Nah am Wasser - Christin Friedrichsen - E-Book

Nah am Wasser E-Book

Christin Friedrichsen

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Beschreibung

Karen hat genug: Kaum ist sie notgedrungen mit Tochter Nelly in Kurzurlaub an die Mecklenburgische Seenplatte gefahren, holt sie auch schon wieder der Job ein. Alles wird ihr zu viel, Körper und Seele quittieren den Dienst. Umgeben von skurrilen Dauercampern und idyllischer Seenlandschaft, taucht Karen einfach unter - und ahnt nicht, was sie damit heraufbeschwört. Gelingt es ihr, sich noch einmal ganz neu zu erfinden, nicht nur mit Hilfe neu gewonnener Freunde? Spritzig und humorvoll begleitet "Nah am Wasser" Karen auf ihrem Weg aus der Krise, auf dem nicht nur die Hauptfigur eine erstaunliche Wandlung vollführt.

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Karen hat genug: Kaum ist sie notgedrungen mit Tochter Nelly in Kurzurlaub an die Mecklenburgische Seenplatte gefahren, holt sie auch schon wieder der Job ein. Alles wird ihr zu viel, Körper und Seele quittieren den Dienst. Umgeben von skurrilen Dauercampern und idyllischer Seenlandschaft, taucht Karen einfach unter - und ahnt nicht, was sie damit heraufbeschwört.

«Heimat ist der Ort, wo sie einen reinlassen müssen, wenn man wiederkommt.«

Robert Frost

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

Kapitel XL

Kapitel XLI

Kapitel XLII

Kapitel XLIII

Kapitel XLIV

Kapitel XLV

Kapitel XLVI

Kapitel XLVII

Kapitel XLVIII

Kapitel XLIX

Kapitel L

Kapitel LI

Kapitel LII

Kapitel LIII

I

»Nicht dein Ernst!« Mit einem Stöhnen, als wäre sie nicht 16, sondern 60, ließ sich Nelly auf ihren Platz am Esstisch sinken und starrte Karen mit diesem ganz speziellen Blick an. Karen kannte und fürchtete diesen Blick, seit Nelly überhaupt Dinge oder Menschen fokussieren konnte. Es war gar nicht so sehr Ärger, der sich darin spiegelte, sondern eher abgrundtiefe Enttäuschung über irgendetwas, was gerade nicht so lief, wie sie es erhofft hatte. Früher war das Muttermilch, die nicht schnell genug in Nellys Schlund landete, eine Holzfigur, die an der Feinmotorikschleife festklemmte, oder ein Schnürsenkel, der sich nicht binden ließ; heutzutage eher Taschengeld, was nicht regelmäßig oft erhöht wurde, Essen, von dem man doch eigentlich wissen musste, dass Nelly es nicht mochte, oder eben ein Urlaubsziel, was unzumutbar schien. Der Grund für diese Enttäuschung zu sein, war für Karen geradezu unerträglich. Nicht, dass das wirklich oft passieren würde. Eigentlich waren Nelly und Karen ein eingespieltes Team, und Karen riss sich, sofern sie die Zeit dafür hatte, alle Gliedmaßen für ihre Tochter aus. Aber jetzt saßen sie sich in der Küche gegenüber, und Nelly blickte mal wieder, auf diese ganz spezielle Weise.

»Du hast mir versprochen, dass wir nach Malle fliegen! Wie kommst du denn jetzt auf Mecklenburgische Seenplatte?«

»Fängt beides mit M an«, dachte Karen, hütete sich aber, es laut zu sagen. Irgendwas lief hier verkehrt. Normalerweise, so wollte es das Klischee, war es bei solchen Gesprächen doch immer umgekehrt: Die Mutter redet mit vorwurfsvoller Stimme auf die Tochter ein, die sitzt da, mit leicht eingezogenem Genick, und versucht, sich zu rechtfertigen. Warum verlief das jetzt und hier ganz anders?

»Schau mich nicht so an, Nelly! Du weißt, dass ich diesen waidwunden Blick hasse!« Karen versuchte, ihre Stimme fest und überlegen klingen zu lassen. »Ich kann doch auch nichts dafür, dass das mit deinem Freundinnen-Urlaub nicht klappt. Ich habe stundenlang nach erschwinglichen Flügen recherchiert, genauso wie nach Ferienwohnungen oder Fincas. Da gibt es aber nichts mehr, nicht so kurzfristig, der Markt ist leergefegt.

Und es war auch nicht geplant, dass ich mir ausgerechnet jetzt für eine ganze Woche frei nehme. Eigentlich ist das eine Katastrophe für mich, jetzt wegzufahren, wo das Projekt in seine stressigste Phase geht. Da muss ich wenigstens erreichbar sein. Mecklenburg ist da der Kompromiss – wir können zusammen wegfahren und uns erholen, und ich kann nebenher noch ein bisschen arbeiten.«

»Merkste selbst... Erholen und nebenher ein bisschen arbeiten – das wird doch mal wieder nichts. Das ist doch schon wieder das Gleiche wie letzte Sommerferien, als du in Holland die ganze Zeit telefonierender Weise am Strand saßt und froh warst, dass du mich zu einem Surfkurs angemeldet hattest.« Nellys braune Augen sahen jetzt fast schwarz aus, und Karen hatte das Gefühl, ihren Kopf festhalten zu müssen, damit er nicht platzte.

»Wo liegt denn überhaupt diese Mecklenburgische Seenplatte?«, murrte Nelly. In seiner verhaltenen Brummigkeit klang der Satz schon fast wie ein Friedensangebot. Karen griff hinter sich ins Regal, zog zwischen dem Chinesisch- und dem Vegetarisch-Kochbuch einen Prospekt über »Unterschätzte Top-Reiseziele in Deutschland« heraus und warf ihn kommentarlos auf den Küchentisch.

Nelly studierte die Überblickskarte, die gleich auf den ersten beiden Innenseiten abgedruckt war, und runzelte die Stirn.

»Das ist ja nur ein Katzensprung von Berlin entfernt!«

»Eben!« Karen blätterte in dem für sie auf dem Kopf stehenden Prospekt ein paar Seiten weiter und tippte auf toll fotografierte Landschaften, schimmerndes Sonnenlicht, das durch sattgrüne Bäume hindurch brach und auf Wasserflächen reflektierte, pittoresk-bunte Bootshäuser und wahnsinnig entspannt aussehende Menschen. »Soll ganz schön sein da«, sagte sie und ließ Nelly weiterblättern.

»Oh Mama, schau mal! Da gibt es ein cooles Wellness-Hotel, wie wär’s denn damit? Wir könnten den ganzen Tag lang in heißem Wasser dümpeln, uns massieren und Schlammpackungen machen lassen. Stell dir vor, wir beide im kuscheligen Hotelbademantel mit Badelatschen...«

Karen musste grinsen. Jetzt konnte Nelly ihrem gemeinsamen Trip zur Mecklenburgischen Seenplatte offensichtlich doch etwas abgewinnen. Aber irgendwie klang diese Urlaubsvision zu schön, um wahr zu sein. Dieser BFF-Quatsch zwischen Mutter und Tochter funktionierte doch nicht wirklich, und wenn Nelly ehrlich war, glaubte sie auch nicht daran...Von wegen Wellness-Hotel – es war Zeit, die Bombe platzen zu lassen!

