Naturgewalt und Geisteskraft -  - E-Book

Naturgewalt und Geisteskraft E-Book

0,0

Beschreibung

Wir sind Kinder der Evolution. Durch einen jahrmillionenlangen Selektionsdruck in wilder Natur und sozialer Gemeinschaft sind wir mit einem Gehirn ausgestattet, das beeindruckende Leistungen erbringt. Im Rückblick auf unsere animalische Herkunft bleibt erstaunlich, wie gut wir uns in einer komplexen Welt behaupten können: Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern, Reagieren, Bewerten, Planen, Entscheiden, Handeln - und das effizient und zielsicher. In diesem Band werden Evolutionsmechanismen erläutert und das Tier-Mensch-Übergangsfeld ausgeleuchtet. Die Forschungen aus Biologie, Neurowissenschaft, Archäogenetik und Anthropologie umfassen Vor- und Frühmenschen, Schädelfunde und Stammbäume, Triebkräfte des Hirnwachstums, die Entstehung von Sprache und Bewusstsein sowie die Bedingungen menschlicher Kultur. Mit Beiträgen von: Christoph Antweiler, Julia Fischer, Miriam N. Haidle, Wieland Huttner, Axel Meyer, Kathrin Nägele, Albert Newen und Carlos Montemayor.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zu ähnlichen Themen sind bisher folgende Buchtitel erschienen:

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Freier Wille – frommer Wunsch? Gehirn und Willensfreiheit (mentis 2006)

Stephan Matthiesen/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Von Sinnen. Traum und Trance, Rausch und Rage aus Sicht der Hirnforschung (mentis 2007)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Neuronen im Gespräch. Sprache und Gehirn (mentis 2008)

Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Nicht wahr?! Sinneskanäle, Hirnwindungen und Grenzen der Wahrnehmung (mentis 2009)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Künstliche Sinne, gedoptes Gehirn. Neurotechnik und Neuroethik (mentis 2010)

Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Geistesblitz und Neuronendonner. Intuition, Kreativität und Phantasie (mentis 2010)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Mann, Frau, Gehirn. Geschlechter differenz und Neurowissenschaft (mentis 2011)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Verantwortung als Illusion? Moral, Schuld, Strafe und das Menschenbild der Hirnforschung (mentis 2012)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Das Tier im Menschen. Triebe, Reize, Reaktionen (mentis 2013)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Bewusstsein – Selbst – Ich. Die Hirn forschung und das Subjektive (mentis 2014)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Das soziale Gehirn. Neuro wissen schaft und menschliche Bindung (mentis 2015)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Gehirne zwischen Liebe und Krieg. Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften (mentis 2016)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Was hält uns jung? Neuronale Perspektiven für den Umgang mit Neuem (Kortizes 2020)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Hirn im Glück. Freude, Liebe, Hoffnung im Spiegel der Neurowissenschaft (Kortizes 2020)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Wo sitzt der Geist? Von Leib und Seele zur erweiterten Kognition (Kortizes 2022)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Zeit · Geist · Gehirn Neuro wissen schaft und Zeit erleben (Kortizes 2023)

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Gehirne zwischen Genie und Wahnsinn. Begabung und Persönlichkeit aus Sicht der Neurowissenschaft (Kortizes 2024)

Inhalt

Vorwort

Helmut Fink

Einleitung

Kinder der Evolution

Christiane Nüsslein-Volhard

Schönheit der Tiere

Evolution biologischer Ästhetik

Axel Meyer

Es gibt nur zwei Geschlechter und keine »falschen Körper«

Volker Sommer

Lob der Lüge

Zur Evolution der Intelligenz

Julia Fischer

Die schwierige Frage des Sprachursprungs

Was die Kommunikation von Affen über die Evolution der Sprache verrät

Albert Newen und Carlos Montemayor

Die Grundkonzepte der ALARM-Theorie des Bewusstseins

Eine dreistufige Theorie des bewussten Erlebens aus evolutionärer Perspektive.

Wieland B. Huttner

Die Evolution des menschlichen Gehirns

Stammzellen, Gene, Mutationen

Kathrin Nägele

Der archäogenetische Blick auf die Menschheitsgeschichte

Was können uns alte Genome über die Ausbreitung des Menschen erzählen?

Thorsten Uthmeier

Nur Neandertaler oder schon modern?

Neue Antworten auf eine falsche Frage

Miriam Noël Haidle

»Schon wieder die Umwelt!«

Die Erweiterung der Entwicklungsräume in der menschlichen Evolution

Christoph Antweiler

Anthropozän

Geisteskräfte als Naturgewalt

Die Autorinnen und Autoren

Die Herausgeber

Vorwort

Die Beiträge dieses Bandes gehen auf ein Symposium zurück, das unter gleichem Titel am Wochenende 6. bis 8. Oktober 2023 im Aufseß-Saal des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg stattfand. Veranstalter war Kortizes – Institut für populärwissenschaftlichen Diskurs, eine gemeinnützige GmbH, die im Raum Nürnberg seit 2017 Bildungsveranstaltungen im Geist von Aufklärung und Humanismus organisiert und dabei auf jahrelange Erfahrungen ihrer aktiven Funktionsträger zurückgreifen kann. Näheres zu aktuellen Veranstaltungen, aber auch zur ausführlichen Dokumentation früherer Aktivitäten u. a. durch Youtube-Videos und Podcast-Gespräche findet man im Netz unter kortizes.de.

Das Thema dieses Bandes, die Evolution des Menschen, ist für unser Selbstverständnis grundlegend. Der Mensch ist Naturwesen und Kulturwesen zugleich. Es ist daher unvermeidlich, dass verschiedenartige Wissenschaften zum Gesamtbild beitragen. Dies zeigt sich auch in der Spanne der Buchbeiträge, die von Biologie und Hirnforschung über Ethnologie und Paläoanthropologie bis zur Philosophie reicht. Erst die Verbindung der Teile führt zum Ganzen. In schönster Weise gilt dies ebenso für unsere Kooperation mit der Giordano-Bruno-Stiftung, zumal mit Bezug auf Evolution.

