Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wagt Leonard Wolf im Rheinland den Neuanfang. Mit Mut, Geschäftssinn und Gespür für das Lebensgefühl der neuen Zeit eröffnet der Gastronom Bars und Diskotheken. Orte, die Zuversicht, Leichtigkeit und Musik in eine vom Krieg gezeichnete Stadt zurückbringen. Hinter dem Glanz seiner Erfolge verbirgt sich jedoch ein schwieriges Familienleben: Seine Mutter Juliana ist von Verlust und Bitterkeit geprägt. Nachdem Leonard mehr aus Pflichtgefühl als aus Liebe geheiratet hat, akzeptiert sie die junge Familie nicht und will ihren Sohn mit niemandem teilen. Mit ihren Intrigen trägt sie gravierend zum Scheitern der Beziehung bei. Als einer seiner Mitarbeiter Leonards Vertrauen missbraucht, scheint alles verloren. Kriminelle Machenschaften und finanzielle Katastrophen zwingen Leonard in die Knie und er verlässt Deutschland über Nacht. Doch ein Privatdetektiv, die Freundschaft zu einem Anwalt in der Schweiz und eine Weggefährtin aus Kriegstagen geben ihm neue Hoffnung. In Rom trifft er nicht nur eine alte Freundin wieder, sondern erlebt eine späte Liebe. "Visionen. Verrat. Verlorenes Glück. Die bewegende Fortsetzung des ersten Buchs "Steine im Weg, Mut im Gepäck" über die Familie Wolf ist eine Geschichte über Aufbruch und Verlust, über eine schwierige Mutter-Sohn-Beziehung und tiefsitzende Verletzungen."
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 669
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Über die Autorin
Vor einigen Jahren fand Marie Blaubach zufällig die alten Aufzeichnungen ihrer Großmutter. Sie begann zu recherchieren und schrieb mit viel Freude »Steine im Weg, Mut im Gepäck«, einen fiktiven Roman mit autobiografischen Anteilen über das Leben der Juliana Wolf. Ihre spannende Familiengeschichte ließ sie nicht mehr los und so befasste sich Marie Blaubach als Nächstes mit den Ereignissen rund um die nachfolgende Generation. Entstanden ist die Fortsetzung der Familiensaga: »Nachtschicht im Wirtschaftswunder« über ihren Vater Le-onard Wolf.
Die Autorin lebt zusammen mit ihren Hunden im linksrheinischen Bonn.
Für meine Großeltern in liebevoller Erinnerung und Dankbarkeit
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
7. KAPITEL
8. KAPITEL
9. KAPITEL
10. KAPITEL
11. KAPITEL
12. KAPITEL
13. KAPITEL
14. KAPITEL
15. KAPITEL
16. KAPITEL
17. KAPITEL
18. KAPITEL
19. KAPITEL
20. KAPITEL
21. KAPITEL
22. KAPITEL
23. KAPITEL
24. KAPITEL
25. KAPITEL
26. KAPITEL
27. KAPITEL
28. KAPITEL
29. KAPITEL
30. KAPITEL
31.KAPITEL
33. KAPITEL
34. KAPITEL
35. KAPITEL
36. KAPITEL
37. KAPITEL
38. KAPITEL
39. KAPITEL
40. KAPITEL
41. KAPITEL
42. KAPITEL
43. KAPITEL
44. KAPITEL
45. KAPITEL
46. KAPITEL
47. KAPITEL
48. KAPITEL
49. KAPITEL
50. KAPITEL
51. KAPITEL
52. KAPITEL
53. KAPITEL
54. KAPITEL
55. KAPITEL
56. KAPITEL
57. KAPITEL
58. KAPITEL
59. KAPITEL
60. KAPITEL
61. KAPITEL
62. KAPITEL
63. KAPITEL
64. KAPITEL
65. KAPITEL
66. KAPITEL
67. KAPITEL
68. KAPITEL
69. KAPITEL
70. KAPITEL
71. KAPITEL
72. KAPITEL
73. KAPITEL
74. KAPITEL
Mai 1946–1948
Der Wind peitschte ihnen um die Ohren. Die Äste der Bäume, die am Straßenrand und im Biergarten standen, wedelten hin und her. Große Wasserlachen hatten sich bereits gebildet. Die Regentropfen tanzten wie wild auf dem Asphalt und in den Pfützen. Ein Tag wie im November, dabei war es der Mai, der sich nur von seiner ungemütlichen Seite präsentierte. Die richtige Kleidung für dieses Sauwetter trugen sie auch nicht, selbst ein Schirm würde ihnen nicht helfen. Es schien gar nicht hell zu werden. Kein guter Anfang für einen Fußmarsch von München nach Köln.
Leonard und Karl standen an der Tür des Gasthofs, um sich vom Angerer Anton zu verabschieden und ihren Heimweg nach Köln anzutreten. Die Stimmung zwischen den drei Männern war bedrückt, besonders beim Angerer Wirt. Als die zwei Jungs vor fast einem Jahr bei ihm als Koch und Kellner anfingen, hatte er nicht damit gerechnet, dass sie solch erfahrene Mitarbeiter waren. Gern hätte er sie weiterbe-schäftigt, aber die beiden wollten zurück in ihre Heimat. Anton verstand das, trotzdem hatte er alles versucht, sie zu halten. Leonard war ihm besonders ans Herz gewachsen, er erinnerte ihn an seinen in den letzten Kriegstagen gefallenen Sohn Sepp, seinen einzigen.
Voll gepackt und versorgt mit Proviant verabschiedeten sie sich herzlich vom Wirt, der jedem noch einen größeren Geldschein zusteckte. Ihm standen die Tränen in den Augen, aber es half nichts: Die zwei jungen Männer zogen ab.
»Mensch Karl, ich freue mich so sehr auf meine Familie und auf Köln«, sagte Leonard, als sie schon einige Kilometer gelaufen waren. Der Regen hatte inzwischen etwas nachgelassen.
»Mit geht es genauso, auch wenn die Strecke, die vor uns liegt – über fünfhundert Kilometer Fußmarsch – echt eine Herausforderung ist. Ob eine Bahn fährt, ist nicht sicher. Hast du deine Papiere griffbereit? Dort hinten auf der Ecke stehen Militärposten. Wie oft haben die Amerikaner uns schon überprüft?«
»Mach dir nicht so viele Gedanken, Karl«, meinte Leonard, obwohl auch ihm die immer wiederkehrende Kontrolle auf den Wecker ging.
Die amerikanischen Posten standen gelangweilt an ihrem Unterstand, ließen es sich aber nicht nehmen zu fragen: »Wo wollt ihr hin? Eure Ausweise!«
Beide zogen ihre Papiere aus der Jackentasche und zeigten sie den Besatzern. Nach einer Prüfung erhielten sie sie zurück. Der kleinere der beiden Männer hakte nochmals nach: »Wohin geht ihr?«
»Nach Köln, in unsere Heimat«, sagte Leonard.
Ungläubig schauten sie Leonard und Karl an. »Zu Fuß? Ist das nicht ein bisschen weit?«
»Kein Problem«, meinte Leonard.
Der Größere lachte und musterte Karl von oben bis unten.
Karl wurde es etwas mulmig. Er wusste warum, schließlich wirkte er nicht sonderlich sportlich.
»Auch, wenn ich nicht so aussehe, ich schaffe diesen Weg, weil ich das Ziel Heimat vor Augen habe und mich freue, nach all den Jahren wieder bei meinen Leuten zu sein.«
Der Kleinere grinste. Ohne weitere Worte ließen die Militärs sie passieren.
»Blöde Kerle, die wollen einen nur schikanieren.«
»Sie sind die Sieger. Was erwartest du?«, erwiderte Leonard. »Vielleicht gibt es im nächsten größeren Ort, ich denke, es ist Augsburg, Streckennetze der Bahn, die nicht vom Krieg zerstört sind. Oder wir finden eine Mitfahrgelegenheit auf einem LKW in Richtung Westen. Schaffst du es noch, ein paar Stunden zu laufen?«
»Ich gebe mir Mühe, hab bereits eine Blase am Fuß, die schmerzt. Aber wir haben es schließlich aus Italien herausgeschafft, und dieser Weg ist nun wesentlich kürzer. Ich bin zuversichtlich, dass ich bis Köln komme.«
Leonard lachte. »Na, du brauchst erst mal nur bis Augsburg, es gibt bestimmt eine Gaststätte in der Nähe des Bahnhofs, wo wir uns ausruhen können, und dort erkundigen wir uns, wie wir weiterkommen.«
Tatsächlich hatten sie Glück, es gab eine Zugverbindung in Richtung Frankfurt. Von dort aus mussten sie wieder per pedes weiter. Im weiteren Verlauf gelangten sie in die britische Besatzungszone. Mehrfach wurden sie auf ihrer Reise durch die Briten kontrolliert, die offensichtlich noch mehr prüften als die Amerikaner und ebenso viele unnötige Fragen stellten. Sie legten ihren Entlassschein vor und konnten jedes Mal passieren.
Nach einer beschwerlichen Woche, besonders für Karl, kamen sie erschöpft im völlig zerbombten Köln an. Ruinenlandschaften rechts und links der Straßen empfingen sie. Die Zerstörungen mussten gewaltig gewesen sein, dachte Leonard. Frauen jeglichen Alters, die nur über wenig oder gar kein Werkzeug verfügten, trugen die Schutthaufen Eimer für Eimer ab, andere saßen am Straßenrand, klopften und kratzen den Mörtel von den Ziegelsteinen, die für den Wiederaufbau verwendet werden sollten. Verschiedene Firmen arbeiteten mit Großgeräten und Facharbeiter leisteten Aufräumarbeiten. Einige Straßen waren sogar schon weitgehend freigeräumt.
