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Vier Oktaven, Rockmusik mit orchestraler Ausrichtung, mythische Texte: Das sind die Grundlagen für sechsundzwanzig sehr verschiedene Geschichten. PelleK, mit bürgerlichem Namen Per Fredrik Åsly, inspirierte die Autoren dieser Anthologie. Das Ergebnis ist bezaubernd, traurig, verstörend und märchenhaft schön. Freunde tiefgründiger Texte werden auf ihre Kosten kommen. Jeder einzelne Autor hat eine Nachricht zu vermitteln und wer genau hinhört, erkennt: In diesem Buch steckt Musik.
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Seitenzahl: 613
Veröffentlichungsjahr: 2016
Tedine Sanss & Marie Haberland (Hrsg.)
NEBELMELODIE
Inspiration PelleK
AndroSF 53
Tedine Sanss & Marie Haberland (Hrsg.)
NEBELMELODIE
Inspiration PelleK
AndroSF 53
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Februar 2016
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Galax Acheronian
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi
Lektorat: Tedine Sanss, Marianne Labisch, Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda, Xlendi
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 942533 81 2
Tedine Sanss & Marie Haberland (Hrsg.)
NEBELMELODIE
Inspiration PelleK
Für Susanne.
(Sea of Okhotsk)
Zwölf Stunden! Ein Gefühl, irgendwo zwischen Taubheit und brennendem Schmerz zog sich von Matildas unterem Rücken bis zu ihren Knien. Sie musste sich bewegen. Aufstehen. Irgendetwas tun. Vor allem war sie hungrig. Doch Yin weigerte sich beharrlich, zu landen.
»Du bist ein Drache!«, maulte Matilda mürrisch. »Groß, wie ein Haus. Ein mehrstöckiges Haus. Also was soll uns passieren?« In Matildas Gedanken erklärte der Drache, auf dem sie saß, warum auch dieser Ort keine gute Stelle zum Landen war.
»Uns angreifen? Was? Die Steine?« Sie hasste diesen hysterischen Ton in ihrer Stimme. Yin trieb sie in den Wahnsinn. Der Drache hatte an jedem Platz etwas auszusetzen. Matilda wollte landen. Jetzt! Sie war ein Mensch. Ihr mittlerweile dringendes Anliegen ließ sich auch nicht aus der Luft erledigen. »Ach, hör jetzt endlich auf!«, zischte Matilda. Nicht einmal ihren Ärger hatte sie für sich. »Du bist immer in meinen Gedanken! Selbst wenn mir der Hintern juckt, hast du etwas dazu zu sagen! Da stört dich das Moor, da der Fluss, da der Wald und hier die Felder!« Sie richtete sich im Sattel auf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ach, nicht die Felder? Der See? Lächerlich!«
Missmutig warf sie sich nach vorn auf Yins langen Hals und sah nach unten, wo der riesige See wie flüssiges Kupfer in der Morgensonne leuchtete. Das rotbraune Ufer war gesäumt von jungen Birken, die in nördlicher Richtung lichter wurden und schließlich einer Siedlung wichen. Kein Rauch aus den Schornsteinen, keine Lichter und vor allem keine Bewohner. Dasselbe Bild bot sich in allen Dörfern, welche sie in den letzten Stunden gesehen hatten. Im Unterschied zu den vorherigen war dieses nicht verwüstet.
»Wir sollten uns das näher ansehen!«, überlegte Matilda laut und wurde prompt von dem grün-silbernen Drachen zurechtgewiesen. »Ist mir völlig egal!«, unterbrach sie den Drachen barsch. »Ich habe Hunger und bin müde und … ach, egal! Lande einfach!«
Dass sich Yins Beschützerinstinkt mit logischen Argumenten nicht beikommen ließ, hatte Matilda schon vor geraumer Zeit zu Kenntnis genommen. Egal, was Matilda sagte, Yin wusste es besser. Zu ihrem Leidwesen hatte Yin viel zu oft recht. Die magischen Welten gehorchten einer anderen Logik.