Erneut waren die Fachleute des jeweiligen Feldes bereit, ihr Wissen in verständlicher Form zu präsentieren und mit einer interessierten Öffentlichkeit zu teilen. Dies entspricht von jeher dem Anliegen von Kortizes. Unser Dank gilt daher zuerst den Autorinnen und Autoren, ohne die es das Buch nicht gäbe. Dank gebührt aber auch dem bewährten Kortizes-Team, ohne das die Durchführung der jährlichen Symposien in Nürnberg nicht möglich wäre. Alexander Paul verdanken wir das professionelle Erscheinungsbild unserer Bücher und der treuen Leserschaft unsere Motivation zur Fortsetzung dieser Reihe.

Nürnberg im April 2025

Die Herausgeber

Helmut Fink

Einleitung

Kinder der Evolution

Wir sind Kinder der Evolution. Die weltanschauliche Aufregung scheint von diesem Thema gewichen zu sein, zumindest in Europa. Kaum jemand dürfte sich noch gekränkt fühlen durch die Erkenntnis, dass der Mensch durch eine ununterbrochene Abstammungskette mit tierischen Vorfahren verbunden ist und daher selbst als Angehöriger des Tierreichs betrachtet werden kann – zumindest im biologischen Sinne. Eine gewisse Sonderstellung im Reich des Lebendigen nimmt der Mensch gleichwohl aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten ein.

Das Verhältnis von Materie und Geist ist ein philosophischer Dauerbrenner, ebenso wie das Verhältnis von Natur und Kultur. Wenngleich je nach weltanschaulichem Standpunkt unterschiedliche Aspekte bei der Beschreibung dieser Verhältnisse betont werden mögen, so sollte doch mittlerweile unstrittig sein, dass geistiges Erleben nicht ohne materielle Grundlage – konkret: nicht ohne funktionsfähiges Gehirn – auftreten kann und dass Kultur auf Fähigkeiten gründet, die zuvor in der Natur entstanden sind. Weder geistige Leistungen noch kulturelle Ausdrucksformen sind daher vom Anspruch auf natürliche Erklärbarkeit ausgenommen. Sie fügen sich ein in den großen Rahmen der Evolution.

Die Rahmentheorie der Evolution erlaubt die Anerkennung verschiedener Systemebenen und ihrer jeweiligen Eigengesetzlichkeiten. Moleküle, Zellen, Organismen, Populationen, Ökosysteme – sie alle weisen typische Merkmale und Wechselwirkungen auf, die erforscht werden können. Jede neue Systemebene wird neue Eigenschaften in die Welt bringen, die jedoch mit den Gesetzen der jeweiligen Konstituenten auf den niedrigeren Ebenen verträglich sind und in der Regel sogar aus ihnen heraus erklärt werden können. Eine solche aufwärts gerichtete Stufung von Systemeigenschaften wird oft als (schwache) Emergenz bezeichnet. Es kann aber auch (scheinbare) Rückwirkungen höherer Organisationsebenen auf das Verhalten ihrer Bestandteile geben. Man spricht dann gern von Selbstorganisationsprozessen. In jedem Fall geht es dabei »mit rechten Dingen« zu: Es handelt sich schlicht um die unterschiedlichen Wirkungen natürlicher Mechanismen. Evolution gebiert Vielfalt.

Ein Ziel scheint dabei nicht vorgegeben, es ist jedenfalls nicht vorab erkennbar. Die Evolutionsmechanismen Reproduktion, Mutation und Selektion gewährleisten eine Offenheit der Zukunft und gerade keine Zwangsläufigkeit. Entwicklungsrichtungen lassen sich nur im Rückblick deuten. Teleologisches Denken hat sich in der Biologie nicht bewährt. Wir verdanken unsere Existenz dem für das Evolutionsgeschehen charakteristischen Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit. Als umfassende Darstellung des aktuellen Standes der Evolutionsbiologie sei das Lehrbuch von Kutschera (2025) empfohlen. Die Anwendbarkeit evolutionärer Erklärungen über den Bereich der Biologie hinaus untersuchen Schurz (2011) und Vollmer (2017).

Durch einen jahrmillionenlangen Selektionsdruck in wilder Natur und sozialer Gemeinschaft sind wir mit einem Gehirn ausgestattet, das beeindruckende Leistungen erbringt. Mit Blick auf unsere animalische Herkunft bleibt erstaunlich, wie gut wir uns in einer komplexen Welt voller Herausforderungen behaupten können: Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern, Reagieren, Bewerten, Planen, Entscheiden, Handeln – und das meist effizient und zielsicher. Die Frage der Menschwerdung ist ein spannendes und facettenreiches Forschungsthema, über das etwa die Zusammenfassungen von Henke und Rothe (2003) und Junker (2021) einen gehaltvollen Überblick vermitteln.

Zweifellos ist das Verständnis unserer evolutionären Herkunft für unser Selbstbild als Menschen von erheblicher Bedeutung. Es ist daher nicht überraschend, dass dem Thema immer wieder Tagungen und Sammelbände gewidmet werden (vgl. etwa Wuketits, 2009; Fink, 2013; Spektrum, 2022). Auch der vorliegende Band reiht sich hier ein. Es gibt außerdem – über den Bedarf an populärwissenschaftlicher Vermittlung des Forschungsstandes hinaus – einige typische Fragestellungen, die ein besonderes Interesse begründen, aber wegen ihres übergreifenden Charakters nicht leicht zu beantworten sind. Wir können dazu im Folgenden nur einige knappe Hinweise geben.

