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Millay Hyatt ist leidenschaftliche Zugreisende: Es ist der Reiz der »ungepolsterten Begegnung mit der Welt«, der sie noch jedes Flugzeug durch die Reise auf der Schiene tauschen lässt. Sie weiß: In der Fremde und unterwegs sieht man anders, das gilt besonders im Zug, in halber Geschwindigkeit: Das Zugfenster wird zur Verlockung, an ihm laufen bewegte Bilder, ganze Landschaftsfilme vorüber. Im Wagen selbst werden wir zu Voyeuren, die sich für die intimsten Angewohnheiten unserer Mitreisenden interessieren. Wir lauschen dem Streit fremder Paare, zeichnen Psychogramme unserer Sitznachbarn. Auf Schienen kommt ein Denken in Gang, das unsere Gewissheiten stört. Als Reisende gehen wir in eine Schule der Wahrnehmung, in der die eigene Perspektive ins Verhältnis zu anderen gesetzt wird. Die Zugreise verspricht das Glück des Aufbrechens und des Ankommens – und dazwischen die bittersüße Freude der Selbstbefragung. Anhand ungezählter eigener Reisen zeichnet Millay Hyatt eine literarische, anspielungsreiche Kartografie der Zugreise, in der die tausendfach beobachtete Dramaturgie des Abschiednehmens ebenso zu ihrem Recht kommt wie die Verwandlung der Heimkommenden – und zugleich die Einsicht, dass das Passieren von Grenzen nicht für alle eine lustvolle Erfahrung ist.
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Anfahrt
Nachtzugbegleiter
Karte
Schlaf
Fenster
Kind
Umsteigen
Voyeurin
Grenzen
Kapsel
Improvisieren
Passage du désir
Nach Hause
Literatur
Dank
Für Aiden
I suppose I’m glad I’m on this trainAnd it’s longSomewhere between Dunkirk and ParisMost people here are still asleepBut I’m awakeLooking out from here at half-past FranceJohn Cale
Tagsüber macht man Ausflüge, aber nachts reist man.
Tove Jansson
Als Kind bin ich nicht mit dem Nachtzug gefahren, sondern mit dem Nachtauto. Mit ein oder zwei Geschwistern lag ich unangeschnallt auf einem Schaumpolster hinten im Mitsubishi-Kombi, vorne am Steuer saß souverän mein Vater, neben ihm meine Mutter, die ihn durch Vorlesen oder ein leises Gespräch wachhielt.
Trotz meiner Geschwister war ich dabei alleine – mit der Nacht und den Lichtern der anderen Autos, die wie Kometen an der Heckscheibe und den Seitenfenstern vorbeiflogen und in der Ferne einschlugen, um gleich darauf wieder loszufliegen. Unsere vielen Familienreisen fanden grundsätzlich nachts statt, weil es da, wie meine Eltern mir später erklärten, hinten im Auto so viel friedlicher war. Schlafende Kinder nerven nicht. Im Kofferraum-Schlaflager gab es keine Territorialkämpfe, noch vor dem Einschlafen stellte uns das Nachtfahren ruhig. In einer von einem Verbrennungsmotor angetriebenen Büchse aus Stahl und Plastik glitten wir über die Autobahn und fühlten uns maximal geborgen.
Wenn ich heute das Nachtzugfahren liebe, dann auch wegen dieses Gefühls.
Er sitzt und sitzt und sitzt, verscheucht den Schlaf, während Passagiere heiße Luft absondern.
Suzette Mayr, Der Schlafwagendiener
Ich bin auf dem Weg nach Tunesien, um meinen Bruder und meine Schwägerin zu besuchen. Bis Civitavecchia, der Hafenstadt nördlich von Rom, fahre ich mit dem Zug, dann mit der Fähre über Palermo nach Tunis, von dort wieder mit dem Zug bis Sousse. Zwischen München und Rom im Nachtzug, ich hatte mir im Sechserabteil eine Liege gebucht. Als ich im Reisebüro mit meinem Ziel an den Bahnexperten herangetreten bin, hat er mich zuerst zu seinen Flugzeugkolleginnen weitergewunken. Sobald er aber verstand, dass ich bei ihm richtig war, grinste er übers ganze Gesicht. Ich gehörte also zu den Kundinnen, die seiner Arbeit die Würze verleihen und in denen er Gleichgesinnte ahnt. Er fragte noch nach, ob ich Flugangst hätte, als ich das verneinte, nickte er zufrieden und stürzte sich akribisch in die Suche nach den besten Verbindungen. Dabei zog er nicht nur die Programme auf seinem Computer zu Rate, sondern blätterte in dicken, kleingedruckten Fahrplanbüchern. Es hatte etwas von einer Geheimwissenschaft. Dies war eine der ersten langen Zugreisen, die ich mit Jens gebucht habe, mittlerweile sind wir per Du.
