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Unter dem Kapitän Vitus Jonassen Bering nahm der Arzt und Naturforscher Georg Wilhelm Steller von 1737 bis 1743 an der Zweiten Russischen Kamtschatka-Expedition teil. In dieser Anthologie sind Gedichte über Steller, Tiere, die nach ihm benannt wurden, über Bering und Kamtschatka zusammengetragen.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2019
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By night the gomuls took to the skies to hunt
Ночью гомулы поднялись на небо чтобы охотиться
Nachts flogen die Gomuli in den Himmel, um zu jagen
Umschlag
„Gomuli“ sind nach G.W. Steller monströse Fabelwesen auf Kamtschatka, das hier mit seinen Vulkanen und mit den weiteren Elementen der Anthologie, der Stellerschen Seekuh und der Beringinsel, als Kartenskizze von 1742 dargestellt ist.
Vorwort
Gedichte über Georg Wilhelm Steller
Stellers Lebenslauf –
Winfried Georg Sebald
Gmelin on Steller –
Jennifer Dunbar Dorn
Steller als Gelehrter –
Anonymos. Übersetzt von Joachim Ruf
The Mermaids of Brobdingnag –
Richard George
Wilhelm Steller –
Robert Hass
Cossack Song –
Doraine Bennett
The Second Summons, 1741 –
Doraine Bennett. Übersetzt von Joachim Ruf
Stranded : Voice of Thomas Lepekhin -
Doraine Bennett, übersetzt von Joachim Ruf
Murder Ballad –
Brian Barker
Steller’s Dream –
Jennifer Chang. Übersetzt von Joachim Ruf
Stellers Gebet –
Andrej Bronnikov. Übersetzt von Christine Hengevoß
Gedichte über Stellers Seekuh
Steller’s Sea Cow –
Eleni Sikelianos
Requiem für eine Seekuh –
Heinrich Detering
Steller’s Sea Cow 1742-1768 –
Tom Sexton. Übersetzt von Joachim Ruf
The Kelp Eaters Hydrodamalis gigas –
John Glenday
Hydrodamalis gigas –
Andrej Bronnikov. Übersetzt von Christine Hengevoß
Steller’s Sea Cow –
J. Patrick Lewis. Übersetzt von Joachim Ruf
Steller’s Sea Cow –
Anne Marie Macari
Steller’s Sea Cow –
Donald Davie
Steller’s Sea Cow –
Jennifer Dunbar Dorn
Die Steller’sche Seekuh –
Mikael Vogel
Die Seekuh –
Detlev Wilhelm Klee
Extinction Narrative –
Jason Zuzga
Steller‘s Sea Cows –
Timothy Donnelly
Siren Song –
David Day
Sea Otter –
Tom Clark
Sea Otter Hunt –
Mary Lilly Kienholz
Komödie vom Meerotter –
Mikael Vogel
Steller‘ Sea Cow speaks –
Fama
Gedichte über den Stellerschen Häher
Steller’s Jay –
Robert Hass
Steller’s Jay –
Tom Sexton
Steller’s Jay (Georg Steller, The American Expedition, 1742) –
Linda Bierds
Steller’s Jay –
Wallace Kaufman
Evening : Steller’s Jay –
Jory Mickelson
Ode to a Steller’s Jay –
Jeremy Schwartz
Steller’s Jay : Not your ordinary Blue Bird –
Joanne Stolen
Autumn Psalm –
Jacqueline Osherow
American Blue Jay : July 20, 1741 –
Jennifer Dunbar Dorn
Der Brillenkormoran –
Mikael Vogel
Gedichte über Vitus Bering
Ode an den russischen Kolumbus –
Mikhail Vasil’evich Lomonosov
Unerforschte Küste –
Igor Gurevich
Ecclesiastes –
Jeremiah Webster
Vitus Bering –
W.G. Sebald
Der Kommodore –
Aleksandr Borisovich Kerdan
Kapitan-Komandor V. Bering –
Sergej Sokolov
Poem for Vitus Bering –
Mary L. Kienholz
Legacy for Vitus Bering –
Elizabeth Bradfield
Vitus Bering –
Earle Birney
Der Kopf des Vitus Bering –
Konrad Bayer
Some remarks –
Jennifer Dunbar Dorn
Vitus Bering und seine zwei Kamtschatka-Expeditionen –
Vladimir Tjaptin
Berings Begräbnis –
Andrej Bronnikov. Übersetzt von Christine Hengevoß
Le ossa di Bering –
Andrea Gibellini. Übersetzt von N.S. Thompson und Harald Pinl
Gedichte über Kamtschatka und die Kommandeur-Inseln
Kamchatka –
Roald Hoffmann
Kamchatka! –
Liz Poey. Übersetzt von Joachim Ruf
Halbinsel Kamtschatka –
Vladimir Vladimirovich Tataurov
The Bering Bridge –
Roald Hoffmann
Die Entdecker –
Aleksandr Borisovich Kerdan
Gamaland –
Jennifer Dunbar Dorn
Auf Alaska –
Aleksandr Borisovich Kerdan