Die Relevanz unserer biologischen Ausstattung für ein aufgeklärtes, realistisches Menschenbild zeigt sich sehr konkret in den Ergebnissen der Hirnforschung (vgl. Roth, 2021). Aber werden dadurch althergebrachte Vorstellungen über das Wesen des Menschen revolutioniert oder nur durch neue Erklärungen unterfüttert? Für beide Sichtweisen lässt sich argumentieren, die zweite wird z. B. von Pauen (2007) favorisiert. Ein sachlicher Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie kann sicherlich helfen, allzu einseitige Positionen zu vermeiden. Tatsächlich gibt es in der historischen Entwicklung des Menschenbildes sowohl Kontinuitäten als auch Brüche.

In ähnlicher Weise lassen sich beim Vergleich des Menschen mit (anderen) Tieren entweder die Ähnlichkeiten oder aber die Unterschiede betonen. Menschen sind bekanntlich ihren tierischen Verwandten zwar in vielen, aber keineswegs in allen Einzelfähigkeiten überlegen – man denke etwa an Wahrnehmungsleistungen oder Reaktionsgeschwindigkeiten. Typisch Menschliches hat oft Vorformen im Tierreich. Sogar kulturelles, also in Gruppen sozial gelerntes Verhalten wurde bereits bei nichtmenschlichen Primaten beobachtet. Ein scharfes Abgrenzungskriterium erscheint somit angesichts des Tier-Mensch-Übergangsfeldes unplausibel. Folglich ist metaphorisch sowohl vom »Tier im Menschen« (Fink und Rosenzweig, 2013) als auch vom »Menschen im Tier« (Sachser, 2018) die Rede.

Ohnehin ist gar nicht ausgemacht, ob das evolutionäre Erbe des Menschen eine besonders gute Grundlage für einen erfolgreichen Umgang mit gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen bietet. Im schlimmsten Fall, nämlich im Fall seines globalen Scheiterns, wäre der heutige Mensch bloß »der Neandertaler der Zukunft« (wie Hoimar von Ditfurth einst so treffend formulierte). Sowohl für die natürliche Begründung menschlicher Leistungsfähigkeit als auch für eine realistische Einschätzung von deren Grenzen ist der evolutionäre Blick auf unsere Herkunft hilfreich (vgl. hierzu Fink und Rosenzweig, 2016). Aber die Zukunft bleibt offen.

Für ein umfassendes, evolutionär informiertes Menschenbild ist ferner zu beachten, dass kulturelle und biologische Evolution rückgekoppelt sind (Rusch und Voland, 2025). Wenn also Kultur als »zweite Natur« des Menschen bezeichnet wird, so ist das mehr als eine bloße Analogie. Das evolutionäre Paradigma verbindet Ebenen, deren Wechselwirkung nicht ganz leicht zu beschreiben ist, aber deren völlige Trennung Wesentliches ausblenden würde. Dies gilt etwa auch für die Erklärung der Erkenntnisfähigkeit des Menschen: Gegenstand der Evolutionären Erkenntnistheorie (Vollmer, 1975/2023) ist unstrittig die Genese des menschlichen Wahrnehmungs- und Denkapparats – aber inwieweit ist damit auch schon die Geltung der mittels dieses Apparats gewonnenen Erkenntnisse über die Außenwelt begründet? Das ist ein klassischer philosophischer Streitfall, der bis heute zu klugen Erörterungen Anlass gibt (Pöld und Chefai, 2025).

Das Thema »Evolution des Menschen« hat also zahlreiche Weiterungen, die hier nicht vertieft werden können. In diesem Band werden Evolutionsmechanismen exemplarisch erläutert und das Tier-Mensch-Übergangsfeld ausgeleuchtet. Die in den Beiträgen des Bandes skizzierten Forschungen aus Biologie, Neurowissenschaft, Archäo - genetik und Anthropologie umfassen Vor- und Frühmenschen, Schädelfunde und Stammbäume, Triebkräfte des Hirnwachstums, die Entstehung von Sprache und Bewusstsein sowie die Bedingungen menschlicher Kultur. Dabei wird sich zeigen, dass die historische Rekonstruktion, hier zurückgehend bis zur Naturgeschichte, mitunter auf eine schwierige Quellenlage stößt. Stets müssen kausale Spuren des früheren Geschehens zuerst einmal aufgefunden und dann richtig gedeutet werden.

Viele Forschungszugänge tragen zum Gesamtbild bei

Den Anfang macht die Biochemikerin und Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard. Sie untersucht die Bildung von Farbmustern im Tierreich am Beispiel des Zebrafisches als Modellsystem für Wirbeltiere. Die sexuelle Selektion ist – zusätzlich zur natürlichen Selektion – der entscheidende Mechanismus für die Ausbildung ästhetischer Merkmale. Beim Zebrafisch und nah verwandten Arten sind drei Sorten von Pigmentzellen, die von Stammzellen aus der Neuralleiste abstammen, für die Farbmuster verantwortlich. Die genetischen Variationen, die zu unterschiedlichen Wechselwirkungen zwischen den Zellen und dadurch zu unterschiedlichen Mustern führen, sind aktueller Forschungsgegenstand. Ein Ausblick gilt dem Menschen, der die starre genetische Festlegung auf arteigene ästhetische Signale durch Schmuck und Mode überschreitet.

Der Evolutionsbiologe Axel Meyer verteidigt in seinem engagierten Beitrag die strikte Unterscheidung von Geschlecht und »Gender«: Während das biologische Geschlecht durch die zwei verschiedenen Sorten von Keimzellen definiert wird, beruht »Gender« auf kultureller Konstruktion. Hiervon weiterhin zu unterscheiden sind Geschlechterrollen und Sexualpräferenzen. Der evolutionäre Vorteil der Zweigeschlechtlichkeit liegt in der größeren genetischen Variabilität der Nachfahren. Verschiedene mögliche Kriterien der Geschlechtsdiagnose werden differenziert dargestellt. Nach einem Blick auf die molekularbiologischen Mechanismen der Geschlechtsfestlegung wird Intersexualität als Sammelbezeichnung für Störungen in der geschlechtlichen Entwicklung erläutert. Auch Hermaphroditen und seltene Tierarten, die einmal im Leben ihr Geschlecht ändern können, begründen jedoch kein »drittes Geschlecht«.