Jetzt sitze ich also im Tagzug nach München, schaue auf grüne Felder und noch grünere Wälder, gelegentlich sammeln sich Windräder bedrohlich am Horizont, wie eine heranziehende Armee. Schräg gegenüber von mir spielt ein Mann auf seinem Laptop Grand Theft Auto, hinter ihm liest ein anderer The Great Gatsby, beide sind mit Größe beschäftigt. Diese ersten Momente koste ich voll aus. Ich bin noch nie in Afrika gewesen, und so schön dehnt sich jetzt die Erwartung, entlang knapp anderthalbtausend Kilometern auf Schienen und dann übers offene Meer. Seltsam, dass es nur zwei Länder sind, die ich auf dem Weg an einen für mich so fremden Ort auf einem anderen Kontinent durchquere. Österreich werde ich verschlafen, aber Rom und Palermo, beide für mich auch bisher unbekannt, winken als Extra-Bonbons. Auf langen Zugfahrten sind Durchreiseorte wie Mitgebsel auf einem Kindergeburtstag: eine Belohnung dafür, dass man so viel Spaß haben durfte.
Auf dieser Fahrt komme ich schon nach dreieinhalb Stunden in den Genuss eines unerwarteten Bonbons: Technische Probleme oder eine höhere Gewalt, oder wem auch immer die Bahn die Schuld gibt, bedeuten einen außerplanmäßigen Halt von anderthalb Stunden. In Fulda. Wo ich auch noch nie war. Ich nehme das Präsent an, deponiere meinen Reiserucksack in einem Schließfach und schlendere durch das Barockstädtchen. Es überrascht mich. Die Bilder, die ich von Fulda hatte, wo auch immer aufgelesen, waren komplett falsch (sechziger Jahre, Wiederaufbau, Industrie, Trostlosigkeit) – zumindest was die Altstadt betrifft. Vielleicht einem lautmalerischen Irrtum geschuldet, bei dem sich in meinem Unterbewussten Fiat mit Fulda kreuzte und eine Fabriklandschaft entstehen ließ. Die wird jetzt rückgebaut, während ich an Klostermauern vorbei und durch Fachwerkgassen mit Eisdielen und Marienstatuen laufe. Dabei stelle ich mir spaßeshalber vor, ich wäre nicht auf der Durchreise, sondern schon am Zielort angekommen. In dieser alternativen Realität sind Justin und Monika kürzlich nach Fulda anstatt nach Sousse in Tunesien gezogen, und ich verbringe nun dort meinen Sommerurlaub mit ihnen. Sie wohnen in einem dieser untersetzten mittelalterlichen Bauten, mit zwergenhaften Fenstern und in warmen Erdtönen gehaltenen Innenräumen, mit Blumen auf dem Küchentisch.
Ich behalte trotz meiner osthessischen Fantasien den Blick auf die Uhr und bin reichlich vor der Weiterfahrt wieder am Bahnhof. Schaue noch in der Bahnhofsbuchhandlung vorbei, zum Glück nichts als Schund, mein Rucksack ist schon schwer genug. Dass ich den Nachtzug nach Rom verpassen werde, ist schon jetzt klar, und ich werde langsam nervös. Alle folgenden Verbindungen sind dadurch gefährdet. Lange Zugreisen sind algorithmische Ketten, bei denen es bei jedem Glied zu einer Neukalkulation kommen kann, wenn es sich anders verhält als geplant. Wenn Rom, dann Palermo, wenn Palermo, dann Tunis, sonst Verona; wenn Verona, dann Bologna, wenn Bologna, dann Napoli, sonst Padova. Ad infınitum. Nur dass sich diese Kalkulation nicht lautlos und augenblicklich irgendwo in einem Rechenzentrum vollzieht, sondern in bangen oder ärgerlichen Minuten bis Stunden von der Reisenden und dem Zug- oder Bahnhofspersonal in komplexen Schachzügen ausgearbeitet werden muss. Noch eine weitere Verkomplizierungsschraube entsteht durch die schlecht oder gar nicht miteinander verzahnten Systeme der nationalen Eisenbahngesellschaften, ihre Buchungsvorgänge, Fahrpläne, Umsteigetaktungen. Einzelne Etappen einer längeren Reise müssen in der Regel getrennt voneinander gebucht werden, und auch wenn dies Profıs wie Jens vornehmen, gibt es keine Garantien für eine Weiterbeförderung, wenn man unverschuldet einen Anschluss verpasst, die Reisende ist auf sich gestellt, auf das eigene Glück und auf die eigene Flexibilität. Das erfordert immer wieder ganz schön starke Nerven.
In München stelle ich mich in die Schlange am Service-Center und bekomme eine neue Verbindung ausgedruckt. Stunden später ein Nachtzug nach Venedig, von dort ein Schnellzug nach Rom. Also tausche ich meinen 4-Euro-Entschädigungsgutschein von der Deutschen Bahn gegen ein Bier ein und beobachte die Nachtgestalten. Sie schnorren Zigaretten, sie schauen in Mülleimer, sie trinken aus der Flasche und lungern wie ich. Zwei schlaksige Männer geraten in einen halbherzigen Streit, wenden sich nach einem kurzen verbalen Schlagabtausch mit müden Körpern voneinander ab. An einem Tisch sitzt eine Gruppe afrikanischer Männer ohne Gepäck und trinkt Hefeweizen, eine kleinwüchsige alte Frau, gedrungen, mit fettigen grauen Haaren, drückt sich an ihrem Tisch herum, wie ein hungriger kleiner Vogel, die Männer am Tisch beachten sie nicht, tun so, als wäre sie nicht da, als wäre sie tatsächlich ein Vogel. Bahnhöfe, auch in Zeiten der Einkaufszentrifızierung, der Überwachungskameras und des glatten Dienstleistungsleitgedankens, sind immer noch Orte, die Menschen in wackeligen Umständen anziehen, auch einsame, arme, kaputte Menschen. Sie sind die einzigen überdachten quasi öffentlichen Räume in unseren Städten, die rund um die Uhr für alle aufhaben, die etwas Licht brauchen, etwas Kontakt, die auf Wohlstandsabfall angewiesen sind oder eine trockene Ecke zum Dösen suchen. Ich dagegen bin auf dem Weg in den Urlaub, habe Reservierungen und Geld in der Tasche, Angehörige, die sich am Zielort auf mich freuen und mir ein Bett gemacht haben werden. Ich sitze unter ganz anderen Bedingungen hier alleine und trinke mein Bahnhofspils. Das werden die unruhigen, uneingeladenen und ungemütlichen Menschen auch sofort wahrnehmen. Trotzdem fühle ich mich zu dieser späten Stunde in einer Art Schicksalsgemeinschaft mit ihnen.