Gerassim Pribilov and Saint Paul Island –
Mary Lilly Kienholz
Nachwort: Alexander Puschkin über Kamtschatka, Krascheninnikow und Steller
–
V.A. Abashnik
Quellenverzeichnis
Nachweis der Abbildungen
Verzeichnis der Dichter*innen und Übersetzer*innen
Verzeichnis der Gedichte und ihrer Anfänge
Auf der Website der Steller-Gesellschaft sind zwei Bände von W.G. Sebald und Andrej Bronnikov aufgeführt, in denen Gedichte über Georg Wilhelm Steller enthalten sind. Steller hatte als Arzt und Naturforscher von 1737 bis 1743 an der Zweiten russischen Kamtschatka-Expedition unter dem Kapitän Vitus Jonassen Bering teilgenommen. Inzwischen habe ich eine Fülle von Gedichten über Georg Steller, die Stellersche Seekuh, den Stellerschen Häher (Schwarzkopf- oder Diademhäher), Vitus Bering und Kamtschatka zusammengetragen, die es wert sind, in einer Anthologie veröffentlicht zu werden. Margritt Engel machte mich mit Gedichten über Steller's Sea Cow und Steller's Jay von Robert Hass und Tom Sexton bekannt.
Das Gedicht von Eleni Sikelianos „Steller's Sea Cow“ hat mich besonders berührt und vor allem die erste Zeile: „By night the gomuls took to the skies to hunt“. Die Faszination der ersten Zeile dieses Gedichtes hat zum Titel dieser Anthologie geführt: „Nachts flogen die Gomuli“.
Mit den „Gomuli“, russisch камули/kamuli, hatte Steller als Erster die gottähnlichen, gigantischen Wesen beschrieben, die Monstern ähneln und in den Sagen der Kamtschadalen auftreten. In knappen Worten fasst Sikelianos das Geschehen der letzten Tage auf der später so genannten Bering-Insel vor Kamtschatka zusammen: Bering erreicht mit seinem Schiff diese Insel, stirbt und ein Teil der Mannschaft kann sich durch den Verzehr des wohlschmeckenden Fleisches der Seekühe ernähren und überleben.
Die Steller‘sche Seekuh
Steller war der einzige Naturforscher, der jemals eine lebendige Seekuh gesehen hatte, bevor sie 1768, nur 27 Jahre nach ihrer Entdeckung, von Robben- bzw. Pelztierjägern ausgerottet wurde. Steller erkannte, dass die Seekuh mit den Manatis aus dem Atlantik verwandt war, die Georg Marcgraf, ein aus Liebstadt bei Pirna stammender Naturforscher, in Historia Naturalis Brasiliae mit Willem Piso erstmalig 1648 beschrieb. Aber auch der Weltumsegler und Entdecker William Dampier beschrieb 1697 die Manatis. Die Steller'sche Seekuh war die einzige Vegetarierin unter diesen Säugetieren und Steller beschrieb vier Arten von Seetang, die sie aß. Wegen ihrer rindenartigen Haut wurden die Stellerschen Seekühe früher auch „Borkentiere“ genannt.
Der lateinische Name für die Seekuh, sirenia, weist darauf hin, dass Erzählungen nach einsame Seeleute Seekühe (oder Manatis) für Sirenen hielten, für weibliche Fabelwesen, die durch ihren betörenden Gesang Schiffer anlockten, um sie zu töten.
Neben den oben genannten Schriften von Sebald und Bronnikov liegen noch andere umfangreichere Gedichtswerke zum Thema dieser Schrift vor, wie z.B. „Eastward Ho! – The Saga of Vitus Bering“ von Jennifer Dunbar Dorn. Aus ihnen werden daher nur einzelne Gedichte exemplarisch wiedergegeben.
Bemerkenswert erscheint, dass sich mehrere der Steller-Gedichte, besonders im amerikanischen Raum, mit der Ausrottung der Stellerschen Seekuh beschäftigen. So die Gedichte von Davie, Day, Fama, Lewis, Macari, Sexton und Zuzga. Es wird als ein frühes Beispiel für das negative Eingreifen des Menschen in natürliche Lebensräume gesehen, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Auch im deutschen Sprachraum ist die Ausrottung in der Lyrik zum Thema geworden. So in Heinrich Deterings „Requiem für eine Seekuh“ oder Mikael Vogels Gedichtband „Dodos auf der Flucht – Requiem für ein verlorenes Bestiarium“, in dem Steller zitiert und auf die Zerstörung unserer Umwelt hingewiesen wird.