»Nelly, wir fahren nicht in ein Fünf-Sterne-Wellness-Hotel. Ich hatte da eher... an einen Camping-Urlaub gedacht.« Bevor Nelly schon wieder ausflippte, redete Karen einfach weiter. »Wenn man die Mecklenburgische Seenplatte wirklich kennen lernen möchte, muss man mitten in den Nationalpark fahren. Und da gibt es eben keine Wellness-Hotels, sondern Naturcampingplätze, ganz idyllisch mitten im Wald direkt an einem der vielen Seen gelegen. Man lässt das Auto und die Zivilisation hinter sich zurück und besinnt sich ganz auf sich selbst. Wir bauen unser Zelt auf wie damals deine Höhle und kuscheln uns abends in unsere Schlafsäcke, während der Wind über uns in den Bäumen rauscht...«

Nelly starrte ihre Mutter an – schon wieder dieser Blick! »Was ist das denn für eine armselige Tourismus-Poesie?! Hat dich Meck-Pomm persönlich für diesen kitschigen Blödsinn bezahlt?« Ohne ihre Mutter noch einmal zu Wort kommen zu lassen, ging sie in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

IINelly

Irgendwie läuft alles schief mit diesem Urlaub. Eigentlich hatte mich Holger eingeladen, mit ihm an die Ostsee zu fahren. Ostsee ist jetzt auch nicht so das Gelbe vom Ei, aber ich war schon so lange nicht mehr mit meinem Vater in den Ferien, dass ich das gerne gemacht hätte. Vielleicht hätten wir uns da wieder ein bisschen angenähert, hätten etwas mehr über den anderen erfahren. Aber dann hat Holger vor kurzem eine neue Frau kennengelernt. Natürlich wollte er eher mit der wegfahren. Und eine Urlaubsreise mit der neuen Flamme und der fast erwachsenen Tochter ist keine besonders gute Idee, da hatte er wahrscheinlich sogar recht. Ich hätte doch sicher Verständnis dafür, meinte er. Klar hatte ich Verständnis, ich bin ja immer so verständnisvoll. Mama hatte ich davon erst mal gar nicht erzählt. Sie hätte dann wieder diesen Blick bekommen, ganz glasig und abgespaced, und ihr Kiefer wäre wieder ganz eckig geworden. Sie beißt ihn dann immer ganz fest zusammen, weil es einfach nicht so gut kommt, vor deinem Kind schreiend über deinen Ex herzuziehen.

Also habe ich mich bei Martje ausgeheult, dass ich jetzt gar nicht wisse, was ich in den Sommerferien machen soll. Und die hat mich dann ganz spontan eingeladen, mit ihr und ihrer Familie in das Ferienhaus auf Sylt zu fahren. Das wäre so cool geworden. Tagsüber mit Martje am Strand und in Cafés abhängen, abends hätten wir uns mit den Jungs aus dem Dorf getroffen. Aber dann ist vor ungefähr zwei Wochen ganz plötzlich Martjes Oma gestorben. Martjes Mutter war völlig durch den Wind und musste ganz viel für die Bestattung vorbereiten, und Martje selber ist immer noch ganz geknickt. Übermorgen ist dann die Beerdigung, da konnte die Familie natürlich nicht wegfahren. Das ist natürlich schrecklich und ziemlich traurig, aber im ersten Moment war ich fast sauer, dass das jetzt schon wieder nichts wird mit meinem Urlaub. Tagelang war ich schlecht drauf, deshalb hat Mama mich gefragt, was denn eigentlich los ist mit mir, und da habe ich es ihr dann endlich erzählt.

Mama kann es immer nur ganz schlecht ertragen, wenn ich traurig bin. Das ist ja eigentlich ein toller Zug an ihr. Sie hat dann stundenlang versucht, das Projekt in ihrer Agentur, an dem sie gerade arbeitet, so umzuorganisieren, dass sie wenigstens für eine Woche gemeinsam mit mir wegfahren kann. Ich hatte ihr gesagt, dass ich so gerne mit ihr nach Mallorca fliegen würde, da hatten wir vor zwei Jahren eine Finca gemietet. Sie hat auch die ganze Zeit gesagt, dass sie da dran ist und versucht, über irgendwelche Buchungsportale noch etwas zu bekommen. Und jetzt das: Mecklenburgische Seenplatte, auf einem Naturcampingplatz irgendwo in der Pampa. Ich habe das gegoogelt; was uns dort erwartet: wenig bis gar kein Handynetz, Mücken ohne Ende, ein Gewaltmarsch vom Waldparkplatz bis zum Camp und Toiletten, die aus einer Kiste mit Holzschnitzelchen darin bestehen. Ich kriege schon die Krise, wenn ich nur daran denke! Ob Mama weiß, dass der Handyempfang dort so katastrophal ist?

III

»Ich würde gerne noch bei Tageslicht ankommen. Kannst du dich bitte ein bisschen beeilen?« Karen hatte längst schon in ihrem alten Saab gesessen, aber Nelly war immer noch im Haus und packte ihre Sachen.

»Hättest du das nicht gestern Nachmittag machen können, so wie wir es besprochen hatten? Warum brauchst du eigentlich so lange? Ich war mit meinen Sachen inklusive Vorräten und Zelt nach einer Stunde fertig!«

»Du bist eben auch toll und wahnsinnig organisiert, im Gegensatz zu mir!«, brüllte Nelly aus ihrem Zimmer. »Ich kann mich einfach nicht entscheiden, welche Klamotten ich mitnehmen soll.«

»Wie wär’s mit Jeans, Jogginghose, T-Shirts, Pulli – und die eine oder andere saubere Unterhose?«, brüllte Karen zurück. »Wir fahren Campen und nicht zu einer Modenschau. Außerdem sind wir doch nur eine Woche weg.«

Ein paar Minuten lang hörte Karen noch, wie Nelly in ihrem Zimmer fluchte und Schranktüren schmiss, dann endlich rief sie »Fertig, ich geh schon mal zum Auto!« Hinter ihr fiel die Wohnungstür ins Schloss. Karen warf noch einen letzten prüfenden Blick in jedes Zimmer der Wohnung, ob auch wirklich jedes Fenster geschlossen und auch keine lebensnotwendigen Dinge liegengeblieben waren. Dann ging auch sie zum Auto und startete den Motor. Die Reise konnte beginnen.

Aber zunächst galt es, die Berliner Stadtautobahn hinter sich zu lassen. Der Verkehr, dieses ständige Stop & go, machte Karen wahnsinnig. Gefühlt war der Urlaub schon zur Hälfte vorüber, bevor man überhaupt den Speckgürtel Berlins erreicht hatte. Karens Handy klingelte. Sie schaute kurz auf das Display und versuchte dann wieder, sich auf das Fahren zu konzentrieren.

