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Eine willensstarke Frau, eine große Familie und eine zerstörerische Intrige Juliana Wolf stellt das gängige Frauenbild zur Jahrtausendwende völlig auf den Kopf. Gegen alle Widerstände wird sie Lehrerin und geht selbstbewusst ihren Weg. Anstatt auf ihr Herz zu hören, heiratet sie auf Drängen des Vaters einen wohlhabenden Mann, der sie betrügt. Gemeinsam mit ihrer stetig wachsenden Familie und einer verbotenen großen Liebe durchlebt sie im Rheinland die politischen Wirren vor und zwischen den beiden Weltkriegen. Trotz zahlreicher Schicksalsschläge verliert sie nicht ihren Kampfgeist. Mutig engagiert sie sich in einer Widerstandsgruppe und kümmert sich in der Nachkriegszeit um Geflüchtete. Verbittert über den Tod einer ihrer Söhne beginnt sie jedoch, innerhalb der Familie Intrigen zu spinnen. Mit Auswirkungen, die auch die Generation der Enkelkinder schmerzlich zu spüren bekommt. Erst Jahrzehnte später realisiert Juliana, bei einem unerwarteten Besuch der Enkelin an ihrem Krankenbett, die Konsequenzen ihres Handelns. »Liebe, Betrug und Schmerz. Es sind die großen Themen des Lebens, von denen diese Familiensaga erzählt.«
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Seitenzahl: 1188
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Über die Autorin
Vor einigen Jahren fand Marie Blaubach zufällig die alten Aufzeichnungen ihrer Großmutter. Sie begann zu recherchieren und schrieb im Anschluss mit viel Freude die Lebensgeschichte der Juliana Wolf im Rahmen eines fiktiven Romans nieder, der in Köln und dem Rheinland spielt. Die Autorin lebt zusammen mit ihrem Hund im linksrheinischen Bonn.
Für meine Söhne
und in Erinnerung an meinen verstorbenen Mann
AUF EIN WORT
BUCH: 1881 – 1914
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
7. KAPITEL
8. KAPITEL
9. KAPITEL
10. KAPITEL
11. KAPITEL
12. KAPITEL
13. KAPITEL
14. KAPITEL
15. KAPITEL
16. KAPITEL
17. KAPITEL
18. KAPITEL
19. KAPITEL
20. KAPITEL
21. KAPITEL
22. KAPITEL
23. KAPITEL
24. KAPITEL
25. KAPITEL
26. KAPITEL
27. KAPITEL
28. KAPITEL
29. KAPITEL
BUCH: 1914 - 1945
30. KAPITEL
31. KAPITEL
32. KAPITEL
33. KAPITEL
34. KAPITEL
35. KAPITEL
36. KAPITEL
37. KAPITEL
38. KAPITEL
39. KAPITEL
40. KAPITEL
41. KAPITEL
42. KAPITEL
43. KAPITEL
44. KAPITEL
45. KAPITEL
46. KAPITEL
47. KAPITEL
48. KAPITEL
49. KAPITEL
50. KAPITEL
51. KAPITEL
52. KAPITEL
53. KAPITEL
54. KAPITEL
55. KAPITEL
56. KAPITEL
57. KAPITEL
58. KAPITEL
59. KAPITEL
60. KAPITEL
61. KAPITEL
62. KAPITEL
63. KAPITEL
64. KAPITEL
65. KAPITEL
66. KAPITEL
67. KAPITEL
68. KAPITEL
69. KAPITEL
70. KAPITEL
71. KAPITEL
72. KAPITEL
73. KAPITEL
74. KAPITEL
75. KAPITEL
76. KAPITEL
77. KAPITEL
BUCH: 1945 - 1969
78. KAPITEL
79. KAPITEL
80. KAPITEL
81. KAPITEL
82. KAPITEL
VERZEICHNIS DER WICHTIGSTEN PERSONEN
ANMERKUNG UND DANK DER AUTORIN
An einem nasskalten Tag, Ende März 1969, zehn Tage nach ihrem sechzehnten Geburtstag, besuchte Marie ihre Großmutter, Juliana Wolf, im Krankenhaus. Es war ein, durch ihren Vater Leonard, erzwungener Anstandsbesuch. Marie wusste genau, ihre Großmutter erwartete nicht sie, sondern ihre Enkelin Karin, die jedoch mit ihren Eltern, Alexander und Martina, für ein paar Tage verreist war.
Als Marie das Zimmer betrat, lag Juliana in ihrem Bett, las ein Buch und blickte das Mädchen erstaunt an. Schnell verfinsterte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie grüßte abweisend.
Sofort spürte Marie eine innere Anspannung, die sie loswerden musste. Ihr Vater Leonard und ihre Großmutter hatten ihr mit ihrer gegenseitigen Ablehnung stets Angst eingejagt. Verunsichert hatte Marie ihnen dann gegenübergestanden, meist sprachlos, den Tränen nahe. Aber dieses Mal hatte niemand ihre Großmutter geärgert, weder mit Worten noch mit Gesten. Marie verspürte eine aufkommende Souveränität und Ruhe.
»Ich erwartete Karin«, sagte Juliana barsch.
»Es war nicht meine Idee hierherzukommen. Dein Sohn hat mich zwangsverpflichtet.«
Anscheinend hatte Juliana nicht mit dieser Antwort gerechnet. »Ist es so schlimm für dich, mich zu besuchen?« Jetzt war ihre Stimme leise und milde.
»Ja, du hast meine Familie und mich ständig mit bösen und verletzenden Worten angegriffen, obwohl du uns nicht kanntest. Das Schlimmste war für mich dein Zweifel, ob ich die leibliche Tochter deines Sohnes bin. Was bist du nur für ein Mensch?«
Endlich, egal was nun passierte, die deutlichen, an ihre Großmutter gerichteten Worte erleichterten sie, waren Balsam für ihre Seele. Wer austeilen konnte, sollte auch einstecken können, dachte sie.
Juliana schluckte. Wo war das brave eingeschüchterte Mädchen geblieben, an das sie sich erinnerte? Jetzt saß ihr eine junge Erwachsene gegenüber, die sich nicht mit Ausreden zufriedengab. Die Erklärungen wollte, für all ihre eifersüchtigen Anfeindungen. Juliana spürte, dass sie in einer Falle saß. Sie wusste, dass ihr Verhalten in der Vergangenheit falsch gewesen war. Sie kannte die Antwort auf die Frage ihrer Enkelin.
Leonard war ihr Lieblingssohn, er war Justus’ Sohn, der einzige Sohn, der ihr geblieben war, denn Sebastian galt als in Russland vermisst. Viele Charaktereigenschaften hatte Leonard mit Justus ihrer großen Liebe gemeinsam, er sah ihm auch äußerlich so ähnlich. Genauso wie ihre Enkelin Marie.
Juliana überlegte kurz. »Es könnte Schicksal sein, Marie, dass du hier bist. Vielleicht verstehst du mich besser, wenn ich dir eine Geschichte erzähle.«
Skeptisch schaute Marie sie an. »Was für eine Geschichte? Die der Familie Wolf oder willst du von belanglosen Episoden berichten?«
»Ich erzähle dir aus meinem Leben. Schenke mir ein wenig Zeit, bleib noch ein bisschen.« Ihre Stimme klang bittend, sie schaute Marie freundlich an, verschwunden war der finstere Gesichtsausdruck.
»Ich möchte dir aufzeigen, welche schönen und glücklichen Momente es in meinem Leben und in der Familie gab. Wie humorvoll ich war, wie sehr ich lieben konnte. Von den unendlich traurigen, unfassbaren Augenblicken, die meine Wege lenkten. Welche Wut manchmal in mir steckte, welche Kraft ich zeigte, wie es mir gelang, mich immer wieder aufzubauen. Von lieben Menschen, die kurzzeitig manchmal nur ein Stück auf der Straße des Lebens mit mir gingen. Wie viel Mut ich hatte, anderen zu helfen, und gleichzeitig doch so viel Angst, erwischt zu werden. Letztendlich festzustellen, im Leben bleibt nichts, wie es ist, ständig verändert sich etwas.«
Marie war beeindruckt und beschloss, ihrer Großmutter eine Chance zu geben. Die junge Frau spürte plötzlich eine Nähe, die sie nicht erklären konnte.
Juliana ging es wohl genauso, denn die Großmutter ergriff Maries Hand und begann zu erzählen …
Friedrich Wilhelm Kayser und seine Frau Charlotte Juliana lebten in gutbürgerlichen Verhältnissen in einem gepflegten, durch die Industrialisierung wachsenden Ort, westlich der pulsierenden alten Handelsstadt Köln. Ihr Haus stand am Ende einer kleinen Seitenstraße. Es hob sich deutlich ab von den anderen für die Gegend typischen Dreieckfensterhäuser, die gleichmäßig angereiht nebeneinanderstanden und sich lediglich durch individuelle Dekorationen an der Fassade unterschieden. An ihr Haus aus der Gründerzeit, mit einer aufwendig gestalteten Außenfassade, schloss sich ein wunderschöner Garten an, in dem eine leuchtende, große Rotbuche stand, an deren Stamm eine Rundbank befestigt war. Dort saßen Friedrich und Charlotte bei gutem Wetter oftmals. Der Baum grenzte fast an die Veranda des Hauses.
Charlotte sah es als Fügung des Schicksals, in diese Gegend zu ziehen. Das Haus gehörte ihrem lieben Patenonkel Ludwig. Der Bruder ihres Vaters hatte das Haus von seiner verstorbenen Frau Josefine geerbt. Diese war die einzige Tochter eines im Ort ansässigen Industriellen gewesen, der in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts dort eine kleine Fabrik besessen hatte.
Nach Fertigstellung des Hauses verstarben hintereinander Ludwigs Schwiegereltern und kurze Zeit später erkrankte Josefine schwer und verstarb ebenfalls. Die Ehe war kinderlos geblieben. Josefine hinterließ Ludwig neben dem schuldenfreien Haus ein kleines, bescheidenes Barvermögen. Jedoch konnte Ludwig auf Dauer den Unterhalt des Hauses nicht finanzieren, da sein Einkommen als Maler zu gering war. Er war Künstler aus Leidenschaft, malte ausdrucksvolle Landschaftsbilder, deren Motive er in Italien fand, wo er sich meist aufhielt. Sein Einkommen verbesserte sich nun durch die Miete, die er von Charlotte und Friedrich bekam.