Auf meiner in Berlin von Jens ausgestellten Fahrkarte für den Nachtzug steht jetzt mit Kugelschreiber ein Vermerk gekritzelt: Zugbindung aufgehoben. Das sieht irgendwie flapsig aus, aber da ist ja noch der Stempel daneben, wird also schon stimmen. Mit dieser Überzeugung, gestützt von einem hartnäckigen Glauben an deutsche Verwaltungsvorgänge, steige ich in den Nachtzug nach Venedig (damals von der Deutschen Bahn betrieben). Und suche den Nachtzugbegleiter, um ihn zu fragen, wo ich mich einquartieren soll. Meine Reservierung ist ja in diesem Zug nicht gültig.
Er nimmt den ganzen Gang ein, bullig, forsches Kinn, glatt rasierter Schädel. Unwillkürlich weiche ich etwas zurück: Er marschiert auf mich zu mit einem Gesichtsausdruck, der ankündigt, wie wenig er sich auf unser Gespräch freut. Aber ich habe ja ein berechtigtes Anliegen, das ich ihm jetzt darlege. Zu meiner Verblüffung weist er mich an, mir einen Platz im Sitzwagen zu suchen, da ich in diesem Zug nicht reserviert hätte. Mein Gegenargument – ich hatte eine Reservierung im Liegewagen in einem Zug, den ich nicht aus eigenem Verschulden verpasst habe – ist so offensichtlich, dass es mir überflüssig vorkommt, es überhaupt aussprechen zu müssen. Unbeeindruckt erklärt er mir, die Liegeabteile seien alle voll, da könne er nichts machen. Er guckt dabei keineswegs entschuldigend oder mitleidig, sondern drohend, mit zusammengezogenen Augenbrauen, als ob er mich verdächtigen würde, den Nachtzug nach Rom sehr wohl aus eigenem Verschulden verpasst zu haben und jetzt zu versuchen, mir einen Liegeplatz zu erschleichen. Ich erkundige mich nach den Schlafabteilen.
Die Terminologie für die verschiedenen Komfort-Kategorien im Nachtzug ist nicht nur nicht beschönigend, wie sonst bei Marketing-Begriffen oft der Fall, sie hat in der Gegenüberstellung von »Schlaf-« und »Liegewagen« sogar etwas Abschreckendes. Auf der faktischen Ebene grenzen sich die beiden durch Unterschiede in der Einrichtung voneinander ab – im Schlafabteil ein bis drei Betten, eine bessere Ausstattung und mehr Platz, im Liegeabteil vier bis sechs Liegen, eine schlichtere Ausstattung und wenig Platz. Natürlich mit entsprechendem Preisunterschied. Aber bedeutet das zwangsläufıg, dass der Schlaf nur den Bessergestellten im Schlafabteil vorbehalten ist, während die Masse im Liegewagen bloß liegt? Ich selbst habe auch zu Hause in meinem eigenen Bett einen nicht ganz unkomplizierten Bezug zum Schlaf, trotzdem schlafe ich im Liegewagen oft nicht nur gut, sondern herrlich. Es ist eine Art fliegende Rast, in der die Bewegung des Zuges den Rhythmus bestimmt und den Träumen ihre Geschwindigkeit vorgibt. Das Atmen oder Schnarchen oder die Ausdünstungen der (vielen) Abteilgenossen, die bei jeder Umdrehung verrutschenden Bettlaken – gut, es gibt Störfaktoren, die es so im Schlafabteil nicht gibt (dort sind die Betten in der Regel mit Spannlaken bezogen). Aber von diesen Störungen geweckt zu werden heißt immer, sich erstaunlicherweise in einem Zug wiederzufınden, in Bewegung, durch eine ferne Nacht fahrend, eine absolut unalltägliche Erfahrung, und um 4 Uhr morgens lächelt man sich dann wieder in den ganz speziellen Nachtzugschlaf, den Proust mit dem Schlaf eines Fisches vergleicht, der von den Wellen und Strömungen getragen wird. Geschlafen wird auch im Liegewagen, vielleicht sogar wie ein Baby, wie die Deutsche Bundesbahn bei der Einführung dieses Wagentyps Anfang der sechziger Jahre warb: Schon als wir in der Wiege lagen / da träumten wir vom Liegewagen / Jetzt kann man nachts im Wagen liegen / und sich in allen Lagen wiegen. Übrigens verkehren die deutschen Begriffe die althergebrachten französischen: Der ursprüngliche Terminus für den Schlafwagen, der noch in der internationalen Bauartbezeichnung WL wiedergegeben wird, lautet Wagon-Lit, während der Liegewagen Couchette heißt. In einem lit kann man auch bloß liegen, wie der Name schon sagt, aber coucher bedeutet eindeutig schlafen.
