Napoleon Bonaparte - Stendhal Stendhal - E-Book

Napoleon Bonaparte E-Book

Stendhal Stendhal

0,0

Beschreibung

Der Kaiser – gesehen durch die Augen eines Weltliteraten. Stendhal war mehr als nur der Schöpfer von »Rot und Schwarz«. Er war Soldat, Beamter und Augenzeuge des napoleonischen Zeitalters. Er erlebte den eisigen Rückzug aus Russland und die administrativen Mühen des Kaiserreichs aus nächster Nähe. In diesem faszinierenden Lebensbild begegnen wir Napoleon nicht als ferner historischer Statue, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut. Stendhal schreibt mit jener Mischung aus leidenschaftlicher Bewunderung und scharfem, kritischem Verstand, die sein gesamtes Werk auszeichnet. Er sucht nach dem Geheimnis der »Energie«, die diesen Korsen antrieb, und trauert der Größe einer Epoche nach, die in der Banalität der Restauration unterging. Ein historisches Dokument von unschätzbarem Wert und zugleich ein psychologisches Meisterwerk.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 60

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Napoleon Bonaparte

Stendhal

1. Auflage – © 2026

Vorwort

Der Kaiser – gesehen durch die Augen eines Weltliteraten.

Stendhal war mehr als nur der Schöpfer von »Rot und Schwarz«. Er war Soldat, Beamter und Augenzeuge des napoleonischen Zeitalters. Er erlebte den eisigen Rückzug aus Russland und die administrativen Mühen des Kaiserreichs aus nächster Nähe.

In diesem faszinierenden Lebensbild begegnen wir Napoleon nicht als ferner historischer Statue, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut. Stendhal schreibt mit jener Mischung aus leidenschaftlicher Bewunderung und scharfem, kritischem Verstand, die sein gesamtes Werk auszeichnet. Er sucht nach dem Geheimnis der »Energie«, die diesen Korsen antrieb, und trauert der Größe einer Epoche nach, die in der Banalität der Restauration unterging.

Ein historisches Dokument von unschätzbarem Wert und zugleich ein psychologisches Meisterwerk.

Epigraph

Doch Geister gibts, begünstiget vom Himmel,Die durch sich selbst sind, alles sind und nichtsDem Ahnherrn schuldig, nichts der Welt. So istDer Mann, den ich zum Herren mir erwählte.Er in der Welt allein verdients zu sein;Und allen Sterblichen, die ihm gehorchen sollen,Gab ich ein Beispiel, das mich ehren wird.

An den Verleger

(undatiert; aus dem Nachlasse)

In diesem Manuskript, das ich Ihnen anbiete, herrscht keine Schönrederei. An keiner Stelle mache ich hochtrabende Phrasen. Nirgends versengen die Worte das Papier. Die Ausdrücke: Kadaver, scheußlich, erhaben, Greuel, abscheulich, Terror usw. kommen nicht darin vor.

Der Autor hat den Hochmut, niemanden nachzuahmen; um aber nötigenfalls einen Vergleich mit dem Stile dieses oder jenes unter den großen Schriftstellern Frankreichs anzuregen, möchte ich sagen: Ich habe zu erzählen versucht nicht wie die Mode-Autoren von heute, sondern wie Michel de Montaigne oder Charles de Brosses.

An den Leser

(im April 1837)

Fu vera gloria?Ai postera l'ardua sentenza.War echt dein Ruhm?Die Enkelwelt entscheide dies!                  Manzoni, Ode an Napoleon.

Ein Mann hatte Gelegenheit, Napoleon in Saint-Cloud, nach Marengo, in Moskau zu sehen. Jetzt schreibt er Napoleons Leben ohne jeden Anspruch auf schönen Stil. Der Mann verabscheut die Schönrederei als Schwester der Heuchelei, des Modelasters im 19. Jahrhundert.

Nur die kleinen Verdienste mögen die Lüge, die ihnen förderliche. Je bekannter die ganze Wahrheit wird, um so größer wird Napoleon dastehen.

Im Kriegsgeschichtlichen wird der Verfasser fast immer Napoleons eigene Worte nehmen. Derselbe Mann, der die Taten vollbracht, hat sie auch berichtet. Welch Glück für die Wißbegier der kommenden Jahrhunderte! Wer könnte es wagen, nach Bonaparte, die Schlacht bei Arcole zu erzählen?

Ich habe den General Bonaparte zum erstenmal in meinem Leben zwei Tage nach seinem Übergang über den Sankt Bernhard gesehen, am Fort Bard, am 21. Mai 1800, also [heute 1837] vor 37 Jahren. Vierzehn Tage nach Marengo hatte ich ihm in seiner Loge in der Scala, Mailands großem Theater, einen Bericht zu überbringen. Ich war Augenzeuge beim Einzuge Napoleons 1806 in Berlin, ich war 1812 in Moskau, 1813 in Schlesien. Zu allen diesen Zeiten habe ich den Kaiser aus allernächster Nähe gesehen.

Persönlich gesprochen habe ich dreimal mit ihm. Zum ersten Male richtete der große Mann das Wort an mich bei einer Truppenschau im Kreml. Ich bin von ihm durch ein langes Gespräch geehrt worden in Schlesien während des Feldzugs von 1813. Schließlich gab er mir im Dezember 1813 mit kräftiger Stimme eine bis ins einzelne genaue Instruktion während meiner Tätigkeit im Dauphiné unter dem Senator Grafen Saint-Vallier. Mit gutem Gewissen darf ich über viele Lügen lächeln.

