19,99 €
Deutschland hat in Zeiten von Corona und angesichts neuer gesetzlicher Initiativen in den vergangenen drei Jahren durch eigene neue Angebote eine deutliche Belebung der digitalen Gesundheitsanwendungen erfahren. Große Teile der Bevölkerung nehmen Angebote wie den digitalen Impfnachweis als sinnvoll wahr und signalisieren in Umfragen eine hohe Bereitschaft für digitale Begleiter. Dieses Buch gibt einen Überblick über die sich konkret realisierenden digitalen Gesundheitsangebote in der zentralen Infrastruktur für digitalen Austausch im Gesundheitswesen – die Telematikinfrastruktur (TI). Diese erlebt derzeit einen grundlegenden Wandel. Mit der „TI 2.0“ stellt die gematik künftig eine moderne Plattform für digitale Medizin zur Verfügung: zeitgemäß und nutzenorientiert, interoperabel und stabil für einen sicheren Betrieb. Dafür braucht es jetzt einen Technologiesprung und eine Neudefinition des Angebots und Auftrags der gematik. So schafft die gematik nun als Nationale Agentur für Digitale Medizin eine gemeinsame Arena für alle Akteure. Die gematik unterstützt mit Infrastruktur und Diensten, damit Teamwork und Spitzenleistungen in der Gesundheitsversorgung und dem Gesundheitsmanagement möglich werden. Es geht dabei um nichts Geringeres als um die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens, eines der größten IT-Projekte Europas mit dem Ziel, die Gesundheitsversorgung aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger zu verbessern. Das vorliegende Buch beschreibt ganz konkret, wohin sich das digitale Gesundheitswesen in den kommenden Jahren entwickeln wird, und richtet den Blick auf den aktuellen Veränderungsprozess in einem ganz zentralen Versorgungsbereich der Gesellschaft. Expertinnen und Experten der gematik geben Einblicke in den Wandel von gematik und Telematikinfrastrukur und zeigen, wie die neuen Wege und Werte insgesamt die E-Health-Entwicklungen in Deutschland stärken. Beiträge aus Politik und Gesundheitswirtschaft beleuchten den ausgedehnten Kontext der Arbeit an einer TI 2.0 und welche gemeinsamen Wege dabei möglich und nötig sind. Trotz verbindlicher Spielregeln in der gemeinsamen Arena entsteht Spielraum für Neues und Zukunftsweisendes, von dem alle profitieren können und werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2022
M. Leyck Dieken (Hrsg.)
Nationale Arena für digitale Medizin
Wandel. Werte. Wege.
mit Beiträgen von
J. Baas | A. Berg | K. Broich | C. Bunar | G. Diedrich | H. Diening | H. Flath | J. Geißler | P. Gocke | L. Gottwald | R. Halfpaap | F. Hartge | S. Hennecke | S. Heß | T. Hoffmann | S. Höcherl | S. Huber | T. Jenzen | B. Kalweit | C. Klose | F. Knieps | R. Koenig | M. Leyck Dieken | G. Ludewig | L.-P. Naue | L. Nehm | F. Reuther | J. Rübensam | K. Schneider | S.C. Semler | C. Straub | S. Suskov | S. Thun | M. Tischler | M. Wedekind
Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Der Herausgeber
Dr. med. Markus Leyck Dieken
gematik GmbH
Friedrichstraße 136
10117 Berlin
MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Unterbaumstraße 4
10117 Berlin
www.mwv-berlin.de
ISBN 978-3-95466-683-6 (eBook: PDF) ISBN 978-3-95466-684-3 (eBook: ePub)
© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2021
Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.
Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Daher kann der Verlag für Angaben zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen (zum Beispiel Dosierungsanweisungen oder Applikationsformen) keine Gewähr übernehmen. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.
Produkt-/Projektmanagement: Charlyn Maaß, Viola Schmitt, Berlin
Lektorat: Monika Laut-Zimmermann, Berlin
Layout & Satz: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Coverbild: © GraphicsRF
Zuschriften und Kritik an:
MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]
© Christopher Ruckwied
Deutschland hat sich in den letzten drei Jahren weit entschlossener mit der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens beschäftigt als zuvor. Die ausgeprägten Aktivitäten unserer europäischen Nachbarn, der großen Tech-Konzerne und die Corona-Pandemie haben zusätzlichen Ansporn gegeben, die Bewältigung unserer Herausforderungen in diesem buchstäblich lebenswichtigen Gebiet selbst mehr in die Hand zu nehmen. Einzelne Initiativen haben dabei genauso ihren Beitrag geleistet wie die umfassenden Impulse des Gesetzgebers.
Dieses Buch gibt Ihnen einen Überblick über die digitalen Gesundheitsangebote, die konkret im Jahr 2022 und auch in wenigen kommenden Jahren in Deutschland realisiert werden. Es ist somit ein Buch für Leserinnen und Leser, die sehr konkrete Darstellungen zu den sich nun ankündigenden Anwendungen in der digitalen Medizin suchen.
Das Leben begann mit Einzellern, Bakterien und Viren bereits vor Milliarden von Jahren. Der Homo sapiens ist mit seinen wenigen hunderttausenden von Jahren hier ein Neuling – und doch gleichzeitig ein äußerst komplexer Organismus. Der Mensch besteht aus ca. 30 Milliarden Zellen – einige Schätzungen gehen gar von bis zu 100 Milliarden aus. Unsere Intelligenz, unser Wissensdurst und Lebenswille hat in den vergangenen 6.000 Jahren immer mehr Fortschritte bei der Entschlüsselung unserer Körperfunktionen gemacht. Von Anatomie über die Lehre der Körpersäfte entdeckten wir erst Gewebe und dann die einzelne Körperzelle als Ort des Gesunden oder Kranken. Mittlerweile sind wir im Zellkern angelangt und können einzelne Signalketten detailliert beschreiben. Die Wissenschaft macht exponentielle Fortschritte, von denen frühere Generationen nicht zu träumen wagten. Wir impfen uns mit spezifischen mRNA-Impfstoffen, deren Herstellung in wenigen Wochen bei Bedarf auf mutierte Viren angepasst werden kann und die bald auch bei der Bekämpfung von Krebs ihren Einsatz haben werden. Wir können geschädigte Zellen durch unsere körpereigenen umprogrammierten pluripotenten Zellen ersetzen. Alle diese neuen Therapien beruhen auf der Verarbeitung immenser digital verfügbarer Daten, die eine Forschergruppe nur durch digitale Unterstützung sinnvoll auswerten können wird. Selbst die Speicherung von Daten wird wohl zukünftig nicht mehr allein auf Festplatten erfolgen, sondern in DNA-Speichern, die weit weniger Energie verbrauchen und universell auslesbar bleiben. Quintessenz dieser neuen Ära der Medizin: Die Digitalisierung ist die einzig überzeugende Möglichkeit, die moderne Medizin in präziser und wissenschaftlich untermauerter Weise zukünftig ans Krankenbett zu bringen. Wenn wir uns also nun gemeinsam aufmachen, hierzu eine verbundene schlüssige bundesweite Infrastruktur aufzubauen, dann gehen wir in die richtige Richtung.
Dankenswerterweise haben zu diesem Buch eine Vielzahl maßgeblicher Anbieter einen Beitrag aus vielen Bereichen des Gesundheitswesens geleistet. Neben den Darlegungen der gematik zu den bald bundesweit verfügbaren Angeboten und der anstehenden Modernisierung der Telematik, finden Sie hier Einordnungen vom Bundesministerium für Gesundheit zu digitalen Wegen der großen Krankenkassen wie der privaten Krankenversicherungen und zu dem Innovationssprung in Uniklinika und Krankenhäusern. Das BfArM beschreibt ebenso seine neue Rolle wie DiGA-Anbieter ihre indiktionsspezifischen Dimensionen zum Patientenwohl. Hinzu kommen neue KV-Initiativen, Darlegungen aus der Patientenperspektive, Beiträge zur Bedeutung von Daten-Analysen in der Forschung sowie ein Ausblick auf unsere EU-Anbindungen, die sich in der Zeit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft klar konturiert haben.
Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei allen Autorinnen und Autoren für ihre speziell für dieses Buch verfassten Beiträge und ihre Bereitschaft, mit diesem Buch ein Signal des gemeinsamen Aufbruchs zu setzen. Ein besonderer Dank geht an Herrn Dr. Thomas Hopfe von der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft, der die Idee zu diesem Buch hatte und es mit sehr viel Kreativität abrundete.