Der Primatologe und Anthropologe Volker Sommer beleuchtet einen speziellen Aspekt der Evolution, nämlich die Rolle der Lüge bei der Entstehung und Anwendung von Intelligenz. Nach einer Schilderung der Allgegenwart von Lüge und Täuschung im menschlichen Leben richtet sich der Blick ins Tierreich und dort vor allem auf nicht-menschliche Primaten. Der relative Anteil des Neokortex im Gehirn korreliert mit der sozialen Gruppengröße, nicht jedoch mit komplexer Nahrungsaufnahme oder anderen Herausforderungen der Umwelt. Es liegt daher nahe, eine mentale Ebene im Sozialverhalten anzunehmen, die eigene Täuschungen erleichtert und zugleich fremde Täuschungen aufdecken hilft. Wenn in diesem Sinn Lügen »natürlich« ist, dann ist damit – gleichermaßen natürlich – auch das Einfühlungsvermögen als Teil der sozialen Intelligenz entstanden.

Die Primatologin Julia Fischer widmet sich den Ursprüngen der Sprachfähigkeit in der Evolution und untersucht zu diesem Zweck die Rufe von Primaten. Während die Struktur der Rufe weitgehend angeboren ist, zeigen die Tiere bei der Reaktion darauf eine gewisse Lernfähigkeit. Die Nutzung von Kontexthinweisen scheint dabei ähnlich wie beim Menschen zu funktionieren. Ein Verständnis der Absichten oder des Wissensstandes Anderer ist bei Affen jedoch kaum nachweisbar. Als wesentliche Unterschiede im Vergleich zu menschlichen Fähigkeiten verbleiben die Flexibilität einer rein konventionsbasierten Symbolsprache sowie die geteilte Aufmerksamkeit als Lernvoraussetzung für die Zuschreibung geistiger Zustände bei sich und Anderen. Zur Entstehung der menschlichen Sprache sind noch viele Fragen offen, so etwa – neben Semantik und Pragmatik – auch solche der Syntax.

Die Kognitionswissenschaftler und Philosophen Albert Newen und Carlos Montemayor formulieren einen innovativen Theorieansatz zu den Funktionen und evolutionären Ursprüngen des Bewusstseins. Sie unterscheiden dabei drei Stufen von phänomenalem Bewusstsein: basales Empfinden, allgemeine Alltagswachheit und reflexives Selbstbewusstsein. Ausgehend von bisherigen Prozesstheorien des Bewusstseins wird zunächst die Annahme fallengelassen, dass alle Arten von Bewusstsein auf einem einzigen Schwellenwert beruhen. In der hier ausformulierten ALARM-Theorie des Bewusstseins wird betont, dass zwei verschiedene neuronale Netzwerke jeweils unterschiedliche Funktionen erfüllen, nämlich – evolutionär älter – schnelle, automatische Alarmsignale im biologischen Organismus auszulösen und – evolutionär jünger – langsame, flexible Lernprozesse zu ermöglichen. Diese Sicht wird sowohl von Verhaltensbeobachtungen als auch von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über die Rolle des Thalamus gestützt, wobei die unterschiedlichen Verarbeitungswege keinen Widerspruch zur Einheit der phänomenalen Erfahrung bedeuten. Selbstbezügliche Inhalte kommen schließlich erst auf einer weiteren Reflexionsebene hinzu, die die Orientierung in einer sozialen Gruppe begünstigt.

Der Neurobiologie Wieland Huttner fasst aktuelle Forschungsergebnisse zur Evolution des menschlichen Gehirns zusammen. Eine entscheidende Rolle spielt ein spezielles Gen, das die Expansion des Neokortex beim Fötus steuert und das bei Homo sapiens, Neandertaler und Denisova-Mensch vorhanden ist, bei Schimpanse und Bonobo aber nicht. Durch eine Punktmutation vor etwa zwei Millionen Jahren wirkt dieses Gen so, dass sich der Neokortex vergrößert und sich die kognitiven Leistungen verbessern. Im Beitrag werden anschließend die Unterschiede in der Entwicklung des Neokortex bei modernem Menschen und Neandertaler im Detail nachgezeichnet und dabei auch erklärt, durch welche Untersuchungen man das alles weiß. Als besonders markanter Unterschied zum Neandertaler erweist sich die Bildung einer höheren Anzahl von Neuronen im Frontallappen des Gehirns beim modernen Menschen.

Die Archäogenetikerin Kathrin Nägele erläutert Techniken und Anwendungen bei der Analyse alter Genome – eben die Grundzüge der Archäogenetik. Nach einem vergleichenden genetischen Blick auf Neandertaler, Denisovaner und moderne Menschen wird beispielhaft geschildert, welche Einblicke in die Entwicklung der Menschheit die genetische Perspektive bereithält – etwa die Rekonstruktion von Wanderungsbewegungen während der Neolithischen Revolution in Europa oder die Untersuchung von Verwandtschaftsbeziehungen in Gräberfeldern, die Rückschlüsse auf die jeweilige Gesellschaftsform erlaubt. Ferner wird anhand der Gräber einiger Kriegerinnen und eines Trägers eines zusätzlichen X-Chromosoms problematisiert, inwieweit Vorannahmen über Geschlechterrollen und Geschlechteridentitäten zu Fehldeutungen archäologischer Befunde führen können. Die Besiedlung der Karibik liefert schließlich ein Beispiel für kontroverse Geschichtsdeutungen.