Poesie kann als generelle Bereicherung und Ergänzung zur Naturwissenschaft gesehen werden. Poesie kann wissenschaftliche Prozesse bereichern und andere neue Zugänge ermöglichen. Insofern wird auch diese Gedichtanthologie zu Steller, Bering und Kamtschatka die Stellerforschung durch Verdichtung und Erweiterung bereichern können.
Dank
Diese Anthologie wäre nicht ohne die Hinweise auf Gedichte von Frau Prof. em. Dr. Margritt Engel, Anchorage, Elisabeth Hintzsche, Ulrich Wannhoff und vielen anderen zustandegekommen. Mein Dank gilt ihnen und den Autorinnen und Autoren der Gedichte, die mir bereitwillig Auskünfte über ihre Gedichte, deren Entstehung und über die Bücher, in denen die Gedichte abgedruckt wurden, gaben. Freundlicherweise haben sie mir auch ihre Abdruckgenehmigung gegeben. Mit einigen Autoren stehe ich heute noch in Verbindung. Mein ganz besonderer Dank gilt dem Historiker für Russische und Umwelt-Geschichte Dr. Harald Pinl, der die Gestaltung dieser Anthologie übernommen hat.
In welchen Werken und wo (Verlag, Internetplattform) die einzelnen Gedichte erschienen sind, wird im Quellenverzeichnis angegeben. Die Herkunft der Abbildungen wird am Schluss des Buches in einem eigenen Verzeichnis nachgewiesen.
Mühltal, im Juni 2019
Joachim Ruf
Steller-Skulptur von Il‘ja V‘juev, 2009
von Winfried Georg Sebald
I
Der aus Windsheim in Franken
gebürtige Georg Wilhelm Steller
stieß im Verlauf seines Studiums
an der Universität Halle wiederholt
auf die in die Intelligenzblätter eingerückte
Nachricht,
daß die russische Zarin Anstalten treffe,
im Zuge der Erweiterung ihres Reichs
eine Expedition von noch nie dagewesenem
Ausmaß
unter dem Oberkommando des Vitus Bering,
dessen Kopf zirka zweieinhalb Jahrhunderte später
zu unserem Entsetzen noch einmal
in der Literatur auftaucht,
an die pazifischen Küsten zu entsenden,
damit von dort aus der Seeweg
nach Amerika in Erfahrung gebracht werde.
III
Obschon es hieß, daß ihn die Obrigkeit
in kürzester Frist auf den Lehrstuhl
für Botanik berufen und somit
in der bürgerlichen Societät
akkreditieren werde, ging Steller,
mittellos, wie er war, und kaum
mehr als seine Notizbücher in der Tasche,
bereits an dem auf das Rigorosum
folgenden Tag mit der Post
nach der von russischen Truppen
belagerten Stadt Danzig,
wo er sich als medizinischer Assistent
auf einem Packboot anheuern ließ,
das einige hundert Invalide
nach Rußland zurückbringen sollte.
VIII
Als Steller 1736 tatsächlich
den ersehnten Auftrag erhielt,
der Beringschen Expedition sich anzuschließen,
war dieses bereits zehn Jahre zuvor
in die Wege geleitete Unternehmen,
das aus einem Heer von Zimmermännern,
Schmieden, Fuhrknechten, Seeleuten,
Schreibern, kommandierenden
Chargen, Wissenschaftlern
und Assistenten bestand
und nicht nur Baumaterial, Werkzeug, Instrumente,
ein Arsenal von Waffen und Aberhunderte
von Büchern, sondern auch endlose
Fouragierzüge, zur Verpflegung der Mannschaft,
Geschirr und Garderobe und kistenweise
Bordeauxwein für die höher gestellten
Envoyés der Akademie vorwärtszubringen hatte,
nicht anders als ein schwere Geröllmassen
mit sich fortbewegender Gletscher,
in Jakutsk auf dem einhundertneunundzwanzigsten
Grad östlicher Länge angelangt.
X
Am 20. März des Jahres 1741
betritt Steller das langgestreckte
Blockhaus der Kommandantur von Petropawlovsk
an der Ostküste der Halbinsel Kamtschatka.
In einem fensterlosen, nicht mehr als
sechs mal sechs Fuß messenden
Verschlag am hinteren Ende
des sonst auf keine Weise unterteilten
Innenraums dieses Gebäudes
findet er Bering, den Kommandeur-Kapitän,
an einem aus Planken zusammengenagelten,
von weißfleckigen Land- und Seekarten
über und über bedeckten Tisch,
den neunundfünfzigjährigen
Kopf in die Fläche der rechten,
mit einem Flügelpaar
tätowierten Hand gestützt,
einen Stechzirkel in der Linken,
bewegungslos sitzen
bei einem blakenden Licht.