Markus Leyck Dieken
Berlin, November 2021
IUnser Transformationsprozess zur nationalen Agentur für digitale Gesundheit
1Unsere Grundwerte und AmbitionenMarkus Leyck Dieken
1.1Digitale Medizin alltäglich machen
1.2Fokus auf den Nutzer
1.3Neutraler Mittler und Gestalter
1.4Übergreifende Kommunikation als Kernelement
1.5Gemeinsam Verbesserungen schaffen
2Agilität in der ProduktionFlorian Hartge
2.1Austauschplattform für verschiedene Anforderungen
2.2Verbindliche technische Standards
2.3Infrastrukturleistungen für eine Gesundheitstelematikplattform
2.4Verfügbarkeit und Nützlichkeit von Kernanwendungen
2.5Der Weg dorthin: die gematik als offene und agile Organisation
3Leitbild und PartnerschaftenStefan Höcherl
3.1Gestalten und führen: Was sind die Grundüberzeugungen der gematik in der digitalen Transformation?
3.2Überzeugen und verbinden: Wie begegnet die gematik den zentralen Herausforderungen?
3.3Fazit: Neujustierung der kulturellen Werte der gematik sowie ihrer Rollen und Ziele
4Unser Profil im WandelLarissa-Patricia Naue
4.1Transformation zu einem ganzheitlich digitalen Unternehmen
4.2Unser gematik Programm für den Strukturwandel
4.3Ownership als Devise für die eigene Arbeit
4.4Offene Kommunikation als Kern der neuen Firmenkultur
4.5Zukunftsfähiges Gesundheitssystem als Antrieb
IIDas TI-Ökosystem/Plattform in 2021 – Status quo
1Die Telematikinfrastruktur – Was ist sie und wie funktioniert sie?Sergej Suskov
1.1Ziele der Telematikinfrastruktur
1.2Elektronische Ausweise
1.3Nutzung durch Heilberufler
1.4Nutzung durch Versicherte
1.5Kerninfrastruktur
1.6Vertrauensdienste
1.7Zugangsdienste
1.8Anwendungsdienste
1.9Dienste und Netze Dritter
2Der Betrieb der Telematikinfrastruktur: Ein praktischer Einblick in die Aufgaben der gematikBjörn Kalweit
2.1Die Rahmenbedingungen
2.2Die Qualifikation
2.3Der Veranstaltungsort
2.4Das Event
2.5Der Schiedsrichter
2.6Die Aufsicht
2.7Wie die gematik diesen Aufgaben gerecht wird
3Die Anwendungen der Telematikinfrastruktur: Wie die TI die Gesundheitsversorgung unterstütztLars Gottwald
3.1Die elektronische Patientenakte (ePA)
3.2Das elektronische Rezept (E-Rezept)
3.3Der elektronische Medikationsplan (eMP)
3.4Das Notfalldaten-Management (NFDM)
3.5Kommunikation im Medizinwesen (KIM)
IIIDigitaler Support für Versorgung und Public Health – wo stehen wir?
1Endlich einheitliche Standards – Mit Interoperabilität zu mehr Qualität und Effizienz im GesundheitssystemSteffen Hennecke und Stefan Höcherl
1.1Interoperabilität ist mehr, als vorhandene IT-Standards in „gelben Seiten“ zusammenzufassen
1.2Wie lassen sich diese Potenziale nutzen in einem föderalen Gesundheitssystem mit starker sektoraler Betrachtung?
1.3Entwickler, Anwender und Nutzer an den Runden Tisch
2Weitere Anwendungen des digitalen Gesundheitswesens in derLars Gottwald
2.1Weitere Anwendungen zur Nutzung der TI
2.2WANDA – das gematik-Bestätigungsverfahren für „Weitere Anwendungen“
2.3Nutzen der TI für Anbieter
2.4Chancen für die digitale Gesundheitsversorgung
3DEMIS: Auf dem Weg zu einem digitalen Meldesystem für InfektionskrankheitenThomas Jenzen und Torsten Hoffmann
3.1Deutschland vor der COVID-19-Pandemie
3.2Die Pandemie als Digitalisierungstreiber
3.3DEMIS: Was kann es, was ist der Nutzen?
3.4Die weiteren Entwicklungsschritte von DEMIS
IVWelchen Nutzen stiftet die neue TI und wie soll sich die TI weiterentwickeln?
1Anforderungen für die Zukunft: Wie soll sich die Telematikinfrastruktur weiterentwickeln?Florian Hartge
1.1Chancen eines digitalisierten Gesundheitswesens
1.2Die Bedarfe in der medizinischen Gesundheitsversorgung in Deutschland von heute
1.3Die konkreten Anforderungen an die Telematikinfrastruktur von morgen
1.4Erwartungen an ein digitales Gesundheitswesen
2Die nächste TI: Klarer Fokus auf die NutzerJörg Rübensam und Marco Wedekind
2.1Nutzen an erster Stelle
2.2Aufbereitete Informationen
2.3Einfachheit
2.4Anytime, Anywhere
2.5Konvergenz und Offenheit
2.6TI 2.0 als maßgeblicher Treiber für die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung
3Die Telematikinfrastruktur von morgen: Die sechs Säulen der TI 2.0Andreas Berg
3.1Anforderungen an die TI 2.0
3.2Die sechs Säulen der TI 2.0-Architektur
4Die elektronische ID als One Key für die digitale GesundheitsversorgungRonald Koenig
4.1Aufgabe einer zukünftigen Telematikinfrastruktur
4.2Status quo: Identifizierung und Authentisierung in der aktuellen Telematikinfrastruktur
4.3Die nächste Stufe: Eine föderierte digitale Identität auf Basis des OpenID Connect-Standards (OIDC)
4.4Standards und Interoperabilität
4.5Weiterentwicklung der digitalen Identitäten mit Self Sovereign Identity (SSI)
4.6Fazit: OpenID Connect versus SSI
5Sicherheit in der TI 2.0: Auf dem Weg zu einer dynamischen SicherheitsarchitekturHolm Diening
5.1Die Bedeutung von Sicherheit und Datenschutz im Gesundheitssektor
5.2Das Zusammenspiel zwischen gematik, BSI und BfDI
5.3Prinzipien des sicheren Designs
5.4Der Paradigmenwechsel zur Zero-Trust-Architektur
VPraktischer Nutzen durch Integration neuer Akteure und Anwendungsfelder in Versorgung und Forschung
1Das Zusammenspiel von elektronischer Patientenakte und Digitalen GesundheitsanwendungenCharly Bunar
1.1Was sind ePA und DiGAs?
1.2Welche Mehrwerte bieten ePA und DiGAs?
1.3Wie lassen sich ePA und DiGAs zusammenbringen?
1.4Fazit und Ausblick
2Die elektronische Patientenakte (ePA): Funktionsweise, Nutzen und nächste EntwicklungsschritteRoland Halfpaap
2.1Was ist die elektronische Patientenakte?
2.2Welchen Nutzen kann eine ePA im Gesundheitssystem entfalten?
2.3Wie verändert sich die ePA in den nächsten Jahren?
2.4Welche Themen muss die Gesellschaft dafür angehen?