Der Prähistoriker Thorsten Uthmeier widmet sich der Lebensweise und den kulturellen Fähigkeiten der Neandertaler. Sein gründlicher Überblick geht von der früheren, abwertenden Sicht auf Neandertaler aus und referiert zunächst die heutige Fundlage und die morphologischen Fakten. Ausführlich wird die Frage nach modernem Verhalten dargestellt, die parallel zur Entschlüsselung der Kern-DNS der Neandertaler in letzter Zeit neuartige Antworten findet oder gar als unangemessen erachtet wird. In der Folge werden die Fähigkeiten früherer Populationen anhand kultureller Komplexität bzw. erforderlicher Operationsketten beschrieben sowie durch ökologische Dominanz, Klimaresilienz und schnelle Ausbreitung in neue Habitate gekennzeichnet. Für all diese Beobachtungen enthält der Beitrag konkrete Befunde aus der archäologischen Forschung. Am Ende steht eine bewusste Aufwertung der Neandertaler.

Die Paläoanthropologin Miriam Haidle nimmt die Auswirkungen in den Blick, die menschliches Handeln von jeher auf die Umwelt hat. So brachte der Einsatz von Schneidewerkzeugen offensichtliche Vorteile in der Nahrungskonkurrenz, wobei die Herstellung von Werkzeugen durch andere Werkzeuge den Möglichkeitsraum massiv erweitert. Ein wesentlicher Schritt war die Nutzung des Feuers, die seit mehr als einer Million Jahren belegt ist. Die später erlangte längerfristige Kontrolle über das Feuer brachte nicht nur eine Licht- und Wärmequelle, sondern es entstanden auch neue Möglichkeiten der Materialbearbeitung und Landschaftsgestaltung sowie ein sozialer Raum am Lagerfeuer. Kunstgegenstände wie Schmuck, Malerei, Skulpturen oder Musikinstrumente erlauben schließlich die Gestaltung nicht nur der materiellen und sozialen, sondern auch der gedanklichen Umwelt.

Der Ethnologe Christoph Antweiler setzt sich angesichts des beherrschenden Einflusses, den der Mensch heute auf die Erde ausübt, mit dem vielschichtigen Konzept des Anthropozän auseinander. Dieser geologisch klingende Begriff entstammt den Klima- und Erdsystemwissenschaften und legt eine gemeinsame Betrachtung von Natur- und Kulturgeschichte nahe. Neben umstrittenen politischen und kulturpessimistischen Weiterungen bleibt als Faktenbasis festzuhalten, dass sich die Geosphäre seit Mitte des 20. Jahrhunderts durch menschliche Eingriffe verändert und hierdurch verursachte synchrone Ablagerungen auf der Erdoberfläche weltweit nachweisbar sind. Daneben sind die diachronen Einflüsse des Menschen auf die Geosphäre archäologisch und historisch fassbar. Ein Problem in der entstandenen Megakrise ist das Auseinanderfallen von absichtsvoller Handlungsmacht und unbeabsichtigter Wirkmacht. Anzustreben ist demgegenüber eine ganzheitliche evolutionäre Anthropologie, die zu langfristigem Denken befähigt.

Der Reigen der Beiträge führt somit von den grundlegenden Mechanismen der Evolution über Fragen der Sprach- und Bewusstseinsentstehung und der genetischen Voraussetzungen des hierfür erforderlichen Hirnwachstums mitten in die Ur- und Frühgeschichte des Menschen mit ihren vielfältigen, meist mühsam errungenen Kulturleistungen. Am Ende begleiten uns Fragen des Menschenbildes bis in die Gegenwart. Naturgemäß bleiben Lücken im Gesamtbild und Differenzen im Detail – so zeigen etwa die Beiträge von Meyer und Nägele eine erkennbar unterschiedliche Verwendung des Geschlechtsbegriffs. Wie mehrere der Beiträge vorführen, können frühere Vorurteile eines verzerrenden Zeitgeistes durch neue Fragestellungen und Forschungsergebnisse durchschaut und korrigiert werden – aber es können auch künftige Vorurteile durch einen entgegengesetzt verzerrenden Zeitgeist neu entstehen.

Die Forschung wird weitergehen und ebenso die Bemühung um ein Menschenbild, das uns Kindern der Evolution umfassend gerecht wird, mit allen Stärken und Schwächen. Darüber hinaus bleibt zu hoffen, dass auch unsere Evolution selbst weitergeht, angetrieben durch produktive Rückkopplung der Faktoren, die die Menschwerdung von Anbeginn an ermöglicht und geprägt haben – Naturgewalt und Geisteskraft.

Literatur

Fink, H. (Hrsg.): Die Fruchtbarkeit der Evolution. Humanismus zwischen Zufall und Notwendigkeit. Alibri, Aschaffenburg 2013.

Fink, H. und Rosenzweig, R. (Hrsg.): Das Tier im Menschen. Triebe, Reize, Reaktionen. Mentis, Münster 2013.

Fink, H. und Rosenzweig, R. (Hrsg.): Gehirne zwischen Liebe und Krieg. Menschlichkeit in Zeiten der Neurowissenschaften. Mentis, Münster 2016.

Henke, W. und Rothe, H.: Menschwerdung. Reihe Fischer Kompakt, Frankfurt am Main 2003.

Junker, T.: Die Evolution des Menschen, 4. Aufl., C. H. Beck, München 2021.

Kutschera, U.: Evolutionsbiologie, 5. Aufl., UTB, Stuttgart 2025.

Pauen, M.: Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes, DVA, München 2007.

Pöld, J. und Chefai, F.: Das Realismusproblem in der Evolutionären Erkenntnistheorie. In: Emporgeirrt! Evolutionäre Erkenntnisse in Natur und Kultur, hrsg. von H. Fink und R. Vaas. Hirzel, Stuttgart 2025, S. 93–108.

Roth, G.: Über den Menschen, Suhrkamp, Berlin 2021.

Sachser, N.: Der Mensch im Tier. Warum Tiere uns im Denken, Fühlen und Verhalten oft so ähnlich sind. Rowohlt, Reinbek 2018 [Taschenbuch-Ausgabe 2021].

Schurz, G.: Evolution in Natur und Kultur. Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2011.

Spektrum Spezial Biologie – Medizin – Hirnforschung: Die Evolution des Menschen. Heft 4/2022.