»Hoffentlich finden wir unsere Angehörige. Wenn ich mir die Trümmer hier ansehe, frage ich mich, ob überhaupt jemand überlebt hat.« Karl klang pessimistisch und traurig.
»Komm«, sagte Leonard hoffnungsvoll, »lass uns zum Deutschen Roten Kreuz gehen, dort sind Aushänge. Da bekommen wir bestimmt Informationen.«
»Wenn du meinst.«
»Ach Karl, nun komm schon, wir werden sie finden, es sind nicht alle tot. Schau, die Sonne lacht. Es ist herrliches, fast sommerliches Wetter, lass uns jetzt nicht schlapp machen.«
Leonard versuchte, seinen Freund aufzumuntern, obwohl er selbst nicht richtig glauben konnte, dass von seiner Familie noch jemand lebte. Seine Gedanken, die ihn besonders in der Nacht zum Grübeln brachten, kreisten um die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland. Seit er in München von dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher gehört hatte, und die Angeklagten sich alle für unschuldig hielten, fragte er sich, ob diese Menschen überhaupt ein Gewissen hatten.
Vor allem belastetet ihn ein furchtbares Erlebnis, denn auch er hatte im Krieg Menschen auf Befehl erschießen müssen. Diese Bilder gingen ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf.
Er hatte sich mit einem Kameraden und seinem Vorgesetzten Schulze in der Nähe eines Ackers auf Erkundungsgang befunden, wo einige Arbeiter das Feld umpflügten. Diese bemerkten die Soldaten, die im Hinterhalt standen, und wollten flüchten. Doch sein Vorgesetzter und der andere Kamerad, beide hundertprozentige Nazis, zogen sofort die Waffen und schossen auf die davonlaufenden Menschen. Innerhalb von Sekunden lagen sie tot am Boden – bis auf eine Frau. Sie kam mit ihrem Kind auf dem Arm auf sie zu. In der Hand hielt sie ein weißes Tuch als Zeichen der Ergebung. Schulze drehte sich um, schaute Le-onard entsetzt an, während die Frau immer näherkam und schließlich ein paar Meter vor ihnen stehenblieb.
»Bitte nicht schießen!«, flehte sie in gebrochenem Deutsch.
Das interessierte den Kommandanten nicht. Schon zuvor hatte er bemerkt, dass Leonard nicht auf die Arbeiter geschossen hatte, sondern sich hinter seinem Rücken zurückgehalten hatte. Der Vorgesetzte tobte vor Wut und brüllte ihn an: »Was ist mit dir los? Schieß! Sofort!«
Leonard hob das Gewehr und zielte auf die Frau und das Kind, schoss aber nicht. Den Schuss gab stattdessen der Kamerad mit Freude ab. Die Frau fiel um, zuckte, versuchte, nach Luft zu schnappen, ließ ihr Baby fallen. Es rollte über den staubigen Boden und begann zu schreien. Das Kind lebte noch.
»Du Verweigerer, ich werde den Vorfall melden.«
Leonard ignorierte die Worte seines zornigen Vorgesetzten. Er setzte einen Schritt nach vorn, wollte dem kleinen Wesen helfen. Da ging der zweiter Schuss los – gezielt auf das schreiende Kind. Sein Kamerad kam ihm wie ein Schlächter vor.
Immer wieder musste Leonard an diese Situation denken. Er hatte die Frau zwar nicht selbst umgebracht, aber es belastete ihn so, als hätte er es getan.
Für Schulze war Leonard ein Schlappschwanz, nicht geeignet, den Feind zu besiegen und den Sieg herbeizuführen. Aber das war noch nicht alles. Als sie auf dem Rückweg in ihren Unterschlupf waren, wurden sie von Partisanen angegriffen. Sein Kamerad verlor dabei sein Leben. Der Vorgesetzte drehte sich um, zog dabei sein Gewehr in Richtung Leonard und schrie: »Du Waschlappen lebst und mein Neffe ist tot!«
Leonard reagierte sofort, griff ebenfalls nach seiner Waffe und richtete sie auf den Vorgesetzten.
»Das wagst du nicht!«, brüllte Schulze.
Dann fiel ein Schuss, aber nicht aus Leonards Waffe, sondern aus der Waffe eines Partisanen, der im Gebüsch gestanden hatte. Der Kommandant sackte zusammen und fiel Leonard vor die Füße. Er beugte sich hinunter, Schulze starrte ihn an: »Waschlappen, das hätte ich dir nicht zugetraut.«
»Ich war es nicht«, sagte Leonard leise, schaute sich panisch um, da er damit rechnete, als Nächster erschossen zu werden – aber die Leute waren verschwunden. Sein Vorgesetzter und sein Kamerad waren tot. Was nun? Hatte er Glück im Unglück gehabt? Durfte er so überhaupt denken? Dieses Nazischwein Schulze hätte ihn auf jeden Fall angezeigt. Wie auch immer, er hatte ihn nicht erschossen, und auch die Frau mit dem Kind nicht. Aber dieses gequälte und tränenüberströmte, hagere Gesicht der Frau mit dem kleinen Kind auf dem Arm, würde er sein Leben lang nicht vergessen.
Er war für die vordere Front nicht geschaffen, hatte stets im Hintergrund fungiert. Zusammen mit seinem ehemaligen Vorgesetzten und Ausbilder Gerber, hatte er gemeinsam in der Nachrichten- und Fernmeldetechnik gearbeitet. Mit ihm hatte er sich immer gut verstanden, wenn sie allein waren, duzten sie sich. Gerber hatte dafür gesorgt, dass Leonard, als er selbst Anfang 1941 einen Einsatzbefehl zur deutschen Unterstützungstruppe unter Führung des legendären Generals Erwin Rommel nach Tripolis in Afrika bekam, ihn als einfacher Soldat begleiten konnte. An der Front musste er aber auch andere Aufgaben wahrnehmen, wie die Erkundungstour mit Schulze, der ihm immer wieder zu verstehen gab, dass er Leonard nicht leiden konnte, weil er wusste, dass Gerber ihn schätzte und ihn mit besonderen, geheimen Missionen beauftragte. Diese Bevorzugung schmeckte Schulze nicht. An Leonards Stelle hätte er gern seinen Neffen gesehen.
»Leonard, hörst du!« Karl stupste ihn an. »Wo bist du mit deinen Gedanken?«
»Entschuldige, aber ich musste …«
»Lass mich raten, du hast an das Erlebnis mit Schulze gedacht und darüber, dass du die Frau beinahe erschossen hättest. Mensch Leonard, versuche, das Geschehene zur Seite zu schieben, vergiss es nach Möglichkeit. Es war Krieg, du hattest keine Chance.«
»Das sagt sich so einfach. Die Frau steht oft mit ihrem Kind neben mir, besonders nachts.«
Karl schüttelte den Kopf, blieb stehen, stellte sich vor Leonard, schaute ihm in die Augen, packte ihn an den Schultern. »Leonard, du musst es vergessen, sonst wirst du nicht glücklich. Wir alle, die in diesem sinnlosen Krieg waren, haben unsere Erlebnisse, die wir verarbeiten müssen, auf irgendeine Weise. Ständig darüber nachzugrübeln, bringt dich und auch die vielen anderen mit ihren schrecklichen Erinnerungen nicht weiter.«
»Ich werde es versuchen. Guck, wir stehen vor dem Gebäude des Roten Kreuzes«, lenkte er seinen Freund ab.
»Na, dann sehen wir mal auf die Karten und Aushänge«, meinte Karl.
»Wie soll ich nur ohne dich zurechtkommen? Seit Monaten sind wir ununterbrochen zusammen, fast wie ein altes Ehepaar«, sagte Leonard mit einem schiefen Lächeln im Gesicht. Er würde seinen Freund und Kameraden vermissen, da war er sich sicher.
Karl schaute Leonard grinsend an. »Na ja, meine Frau stell ich mir etwas anders vor.« Er klopfte Leonard auf die Schulter.
»Auf jeden Fall sind wir gute Freunde geworden und diese Freundschaft sollten wir pflegen.«
»Auf jeden Fall.«
Tatsächlich fanden sie beim Roten Kreuz Karten mit ihren Namen und jeweils einer Anschrift. Karl blickte Leonard an.
»Anscheinend stehen unser Haus und die Gaststätte noch. Ich bin gespannt. Wie sieht es bei dir aus?«
»Hier steht eine mir unbekannte Anschrift, sie liegt außerhalb der Stadt. Ich nehme an, unser Haus liegt in Trümmern. Ich werde jetzt dorthin gehen, es ist noch ein gutes Stück.«
Die beiden Männer verabschiedeten sich herzlich voneinander und versprachen, sich nicht aus den Augen zu verlieren.
Leonard machte sich auf den Weg zum Bruckner Hof, auf teilweise schmalen Wegen ging es stadtauswärts in Richtung Aachen. Vorbei an einzeln stehenden Hauswänden, an zertrümmerten Mauern, wo Frauen und Alte damit beschäftigt waren, die Häuser zumindest stückweise wieder aufzubauen, um wieder eine kleine Normalität herzustellen. Es fehlte aber an Baumaterialien wie Steinen und Dachziegeln. Manche hatten ihre Dächer mit Stroh abgedeckt. Die Straßen waren kaum passierbar. Kinder spielten im Staub oder kletterten auf den Schuttbergen herum.