2.5Fazit
VIGrenzüberschreitende Versorgung und Forschung in der EU
1Das deutsche Gesundheitswesen ist kein gallisches Dorf in einer digitalen Welt – Beschleunigung durch agile Gesetzgebung in der Legislaturperiode 2017–2021Gottfried Ludewig und Christian Klose
1.1Fünf Gesetzespakete als legislative Hauptpfeiler der Digitalisierung
1.2Ausblick
VIIDer Change im Umfeld der TI – Perspektiven auf die digitale Medizin in Deutschland 2025
1Die Krankenkasse im digitalen ZeitalterJens Baas
1.1Alle Kassen müssen digitaler werden
1.2Eine Pandemie als Digitalisierungstreiber
1.3ePA als zentraler Baustein der Digitalisierung
1.4Der Schritt zur Krankenkasse im digitalen Zeitalter
2Spektrum der digitalen Anwendungen im System der betrieblichen Krankenversicherung (BKK)Franz Knieps
2.1Vom Verwaltungsprozess zur User Journey
2.2Von versteckten Offroadpisten auf die digitale Autobahn
2.3Der BKK-Dachverband als Werkstätte für Innovationen
2.4Fazit
3Digitalisierung der Krankenkassen – Vom Kostenträger zum Innovationstreiber im GesundheitswesenChristoph Straub und Herbert Flath
3.1Prozessdigitalisierung: Herausforderungen und Lösungsansätze
3.2Versichertenzentrierte Produktentwicklung: Von Startups lernen
3.3Herausforderung für Kultur und Organisation: Mitarbeitende einbeziehen
3.4Die Krankenkasse als Orientierungsgeber: Das Gesundheitswesen der Zukunft mitgestalten
4Telematikinfrastruktur und Private KrankenversicherungFlorian Reuther
4.1„Ein Netz für alle“
4.2Einzelne Anwendungen
4.3Ausblick
5IT Innovationssprung in den KrankenhäusernPeter Gocke
5.1Die Zukunft der Medizin ist datengetrieben
5.2Ein digitales Gesundheitswesen benötigt Plattformen – statt Silos
5.3Interoperabilität und Standards
5.4Regulatorische Rahmenbedingungen
5.5Finanzielle Rahmenbedingungen
5.6IT follows process
5.7Innovation erfordert vielfältige neue Strukturen – und Change
6Die Zukunft zum Anfassen: Die digitale Praxis der KV Westfalen-LippeGeorg Diedrich und Lea Nehm
6.1Motivation zum Aufbau der digitalen Praxis
6.2dipraxis – einmalig in Deutschland
6.3Fazit und Ausblick
7Die Arztpraxis der Zukunft – Perspektiven der jungen GenerationMax Tischler
7.1Bürokratie und Dokumentation
7.2Interaktion und Kommunikation
7.3Weiterentwicklung des Arzt-Patienten-Verhältnisses
7.4Die Arztpraxis in der Zukunft
8Verbesserung der medizinischen Versorgung durch Nutzung von Real-World-Daten – Das Forschungsdatenzentrum beim BfArMKarl Broich, Steffen Heß und Katharina Schneider
8.1Ziele und Hintergrund
8.2Aufgaben und Datenflüsse
8.3Datenschutz
8.4Dateninhalte
8.5Antragsverfahren
8.6Ausblick
9Das Potenzial digitaler Entscheidungshilfen und großer Datensätze für Patienten und Forschung – Perspektiven und Erwartungen eines PatientenJan Geißler und Stefan Huber
9.1Partizipative Entscheidungsfindung und Decision-Support-Systeme: wie Patientenpräferenzen in digitalen Systemen berücksichtig werden können
9.2Vorteile einer elektronischen Datenbank aus Patientensicht
9.3Patientenorganisationen als Datentreuhänder und Schnitt stelle zwischen Patientenschaft und Forschung
9.4Das Big-Data-Projekt HARMONY: wie künstliche Intelligenz und große Datensätze bei der Erforschung seltener Krankheiten helfen
10Die Medizininformatik-Initiative in Deutschland: Impulsgeber für Digitalisierung, Standardisierung und Datennutzung im GesundheitswesenSebastian C. Semler
10.1Corona-Krise als ungeplanter Bedarfsnachweis
10.2Die Medizininformatik-Initiative (MII) des Bundes als Basisinfrastruktur
10.3Datenintegrationszentren (DIZ) der Universitätsmedizin
10.4Datennutzung in Kooperation aller Standorte der Universitätsmedizin
10.5Relevant weit über die MII hinaus: Ein bundeseinheitlicher broad consent als Rechtsgrundlage
10.6Impulse zu Standardisierung und Interoperabilität: Kerndatensatz, LOINC, SNOMED CT, FHIR
10.7Beitrag zur COVID-19-Forschung in der Pandemie
10.8Ausblick: Forschungsnutzung der ePA, Konvergenz und Koordination
11Digitale Transformation durch Standardisierung – Erfahrungen mit dem GECCO-DatensatzSylvia Thun
11.1Interoperabilität als Voraussetzung für die digitale Transformation im Gesundheitswesen
11.2Einheitliche Datenstrukturen für die COVID-19-Forschung
11.3Standards und Terminologien im GECCO-Datensatz
11.4Vernetzung mit Standardisierungsinitiativen
11.5Fazit und Ausblick
AAL
Authentication Assurance Level
ABAC
Attribute Based Access Control
ALL
akute lymphatische Leukämie
AML
akute myeloische Leukämie
AMTS
Arzneimitteltherapiesicherheit
ATC
Anatomical Therapeutic Chemical Classification System
B2B
Business to Business
BfArM
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
BfDI
Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit
BIH
Berlin Institute of Health
BMBF
Bundesministerium für Bildung und Forschung
BMG
Bundesministerium für Gesundheit
BMP
bundeseinheitlicher Medikationsplan
BSI
Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
CCC
Chaos Computer Club
CERT
Computer Emergency Response Team
CLL
chronische lymphatische Leukämie
Cocos
Corona Component Standards
DARWIN
Data Analysis and Real World Interrogation Network
DaTraV
Datentransparenzverordnung
DEMIS
Das Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz
DESH
Deutscher Elektronischer Sequenzdaten-Hub
DiGAs
Digitale Gesundheitsanwendungen
DiGAV
Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung
DIMDI
Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information
DiPAs
Digitale Pflegeanwendungen
DLR
Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt
DMP
Disease-Management-Programme
DPE
Datensatz Persönliche Erklärungen
DSS
Decision-Support-System
DVG
Digitale-Versorgung-Gesetz
DVKA
Deutschen Verbindungsstelle Krankenversicherung Ausland
DVPMG
Digitale-Versorgung-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz
eAU
elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung
eGK
elektronische Gesundheitskarte
eHBA
elektronischer Heilberufsausweis
EHDS
European Health Data Space
eHDSI
eHealth Digital Services Infrastructure
EHR
Electronic Health Record
eIDAS
electronic IDentification, Authentication and trust Services
eMP
elektronischer Medikationsplan
ePA
elektronische Patientenakte
ePKA
elektronische Patientenkurzakte
E-Rezept
elektronisches Rezept
EU
Europäische Union
FAL
Federation Assurance Level
FdV
Frontend der Versicherten (Schaufenster in der elektronischen Patientenakte)
FDZ
Forschungsdatenzentrum
FHIR
Fast Healthcare Interoperability Resources
GECCO
German Corona Consensus
GeCo
Gesundheitscockpit
GKV
gesetzliche Krankenversicherung
HBA
Heilberufsausweis
HIPAA
Health Insurance Portability and Accountability Act
HL7v2
Health Level 7 International Version 2
IAL
Identity Assurance Level
IAM
Identity Access Management
IDP
Identitätsprovider
IHE
Integrating the Healthcare Enterprise
IOP
Interoperabilität
IP
Internet Protocol
IPS
International Patient Summary
IRD
Implantateregister Deutschland
IRegG
Implantateregistergesetz
ISiK
Informationssysteme im Krankenhaus
ITIL
Information Technology Infrastructure Library
KAS
klinisches Arbeitsplatzsystem
KBV
Kassenärztliche Bundesvereinigung
KHZG
Krankenhauszukunftsgesetz
KI
Künstliche Intelligenz
KIM
Kommunikation im Medizinwesen
KIS
Krankenhausinformationssystem
KV
Kassenärztliche Vereinigung
KV-Nummer
Krankenversichertennummer
KVWL
Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe
LEOSS
Lean European Open Survey on SARS-CoV-2 infected patients
LIS
Laborinformationssystem
LOINC
Logical Observation Identifiers Names and Codes
MDR
Medical Device Regulation
MDS
myelodysplastisches Syndrom
MFA
Multifaktorauthentisierung
MIO
Medizinische Informationsobjekte
MM
Multiples Myelom
MPLS
Multiprotocol Label Switching
MVP
Minimum Viable Product
NAPKON
Nationales Pandemie Kohorten Netz
NCPeH
National Contact Point eHealth
NFC
