählen. Einer war mit einer der letzten JU52 aus Stalingrad mit einer schweren Beinverletzung ausgeflogen worden. Unser Geschichtslehrer erzählte stolz, dass er als Inselkommandant über eine griechische Insel geherrscht habe, unser Griechisch- und Lateinlehrer war Panzerkommandeur in Rumänien gewesen. Seitdem litt er an chronischer Malaria.
Wir fanden ihre Erzählungen spannend und haben dabei aufmerksamer zugehört, als bei den normalen Unterrichtsstunden. Unsere Lehrer erschienen uns in diesen Momenten menschlicher und persönlicher als sonst. Aber keinem von uns wäre es eingefallen, sie zu fragen, was um Himmels willen sie dort gemacht hatten, wo ihre Geschichten spielten und was sie in diese Länder verschlagen hatte.
Das zwölfjährige „dritte Reich“ war als Lernstoff noch nicht vorgesehen. Später wurde dann Anne Franks Tagebuch zur Pflichtlektüre.
Im letzten Jahr der Oberstufe versuchte der Oberstudiendirektor persönlich, uns Abiturienten auf die Universität vorzubereiten, indem er uns dreimal die Woche jeweils in der ersten Stunde ein Vorlesung hielt über das zentrale Thema unserer humanistischen Bildung, den Humanismus.
Von Sokrates über Platon und Aristoteles führte die Vorlesungsreihe zu den christlichen Kirchenvätern, dann in die Renaissance. Von Leibnitz, Kant und Hegel kamen wir zu den französischen Philosophen, die schon, wie etwa Rousseau, bedenklich liberale, um nicht zu sagen revolutionäre Ideen vertraten. Spinoza wurde kurz gestreift, Marx und Engels kamen als Fußnote vor und dann wurde die Luft des Humanismus immer dünner. Von den französischen Existentialisten, Sartre und Camus, war kaum die Rede, von Heidegger ganz zu schweigen. Durch die Fenster unseres Klassenzimmers schaute man auf die Trümmer der anderen Hälfte unseres humanistischen Gymnasiums. In den Vorlesungen unseres Oberstudiendirektors wurde nie die Frage erörtert, warum wir eigentlich zwischen den Trümmern eines Weltkriegs aufwuchsen, wieso dieses elitäre humanistische Gymnasium in den Jahren von 1933 bis 1945 seine hehren Ideale mit Begeisterung an die neuen Heilsbringer verraten hatte und wieso dem deutschen Humanismus dann die Menschlichkeit so völlig abhanden gekommen war.
Ein afrikanischer Autor, den ich Jahre später in Kenya traf, sagte: „A professor has to profess something“. Ein Professor muss sich zu etwas bekennen. Unsere Professoren haben dazu geschwiegen. Den Humanismus dozierten sie unverdrossen weiter, als wäre die Menschlichkeit nicht kurz vorher in Auschwitz in Rauch aufgegangen. Es waren Vorlesungen aus dem Elfenbeinturm einer heilen Welt.
Es sollten noch einige Jahre ins Land ziehen, bis die 68er Generation damit begann, diese Fragen zu stellen und die Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und realer Wirklichkeit sichtbar zu machen. In der Schule hatten wir dazu wenig Hilfreiches gelernt. Man erklärte uns die Frage- und Hinterfragetechnik von Sokrates, wir wussten auch, dass sie auf Griechisch „maieutiké“ hieß, nur deren Anwendung im richtigen Leben mussten wir ohne das humanistische Gymnasium lernen.
Unser Gymnasium hatte einen zertrümmerten Flügel, mit dem übriggebliebenen konnte es nicht fliegen.
Inzwischen hat es einen Neubau bekommen.