Sie haben nicht im Schlafwagen reserviert, kommt es jetzt schroff zurück. Mittlerweile fahren wir. Der Nachtzugbegleiter verlagert gekonnt sein umfangreiches Körpergewicht im Zusammenspiel mit den schwankenden Bewegungen des Zuges, sodass er noch genauso stramm steht wie vorhin bei Stillstand. Ich dagegen muss mir noch Zugbeine aneignen, ich stütze mich mit einer Hand an der Wand ab und versuche, mich für die nächste Runde dieses Kampfes zu sammeln. Aber mit wem habe ich es hier überhaupt zu tun?
Erstens mit einem Nachtzugbegleiter und keinem Schlafwagenschaffner, wie er früher, vor der Umwandlung der Bahn in eine Aktiengesellschaft mit Renditeerwartung, hieß, als er noch mit der Autorität eines Staatsbediensteten ausgestattet war. Mit der Namensänderung sollte die serviceorientierte »Begleitung« in den Vorder- und die Kontrolle in den Hintergrund rücken, womit aber der Spagat zwischen den beiden Rollen keineswegs aufgehoben wurde. Das gilt für den Zugbegleiter im Tagzug und umso mehr im Nachtzug, wo diese Unterkategorie der Aufsichtsperson/des Betreuers eine Spezies für sich bildet. Nachtzugbegleiter changieren zwischen Hotelmanager und Grenzpolizist, sind überwiegend männlich, mittleren Alters, oft übertrieben dienstbeflissen in den schmalen Gängen mit Bettbezügen unterwegs oder lauern vor Abreise auf dem Bahnsteig den Reisenden auf. Anders als bei Reisen am Tag muss man auch in Deutschland noch vor dem Einsteigen in einen Nachtzug die Fahrkarte vorzeigen. Nicht nur vorzeigen, sondern mit ihr herausrücken. Der Nachtzugbegleiter vergleicht den Namen auf der Fahrkarte mit seiner Liste, setzt ein Häkchen, steckt dann die Fahrkarte ein. (Wenn man im Nachtzug anonym unterwegs sein will, muss man klandestin vorgehen, mit falschen Papieren, oder es gelingt einem, mitten in der Nacht einzusteigen, ohne dass es der Zugbegleiter bemerkt, wie es die Nachtzugdiebe tun.) Manchmal kommt noch der Hinweis, dass die Karte am nächsten Morgen zurückgegeben wird, manchmal auch nicht. Ich erinnere mich an einen Mann mit gelber Regenjacke im Nachtzug zwischen Wien und Berlin, seine Kinder kletterten den Ermahnungen der Mutter zum Trotz auf den Liegen herum, der mich verlegen fragte, ob ich wüsste, warum nach der Kontrolle die Tickets verschwunden seien. Scheinbar hat er sich nicht getraut, denjenigen zu fragen, der sie hatte verschwinden lassen. So ohne Fahrkarte im Zug fühlt man sich entblößt. Wenn noch dazu eine internationale Grenze außerhalb des Schengenraums in der Nacht überschritten werden soll, muss oft auch der Pass abgegeben werden. Angeblich, damit man bei Grenzkontrollen nicht geweckt werden muss. Das wird man aber in der Regel sowieso. Ich vermute ohnehin eher, dass es beim Fahrkarten- wie Passeinbehalt um etwas anderes geht, und zwar um Macht.
Wir, die Reisenden, sind die Schäfchen, und der Nachtzugbegleiter ist der Hirte. Der uns vor den Wölfen der Nachtzugdiebe beschützen soll. Schön abschließen, bevor man sich zur Ruhe legt, schärft er uns ein, mit beiden Schließvorkehrungen an der Abteiltür. Gleichzeitig könnte ein jeder von uns einer dieser Wölfe sein, der den unbewussten Zustand der Mitreisenden für Böses ausnutzen will. Wir sind also auch alle Verdächtige und der Nachtzugbegleiter die Kripo. Manchmal von der bestechlichen Sorte, die sich für ein Schlafwagenbett oder für die Garantie, dass man allein im Abteil bleibt, bezahlen lässt. Oder er ist der strenge Lehrer auf der Klassenfahrt, der uns zur Ruhe mahnt, wenn wir noch bis in die Puppen mit unseren neuen Freundinnen im Abteil saufen und Karten spielen. Oder er macht gleich mit, je nach Typ, bleibt dabei aber weiterhin die Instanz, die jederzeit alles abbrechen kann, sobald es ihm zu bunt wird. Doch er ist auch die Mutter, die darauf achtet, dass wir ordentlich zugedeckt sind, rechtzeitig aufstehen (wie viel Zeit wir dafür brauchen, entscheidet immer er, normalerweise ist es eine Stunde vor der Ankunft, viel zu lange) und etwas zu essen bekommen, bevor wir aussteigen. Ein eingeschweißtes Schokoladencroissant, Marke 7 Days, zum Beispiel (in den serbischen Zügen der Železnice Srbije etwa) oder eine Semmel mit Butter und Marmelade zum Selberschmieren (in den Österreichischen Bundesbahnen). Vor dem Fenster zieht der Morgen heran, man schaut beim Kauen auf die auch noch etwas schlaftrunkenen Vororte von Istanbul oder Amsterdam oder wo auch immer man gleich ankommen oder umsteigen wird. Man sucht die Schuhe zusammen, macht elegante oder unbeholfene Tanz- und Ausweichbewegungen mit und vor den Abteilgenossen, während alle gleichzeitig ihre Koffer zu bändigen versuchen, ein Krümelhäuflein bleibt auf den zerwühlten Laken zurück. Der Nachtzugbegleiter hastet derweil durch die Gänge, kümmert sich, verbreitet Aufbruchstimmung, mit mehr oder weniger Nachdruck. Aber egal wie er auftritt – gewissenhaft und pflichtbewusst, entgegenkommend und fürsorglich oder achselzuckend unbeteiligt und bei jeder Anfrage sichtlich genervt, dass man etwas von ihm will – er hat unsere Fahrkarten, Pässe und die Zügel in der Hand.