Near Field Communication
NFD
Notfalldatensatz
NFDI4Health
Nationalen Forschungsdateninfrastruktur für personenbezogene Gesundheitsdaten
NFDM
Notfalldatenmanagement
NHL
Non-Hodgkin-Lymphom
NIST
National Institute of Standards and Technology
NLP
Natural Language Processing
NUM
Netzwerk Universitätsmedizin
OECD
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
ÖGD
Öffentlicher Gesundheitsdienst
OIDC
OpenID Connect-Standards
PC
Personal Computer
PDSG
Patientendaten-Schutz-Gesetz
PEPSA
Piloting the European Patient Summary for Apoplexy (Pilotierung der europäischen Patientenkurzakte in der Schlaganfall versorgung)
PKI
Public-Key-Infrastruktur
PKV
Private Krankenversicherung
PpSG
Pflegepersonal-Stärkungsgesetz
PROM
Patient Related Outcome
PVS
Praxisverwaltungssystem
REST
Representational State Transfer
RKI
Robert Koch-Institut
RP
Relying Party
RWD
Real-World-Daten
SGB V
Fünftes Buch Sozialgesetzbuch
SLAM
Service Integration and Management
SMC-B
Security Module Card – Typ Betriebsstätte
SNK
Sicheres Netz der Kassenärztlichen Vereinigungen
SNOMED
Systematisierte Nomenklatur der Medizin
SOAP-Messages
Simple Object Access Protocol-Messages
SORMAS
Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System
SSI
Self Sovereign Identities
TI
Telematikinfrastruktur
TIM
Telematikinfrastruktur-Messengers
TSL
Trust Service List
TSP
Trust-Service-Provider
TSVG
Terminservice- und Versorgungsgesetz
UAW
unerwünschten Arzneimittelwirkungen
UCUM
Unified Code for Units of Measure
UMA
User Managed Access
vesta
Verzeichnis für Standards und Anwendungen
VPN
Virtual Private Network
VSDM
Versichertenstammdatenmanagement
VZD
Verzeichnisdienst
WANDA
Weitere Anwendungen für den Datenaustausch (Bestätigungsverfahren)
WHO
World Health Organization
XML
Extensible Markup Language
XML-DSIG
Extensible Markup Language-digital Signature
Markus Leyck Dieken
Als mein Vater schwer an Krebs erkrankt war, wurde er in der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung behandelt und gepflegt. Dabei arbeitet ein interdisziplinäres Team aus Haus- bzw. Fachärzten und Pflegekräften Hand in Hand rund um die Uhr zusammen, um das Leiden des sterbenden Patienten zu lindern. Dieser permanente, schnelle, technisch unterstützte Austausch, die gemeinsame Bemühung in der 360-Grad-Perspektive, das Miteinander für dasselbe Ziel, das ein solches Team bei seiner Arbeit auszeichnet: Das sind die wichtigen Faktoren, wenn Gesundheitsversorgung rundum und im Sinne der Menschen funktionieren und somit eine Verbesserung in Medizin und Forschung bringen soll. Und nichts weniger als das streben auch wir in der gematik mit unserer Arbeit für eine – bessere – digitale Vernetzung des nationalen Gesundheitswesens an.
Wenn wir von „digitaler Medizin“ sprechen, meinen wir damit die Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Apotheker sowie das medizinische Fachpersonal in Praxen und Kliniken. Selbstverständlich. Aber wir meinen auch: die Pflege, die Hebammen und Physiotherapeuten, die Rettungssanitäter, Labore, Forschungseinrichtungen, Krebs- und Implantateregister, Hersteller und Anbieter von eHealth-IT, Digitalen Anwendungen (Apps) und Start-ups sowie Think Tanks und Interessensverbände im Gesundheitsbereich. Das vermeintliche „Nischenthema“ ist in Wirklichkeit ein Riese: Nahezu jeder Mensch hat – beruflich und/oder privat – mit Digitaler Medizin bzw. Gesundheitsversorgung zu tun.
Ganz selbstverständlich nutzen viele auf ihrem Smartphone, auf ihrer Smartwatch oder am Rechner in ihrem Alltag – auch und bislang eher unabhängig von Gesundheitsthemen – technologische Services, die im Hintergrund komplex, in der Nutzung jedoch einfach in der Handhabung und niederschwellig in der Installation sind. Das Scannen von Lebensmitteln zur Einordnung der Nährwerte, die Registrierung eines Tremolos der Stimme als Hinweis auf ein potenzielles Frühstadium von Morbus Parkinson, die Abtastung des Blutzuckers durch einen intrakutanen Sensor oder der Hinweis auf abnehmenden Bewegungsradius bei älteren Menschen mit dekompensierter Herzinsuffizienz – all dies sind nur Beispiele für erste „Kinderschuhe“. Denn ohne Zweifel werden zukünftige digitale Angebote stets auf einem neuen Reifungsniveau entwickelt – und hier umso mehr überzeugen können. Ohne Zweifel gilt dies auch für die Anwendungen der gematik.
Alle diese Angebote aus dem „normalen“ Leben zeigen zum einen, dass es eine Ausschließlichkeit in der Anwendung eines Produkts nicht mehr gibt, und zum anderen, dass das Nutzererlebnis in den Mittelpunkt eines jeden Angebots gerückt ist, das Durchsetzungs- und Innovationskraft mitbringt. Am Markt vorbeiplanen und umsetzen ist nicht nur ein „Luxus“ geworden, den sich keiner leisten kann, der seine Kunden ernst nimmt und behalten möchte; es entspricht auch weder dem Sinn und Zweck noch den Möglichkeiten und Machbarkeiten, die Technik im Dienste der Menschen erfüllen sollte und kann. Heute bereits – und morgen noch viel mehr.
Mit dieser Entwicklung beschäftigen wir uns daher auch, wenn es um die Bestandaufnahme und vor allem die technologisch-konzeptionelle Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur (TI) geht. Das Gestern, das wir in der gematik in der jüngsten Vergangenheit dabei zwangsläufig und mit vielen lehrreichen Erkenntnissen unter die Lupe genommen haben, leitet uns dabei den Weg hin zu einem agilen, selbständigen und selbstverständlichen Denken, Handeln und Entwickeln, das das Heute bestimmt und das Morgen in den Blick nimmt – in einer gematik 2.0, die sich nun gemeinsam mit den Gesellschaftern aufmacht, eine zeitgemäße Telematikinfrastruktur 2.0 in Deutschland zu etablieren (vgl. https://www.gematik.de/news/news/zielbild-und-kurs-fuer-telematikinfrastruktur-klar/) (s. Abb. 1).
Dabei stehen der ganzheitliche Ansatz und der Anspruch, die Nutzerrelevanz der TI 2.0 und ihrer Produkte an oberste Stelle zu setzen, elementar im Mittelpunkt: Wir machen nicht (mehr) eine TI, eine elektronische Patientenakte oder ein E-Rezept, die sich in der technischen Theorie und fokussiert auf fristenorientierte Spezifikationen erschöpfen. Nein, wir beziehen alle Anwendergruppen und Partner im Gesundheitswesen mit in die Entwicklungen ein. Denn wir wollen mit dem technologischen Fortschritt, den die TI 2.0 bietet, mehr Komfort, Sicherheit und Nutzbarkeit der digitalen Anwendungen für alle bringen.
Abb. 1 Die Evolution der TI
Unseren Anspruch, als unabhängige Informationszentrale für Aufklärung rund um die Themen und Produkte der TI zu sorgen und interdisziplinäre Debatten zu eHealth-Entwicklungen mitzugestalten, nehmen wir ernst und halten alle Interessierten mit verständlichen Themenseiten im Internet, zielgruppenspezifischen Informationsmaterialen und praktischen Handouts sowie auf unseren verschiedenen Social Media-Kanälen mit News, Tutorials und Webinaren auf dem Laufenden (www.gematik.de). Für unsere Entwicklungspartner und IT-Fachkreise wurde unser Fachportal mit Feedback von über 120 Partnern vollkommen neu gestaltet (www.fachportal.gematik.de) und bietet Zugang zu allen relevanten Dokumenten, aktuellen Meldungen und den Open-Source-Codes.
Wir stellen transparent und laufend unsere Arbeitsschritte für die digital unterstützte Gesundheitsversorgung dem Fachpublikum vor (siehe hier am Beispiel E-Rezept: https://www.gematik.de/news/news/e-rezept-jetzt-als-open-source-verfuegbar/ und E-Rezept-App: https://www.gematik.de/news/news/gematik-veroeffentlicht-quellcodes-der-e-rezept-app/) und laden sowohl die Experten-Community als auch die verschiedenen Nutzergruppen zum Dialog ein. So haben wir eigene Veranstaltungsformate wie „gematik digital“ und „gematik trifft“ etabliert, bei denen wir teilweise mehrere tausende Besucher oder auch bestimmte Berufsgruppen begrüßen.