Und so kam es also, dass Onkel Ludwig, gemeinsam mit seiner Nichte Charlotte und ihrem Mann Friedrich das Haus bewohnte. Das junge Ehepaar hatte die große, schöne Wohnung von Ludwigs Schwiegereltern im Erdgeschoss gemietet. Diese traumhaften sechs Zimmer ließen keine Wünsche offen. Schon die hohen Decken mit Stuck, die herrlichen dunklen Holzfußböden und die breiten großen Fenster wirkten repräsentativ. In Charlottes und Friedrichs neuem Heim gab es ein Badezimmer, mit einer Waschkommode inklusive zweier Waschbecken, die an fließendes Wasser angeschlossen waren, sowie eine Porzellanbadewanne und die Toilette.
Ausgedient hatte die Waschschüssel mit Krug. Auch in der großen Wohnküche floss das Wasser aus der Leitung. Wohn- und Esszimmer verband eine große Schiebetür mit Jugendstil-Glaselementen. Das Schlafzimmer, der Salon für die Dame, ein Kinderzimmer und ein Zimmer für das Dienstmädchen rundeten die geschmackvolle, lichtdurchflutete Wohnung ab.
Ihre Möbel stammten teilweise aus dem herrschaftlichen Haushalt von Ludwigs Schwiegereltern. Sie waren aus Kirschbaumholz und strahlten in ihren warmen Rottönen eine gemütliche und heimelige Atmosphäre aus. Nicht zuletzt lag die spürbare Behaglichkeit an Charlottes gutem Geschmack und Friedrichs handwerklichem Geschick. Weitere Möbel fertigte ein befreundeter Schreiner für sie an.
Dazu gehörte der Sekretär, der den Platz vor dem Fenster im Wohnzimmer mit dem großartigen Ausblick in den Garten, zierte. Das war Charlottes Lieblingsplatz. Hier konnte sie Briefe an ihre Eltern und Geschwister schreiben. Wenn sie ihre Gedichte verfasste, inspirierte sie der wunderschöne Garten mit der großen, leuchtenden Rotbuche. Friedrich schenkte Charlotte, als sie mit Juliana schwanger war, ein prächtiges dekoratives Chaiselongue, dessen Liegefläche in einem Blauton gehalten war.
Friedrichs ganzer Stolz war die große Wanduhr aus dem Vermächtnis seiner Eltern. Sie hatte ein ausdrucksvolles Zifferblatt mit einem schönen Pendel und einem dezenten Geläut. Die Uhr hing im Esszimmer an der Wand. Er achtete stets darauf, dass die Uhr genau eingestellt war.
Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, als die beiden sich bei Charlottes Onkel im Sommer 1881 bei einem Fest anlässlich Ludwigs Geburtstags in Köln kennengelernt hatten. Friedrich war damals bereits mit Ludwig befreundet.
Charlotte und ihre Eltern kamen aus einer kleinen Stadt im Bergischen Land, ihr Vater war ein höherer Beamter der dortigen Stadtverwaltung. Charlotte erhielt eine ausgezeichnete, jedoch strenge und christlich geprägte Erziehung.
Sie hatte ein hübsches Gesicht mit großen grünblauen Augen und langen blonden Haaren, die sie seitlich hochnahm, wodurch sie etwas unnahbar wirkte. Ihre zierliche Figur verstand sie mit eleganter Kleidung zu unterstreichen. Da sie klein war, trug sie mit Vorliebe Schuhe mit höheren Absätzen, um die Räume besser überblicken zu können.
Als Charlottes Eltern bemerkten, dass ihre Tochter verliebt war, versuchten sie mit allen, Mitteln, diese Liebelei zu unterbinden. Denn Friedrich erschien ihnen alles andere als standesgemäß.
Seine Eltern hatten ihm zwar einen gutgehenden Handwerksbetrieb mit drei Angestellten hinterlassen, aber sie kamen aus einer anderen Gesellschaftsschicht als Charlottes Familie. Den Handwerksbetrieb verkaufte Friedrich nach dem Tod seines Vaters. Er arbeitete als Werkmeister in einem wachsenden metallverarbeiteten Unternehmen. Hatte sich vom einfachen Fabrikarbeiter durch Fleiß, Disziplin und Willenskraft für diese höhere Position qualifiziert. Sein unermüdlicher Tatendrang sorgte ebenfalls für seinen Erfolg. Sein Chef vertraute ihm, ließ ihm freie Hand in vielen Entscheidungen des täglichen Arbeitsablaufs. Seine Mitarbeiter schätzen ihn, da er ein gerechter, geradliniger, loyaler Vorgesetzter war.
Für Charlottes Eltern aber blieb er ein einfacher Arbeiter, weil ihm, ihrer Ansicht nach, die höhere schulische Ausbildung fehlte, ebenso wie eine standesgemäße Erziehung. Einen solchen Schwiegersohn konnten sie sich nicht vorstellen.
Friedrich aber gab nicht auf, wenn es einmal schwierig wurde. Der charmante Rheinländer war meist fröhlich, freute sich besonders dann, wenn er die Zeit mit Charlotte verbringen konnte.
Im Gegensatz zu Charlotte war er groß und dunkelhaarig, immer auf ein gepflegtes Äußeres bedacht.
Charlotte war die Liebe seines Lebens, sofort hatte er sich in sie verliebt. Er besuchte sie, so oft es ging, und zeigte ihren Eltern damit, wie ernst ihm die Beziehung mit ihrer Tochter war.
Schließlich gaben Charlottes Eltern ihr Einverständnis zur Hochzeit.
Auch, wenn er nicht standesgemäß war, so besaß er durch seine Eltern ein kleines Vermögen, seine Arbeitsstelle war auch nicht zu verachten, so dass Charlotte gut versorgt mit ihm in Köln, im Hause des Onkels, leben konnte.
Charlotte und Friedrich heirateten 1883, nachdem sie sich zwei Jahre kannten, und lebten fortan in Köln.
Charlotte hatte sich auf Köln gefreut. Die lebendige Stadt am Rhein mit den vielen Kirchen, deren unterschiedlich geformte Firste zwischen den Hausdächern herausragten. Besonders liebte sie den Kölner Dom, die imposante Kathedrale, die vor ein paar Jahren fertiggestellt worden war.
Sie erinnerte sich daran, als sie mit ihren Eltern dort in der Messe gewesen war. So einen feierlichen Gottesdienst hatte sie in der Kirche ihres Heimatortes noch nie erlebt.
Und dann der Rhein, die Wasserstraße, die der Stadt als Tor zur Welt diente. Sie brachte Köln nicht nur den Wohlstand, sondern auch Kaufleute, die mit ihren neuen Eindrücken, die ansässigen Geschäftsleute begeisterten. Die Segel- und die Dampfschiffe, die man am Rheinufer sehen konnte. Die historische wunderschöne Altstadt mit ihren typischen Häusern und deren spitzen Giebeln. Die vielen Händler und Bauern aus dem Umland, die, wie schon im Mittelalter, ihre Ware auf den zentralen Plätzen der Stadt anboten.
Neben diesen schönen Eindrücken kannte Charlotte auch bereits die negativen Seiten der Stadt. Die Elendsviertel, wo die Häuser abrissreif und völlig verfallen standen und immer noch bewohnt waren. Die ansässigen Einzelhändler dort boten ihre Ware billig an, damit sie nicht völlig in die Armut abrutschten.
Köln stellte sich vollkommen anders dar als die kleine Stadt, in der sie aufgewachsen war. Dort war es beengt und spießig, jeder kannte jeden, Tratschen über andere Leute gehörte zum täglichen Leben dazu. Charlotte mochte dies gar nicht und war überglücklich, endlich wegzukommen aus der kleinen Stadt in die Großstadt, zusammen mit ihrem geliebten Friedrich.
Sie genossen das Leben; besonders an den Sonntagen, wenn Friedrich nicht arbeitete, unternahmen sie ausgedehnte Spaziergänge. Es gab immer etwas Neues zu entdecken. Sie mochten den belebten Heumarkt, umgeben von seinen stattlichen Häusern. Zum Alltag der Stadt gehörten die vielen Soldaten, die schmucken Leutnants, die in den Kasernen in der Stadt wohnten und die an Sonntagen die jungen Damen ausführten.
Charlotte konnte nicht oft genug mit Friedrich an den Rhein gehen. Auf der Rheinbrücke saßen hoch zu Ross Friedrich Wilhelm IV. und sein Bruder Kaiser Wilhelm I. Sie träumte davon, einmal den Kaiser und die Kaiserin in Köln zu sehen.
Friedrich schmunzelte, wenn seine Frau ihm vom Kaiser vorschwärmte:
»Man könnte eifersüchtig werden auf Wilhelm, wenn man nicht wüsste, wie alt der Kaiser ist. Er könnte dein Vater sein.«
»Sicher, da hast du recht, du brauchst nicht neidisch sein. Ich liebe dich, der Kaiser und seine Frau sind mir sympathisch, mehr nicht.« Dabei lächelte sie bezaubernd.
»Da bin ich aber froh«, fügte er frotzelnd hinzu.
Hin und wieder besuchten sie eines der kleinen Lokale am Rhein. Dort gab es Tanzveranstaltungen. Charlotte und Friedrich waren leidenschaftliche Tänzer. Ein besonderes Ereignis für beide war es, wenn sie Karten für das Stadttheater in der Glockengasse erhielten. Nur selten konnten sie sich diese Besuche leisten, denn die Karten waren teuer.
Die Mitglieder des Theaterensembles überzeugten das Publikum mit ihren hervorragenden schauspielerischen Fähigkeiten. Charlotte und Friedrich liebten Johann Strauß’ Walzerkompositionen, sie genossen die lockere, fröhliche Atmosphäre, die die Sänger mit ihrem Gesang, den sie mit Tanz und Spiel kombinierten, bei den Zuschauern auslösten.