»Kannst du bitte mal mein Telefon auf lautlos stellen? Das lenkt mich sonst zu sehr ab«, bat sie Nelly, die selbst gerade mit zwei Daumen auf ihrem eigenen Handy tippte. »Was?« Nelly nahm einen Kopfhörerstöpsel aus dem rechten Ohr. Karen wiederholte ihre Bitte, Nelly griff sich Karens Handy aus der Halterung und fuhr den Klingelton herunter. »Wer war das denn? Jemand aus der Agentur?«

»Ich fürchte eher, das war Frau Hagennah, die Leiterin der Unternehmenskommunikation von Rubikon, unserem neuen Kunden. Die planen gerade das Kickoff-Event, an dem ich mit meinem Team arbeite.«

»Weiß die denn nicht, dass du in Urlaub bist?«

Karen schaute nach links aus dem Fenster, ein wenig schuldbewusst, wie es Nelly vorkam. »Es ist ja eher eine Workation als Urlaub«, sagte sie nach kurzer Pause.

»Was soll das heißen?«, fragte Nelly und schaute ihre Mutter herausfordernd an. »Ihr Boomer immer und eure neumodischen Wörter!«

»Workation ist eine Mischung aus work und vacation, also Arbeit und Urlaub... Naja, ich konnte mich ja jetzt nicht vollständig aus meinem Projekt ausklinken. Schließlich stecke ich da am besten drin. Wir beiden machen es uns richtig schön, und ab und zu gehe ich halt mal ans Telefon und regele irgendwas.«

»Und das hat irgendwann schon mal funktioniert?«

Nellys Stimme klang anklagend, genervt, traurig – alles auf einmal.

»Wenn du im Arbeitsmodus bist, kannst du doch nie abschalten, da ist immer alles andere wichtiger. Das kann ja ein toller Urlaub werden...«

»Nelly, ich verspreche dir, dieses Mal wirdes anders!«

»Pass auf, was du sagst – Meineide sind strafbar!«

»Du bist unverschämt!«

Karen und Nelly schwiegen sich an, bestimmt für die nächsten zehn Kilometer. Das erste, was Karen dann wieder sagte, war: »Nelly, nimmst du bitte deine Füße vom Armaturenbrett? Zum einen ist das wirklich gefährlich, wenn ich mal scharf bremsen muss...«

»Und zum anderen?«

»Zum anderen stinken Teenager-Mauken ganz unerträglich!«

»Meine Füße stinken nicht, ich bin schließlich ein Mädchen.«

»Glaube mir, auch die Füße weiblicher Teenager stinken, wenn sie tagein, tagaus in den selben Sneakers stecken. Also: Füße runter!«

Brummelnd leistete Nelly Gehorsam.

Wieder klingelte Karens Handy. Es half nichts, das Handy lautlos zu stellen, wenn man es gleichzeitig als Navigationssystem benutzte und ein Anruf mit Nummernübermittlung angezeigt wurde. Wieder Frau Hagennah. Karen versuchte, das Brummen und Vibrieren so lange zu ignorieren, bis es aufgehört – Frau Hagennah also offensichtlich aufgegeben – hatte. Als sich das Telefon Minuten später wieder bemerkbar machte – schon wieder Frau Hagennah – fuhr Karen auf einen Parkplatz.

»Ich bin gerade im Auto unterwegs, da habe ich das Klingeln eben offensichtlich nicht gehört...« Nelly warf eine 1-Euro-Münze in ein imaginäres »Schwindel-Schwein«. Das hatte sie für sich schon vor längerer Zeit insgeheim eingeführt. So wichtig ihrer Mutter Ehrlichkeit im Privatleben, vor allem auch im Umgang mit ihrer Tochter, war, so oft griff sie im Job zu Notlügen, wenn sie versuchte, ihre Kunden zu beruhigen – zumindest hatte Nelly diesen Eindruck aus den diversen Telefonaten gewonnen, die sie zwangsläufig mitverfolgt hatte. Und für jede dieser Notlügen war ein Euro fällig. Würde es das Schwindel-Schwein und die darin angesparten Euro-Münzen tatsächlich geben, Nelly hätte sich mit dessen Inhalt schon etwas Schönes kaufen können.

»Ja, mit der Catering-Firma haben wir schon oft zusammengearbeitet, das hat bisher immer sehr gut funktioniert«, sagte Karen gerade. Nächster Euro für das Schwindel-Schwein. Nelly konnte sich noch gut an den Abend erinnern, als ihre Mutter wutentbrannt von einer Veranstaltung nach Hause gekommen war und ihren Schlüsselbund mit so viel Wucht in die Glasschale auf dem Sideboard im Flur geworfen hatte, dass diese zu Bruch gegangen war. Die Catering-Firma hatte an dem Abend nämlich mitnichten gut funktioniert, hatte offensichtlich fast nur Auszubildende eingesetzt, die hoffnungslos überfordert gewesen waren. Es hatte fast eine Viertelstunde gedauert, bis alle Gäste die Vorspeise serviert bekommen hatten. Einer der letzten war der Vorstandsvorsitzende von Mamas Kunden gewesen, der vor Ärger geschäumt hatte und diese Position der Rechnung nicht bezahlen wollte.

Frau Hagennah hatte Karen wohl noch eine ganze Menge mitzuteilen, jedenfalls schwieg sie eine Weile, nickte nur und machte ab und zu »Mhm«. Dann sagte sie irgendwann: »Prima, dann ist doch erst einmal alles geklärt. Ich melde mich, wenn ich Neuigkeiten zu der Sache mit den Düften habe.«

Karen drückte auf den roten Hörer, steckte ihr Handy zurück in die Halterung und startete von Neuem die Navigation. »Puh, die Frau ist echt ein harter Brocken, das kann noch lustig werden mit der«, stöhnte Karen. Nelly zog ein Gesicht.

»Wir sind noch nicht mal eine Stunde unterwegs, und du hängst schon am Telefon. Hoffentlich kommen wir überhaupt heute noch an.«

»Das werden wir schon – in knapp einer Stunde sind wir da«, versuchte Karen ihre Tochter zu besänftigen.

Der alte Saab schnurrte weiter über die Autobahn, vorbei an Orten mit merkwürdigen Namen wie Vehlefanz oder Dabergotz. Nelly kannte die Strecke gut, sie fuhren sie ja jedes Mal, wenn sie zu ihren Großeltern reisten. Die wohnten auch in Mecklenburg-Vorpommern, mittendrin im platten Land, nicht nah genug an der Küste, dass es irgendwie schick gewesen wäre, in einem kleinen Ort, dessen Namen man noch nie gehört hätte, wenn man nicht dort geboren und aufgewachsen war. Oder eben Verwandtschaft dort hatte, die man mit wenig Regelmäßigkeit besuchte.

Die Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern überquerten sie unmerklich. Bald hatten sie schon das wuselige Waren erreicht, das kaum vermuten ließ, dass nur wenige Kilometer danach absolute Ruhe auf den Erholungssuchenden wartete. Ein wunderbar altmodischer Slogan warb schon seit den 1920er Jahren für die Stadt an der Müritz: »Baden, Wandern, Wasserfahren, nirgends schöner als in Waren.« Moderner, aber mit mindestens ebenso viel Sprachwitz gesegnet war die Textzeile auf den Ortsausgangsschildern, die sich mit »Schön, dass Sie in Waren waren!« bei den Besuchern bedankten.