Voland, E. und Rusch, H.: Im Lichte der Evolution: Kultur. In: Emporgeirrt! Evolutionäre Erkenntnisse in Natur und Kultur, hrsg. von H. Fink und R. Vaas. Hirzel, Stuttgart 2025, S. 69–86.

Vollmer, G.: Evolutionäre Erkenntnistheorie, Hirzel, Stuttgart 1975, 9. Aufl. 2023.

Vollmer, G.: Im Lichte der Evolution. Darwin in Wissenschaft und Philosophie, Hirzel, Stuttgart 2017.

Wuketits, F. M. (Hrsg.): Wohin brachte uns Charles Darwin? Schriftenreihe der Freien Akademie, Band 28. Angelika Lenz Verlag, Neu-Isenburg 2009.

Christiane Nüsslein-Volhard

Schönheit der Tiere

Evolution biologischer Ästhetik

Wir finden Farben, Muster und Gesänge von Tieren schön, so wie wir Kunstwerke, Bilder und Musik schön finden. Die Kunstprodukte sind vom Menschen für Menschen gemacht, aber wie steht es mit den Ornamenten und Lauten der Tiere? Wie kommen diese wunderschönen Naturprodukte zustande? Wozu? Für wen?

Schönheit ist kein Attribut, das in der Biologie zur Beschreibung von Organismen verwendet wird. Der strenge Forscher verwendet den Begriff schön nicht, weil er etwas mit dem subjektiven Empfinden des (menschlichen) Zuschauers zu tun hat, das durch die physikalischen Eigenschaften des schönen Objektes hervorgerufen wird, und das sich deshalb nicht messen lässt. Und dennoch ist es wohl so, dass die Schönheit von Pflanzen und Tieren, wie wir sie erleben, in der Natur eine ähnliche Funktion wie Kunst in der menschlichen Kultur einnimmt. Bereits Charles Darwin hat die These aufgestellt, dass Tiere Ornamente und Melodien wie der Mensch auf Grund ihrer eigenen subjektiven Empfindung und ihrer kognitiven Erfahrungen bewerten.

Natürliche und sexuelle Selektion

Darwin ist der Begründer der modernen Biologie. Das Moderne war, dass er die charakteristischen Eigenschaften von Pflanzen und Tieren durch natürliche Prozesse erklärt hat, ohne übernatürliche Faktoren zuzulassen. In seiner Biologie gibt es keinen Platz für einen Schöpfer. Seine Theorie der Evolution hat das Fundament für unser heutiges Naturverständnis gelegt und die Weltanschauung des Menschen im 19. Jahrhundert revolutionär verändert.

Dass der Mensch biologisch gesehen zu den Säugetieren, Gattung Primaten, gehört und keine besondere Stellung im Stammbaum der Tiere verdient, hat er durch seine Evolutionstheorie plausibel gemacht – die wiederum heute durch moderne molekulargenetische Untersuchungen vielfach bestätigt ist. In dem Buch On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, 1859, beschreibt er, wie der Überlebensvorteil von besser angepassten Individuen allmählich, über Millionen von Jahren, zur Veränderung der Formen, dem Aussterben und auch der Neuentstehung von Arten geführt hat. Natürliche Selektion führt zur Adaptation an sich ändernde physikalische Umweltbedingungen. Beispiele von Eigenschaften für »Natural Selection« sind Dicke des Fells, Struktur der Haut, Form des Schnabels, der Zähne, unzählige physiologische Anpassungen.

Als Darwin seine Theorie der Natürlichen Selektion publizierte, war eine der Hauptkritiken, dass sie nicht in der Lage sei, Schönheit in der Natur: Ornamente, Farbmuster, Gesang etc. zu erklären, diese schienen von einem Schöpfergott rein für das Gefallen des Menschen gemacht. Denn diese Attribute sind unökonomisch: Sie sind aufwendig herzustellen, machen die Tiere auffällig und haben keine offensichtlichen Überlebensfunktionen, im Gegenteil, oft sind sie gar mit einem Handicap verbunden, wie zum Beispiel die Federn des Pfaus. Das war ein Problem, das von Darwin in einem zweiten großen Werk aufgegriffen wurde: The Descent of Man and Selection in Relation to Sex wurde 1871 publiziert, es ist auch noch heute außerordentlich lesenswert. Und in diesem Buch kommt Beauty/Schönheit ausführlich vor; Darwin scheut sich nicht, Begriffe wie »a taste for the beautiful« und »aesthetically pleasing«1 auch auf Tiere anzuwenden. Er tut das in der Überzeugung, dass die Schönheit vieler Tiere von diesen selbst als anziehend und wohltuend wahrgenommen wird, sie gefällt, wie sie auch uns gefällt. Er schreibt ihr eine wichtige Funktion im Leben des Tieres bei der Auswahl des Partners für die Fortpflanzung (»sexual selection«) zu. Diese beruht auf ästhetischen Merkmalen, also Eigenschaften, die von einem Gegenüber wahrgenommen und bewertet werden müssen. Schönheit ist für das Individuum selbst nicht überlebensnotwendig, spielt jedoch eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl und damit dem Fortpflanzungserfolg, der für die Evolution entscheidend ist.