Schlagartig wurde Matilda klar, warum Yin jetzt nicht landen wollte; acht Uhr neunundfünfzig.
Matilda schnappte nach Luft, krallte die Finger in das weiche Leder des Sattels, während sie sich zwang ruhig zu bleiben.
Die imaginäre kalte Hand griff zu. Jeden Morgen. Dieselbe Uhrzeit. Egal, in welcher Welt sie sich befanden. Acht Uhr neunundfünfzig, ihrer Zeit. Die Kälte griff zu, hielt Matildas Herz umfasst und strich gleichzeitig die Luft aus ihren Lungen. Nie ganz, aber immer gefährlich viel.
Yin spürte Matildas Schwindel, die Übelkeit. Sacht ging sie in den Sinkflug. Sie konnte nichts daran ändern, gleichzeitig wusste sie, dass Matilda in dieser Situation wehrlos war. Sie musste ihre Reiterin beschützen. Am besten ging das in der Luft, doch heute war Matilda zu schwach. Sie würde fallen.
Zwischen den Feldern, hinter der Siedlung setzte Yin sanft auf. Matilda rutschte von ihrem Rücken und blieb zitternd mit dem Kopf auf den Knien sitzen. »Netter Versuch«, brachte sie mühevoll hervor. Sie versuchte, Luft in ihre streikenden Lungen zu ziehen. Vergebens. Sie konnte nur abwarten. Abwarten, bis es vorbei war und sich ihre Lungen ohne Vorankündigung mit Luft füllten, sich der Herzschlag verlangsamte; neun Uhr sieben.
Ein dumpfes »Pflömp« vor ihr ließ Matilda widerwillig die Augen öffnen. Ein kleinkindgroßer Kohlkopf lag vor ihren Füßen. »Sieht aus wie Weißkohl. Ja, in der drachengerechten Version. Ach, schmeckt auch so. Warum fragst du dann?« Missmutig griff Matilda zum Messer und schnitt ein Stück aus dem übergroßen Gewächs heraus. Roher Weißkohl zum Frühstück, nicht das Verlockendste. Aber weit verlockender als eine weitere Diskussion mit Yin. »Ja. Total lecker.«
Von einem leisen Knurren begleitet, schnellte Yins Kopf in Richtung Wald. »Echt jetzt? Stundenlang kein Lebewesen, aber dann beim Frühstück …«
Yin hob ab, während Matilda sich müde hochstemmte und in die angegebene Richtung ging. Hinter dem Waldsaum erstreckte sich eine Erdspalte. Gute drei Meter unter ihr kämpfte ein Mann gegen wolfsähnliche Wesen.
»Ein Elf, oder? Stimmt, er sieht seltsam aus. So … weiß. Zumindest wissen wir jetzt, dass es Humanoide in dieser Welt gibt. Auch wenn’s Elfen sind.« Sie beobachtete den Mann, der eine halbkreisförmige, gezackte Klinge führte und sich nach Kräften wehrte. Das Rudel trieb ihn zurück. Er stürzte. Matildas Hand zuckte, woraufhin Yin Feuer spuckte.
Einem Kometen gleich, durchschoss der Feuerball das Dickicht, schlug vor dem Mann ein und bildete eine brennende Barriere.
»Hätte keine Hilfe gebraucht!«, knurrte er. Hatte er sie erst jetzt bemerkt? Seine Augen wirkten aus der Entfernung weiß. Genau wie sein Haar. Der gräuliche Farbton seiner Haut erinnerte Matilda an eine Wasserleiche. »War ich nicht«, behauptete sie und machte auf dem Absatz kehrt. Besser, sich eine andere Welt zu suchen. Unfreundlich, undankbar und schauerlich anzusehen. Mit Elfen wollte sie sowieso lieber nichts zu tun haben.