Fast ein Jahr hatte er in München gelebt, auch diese Stadt lag in Schutt und Asche, aber Köln war weitaus schlimmer verwüstet – bis auf den Dom, der fast unversehrt geblieben war. Auf seinem Weg begegnete ihm einer, der sein Bein verloren hatte und an hölzernen Krücken ging. Welch ein Glück hatte er, dass er keine körperlichen Beeinträchtigungen davongetragen hatte, dennoch tat er sich schwer, seine Kriegserlebnisse – besonders das mit der Frau und dem Kind – zu verarbeiten. Er versuchte, nicht weiter daran zu denken.
Vor ein paar Wochen hatte Leonard den Dokumentarfilm »Die Todesmühlen« gemeinsam mit Karl im Kino gesehen. Er zeigte die Kon-zentrations- und Vernichtungslager. Der Film wurde unmittelbar nach der Befreiung der Insassen gedreht. Und davon wollten diese Männer auf der Anklagebank bei dem Nürnberger Prozess nichts gewusst haben. Unfassbar! Sie wurden teilweise zum Tode verurteilt oder zu Haftstrafen, aber einige ließ man auch frei. Die zwölfjährige Naziherrschaft hatte schreckliche Spuren hinterlassen. Hoffentlich, so dachte er, haben die Menschen daraus gelernt, dass so etwas nie mehr passiert.
Der Bürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, war zum Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union (CDU) in der britischen Besatzungszone gewählt worden. Den Erzählungen seines Vaters Justus nach war Adenauer ein fähiger Politiker, allerdings beschäftigte er den braunen Mob wieder in der städtischen Verwaltung. Für Leonard war das keine gute Entscheidung. Beamte aus der Nazi-Zeit. Vor nicht allzu langer Zeit hatten diese Männer noch »Heil Hitler« gebrüllt, ihren Arm dabei zum Gruß gehoben und plötzlich hatten sie ihr Fähnchen gewendet und waren Demokraten. Leonard schüttelte innerlich den Kopf. Adenauer rechtfertigte sein Vorgehen mit dem Satz: »Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.«
Ein Mann stand an der Straße, eine Schaufel in der Hand. Leonard war so in Gedanken vertieft, dass er ihn beinahe angerempelt hätte. Er entschuldigte sich sofort bei ihm, schaute ihn an und fragte: »Kennen Sie den Bruckner Hof?«
»Sicher, wer kennt den nicht, der steht auch noch teilweise. Wollen Sie dahin?«
Leonard nickte.
»Immer geradeaus, vorbei an den Wiesen und dem großen Waldstück, das Sie von hier aus sehen können. Dann kommt ein breiter Weg mit rechts und links stehenden Eichen, die den Krieg erstaunlicherweise fast unbeschadet überstanden haben. Sie sehen dann auch schon von Weitem das Gebäude, vor dem Krieg war es ein bekanntes Gestüt. Dort sind viele Flüchtlinge von dem Besatzer untergebracht worden. Wenn Sie Arbeit suchen, können Sie aber auch uns helfen.«
»Nein, im Augenblick suche ich erst einmal meine Familie. Ich komme aus München und habe am Deutschen-Roten-Kreuz-Haus diese Adresse gelesen. Deswegen gehe ich dort hin. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«
»Nun, viel Glück für Sie.«
Leonard ging weiter, etwa eine halbe Stunde später erreichte er das Anwesen. Kinder spielten auf der Wiese mit einem schwarzen kleinen Hund. Der Kleine sauste um die Kinder herum, hatte einen Riesenspaß, bellte aufgeregt, bis eine weibliche Stimme rief: »Blacky, hier.«
Der Hund hörte aufs Wort und lief zu der Frau. Die beugte sich zu ihm und streichelte und lobte ihn. Dann schaute sie hoch.
Leonard erkannte seine Mutter sofort, winkte ihr zu. Die Mutter traute ihren Augen nicht, ging ein Stück auf den jungen Mann zu, der ihr gewunken hatte. Blacky folgte ihr. Dann erkannte sie ihren jüngsten Sohn. Keine Fata Morgana – er war es wirklich.
»Mutter! Mama!« Er ging schnellen Schrittes auf sie zu, ließ seinen Rucksack und sein anderes Gepäck fallen, hob sie hoch und wirbelte sie vor lauter Freude durch die Luft. Der kleine Hund lief bellend um die beiden herum. Er ließ sie runter, sie umarmten sich, küssten sich und waren glücklich, einander wiederzuhaben.
»Junge, wie schön, du hast uns gefunden!«
»Ja, ich bin deiner Anschrift gefolgt, ich freue mich, dich gesund und munter zu sehen.«
»Kleiner, gut schaust du aus. Richtig erwachsen, nicht so abgemagert, wie die anderen, die wir bislang sahen.«
»Wer ist der kleine Kerl? Gehört der zu dir?«, fragte Leonard. Blacky schnüffelte an seinen Schuhen herum.
»Ja, der ist meiner, er heißt Blacky, kommt aus der Zucht von Hammersteins. Du erinnerst dich? Wie Paulchen, nur mit langen Haaren. Er ist ein liebes Kerlchen.«
Er beugte sich zu dem Kleinen hinunter, nahm ihn hoch. Der ließ sich das sofort gefallen. Juliana strahlte über das ganze Gesicht, sie freute sich. Endlich war einer von ihren drei in den Krieg gezogenen Söhnen wieder zu Hause. Hoffentlich kamen die beiden anderen auch bald wieder. Sie schaute Leonard an und meinte: »Na, der mag dich, aber welches Tier mag dich nicht.«
Dann gingen sie zusammen in den Garten, unter einer der alten Eichen stand eine Sitzecke, wo sich auch die anderen Bewohner aufhielten. An der Haustüre lehnte eine Frau, deren Gesicht Leonard bekannt vorkam. Da fiel es ihm ein, sie war eine ehemalige Kundin aus dem Friseurgeschäft. Die Dame kam auf sie zu.
»Du kennst Dr. Maximiliane Gräfin von Hofmeier noch?«, sagte seine Mutter.
»Ich erinnere mich.« Er begrüßte sie freundlich.
»Nennen Sie mich einfach Maxi, so wie Ihre Mutter. Die Zeiten der Aristokratie sind lange vorbei und für meine Promotion interessiert sich heute auch niemand mehr.«
Was für eine hübsche, freundliche Frau, wie angenehm, überhaupt nicht eingebildet, dachte er. Sie setzen sich zusammen, ein bisschen abseits von den anderen. Die Gräfin wollte gehen und Mutter und Sohn allein lassen.
»Bleiben Sie ruhig, Sie stören nicht«, sagte Leonard und berichtete von seinem Aufenthalt in München, seiner Arbeit dort. Erzählte von dem beschwerlichen Fußmarsch aus Italien, von seinem Kriegskameraden Karl und letztlich von dem Elend und der Sinnlosigkeit des Krieges, so, wie er ihn erlebt hatte.
»Warum hast du dich nicht gemeldet?«, wollte Juliana wissen.
»Ich habe es versucht, aber es war zwecklos. Wenn du den Aushang nicht beim Roten Kreuz aufgehangen hättest, wären wir jetzt auch noch nicht zusammen, denn du wohnst ja nicht in unserem Haus. Es ist nicht einfach, die Familie zu finden, Karl ging es nicht anders. So blieben wir erst mal eine Zeit in München und arbeiteten in dem Gasthaus, verdienten uns ein wenig Geld, so dass die Reise hierher nicht mehr so beschwerlich war, denn wir konnten teilweise die Bahn nutzen.«
Juliana erzählte ihm von Justus und Katharinas Tod. Sie sah, wie ihr Sohn schluckte und seine Augen feucht wurden, sie legte ihre Hand auf seine.
»Leonard, es war schlimm, aber dein Vater war schon krank, als er in die Schweiz emigrierte. Du weißt selbst, wie er hustete. Die Ärzte in der Schweiz konnten ihm nicht mehr helfen, es war zu spät, seine Lunge war längst angegriffen. Tante Katharinas Tod war tragisch, wir wussten nicht, dass ihr Mann Jude war, sie hat ihn versteckt, bis Nachbarn sie denunziert haben. In stillen Stunden schäme ich mich für mein Verhalten. Dafür, dass ich so oft meinen Mund gehalten habe. Es fiel mir schwer, aber ich hatte Angst. Ich habe später versucht, vielen Leuten auf irgendeine Weise zu helfen, um mein Gewissen zu beruhigen.«
Maxi drückte Julianas Hand bei diesen Worten, sagte aber nichts.
Juliana setzte sich im Stuhl ein wenig zurück, schaute ihren Sohn mit traurigem Blick an.
»Von unserem Grundbesitz und anderen Wertgegenständen ist uns nicht viel geblieben, dabei können wir uns noch glücklich schätzen, andere haben alles verloren und stehen vor dem Nichts.«
In diesem Moment kam Eric. Die Gräfin lächelte, überlegte, wie sich Juliana wohl vor ihrem Sohn aus der Affäre ziehen würde, denn Eric und Juliana waren ein Paar, aber keiner sollte es wissen, auch sie nicht. Dann hörte sie Juliana sagen:
»Brigadier Cumberland, darf ich Ihnen meinen jüngsten Sohn Le-onard vorstellen.«
Freundlich und ein wenig erstaunt grüßte Leonard den Engländer.
Eric bemerkte seine Verwirrung und meinte spontan: »Juliana, willst du deinem Sohn nicht verraten, wie wir beide zueinanderstehen?«
Juliana war sprachlos. Verflixt noch mal, dachte sie und schaute die Gräfin an. Die schmunzelte nur über das ganze Gesicht.
»Mama, willst du mir nichts erklären?« Leonard sah sie forschend an.
»Nun – Eric und ich sind ein Paar«, sagte sie schnell, bevor jemand anderes sich einmischte.