Die vakante zentrale Rolle einer neutralen Instanz bei eHealth in Deutschland gilt es für uns in der gematik, anzunehmen und auszufüllen. Der Gesetzgeber hat dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen (siehe https://www.gematik.de/ueber-uns/gesetzliche-grundlagen/) und uns beispielweise mit der Entwicklung und Bereitstellung der E-Rezept-App für Deutschland beauftragt (https://www.gematik.de/news/news/neue-e-rezept-appder-gematik-steht-ab-juli-bereit/). Dadurch denken wir unser Angebot und unseren Auftrag komplett neu. Die gematik als zunächst Projekt- und später dann (reine) Betreibergesellschaft ist einer gematik gewichen, die als Nationale Agentur für Digitale Medizin fungiert und auftritt – und in der sich alle Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens engagieren (s. Abb. 2).
Abb. 2 Gesellschafterstruktur der gematik
Als solche schaffen wir jetzt und insbesondere in Zukunft eine gemeinsame Arena für alle Akteure, in der die Teilnehmer gewissermaßen einem olympischen Geist verpflichtet sind. Wir wollen darin Teamwork und Spitzenleistungen in der Gesundheitsversorgung und dem Gesundheitsmanagement durch benötigte Infrastruktur und Dienste unterstützen. Die gematik fungiert als Gastgeber, sichert die Qualität und überwacht die Einhaltung der Sicherheitsanforderungen und Betriebsregeln. Die eigentliche Vitalität der digitalen Landschaft entspringt den vielen Anbietern, die sich in dieser Arena in eine weit bessere Interaktion bringen können.
Wir werden der runde Tisch sein, an dem alle zuständigen Akteure und Experten zusammenkommen, um verbindliche Standards für das interoperable digitale deutsche Gesundheitswesen zu schaffen. Der Gesetzgeber hat der gematik hierfür die Rolle der Koordinierungsinstanz zuerkannt, mit der wir uns auch auf internationalem Parkett für die Sache einbringen werden. Denn die grenzübergreifende Versorgung ist ein zentrales Anliegen für all jene – so auch uns –, die eine sektoren- und systemübergreifende Versorgung mit dem Menschen und seinem Bedarf im Mittelpunkt erreichen wollen. Die Koordinierung von Standards kann bundesweit zukünftig auf der Interoperabilitäts-Wissensplattform INA erfolgen. Hier kann jeder Anbieter erfahren, in welchen technischen Standards seine potenziellen Partner bereits aufgestellt sind, um sich bestmöglich in sein Umfeld einzubetten – und so den Menschen einen möglichst bestmöglichen Dienst anzubieten.
Entscheidend ist dabei, den Austausch zwischen allen Bereichen der Patientenversorgung so zu organisieren und zu erleichtern, dass relevante Daten, Dokumente und Informationen zum Patienten jederzeit und überall dort vorliegen, wo sie in der konkreten Behandlungssituation gebraucht werden. Grundsätzlich und kurzfristig. Dafür schaffen wir interoperable Anwendungen wie die elektronische Patientenakte, sorgen für eine einheitliche „Sprache“ der Systeme im stationären Bereich und haben die Kommunikationsdienste KIM bzw. TI-Messenger konzipiert (mehr unter https://www.gematik.de/anwendungen/).
So können künftig Menschen in den verschiedenen Heil- und Gesundheitsberufen direkt vom Krankenbett des Patienten aus miteinander wichtige Informationen auf dem sprichwörtlichen kurzen Dienstweg teilen. Das ist in so vielen denkbaren Situationen ein enormer Gewinn in der Gesundheitsversorgung vieler Menschen – sei es bei der Behandlung von Heimbewohnern, über die sich Pflege- und medizinisches Personal austauschen können, sei es in der Geburtsnachsorge zuhause von Mutter und Kind durch die Hebamme, die darüber dem Facharzt Informationen zukommen lassen kann, oder eben, wie im Fall meines Vaters, in einem Spezial-Team der palliativen Versorgung eines Menschen.
Der berühmte Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick) gilt auch für die Menschen und die Technologie im Gesundheitswesen. Wie wichtig er ist, zeigt uns unser Umgang miteinander und mit der Technik, die wir nutzen – Tag für Tag. Und so ist auch die TI 2.0 ist nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern verfolgt im Gegenteil den Anspruch, ganz praktisch die Grundlagen für eine Verbesserung in der Gesundheitsversorgung zu schaffen, die ganz entscheidend von der einheitlichen, verständlichen und verlässlichen Kommunikation geprägt ist. Dafür, dass diese gelingt, arbeiten wir in der (neuen) gematik – gemeinsam mit unseren Partnern, für die Menschen.
Gesetzlicher Rahmen
Dem Gesetzgeber ging es zu Beginn des zweiten Jahrtausends um den Aufbau einer sektorenübergreifenden Informations-, Kommunikations- und Sicherheitsinfrastruktur (Telematikinfrastruktur, kurz: TI) als Basis für eine digitale und sichere Vernetzung im Gesundheitswesen.
Er beauftragte die Spitzenorganisationen im deutschen Gesundheitswesen mit der Einrichtung einer GmbH, die sich um die Einführung, den Betrieb und die Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur, der elektronischen Gesundheitskarte sowie zugehöriger Fachanwendungen und sogenannter weiterer Anwendungen für die Kommunikation zwischen Heilberuflern, Kostenträgern und Versicherten kümmern sollte: Die „gematik Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte“ kümmerte sich seit 2005 zunächst um die Erstellung und Überwachung der Einhaltung der Vorgaben für den sicheren Bereich der TI, Zulassungsverfahren von Dienstleistern, Komponenten und Anbietern und die Regelung funktionaler und technischer Vorgaben.
2016 wurde mit dem sogenannten E-Health-Gesetz nicht nur erstmalig der Begriff E-Health in Deutschland auf nationaler normativer Ebene verfestigt – ein wichtiger Impuls, betrachtet man das hier zugrundeliegende veränderte bzw. sich verändernde gesellschaftliche und gesundheitspolitische „Mindset“ gegenüber der Digitalisierung.
Einen weiteren Meilenstein markierte drei Jahre später das „Gesetz für schnellere Termine und bessere Versorgung“, das am 11. Mai 2019 in Kraft trat (Terminservice- und Versorgungsgesetz, TSVG). Das Bundesministerium für Gesundheit übernahm mit 51 Prozent die Mehrheitsgesellschafteranteile der gematik.
2020 kehrte der Verband der Privaten Krankenversicherung als Gesellschafter zurück zur gematik.
Durch umfassende Digitalisierungsgesetze der Jahre 2019 bis 2021 wurde die Verantwortung der gematik für die Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit der Telematikinfrastruktur und für zentrale E-Health-Lösungen verfestigt und weiter ausgebaut:
Das Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (kurz: Digitale-Versorgungs-Gesetz oder DVG) von 2019 widmete sich neben den Gesundheits-Apps auf Rezept u.a. auch dem Ausbau des digitalen Netzwerks im Gesundheitswesen. Zudem legt das DVG die Fristen für die Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) von verschiedenen Nutzergruppen fest.
Ebenfalls 2019 wurde das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) beschlossen, in dem der gematik Aufgaben übertragen wurden, die insbesondere den im GSAV aufgestellten Fahrplan für die Applikation des elektronischen Rezepts betreffen.
Das Gesetz zum Schutz elektronischer Patientendaten in der Telematikinfrastruktur aus dem Oktober 2020 (kurz: Patientendaten-Schutz-Gesetz oder PDSG) ist für die gematik insbesondere hinsichtlich der dort beschriebenen Funktionalitäten der elektronischen Patientenakte relevant.
Das Digitale-Versorgung-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz (DVPMG) vom Juni 2021 schließt u.a. die Weiterentwicklung von elektronischem Rezept und elektronischer Patientenakte, die Einführung der elektronischen Patientenkurzakte sowie die Anbindung weiterer Gesundheitsberufe, wie z.B. Heil- und Hilfsmittelerbringer, ein. In dem Gesetz wird des Weiteren der Auftrag an die gematik erteilt, einen „sicheren und an die unterschiedlichen Bedürfnisse der Nutzer angepassten Zugang zur Telematikinfrastruktur als Zukunftskonnektor oder Zukunftskonnektordienst zu entwickeln“.