»Hey, warte!« Seine angenehme Stimme ließ Matilda zurücksehen. An Yins Seite wartete sie, bis er aufgeholt hatte.
»Warum bist du nicht bei den anderen?«
»Bei welchen anderen?« Aus der Nähe waren seine Augen hellgrau. Nicht ganz so gruselig.
»Bei den anderen verschleppten Helden!« Die verschleppten Helden setzte er in imaginäre Anführungszeichen. »Du musst dazugehören.«
»Tun wir nicht«, antwortete Matilda knapp. »Wir wurden nicht verschleppt und gehören zu niemandem. Wir …«
»Wir?«, unterbrach er sie erkennbar alarmiert.
Matilda verdrehte die Augen. Menschen und menschenartige, magielose Wesen übersahen Drachen, wenn diese sich nicht bewegten. Einem Elf durfte so etwas nicht passieren. War er überhaupt einer? »Wir«, wiederholte Matilda mit einer Geste zu Yin. Yin neigte ihren Kopf dem Fremden zu und wurde sichtbar.
Der Elf trat einen Schritt zurück. »Beeindruckend!«, entfuhr es ihm. »Ihr seid in der Lage, diese Welt zu betreten und zu verlassen, wie ihr wollt?«
»Ja. Warum?«
»Warum wohl? Ich bin hier gefangen mit Typen, die ich nicht mal volltrunken ertragen könnte! Ich will hier weg!«
Widerwillig nahm ihr Interesse an der Sache zu. Dem Elf gegenüber blieb sie misstrauisch. »Erzähl mal von vorne. Was weißt du über diese Welt? Wo sind ihre Bewohner?«
»Gefangen«, antwortete er trocken. »Von einer fremden Gottheit. Wahrscheinlich sind es einfach nur Invasoren einer technisch weiterentwickelten Welt. Die haben alles Menschliche hier aufgesaugt und besetzen den Planeten. Die Eigentümerin dieser Welt kann sich nicht wehren und hat sich ein paar Kämpfer zusammengeklaubt. Wir hängen auf Gedeih und Verderb zusammen und kommen hier erst weg, wenn wir die Bewohner befreit haben«, leierte er herunter. »Und du bist sicher, dass du nicht dazugehörst? Dein Tierchen allein ist nützlicher als die Pest, die ich am Hals habe!«
»Wir haben unsere eigenen Gründe. Was für eine Eigentümerin? Seit wann gehören Welten irgendwem? Und wo sind deine Begleiter?« Matilda ließ sich von Yins Schwinge aufnehmen und rutschte hinunter zwischen die Schultern des Drachen.
»Die sind irgendwo da drüben.« Er machte eine unbestimmte Geste in Richtung Wald. »Sie gibt sich als Göttin aus. Als wäre sie für diese Welt verantwortlich. Vermutlich ist sie nur eine wahnsinnig mächtige Zauberin. Du solltest von hier verschwinden.«
»Und dich mitnehmen?«, fragte Matilda skeptisch. Yin trug ihr Misstrauen nervös tänzelnd ebenfalls zur Schau.
»Das funktioniert nicht. Dieser Scheiß wird mein Tod«, erwiderte er und verschwand im Wald. Matilda sah ihm nach, während Yin abhob.
»Glaubst du das?« Yin brummte zur Antwort. »Glaubst du diese Geschichte von Außerirdischen und Gottheiten? Ja, seltsam. Aber wo sind dann die Bewohner? Was für Kugeln?« Unter ihnen erstreckte sich dichter Wald. »Nein, ich sehe keine Kugeln. Ich sehe nicht mal eine Lichtung.«
Ohne einen weiteren Hinweis ging Yin in den Sturzflug, breitete kurz vor dem Boden die Flügel wie Fallschirme aus und setzte sanft auf. Vor ihnen lagen vier glänzende kugelähnliche Gebilde von der Größe eines Kleinwagens im Gras. Matilda ging auf das Nächstliegende zu.