Leonard lachte aus vollem Herzen. »Die Feindin und der Besatzer, ich glaube es nicht.«
»Stört es dich mein Junge?«
»Nein, ganz und gar nicht, da ich dich kenne und weiß, wie unkonventionell du bist, gratuliere ich dir herzlich, das nenne ich doch mal Friedensgespräche.«
»Also Leonard, wieder mal typisch«, sagte sie und schmunzelte.
Eric lächelte, sichtlich amüsiert von dem Mutter-Sohn-Geplänkel.
»Wieso, ist doch wahr«, beharrte Leonard und reichte Eric seine freie Hand, zuvor legte er das kleine schwarze Bündel in seinen linken Arm.
»Herzlich willkommen in unserer Familie, ich hoffe, Sie wissen, auf was Sie sich einlassen.«
Eric lachte. »Ja, ich weiß es.«
»Weiß Alex es schon?«, fragte Leonard.
»Was soll ich wissen?«, sagte Alex, der in diesem Moment dazugekommen war. Leonard und er grüßten sich herzlich. Alex war überrascht und glücklich seinen kleinen Bruder wiederzusehen.
»Schön, dass du wieder da bist. Sebastian und Friedrich sind leider noch nicht zurück, aber was soll ich wissen?«
»Ich bin erst seit ein paar Stunden wieder hier, du bist nie weggewe-sen …«
»Ist das ein Vorwurf?«
»Natürlich nicht, du Depp. Aber die Feindin und der Besatzer – du kriegst wirklich nichts mit, aber das war ja schon immer so.« Leonard machte eine dramatische Pause und zeigte auf ihre Mutter und Eric.
Der hatte sich inzwischen hingesetzt und amüsierte sich immer noch köstlich. Juliana fühlte sich eher unbehaglich in der Situation und die Gräfin hatte ebenfalls sichtlich ihren Spaß.
»… sind ein Paar«, beendete Leonard endlich seinen Satz.
»Hm, ist mir nicht aufgefallen, aber wenn es so ist, freue ich mich für euch beide. Ich dachte, Sie sehen nur des Öfteren nach dem Rechten«, sagte er zu Eric.
»Dafür, großer Bruder, gibt es so Leute mit meinem Dienstgrad, aber keinen Brigadier«, erklärte Leonard grinsend.
»Ich hatte keine Ahnung, dass er Brigadier ist. Verzeihung, ich habe nicht gedient.«
»Wäre vielleicht besser gewesen, dann hättest du Einblick.«
»Na ja, für den Einblick habe ich zukünftig wieder dich.«
»Jungs, es reicht, jetzt wissen alle Bescheid und ich hätte es euch auch irgendwann gesagt.«
»Wann?«, fragten die anwesenden Männer wie aus einem Mund.
»Na ja, irgendwann halt.«
Eric wusste, Juliana hätte ihren Söhnen so bald nichts erzählt, selbst die Gräfin schien es nicht genau gewusst zu haben, sondern hatte nur eine Ahnung. Eric bot den beiden Jungen, das Du an.
»Geht das so einfach?«
»Warum nicht, ich stehe zu eurer Mutter, werde in Deutschland bleiben und mit ihr den Lebensabend verbringen, somit können wir uns doch duzen.«
»Na, wenn das so ist.«
Sie verbrachten einen schönen Abend zusammen, später gesellte sich noch das Ehepaar Bruck zu ihnen. Frau Bruck brachte eine Schüssel Kartoffelsalat mit und ein paar Würste. Zur späteren Stunde holte Herr Bruck eine Flasche Wein. »Zur Feier des Tages«; wie er sagte, und sie stießen auf Leonards Heimkehr an.
Leonard wollte so schnell wie möglich in das alltägliche Leben zurückkehren und alsbald einen Arbeitsplatz in seinem Beruf finden. Er lebte seit seiner Rückkehr nach Köln auch auf dem Hof und half Bruckners und Maxi bei der landwirtschaftlichen Arbeit. Hatte aber schnell gemerkt, dass dies nicht sein Metier war.
Eines Tages sprach ihn Eric an: »Leonard, ich glaube, du bist hier bei dieser Arbeit, fehl am Platz.«
»Merkt man das? Du hast recht. Ich helfe ein wenig, wo ich kann, aber dies ist keine dauerhafte Tätigkeit für mich.«
»Ich denke, ich habe da was für dich.«
»So,« meinte Leonard mit einem Grinsen im Gesicht, »da bin ich aber mal gespannt.«
»Vor ein paar Tagen habe ich dir von dem Casino der Engländer in eurem Haus erzählt. Du erinnerst dich?«
»Klar, Mutter ist nicht so begeistert, dass ihr euch da breitgemacht habt – und das ohne Miete.«
Eric lachte. »Ja, das ist ein Reizthema für sie.«
»Dort ist eine Stelle als Kellner mit Aufstiegsmöglichkeit frei geworden, Na, wie wäre es?«
»Eric, ich werde mich sofort bewerben, an wen muss ich mich wenden?«
»Das habe ich mir schon gedacht und mir erlaubt, einen Vorstellungstermin für dich festzumachen. Du kannst dich morgen bei meinem Kollegen melden. Sprichst du ein wenig Englisch?«
»Oh, ich fürchte, daran wird es scheitern. Meine Englischkenntnisse sind gering. Ich kann mich zwar verständigen, das musste ich auch in München. Dort verkehrten viele der amerikanischen Besatzer in dem Gasthaus vom Angerer Anton—«
Eric unterbrach ihn. »Leonard mach dir keine Gedanken, ich bin mir sicher, du bekommst die Stelle.«
»Es hört sich so an, als hättest du vorgearbeitet.«
»Ja, ich kenne die Leute dort noch aus der Zeit des Konfiszierens, da das Casino im Hause deiner Mutter untergebracht ist. Dort gab es einiges zu regeln, auch weil deine Mutter nicht alles so hingenommen hatte, wie sich das mein Vorgesetzter damals vorgestellt hat.«
Leonard lachte. »Das glaube ich sofort, ich kenne meine Mutter. Gut, dann gehe ich morgen dorthin. Meine Zeugnisse, auch die Schulzeugnisse sind leider im Krieg geblieben. Ich könnte höchstens versuchen, meinen früheren Chef, falls er noch lebt, ausfindig zu machen. Der könnte dann bestätigen, dass ich meine Ausbildung und die anschließende Arbeit im Restaurant stets zu seiner vollsten Zufriedenheit gemacht habe, so stand es in dem Zeugnis, das er mir mitgab, kurz bevor ich eingezogen wurde.«
»Alles gut, Leonard, geh einfach hin, stell dich vor.«
Am nächsten Tag traf er den leitenden Offizier. Lange war er nicht mehr in dem Haus seiner Mutter gewesen. Die Engländer hatten den Gastrobereich im gesamten Erdgeschoss eingerichtet. Elegant, mit kleinen Lederclubsessel in einem rötlichen Ton gehalten und mit runden braunen Tischchen. Die Bar befand sich an der Seite. Sie wirkte exklusiv, die Barhocker drumherum waren im gleichen Stil wie die Club-sessel. Alles passte perfekt zueinander. An einer Spiegelwand standen etliche Spirituosen auf einem Glasregal. Es gab sogar eine kleine Außengastronomie, die ebenfalls mit geschmackvollen kleinen Eisenstühlen, auf denen Polster lagen, ausgestattet war. Alles wirkte sauber und korrekt, da konnte seine Mutter sich nicht beklagen. Leonard fragte sich, wie die Besatzer an die tolle Einrichtung gekommen waren, wo doch alles brachlag. Das gesamte Obergeschoss bewohnte der Major General. Leonard war auf die Minute pünktlich gewesen, der Offizier, dem das Casino zugeteilt war, grüßte ihn freundlich.
»Sie kommen auf Empfehlung von Brigadier Cumberland. In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm?«
Was für eine blöde Frage, dachte Leonard, aber er musste sie beantworten. Und er sagte die Wahrheit, keinesfalls wollte er lügen oder herumdrucksen.
»Meine Mutter und der Brigadier sind ein Paar. Ich wusste aber nichts davon, dass der Brigadier ein Vorstellungsgespräch vereinbart hat. Er sagte es mir erst gestern«, fügte er schnell hinzu.
»Tatsächlich, nicht? Dann berichten Sie mal, was Sie beruflich in der Gastronomie bis vor dem Krieg getan haben«, sagte der Offizier und bot ihm einen Platz im Casino an.
Leonard schilderte seinen beruflichen Werdegang, er verschwieg nicht, dass er bedingt durch den Krieg keine Zeugnisse vorlegen konnte. Er nannte den Namen des Gastronomen, wo er seine Ausbildung absolviert hatte und auch noch bis zu seiner Einberufung beschäftigt gewesen war. Er versicherte, dass sein früherer Arbeitgeber mit seiner Arbeit sehr zufrieden gewesen war, und dies auch in seinem Zeugnis stand. Er bot an, zu versuchen, seinen früheren Arbeitgeber zu finden, wenn dieser noch lebte.
Das lehnte der Offizier ab und sagte: »Herr Wolf, sie können ab morgen Abend bei uns als Kellner anfangen.« Er nannte ihm seinen Lohn.
Leonard war überglücklich. Endlich musste er nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten.
Am späten Abend, als er zurück im Bruckner Hof war, erzählte er seiner Mutter, die gerade in der Küche war, um sich einen Tee aufzu-brühen, von der neuen Stelle im englischen Casino.