***

Von hier aus erfuhr die Qualität der Straßenbeschaffenheit nach jeder Abzweigung ein stetiges Downgrade: Auf die gut ausgebaute Bundes- folgte eine schmale Landstraße, der die Wurzeln der Alleebäume an vielen Stellen die Asphaltdecke zu holprigen Wülsten verschoben hatten. Die wurde abgelöst von einer Betonstrecke - »Panzerplatten«, wie Karen sie nannte, und die mit so großen Lücken verlegt waren, dass die beiden Frauen im Sekundentakt durchgerüttelt wurden. Schließlich bog Karen in einen Waldweg ein. Ein heftiger Regen musste den Boden aufgeweicht und ausgewaschen haben. Mehr schlecht als recht versuchte Karen, den wassergefüllten Vertiefungen im schlammigen Erdreich auszuweichen.

»Sind wir dann gleich beim Waldparkplatz?«, fragte Nelly.

»Welcher Waldparkplatz?«, fragte Karen irritiert zurück. »Campingplatz meinst du wohl?«

Für Nelly war das die erste gute Nachricht an diesem Tag. »Wir können doch direkt bis zum Campingplatz fahren?«

»Na klar, warum denn nicht?«

»Ach, nur so. Dann habe ich das wohl falsch gelesen.« Nelly wirkte merklich erleichtert.

Schließlich hielt Karen an einer kleinen Bretterbude, die großspurig als »Rezeption« ausgewiesen war. »Dann gehe ich mal einchecken«, sagte sie, während Nelly losprustete.

»Na, ihr Hübschen, was kann ich für euch tun?« Im Halbdunkel der Rezeption machte Karen einen Mann in einem ausgeblichenen »Tote Hosen«-T-Shirt aus, der sich hinter einem Tresen verschanzt hatte.

»Wir bräuchten einen Platz für unser Auto und ein kleines Zelt«, sagte Karen.

»Habt ihr denn reserviert?«

»Oh, hätten wir das machen sollen?« Karen hatte plötzlich den leicht naiven, mädchenhaften Tonfall drauf, den Nelly an ihr hasste und den sie immer dann bemühte, wenn sie genau wusste, dass sie etwas Wichtiges versäumt hatte. Umso ärgerlicher fand es Nelly, dass sie damit immer wieder durchkam, vor allem bei bestimmten Männern in einem bestimmten Alter. Ob das auch hier klappen würde? Schließlich hatte schon am Eingang zum Campingplatz ein eindeutig kompromissloses Schild darauf hingewiesen: »WENN VOLL, DANN VOLL!«

Der Mann schaute in ein großes Buch voller Eselsohren und durchgestrichener Bleistiftnotizen, blätterte darin hin und her, tippte dann auf das Datum von heute und legte die Stirn in Falten.

»Hm, ihr habt verdammtes Glück! Gerade vor ein paar Minuten hat ein Ehepaar aus Hessen abgesagt, die eigentlich für ein paar Tage hier campen wollten!«

»Na, dann sollte das wohl so sein!« Karen setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Wo dürfen wir uns denn aufbauen?«

»Ich komm mit und zeig euch, wo noch Platz ist.«

Er klappte ein Brett nach oben und schälte sich hinter seinem Tresen hervor, dann schob er Karen und Nelly mit einer gönnerhaften Geste vor sich her aus der Baracke. »Wir gehen erst mal zu Fuß, euer Auto könnt ihr dann gleich nachholen, wenn ihr wisst, wo ihr stehen könnt«, rief er über seine Schulter, während er bereits mit weit ausholenden Schritten vor ihnen herging, offensichtlich gewohnt, jeden Tag größere Strecken auf dem Gelände zurückzulegen. Während sie hinter dem Campingplatz-Besitzer herhastete, blickte Karen sich um. Vor der Rezeption hatte jemand eher vergeblich versucht, dem Vorplatz mit bunten Windrädern und kitschigen Tonfiguren einen Hauch von Gemütlichkeit zu verleihen.

Von dort aus führte ein Weg weiter durch das Waldstück, gesäumt von Rasenflächen. Ab und zu waren Zelte zu sehen oder ein Wohnmobil mit ausgefahrener Markise. Da, wo sich der Weg nach links verzweigte, teilten kleine, buschige Hecken die Parzellen ab. Hier standen vor allem Wohnwagen, deren teilweise ausgeblichene Vorzelte darauf hindeuteten, dass der ein oder andere schon seit längerer Zeit in Betrieb war. Alles in allem war der Platz aber eher – leer, ein Umstand, mit dem Karen nach dem Getue des Mannes an der Rezeption nicht wirklich gerechnet hatte. »Gar nicht sooo viel los...«, kommentierte sie ihre Beobachtung, was der nach wie vor ihr vorauseilende Mann nur mit dem Satz quittierte: »Wir mögen es eben ruhig hier.«

>Wer ist denn wir?< fragte sich Karen. Gab es da noch eine Frau Campingplatzbesitzerin, die die Liebe ihres Mannes zu deutschen Punkrockbands teilte und bei der Gestaltung des Platzes mit weiblicher Deko-Wut Hand angelegt hatte? Und: Arbeiteten nicht auch Campingplatzbetreiber mittlerweile Gewinn maximiert? Kontte man sich da einfach erlauben, einen Platz so wenig auszulasten, weil man es halt ruhig mochte? Oder gab es noch weitere unattraktive Features an diesem Campingplatz außer der abgewarzten Rezeption und dem geschmacklos gestalteten Vorplatz, der andere Besucher abschreckte?

Jedenfalls war es tatsächlich wunderbar ruhig hier, bisher war auch keine Menschenseele zu sehen gewesen. Nur vor einem der Wohnwagen saß ein älteres Ehepaar, bei Kaffee und Keksen. Ihr Auto, ein älterer, aber tadellos gepflegter Opel, stand direkt daneben. Karen erkannte das Kennzeichen. »Mensch, noch mehr Berliner, die sich von der Hektik der Großstadt erholen wollen.«

»Das sind Margot und Heinz. Sind auf Dauerurlaub hier.« Pause, während Schritte weiter auf Kies knirschten, dann: »Ich bin übrigens Det.«

»Hallo Det, angenehm«, erwiderte Karen die etwas unvermittelte Vorstellung. »Ich bin Karen, und das...« Karen deutete hinter sich, wo Nelly etwas langsamer hinterherschlenderte, »...ist meine Tochter Nelly.«

Det nickte freundlich, eilte aber weiter, ohne sich durch Förmlichkeiten stören zu lassen. Schließlich öffnete sich das Waldstück zu einer kleinen Lichtung, umrahmt vor allem von niedrigen, stämmigen Birken, deren Äste leicht im Wind wippten. Nur eine Handvoll kleiner Zelte stand auf der Lichtung, außerdem zwei einsame Campingstühle, die aussahen, als hätten ihre Besitzer sich mitten in einem Gespräch in Luft aufgelöst.