Im Juni bemerkte Charlotte, dass ihr Rock, um die Taille herum spannte. Ob sie wohl schwanger war, fragte sie sich. Der Arzt bestätige ihre Vermutung, darüber freute sie sich, denn Friedrich und sie wollten eine große Familie. Am Abend überraschte sie ihren Mann mit der Neuigkeit. Friedrich schaute sie erst skeptisch an, realisierte nicht ganz, was sie sagte, er war im Kopf noch mit seiner Arbeit beschäftigt. Dann plötzlich strahlte er über das gesamte Gesicht, freute sich wie ein Kind über das Baby, das im Dezember geboren werden sollte.
»Ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk für uns beide«, sagte er und nahm seine Frau fröhlich in die Arme und wirbelte sie durch das Wohnzimmer.
An einem herrlichen Winternachmittag im Dezember 1886 wurde ihre Tochter Juliana am späten Nachmittag geboren. Charlotte litt den ganzen Vormittag unter ziehenden Schmerzen, immer wieder legte sie sich auf ihr Chaiselongue. Gegen Mittag bat sie ihre Nachbarin, die Hebamme zu benachrichtigen. Da es an diesem Tag viele Entbindungen gab, kam sie erst im Laufe des Nachmittags. Die Untersuchung zeigte, dass Charlotte kurz vor der Niederkunft stand, und bereits eine halbe Stunde später legte ihr die Hebamme ein zierliches kleines Mädchen in die Arme. Als Friedrich abends heimkam war er überglücklich. Das kleine Mädchen war ihr schönstes Weihnachtsgeschenk.
Charlotte ging in ihrer Mutterrolle vollkommen auf und beschäftige sich viel mit der Kleinen. Ihren Haushalt nebst Garten versorgte sie schnell. Abends wenn Friedrich nach Hause ging, freute er sich auf seine Frau und seinen kleinen Sonnenschein Julchen, wie er sie zärtlich nannte, und auf eine familiäre Geborgenheit, die er noch nie zuvor erlebt hatte.
Er liebte seine Charlotte für diese wunderbare Gabe, fühlte sich bei ihr gut aufgehoben. In sein Töchterchen war er vollkommen vernarrt. Sie brauchte nur vor ihrem Vater zu stehen, ihn mit ihren großen grünblauen Augen anzusehen, ihre Arme zu heben und Friedrich schmolz dahin, nahm das kleine Mädchen hoch. Überhaupt verstand Juliana, schon als kleines Mädel, ihren Vater zu betören.
Charlotte und Friedrich führten eine harmonische Ehe. Er gehörte nicht zu den Männern, die ihren Frauen vorschrieben, was sie zu tun und zu lassen hatten. Er verhielt sich keinesfalls tyrannisch oder diktatorisch, darüber war Charlotte froh. Ihr Vater mischte sich in alles ein, auch in Haushaltsabläufe, obwohl er davon nichts verstand. Wie oft hatte sie die beiden darüber streiten hören, bis ihr Vater ihre Mutter nicht mehr zu Wort kommen ließ. Im Laufe der Jahre bemerkte Charlotte wie unzufrieden, griesgrämig und mürrisch ihre Mutter geworden war. Ändern konnte ihre Mutter ihre Situation nicht, vielleicht überlegte Charlotte, war es ihr auch nicht bewusst.
Auch Friedrich dachte oft über das Verhalten seiner Eltern und deren Ehe nach. Sein Vater war ein Patriarch. Er bestimmte alles, unterdrückte seine Frau, seinen Kindern war er kein guter Vater gewesen. Friedrich und seine Geschwister nannten ihn ehrfurchtsvoll Herr Vater. Er hatte seine Kinder mit Disziplin und streng erzogen. Jedes Fehlverhalten der Kinder bestrafte er mit dem Rohrstock. Sein hitziges unkontrolliertes Verhalten bekam auch seine Mutter oft zu spüren, ihr gegenüber wurde er des Öfteren handgreiflich.
Seine Mutter tat ihm leid, er tröstete sie, aber die seelischen und körperlichen Grausamkeiten seines Vaters hinterließen deutliche Spuren bei ihr. Bald zeigte sich das Bild einer verhärmten, verzweifelten Frau, die bei der Geburt eines kleinen schwachen Mädchens starb. Seine Schwester überlebte die Mutter nur ein Jahr.
Dieses patriarchalische Auftreten seines Vaters fand er menschenunwürdig, keinesfalls würde er dies in seiner Familie wiederholen. Friedrich erkannte früh, Elternliebe bot den Kindern die Basis für eine glücklich unbeschwerte Kindheit. Wer selbst Liebe, Geborgenheit, Rücksichtnahme und diszipliniertes Handeln erfahren hatte, würde sich im späteren Leben etwas trauen und problematische Situationen meistern können. In der Gesellschaftsschicht, in der Friedrich aufwuchs, gab es die verbreitete Meinung: Kinder sollten frühzeitig zum Lebensunterhalt beitragen. Zum einem brachte es Geld für die Familie, zum anderen gab es einen Esser weniger.
Er selbst musste früh eine Lehre beginnen, sich von zu Hause trennen, bei dem Lehrherrn wohnen. Mit seiner Lehrzeit verband er schreckliche Erinnerungen. Er fügte sich, nahm aus seiner Lehre alles Positive mit, bemühte sich so viel wie möglich zu lernen. Er war fleißig und wissbegierig. Da er niemals vorlaut oder respektlos war und zudem ein großes handwerkliches Geschick bewies, arrangierte sich Friedrich auf diese Weise mit seinem Lehrherrn.
Er war der älteste Sohn von zehn Kindern der Familie Kayser, der Einzige aus der Familie, der noch lebte. Seine Geschwister waren an den unterschiedlichsten Krankheiten verstorben. Der Vater, am Ende seiner Kräfte, folgte seiner Frau nur zwei Jahre später.
Friedrich hatte sich oft gefragt, was die beiden für ein Leben gehabt hatten. Für ihn war es äußerst wichtig, Charlottes Meinung zu hören. Anfänglich war Charlotte etwas reserviert bei diesen Gesprächen. Sie war es nicht gewohnt über die Ehe, schon gar nicht über die Liebe zu sprechen. Ihre Mutter hatte nie ein Wort darüber verloren. Bestimmt hätte sie gesagt: »Kind, darüber redet man nicht, das ist unanständig.«
Nun sprach sie Friedrich darauf an: »Komm Charlotte sag, wie du dazu stehst.«
»Lass mir ein bisschen Zeit, nachzudenken, ob ich offen antworten kann.«
»Ich bin dein Mann und interessiere mich für deine Gedanken und Wünsche«, sagte er und nahm vorsichtig ihre Hand, drückte sie sanft. Es brauchte eine Zeit, bis Charlotte so weit war, langsam fand sie einen Weg. Am einfachsten war es für sie über ihren Kinderwunsch zu sprechen.
»Wie möchtest du sie erziehen?«, fragte Friedrich.
»Sie sollen kleine Persönlichkeiten werden, eine vernünftige Schulbildung erhalten, Freude haben am Leben und sich vor allen Dingen nicht vor ihren Eltern fürchten.« Sie stockte, dann ergänzte sie mit resoluter Stimme: »So, wie ich es getan habe.«
»Mir ging es nicht anders«, sagte er und nickte zustimmend. »Nein, in unserer Familie wollen wir es besser machen.«
Als Charlotte wieder schwanger war, führte Friedrich einen Freudentanz auf, er wünschte sich von Herzen einen Sohn.
Charlotte lachte übers ganzes Gesicht: »Ob Junge oder Mädchen, Hauptsache gesund.«
»Du hast recht, aber mit einem Jungen könnte ich Fußball spielen, Mädchen eignen sich dazu nicht.«
Sein Wunsch erfüllte sich nicht, am Sedantag, gebar Charlotte eine zweite gesunde Tochter: Annette. Ein friedlicher Wonneproppen, mit rundem Gesicht und dicken Wangen, sie hatte es eilig, die Welt zu erkunden. Die Hebamme war zeitig zur Stelle. Friedrich war wegen des Sedantags zu Hause, so dass er sie selbst abholen und zu der werdenden Mutter bringen konnte.
Später dachte Charlotte, die Kleine ist an einem geschichtsträchtigen Tag geboren. Jedes Jahr erinnerte dieser Tag an die Kapitulation der französischen Truppen im Jahr 1870. Es war kein offizieller Feiertag, da Wilhelm I. ihn nicht dazu ernennen wollte, aber in den Schulen und Universitäten fanden regelmäßig Festveranstaltungen statt.
Charlotte kannte sich in der deutschen Geschichte gut aus, auch wenn sie eine Frau war. Auf Traditionsbewusstsein hatten ihre Eltern, insbesondere ihr Vater, viel Wert gelegt. Wichtige Daten der Geschichte sollte jeder kennen, lautete seine Devise.
Wenn Charlotte das Baby zur Nacht stillte und zum Schlafen in ihr Bettchen legte, las Friedrich Juliana eine Gutenachtgeschichte vor, wonach die Kleine regelmäßig zufrieden einschlief. Danach setzten sich Charlotte und Friedrich meistens ins Wohnzimmer, Friedrich las seine Zeitung, die er aus der Fabrik mit nach Hause brachte, Charlotte stickte an einer Decke. Eines Abends bemerkte sie plötzlich: »Weißt du, dass unsere zweite Tochter in einem denkwürdigen Jahr geboren ist?«
»Wieso das?«, entgegnete ihr Mann.
»Aber Friedrich, es ist das Dreikaiserjahr!« Sie schaute ihn entrüstet an, dabei setzte sie sich gerade hin.