Juliana freute sich für ihren Sohn: »Da bin ich aber froh, du hast wieder eine Stelle in deinem gelernten Beruf – und was mir besonders gefällt, jemand von uns ist vor Ort und kann in unserem Haus nach dem Rechten sehen.«
Leonard schaute sie konsterniert an, keinesfalls würde er herumspionieren. »Mama, da gib es nichts zu sehen, es ist alles gepflegt und in bester Ordnung, selbst der Garten. Das Casino ist elegant eingerichtet. Dort verkehren hauptsächlich die Offiziere. Da kommt man nur rein, wenn man zur englischen Besatzung gehört oder wenn du mit Eric dort hingehen würdest. In der Regel ist das ein reines Männerrestaurant.«
»Frauenfeindlich?«
Oh nein, dachte Leonard, dieses Thema wollte er nicht mir ihr diskutieren. In diesem Moment kam Maxi in die Küche.
»Wer ist frauenfeindlich?« Sie schaute Leonard an.
»Das ist die Interpretation meiner Mutter … In dem englischen Casino verkehren hauptsächlich eben Offiziere und Offiziere sind nun mal Männer. Frauen kommen dort nur rein, wenn sie die Ehefrau oder Gefährtin eines Offiziers sind«, sagte er und verschwand eiligst aus der Küche, um nicht weiter in dieses heikle Gespräch mit den beiden Frauen verwickelt zu werden.
Leonard liebte die Arbeit im englischen Casino. Er vertrat sogar den leitenden Offizier, wenn dieser anderen Aufgaben nachgehen musste. Er fühlte sich bestätigt, dass er damals seine Ausbildung im richtigen Beruf gewählt hatte.
Jeden Abend waren viele Leute im Casino, an manchen Tagen wusste er nicht, wo ihm der Kopf stand, aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Eines Tages erhielt der Barmixer, der dort schon arbeitete, als er eingestellt wurde, plötzlich die Kündigung, weil er Geld aus der Kasse entnommen hatte. Ein Ersatz für ihn gab es nicht.
»Trauen Sie sich zu, diese Arbeit zu übernehmen, bis wir jemand anderen gefunden haben?«, fragte der Chef Leonard nach Feierabend.
Er zögerte nur einen Moment, bis er zustimmte. Ihm war klar, dass das die Chance war, sich ein weiteres Arbeitsfeld zu erschließen.
»Ich würde die Aufgabe gern übernehmen, zeigen Sie mir bitte, was ich tun muss.«
»Die Rezepte für die Mixgetränke liegen hier, ich weiß nicht, wie gemixt wird, Ihren Vorgänger Sam können wir nicht fragen, wir haben ihm fristlos gekündigt. Ich werfe Sie ins kalte Wasser, versuchen Sie es einfach. Ich schlage vor, Sie kommen morgen schon am Nachmittag und lernen zu mixen. Ich biete mich an, die Getränke schlückchen-weise zu probieren. Machen wir es so?«
»Okay«, sagte Leonard und fragte sich insgeheim, wie sein Chef das Probieren der zahlreichen Getränke, die im Angebot waren, ohne Alkoholvergiftung überstehen wollte. Aber das war nicht sein Problem.
Als er am nächsten Morgen Eric im Garten bei der Zeitungslektüre antraf, freute er sich, ihm die Neuigkeit zu berichten. Eric saß auf einer Bank, Blacky lag neben ihm und wedelte mit dem Schwanz, als er Le-onard sah.
»Stell dir vor, ich werde mich heute Nachmittag als Barmixer versuchen und mein Chef wird der Vorkoster sein.«
Eric lachte aus vollem Hals. »Da kann John sich ja freuen.«
»Das werden wir sehen, mir ist schon etwas mulmig bei der Sache, andererseits freue ich mich, etwas Neues zu lernen.«
»Wer lernt hier hinzu?«, fragte Juliana, die mit einer Schüssel Kartoffeln, die geschält werden mussten, in den Garten kam.
»Dein Sohn probiert sich als Barmixer.«
»Was? Ich denke, du kellnerst dort.«
»Das habe ich auch bis gestern, jetzt bekomme ich eine zusätzliche Aufgabe, weil Sam der Mixer, seine Finger nicht aus der Kasse halten konnte. Ich freue mich auf die Aufgabe und gucke, was daraus wird.«
Als er nachmittags im Casino ankam, wartete sein Chef auf ihn, er hatte sich bereits eine große Karaffe auf den Tresen gestellt, um zwischen dem ganzen Alkohol Wasser zu trinken, damit ihm dieser nicht zu Kopf stieg.
Die ersten Cocktails gelangen nicht so gut, aber nach einer Stunde hatte Leonard den Dreh raus und kreierte immer bessere Mixgetränke. Das fanden auch am Abend die anderen Gäste, zwar ging der ein oder andere Cocktail noch schief, aber die Gäste verziehen es ihm sofort, schon allein deswegen, weil sie wussten, dass er sich sein Wissen erst ein paar Stunden zuvor angeeignet hatte. Nach ein paar Wochen führte er sein neues zusätzliches Arbeitsgebiet perfekt aus. Unterstützung hatte er keine, denn sein Chef fand kein Ersatz für Sam und auch keinen neuen Kellner, den er für Leonard hätte einsetzen können.
In Leonard hatten die Betreiber des Casinos ein Organisationstalent gefunden und zudem einen ausgezeichneten Fachmann, so jung er auch war. Er liebte seinen Beruf und war mit Leib und Seele dabei. Schon vor dem Krieg war er seinem damaligen Chef im Ausbildungsrestaurant als sehr effizienter und fähiger Mitarbeiter aufgefallen. Er hatte allein oder mit seiner Kollegin Henni und zuvor auch schon mit Harald, der früher eingezogen worden war, eigenständig das Restaurant führen können.
Die Luft war schwül. Dicke Gewitterwolken tauchten auf und machten Hoffnung auf ein wenig Abkühlung an diesem heißen Sommerabend. Leonard hatte alle Hände voll zu tun. Das Casino war brechend voll, kein Sitzplatz frei und selbst die Stehplätze waren rar. Leonard hatte keine Unterstützung. Der einzige Kollege hatte sich vor ein paar Stunden krankgemeldet – Sommergrippe, wie er sagte.
Nun ja, dachte Leonard, ich schaffe das schon. Unaufhörlich mixte er Getränke, zapfte Bier, brachte die Sachen den Gästen und nahm immer wieder neue Bestellungen auf. Er merkte nicht, dass er von einem Gast bei seiner Arbeit kritisch beobachtet wurde. Der Mann begleitete einen Offizier, mit dem er schon vor dem Krieg befreundet gewesen war und den er zufällig vor ein paar Tagen in der Stadt getroffen hatte. In ihrer Begleitung war eine ältere Dame, äußerst attraktiv, groß gewachsen, die ein elegantes Cocktailkleid trug. Die drei unterhielten sich angeregt auf Deutsch und Englisch. Sie tranken zusammen eine Flasche Champagner, blieben bis zur Schließung des Casinos.
Als Leonard den dreien die Rechnung brachte, sprach der Bekannte des Offiziers Leonard an.
»Junger Mann ich beobachte Sie schon den ganzen Abend und bin begeistert von Ihrer Flexibilität und Kreativität. Sie haben heute Abend ganz allein bestimmt fast hundert Gäste bedient, drinnen wie draußen.«
Leonard schaute den Gast erstaunt an. »Sie haben mich beobachtet, aus welchem Grund?«
Da mischte sich die Dame ein. »Wilhelm«, rief sie, »nun spann den jungen Mann nicht auf die Folter, sag was du möchtest.«
Der Angesprochene hatte sein Sakko ausgezogen und locker über die Schulter gelegt.
»Haben Sie Interesse daran, in einer kleinen renommierten und exklusiven Bar in der Innenstadt als Mixer zu arbeiten? Ich garantiere Ihnen neben beste Arbeitsbedingungen eine gute Bezahlung.«
»Sag mal, Wilhelm, du wirbst doch jetzt nicht gerade unseren besten Mann hier im Casino ab«, mischte sich der Offizier ein.
»Warum nicht, ihr bleibt nicht ewig hier in Köln, dann wird das Casino geschlossen und der junge Mann steht auf der Straße und das möchte ich verhindern.«
»Meine Herren darf ich auch etwas sagen?«
»Aber sicher.«
»Ich fühle mich hier im Casino sehr wohl, mir ist aber durchaus auch bewusst, dass die Besatzungszeit irgendwann beendet sein wird—«
Wilhelm unterbrach ihn: »Und deshalb biete ich Ihnen eine Stelle in einem großen Wirtschaftsbetrieb an. Wir können uns gern vor Ort treffen.«
»Gut, ich komme gern vorbei, leider habe ich keine Zeugnisse mehr, die sind im Krieg verloren gegangen. Ich versichere Ihnen aber, ich habe eine abgeschlossene Ausbildung im Hotel- und Gaststättenge-werbe.«
»Wissen Sie, ich habe gesehen, was Sie können, das reicht mir.«
»Also, Wilhelm,« empörte sich der Offizier, »du bist unmöglich.«
Wilhelm lachte. »Da hast du recht, aber eine so hervorragende Arbeitskraft können wir gut gebrauchen und ihr werdet bald nicht mehr vor Ort sein.«
»Noch ist es nicht so weit.« Er wandte sich an Leonard: »Schauen Sie sich den Betrieb, wo Wilhelm Geschäftsführer ist, gern an. Ich denke, Sie werden begeistert sein.«
Tatsächlich war Leonard nach dem Vorstellungsgespräch begeistert.
Der Abschied vom englischen Casino fiel ihm trotzdem schwer. Doch er konnte die angebotene Stelle nicht ablehnen. Er trug mehr Verantwortung, war Vorgesetzter von zwei Kollegen und stellvertretender Geschäftsführer. Nur die Arbeitszeiten waren schlechter als im Casino. Sein Arbeitsbeginn war abends um zwanzig Uhr und endete, wenn der letzte Gast morgens um fünf oder sechs Uhr gegangen war.