Mit der Gesundheits-IT-Interoperabilitäts-Governance-Verordnung (GIGV), die am 15.10.2021 in Kraft trat, wurde der gematik die Koordinierungsstelle für Interoperabilität im deutschen Gesundheitswesen übertragen.
Schon längst umfasst die Kompetenz und die Zuständigkeit der gematik weit mehr als die Dienste der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Folgerichtig firmiert die Gesellschaft seit Oktober 2019 unter dem Namen „gematik GmbH“ und hat ihre Gesellschafterstruktur den hoheitlichen Aufgaben, die sie inzwischen wahrnimmt, angepasst.
© Christopher Ruckwied
Dr. med. Markus Leyck Dieken
Markus Leyck Dieken ist seit dem 1. Juli 2019 Alleingeschäftsführer der gematik. Er ist von Hause aus Internist und Notfallmediziner. Leyck Dieken promovierte 2001 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Endokrinologie. Seine siebenjährige klinische Erfahrung umfasst stationäre und ambulante Tätigkeiten in Deutschland und Brasilien.
Florian Hartge
Regelmäßig wird in der Öffentlichkeit der Ruf nach einer verbindlichen Strategie für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens laut. Die gematik ist bereit, diese Rolle auszufüllen. Das heißt vor allem: die Beteiligten in den Austausch bringen, gemeinsame Standards fördern und technische Infrastruktur bereitstellen.
Auf Veranstaltungen zur Digitalisierung des Gesundheitswesens wird seit Jahren darüber geklagt, dass in Deutschland die Verbindlichkeit in Sachen Standards und Schnittstellen fehlt. Auch in Studien wird immer wieder die Rückständigkeit des deutschen Gesundheitswesens in Bezug auf die Digitalisierung bescheinigt. Auf jedem Ärztetag und in jeder Vertreterversammlung einer Kassenärztlichen Vereinigung herrscht mittlerweile Konsens darüber, dass die Digitalisierung mehr Nutzen stiften müsse und die Nutzerinnen und Nutzer nicht aus dem Blick verlieren dürfe.
Das Potenzial der Digitalisierung für die medizinische Versorgung und Forschung wird dabei zunehmend klarer: In der Versorgung ermöglicht die Digitalisierung den Zugriff auf wichtige Informationen bei der Diagnose und Behandlung, effizientere Prozessketten sowie einen Gesamtblick auf die Gesundheitsdaten der Bevölkerung. Die Forschung erhält durch – selbstverständlich anonymisiert – wertvollen Einblick in den Gesundheitszustand von Menschen, ihre Diagnosen und Erkrankungen. Das ermöglicht nicht nur detaillierteres Wissen zu Krankheitsbildern und -verläufen, sondern künftig auch noch stärker individualisierbare Behandlungsansätze.
Vor diesem Hintergrund leitet die gematik ihre Aufgabe ab: Sie stellt sich der – ihr zunehmend zugesprochenen sowie selbst angenommenen – Rolle als Nationale Agentur für Digitale Medizin, indem sie für das deutsche Gesundheitswesen eine zentrale, für alle Akteurinnen und Akteure gleichermaßen gültige Orientierung, Unterstützung und Infrastruktur bieten (gematik 2021a). Konkret gehören dazu gewisse Aufgaben, auf die im nachfolgenden Beitrag näher eingegangen werden soll.
Die gematik sieht ihre Rolle darin, die Bedarfe und Anforderungen aller Beteiligten zu erkennen, in einen gemeinsamen Konsens zu bringen und einheitliche Vorgaben zu entwickeln. Dabei sind die Nutzer in Heil- und Gesundheitsberufen, die Organisationen des Gesundheitswesens genauso wie Industrieanbieter einzubeziehen. Ziel ist ein abgestimmtes Vorgehen bei Technologien, Regeln, Standards und Abläufen. So soll sichergestellt werden, dass alle Akteure auf einer planbaren und verlässlichen Basis arbeiten sowie ihre Weiterentwicklungen und Investitionen darauf aufsetzen können. Zudem soll der gemeinschaftliche Ansatz die Nutzung, Akzeptanz und Innovation digitaler Lösungen fördern.
Da Prozesse, Organisationen, Regularien, vor allem aber Technologien einem kontinuierlichen und zunehmend schnelleren Wandel unterworfen sind, handelt es sich um eine nie abgeschlossene Aufgabe für die gematik. Das gilt insbesondere für ein digitales Gesundheitswesen der Zukunft, das sehr wahrscheinlich mit einer hohen Entwicklungsgeschwindigkeit Schritt halten muss. Die gematik sowie ihre Unterstützungsangebote und Vorgaben müssen diesem Umstand Rechnung tragen und gemeinsam mit den Beteiligten weiterentwickelt werden. Dazu gehört auch, Innovationen und internationale Trends sowie die damit verbundenen Möglichkeiten zu beobachten. Das Ergebnis muss eine „lebende“ Roadmap und eine anpassungsfähige Strategie für die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen sein.
Ein gemeinsames Vorgehen braucht gemeinsame Standards: Die gematik übernimmt die Rolle des Moderators für die Festlegung technischer Standards im deutschen Gesundheitswesen, die dann für alle Beteiligten Verbindlichkeit entfalten. Verbindliche technische Standards gewährleisten einen besseren Informationsaustausch und sind die Basis für weiterführende Innovationen, z.B. weil Entwicklungen nicht bei null begonnen werden müssen, sondern auf einen Standard aufsetzen können.
Die gematik wird gemeinsam mit den Experten und Standardisierungsorganisationen des Gesundheitswesens einen gesteuerten und strukturierten Dialog hierzu führen (vgl. Kap. Interoperabilität). Dieser Dialog wird Schritt für Schritt zu einem wachsenden Austausch von strukturierten Informationen beitragen. So sollen letztlich Standards entstehen, die nicht von der gematik vorgegeben wurden, sondern den Wünschen und Bedarfen aller Teilnehmenden Rechnung tragen.
Das Gesundheitswesen ist ein stark regulierter Bereich, in dem es überwiegend um sensible Daten und Prozesse mit hohen Anforderungen an die Informations- und Datensicherheit geht. Um diese zu gewährleisten, bedarf es bei IT-Systemen und damit verbundenen Prozessen oft sehr hoher technischer als auch prozessualer Aufwände und Investitionen. Zentrales Beispiel ist hierfür das Identitätsmanagement: Für nahezu alle digitalen Prozesse im Gesundheitswesen sind gesicherte elektronische Nutzeridentitäten notwendig. Diese bereitzustellen und dabei alle Anforderungen an Gesetz, Datenschutz, Sicherheit und Verfügbarkeit zu erfüllen, ist äußerst komplex. Aus diesem Grund profitiert die Digitalisierung des Gesundheitswesens immens davon, wenn eine solche Infrastrukturleistung grundsätzlich immer und standardisiert zur Verfügung gestellt wird.
Zentrale Aufgabe der gematik ist es, solche Kern-Infrastrukturleistungen zu identifizieren und sie in der benötigten Qualität bereitzustellen oder bereitstellen zu lassen (s. Abb. 3). Darüber hinaus soll sie bei der Nutzung der Infrastrukturleistungen unterstützen und deren Weiterentwicklung fördern. Die gematik bietet z.B. ihre Expertise an, wie die Gesundheitstelematikplattform am besten anzuwenden ist, und erhält im Gegenzug von den Nutzern eine direkte Rückmeldung, welche Leistungen gut sind und welche noch besser werden sollten.
Abb. 3 Die sechs Säulen der TI 2.0
Eine weitere Aufgabe der gematik ist es, dafür zu sorgen, dass sogenannte Kernanwendungen (heute auch: „gesetzliche Anwendungen“) des Gesundheitswesens auf Basis der Gesundheitstelematikplattform zuverlässig bereitstehen (vgl. SGB V, § 291a Abs. 7 und § 291 b): Dazu gehören neben dem Versichertenstammdatenmanagement z.B. auch die elektronische Patientenakte, der elektronische Medikationsplan oder das elektronische Rezept (s. Kap. III. 2). Diese Anwendungen entsprechen in ihren Prozessen dem jeweiligen Stand der digitalen Vernetzung des Gesundheitswesens zum Zeitpunkt der Umsetzung. Kernanwendungen müssen für alle Teilnehmenden gleich nutzbar und mit gleich hoher Qualität, unabhängig vom jeweiligen Anbieter, vorhanden sein. Dies fordert die gematik bereits jetzt von allen Beteiligten ein, organisiert die Umsetzung und kontrolliert die Einhaltung der vereinbarten Parameter laufend nach.