»Dreikaiserjahr? Wie kommst du darauf?«
»Wilhelms Großvater ist im Frühjahr verstorben, sein Sohn Friedrich III. vor ein paar Monaten seiner schweren Krankheit erlegen. Wie heißt sie noch gleich? … Kehlkopfkrebs, und das nach nur 99 Tage Regierungszeit. Und nun ist der schicke Wilhelm, sein Sohn und der Enkel von Wilhelm I., unser Kaiser.«
Friedrich schmunzelte, legte entspannt ein Bein über das andere und sagte: »Also dieser Wilhelm …«
»Nicht dieser Wilhelm!« Sie blitzte ihn mit ihren Augen an. »Sei nicht so respektlos, er ist unser Kaiser.«
Oje, jetzt bin ich in ein Fettnäpfchen getreten, dachte Friedrich. Charlotte schien diesen Wilhelm zu mögen.
»Gut, entschuldige, also Kaiser Wilhelm. Weißt du, ich sehe, diesen – nein, natürlich – Kaiser Wilhelm, anders als du. Ich bin ein Mann und kann nichts wirklich Attraktives an ihm feststellen. Ich hoffe nur, er versteht sich mit unserem Reichskanzler. Ich glaube hier könnten Schwierigkeiten auftreten. Der junge und der alte Mann.«
»Ach, jetzt siehst du alles schwarz, warum sollte Kaiser Wilhelm sich nicht mit Otto von Bismarck verstehen?«
»Ich glaube, es ist ein zu weites Feld, um es heute Abend zu besprechen.«
Obwohl sein politisches Interesse eher gering war, schätzte er die Lage richtig ein, wie sich ein paar Jahre später zeigen sollte.
Annette entwickelte sich zu einem kräftigen Kind. Ihr Körperbau war anders als der von Juliana, die eher zart war. Sie war ein ruhiges Kind, schlief viel und wenn sie wach war, hatte sie meistens Hunger.
Juliana dagegen war spritzig, temperamentvoll. Mit ihrer Schwester konnte sie nicht so viel anfangen, außer wenn sie spazieren gingen, dann durfte sie mit Mamas Hilfe den Kinderwagen schieben und ihre kleine Puppe auf das Kissen im Kinderwagen legen. Gemeinsam fuhren sie dann ihre Babys aus.
Im Frühherbst 1889 saßen Charlotte und Friedrich gemeinsam, nachdem die Kinder im Bett lagen, auf der Veranda, ließen den Tag ausklingen. Die Sonne hatte den Tag über kräftig geschienen, so dass es ungewöhnlich warm war für die Jahreszeit. Die Verandatür stand offen, eine Kerze flackerte auf dem Tisch. Romantische Stimmung lag in der Luft.
»Charlotte, magst du ein Glas Wein trinken?«, fragte Friedrich. »Es ist so schön heute Abend.«
Schelmisch schaute sie ihn an.
»Ist etwas?« Er stutzte, stand auf.
»Ja, du kannst auf einen Sohn hoffen.«
Friedrich schaltete nicht sofort, brauchte etwas länger, ein anstrengender Arbeitstag lag hinter ihm. Aber dann begriff er.
»Charlottchen!« Er zog sie zu sich hoch, küsste sie innig. »Ich freue mich.« Er lachte und hüpfte hoch wie ein Kind. »Da kannst du keinen Wein trinken, stattdessen trinke ich mir auf den schönen abendlichen Schrecken einen Schnaps. Oh, wie schön, dieses Mal wird es bestimmt ein Junge.« Er liebte seine beiden Mädels, daran gab es keinen Zweifel, aber ein Junge, ein Stammhalter wäre schön.
Für schwerere Arbeiten stellte Friedrich, in Absprache mit Charlotte, vor der Geburt, Erna Schmidt als Zugehfrau ein. Sie übernahm die groben Hausarbeiten an einigen Tagen in der Woche.
»Tante Schmidtchen« nannte Juliana die kräftige, rundliche Frau mit dem Haarknoten und den dicken Pausbacken, die eine deftige Sprache sprach und bei der Arbeit stets eine dunkle Kittelschürze trug.
Frau Schmidt war nach dem Krieg 1870/71 von Berlin nach Köln gekommen. Ihr Mann, Fritz, arbeitete als Schustergeselle in dem kleinen Betrieb seines Onkels. Da der Onkel keine Kinder hatte, hoffte Fritz darauf, nach dessen Tode den kleinen Betrieb zu erben. Weil der Lohn von Fritz zu gering war, um die kleine Wohnung und den Lebensunterhalt allein zu bestreiten, musste seine Erna mitarbeiten. Kinder hatten sie keine, aber Erna Schmidt liebte Kinder, wahrscheinlich besonders deshalb, weil ihr eigener Kinderwunsch unerfüllt blieb. Juliana, das kleine aufgeweckte, fröhliche Mädchen, liebte sie besonders.
Sie legte großen Wert darauf, nicht Schmitz – wie in Köln fast jeder dritte Bürger hieß – genannt zu werden, sondern Schmidt mit dt.
Die Geschwister Kayser liebten sie, auch wenn sie manchmal etwas grob wirkte. Sie war eine lustige Frau, hatte das Herz auf dem richtigen Fleck. Wenn sie morgens ankam, hatte sie meistens Kamellchen – wie man die Bonbons in Köln nannte – in ihrer Tasche. Charlotte fragte sich oft, wie Frau Schmidt es schaffte, bei ihrem geringen Einkommen regelmäßig Bonbons für die Kinder mitzubringen.
Endlich, im Frühjahr 1890, am 21. März, wurde Friedrich junior, der Stammhalter der Familie Kayser geboren. Ein kräftiger Junge, der gesund und munter war.
Juliana war fast vier Jahre alt und betrachtete ihren kleinen Bruder als absoluten Schreihals, mit dem sie nichts anfangen konnte. Spielen und reden ging nicht, also musste Mama, Papa oder Tante Schmidtchen herhalten, wenn sie einen Spielkameraden suchte. Manchmal spielte sie mit ihrer kleinen Schwester, Mutter und Kind. Annette fand es aber langweilig, immer nach Julianas Pfeife zu tanzen. Sie sollte schlafen, obwohl sie nicht müde war, oder gefüttert werden, wenn sie keinen Hunger hatte.
Dann spielte Juliana allein im Kinderzimmer mit ihrer Puppenstube, einem Weihnachtsgeschenk ihrer Eltern. Die Puppenstube sah genauso aus wie ihre Wohnung. Friedrich hatte gezimmert und detailgetreu fast alle Möbelstücke aus ihrer Wohnung nachgebastelt. Selbst die Wanduhr entsprach dem Original. Charlotte hatte kleine Gardinen genäht, ebenso Handtücher für das Bad, wo es auch eine Toilette, Waschkommode und eine Badewanne gab. In der traumhaften winzigen Küche befanden sich Regale mit Backutensilien, Tellern, Töpfen und ein Nickelherd. Die kleinen Püppchen hatte Charlotte auf einem der Kölner Märkte ergattert. Dort verkaufte ein Händler aus Thüringen diese kleinen beweglichen Meisterwerke. Die Kleidung für die Püppchen nähte sie ebenfalls selbst.
Mit den kleinen Püppchen unterhielt sich Juliana ständig, die waren auch nicht so zickig wie Annette, wenn sie schlafen sollten.
Ein paar Tage später, nach der Geburt seines Sohnes, kam Friedrich abends von der Arbeit nach Hause, zeigte seiner Frau die Tageszeitung, die er täglich als abendliche Lektüre mitbrachte. Charlotte lag auf dem Chaiselongue ruhte sich ein wenig aus, die vergangene Nacht über hatte sie kaum geschlafen, der kleine Friedrich schrie viel. Er hielt ihr das Titelblatt hin, so dass sie eine Karikatur sehen konnte. Die dazugehörige Schlagzeile lautete: »Der Lotse verlässt das Schiff«.
»Vor ein paar Jahren, als Wilhelm zum Kaiser gekrönt wurde, haben wir über den alten und jungen Mann gesprochen, die vielleicht nicht harmonieren würden. Erinnerst du dich an unser Gespräch?«
»Ja, schon«, murmelte sie, konnte aber mit den Worten und der Karikatur nichts anfangen. Inzwischen hatte sie sich aufgesetzt, blickte hoch von der Zeitung zu ihrem Mann, der neben ihr stand. »Kaiser Wilhelm hat Bismarck entlassen. Aber warum?«
Friedrich setzte sich auf den Sessel neben ihr. »Ich schätze, Bismarcks innerpolitische Entscheidungen für die Arbeiterschaft entsprechen nicht mehr der heutigen Zeit. Die soziale Gerechtigkeit wankt außerordentlich. Ich merke jeden Tag im Betrieb, wie unzufrieden die Arbeiter sind. Vielleicht hat der Mann sein Alter erreicht – er ist immerhin 75 Jahre alt. Es heißt, er sei altersstarrsinnig und realitätsfremd. Es rumort in der Arbeiterschaft, auch in unserem Betrieb.
Herr Müller, mein Chef, hält das für blanken Unsinn, aber ich sehe es anders, weil ich täglich in der Werkhalle bin. Die Arbeiter kämpfen für bessere Lebensbedingungen, wollen nicht nur mitbestimmen, sondern sich organisieren, zu einem politischen Sprachrohr. Hast du schon einmal etwas von der SPD gehört?«
»Nein, woher? Ich finde, du übertreibst, aber was hat das alles mit Kaiser Wilhelm zu tun«, warf Charlotte ein.
»Charlottchen, ich übertreibe keineswegs«; ereiferte sich Friedrich.
So kenne ich ihn gar nicht, dachte sie, während er weitersprach.
»Uns geht es gut. In den Arbeiterviertel, wo die meisten Leute wohnen, herrscht bittere Not. Die Leute wohnen beengt, haben viele Kinder, folglich viele Mäuler zu stopfen, aber wenig zu essen, wenig Geld. Die Arbeiter wurden von den Fabrikbesitzern stets ausgenutzt, wie Sklaven behandelt.«
»Friedrich«, rief Charlotte dazwischen, »du bauschst die Sache auf!«
»Nein.« Er sprang auf, rannte hin und her. Seine Stimme wurde lauter. »Ich lebte in diesem Milieu, hatte jedoch den Vorteil, Sohn des Meisters zu sein. Auch mein Vater nutzte seine Arbeiter aus. Ich habe mich schon damals gefragt, wie die Leute von diesem Lohn leben konnten. Charlotte, deine Welt war anders. Du kommst aus einem anderen Elternhaus, einem anderen Milieu. Ich kann die Arbeiter verstehen, glaube aber nicht, dass Wilhelm tatsächlich die entstandene, sich meines Erachtens nach, weiter verschärfende Situation, wesentlich verbessern kann. Wir werden es erleben. Worüber ich noch mehr besorgt bin.«
Oje, was war los mit Friedrich? Er schien so wütend zu sein. Sie hörte ihn weitersprechen, dabei setzte er sich endlich wieder, fuchtelte aber mit seinen Händen in der Luft herum.