Eines Abends, Leonard war auf seinem Heimweg zum Bruck`schen Anwesen, ging etwa hundert Meter vor ihm ein Mann in Soldatenuniform. Ein Heimkehrer, dachte Leonard gleich. Vielleicht suchte er eine Unterkunft oder seine Familie. Der Mann ging langsam, wahrscheinlich war er erschöpft von einem langen Fußmarsch. Als er näher kam, traute Leonard seinen Augen nicht, er kniff sie zusammen, öffnete sie wieder und dann war er sich sicher. »Friedrich, bleib stehen!«, rief er.
Der Mann drehte sich um. »Leonard, wo kommst du her?«
»Das frage ich eher dich.«
Leonard wollte seinen Bruder umarmen, aber der reagierte reserviert und trat einen Schritt zurück. Leonard nahm sofort Abstand, Friedrich war nie besonders gefühlsbetont gewesen, eher introvertiert.
»Komm, wir müssen noch ein gutes Stück laufen, bis wir auf dem Bruckner Hof sind. Warst du in Gefangenschaft?«, fragte er, um die Situation zu überbrücken.
»Ja, in britischer Gefangenschaft. Ich war schwer verletzt, hab den Transport dorthin nicht mitbekommen. Und Leonard noch eins: Ich möchte nicht darüber reden. Jeder, der im Krieg war, hat Schlimmes erlebt. Meine Blessuren, möchte ich mit mir selbst ausmachen.«
»Ist schon in Ordnung, Bruderherz. Dort hinten siehst du das Anwesen.«
»Ziemlich groß. Was macht ihr dort?«
»Mutter ist zuständig für die ankommenden Flüchtlinge, sie leitet das Heim.« Über Eric schwieg er, das sollte Mutter ihm selbst erklären.
»Das Anwesen war früher ein großes Gestüt, die Eigentümer leben noch, wohnen auch dort, das haben sie Mutter zu verdanken.«
Von Weitem sahen sie Juliana winken. Ihren Sohn Friedrich hatte sie noch nicht erkannt. Sie war beschäftigt mit einer neuen Familie, die im auf dem Hof vorübergehend einen Platz suchte, weil sie ausgesiedelt war. Im Haus lebten viele evakuierte Familien, die nach dem Krieg für kurze Zeit dort eine Bleibe fanden. Es gab kaum jemanden in Köln, der nicht auf irgendeine Weise durch zwölf Jahre Deutsches Reich negativ betroffen war. Sei es durch den Tod eines geliebten Menschen oder durch den Verlust des Wohnsitzes.
Als sie ihren heimkehrenden Sohn erkannte, entschuldigte sie sich bei der Familie und lief auf ihre beiden Söhne zu. Hinter ihr rannte aufgeregt bellend Blacky.
»Wie schön, du bist wieder da«, rief sie überglücklich Friedrich endlich wiederzusehen. Sie wollte ihn in den Arm nehmen. Körperlich schien er unversehrt, aber sein Inneres hatte sich verändert – das merkte sie sofort. Er wehrte ihre Umarmung ebenso ab wie bei Leonard. Offensichtlich konnte er zurzeit keine Nähe ertragen. Friedrich war vom Kriege und den damit verbundenen Erlebnissen gezeichnet. Sie ließ ihn in Ruhe, sein weiterer Weg würde nicht leicht für ihn sein. Er wollte über seine Gefangenschaft und seine Kriegserlebnisse mit niemandem sprechen, sondern sie mit sich selbst verarbeiten. Reden konnte man nicht erzwingen, das war ihr klar. Ihr war vor allem wichtig, dass er lebte, physisch gesund schien und der Krieg vorbei war.
Friedrich störte es nicht, als er später erfuhr, dass der Lebensgefährte von Juliana ein englischer Offizier war, denn er konnte gut zwischen Krieg und Frieden unterscheiden. Er fand in Eric einen Gesprächspartner, der ihm manche Entscheidungen der Alliierten erklären konnte. Es half ihm, seine Kriegserlebnisse aufzuarbeiten.
Deutschland kämpfte sich langsam nach vorne. Die Besatzer schlossen aus wirtschaftlichen Gründen die amerikanische und englische Besatzungszone zur »Bizone« zusammen. Später kam die französische Besatzungszone dazu, es entstand die »Trizone«. Über die Trizone komponierte der Komponist Karl Berbuer das erfolgreiche Karnevalslied »Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien«.
Politisch arbeitete sich die CDU zur stärksten Partei in Nordrhein-Westfalen hoch, zuvor hatte sie im »Ahlener Programm« ein umfangreiches Sozial- und Wirtschaftsprogramm aufgestellt. Die Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD) mit ihrem Vorsitzenden Kurt Schu-macher erhielt in den anderen Ländern der Besatzungszone die meisten Stimmen. Streiks der hungernden Arbeiter gingen in vielen großen Städten der Wahl voraus, damit konnte die SPD ihren Stimmenanteil erhöhen.
Mit Genugtuung las Juliana in der Zeitung, dass der in Warschau zum Tode verurteilte Kommandant Rudolf Höß, der das Konzentrationslager Auschwitz geleitet hatte, hingerichtet wurde. Rudolf Heß, Albert Speer und Karl Dönitz wurden als deutsche Kriegsverbrecher in das Kriegsverbrechergefängnis der Alliierten nach Berlin-Spandau verlegt.
Ein paar Monate später, der Herbst streckte bereits seine Fühler aus, saßen Juliana und Eric unter der alten Eiche, Blacky lag auf Julianas Füßen und fühlte sich sichtlich wohl. Manche Blätter hatten sich schon verfärbt und wenn die Sonne im Westen stand, leuchteten sie herrlich bunt. Da es ein warmer Frühherbsttag war, konnte die beiden die Abendsonne draußen genießen. Eric las in einem Buch und Juliana in der Tageszeitung. Sie schaute auf und blickte Eric traurig an.
»Juliana, was ist los, geht es dir nicht gut?«
»Doch, schon …«
»Aber, was geht dir durch den Kopf?«
»Ich habe gerade den Artikel über Russlandheimkehrer gelesen.«
Oh, dachte Eric, sie denkt an Sebastian, der immer noch als vermisst galt. Kein Lebenszeichen gab es von ihm. Sie ging manchmal zum DRK-Suchdienst und traf dort hin und wieder auf einen Heimkehrer, der aus russischer Gefangenschaft zurückkam und an den Tafeln nach seinen Angehörigen suchte. Einige Zeit zuvor war sie auf einen Heimkehrer gestoßen, der ihr jedwede Hoffnung genommen hatte. Er war selbst in Gefangenschaft gewesen. Der Mann berichtete ihr von schweren Kämpfen, dem strengen eiskalten Winter und davon, dass sie eingeschlossen gewesen waren in den engen Schluchten. Manche starben, ohne dass es die Kameraden bemerkten, es gab nur wenige, die dort herauskamen. Sie kamen dann in russische Gefangenschaft.
»Es war die Hölle«, berichtete der Mann. »Sie haben uns den Zorn über ihre eigenen schweren Verluste spüren lassen.« Während er ihr davon berichtete, standen ihm Tränen in den Augen. Zu einem früheren Zeitpunkt hatte sie bereits erfahren, dass Sebastian wahrscheinlich bei den Kämpfen Mitte Januar 1943 während des Rückzuges vom Don nach Nowyj Oskol gefallen war. Nach weiteren Nachfragen bestätige sich diese Auskunft, es gab aber noch zusätzlich die Information, dass er der 26. Infanterie-Division angehört hatte, die im besagten Zeitraum die Aufgabe hatte, die Lücke zu schließen, die durch den Zusammenbruch der ungarischen Front entstanden war. Der Tod von Sebastian war offiziell nicht bestätigt worden, daher wollte Juliana es nicht wahrhaben. Er galt als verschollen. Sie klammerte sich an die Hoffnung, er könnte doch noch leben. Daran hielt sie sich fest, sie konnte sich nicht von ihm lösen. Das letzte Lebenszeichen von ihm hatte sie 1942 erhalten.
»Juliana, bitte denke nicht immer an Sebastian, glaube mir, aus dem Hexenkessel Stalingrad kommt kaum einer zurück. Und wünsche dir nicht eine russische Gefangenschaft für deinen Sohn, du hast den Heimkehrer gehört, der, wie du erzählt hast, in Gefangenschaft war.«
Diese letzten Worte hörte Friedrich, der sich zu den beiden gesellen wollte.
»Mama, hör auf, über ihn nachzudenken. Die britische Gefangenschaft war schon kein Zuckerschlecken, aber ich hörte die Tage von einem Heimkehrer aus Russland. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlecht es diesem Mann geht. An sich wollte ich darüber schweigen, aber ich denke, es ist besser, wenn ich dir sage, was er erzählte: Die Russen misshandelten die Gefangenen, sie wurden geschlagen, getreten …«
»Stopp!«, schrie Juliana und sprang auf.
»Mama, beruhige dich, setz dich wieder hin, ich höre auf. Versuche, Sebastian so in Erinnerung zu behalten, wie er war, als er gegangen ist. Ich wünsche niemandem den Tod, aber ich fürchte, er lebt nicht mehr – auch, wenn es keiner offiziell bestätigt.«
Eric schaute Friedrich an und nickte ihm zu. »Du warst heute Nachmittag bei deinem früheren Arbeitgeber, oder?«, lenkte Eric auf ein anderes Thema.
»Richtig, er stellt mich wieder ein. Ab nächster Woche arbeite ich wieder als Konditor. Er hat mir auch ein kleines Zimmer unter dem Dach angeboten, so dass ich nicht jeden Abend den weiten Weg aus der Stadt hier heraus machen muss.«
»Das ist ja schön und für dich einfacher.«
Juliana saß traurig auf ihrem Platz und schaute Friedrich an.