Ein Rudel Wölfe durchbrach das Dickicht, stoppte vor den Kugeln und nahm umgehend Reißaus. Ihr Bellen weckte die Gebilde aus ihrem Ruhezustand. Die glatten Oberflächen wurden von symmetrischen Riefen zerteilt, aus deren Tiefen es dunkelrot glühte. Gleichzeitig erklang ein in den Ohren schmerzendes Sirren und die Kugeln glitten in Richtung der fliehenden Tiere.
Die Wölfe jaulten panisch. Obwohl sie weiter rannten, blieben sie auf der Stelle. Matilda versuchte den Grund zu erkennen und spürte gleichzeitig einen Sog. In Sekunden verlor ein Wolf nach dem anderen den Halt und verschwand im Inneren der Kugeln. Bestürzt beobachtete Matilda den Angriff. Mit rasendem Herzen und einem Stein im Magen wurde ihr bewusst: Sie war die Nächste. Sie sprintete los, als die Kugeln sich neu ausrichteten. Der Sog erfasste sie mit einer ungnädigen Stärke. Matilda warf sich zu Boden, unter Yins Feuer hindurch und versuchte irgendwo in dem moosigen Boden Halt zu finden.
Yin fauchte. Sie musste Matilda retten. Aber ihr Feueratem verschwand wirkungslos im Inneren der Kugeln. Wütend schlug sie mit ihrem muskulösen Schwanz gegen das Gebilde in Matildas Nähe; es erzitterte leicht, bewegte sich allerdings keinen Zentimeter von der Stelle. Es war schwer und voll mechanischer Energie. Die Wölfe darin lebten nicht mehr. Es durfte Matilda nicht erwischen!
Matilda! Yin drang nicht zu ihr durch. Warum reagierte sie nicht? Warum fühlte sie sich so leblos an? Der zierliche Körper ihrer Reiterin ergab sich dem Sog. Panisch schnappte Yin zu. Sie erwischte ihre Reiterin und schlug mit den Schwingen, wie ein Jungvogel im Frühlingssturm. Mit Matilda zwischen den Zähnen konnte Yin sich nicht wehren. Zu fliehen schien unter den Umständen unmöglich. Also warf sie die bewusstlose Frau hoch in die Luft, fuhr herum und entfesselte einen Sturm, der die dicken Bäume ringsumher wie Hölzer umknicken ließ. Für Augenblicke versiegte der Sog der Maschinen. Yin fing Matilda und nutzte den Aufwind des eigenen Sturms, um den wieder einsatzbereiten Gebilden zu entkommen.
Als Matilda die Augen öffnete, sah sie zwischen den Vorderbeinen ihres Drachen hindurch den seltsamen Elf auf sich zukommen. Yin stand schützend über ihr und war in ihre Unsichtbarkeitsstarre verfallen.
Die Sonne hatte den Zenit bereits überschritten. War sie so lange bewusstlos gewesen? Sie fühlte sich matt. War das die Folge ihrer Begegnung mit den Dingern? Sie brauchte mehr Informationen! »Lass uns noch einmal mit ihm reden!«, verlangte Matilda.
Der Elf blieb abrupt stehen, als Yin Matilda freigab. »Seid ihr abgestürzt?«, fragte er argwöhnisch.
»Was? Nein. Was weißt du über diese Kugeln?« Ihre Beine zitterten, sie fühlte sich wie nach einer durchzechten Nacht, nur ohne den Nachgeschmack. Um ihre Schwäche zu verbergen, setzte Matilda sich auf Yins mächtige Klaue.