»Wie wird Wilhelm mit unseren Bündnispartnern umgehen? Bismarck verstand es, das Gleichgewicht in Europa zu wahren, das Reich genüge sich selbst, waren seine Worte. Fast zwanzig Jahre gab es keine kriegerische Auseinandersetzung mit Deutschland, hoffentlich bleibt es so. Wilhelm strebt aber eine andere Außenpolitik an, weißt du, Charlottchen?«
Jäh wurden sie unterbrochen, da eines der Kinder schrie. Charlotte stand sofort auf, froh, dem Gespräch mit Friedrich entfliehen zu können. Friedrich entschuldigte sich später bei ihr, weil er sich so echauffiert hatte.
Friedrichs politisches Interesse änderte sich nach Bismarcks Entlassung als Kanzler. In der Zeit als Bismarck die Fäden der politischen Macht in seinen Händen hielt, hatte er sich sicher gefühlt. Dem jungen Kaiser Wilhelm vertraute er nicht, sein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis, sein Machtstreben störte ihn. Wilhelm wirkte auf ihn wie ein Jäger, der ständig auf der Jagd nach neuer Beute war. Da konnten ihn auch die Ambitionen des Kaisers für bessere Arbeitsschutzbedingungen nicht überzeugen. Viele Menschen hielten ihn für den idealen Repräsentanten im In- und Ausland. Dieser Meinung konnte sich auch Friedrich anschließen, aber er sah ihn nicht für weitreichendere Aufgaben geeignet. Er beobachtete seit der Verabschiedung von Bismarck aus dem Amt das politische Geschehen genau, aufmerksam verfolgte er die Berichterstattungen in der Zeitung. Er ließ es sich auch nicht nehmen, ab und an Veranstaltungen der Sozialdemokraten zu besuchen. Allein schon deshalb, damit er seine Arbeiter besser verstehen konnte. Er wusste, worüber seine Leute sprachen. Er kannte ihre Probleme genau.
Im Betrieb löste sein Verhalten ein positives Echo bei den Arbeitern und auch bei seinem Chef aus. Sein Vorgesetzter fand diesen Weg seines Werkmeisters korrekt. Auf diese Weise gab es im Gegensatz zu anderen Betrieben weniger Auseinandersetzungen.
Die Regierung verabschiedete im Juni 1891 das erste Arbeitsschutzgesetz. Jedes Unternehmen trug fortan eigenverantwortlich Sorge dafür, Gefahren am Arbeitsplatz abzuwenden. Die Gewerbeaufsicht, die an die Stelle der Fabrikinspektoren trat, kontrollierte die Betriebe. Dieses Gesetz schützte auch die Kinder, die nun, wenn sie jünger als dreizehn Jahre waren, nicht mehr in den Fabriken beschäftigt werden durften. Das neue Gesetz beinhaltete zahlreiche weitere Bedingungen zum Wohle der Arbeiterschaft. Friedrich fand diese Entwicklung angemessen und notwendig, besonders die weitgehende Abschaffung der Kinderarbeit.
Sein Vorgesetzter hielt sich an die neue Gesetzgebung. Die Anfrage der Arbeiterschaft, eine Arbeitervertretung gründen zu dürfen, wies er jedoch entschieden zurück. Als sie zusammen in seinem Büro bei ihrer frühmorgendlichen Besprechung saßen, meinte er unwirsch:
»Nein, Kayser, wir überprüfen die Arbeitsplätze aller Arbeiter auf Sicherheit, aber eine Arbeitervertretung in meinem Betrieb lasse ich nicht zu. Noch bestimme ich allein, wo es lang geht.«
Friedrich unterbrach ihn: »Sicher, Sie sind der Chef. Niemand will Ihre Entscheidung boykottieren. Ich meine nur, geben Sie dem gewählten Vertreter der Arbeiterschaft die Möglichkeit der Mitsprache, lassen Sie sich von ihm informieren, wie die Leute denken, ohne dass irgendeiner etwas mitbestimmt. Ihre Entscheidung bleibt Ihre Entscheidung, Sie zeigen den Leuten, dass Sie sie ernst nehmen, Ihnen zuhören. Sie vermeiden Unruhe, verstehen Sie?«
»Kayser!«, rief Herr Müller dazwischen. »Ich sagte nein, es bleibt dabei.«
»Gut«, sagte Friedrich, stand auf und ging wieder an seine Arbeit. Sein Chef würde nicht nachgeben. Warum sollte er auch? Es zwang ihn niemand. Der taktische Wunsch des Kaisers, die Arbeiterschaft würde sich nach diesen Reformen aus Dankbarkeit mehr dem Staat zuwenden, erfüllte sich nicht. Sie unterstütze weiterhin die Sozialdemokraten, die eine parlamentarische Demokratie einführen wollten, und damit die kaiserlichen Rechte zu schmälern.
1892 war ein aufregendes Jahr für Juliana. Endlich konnte sie die Volksschule besuchen. Um dort hinzukommen, nahm sie die Pferdebahn, die im Rundkreis durch die Vororte zog. Erst einige Jahre später wurden sie durch die elektrisch betriebenen Vorortbahnen abgelöst.
Die Schule war ein großer dunkler Ziegelsteinbau, mit einem trostlosen Schulhof umgeben von hohen Mauern. Die Lehrer waren, bis auf wenige Ausnahmen, mürrisch, muffig und äußerst streng. In den Klassenzimmern standen dunkle Bänke, alles wirkte eintönig und demotivierend. Das soziale Umfeld der Schule passte Charlotte keineswegs, aber sie wohnten im Einzugsgebiet, eine Schulplatzwahl gab es nicht. Viele Kinder gehörten der Arbeiterschicht an. Friedrich störte dieser Aspekt weniger, er war als Kind dort aufgewachsen. Trotzdem verstand er Charlottes Sorgen, versuchte, ihr die negativen Gedanken auszureden. Aber er biss damit bei ihr auf Granit.
Charlotte verbot Juliana sogar, Kinder zum Spielen nach Hause einzuladen. Aber auch ihre Tochter konnte stur sein. Sie wehrte sich gegen das Verbot der Mutter.
In der Schule saß Juliana neben Anna Dengler. Anna war ein kleines zartes Mädchen mit dunkeln Haaren. Sie zog ein Bein nach, weil sie zwei unterschiedliche Beinlängen hatte. Die meisten Kinder hänselten sie, nannten sie Humpelbein. Juliana tat Anna leid, sie setzte sich couragiert für sie ein, keiner wagte es, die Freundin in ihrer Anwesenheit zu ärgern. Anna war wie Juliana ein sehr kluges Mädchen. Die beiden mochten sich von Anfang an. Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft, die lange von Julianas Mutter bekämpft wurde.
Im März 1893 kam Julianas Bruder Wilhelm zur Welt, sechs Wochen zu früh. Er war ein kleiner, schwächlicher Junge, der zwar nicht so viel schrie wie Friedrich, aber dafür häufig krank war.
Die Schwangerschaft und die Geburt waren, wie bei den anderen drei Kindern, problemlos verlaufen. Aber die vielen Krankheiten von Wilhelm beschäftigen Charlotte sehr. Frau Schmidt unterstütze sie, wo sie nur konnte. Juliana verstand sich wunderbar mit ihr. Sie lachten oft und viel, besonders wenn die Mutter nicht da war. Die Haushälterin erzählte viele witzige Geschichten und Anekdoten in ihrer lustigen Sprache, angefangen mit »Icke«. Wenn sie Juliana etwas erklärte, sagt sie: »Kieck mal, Jule, so macht man dette.«
Charlotte mochte es nicht so gern, wenn Juliana zu viel mit Frau Schmidt herumalberte, sie hatte Angst, Juliana würde den Sprachgebrauch von Erna Schmidt übernehmen. Für Charlotte war sie eine Dienstbotin, keine Vertraute. Charlotte trug ihr Aufgaben auf, die sie auszuführen hatte. In dieser Beziehung war sie streng, keinesfalls sollten ihre Kinder eine engere Beziehung zu ihr aufbauen.
Aber Juliana fand immer einen Weg, um mit Tante Schmidtchen ins Gespräch zu kommen. Bald vertraute sie ihr ihre Geheimnisse an, so auch ihren geplanten Besuch bei Anna.
Frau Schmidt schüttelte besorgt den Kopf. »Julchen, wenn deine Mutter das erfährt. Was dann? «
»Bitte verrate nichts, ich bin auch pünktlich zum Abendessen zurück.«
O je, Kind, dachte Frau Schmidt. Aber sie fand es auch gut, wenn Juliana einmal sah, wie arme Leute lebten.
So besuchte Juliana unerlaubterweise Anna zu Hause. Die beiden hatten sich in der Schule verabredet. An diesem Nachmittag war Charlotte mit Wilhelm beim Arzt und bemerkte deshalb nicht, dass Juliana weg war.
Anna wohnte mit ihrer Familie in einer Arbeitersiedlung in der Nähe der Fabrik, in der ihr Vater beschäftigt war. In dieser Siedlung gab es noch keine unterirdische Kanalisation. Das Abwasser floss über die teilweisen noch nicht gepflasterten Straßen in den nächsten Bach, mitsamt dem Müll, den die Leute auch über die Straße entsorgten.
Die Familie Dengler lebte mit acht Personen in einem Mehrfamilienhaus, in zwei kleinen Zimmern, die spärlich mit dem Notwendigsten eingerichtet waren. Es gab einen Schlafraum, eine Küche, einen Flur und eine Toilette im Hausflur, die von allen Bewohnern des Hauses genutzt wurde. Das Leben von Annas Familie spielte sich in der Küche ab, da wurde gekocht, gegessen, gewaschen, gespielt und gelernt. Die Kinder erledigten ihre Schularbeiten am Küchentisch. Elektrisches Licht gab es nicht, nur Gas- und Petroleumlampen.