Zuverlässiges Vorhandensein ist aber nur ein wichtiger Parameter einer Kernanwendung. Noch wichtiger ist es, sicherzustellen, dass solche Anwendungen auch tatsächlich ihren vorgesehenen Nutzen erfüllen. Aus diesem Grund kümmert sich die gematik verstärkt um die nutzenzentrierte Weiterentwicklung der Kernanwendungen im Dialog mit allen Beteiligten (gematik 2021b). Denn nur, wenn die Kernanwendungen gut nutzbar sind und insgesamt einen Nutzen entfalten, macht ihre technische Umsetzung überhaupt einen Sinn.
Um diese vier Aufgabenbereiche erfolgreich zu bewältigen, hat sich die gematik zwischen 2019 und 2021 neu aufgestellt und befindet sich auch weiterhin im kontinuierlichen Wandel, um der rasant voranschreitenden Digitalisierung im Gesundheitswesen auch in Zukunft Rechnung zu tragen. In der gematik arbeiten heute Expertinnen und Experten für das deutsche Gesundheitswesen, für nutzerzentriertes Design, für IT-Sicherheit, Betriebs- und Serviceprozesse, erfahrene Projektleiter, IT-Architekten und Kommunikationsexperten. Das Unternehmen hat sich in vielen Bereichen verändert und die Arbeitsweisen den agilen Prinzipien angepasst, um möglichst viel Wissen möglichst schnell verarbeiten zu können. Die gematik von heute ist damit eine dynamische, offene und gesprächsbereite Organisation, die mit allen Beteiligten im stetigen Dialog steht und sich klar der Rolle und Verantwortung als Nationale Agentur für Digitale Medizin stellt.
gematik (2021a) Arena für digitale Medizin – Whitepaper Telematikinfrastruktur 2.0 für ein föderalistisch vernetztes Gesundheitssystem“. URL: https://www.gematik.de/fileadmin/user_upload/gematik/files/Presseinformationen/gematik_Whitepaper_Arena_digitale_Medizin_TI_2.0_Web.pdf (abgerufen am 31.08.21)
gematik (2021b) TI Future Summit – Gemeinsamer Dialog für das Gesundheitssystem der Zukunft. URL: https://www.gematik.de/news/news/gemeinsamer-dialog-fuer-das-gesundheits-system-der-zukunft/ (abgerufen am 31.08.21)
© gematik GmbH
Dr. sc. hum. Florian Hartge
Florian Hartge ist seit 2020 bei der gematik und verantwortet als Chief Produktion Officer (CPO) die Weiterentwicklung und Professionalisierung aller Produktionsprozesse innerhalb der gematik. Er ist Experte in den Themen E-Health, Gesundheitsvernetzung, Softwareentwicklung und Projektmanagement. In seiner letzten Position war Hartge Geschäftsführer und Gründer der Berliner Unternehmensberatung fbeta mit dem Schwerpunkt Gesundheitsdigitalisierung. Zuvor arbeitete er mehrere Jahre als Projektleiter in einer Unternehmensberatung, als Innovationsmanager und als Interessenvertreter für die gesetzliche Krankenversicherung in den Bereichen E-Health, Telematik und Telemedizin. Zudem verantwortete er das Business Development einer Softwarefirma für E-Health-Lösungen.
Stefan Höcherl
Als Nationale Agentur für Digitale Medizin soll die gematik im gesetzlichen Auftrag die digitale Transformation des deutschen Gesundheitswesens vorantreiben. Um diese Aufgabe erfolgreich zu erfüllen, befindet sich die gematik seit 2019 in einem umfassenden Wandel. Ein neues Rollenverständnis, neue Ziele und Arbeitsweisen tragen künftig dazu bei, die digitale Medizin in Deutschland spürbar voranzubringen.
Überzeugungen sind gelebte Werte. Im Zuge des Wandels der gematik seit 2019 hat sich das Rollenverständnis nicht zuletzt aufgrund der neuen gesetzlichen Aufträge, aufgrund der gesellschaftlichen Lerneffekte durch die COVID-19-Pandemie und aufgrund der vielen positiven Erfahrungen im Bereich der Kollaborationen der gematik weiterentwickelt. Als Zwischenergebnis kann festgehalten werden, dass die gematik ein klares Bild davon hat, wie sie als Nationale Agentur für Digitale Medizin weiter agieren will. Die gematik vertritt dabei folgende Überzeugungen:
Gesundheit wird durch ein digitales Gesundheitssystem besser gestärkt und geschützt. Das Gesundheitssystem von morgen ist ein vollständig vernetztes System, das durch Kooperation und Teamwork immer leistungsstärker, solidarischer und zukunftsfester wird. Die gematik sieht hier eine enorme Aufbruchsstimmung und den Ehrgeiz, die Vorteile der digitalen Medizin noch schneller und stärker in die Realität der Patienten und den Alltag der medizinischen Heilberufe zu bringen.
Die gematik will mit Tempo auf dem Weg zur digitalen Medizin voranschreiten. Vom internationalen Abstiegsplatz in Digital-Health-Rankings und einem national versprengten Inseldasein ist die gematik zu einer treibenden Kraft geworden, der eine wichtige Gestalterrolle zukommt. Die nationale Aufholjagd in der Digitalisierung seit 2018 hat das deutsche Gesundheitssystem hinsichtlich der digitalen Transformation näher an das Niveau ihrer europäischen Nachbarn gebracht und bringt mit jeder neuen digitalen Anwendung mehr Nutzen für Patienten und medizinische Heilberufe. Das nächste Ziel ist, die Versorgung und Forschung auch international noch stärker digital anschlussfähig zu machen.
Die gematik will als Nationale Agentur für Digitale Medizin einen Unterschied machen. Die erfolgreiche digitale Aufholjagd erfordert einen selbstbewussten und zielstrebigen Initiator und Koordinator der Prozesse und Akteure. Dazu gehört auch die Moderation eines gemeinsamen runden Tisches für akute Umsetzungsfragen sowie für den kontinuierlichen Zukunftsdialog. Die Überwindung von Einzelinteressen und der sektorenhaften Betrachtung ist dabei die Triebfeder für den gemeinsamen Erfolg bei den nächsten wichtigen Schritten hin zu einer erlebbaren und mehrwertstiftenden digitalen Medizin.
Die gematik will Verantwortung für die nationale „Arena für digitale Medizin“ übernehmen. Eine Belebung der digitalen Medizin findet nur statt, wenn die gematik eine Plattform anbietet, auf der ein digitales Ökosystem wachsen kann. Die Vision ist eine modernisierte Telematikinfrastruktur (TI) als nationale Arena der digitalen Medizin – sicher, stabil und attraktiv hinsichtlich Rahmenbedingungen und Grundleistungen für Anbieter und Anwender. Dafür hat die gematik einen breiten gesellschaftlichen Dialog zur TI 2.0 angestoßen und ihre Ideen mit der Unterstützung externer Expertise schrittweise weiterentwickelt.
Gesundheit ist wertvoll. Sie zu erhalten und zu schützen, ist eine hochkomplexe und überaus wichtige Aufgabe. Das Gesundheitssystem von morgen ist ein vollständig vernetztes – ein Gesundheitssystem, in dem durch den Austausch von Informationen Krankheiten schneller erkannt, einfacher überwacht, besser behandelt und sogar vermieden werden können, überall und zu jeder Zeit. Die dafür notwendige Arena für digitale Medizin bildet die Plattform für ein wachsendes Ökosystem digitaler Anwendungen, Dienste und Services. Dadurch wird künftig von der Vorhersage und Prävention von Krankheiten über deren Behandlung und Nachsorge bis hin zur Kooperation zwischen den medizinischen Heilberufen und Patienten die Medizin auf ein neues und besseres Niveau angehoben.
Im Ergebnis entsteht ein Gesundheitssystem, das durch Kooperation und Teamwork leistungsstärker, solidarischer und zukunftsfester wird. Das ist das Ziel der gematik. Dafür setzt sie sich ein. Dafür verbindet sie Institutionen und Organisationen und bringt Menschen zusammen.