»Da wäre dann auch euer Platz – unsere Wellness-Oase!« Det schmunzelte, freute sich über seinen eigenen Scherz. Karen, die kurz ihren Gedanken nachgehangen und ihren Blick auf den Boden geheftet hatte, blickte in die Richtung, in die Det deutete.

Erst dann sah Karen, worauf Dets Scherz tatsächlich anspielte, denn am vorderen Ende der Lichtung glitzerte Sonne auf Wasser. Hier sollte ihr Platz sein, direkt am See, zu dem das erst grasbewachsene, dann sandbedeckte Ufer seicht abfiel.

»Das ist ja wie im Prospekt!« Nellys Stimme direkt hinter ihr ließ Karen zusammenfahren, sie hatte ihre Tochter gar nicht kommen hören. Das erste Mal seit langer Zeit schien sie ihre pubertätsspezifische Coolness-Maskerade abgelegt zu haben und einfach nur ehrfürchtig begeistert zu sein.

»Ja, oder?!« Karen legte den Arm um Nellys Schulter und schaute gemeinsam mit ihr aufs Wasser. Der See war nicht besonders groß, eines der bescheideneren Gewässer der sich hundertfach verzweigenden Mecklenburgischen Seenplatte. Aber im Gegensatz zu den touristischeren Gebieten war es hier still und zumindest momentan vollkommen menschenleer, der See schien ihnen ganz alleine zu gehören.

»Ich will euch ja nicht stören...« Wieder zuckte Karen zusammen – sie hatte Det, der sich für diesen Mutter-Tochter-Augenblick unvermutet einfühlsam im Hintergrund gehalten hatte, schon wieder ganz vergessen. »Wenn ihr noch was braucht, sagt einfach Bescheid, ihr wisst ja, wo ihr mich findet. Ich vermiete euch auch ein Kanu, Kajak oder SUP (er sprach es aus, wie man es schrieb – die englische Abkürzung für StandUp Paddeling war ihm möglicherweise doch nicht so geläufig, wie er tat), müsst ihr nur am Vortag an der Rezeption anmelden. Euer Auto könnt ihr direkt hier parken, wenn ihr wollt, oder vorne bei der Rezeption stehen lassen. Und abgerechnet wird bei Abfahrt. Genießt eure Zeit!«

Damit schritt er wieder den Kiesweg zurück zur Rezeption. Karen und Nelly blieben noch kurz am See zurück, dieses Mal hatte Nelly ihren Arm um Karen gelegt, bis sie sagte: »Dein Hintern vibriert!«

»Was?«

»Dein Hintern vibriert – bestimmt schon wieder diese nervige Hagennah!«, sagte Nelly.

Karen fasste in ihre hintere Hosentasche, fischte ihr Handy heraus und starrte auf das Display.

»Die Hagennah ist es nicht, aber nervig ist es trotzdem.«

Sie steckte das brummende Handy zurück in ihre Hosentasche und stapfte den Kiesweg entlang zum Auto, Nelly hinterher. Die wenigen Camper, die vor ihren Zelten oder Wohnmobilen die schwächer werdende Nachmittagssonne genossen, ignorierte sie.

»Können wir bitte, bitte mit dem Auto direkt zum Stellplatz fahren?« Nelly schaute Karen mit großen, bettelnden Augen an, wie ein Glupschi – diese Kuscheltiere, die in allen Farben und Formen existierten und ausschließlich aus riesigen Augen zu bestehen schienen. So hatte Nelly das letzte Mal versucht, sie zu überreden, als sie zehn war.

»Natürlich fahren wir mit dem Auto zum Stellplatz, wir müssen doch auch das Zelt und unsere Vorräte transportieren. Ich hatte nicht vor, das alles zu tragen.« Karen schaute ihre Tochter verwundert an und fragte sich, woher der Wind wehte. Das wurde ihr dann klar, als Nelly, kaum hatten sie den Wagen unter einem Baum beim See abgestellt, zum Kofferraum eilte – und mit ihrem Hartschalenkoffer zurückkehrte, den sie hinter sich her zerrte, weil die Rollen auf Kies und Rasen leider versagten.

»Nelly!« Karen schlug mit gespieltem Entsetzen die Hände vors Gesicht. »Wie kommst du denn auf die Idee, mit diesem Kofferungetüm zum Camping zu fahren? Wenn du den aufklappst, ist doch das ganze Zelt schon voll!«

»Ich weiß. Aber ich konnte mich nicht entscheiden, was ich mitnehmen soll. Und da alle anderen Taschen für meine Klamotten zu klein waren, habe ich eben den Koffer genommen.« Karen wünschte sich, sie hätte für ihre Tochter gepackt, so wie früher. Aber wahrscheinlich gehörte auch das zu den Erfahrungen, die man im Leben machen musste. Karen seufzte.

»Lass uns erst mal das Zelt aufbauen. Dann können wir immer noch entscheiden, ob dein Koffer mit rein darf oder leider draußen bleiben muss.«

Sie nahm die Hülle mit dem Zeltzubehör aus dem Kofferraum und breitete alles fein säuberlich auf dem Rasen aus. Das war auf jeden Fall schon mal ein Vorteil der Mecklenburgischen Seenplatte gegenüber einem Ort am Meer: Zumindest momentan war es nahezu windstill, man musste sich nicht unter Körpereinsatz auf die Zeltplane werfen, um ein Wegflattern zu verhindern. Fasziniert schaute Nelly dabei zu, wie Karen das Gestänge auspackte.

»Fasst du bitte mal mit an?« Erschreckt stellte Karen fest, dass jetzt schon ein leichtes Gefühl von Ärger in ihr hochkochte. Dabei wollte sie Nelly noch nicht einmal böse Absicht unterstellen. Aber wie man ebenso verträumt wie gelassen dabei zuschauen konnte, wenn jemand anderes alleine eine Arbeit verrichtete, die einem auch noch selbst zugute kam, würde ihr für immer ein Rätsel bleiben. Das ließ sich doch nicht alles mit »Pubertät« entschuldigen, als sei das eine unheilbare Krankheit, auf die man eben Rücksicht nehmen musste. Sie wollte jedenfalls keinen Menschen großziehen, der irgendwann mal so gedankenlos war wie einige ihrer Kollegen.

»Na los – oder weißt du nicht mehr, wie man ein Zelt aufbaut?«

Zehn Minuten später musste Karen sich fragen, ob das nicht womöglich auf sie selbst zutraf. Gemeinsam mit Nelly hatte sie problemlos das Gestänge zusammengesteckt und in die Schlaufen in der Zelthaut geschoben. Das sah schon mal gut und äußerst professionell aus – war aber leider nur der erste Schritt. Schwieriger wurde es schon, als es darum ging, die Stangen links und rechts in den dafür vorgesehenen Ösen zu verankern. Auf einer Seite klappte das immer ganz gut, doch sobald die Stangen unter Spannung standen, schnalzten sie gerne mal in ihre ursprüngliche, gerade Form zurück. Einmal hatte das metallene Ende einer Stange sie schon im Gesicht getroffen und einen Kratzer hinterlassen, den sie klaglos hingenommen hatte. Fast hatte sie Nelly schon im Verdacht, dass sie versuchte, besonders schnell zu sein, um die Stange in die Öse zu stecken, weil sie dann den leichteren Job hatte. Nach fünf Fehlversuchen bei nur einer Zeltstange ließ sich Karen entmutigt und entkräftet rücklings auf die Zeltplane fallen.