Die versuche ich nun, mit wenig Zuversicht allerdings, diesem Vertreter der Zunft im City Night Line nach Venedig zu entreißen. Es wird laut. Er zeigt entschieden Richtung Sitzwagen, ich bewege mich nicht, ich und mein Gepäck, wir bleiben vorerst im Gang, andere Fahrgäste müssen sich umständlich an uns vorbeizwängen, an mir, meinem Rucksack und meinem Widersacher. Seine Attitüde, seine ganze Körperlichkeit, strahlt die Botschaft aus, dass er sich nichts sagen lässt, schon gar nicht von diesem aufsässigen Mädchen. Ich bin zwar vierzig. Aber im Antagonismus, der sich zwischen uns aufspannt, verbindet sich die Autorität seiner Stellung mit seinem Geschlecht und meine Abhängigkeit von seiner Willkür mit meinem. Er hat in meiner Erinnerung eine dünne weiße Jacke übergezogen, eine Art Kochjacke, was allerdings nicht sein kann, so kleideten sich die Nachtzugbegleiter der Deutschen Bahn nicht. Vielleicht habe ich ihm die Kochjacke angedichtet, weil er vom Körperbau her meiner Klischeevorstellung eines Kochs entspricht. Vielleicht auch wegen der Glatze. Vielleicht, um ihn mit einer unpassenden Uniform rückwirkend lächerlich zu machen.
Denn ganz so einfach ist es mit der Hierarchie nicht. Auch wenn ich sicherlich weniger verdiene als er, jünger bin und weiblich, bin ich zahlende Kundin, während er als Angestellter eines Transportkonzerns verpflichtet ist, eine Dienstleistung zu erbringen. Als Nachtzugbegleiter und nicht als Schaffner arbeitet er also in einem gewissen Sinne für mich. Dieses Gefälle wird auf einer subtileren Ebene dadurch verstärkt, dass ich mit dem Selbstbewusstsein und der sprachlichen Schlagkraft auftrete, die ich meinem bildungsbürgerlichen Hintergrund zu verdanken habe. Dagegen gehört er zu der Schicht, die von meinesgleichen, oder eher von den Eliten, die so ähnlich sprechen wie ich, (gefühlt) bedroht wird. Was sich zwischen uns abspielt, spielt sich auch zwischen diesen gesellschaftlichen Polen ab, und ich nutze die Waffen, die mir zur Verfügung stehen. An Klassismus denke ich in diesem Moment nicht, auch kommt mir die Idee eines Bestechungsversuchs gar nicht in den Sinn, vermutlich hätte ich sie auch gleich wieder verworfen, warum sollte ich noch einmal für etwas bezahlen, was ich schon gekauft habe. Aber mir blitzt der Gedanke durch den Kopf: Wäre ich nur etwas schicker angezogen, wäre er bestimmt schon eingeknickt.
Da er das aber immer noch nicht getan hat, wiederhole ich meine müden Argumente, sehe mich dabei aber schon im Sitzwagen, in meiner Erschöpfung vornübergekippt, wie der mittellose Teenager oder die mittellose Mittzwanzigerin, die ich einmal war und die nie anders in Nachtzügen reiste. Basel–Budapest 1991, zum Beispiel, mit der Schulklasse in Sitzabteile verteilt, die Sitze heruntergeklappt, sodass für die nicht schlafenden Jugendlichen ein Schlaflager entstand, dessen erotisches Potenzial zwar nicht voll ausgeschöpft wurde, aber uns kaum entging.