Annas Vater arbeitete in der Fabrik, wo Julianas Vater Werkmeister war. Er verdiente so wenig Geld, dass die Familie nur schwer über die Runden kam. Jeden Freitag wartete die Mutter auf die Lohntüte des Vaters, hoffte darauf, dass er den Weg am Wirtshaus vorbei schaffte, damit sie für das Geld etwas zu essen kaufen konnte. Anna kannte kein Spielzimmer, keine eigene Kleidung. Alle Dinge teilte sie mit ihren fünf jüngeren Geschwistern. Sie schlief mit drei Schwestern in einem Bett. Es gab eins für die Eltern, eins für die Brüder und eins für die Schwestern.
In der Familie von Anna existierte keine fühlbare Geborgenheit, es gab keine familiären Werte. Soziale Bindungen bauten die Eltern zu ihren Kindern nicht auf. Im Gegensatz zu Julianas Eltern, die ihre Kinder als Geschenk empfanden, galten sie in Annas Familie nicht als Segen, sondern als belastende hungrige Mäuler. Annas Vater freute sich nicht, wenn seine Frau wieder guter Hoffnung war. Er beschuldigte sie, warf ihr die erneute Schwangerschaft vor. So wie bei vielen anderen Frauen, mangelte es auch bei Annas Mutter an sexueller Aufklärung, ein Thema, das in allen Gesellschaftsschichten totgeschwiegen wurde.
Die Arbeitersiedlung war am Rand des Nachbarortes untergebracht. Als Juliana Annas Viertel erreichte, kam ihr ein moderiger Geruch entgegen. Das seit einigen Tagen andauernde schwülwarme Sommerwetter trug seinen Teil dazu bei, dass die übelriechende Luft nicht abzog. Juliana befand sich zum ersten Mal in einer solchen Wohngegend. Als sie in die Straße einbog, wo Anna wohnte, entdeckte sie ihre Freundin schon von Weitem. Sie spielte mit anderen Kindern. Juliana lief auf sie zu. Anna freute sich, selten besuchte sie jemand. Ihre Spielgefährten wohnten alle in ihrer Nähe, kamen aus ihrem Milieu.
»Spielst du mit uns Juliana?«
Gemeinsam spielten die Kinder Nachlaufen und Verstecken. Plötzlich stolperte Juliana, wäre beinahe in die Abwasserrinne gefallen. Ein Schreck fuhr durch ihren Körper. Es durfte ihr nichts passieren, denn dann hätte ihre Mutter sie sicher gefragt, wo sie gewesen war. Später nahm Anna Juliana mit in die Wohnung, wo sie auf Annas Mutter, eine hagere, schmächtige, dunkelhaarige Frau mit schmalem Gesicht, trafen. Juliana grüßte höflich.
Frau Dengler schaute das Mädel freundlich an, gab ihr die Hand: »Herzlich willkommen, Juliana. Weiß deine Mutter, wo du bist?«
»Nicht direkt.«
»Was heißt das?«
»Nun, sie war nicht da, ich habe Frau Schmidt Bescheid gesagt.« Juliana hoffte, dass Frau Dengler nicht weiter fragte, lügen wollte sie nicht.
Annas Mutter bohrte nicht nach, sie wollte das Mädchen, das gewiss nicht aus dem Viertel kam, nicht in Verlegenheit bringen. Sie mustere Juliana von oben bis unten. Jetzt war ihr klar, warum Anna seit einiger Zeit so viel Wert auf Sauberkeit legte. Zuvor war sie oft ungepflegt, stank regelrecht. Jetzt hatte sich ihr Verhalten positiv verändert. Sie sprach überlegter, rüde Ausdrücke hörte die Mutter kaum noch. Juliana schien einen guten Einfluss auf ihre Tochter zu haben. Sie freute sich darüber, dass die eine kleine Freundin gefunden hatte.
Die beiden Mädchen spielten in der Küche mit Annas Holzpuppe, sie war ihr einziges Spielzeug. Sie wickelten die Puppe in ein Tuch ein, damit sie ein Kleid hatte. Später half Juliana Anna bei den Schularbeiten. Als Annas Vater von der Arbeit nach Hause kam, gab es bei Denglers Abendessen und Juliana ging.
Viele traurige Gedanken schwirrten Juliana durch den Kopf, als sie ihren Heimweg antrat. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie ihre Freundin mit acht Personen in einem Raum schlafen konnte, der etwas größer war als ihr heimischer Abstellraum. Sie besaßen zu Hause ein Kinder- und Spielzimmer, wo sie schliefen, ihre Spielsachen aufbewahrten, angefangen vom Baukasten bis zur Ritterburg, Puppen, Puppenstube, Spielzeugbügeleisen, sogar eine kleine funktionsfähige Nähmaschine für Puppenkleider nannten die Kinder ihr Eigen.
Als Juliana zum Abendessen zu Hause ankam, war Charlotte noch nicht vom Arzt zurück. Keiner hatte ihren heimlichen Besuch bei Anna bemerkt.
Zur Wilhelminischen Epoche gehörten nicht nur Paraden und Pickelhauben, sondern auch das Streben des Kaisers, das Deutsche Reich von einer Großmacht zu einer Weltmacht auszubauen.
Viele Unternehmen und Händler fühlten sich von dem Regenten gut vertreten, hofften auf stetiges wirtschaftliches Wachstum. Die meisten Deutschen sahen in Wilhelm einen hervorragenden Repräsentanten; man war stolz, ein Deutscher zu sein.
Friedrich sah den Kaiser im Gegensatz zu Charlotte weiterhin skeptisch. Er informierte sich über die Tageszeitung, die er seit einem Jahr abonniert hatte. Er fand die außenpolitischen Entscheidungen des Kaisers riskant. Er befürchtete, die Großmannssucht Wilhelms vergraulte die vorhandenen Bündnispartner.
Als das Deutsche Reich 1895 die chinesische Hafenstadt Tsingtau auf neunundneunzig Jahre pachtete, beunruhigte dies besonders Großbritannien, das seine Vorherrschaft schwinden sah. Im Laufe der Jahre erweiterte Wilhelm den Kolonialbesitz des Deutschen Reichs. Bismarcks Worte, das Reich genüge sich selbst, schienen unbedeutend zu werden.
Der technische Fortschritt war rasant. Neben die Schwerindustrie, die bis vor ein paar Jahren an erster Stelle stand, setzten sich die Chemie- und Elektroindustrie.
Auch der Betrieb, in dem Friedrich beschäftigt war, entwickelte sich zu einem großen renommierten Unternehmen. Seine Verantwortung wuchs im personellen wie auch produktiven Bereich. Bedingt durch die hohen Auftragszahlen fuhren sie doppelte Arbeitsschichten, sein Chef stellte neue Arbeiter ein. Der wirtschaftliche Aufschwung hielt sich ein paar Jahren, dann schwächte er kurzzeitig ab, die Auftragslage verändert sich vorübergehend, bis die Konjunktur sich wieder erholte, und eine erneute Blüte einsetzte.
Friedrich war erfolgreich in seinem Beruf. Bei seinem Chef stieg er stetig im Ansehen, er vertraute ihm. Friedrich erfüllte dies mit Stolz, er war verantwortlich für die Arbeit von weit über hundert Mitarbeitern. In allen technischen Dingen holte sich sein Chef Rat bei ihm. Er schätzte sein Fachwissen, sein praxisorientiertes Denken. Friedrich arbeitete mit dem Ingenieur eng zusammen. Dieser entwickelte, berechnete und gab seine Ergebnisse an Friedrich weiter, der sie dann so umsetzte.
Sein Chef war glücklich, Friedrich mit seiner Organisations- und Durchsetzungsfähigkeit und seiner praktischen Erfahrung erledigte alles für ihn.
Auch privat mochten Herr Müller und seine Frau das Ehepaar Kayser. Sie waren gern gesehene Gäste in ihrem Haus. Charlottes charmantes, freundliches Wesen trug viel dazu bei. Herr Müller nahm Friedrich mit zu seinem Karnevalsverein, der in Köln einen großen Namen hatte. Ohne die Fürsprache seines Chefs hätte Friedrich in dem renommierten Verein niemals Mitglied werden können.
Von einem längeren Italienaufenthalt zurück in Köln brach bei Onkel Ludwig eine bakterielle Infektion aus. Er litt unter hohem Fieber, Schüttelfrost und Atemnot. Als das Fieber nicht sinken wollte, rief Charlotte ihren Hausarzt, Dr. Hans Breuer, der ihn sofort ins Krankenhaus einwies. Er war nicht sicher, ob die Krankheit ansteckend war, und insbesondere Wilhelm, der kleine, schwache Junge, durfte nicht erneut erkranken. Charlotte besuchte Ludwig so oft ihre Zeit es zuließ. Frau Schmidt und insbesondere Juliana passten dann auf die kleinen Geschwister auf. Der Gesundheitszustand des Onkels verbesserte sich nicht, ganz im Gegenteil verschlechterte er sich zusehends. Die Ärzte waren äußerst besorgt. Sie konnten die Symptome seiner Krankheit nicht einordnen.
Charlotte suchte Trost bei Friedrich, der war allerdings an keinem Abend pünktlich zu Hause. Wenn er endlich da war, wagte sie nicht, ihn anzusprechen, da er müde und erschöpft im Sessel versank und sich selbst zum Abendessen mit der Familie selten einfand. Charlotte versuchte Verständnis für ihn aufzubringen, was ihr nicht immer gelang. So gerieten sie immer öfters in sinnlose Streitigkeiten.
Onkel Ludwig verstarb im Mai 1895 an seiner nicht definierbaren Krankheit. Der Abschied von ihm fiel insbesondere Charlotte schwer. Bis auf Juliana verstanden die kleineren Kinder nicht, was geschehen war. Sein Tod löste bei Charlotte eine tiefe Trauer aus. Sie fühlte sich kraftlos.