»Du willst doch nicht etwa aufgeben? Los, weiter geht’s!« Nelly stand über ihr, ihr Körper warf einen Schatten auf Karens Gesicht.

»Du Sklaventreiberin! Lass mich doch einfach ein bisschen hier liegen und mich ausruhen!«

»Nichts da, sonst werden wir ja nie fertig!«

Karen rappelte sich auf, nahm eine Zeltstange in die Hand und steckte sie in die Metallöse. Als Nelly gerade versuchte, das andere Ende auf ihrer Seite in der Öse zu verankern, vibrierte Karens immer noch auf lautlos gestelltes Handy. Instinktiv griff sie an ihre Hosentasche und ließ dabei die Zeltstange los, die in dem Moment auf Nellys Seite aus der Metallöse sprang und Nelly fast am Auge getroffen hätte. Die warf die Zeltstange zu Boden und brüllte: »Jetzt reicht’s mir aber, leg sofort das blöde Handy weg und hilf mir, das Zelt fertig aufzubauen!«

Karen war so perplex, dass sie tatsächlich das Handy fallen ließ. Das war eine Reaktion, wie sie schon dutzendmal in umgekehrter Konstellation vorgekommen war – jetzt war es Nelly, die sie zurechtwies. Und das Schlimme war: Sie hatte recht. »Entschuldige!« murmelte Karen und umrundete die ausgebreitete Zeltplane, um nachzuschauen, ob die Stange ihre Tochter verletzt hatte. Sie hob vorsichtig Nellys Kinn an und drehte ihr Gesicht in die Sonne, um die Haut unter ihrem Auge zu untersuchen. Auch sie hatte dort jetzt einen Kratzer. Zärtlich strich Karen über Nellys Wange, dann nahm sie sie in den Arm. »Tut mir leid! Ich muss wirklich versuchen, für die paar Tage mal abzuschalten und dich vor meinen Job zu stellen.«

»Ist schon gut. Für die paar Tage wirst du das bestimmt schaffen!« Irrte sich Karen, oder klang das ein bisschen sarkastisch?

Motorengeräusche ließen Karen aufschrecken, als sie sich gerade daran machen wollte, das Zelt mit Heringen gegen Wind und Wetter zu sichern. Ein Wohnmobil, bestimmt zehn Meter lang, näherte sich dem Platz, auf dem bis eben nur die zwei Campingstühle gestanden hatten. Langsam dämmerte Karen, dass die lächerlichen Stühle als Platzhalter für das riesenhafte Reisemobil gedient hatten – und sie hatte eben begonnen, ihr Zelt in unmittelbarer Nähe zu verankern. Auf der Beifahrerseite wurde die Scheibe heruntergekurbelt, eine Frau mit winzigen, grauen Dauerwellen schob ihren Kopf heraus und krächzte etwas.

»Schleichtier!«, hatte Karen erst verstanden.

»Wie bitte?«, fragte sie deshalb höflich zurück.

»Schleich di!«, kreischte die Frau, jetzt schon deutlich lauter.

>Ah, ,Schleich dich!', bayrisch für: ,Mach dich vom Acker!' / ,Sieh zu, dass du Land gewinnst!' / ,Verpiss dich!'< wurde Karen die Bedeutung dieser Worte klar, als die Frau auch schon mit ihrer Tirade fortfuhr.

»Meinst vielleicht, wir zahlen hier fünfzehn Euro die Nacht plus Strom, nur damit wir euch zwei direkt in unserem Vorgarten sitzen haben? Wir brauchen hier Platz zum Leben, sonst ist des für uns kein Urlaub!«

Fassungslos hielt Karen in ihrer Bewegung inne und dachte bei sich:

>Diese Camper! Tun immer so, als würden sie ein freies Leben leben, heute hier, morgen dort, offen und flexibel – und sind doch die schlimmsten Spießer von allenk

Hinter sich hörte sie Nelly laut flüsternd sagen: »Mama, das dürfen wir uns doch nicht gefallen lassen, das ist doch eine Unverschämtheit!«

»Ist schon gut, Nelly, ich lass mich hier auf keine Diskussion ein«, antwortete sie, ebenso laut. »Oder möchtest du jeden Morgen neben einer Frau aufwachen, die schon den Brüdern Grimm als Vorlage für die Hexe bei Hänsel und Gretel gedient hat?« Mit diesen Worten zog sie das Zelt etliche Meter weiter in Richtung See, wo es sowieso viel schöner war.

Karen hatte der Versuchung widerstanden, Dets Angebot in Anspruch zu nehmen und »Bescheid zu sagen, wenn sie etwas brauchte« – sie hätten gut Hilfe dabei gebrauchen können, die Heringe in die steinharte Erde zu hämmern, aber diese Blöße wollte Karen sich auf gar keinen Fall geben. Für die beiden dicken Luftmatratzen hatte sich Karen aber dann doch Dets Profipumpe ausgeliehen, mit der er normalerweise die SUPs aufpustete. Nach einigem Hin und Her hatte sich Nelly darauf eingelassen, nur die wichtigsten Klamotten aus dem Koffer zu nehmen und ansonsten das Hartschalenungetüm im Kofferraum zu lassen. Jetzt lag Karen müde im Zelt und wollte sich am liebsten überhaupt nicht mehr rühren. Nelly öffnete den Reißverschluss am Zelteingang mit nervtötendem Ratschen und steckte ihren Kopf durch die dabei entstandene kleine Lücke.

»Was gibt’s eigentlich zum Abendessen?«, fragte sie.

»Kommt drauf an, was du eingekauft hast.«

»Ich hab’ nichts eingekauft...« Manchmal war Nelly mit ihren 16 Jahren geradezu niedlich naiv, Ironie oder gar Sarkasmus schien spurlos an ihr vorüberzugehen.

»Da sind wir ja schon zu zweit, ich habe nämlich auch nichts eingekauft. Was du sicher mitbekommen hast, schließlich haben wir heute den ganzen Tag gemeinsam verbracht.«

»Können wir nicht essen gehen?«

»Wo würdest du denn gerne essen gehen? Zum Griechen, Inder, Chinesen, oder gut bürgerlich? – Nelly, im Umkreis von geschätzt 20 Kilometern gibt es hier weit und breit kein Restaurant. Und ich werde sicher nicht mehr das Auto bewegen, nur damit wir essen gehen können!