Oder Budapest–Basel, Silvester 1998. Ich lebte damals, wegen eines Mannes, in Los Angeles, meine Eltern und Geschwister in einem Vorort von Budapest, meine besten Freundinnen im Schwarzwald nahe der schweizerischen Grenze, wo ich aufgewachsen bin. Von meinen Eltern hatte ich mir das Geld für den Flug aus den USA geliehen, um mit der Familie in Ungarn Weihnachten zu feiern, danach sollte es zu den Freundinnen gehen. Mehr als ein Sitzplatz war in der Reisekasse nicht drin und tagsüber fahren hätte in beide Richtungen vierzehn Tagesstunden geschluckt, die ich lieber in der Anwesenheit von wichtigen Menschen verbringen wollte. Ich fuhr also abends im Sitzwagen von Budapest-Keleti los, aus der großen, tönenden Bahnhofshalle mit den ständigen, von einer quietschig-munteren Melodie begleiteten Ansagen, den nervösen Tauben und dem grandiosen Bahnhofsrestaurant, wo man perfekt fettiges Gulasch essen kann. Zumindest damals konnte. Aber in mir strebte alles in die alte Heimat, und als der Zug durch das winterbraune Budapest und seine verschlissenen Außenbezirke fuhr, erschien mir alles trist, das wahre Leben woanders, nicht hier und auch nicht in LA, sondern in einem kleinen Kaff im Alemannischen. Ich las Attila József (Der Zug fährt mich, Fährt mein Verlangen / Ich fınde dich vielleicht noch heute), richtete mich dann so gut es ging, ein, mit meinem Rucksack als Kopfkissen, und träumte rasende Träume in den wenigen Schlaffetzen, die ich in der Position erhaschen konnte. Frühmorgens zerknautscht in Zürich umgestiegen, in Basel den Freundinnen in die Arme gefallen, am 1. Januar 1999, als die Sonne schon längst aufgegangen war, am Rhein gesessen und darüber gestaunt, dass sich das Jahrhundert dem Ende zuneigte. Zu »1999« von Prince hatten wir getanzt und waren jetzt in der Zukunft angekommen, so jung und so alt. Auf dem Rückweg wieder Sitzplatz durch die Nacht und das Gefühl, das Leben schlecht organisiert zu haben, weil die Liebsten immer anderswo waren. Wie eine Katze eingerollt auf dem Sitz schrieb ich meine Wehmut Seite um hastige Seite in mein Tagebuch, während wir durch die endlosen Alpentunnel fuhren.
Damals war die Ungemütlichkeit der durchgesessenen Nacht ohne Decken und Kissen für mich selbstverständlich, ich habe sie im Tagebuch nicht einmal erwähnt (nur diese pathetische Zeile fınde ich wieder: Ein Zug durch die Nacht ist alles, was ich brauche). Unbequeme Körperhaltungen in nicht auf Schlafkomfort ausgerichteten Räumen gehörten einfach zum Reisen dazu und ich nahm sie gerne in Kauf, um dort hinzugelangen, wo es mich hinzog. Wie es die Herkunft des englischen Wortes travel schon nahelegt: vom altfranzösischen travail, schuften, sich plagen, abmühen. Lange war dies eine Notwendigkeit, wenn ich mich von A nach B bewegen wollte – und das wollte ich ständig, denn immer war jemand Wesentliches dort, wo ich nicht war. Bequemere Reisemodalitäten konnte ich mir schlicht nicht leisten. Zwar haben sich die fınanziellen Voraussetzungen seitdem etwas gebessert, doch fühle ich mich nach wie vor dieser Tradition verbunden. Eine Reise ohne Beschwerlichkeiten ist gar keine. Worauf es ankommt, ist in Bewegung zu sein; die Nöte und Haken unserer Existenz unmittelbar zu spüren; aus dem Federbett der Zivilisation zu steigen und zu entdecken, dass die Erde unter den Füßen aus Granit besteht und mit schneidenden Kieseln übersät ist, schreibt 1879 Robert Louis Stevenson in Reise mit dem Esel durch die Cévennen. Die Unwägbarkeiten einer ungepolsterten Begegnung mit Welt bergen eine Qualität, die ich beim Reisen immer wieder suche. Diese Qualität, diese Lust auf Granit, um mit Stevenson zu sprechen, ist einer der Gründe für meine Liebe für lange Zugreisen. Und für meine Abneigung gegen das Fliegen. Das geht so weit, dass ich jetzt in der Regel mehr dafür ausgebe, um mit dem Zug langsamer und oft komplizierter an mein Ziel zu kommen, als es mit dem Flugzeug möglich wäre.
Das wirft eine Reihe von Fragen auf, die vielleicht auch meinen Konflikt mit dem Nachtzugbegleiter berühren. Kaufe ich mir den Kitzel einer maßvollen Strapaze, weil ich in meinem Alltag zu sehr von den Nöten und Haken der Existenz verschont werde und mir im Urlaub ein bisschen »echtes Leben« gönnen will? Stevenson, der selbst aus der gehobenen schottischen Mittelschicht stammte, stellt seine Behauptung als allgemeingültige Wahrheit auf, aber nicht alle schlafen regelmäßig im Federbett der Zivilisation. Wem wird es dort ob der vielen Kissen und Decken gelegentlich so stickig, dass sie oder er es auch einmal etwas (nacht-)zugiger haben möchte? Wem nicht? Wessen normales Leben ist von Nöten und Haken vollgestellt wie eine unaufgeräumte Rumpelkammer, sodass der ideale Urlaub nichts anderes sein kann als in ein Federbett zu kriechen und abzuschalten?