Die digitale Aufholjagd wird nur mit einer selbstbewusst, zielstrebig und selbstständig auftretenden Nationalen Agentur für Digitale Medizin erfolgreich sein können. Das verdeutlichen internationale Benchmarks, die europäischen Partnerländer, aber auch die Fortschritte, die die gematik seit 2019 bereits gemacht hat.
2021 erlebt das deutsche Gesundheitswesen einen „digitalen Frühling“. Mit dem Start der elektronischen Patientenakte (ePA) und des elektronischen Rezepts (E-Rezept) schafft die gematik einen handfesten und alltagsrelevanten Mehrwert für viele Versicherte. Zudem können Patienten bereits auf über 20 gelistete Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) – sogenannte Apps auf Rezept – zugreifen, erstattet durch die Krankenkassen. Das heißt: Das Ökosystem der digitalen Medizin wächst weiter. Auch die Anbindung vieler neuer Nutzergruppen, von der Pflege über Hebammen bis hin zu den Betriebsärzten, an die Telematikinfrastruktur ist beschlossene Sache.
Klar ist: Die gematik hat als nationale Koordinierungsstelle einen deutlich gewachsenen Verantwortungsbereich als Kompetenzzentrum für Digital Health und als Koordinierungsstelle für Interoperabilität erfahren. Zudem zeigt sich 2021 noch deutlicher die Notwendigkeit, international anschlussfähig zu sein und große europäische Herausforderungen gemeinsam anzugehen – sei es die COVID-19-Pandemie oder die Frage nach der Umsetzung einer europaweit nutzbaren digitalen Identität für die Nutzung medizinischer Leistungen im EU-Ausland, wie zum Beispiel der Patientenkurzakte oder dem E-Rezept. Dazu braucht es den Schulterschluss mit anderen nationalen Kompetenzzentren und Digital-Health-Agenturen sowie den europäischen Institutionen. Auch hierfür macht sich die gematik stark.
Die Arbeitsweise der gematik hat sich wesentlich verändert – hin zu agilen Arbeitsmethoden und mehr Kooperation mit externen Experten und Partnern. Die gematik unterstützt ihre Partner dabei in verschiedenen Rollen, u.a. als Prüfer, Standardgeber, Vermittler, Moderator oder Berater. Ausschlaggebend sind hierfür die drei Grundprinzipien Offenheit, Beteiligung und Dialog. Diese füllt die gematik wie folgt mit Leben:
Zuhören und lernen: Die gematik lädt zentrale Gestalter des Gesundheitssystems, Partner in Industrie und Wissenschaft sowie führende Experten regelmäßig ein, um zuzuhören und besser zu verstehen, welche Anforderungen und Bedürfnisse unterschiedliche Anbieter und Nutzer haben und wie die übergeordneten technologischen und gesellschaftspolitischen Trends aussehen.
Sich beteiligen: Die gematik beteiligt sich aktiv in ausgewählten Pilotprojekten auf europäischer und nationaler Ebene: Sie arbeitet an Zukunftskonzepten und der Pilotierung konkreter Umsetzungsprojekte mit und erstellt Prototypen für eine zielgerichtete Design-, Konzept- und Nutzenbewertung.
Rückkoppeln: Die Rückkopplung an die vielzähligen Akteure im föderalen Gesundheitssystem ist der gematik ein besonderes Anliegen. Aus diesem Grund wurde der Beirat der gematik weiterentwickelt und gestärkt, sowohl strukturell als auch in seinem Selbstverständnis. Der Beirat hat mit seiner breiten Expertise und heterogenen Besetzung – von medizinischer Forschung über Patientenorganisationen bis zu Politik und Industrie – die Rolle als gesellschaftspolitisches Forum. Er unterstützt die gematik durch regelmäßige Stimmungsbilder zu aktuellen Fragen der Implementierung und Kommunikation und gibt hilfreiche Impulse.
Teilen und erklären: Dazu gehören u.a. die Open-Source-Bereitstellung von Codes, die konsequente Publikation der gematik-Gutachten, insbesondere im Bereich Sicherheit, sowie die europäische Zusammenarbeit und dezidierte Pilotprojekte, z.B. mit den Kliniken im Hinblick auf ePA-Anwendungen und strukturierte Datensätze.
Dialog fördern: Die gematik hat neue Dialogformate etabliert, um gezielt Nutzergruppen, Experten und die Fachcommunity etwa im Bereich der Standardisierung einzubinden, zu informieren und deren Fragen, Bedenken und Anregungen aufzugreifen. Zu den Formaten gehören insbesondere „gematik digital“ (vgl. Meldung der gematik zur Auftaktveranstaltung am 19.04.2021: gematik 2021c), der „ePA-Dialog“ mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (siehe z.B. Veranstaltungsmitschnitt auf YouTube der KV Nordrhein von 2020: YouTube 2020), das „Industrieforum“ (siehe gematik 2021a), offene Sprechstunden, Hackathons, der „IOP-Summit“ und der „TI Future Summit“ (vgl. Pressemitteilung der gematik von März 2021: gematik 2021d). Die rege Beteiligung (z.B. im Rahmen der Vorstellung des E-Rezepts im Mai 2021 vor rund 4.500 Teilnehmern, siehe: gematik 2021b) und das positive und konstruktive Feedback (z.B. zum Ideenpapier TI 2.0) bestärken die gematik in ihrem Ansatz, den Weg der moderierten Einbindung und Zusammenarbeit weiterzuentwickeln.
Mit ihrer Arbeit möchte die gematik den medizinischen Versorgungsalltag in Deutschland spürbar verbessern. Dies gelingt, indem der Alltag von Patienten, Medizinern und weiteren Heilberuflern erleichtert, die Zeitenwende zur digitalen Medizin beflügelt und die Gesundheit der Menschen durch digitale Infrastruktur und Dienste nachhaltig gestärkt wird. Dafür muss die gematik neugierig bleiben hinsichtlich technologischer und medizinischer Innovationen sowie offen sein für den Ideenaustausch mit Innovatoren und die Zusammenarbeit mit Vordenkern und Vorreitern der digitalen Medizin. Um das zu gewährleisten, nimmt die gematik eine Reihe von Rollen ein:
Als Kompetenzzentrum und Koordinierungsstelle für Standardisierung etabliert die gematik den nationalen und sektorenübergreifenden Runden Tisch für die Standardisierung. Dabei koordiniert und moderiert sie den Fachdialog der Experten aus den verschiedensten Bereichen, um die notwendigen Standards für eine qualitativ hochwertige Telematikinfrastruktur zu setzen. Gemeinsam mit den führenden Experten schreibt sie die Interoperabilitäts-Roadmap für das deutsche Gesundheitssystem fort.
Als Partner für Anbieter und Anwender baut die gematik den direkten Draht zu Partnern und Pionieren in einzelnen Themenfeldern weiter aus und vertieft die Zusammenarbeit. Durch regen Austausch mit der Community ist sie eng am Puls der Nutzer und Anbieter, um so die einzelnen Anwendungen und Services gemeinsam mit den Nutzern zum Erfolg zu führen.
Als Forum für Zukunftskonzepte der digitalen Medizin tauscht sich die gematik mit digitalen Vorreitern und Protagonisten in modernen, konstruktiven Formaten aus. Dafür hat sie neue Wege beschritten, z.B. mit dem ersten TI Future Summit 2021. In diesem kreativen Raum entstehen Ideen zu Zukunftskonzepten und Inspiration für konkrete Produkte und Services.
Als europäischer Partner und Moderator für nationale Zusammenarbeit gestaltet die gematik die internationalen Austauschformate für Gesundheitsdaten aktiv mit und setzt die europäische Anbindung der Telematikinfrastruktur um. Dazu bringt sie die europäische Perspektive in den nationalen Fachdialog mit anderen Behörden und Organisationen ein.
Im Zuge ihres Wandels hat die gematik außerdem ihre Leitprinzipien weiter geschärft und noch stärker auf das Wesentliche fokussiert: den gemeinsamen Erfolg bei der digitalen Transformation des deutschen Gesundheitswesens Schritt für Schritt konsequent zu fördern.
Für die Nutzer ist der erlebbare Nutzen ausschlaggebend für die Akzeptanz einer digitalen Anwendung bzw. eines digitalen Service. Die von der gematik spezifizierten Dienste und Produkte werden daher zukünftig durchweg im intensiven Austausch mit den entsprechenden Anwendern entstehen.