»Ihr habt also welche gesehen?«, fragte der Elf skeptisch. Matilda war blass, ihr dunkelrotes Haar stand im krassen Kontrast zu ihrer fahlen Haut. Sie zitterte, versuchte es aber zu verbergen. Dann hatte sie die Dinger nicht nur gesehen. »Du solltest etwas essen, die ziehen dir die Lebenskraft aus dem Körper.« Mit dem schiefen Lächeln konnte sie ihn nicht täuschen. Letztendlich war es ihre Entscheidung. Also beantwortete er erst einmal ihre Frage: »Die Dinger tauchen auf, saugen an, was sie kriegen können, und verschwinden wieder. Angeblich sammelt sich alles auf einer Festung im Gebirge. Mehr weiß ich auch nicht.«
Mit zittriger Hand wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Der Elf konnte die schmale Tiara nur kurz sehen, aber das genügte, um ihn die ungewöhnliche Machart erkennen zu lassen.
Er besaß noch ein wenig Tinktur, die würde sie wieder auf die Beine bringen. Allerdings war das seine letzte Flasche. Kurz entschlossen machte er einen Schritt auf sie zu und hielt jäh wieder an; die zu einer Lanze gerollte Schwanzflosse des Drachen stach in seinen Hals. Nicht fest genug, um ihn zu verletzen, aber genug, um ihn wissen zu lassen, dass er einen Fehler machte. »Ich will ihr nichts tun!«, beschwichtigte er das Tier und zog langsam die Flasche aus seiner Umhängetasche. Das tiefe Knurren spürte er in jedem Knochen.
»Lass gut sein«, mischte sich das Mädchen ein. »Ich kann nichts Magisches zu mir nehmen. Ich bin nur ein Mensch.«
Ein Mensch? Nicht möglich. Menschen waren nicht in der Lage, Drachen zu kontrollieren! »Tatsächlich?«, fragte er zweifelnd. Daraufhin kniff sie sie die Augen zusammen und stand auf. Wenn er sie verärgerte, würde sie sich ihnen bestimmt nicht anschließen. Der Drache war eine gute Waffe. Er war stark und wachsam. Einfach unverzichtbar für die winzige Chance, jemals von hier zu entkommen!
»Wollt ihr nun mitkommen? Das Lager ist da vorne, hinter den Felsen«, versuchte er die Spannung aus der Situation zu nehmen.
Matildas Blick folgte seiner Geste den Hang hinab zu einer Gruppe Felsen, die aussahen, als wäre sie von einem Riesenkind aufgetürmt worden. Zwischen dem glatten Gestein tauchten zwei kräftige Gestalten auf. Matilda lachte kopfschüttelnd. »Keine Ahnung!« Wieder knurrte Yin, diesmal klang es heller, weniger bedrohlich. »Die sehen aus wie Conan und Xena! Gehören die zu dir?«, wandte sie sich an den Elf.
Offensichtlich belustigt nickte er. »Das – ist die Pest.«
Mittlerweile herangekommen musterte die Amazone Yin und Matilda stumm. Der Mann warf erst dem Elf einen missbilligenden Blick zu, dann wandte er sich an Matilda: »Mit euch haben wir eine Waffe gegen unsere Feinde!«, donnerte der muskelbepackte, spärlich bekleidete Kerl.
»Was? Auf gar keinen Fall!« Widerwillig verzog sie das Gesicht und stand auf. »Wir sind doch kein Spielzeug!«
Yin hob die Klaue, auf der Matilda stand, und ließ sie auf ihren Rücken klettern.
»Ihr seid aus dem gleichen Grund hier wie wir! Ihr müsst euch uns anschließen!« Es war deutlich, dass er keine Widerrede gewohnt war. Matildas herablassendes Lächeln reizte ihn augenscheinlich, trotzdem schwieg er beherrscht.
»Ich muss gar nichts. Und ich werde mich nicht mit etwas anlegen, dem ich nichts entgegenzusetzen habe!« An den Elf gewandt fügte sie hinzu: »Viel Glück! Es tut mir leid, ich kann nichts tun.«
Aus der Luft gesehen wurden die Personen zwischen den grünen Hügeln rasch kleiner. Der Elf hatte nichts erwidert, nicht einen Muskel in seinem Gesicht bewegt, dennoch hatte Matilda seine Enttäuschung bemerkt. Hatte er wirklich gehofft, dass sie ihn von seiner seltsamen Begleitung befreien könnten?