Vielleicht wittert der Nachtzugbegleiter auf dem Weg nach Venedig eine Anmaßung oder auch Überheblichkeit an mir. Vielleicht will er mir mit der Verweigerung eines Schlafwagenplatzes zeigen, wie es sich wirklich anfühlt, aus dem Federbett der Zivilisation zu steigen und auf Granit zu landen. Ich weiß es nicht. So tief kommen wir nicht miteinander ins Gespräch. Im Rückblick vermute ich aber, dass diese Dimension zumindest mitschwingt in unserer Auseinandersetzung. Er ist schließlich gerade bei der Arbeit – travail – und will mir vielleicht eine Extraportion davon in mein travel mischen, wenn ich schon so wunderlich bin, mit dem Zug nach Tunesien zu fahren, aber es dabei dann doch nicht zu abenteuerlich haben will.
Jedenfalls geben wir uns beide unbeweglich. Aus ihm herausgelockt habe ich die Information, dass es sehr wohl freie Plätze im Schlafwagen gibt. Auf die habe ich aber keinen Anspruch, weil ich dafür nicht bezahlt habe. Ich insistiere. Er will mich so gerne loswerden. Er baut sich vor mir auf, sein wuchtiger Körperumfang soll mich einschüchtern. Anfangs hatte er sich noch hinter einer angeblichen Alternativlosigkeit verschanzt, im Sinne von: Meine Hände sind gebunden, ich kann leider nichts machen. Jetzt hat er sich längst zu seiner Abneigung bekannt, etwas für mich zu machen, auch wenn er es wohl könnte. Es ist unsachlich geworden. Er will nicht.
Und dann macht er plötzlich kehrt, schreitet von mir weg den wogenden Gang hinunter und fıxiert mich mit einem weit aufgerissenen blauen Auge, das auf seinen kahlgeschorenen Hinterkopf tätowiert ist.
Eine Blitzsekunde lang falle ich darauf rein. Beobachtet fühle ich mich, ertappt von diesem Blick. Der Zugbegleiter läuft von mir weg, aber das Auge scheint nicht kleiner zu werden, es stiert mich an, bis es mitsamt seinem Träger im nächsten Wagen verschwunden ist. Und dann besticht mich die Absurdität des Ganzen. Ich komme mir vor wie in einem surrealistischen Film. Alles könnte jetzt passieren, aber nichts wirklich Schlimmes. Es schießt über das Ziel hinaus, dieses Tattoo, kurz hat es mich beeindruckt, aber dann bin ich sehr schnell bloß erheitert über den Auftritt dieses Mannes als panoptischer Alleinherrscher seines Nachtzuguniversums.
Vielleicht hätte er mir nicht den Rücken zukehren sollen. Das Auge am Hinterkopf soll ja ausdrücken: Ich kehre dir nie den Rücken zu, ich habe dich jederzeit im Blick. Aber ich kann ihn jetzt nicht mehr ernst nehmen, und womöglich ist das der Moment, in dem ich gewonnen habe. Jedenfalls kommt er nach einer Weile zurück und teilt mir mit großem Widerwillen mit, dass sich gerade eben ein Schlafwagenabteil als frei erwiesen habe. Ich nehme das Angebot ohne zur Schau gestellte Genugtuung an (ich will nicht im letzten Augenblick mit einer falschen Bewegung alles torpedieren) und stehe Minuten später in meinem eigenen Zimmer. Zwei Betten, übereinander im 90-Grad-Winkel, hinter einer Akkordeonwand ein Waschbecken, ausgestattet mit Seife, Handtuch, Becher für meine Zahnbürste, Wasser in einer Plastikflasche. Hinter einer Tür eine Toilette und sogar eine Dusche. Das untere Bett ist bezogen. Farbkomposition des ganzen Settings: blau und weiß. Auf Nachfrage bestätigt der Mann mit dem dritten Auge, dass kein weiterer Fahrgast zusteigen wird. Ich werde die Nacht alleine verbringen. Im Luxus. Umso luxuriöser, als ich mich noch kurz davor innerlich darauf eingestellt hatte, die Nacht im Sitzwagen zu verbringen.
Hotel auf Schienen hat der Eisenbahnhistoriker André Papazian seine Geschichte der europäischen Nachtzüge genannt. Diese Beschreibung trifft heute, wenn überhaupt, nur noch auf die Schlafwagen zu. (Hostel auf Schienen wäre eine passendere Umschreibung für die Liegewagen.) Jetzt bin ich also Hotelgast auf Schienen. Kein Fünfsternehotel, wie zu Hochzeiten der Nachtzüge Anfang des letzten Jahrhunderts, gewiss. Aber ich muss mich nicht auf die Bedürfnisse und Körperlichkeiten von Mitreisenden einstellen, kann mich in meinem Einzelzimmer ausbreiten, den Inhalt meines Rucksacks achtlos im Raum verteilen, nachts aufstehen und auf Toilette gehen, ohne die Sorge, andere zu stören. Es ist vielleicht nicht so sehr der Schlaf, der das Schlafabteil vom Liegeabteil unterscheidet, sondern die Rücksichtslosigkeit, zu der auch ein Hotelzimmer einlädt. Das romantische Gefühl, das man mit einem Schlafwagen verbindet, kommt wohl von seiner Abgeschiedenheit und Ungestörtheit … in diesem rollenden Schlafzimmer, schreibt Paul Theroux in seinem Buch Basar auf Schienen. Ich kann im Schlafwagen ohne Bedenken machen, was ich will. Oder, wenn ich mit einer vertrauten Person zusammen reise, können wir dort zusammen machen, was wir wollen. Ungestrafte Unordentlichkeit, Sex – das ist Hotel.