»If female birds had been incapable of appreciating the beautiful colours, the ornaments and voices of their male partners, all the labor and anxiety exhibited by the latter in displaying their charms before the female would have been thrown away; and this is impossible to admit.«2

Ein prinzipieller Unterschied der beiden Selektionsprinzipien ist, dass es für »sexual selection« im Gegensatz zur »natural selection« einen Betrachter braucht, nämlich die subjektive sinnliche Wahrnehmung durch ein anderes Tier der gleichen Art. Eine Auswahl wird durch das subjektive Empfinden eines »Bewerters« getroffen: attraktiv oder abstoßend, schön oder hässlich. Dieser Empfänger muss das Signal kennen und erkennen, er kann es erlernen oder es ist ihm instinktiv angeboren. Für ästhetische Signale bei Tieren findet also eine Koevolution, eine parallele Entwicklung zwischen Signal und Empfänger statt. Solch ein Prozess der evaluativen Koevolution geschieht in jeder Form der biologischen Kommunikation, auch in der menschlichen Kunst. Ästhetische Signale können auch der Kommunikation zwischen Individuen verschiedener Arten dienen und nicht nur angenehm, sondern auch abschreckend wirken. Farben und Muster haben zahlreiche zwischenartliche Funktionen wie der Tarnung vor Fressfeinden, Camouflage genannt wie bei der Flunder, und der Abschreckung oder Warnung vor Giftigkeit – Aposematismus, beim giftigen Feuerfisch.

An Farbmustern werden Artgenossen erkannt. Besonders interessant und wichtig sind sie als Auslöser von angeborenen Instinkthandlungen, die bei der Kommunikation zwischen Artgenossen große Rollen spielen, bei Schwarmbildung, Revierabgrenzung und Sexualverhalten. Farben spielen eine große Rolle bei der Attraktion des Partners (häufig durch ein männliches Tier), zum Beispiel die rote Kehle des dreistachligen Stichlings. Sie wird von Reviernachbarn als Kampfsignal verstanden und lockt die weiblichen Tiere zum Laichen in das Nest, das vom Männchen, das auch die Brut aufzieht, gebaut wurde. Manche Fische des Korallenriffs wie der Picassofisch sind im wahrsten Sinne des Wortes unwahrscheinlich bunt. Das Muster löst Kämpfe zwischen Artgenossen aus, die der Revierbildung und damit der Abgrenzung von Nahrungskonkurrenten dienen. Fische mit anderen Mustern sind ihm gleichgültig. Viele Muster und Farben sind faszinierend schön, und man steht verwundert davor, sich fragend, wie die Natur so etwas zustande bringen kann – besser als jeder Künstler; eine Vielfalt von Farben, Glanz, Samt, Schiller, erstaunlichsten Mustern.

Wie entsteht Farbigkeit?

Die Pigmente der Tiere sind organische Verbindungen, die Licht besonderer Wellenlängen absorbieren und damit nur einen Teil des gesamten Farbspektrums reflektieren. Der häufigste Farbstoff ist das Melanin, das Haut, Haare und Federn dunkel färbt. Säugetiere und Vögel können kein anderes Pigment herstellen, nur Melanin in schwarz oder auch in braunen und roten Varianten produzieren. Rote und gelbe Farbstoffe sind organische Verbindungen auf Pteridin-Basis. Bei Vögeln wird zur Rotfärbung das pflanzliche Karotin aus der Nahrung in die Federn eingebaut. Farben kommen auch durch Nanostrukturen zustande: Dünne Kristallplättchen in der Haut der Fische oder aufwändige Hornstrukturen in Vogelfedern erzeugen Glanz, Weiß, Silber, Schiller. Blaufärbung entsteht, wenn das dunkle Melanin von solchen Nanostrukturen, die mit dem Licht interferieren oder es in bestimmten Winkeln reflektieren, überlagert ist. In Kombination mit dem schwarzen Melanin und gelbem Pigment ergibt sich grün. Gefärbt ist die Haut der Tiere oder in der Haut verankerte Fortsätze, Borsten, Haare oder Federn.

Insekten und andere Gliederfüßer haben ein Außenskelett, eine Kutikula, aus festem Chitin, das von den Hautzellen gebildet wird. Die Hautzellen produzieren Pigmente, die in das Chitin dieser Kutikula abgegeben werden. Musterbildung geschieht in der zweidimensionalen Schicht der Hautzellen, wobei häufig morphologische Strukturen durch Pigmente verstärkt werden. Bei Wirbeltieren ist die Sache komplizierter. Sie haben ein Innenskelett und wachsen kontinuierlich. Es gibt hier einen neuen besonderen Zelltyp, Pigmentzellen, die in der Haut verbreitet sind, aber nicht, und das ist wichtig, aus den Hautzellen selbst entstehen. Diese Pigmentzellen haben migratorische Fortsätze, Filopodien, und wandern in die Haut. Das Pigment ist in Vesikeln, Chromatosomen, im Zytoplasma der Zelle verteilt. Pigmentzellen treten in unterschiedlichen Farben auf: Die schwarzen Melanophoren sowie die gelben oder roten Zellen enthalten organische Pigmente, während in den silbrigen Iridophoren Kristallplättchen mit dem Licht interferieren und Schiller und Glanz erzeugen. Die Haut ist mehrschichtig, eine vielzellige Oberhaut, deren Zellen sich ständig aus Stammzellen erneuern, bedeckt die durch Kollagenfasern verstärkte Unterhaut. Bei Säugetieren und Vögeln gibt es nur einen Pigmentzelltyp, die Melanozyte, der das dunkle Pigment Melanin produziert und in die Haut oder ihre Appendizes, Haare oder Federn, abgibt.

Bei Kaltblütern, also Fischen, Amphibien und Reptilien sind die verschiedenen Pigmentzelltypen in mehreren Lagen übereinander wie ein mehrschichtiges Mosaik in der durchsichtigen Unterhaut verteilt: außen die Xanthophoren, in der Mitte die Iridophoren, und unten die Melanophoren. Darunter liegt noch eine Licht-reflektierende weiße Schicht. Die äußeren Zellen lassen die unteren durchscheinen, und die Formen der Zellen und ihre Anordnung sind veränderbar. Das ist eine erstaunliche und raffinierte Anordnung, die erlaubt, ein reiches Spektrum von Farben und Mustern zu produzieren, ganz ähnlich wie von einem Maler, der auf einem weißen Canvas mehrere Farbschichten übereinanderlegt. Variationen in der Form der Zellen und ihrer Verteilung erzeugen Muster. Eine Anordnung, bei der die dunklen Zellen von reflektierenden Iridophoren und gelben Xanthophoren bedeckt sind, erscheint grün, sind Xanthophoren und Iridophoren dünn und netzartig verteilt, entsteht blau. Wenn schillernde Iridophoren von kompakten Xanthophoren bedeckt sind und die Melanophoren fehlen, ergibt sich golden.