»Mitleid? Nein. Vielleicht. Ich weiß nicht. Er ist gut. Hast ihn kämpfen gesehen? Wäre das Holz unter seinen Füße nicht zerbrochen und hätte seinen Fuß eingeklemmt, wäre er nicht gestürzt und hätte unsere Hilfe wirklich nicht gebraucht.« Gedankenverloren betrachtete Matilda den Fluss unter ihnen.
»Denkst du, es war ein Fehler?« Yin fauchte. Es klang wie eine wütende Katze, nur eben lauter. »Du hast recht. Wir hauen besser ab! Lande doch dort vorne bei den Feldern. Wir packen noch etwas ein. Wer weiß, wo wir diesmal landen.«
Während Yin grummelnd auf einigen überdimensionalen Kohlköpfen herumkaute, beobachtete Matilda den Sonnenuntergang über dem Fluss. Ein langes, schimmerndes Band aus geschmolzenem Gold. Das Wasser spielte leise plätschernd um den Stein herum, auf dem sie saß. Yins Grummeln und das Gluckern des Wassers vermischten sich mit dem Lied des Windes.
Früher war Wind etwas gewesen, was eben da war. Bis sie Terû traf, den Windmagier. Der ihr Herz stahl, der die Kinder liebte, als wären es seine, der … Heißer Atem schlug ihr entgegen. Knurrend und zähnefletschend stand Yin über ihr. »Ich weiß …«, brachte Matilda mit zitternder Stimme hervor. »Keine Erinnerungen zulassen …« Ihr Atem glich einem keuchenden Stakkato. Das Herz schlug schmerzhaft in ihrer Brust, während sich ihre Lungen weigerten, Luft aufzunehmen. Ganz sanft schob sich Yins Schwanzende unter Matildas Körper, richtete ihn auf, schob ihn unter den ausgestreckten Flügel, wo Matilda in Sicherheit war. In Sicherheit vor den Erinnerungen.
Yins Knurren riss Matilda aus ihren Gedanken. Intuitiv wusste sie, wer die Frau war, die vor ihr stand. Das Haar grün, wie irische Wiesen im Sommer, die Haut blass und schimmernd, wie der Sand karibischer Strände, von einem inneren Leuchten erfüllt; das konnte nur die Magierin sein, von der der Elf gesprochen hatte. Oder eine Göttin? Gab es Götter? Und wenn, wo war der Unterschied zu Magiern?
»Verzeiht mein jähes Auftreten«, bat das Wesen. Ihre Stimme, wie helles Glockenspiel in einer Sommerbrise.
Yin fauchte und zerbrach damit den Bann. »Was wollt Ihr?«, blaffte Matilda das magische Wesen an. »Ich hasse es, gebannt zu werden!«
Mit einem Mal war ihr Gegenüber nur noch eine Frau. Zwar hatte sie noch immer grünes Haar und helle Haut, aber die Magie war verflogen. »Verzeiht mir, Matilda. Es war nicht meine Absicht, Euch zu täuschen. Allerdings haben die Anderen erst auf mich reagiert, als ich ihnen meine Macht zeigte.«
»Ich bin nicht wie die!«, widersprach Matilda zornig.
»Nein, das seid Ihr nicht. Deswegen kann ich Euch nur bitten, mir zu helfen. Die Anderen werden es nicht schaffen. Ihr aber habt sehr wohl die Fähigkeiten dazu!«
»Ich kann Euch nicht helfen. Wie ich schon sagte, ich habe diesen Dingen nichts entgegenzusetzen. Selbst Yin hatte Schwierigkeiten zu entkommen. Was könnten wir also tun?«
»Es ist die Art und Weise Eurer Verbindung, die Euch zu etwas Einzigartigem macht. Ich bitte Euch, schließt Euch der Gruppe an. Rettet meine Welt!« Die Frau sah flehend zu Matilda auf. War sie nicht vorhin größer gewesen? Sie wirkte zerbrechlich. Ängstlich.