*

Ich schreibe dieses Buch, wie ich es von einem Andern geschrieben hätte vorfinden mögen. Mein Ziel ist, den Übermenschen verständlich zu machen. Ich habe ihn geliebt, als er lebte. Jetzt schätze ich ihn aus all der Verachtung, die mir die Zustände nach ihm einflößen.

*

Als Herrscher hat Napoleon schriftlich oft gelogen. Manchmal durchbrach das Herz des großen Mannes den kaiserlichen Hermelin, aber zumeist bereute er es, die Wahrheit geschrieben und zuweilen mündlich gesagt zu haben. Auf Sankt Helena schließlich arbeitete er für die Thronbesteigung seines Sohnes oder für seine zweite Rückkehr, ähnlich der von Elba. Ich bin bemüht, mich nicht irreführen zu lassen.

*

Die Kunst zu lügen hat neuerdings große Fortschritte gemacht. Man lügt nicht mehr wie zur Zeit unsrer Väter in traditioneller Form, sondern in vager Rederei, bei der man den Lügner später schwer fassen und mit präzisen Worten kaum widerlegen kann.

*

Was hat man nicht Unwahres über Napoleon in die Welt gesetzt? Hat Chateaubriand nicht behauptet, er hieße Nikolaus und wäre ohne persönliche Tapferkeit gewesen?Francois René Vicomte de Chateaubriand (1768 bis 1848). Sein Napoleon-Buch (1814) hat für die Nachwelt keinen Wert.

Woran soll sich der Historiker von 1930 halten?

Der Verfasser dieses Buches, der den Kaiser beim Einzug in Berlin am 27. Oktober 1806 gesehen hat, im Staatsrat, bei Wagram, auf dem Rückzuge von Moskau zu Fuß, einen Stock in der Hand, der ist gewiß mehr zu beachten, zumal wenn er den Mut hat, über alles die Wahrheit zu sagen, auch gegen seinen Helden.

*

Wenn man als junger Mensch die Alte Geschichte liest, neigt man zumeist, wenn man überhaupt begeisterungsfähig ist, den Römern zu, und man beklagt ihre Niederlagen trotz ihrer Ungerechtigkeit und trotz ihrer Willkür gegen ihre Verbündeten. Aus ähnlichem Gefühl kann man keinen andern Heerführer lieben, nachdem man Napoleon Bonaparte bei seinen Taten gesehen hat. Immer findet man an Anderen Heuchelei, Unechtes, Übertriebenes, das jede Neigung im Keim tötet. Die Liebe für Napoleon ist die einzige Leidenschaft, die mir verblieben ist, was mich nicht hindert, seine Schwächen zu erkennen, aus denen man ihm, wenn man will, Vorwürfe machen kann.

Der Historiker von 1900 wird viel voraushaben. Manche Dummheit von heute ist dann von der Zeit verweht; aber etwas Hochschätzbares wird ihm fehlen: er hat den Heros nicht selber gesehen, ihn nicht drei-, viermal am Tage sprechen gehört. Ich war an seinem Hof im Dienst, ich habe in seiner Umwelt gelebt, ich bin dem Kaiser in allen Feldzügen gefolgt, ich war beteiligt an seiner Verwaltung in den besetzten Ländern, und ich habe mein Leben lang in vertrauter Beziehung zu einem seiner einflußreichsten Minister [dem Grafen Pierre Daru] gestanden.

*

Ich bin der Meinung, Bonapartes Feldzug in Italien von 1796 und 1797 müsse ausführlich dargestellt werden. Er ist sein Anfang. Deutlicher als jeder andre Feldzug läßt er seinen militärischen Genius und seinen ganzen Charakter erkennen. Man erwäge seine kärglichen Mittel, Österreichs prächtigen Widerstand, das Mißtrauen in sich selber, das keinen Anfänger verschont, und eine gewisse Größe, unverkennbar an ihm, – und man wird mir zugestehen, daß dies Napoleons schönster Waffengang ist.Stendhal ist hier gleicher Meinung mit Clausewitz, Jomini und dem Napoleonkenner Grafen Yorck v. Wartenburg.Überdies durfte man ihn damals noch leidenschaftlich, noch uneingeschränkt lieben. Noch hatte er seinem Vaterlande nicht die Freiheit genommen. Seit Jahrhunderten hatte die Welt keinen so Großen wie ihn.

*

Ich habe Gelegenheit gehabt, den Feldzug in Italien an Ort und Stelle zu erforschen. Das Dragonerregiment, in dem ich in den Jahren 1800 und 1801 gedient habe, hatte seinen Standort in Cherasco, Lodi, Crema, Castiglione, Goito, Padua, Vicenza usw. Mit der Begeisterung eines jungen Offiziers habe ich, wenn auch erst nach dem Feldzuge von 1796, fast alle Kampffelder Napoleons besichtigt. Ich habe sie beschritten mit Soldaten, die unter seinem Befehle gekämpft hatten, und mit jungen Männern, die im Banne seines Ruhmes standen.

*