Friedrich fand keine lindernden Worte für sie. Seine berufliche Anspannung schaltete seine zwischenmenschliche Seite vollkommen aus. Die hohe Auftragslage forderte ihren Tribut. Die Maschinen in der Fabrik liefen ununterbrochen. In der Fertigung produzierten die Kollegen im ersten Schritt von Hand, der zweite Schritt lief über die Maschinen. Manchmal stoppte die Produktion, weil die Handarbeiter nicht so schnell fertigen konnten, die zweite Gruppe wartete, kostbare Zeit ging verloren. Gelegentlich entstanden Streitigkeiten unter den Kollegen. Der enorme Zeitdruck löste bei manchen Mitarbeitern nervöse Symptome aus. Neue, durch die hohen Anforderungen im Beruf entstandenen Belastungen.
Auch Friedrich litt unter innerer Unruhe, besonders wenn er nachts im Bett lag. Anstatt einzuschlafen, jagten immer neue Gedanken durch seinen Kopf. Das Arbeitsleben hatte sich rasant verändert, vor ein paar Jahren arbeitete man bedächtiger, ruhiger Nun beeinflusste die Zeit das Tempo. Einige seiner Arbeiter scheiterten an dieser Schnelligkeit im Betrieb. Er sorgte für sie, setzte sie innerhalb des Betriebes an anderer Stelle als Hilfskraft ein, mit dem Resultat, dass der Lohn geringer war. Es entstand Unzufriedenheit unter den Kollegen. Herr Müller, inzwischen finanziell verwöhnt, wollte die Leute entlassen, aber Friedrich setzte sich durch. Aber wie lange noch konnte er diesen Weg gehen und wie lange hielt er selbst durch?
Er sah zu Charlotte hinüber. Sie schlief friedlich, er liebte sie sehr, nur zeigte er es immer seltener. Wieder hatten sie einen unsinnigen Streit gehabt, als er abends von der Arbeit nach Hause gekommen war, spielten die Kinder lautstark im Flur. Seine Frau fand den Lärm der Kinder nicht schlimm, Friedrich dagegen war abgespannt und müde und wollte nichts anderes als seine Ruhe. Er ärgerte sich über ihre Gleichgültigkeit und schon gab ein Wort das andere.
Wo waren die vielen schönen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten? Wann hatten sie das letzte Mal gemeinsam abends auf ihrer Veranda bei einem Glas Wein gesessen und die letzte Wärme des Tages genossen? So konnte es mit ihnen beiden nicht weitergehen, dann endete ihre Ehe, wie die seiner Eltern oder Schwiegereltern. Er stand auf, ging in die Küche, trank ein Glas Wasser, setzte sich an den Küchentisch. Dort schlief er ein, hörte nicht wie Charlotte plötzlich vor ihm stand.
»Friedrich, geht es dir nicht gut?«
Er schreckte hoch. »Charlottchen!«
Wann hatte er sie das letzte Mal so genannt? Sie setzte sich zu ihm, nahm sich auch ein Glas Wasser.
»Ich konnte nicht einschlafen, die Arbeit und unser Streit belasten mich.«
»Nun, die Streitigkeiten, die wir in der letzten Zeit miteinander ausfechten, sind schlimm. Deine Arbeit, deine Verantwortung erdrücken dich. Ich verstehe dich, aber das darf unsere Ehe und Familie nicht zerstören.« Ihre Stimme war höher als sonst.
»Du hast recht. Ich versuche zukünftig, meine Arbeit anders einzuteilen. Gelingt es mir, werde ich wieder zum Abendessen bei euch sein.«
»Das ist doch ein Wort, dann lass uns wieder ins Bett gehen«, meinte Charlotte und nahm Friedrich bei der Hand.
Tatsächlich gelang es ihm, seine Arbeit anders zu koordinieren, indem er zwei seiner besten Arbeiter zu Vorarbeitern ernannte. Die beiden übernahmen im Wechsel die Aufsicht in der Werkhalle.
Sein Chef lobte ihn: »Kayser, Ihr Plan ist hervorragend. Wenn die beiden Männer das hinkriegen, könnten Sie noch andere Aufgaben übernehmen.«
Dieses Ansinnen lehnte Friedrich diplomatisch ab. »Lassen Sie die beiden Männer sich erst einmal einarbeiten, dann sehen wir weiter.«
»Möchten Sie keine weiteren Aufgaben übernehmen?«
»Im Augenblick nicht, mein Arbeitsgebiet ist umfangreich genug«, konterte er. Dass er nach Lösungen suchte, um abends pünktlicher bei seiner Familie zu sein, erzählte er seinem Chef nicht.
Charlotte freute sich darüber, dass Friedrich pünktlich abends bei ihr und den Kindern war. Von da an gab es wieder gemeinsame, glückliche Abende auf der Veranda mit einem Glas Wein.
Zu Weihnachten 1895 überraschte sie ihn mit einem wunderbaren Geschenk. Als die Kinder im Bett waren, erzählte sie ihm: »Friedrich, wir werden im Sommer kommenden Jahres zu siebt sein.«
»Charlottchen, wie schön. Unser Wunsch, eine Familie mit vielen Kindern zu haben, erfüllt sich«, sagte er freudestrahlend.
Das gesamte Weihnachts- und Neujahrsfest verbrachte die Familie in fröhlicher Stimmung.
Im April 1896 wechselte Juliana die Schule. Die neue lag in der Nähe ihrer Wohnung. Vergangenes Jahr hatte dort eine höhere Töchterschule, ein Lyzeum für Mädchen, eröffnet. Charlotte und Friedrich hatten die Schule angeschaut, waren begeistert, sprachen mit der Schulleiterin, die Juliana mit ihren guten Schulleistungen mit Freude zum nächsten Schuljahr aufnahm. Ohne Weiteres akzeptierten sie das Schulgeld. Durch den Tod von Onkel Ludwig gehörte ihnen das schuldenfreie Haus. Er hatte Charlotte auch ein wenig Bargeld hinterlassen, das sie gern in die Schulausbildung ihrer Kinder investierte. Auch Friedrichs Lohn erlaubte ihnen diesen Schritt.
Ein weiterer Grund für die Schulwahl war die Möglichkeit endlich die Freundschaft zwischen ihrer Tochter und Anna zu trennen. Dies lag besonders Charlotte am Herzen. Trotz ständiger Zurechtweisung hatte sich Juliana die Verbindung nicht verbieten lassen, sie fand immer einen Weg, um mit Anna zusammen zu sein.
Kurz vor der Geburt bekam Charlotte eine Sommergrippe mit Fieber und Schüttelfrost. Friedrich konsultierte besorgt und unter Protest von Charlotte Dr. Breuer. Der riet von einer Hausgeburt ab, wies sie ins nahe Krankenhaus ein. Dort entband sie Anfang Juli, ein kleines dunkelhaariges, zartes Mädchen – Katharina. Ein wenig sah sie aus wie Juliana als Baby.
Die Entbindung war unproblematisch verlaufen wie bei den anderen Kindern. Allerdings zog sich Charlotte im Krankenhaus eine bakterielle Entzündung im Unterleib zu, von der sich nur schwer erholte. Fast ein ganzes Jahr kränkelte sie. Für Juliana bedeutet das Erkranken ihrer Mutter, sich gemeinsam mit Frau Schmidt um den Haushalt und die Geschwister zu kümmern.
Manchmal suchte Juliana Trost bei Anna, aber ihr erging es nicht anders. Sie war auch die älteste Tochter, ihrer Mutter arbeitete in der Fabrik, viele Arbeiten erledigte Anna. Die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen festigte sich, sie trösteten sich untereinander.
Juliana besuchte das Lyzeum nun seit fast einem Jahr. Der Wechsel dorthin war für sie problemlos erfolgt. Sie hatte sich gut eingelebt. Der Unterricht in der Mädchenschule teilte sich auf in naturwissenschaftlichen Fächer, in Geschichte, Deutsch, Literatur, Religion sowie die Lehre der Haushaltsführung und Kindererziehung. Da nur Mädchen aus gutbürgerlichen Kreisen die Schule besuchten, setzte man voraus, dass niedere Arbeiten im Haushalt von entsprechendem Personal erledigt wurde, für die Kindererziehung stand hauptsächlich ein Kindermädchen zur Verfügung.
Juliana schätze an ihrer neuen Schule besonders, dass in ihrer Klasse nicht, wie in der Volksschule fast siebzig Kinder untergebracht waren, sondern nur fünfundzwanzig Mädchen. Durch die kleinere Klasse und die meist freundlichen Lehrer erzielte sie gute Ergebnisse in allen Fächern, darüber freute sie sich besonders, denn sie lernte gern.
An einem schwülheißen Nachmittag im Sommer spielten Juliana und Annette mit ihren Puppen im Garten. Friedrich und sein Freund beschäftigten sich mit der Eisenbahn, schufen eine Schienenkonstruktion, auf Bauklötze gestützt, über die Verandatreppe in den Garten hinaus. Wilhelm versuchte, sich in das Spiel einzubringen, die beiden Jungen lehnten das ab, da er die Bauklötze ständig umwarf. So kam es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den Brüdern, wobei Wilhelm lauthals schrie. Juliana fungierte meist als Schlichterin, nahm den kleinen Bruder auf den Arm, tröstete ihn.