Also gibt es wie bei jedem Campingurlaub am ersten Abend nach der Ankunft: (Karen trommelte vor sich auf die Luftmatratze) Ravioli!«

Karens Traditionsessen bei jedem Campingausflug war ein ewiger Konfliktstoff zwischen Nelly und ihr. Für Karen waren Dosenravioli eine Kindheitserinnerung an die Zeiten, als sie selbst mit ihren Eltern Zelten gefahren war. Irgendwann nach der Wende hatten die in Tomatensoße schwimmenden Teigtaschen, nur dem Namen nach angelehnt an eine italienische Spezialität, die ewige Würstchensoljanka abgelöst, die zuvor jeden Campingurlaub eröffnet hatte.

»Du weißt, dass ich Dosenravioli hasse! Die Dinger schwimmen doch schon seit zweihundert Jahren in Flüssigkeit, die nur ausgebuffte Marketingexperten als Tomatensoße bezeichnen. Allein schon dieses schmatzende Geräusch, wenn die Ravioli aus der Dose in den Topf plumpsen – da wird mir echt schlecht von! Außerdem könntest du auch mal weniger mit Fleisch kochen. Oder besteht die Füllung gar nicht aus Hack, sondern aus Holzabfällen? So schmeckt sie jedenfalls!«

»Bist du fertig?« Karen versuchte, allein mit ihrem Blick Nellys Redeschwall ein Ende zu setzen. »Es gibt Ravioli, und damit basta. Wir haben nämlich nichts anderes, morgen müssen wir erst einmal einkaufen fahren!«

Karen holte den Ein-Flammen-Gaskocher aus dem Kofferraum, zusammen mit Büchse, Topf und Dosenöffner, und begann, das spartanische Abendessen vorzubereiten. Nelly saß schmollend auf ihrem Klapphocker. »Haben wir Brot dabei?«

»Ja, auch im Kofferraum.«

»Dann ess ich eben Brot.«

Als die sämige, mit einem glänzenden Film überzogene Soße anfing, Blasen zu werfen, nahm Karen den Topf vom Feuer und ließ den kompletten Inhalt in eine Melaminschüssel gleiten. Sie konnte gerade noch der Versuchung widerstehen, direkt aus dem Topf zu essen. Ein bisschen Stil musste sie doch noch aufrecht erhalten, trotz oder gerade wegen Camping. Sie schaute zu Nelly hinüber, die ihr Brot dick mit Butter beschmiert hatte.

»Vegan ist das auch nicht gerade!«

Noch war es zu früh, den Urlaub mit Nelly als Fiasko zu bezeichnen. Sicher tat es beiden gut, mal wieder ein bisschen mehr Zeit zusammen zu verbringen – quality time, Karen hasste den Begriff, als hätte nicht jede anders genutzte Zeit auch ihre Qualitäten.

»Mama!« Nellys Stimme hatte diesen Unterton, den sie immer erst dann bekam, wenn sie etwas schon mehrfach wiederholt hatte.

»Was ist denn?«

Karen, die ihr Essen gedankenverloren und mit dem Rücken zum See in sich hinein geschaufelt hatte, drehte ihren Kopf zum Wasser, wohin Nelly fast aufgeregt deutete. Vor ihren Augen spielte sich ein Schauspiel ab, das die Natur jeden Abend hier inszenierte, was aber noch deutlich an Wert und Bedeutung zu gewinnen schien, wenn Menschen es andächtig betrachteten: Die Sonne ging unter und überzog den See mit orangefarbener Glasur. Karen drehte ihren Stuhl und stellte das Schälchen, das sie tatsächlich leer gegessen hatte, auf den Boden. Dann versank sie völlig in dem lautlosen Spektakel, bis die Sonne ganz untergegangen war. Die Beine hatte sie gerade ausgestreckt, so bequem, wie das auf dem Campingstuhl nun einmal ging, die Arme hingen schlaff herunter. Endlich angekommen!

***

»Ich geh Zähneputzen, kommst du mit?« Nelly warf Teller und Messer in die für das Schmutzgeschirr vorgesehene Plastikkiste und schaute Karen auffordernd an. Karen grinste.

»Was ist los? Hast du Angst, alleine über den dunklen Campingplatz zu gehen?«

»Quatsch! Ph, dann geh ich eben alleine...«

Nelly wühlte in ihrem Koffer nach dem Kulturbeutel, warf sich ihr Handtuch über die Schulter, schlüpfte in ihre Schlappen und schlurfte im typischen Badelatschen-Gang in Richtung des Waschhäuschens. Kurz darauf ging Karen ihr hinterher.

Ähnlich wie der Rest des Campingplatzes hatte der Waschraum für »Damen« schon bessere Zeiten gesehen: Von den auf Putz verlegten, mehrfach übergestrichenen Heizungsrohren blätterte die Farbe, ebenso von den Wänden. Fast jedes Waschbecken zierte ein Sprung, der sich wie Adern durch das Porzellan zog, die meisten Wasserhähne waren rostig. An der Decke hatten ganze Spinnen-Clans ihre Netze gewebt, deren jüngste Nachkommen fett gefressen in den Ecken saßen und auf Beute lauerten. Wer auch immer ab und zu im Waschraum vorbeikam, um sauber zu machen, war offenbar ein wahrer Tierfreund und wollte weder Spinnen noch anderes Getier in ihrem natürlichen Habitat stören.

Karen und Nelly stellten ihre Kulturbeutel nebeneinander auf die Ablage unter dem Spiegel. Der war ringsum blind, braune Flecken umgaben den Rand und ließen nur einen kleinen, kreisrund reflektierenden Bereich im Inneren erkennen – wie ein antiker Bilderrahmen, der ein uraltes Familienfoto einfasste. Karen musste immer schmunzeln, wenn sie solche Fotografien betrachtete: Der Vater in der Mitte, meist sitzend, mit ernstem Gesicht und stolzgeschwellter Brust, daneben die Dame des Hauses im Sonntagsstaat und, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, die Kinder, wahlweise im Matrosenanzug oder dem besten, bis zur Unbeweglichkeit gestärkten Kleidchen.

In diesem Bild nun fehlte das männliche Familienoberhaupt, zwei Frauen starrten sich gegenseitig ins müde Gesicht. Nelly fummelte an einem winzigen Pickel, der gerade anfing, an ihrem Kinn zu sprießen.

Ansonsten war ihr Gesicht makellos und glatt. Anders als bei ihrer Freundin Martje, deren Gesicht von einer mondkraterartigen Akne überzogen war, war die Pubertät bisher sehr gnädig mit ihr. Das hielt sie nicht davon ab, genervt an ihrem Kinn herumzudrücken.

»Ich sehe aus wie das Sams!« fluchte sie.

Karen musste sich zusammenreißen, um nicht laut herauszulachen.

»Dann hättest du aber nur noch sehr wenige Wunschpunkte übrig.«

Währenddessen zupfte sie an einem dunklen Haar, das sich auf ihrer Oberlippe zeigte. Verdammt, das war doch gestern noch nicht dagewesen! »Dafür sehe ich aus wie Tom Selleck in seinen besten Zeiten!« Der leere Ausdruck auf Nellys Gesicht sagte ihr, dass die nicht die geringste Ahnung hatte, wer Tom Selleck war. Wie konnten so wesentliche Aspekte abendländischer Kultur an dieser Generation einfach vorbeigegangen sein?