»Weißt du, es ist schwer für mich, zu respektieren, dass Sebastian nicht mehr leben soll, das Fünkchen Hoffnung in mir hilft mir—«
Friedrich unterbrach sie: »Vielleicht ist es einfacher, abzuschließen und es so, wie es ist, zu akzeptieren. Wie ich schon sagte, die russische Gefangenschaft ist grausam.«
Juliana schaute ihn traurig an und stand auf, erwiderte nichts und ging mit gesenktem Kopf zum Haus.
»Es war gut, dass du ihr deine Meinung gesagt hast. Du kannst sie nicht trösten.«
Die letzten Worte hörte Leonard. »Wen kann man nicht trösten?«
»Unsere Mutter, sie vermisst Sebastian so sehr.«
»Das kann ich verstehen, ich vermisse ihn auch, wir waren immer eng miteinander verbunden, so wie du mit Alex.«
»Stimmt, ihr wart ein enges brüderliches Gespann.«
»Ich habe in ihm meinen besten und engsten Freund verloren, auf ihn konnte ich mich stets verlassen. Er war der Besonnene und ich eher der Spontane, aber das passte. Ich erinnere mich an Hammersteins und Paulchen, weiß du noch?«
»Ja, klar.«
»Ohne meine Spontanität wären wir damals nicht in das Haus von Hammersteins hineingerannt, vorbei an den blöden Nazis. Es war verdammt gefährlich und Sebastian hätte es nie allein getan, aber zusammen waren wir stark.« Er schaute auf seine Uhr. »Ich muss los, hab noch eine Verabredung und später beginnt meine Arbeit. Bis morgen.«
1948/1949
Die westlichen Besatzungszonen standen kurz vor einer Währungsreform. Juliana hatte es aus zuverlässiger Quellen von Eric, der von einem geheimen Geldtransport mit neuen Banknoten aus den USA nach Deutschland wusste. Das Vorhaben nannte sich »Operation Bird Dog«. Die Rentenmark und die Reichsmark sollten durch die Deutsche Mark ersetzt werden.
Lebensmittel und andere Güter waren knapp. Es gab sie nur über Lebensmittelkarten und Bezugsscheine. Der Schwarzmarkt, wo man fast alles zu exorbitanten Preisen erhielt, blühte. Tauschen war dort auch möglich – wenn man nach dem Krieg noch etwas zu tauschen hatte. Glücklich konnte sich schätzen, wer Obst und Gemüse aus eigenem Anbau sowie Fleisch und Wurst aus eigener Schlachtung besaß. Die Bewohner des Bruckner Hofs gehörten zu jenen privilegierten Bürgern, ebenso wie die meisten Landwirte im Land. Die Situation der Städter war deutlich schlechter. Die Reichsmark war nichts mehr wert. All das haben wir Älteren schon einmal erlebt, ging es Juliana durch den Kopf. Sie erinnerte sich an ihre Schwarzmarktausflüge im großen Mantel des Schwiegervaters und wie sie im Gebüsch gehockt hatte und sich fast in die Hose gemacht hätte, als eine Wache in der Nähe patrouillierte. Was wäre dann aus ihrem schönen Schweinebraten geworden? Sie musste lachen.
Durch die Währungsreform sollte eine funktionierende Marktwirtschaft aufgebaut werden und man wollte den Schwarzmarkt verbieten. Nach Einführung der neuen Währung erhielt jeder Bürger ein soge-nanntes »Kopfgeld« von 40 Deutscher Mark. Die Deutsche Mark war fortan das alleinige Zahlungsmittel. Sparguthaben, Pensionen, Renten, Miete und Pachtzinsen wurden im festgelegten Verhältnis umgerechnet. Was von den westlichen Besatzungszonen positiv bewertet wurde, führte zu einer Spaltung mit der Sowjetunion. In der Sowjetzone gab es eine eigene Währungsreform, die den Lebensstandard der Menschen nicht merklich verbesserte, zusätzlich versuchte die Sowjetunion, ihre Währungsreform auf Gesamt-Berlin auszudehnen. Es folgte die Berlin-Blockade, während die Sowjetunion einseitig die »Vier-Mächte-Verwaltung« für Groß-Berlin für beendet erklärte.
»Welch ein Irrsinn, Eric, was denken sich die Russen dabei? Unglaublich.«
»Nun, Juliana, wir werden als westliche Alliierte die Bevölkerung in Westberlin mit Lebensmittel und allem Nötigen durch eine britisch-amerikanische Luftbrücke versorgen, das Politische wird sich hoffentlich bald durch Verhandlungen finden. Die russischen Besatzer haben ihre eigene Philosophie.«
Juliana schüttelte den Kopf: »Wann können wir endlich alle gemeinsam in Deutschland in Frieden leben? Und, was sollte das für eine Philosophie sein, die Menschen erneut einzuschränken? Nicht jeder möchte den Kommunismus, schon gar nicht ungefragt.«
»Das ist wohl wahr. Warten wir es ab.«
Eins könnte dabei auch helfen, dachte Juliana, als sie darüber ein paar Tage später in der Zeitung las: Die westlichen Siegermächte beauftragten den Parlamentarischen Rat, der aus 65 stimmberechtigten Mitglieder aus den westlichen Länderparlamenten gewählt wurde, eine neue Verfassung zu erarbeiten. Dies sollte geschehen, bevor eine neue Regierung gebildet wurde. In dem Gesetzestext wurden die Grundrechte und das Bekenntnis zur Demokratie festgeschrieben, woran sich die dann gewählten Abgeordneten einer Regierung zu halten hatten.
»Die Würde des Menschen ist unantastbar«, lautete der erste Satz im Grundgesetz. Nach den Gräueltaten durch das Naziregime war dieser Satz von fundamentaler Wichtigkeit. Damit war jeder Mensch nach der Bildung einer Regierung vom Staat geschützt. Der Schutz der persönlichen Freiheit als weiterer Artikel bedeutete: Respekt zu zeigen gegenüber dem Einzelnen. Gleichheit vor dem Gesetz und die Glaubensfreiheit gehörten ebenfalls zu den wichtigsten Gesetzen in der neuen Verfassung.
Juliana freute sich besonders über Artikel 3. Der lautete: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, Männer und Frauen sind gleichberechtigt und der Staat hat dafür Sorge zu tragen.«
Die Mütter des Grundgesetzes hatten für diesen Artikel, der die Gleichberechtigung der Frauen festhielt, hart mit den Männern kämpfen müssen. Denn den Vätern des Grundgesetzes und auch einigen Frauen war dieser Passus nicht so wichtig gewesen. Traurig, dachte Ju-liana. Wieder waren Holzköpfe, auch weibliche, mit am Werk. Sie war es gewöhnt, sich durchzusetzen, aber so ging es längst nicht allen Frauen.
Es war ein steiniger Weg, bis das Grundgesetz am 23. Mai 1949 mit 19 Artikel und 146 Abschnitten in Kraft trat. Am 15. September 1949 wurde die erste Bundesregierung gewählt mit ihrem ersten Bundeskanzler: Konrad Adenauer. Er hatte mit einer knappen Mehrheit gewonnen. Die neue Bundesrepublik war ein Bundesstaat. Eine parlamentarische Demokratie, die föderalistisch organisiert war, und in der alle Staatsgewalt vom Volke ausging.
Die Ära Adenauer begann. Zu Beginn seiner Amtszeit sahen sich der Kanzler und seine Regierungsmitglieder mit vielen Herausforderungen konfrontiert, die die Richtung ihrer Politik bestimmten. Ein gutes Verhältnis zum westlichen Ausland war der zentrale Pfeiler seiner Kanzlerschaft und Adenauer setzte sich aktiv für die Einbindung der jungen Bundesrepublik in das westliche Bündnissystem ein.
Nach der Währungsreform verkaufte Juliana ihre Grundstücke in der Stadt und im Königforst. Sie hatte ihre Interessenten hingehalten, in der Absicht, keine Reichsmark mehr, sondern Deutsche Markt zu bekommen. Mit diesem Geld konnte sie die »kleine Villa«, wie sie das Haus mit dem dazugehörigen Gartenhäuschen liebevoll in Marienburg nannte, endlich nach ihren Wünschen sanieren. Dieses Haus gehörte der Familie Wolf schon lange vor dem Krieg. Bis in die dreißiger Jahren war es noch an einen jüdischen Künstler vermietet gewesen, der dann vor dem Krieg flüchtete. Während des Krieges diente das Haus als Unterschlupf für verfolgte behinderte Juden. Es gab einen unterirdischen Weinkeller unter dem Gartenhäuschen, der durch eine Bodenplatte im Keller der Villa mit einer Treppe verbunden war.
Ein Teil des Geldes vom Verkauf der Grundstücke erhielten Julianas Söhne zu gleichen Teilen als Startkapital für ihre Zukunft. Damit konnte sich Leonard seinen Traum erfüllen: Er machte sich als Gastronom selbstständig. Erfahrung hatte er nach dem Krieg in den verschiedenen Bereichen des Gaststättengewerbes ausreichend gesammelt. Durch Vermittlungen seines Bruders Friedrich arbeitete er seit ein paar Monaten in einem großen Café am Dom. Dort war er als Oberkellner und stellvertretender Restaurantleiter eingestellt. Die Tätigkeit in der Bar hatte er schweren Herzens aufgeben müssen, aber das Haus war baufällig und musste abgerissen werden. Auch sein neuer Chef im Café war äußerst zufrieden mit Leonards Arbeit. Bereits vor der Anstellung war er sich sicher gewesen, einen guten Mitarbeiter zu bekommen, nachdem er gehört hatte, wo Leonard vor dem Krieg gelernt hatte. Er kannte seinen Ausbilder und wusste, dass der ehemalige Lehrherr nicht leichtfertig Lorbeeren verteilte. Er hatte Leonards Fleiß, sein Geschick und sein Einfühlvermögen für die Gäste gelobt.