Es braucht eine unheimlich
lange Zeit, denkt Steller,
bis Bering die Augen
aufmacht und hinschaut
zu ihm. Ein Tier
ist der Mensch, in tiefe
Trauer gehüllt,
in einen schwarzen Mantel,
mit schwarzem
Pelzwerk
gefüttert.
XIII
Bei Anbruch des folgenden Tags,
dem Namensfest des hl. Elias,
ging Steller an Land. Zehn Stunden
hatte ihm Bering, dem das Grauen
bereits an die Stirn geschrieben war,
zugestanden für eine wissenschaftliche Exkursion.
Von einer tiefgründigen Bläue
war jetzt das Wasser und waren die Wälder,
die herabwuchsen bis an die Küste
des Meers. Unverstört näherten sich
Steller die Tiere, schwarze und rote
Füchse, auch Elstern, Häher und Krähen
gingen mit ihm auf dem Weg
über den Strand. Im durchsichtigen Dunkel
zwischen den Bäumen bewegte er sich
mit geradezu schwebendem Schritt
über die einen Fuß dicken Polster aus Moos.
Nahe war er daran, bergwärts
immer nur weiterzugehen, hinein
in die kühle Wildnis, aber die Konstruktionen
der Wissenschaft in seinem Kopf,
ausgerichtet auf eine Verringerung
der Unordnung in der Welt,
widersetzten sich diesem Bedürfnis.
Später in einer aus Fichtenstämmen
zusammengefügten Behausung erlebt er
die Wirkung verlassener Dinge
in einem fremden Raum. Ein kreisrundes
Trinkgefäß aus geschälter Rinde,
einen mit Kupfererz durchsprenkelten
Wetzstein, ein fischköpfiges Paddel
und eine Kinderrassel aus gebranntem Ton
sucht er mit Vorsicht sich aus und hinterlegt
statt dessen einen eisernen Kessel, eine Schnur
mit bunt aneinandergereihten Perlen,
ein Fetzchen bucharische Seide,
ein halbes Pfund Tabak und
eine chinesische Pfeife.
An diesen schweigsamen Handel
erinnert sich noch nach einem halben Jahrhundert,
wie aus einem Bericht des Commandeurs Billings
hervorgeht,
einer der Bewohner dieser abgesonderten Gegend
mit einem raschelnd nach innen
gekehrten Lachen.
XVII
Sechs Jahre dauerte es,
bis die Überlebenden der Expedition
Order erhielten,
in die Hauptstadt zurückzukommen.
Steller aber hatte sich wenige Tage
nach Ankunft in der Bucht von Avatscha
vom Korps abgesetzt und war mit dem Kosacken
Lepekhin
zu Fuß ins Innere der Halbinsel aufgebrochen.
Wenn Dir die Reise gefällig ist,
sei unser Antrieb beim Gehen,
sprach er bei sich, sei
Trost auf dem Weg, Schatten
im Schwülen des Mittags,
Licht in der Finsternis,
Decke wider Frost und Regen,
Wagen in der Stunde der Müdigkeit,
Hilfe in der Noth, auf daß wir,
unter Deiner Führung, fahrlos dort eintreffen,
wo es uns hinzieht;
trag Du die Sorge, Herr,
damit die Sterne günstig
über uns sich scharen.
XVIII
Den übrigen Teil des Sommers
sammelt Steller botanisches Material,
füllt getrocknete Samen in Tütchen,
beschreibt, rubriziert, zeichnet,
in seinem schwarzen Reisezelt sitzend,
zum erstenmal glücklich in seinem Leben.
Thoma Lepekhin fängt Lachs,
bringt Pilze, Beeren und Blätter,
macht Feuer und Tee.
Den Winter hindurch
unterrichtet der deutsche Doktor
Koryackenkinder in einer winzigen,
hölzernen Schule, schreibt, als das Eis bricht,
Memoranda zur Verteidigung
der von der Marinekommandantur in Bolscheretsk
malträtierten und in ihrem Recht verkürzten
eingeborenen Stämme, was dazu führt,
daß ein Brief gegen ihn ausgestellt wird,
daß Verhöre stattfmden,
daß sich Mißverständnisse ergeben,
daß Verhaftungen erfolgen und daß Steller
jetzt vollends den Unterschied begreift
zwischen Natur und Gesellschaft.
Westwärts, Strecke um Strecke legt er
fliehend zurück, und es scheint ihm,