Darüber kam Charlotte mit einem strengen Gesichtsausdruck auf die Verandatreppe. Juliana fragte sich, was los war, und schon hörte sie ihre Mutter rufen:
»Juliana, bitte komm sofort herein.«
Sie brachte Wilhelm zu Annette, ging zu ihrer Mutter, die inzwischen im Wohnzimmer war und Juliana mit einem Handzeichen bedeutete, die Zimmertüre zu schließen. Charlotte hatte über eine tratschende Nachbarin davon erfahren, dass sie sich trotz ihres Verbots mit Anna traf. Erbost stellte die Mutter ihre Tochter zur Rede:
»Juliana, du triffst dich mit Anna, obwohl dein Vater und ich es dir untersagt haben.«
»Ja, ich besuche Anna regelmäßig, warum auch nicht?«, antwortete Juliana selbstbewusst, dabei stellte sie sich direkt vor ihre Mutter. Zwischen ihr und Charlotte entbrannte ein heftiges Streitgespräch. Darüber kam Friedrich ins Zimmer, der sofort begriff, worüber Mutter und Tochter stritten. Er schaltete sich ein:
»Juliana, wenn wir dir etwas verbieten, dann hast du dich danach zu richten, verstanden!«
Juliana konterte: »Ich sehe ein, dass ich gegen euer Verbot gehandelt habe, dafür entschuldige ich mich. Aber ich sehe nicht ein, warum ich mich nicht mit Anna treffen darf.«
Friedrich fasste es nicht, er schluckte, Zorn stieg in ihm hoch. »Es geht um das Verbot, Mädchen.«
»Ja«, sie nickte heftig, »ich habe euch schon verstanden.« Bin doch nicht schwerhörig, dachte sie. »Dafür habe ich mich entschuldigt, aber ich werde Anna trotzdem weiter besuchen, weil ich dieses Verbot nicht verstehe.«
Charlotte schaute ihre Tochter fassungslos an, nie hätte sie gewagt, ihren Eltern zu widersprechen. Friedrich dachte ähnlich: Da steht dieses Mädel, noch keine zwölf Jahre, vor uns, erklärt uns ruhig und selbstverständlich, sie habe einen Fehler gemacht, aber sie werde an der Freundschaft mit Anna festhalten.
»Juliana für den Rest des Tages gehst du auf dein Zimmer, heute möchte ich dich nicht mehr sehen.«
Juliana drehte sich um und ging wortlos, als hätte sie mit dem Gespräch rein gar nichts zu tun. Auf dem Flur traf sie Tante Schmidtchen, die, wenn sie einen Streit zwischen Juliana und ihren Eltern mitbekam, immer versuchte, sie aufzumuntern. Auch jetzt sagte sie: »Komm Julchen, es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird«, und gab ihr einen Keks mit aufs Zimmer. Frau Schmidt mochte das Mädchen. Sie schätze es sehr, dass Juliana auch Menschen wichtig waren, die nicht in das bürgerliche Leben ihrer Eltern passten, besonders in das ihrer Mutter.
Nachdem Juliana das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Charlotte in einen Sessel, Friedrich schaute aus dem Fenster hinaus in den Garten, die Sonne versteckte sich hinter den dunklen Wolken, aus denen ein kräftiger Regenschauer prasselte. Er sah, wie seine Kinder in Windeseile mithilfe von Frau Schmidt ihre Spielsachen zusammenpackten, um sie vor dem Regen zu schützen. Er wandte sich an Charlotte:
»Wenn es nicht so ernst wäre, müsste ich jetzt lachen. Also ängstlich ist das Mädchen nicht.«
»Aber frech«, sagte Charlotte resolut. »Es gibt nichts zu lachen. Wie kannst du nur so etwas sagen?«
Friedrich ignorierte die letzten Worte seiner Frau, sagte einlenkend:
»Charlottchen, was hast du gegen Anna, außer dass sie ein Arbeiterkind ist? Kennst du sie überhaupt?«
»Nein, ich will sie auch nicht kennenlernen. Hältst du etwa zu deiner Tochter?«
»Es ist sinnlos, ihr den Umgang mit Anna zu verbieten. Sie wird sie immer wieder treffen, notfalls eben heimlich, oder willst du sie hier zu Hause anbinden?«, wandte er ein.
»Nein, sie bekommt so lange Stubenarrest, bis sie es verstanden hat«, erwiderte Charlotte energisch.
Friedrich schüttelte den Kopf: »Sieh es einmal positiv, ihre Freundin ist ein Mädchen, deren Lebensumstände anders sind als unsere, Armut zu kennen ist nicht verwerflich. Sie lernt daraus und sieht die unterschiedlichen sozialen Schichten. Solange diese Freundschaft, die übrigens schon seit über fünf Jahren anhält, sie nicht negativ verändert, sollten wir sie lassen.«
Charlotte reagierte ärgerlich. »Ich bin dagegen, warum unterstützt du sie? Was sollen die Leute über uns denken, welchen Umgang unsere Kinder haben? Mich hat die Nachbarin von nebenan bereits angesprochen.«
»Was die alte Tratschtante Lehmann? Auf deren Meinung gibst du etwas?«, konterte Friedrich.
Charlotte stand erbost auf. »Friedrich, ich verstehe dich nicht. Ich will für unsere Kinder nur das Beste. Wie du vor einiger Zeit schon einmal treffend feststelltest, bin ich in einer anderen Welt groß geworden als du.«
Mit diesen Worten wollte sie das Zimmer verlassen. Aber Friedrich rief sie zurück:
»Charlotte, ich bin ein Arbeiterkind und du eine Beamtentochter, das ist wahr. Ich denke nicht so intensiv darüber nach, ob unsere Kinder nicht mit Arbeiterkindern zusammenkommen dürfen. Ich sehe es anders. Aber es gibt noch etwas, worüber wir reden sollten, wo wir schon einmal dabei sind über Erziehung zu sprechen. Ist dir nicht aufgefallen, dass unsere Tochter im Lyzeum unter anderem lernt sich durchzusetzen? Nun stellt sich die Frage, warum lernen die Mädchen das? Ich persönlich finde es positiv, dass die Schulleitung darauf achtet, die Mädchen nicht ausschließlich auf ihre späteren häuslichen Pflichten als Ehefrau und Mutter vorzubereiten. Zur Philosophie der Schule gehört es, ihnen auch das Rüstzeug für ein selbstständiges Leben mitzugeben. Fernab von dem Glauben, die Frauen und Mädchen seien minderwertige Wesen. Sie vertreten dort die Ansicht, Frauen sind genauso befähigt, wissenschaftlich zu arbeiten oder ein Lehramt an einer höheren Mädchenschule zu erhalten. Was hälst du davon, Charlotte?«
Sie schaute ihn ungläubig an. »Friedrich, das habe ich nicht gewusst. Wieso weißt du das?«
»Weil ich das Kleingedruckte auf der Anmeldung durchgelesen habe.«
»So, das erzählst du mir erst jetzt, nach fast einem Jahr. Findest du das richtig?«
»Darüber habe ich nicht nachgedacht«, hielt er dagegen. »Die Anmeldung lag dir ebenso vor, ich bin davon ausgegangen, dass du dir alles durchliest.«
»Darüber hätten wir reden müssen, warum hat man uns im Einführungsgespräch nicht auf diese frauenpolitischen Ziele hingewiesen? Ich hätte Juliana niemals dort angemeldet.« Sie setzte sich beleidigt wieder hin.
Er lachte innerlich. Seine Frau hatte einfach unterschrieben, sich auf ihn verlassen. Juliana, da war er sich heute schon ziemlich sicher, würde nie etwas unterschreiben, ohne es durchzulesen.
»Du willst unsere Kinder von den Arbeiterkindern räumlich distanzieren, um den Standesunterschied beizubehalten, dies wird dir nicht gelingen. Da Friedrich und Annette, später auch Wilhelm sowie unsere kleine Katharina, die Volksschule besuchen, wo alle Kinder aus allen Schichten untergebracht sind, wirst du dich mit der bestehenden Situation abfinden müssen. Eine Schulplatzwahl gibt es nicht. Was nun, Charlottchen?«
Diese saß etwas ruhiger und entspannter im Sessel. »Die Freunde von Friedrich und Annette kommen aus unserem Viertel, nicht aus der Arbeitersiedlung, wo Anna wohnt. Ich verstehe nicht, woher Juliana einen solchen Dickschädel hat. Wie kann sie sich so verhalten. Erkläre es mir! Solche Manieren habe ich ihr nicht beigebracht und du auch nicht.«
»Nein, haben wir nicht, aber bestimmt lernt sie dies auch nicht von Anna. Ich kenne ihre Eltern, Annas Vater ist einer meiner besten Arbeiter, glaube mir, wenn er ein Verbot ausspricht, seine Tochter sich widersetzt, gibt es in dieser Familie garantiert körperliche Züchtigung. Ich will dir damit sagen, Anna kennt genau ihre Grenzen. Unsere Tochter besitzt einen starken Willen, den du nur beeinflussen kannst, indem du ihr erklärst, warum sie das Mädchen nicht treffen darf. Ein Verbot ohne Begründung reicht da nicht. Hast du eine, oder willst du ihr sagen, nur weil Anna ein Arbeiterkind ist, darf sie sich mit ihr nicht treffen. Ich komme auch aus der Arbeiterschaft, das weiß Juliana. Glaube mir, sie wird dir sagen: Vaters Herkunft ist dieselbe wie Annas – und dann Charlotte?«
Gegen Friedrichs Argument konnte sie nicht gegenhalten. Es stimmte ja, sie hatte einen Arbeiter gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet – und ihrer Tochter wollte sie jetzt den Umgang mit einem Arbeiterkind verbieten. Sie merkte, ihre Vorgehensweise war nicht korrekt, trotzdem wehrte sie sich gegen diese Verbindung.
»Du hast recht Friedrich, aber du hast heute eine so gute und hohe Position, du lebst in anderen Verhältnissen als früher, gerade da passt eine solche Freundschaft nicht.«
Friedrich schaute sie skeptisch an: »Meine Herkunft werde ich nie verleugnen können. Ich merke, wenn wir bei Müllers eingeladen sind und andere aus deren Freundeskreis dazukommen, dass ich für die der Arbeiter bleibe. Es stört mich nicht. Ich habe mich hochgearbeitet in meine heutige Position, durch Fleiß, Wissen und andere Qualitäten, die für diese Arbeit wichtig sind. Ich schlage vor, auch wenn du dagegen bist, lass Juliana die Freundschaft mit Anna. Du brauchst sie nicht zu uns nach Hause einzuladen, lass es einfach so laufen wie es ist, vielleicht löst sich diese Freundschaft von allein.«
Charlotte atmete tief durch: »Gut, aber wir werden ihr nicht sagen, dass wir mit der Verbindung einverstanden sind.«