Leonard machte die Arbeit viel Freude, dennoch verfolgte er regelmäßig die Immobilienangebote in der Zeitung und fand schließlich ein Objekt in der Bonner Weststadt. Das Haus lag in einer Wohngegend mit Gebäuden, die um die Jahrhundertwende und in der Gründerzeit entstanden waren, teilweise waren sie vom Krieg zerstört. Das Wohngebäude, das zum Verkauf stand, war laut Anzeige ein großes Eckhaus, in dem sich eine stillgelegte Gaststätte befand. Als er nach Feierabend die angegebene Rufnummer wählte, meldete sich eine ruppige Män-nerstimme.
»Sie wollen ein Haus in der Weststadt von Bonn verkaufen …«, begann Leonard das Gespräch. Er hatte die Anzeige während seiner Pause entdeckt und vermutete, dass es sich um ein Objekt handelte, das er sich vor ein paar Wochen von außen angesehen hatte – auf Empfehlung eines befreundeten Gastronomen.
»Wenn das so da steht, wird es wohl so sein«, erwiderte der Mann abweisend.
Leonard überlegte kurz, ob er sich mit diesem schlechtgelaunten Menschen weiter unterhalten sollte. Er gab sich einen Ruck.
»Kann ich mir das Objekt einmal anschauen? Wann haben Sie Zeit? Bei mir würde es morgen Nachmittag gehen.«
»Dann kommen Sie und klingeln an der Seitentüre. Die Gaststätte ist geschlossen.«
»Gut, dann bin ich morgen gegen 15 Uhr bei Ihnen, mein Name ist Leonard Wolf.«
Aber die letzten Worte hatte der Mann schon nicht mehr gehört, denn er hatte bereits aufgelegt.
Am nächsten Tag war Leonard etwas vor der vereinbarten Zeit vor Ort und betrachtete das Gebäude, das Ende des 19. Jahrhunderts erbaut worden war, schon einmal genauer von außen. Tatsächlich handelte es sich um das Objekt, das er sich auf Empfehlung des Bekannten schon einmal angeschaut hatte: Ein zweigeschossiges Eckhaus mit einem wahrscheinlich ausgebauten Dachgeschoss, jedenfalls sah es von unten, wegen der Dachgauben so aus.
Zwei Frauen im mittleren Alter kamen auf ihn zu.
»Sind Sie der Interessent, der gestern mit unserem Bruder gesprochen hat?«, fragte eine von ihnen.
»Ja, Leonard Wolf ist mein Name und Sie sind?«
»Betty und Sofia Frankes, Sie haben mit unserem Bruder Theo gesprochen.«
Betty war eine kleine schmale Person, die sich in einen dunklen Mantel gehüllt hatte. Sofia war etwas korpulenter als ihre Schwester, sie trug ein beiges Kostüm und einen passenden Hut. Beide Frauen waren sehr gepflegt und im Gegensatz zu der ruppigen Männerstimme vom Vorabend freundlich und höflich. Betty öffnete die Seitentüre, ein furchtbarer Gestank kam ihnen entgegen. Oh, dachte Leonard, das stinkt ja wie auf dem Land, wenn man an einer Jauchegrube vorbeikommt.
»Theo, wir sind da«, rief Betty.
Nichts rührte sich.
»Unser Bruder scheint nicht da zu sein oder hört uns nicht. Dann zeigen wir Ihnen alles.«
Die Schwestern berichteten ihm, sie hätten das Haus von ihrem Vater zu gleichen Teilen geerbt. Dieser war vor ein paar Wochen verstorben. Im Erdgeschoss befand sich eine Gaststätte mit zwei Sälen. Der Vater hatte die Gaststätte bis zum Tode seiner Frau betrieben. In dem Haus gab es außerdem sechs Wohneinheiten, drei davon waren vermietet. Die Wohnung des Toten war schmutzig und heruntergekommen. Leonard ekelte sich bei der Besichtigung. Die Tapeten hingen teilweise in Fetzen, alles waren völlig vergilbt. Die Fliesen in der Küche schienen vor Jahren das letzte Mal einen Putzlappen gesehen zu haben, ganz zu schweigen von dem Badezimmer, wo der Schmutz und andere undefinierbare Flecken an den Fliesen klebten. Die Schwestern entschuldigten den Zustand.
»Unsere Mutter ist vor zwei Jahren verstorben und unser Vater, war ein schwieriger eigenbrötlerischer Mann, der keine Hilfe zuließ.«
Leonard nickte, was sollte er dazu sagen. Offensichtlich hatte sich der Mann in seinem eigenen Dreck wohlgefühlt oder ihn ignoriert. Die anderen Wohnungen waren auch heruntergekommen, aber immerhin gepflegt und sauber. Auf jeden Fall war das gesamte Haus sanierungs-bedürftig. Nachdem sie das Objekt besichtigt hatten, stand plötzlich Theo Frankes vor ihnen. Ein kleiner, ungepflegter Mann mit fettigen Haaren. Das Hemd hing ihm aus der Hose, die notdürftig von Hosenträgern gehalten wurde. Er trug abgewetzte Schlappen und stank wie ein Iltis. Offensichtlich kannte der Mann kein Wasser und keine Seife sowie keine Reinigung für seine Kleidung.
In welcher Bruchbude bin ich hier gelandet, dachte Leonard. Zum Glück schienen die Schwestern gepflegt zu sein.
»Da bist du ja, wir haben nach dir gerufen.«
»Ich war nebenan beim Mayer auf ein Bier. Sind Sie der Interessent? Ein bisschen jung …«, stellte er unverblümt fest, dabei lächelte er abfällig.
Seine Schwester unterbrach ihn ärgerlich: »Theo, es geht dich nichts an, wie alt Herr Wolf ist.«
»Können Sie den Preis überhaupt aufbringen?« Er nannte die gewünschte Summe. Leonard war leicht geschockt über den unverschämten Preis für die Bruchbude. Er ließ sich aber nichts anmerken.
»Lassen Sie das mal meine Sorge sein, ich melde mich in den nächsten Tagen bei Ihnen, ich bin auf jeden Fall interessiert.«
Er verabschiedete sich und fuhr zurück nach Köln. Das Startkapital das er, wie auch seine anderen beiden Brüder, von der Mutter erhalten hatte, würde bei weitem nicht ausreichen. Er musste einen Kredit aufnehmen, sicher kein Problem eine Hypothek auf das Anwesen zu erhalten. Die Immobilie schien ihm geeignet für sein Vorhaben. In dieser Gegend gab es keine weiteren Gaststätten. In den teilweise neu angesiedelten Unternehmen auch keine Kantine, so dass er mittags die Gaststätte öffnen würde, um Mittagessen anzubieten. Das wäre für ihn erst einmal der Einstieg, die kleine Bar würde er dann ein Jahr später eröffnen. Den Kaufpreis, den die Erbengemeinschaft verlangte, hielt er dennoch für viel zu hoch, diesen müsste er um einiges herunterhandeln, damit es passte.
Auf den Kredit konnte er verzichten, denn ein paar Tage später, als Leonard am frühen Abend von seiner Arbeit im Café nach Hause kam, fand er in seinem Briefkasten einen Hinweis der Post über einen Einschreibebrief, der bei der Nachbarin im Erdgeschoss abgegeben wurde. Hm, dachte Leonard, muss das sein? Er mochte diese Frau nicht. Sie war eine Tratsche mit ungeheuren Kenntnissen oder zusammengereimtem Wissen über die Nachbarschaft. Auf den ersten Blick wirkte sie warmherzig, hatte ein freundliches Gesicht, war noch gar nicht so alt, und schien stets hilfsbereit – und war auffallend gesprächig. An diesem Abend öffnete sie ihm kurz die Türe, steckte ihren Kopf durch den Türspalt und wirkte etwas verstört. Als sie ihn erkannte, drückte sie ihm den Brief in die Hand und schloss die Türe rasch wieder. Le-onard hatte laute Stimmen aus der Wohnung gehört, während die Türe geöffnet war. Welch ein Glück, schoss es ihm durch den Kopf, sie hat Besuch und war beschäftigt, so dass sie ihn nicht ausfragen konnte.
Dann ging er in seine Wohnung. Vor einiger Zeit war er in dieses Haus eingezogen, ein Mehrfamilienhaus, vor der Jahrhundertwende gebaut und von den Bomben im Krieg nicht so stark beschädigt. Der Eigentümer, sein Vermieter, hatte das Haus mit wenig Geld, aber viel eigenem handwerklichen Geschick und mit verschiedenen Handwerkern wieder sanieren können. Leonard war froh darüber, eine halbwegs instandgesetzte Wohnung gefunden zu haben, die er ohne große Renovierungsarbeiten hatte übernehmen können, denn er war handwerklich nicht sonderlich geschickt. Die Wohnung war klein, lag im obersten Stockwerk und verfügte über eine eigene Toilette. Sicher hätte er auch weiter in der kleinen Villa bei seiner Mutter und Eric wohnen können. Aber das wollte er nicht, denn Juliana war gelegentlich etwas übergriffig, wenn es um seine Damenbekanntschaften ging – und davon hatte er einige. Also hatte er ein paar notwendige Möbel angeschafft, die er günstig erwerben konnte, erstaunt darüber, wie viel Vorkriegsware angeboten wurde.