Was passiert, wenn man mit einer fremden Person in Zweierbelegung in einem Schlafabteil zusammenkommt (Getrennt nach Damen und Herren, informiert die Deutsche Bahn auf ihrer Website), kann ich aus eigener Erfahrung nicht sagen. Nur, dass ich meine Koje auf der Fähre von Civitavecchia nach Tunis mit einer mir unbekannten, viel auf Arabisch telefonierenden Frau geteilt habe. Es entstand zwischen uns trotz der fehlenden gemeinsamen Sprache eine Art Intimität, wir lernten schnell, uns mit möglichst wenig Reibung den engen Raum zu teilen. Als wir dann zu unserer beidseitigen Überraschung auf dem Rückweg wieder zusammen untergebracht wurden, lachten wir über den Zufall (oder vielleicht war es auch die kluge Planung der Reederei), darüber, dass wir eine Fremde wiedererkannten. Sie bot mir selbst gemachtes Fladenbrot an, das ich nicht wirklich wollte, aber trotzdem aß, und versuchte es wieder auf Italienisch mit mir, ich schüttelte bedauernd den Kopf. Zu gerne hätte ich von ihr erzählt bekommen, wie sie die Wochen in Tunesien verbracht hat – ich vermutete, sie hatte dort Wurzeln, ihr Aufenthalt wird sich von meinem grundsätzlich unterschieden haben. Gleichzeitig war ich auch froh darüber, dass ich ihre arabischen Gespräche oder Monologe nicht verstand, so konnte ich diese für meine Ohren so wohltuende Sprache ganz Klangteppich sein lassen (einzelne Wörter, die ich in den vergangenen Wochen aufgeschnappt hatte, blitzten zu meinem Entzücken heraus), während ich im unteren Stockbett las. Einen Roman von Nagib Mahfuz in französischer Übersetzung, den mir Monika als Maghreb-Verlängerung für den Heimweg mitgegeben hatte. Das Kairoer Soziotop der Kriegsjahre hatte nur entfernt etwas gemein mit dem postrevolutionären Tunesien, das mir begegnet war, aber ich freute mich bei der Lektüre über gewisse Atmosphären oder Stimmungen, die vor meiner Reise weniger Schwerkraft gehabt hätten. Jetzt waren sie mit einer realen Welt vertäut. Der Tonfall, mit dem eine Mutter zu ihrem erwachsenen Sohn spricht, etwa oder singende Kinder auf der Straße.
Das liegt aber alles noch vor mir, jetzt befınde ich mich noch im Schlafwagen irgendwo zwischen München und Venedig, unverhofft im Hotel statt im Hostel oder gar auf einem Sitzplatz. Durch den vielen Raum, durch die ganze blaue Komposition der Innenausstattung nehme ich sogar die ruckelnde Fortbewegung des Zuges weniger wahr als sonst. Fast könnte man meinen, die Schlafwagen hätten eine bessere Federung und somit eine höhere Laufruhe, aber die Erklärung ist keine technische, sondern eine psychologische. Ein Zimmer für sich zu haben fühlt sich einfach ein bisschen weniger wie Bahnfahren an, und alle Eindrücke, die mit dem Rollen von Zugrädern auf Stahlschienen zusammenhängen, treten etwas in den Hintergrund. Doch ohne Schlafgarantie. Trotz meiner Erschöpfung nach den windigen Stunden im Münchner Hauptbahnhof und dem Kräftemessen mit dem Nachtzugbegleiter, trotz des Komforts im Schlafwagenabteil mit Einzelbelegung, trotz des Versprechens seiner Bezeichnung schlafe ich nicht gut in dieser Nacht. Reiseunruhe, sämtliche Zellen und Nerven, die versuchen, sich auf das Ungewisse vorzubereiten, indem sie wachsam bleiben. Ich liege in der weichen Wiege des Schlafwagens und strebe in die Ferne, als müsste ich mit eigener Kraft den Zug durch die Nacht schieben.
Im Schnellzug zwischen Venedig und Rom, den ich am nächsten Tag besteige, übernächtigt, aber mit Lust auf die nächste Etappe, Mohnblumen wuchern neben den Schienen und sogar zwischen den Bahnschwellen, habe ich erneut eine brenzlige Begegnung mit dem Personal. Der italienische Schaffner schaut mit hochgezogenen Augenbrauen auf meine Fahrkarte mit dem gekrakelten Vermerk Zugbindung aufgehoben und will in fließendem Deutsch wissen, was das solle. Ich erkläre. Er ist empört. Dies hier sei ein reservierungspflichtiger Zug, das könnten die Deutschen doch nicht einfach wegkritzeln. Insgeheim fınde ich, dass er nicht ganz unrecht hat, will aber natürlich nicht die 80 Euro bezahlen, die er jetzt von mir verlangt. Ich gebe mich stur, verweise auf die durch den Stempel belegte Amtlichkeit des Vermerks, die er auch gar nicht anzweifelt, nur die Hoheit dieses Amtes über seinen Zug will er nicht anerkennen. So geht es hin und her, bis er schließlich die Achseln zuckt und eine Wegwerfgeste mit der Hand macht, die mir bedeuten soll, dass ich bleiben darf. Die Macht der Zugbegleiter, habe ich jetzt zwei Mal hintereinander erlebt, ist also doch begrenzt oder wird zumindest nicht immer