Wie diese Lagen zustande kommen, woher die Zellen in die Haut kommen und wie die Muster gemacht werden, war bis vor kurzem völlig rätselhaft. Über die Entstehung von Färbungen und Farbmustern bei Wirbeltieren wurde bisher erstaunlich wenig geforscht, vielleicht weil die biologische Forschung sie eher als Luxus denn als Notwendigkeit betrachtete und weil ein unmittelbarer medizinischer Nutzen aus dieser Forschung nicht abzusehen ist. Aber in der Regel führt eine Neugier-getriebene Forschung an einem grundlegenden und bedeutenden biologischen Phänomen zu interessanten neuen Erkenntnissen, die uns auf jeden Fall klüger machen und vielleicht auch einmal nützlich werden. Allerdings ist die Bildung von Farbmustern auch recht schwierig zu erforschen, da sie erst im erwachsenen Tier zu voller Ausprägung kommen. Ihre Entstehung ist besonders bei Säugern und Vögeln, die sich im Mutterleib oder im Ei entwickeln, der genauen Beobachtung schwer zugänglich.

Forschung am Zebrafisch

Wir untersuchen die Bildung von Farbmustern bei Fischen, genauer beim Zebrafisch Danio rerio. Ich werde Ihnen jetzt einen kurzen Einblick in unsere Forschung geben, allerdings nicht besonders ausführlich, da ich nicht annehme, dass Sie genau wissen wollen, wie die Streifen ausgerechnet des Zebrafisches gemacht werden. Aber unsere Forschungsergebnisse erleuchten doch, wie im Prinzip Ornamente in der Natur entstehen und wie sie sich im Laufe der Evolution verändern können, und tragen damit zum Verständnis von Biodiversität bei.

Der Zebrafisch Danio rerio hat sich in den vergangenen 30 Jahren als hervorragendes Wirbeltier-Modellsystem der biomedizinischen Forschung etabliert. Die wichtigsten Eigenschaften: Er entwickelt sich in durchsichtigen Eiern außerhalb des mütterlichen Organismus, die Larve ist auch durchsichtig, dadurch lassen sich viele Prozesse sehr einfach im lebenden Tier, in vivo, verfolgen. Genetische Veränderungen, Mutationen in einzelnen Genen, erlauben, Faktoren zu identifizieren, die spezifischen biologischen Prozessen zu Grunde liegen. Er ist relativ leicht molekulargenetisch manipulierbar, durch Injektion in die Eier lassen sich Gene einschleusen. Für unsere Fragestellung ist sein schönes regelmäßiges Farbmuster wichtig, das aus vier dunklen und vier hellen Streifen zusammengesetzt ist. Die Streifen entstehen bei beiden Geschlechtern, sie sind wohl für die Arterkennung bei der Schwarmbildung relevant. Beim Balzen sind die männlichen Fische intensiv gelb gefärbt, das ist »sexual attraction«.

Der Zebrafisch gehört zur Gattung Danio, kleine und bei Hobbyaquarianern beliebte und hübsche Süßwasserfische aus tropischen Gewässern. Nah verwandte Arten, die im ähnlichen Habitat leben, zeigen erstaunlich abweichende Farbmuster, die das Attribut »schön« gewiss verdienen. Ein naher Verwandter, der Schillerbärbling Danio albolineatus, ist gänzlich ungestreift, Danio aesculapii und Danio choprae haben vertikale Bänder, wieder andere sind gepunktet. Nur der Zebrafisch ist regelmäßig durchweg bis in die Flossen gestreift, diese sind bei anderen Arten häufig mit einem besonderen Motiv verziert, wie bei Danio choprae und margaritatus. Es ist eine faszinierende Aufgabe, herauszufinden, wie diese Variationen durch Änderung der genetischen Ausstattung der Fische in der Evolution entstanden sind. Das ist unser eigentliches Ziel. Um ihm näher zu kommen, müssen wir zuerst so gut wie möglich verstehen, wie es beim Zebrafisch zu den horizontalen Streifen kommt und welche Gene dabei beteiligt sind.

Wie bereits erläutert, kommt das Muster aus blauen und goldenen Streifen durch die unterschiedliche Verteilung und Überlagerung der drei Pigmentzelltypen zustande. Xanthophoren und Iridophoren sind in hellen und dunklen Streifen zu finden, aber mit verschiedenen Formen. Sie bilden lose Netze über den Melanophoren des dunklen Streifens, dadurch entsteht die schillernde blaue Farbe. Im hellen Streifen sind kompakte silberne Iridophoren von gelben Xanthophoren bedeckt, Melanophoren fehlen. Eine sehr präzise Überlagerung erzeugt den scharfen Kontrast und die Farbigkeit der Streifen. Der Zebrafisch legt viele vollkommen durchsichtige Eier, aus denen in wenigen Tagen durchsichtige Laven schlüpfen. Die Streifen entstehen im jungen Fisch erst recht spät während der Metamorphose, die bei etwa drei Wochen beginnt; das Muster ist im etwa zwei Monate alten Fisch komplett. Während der Metamorphose entstehen auch die Flossen, die Schuppen und die gesamte Pigmentierung der Haut.

Wo kommen die Pigmentzellen her?

Sie sind nicht Teil der Haut selbst (wie bei Insekten), sondern entstehen aus der sogenannten Neuralleiste, einer embryonalen Anlage, die neben dem Neuralrohr liegt und aus Zellen besteht, die in den Körper wandern und zu vielen verschiedenen Strukturen beitragen können. Die Neuralleistenzellen bilden unter anderem Knochen des Schädels und Kiefers, aber auch Hörner und Geweihe, sowie alle Pig