Karens Blick schweifte von ihrem eigenen Spiegelbild zu dem ihrer Tochter und wieder zurück. Wann hatten sie das letzte Mal gemeinsam vor einem Spiegel gestanden? Und wann war dieser Moment eingetreten, als ihre eigene Jugend und Faltenlosigkeit vollständig auf ihre Tochter übergegangen war?

Erst vor ein paar Tagen hatte Karen in einer Kiste mit Fotos aus der Studienzeit gekramt. Eigentlich hatte sie nur nach witzigen Bildern für eine Geburtstagskarte gesucht, für ihren Studienfreund Jan, der bald vierzig wurde. Eigentlich sollte es auch schnell gehen, sie hatte nur wenig Zeit, weil sie schon bald wieder losmusste, zu einem Förderkreis-Treffen von Nellys Schule. Aber dann war sie hängengeblieben an den ganzen Erinnerungen und wäre fast zu spät gekommen. Als sie damals mit dem Studium in Berlin angefangen hatte, war sie gerade mal 19 gewesen und fühlte sich wahnsinnig verwegen. Ihre Dauerwelle, die sie sich allen Ernstes mit 16 hatte machen lassen, war einer nur noch leicht gelockten Mähne gewichen, auf fast allen Fotos zog sie einen Mundwinkel in Billy-Idol-Manier nach oben.

Nelly sah ihr gar nicht so fürchterlich ähnlich – die leicht gewölbte Stirn und die braunen Augen hatte sie eher von Holger. Aber in ihrer Unbekümmertheit und jugendlichen Frische schien Nelly viel mehr mit ihrem 19-jährigen Ich gemeinsam zu haben als Karen selbst. Unwillkürlich wurde Karen von einem Gewühlswirrwarr durchflutet, eine seltsame Mischung aus bedingungsloser Liebe, Stolz und – wie sie zu ihrem eigenen Schrecken feststellen musste – Neid. Entschlossen spuckte sie ihren Zahnpastaschaum ins Waschbecken und schüttelte den Kopf, um die für eine liebende Mutter ungebührlichen Gedanken zu verscheuchen. Dann packte sie ihren Kulturbeutel zusammen und rief, bereits an der Tür, Nelly zu: »Fertig? Dann ab in die Koje!«

***

Auf Campingplätzen verfiel Karen jedes Mal in eine Lebensweise wie vor der Entdeckung der Elektrizität: Das durch die dünne Zeltplane einfallende Licht kitzelte einen schon mit Sonnenaufgang wach; bald nach Sonnenuntergang, wenn das zweite oder dritte Gläschen Wein ausgetrunken und die klamme Kälte aus dem Gras in alle Knochen gekrochen war, hüllte man sich eilig in den Schlafsack und versuchte, einzuschlummern. Das gelang in dieser Nacht aber weder Nelly noch Karen so schnell. Nelly hatte, obwohl sie es besser hätte wissen können, noch lange Zeit versucht, TikTok-Videos zu schauen.

Doch jedes Mal, wenn ein Film gerade wenige Sekunden lang gelaufen war, wurde schon wieder das Lade-Symbol angezeigt, bevor ein Film dann kurz weiterruckelte, um dann wieder zu stoppen. »Das gibt’s doch gar nicht!« murmelte sie immer wieder. »Verdammt!« schrie sie dann, bevor sie das Handy entnervt in eine Ecke des Zeltes warf. »Du hast uns ans Ende der Welt verfrachtet!«

Zum Glück verfügte Nelly über den robusten Schlaf eines Teenagers. Kaum hatte sie sich zornig zur Seite gedreht und die Kapuze ihres Schlafsacks unter lautem Rascheln bis fast über den Kopf gezogen, deutete ihr gleichmäßiger, leicht schnorchelnder Atem darauf hin, dass sie von einer Sekunde auf die nächste eingeschlafen war.

Auch Karen hatte ihrem Handy endlich die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die es immer wieder mit penetrantem Klingeln eingefordert hatte. 14 Anrufe in Abwesenheit! Zwei davon noch einmal von Frau Hagennah, obwohl Karen eigentlich klar gemacht hatte, dass sie sich als nächstes mit weiteren konkreten Infos melden würde. Sechs von unterschiedlichen Mitarbeitern ihrer Agentur, darunter von ihrem Partner, Piet – obwohl sie darum gebeten hatte, nur im Notfall angerufen zu werden. So viele Notfälle an einem Tag konnte es doch gar nicht geben! Je einer von unterschiedlichen Kunden, weitere zwei, deren Nummern sie gar nicht zuordnen konnte. Ohne ihre Mailbox abzuhören, löschte sie alle Anrufe des heutigen Tages und legte das Handy ans Fußende unter die Luftmatratze. Morgen war auch noch ein Tag!

Doch anders als Nelly fiel ihr das Einschlafen schwer. Um das Zelt herum knirschte und knackte es unablässig; auch wenn es hier drinnen eigentlich ganz heimelig war, gab die dünne Hülle des Zeltes ja nur die Illusion eines Schutzes gegen äußere Einflüsse, seien es Regen oder wilde Tiere. Hatte sie nicht gerade erst gelesen, dass es auch in Mecklenburg-Vorpommern wieder Wölfe gab? Aber die würden ja nicht so nah an menschliche Behausungen herankommen. Außer das Tier hatte beispielsweise Tollwut... Tollwut?! Irgendwie war sie auch nicht mehr in dem Alter, in dem man auf einer Luftmatratze gut schlafen konnte, und sei sie auch noch so dick, mit Velour bezogen und ohne die sonst so störenden wulstigen Luftkammern. Karen rückte hin und her, um eine bequeme Schlafposition zu finden. Es war auch unerwartet kühl für eine Sommernacht. Vom See her kroch kühle Feuchtigkeit, die selbst der für Arktistemperaturen erprobte Schlafsack nicht abhalten konnte. Der raschelte übrigens bei jeder Bewegung, das konnte einen wirklich wahnsinnig machen. Da war noch viel Optimierungspotenzial auf dem Feld der Schlafsack-Technologie!

Was wohl die Hagennah schon wieder wollte? Diese Frau brachte sie noch um den Verstand! Ein Kontrollfreak sondergleichen! Jede Aussage, jede Maßnahme, die Karen vorschlug, musste sie immer noch mal auf den Prüfstand stellen. Aber wahrscheinlich war ihr Unternehmen auch eine dieser hierarchisch strukturierten Vorhöllen des Machokapitalismus, in denen immer von unten gebuckelt und von oben getreten wurde. Wahrscheinlich hatte sie einfach nur Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, die sofort mit einer selbstgerechten, hohntriefenden Standpauke durch den Vorstandsvorsitzenden oder im schlimmsten Fall mit der Kündigung quittiert werden würde. Da konnte einem die Hagennah ja fast schon leidtun. Aber musste sie das an ihr rauslassen? Frustriert biss Karen die Zähne zusammen, um jetzt nicht auch noch aus Selbstmitleid loszuheulen. Erschöpft von all diesen destruktiven Gedanken schlief Karen dann doch endlich ein.

IV