Seufzend nickte das seltsame Wesen. »Ich bin geschwächt. Ihr habt es erkannt. Ich bin nicht mehr in der Lage, die Bewohner zu schützen. Noch leben die meisten von ihnen. Eingesperrt in den mächtigen Gefängnissen der Eindringlinge. Es ist nicht nur dieses Land, diese Region. Es geschieht überall auf dieser Welt. Ich bin die Letzte meines Geschlechtes … und den Fremden hilflos ausgeliefert.« Dann sah sie in Matildas Augen, durch sie hindurch, in ihr Herz. »Das Einzige, mit dem ich dich entlohnen kann, ist Zeit. Verstrichene Zeit, die ich von dir nehme.«
Matilda schluckte, als ihr die Bedeutung der Worte bewusst wurde. Yin versuchte zu kommunizieren, aber Matilda ignorierte den Drachen. Ihr Herz schlug hart und zu schnell, das Blut rauschte in den Ohren. Wieder schluckte Matilda. Schluckte die Zweifel herunter. Atmete tief ein, langsam aus und forderte mit fester Stimme: »Zehn Jahre, sieben Monate, dreiundzwanzig Tage – meiner Zeit – ab heute!«
Das Wesen wirkte erleichtert, lächelte sogar. »Dein Wunsch – mein Versprechen!« Dann verschwand sie.
»Wow! Was war das denn?«
Yin beugte sich zu ihrer Reiterin herab und starrte sie durchdringend an. »Nur Energie? Wirklich? Kein Körper? Vergib mir, dass ich dich ignoriert habe!« Matilda lehnte sich gegen die Schnauze des Drachen und kraulte die weiche Stelle zwischen den Augen.
Das Lager unter dem Felsvorsprung lag bereits im Dunkeln, als Yin in der Nähe des Feuers landete. Matilda sah sich aufmerksam um. Mehr als drei Schlafstätten. Einige wirkten schon länger verlassen. Gingen der Magierin die Helden aus?
Plötzlich stand der Elf neben ihr. »Habt ihr es euch anders überlegt?«
»Sagen wir, wir haben ein unschlagbares Angebot bekommen.« Matilda sah sich noch einmal um. Es war niemand zu sehen. »Wo sind die? Und wo bist du hergekommen?«
»Die sind jagen. Und ich saß hier, als ihr hier neben mir gelandet seid.«
Matilda nickte abwesend. »Was hältst du von dieser Magierin?«
»Du denkst, sie ist eine?«
»Weiß nicht. Sie zeigte sich uns in einer Art energetischer Projektion. Yin meint, sie bestünde aus purer Energie und hätte keinen Körper.«
Sie wusste nicht mehr als er. Woher kam eigentlich diese obskure Hoffnung, dieses Mädchen könne ihn aus seiner misslichen Lage befreien? Wegen ihres Haustiers? Missmutig wandte der Elf sich dem Feuer zu. Sie sagte, sie sei unfähig zu kämpfen. Und dass selbst der Drache den Kugeln nichts entgegenzusetzen hätte. Also was sollten die beiden ausrichten?
»Dieses Gefühl hatte ich bei meiner Programmierung auch. Es war das einzige Mal, dass ich direkten Kontakt zu ihr hatte«, sagte er.
Ein Holzscheit ins Feuer kickend, drehte er sich dem Mädchen zu. »Nun gut. Du bist hier, vielleicht wird es jetzt was!« Der Elf hielt inne, weil sie ihren Drachen anstarrte.
»Da? Wirklich?« Sie zeigte auf eine Ansammlung von Büschen am Rande des Lagers, während sie mit ihrem Drachen sprach. Die kunstvoll verzierten Kupferspangen an ihren Handgelenken glänzten hypnotisierend im Licht des Feuers. Ähnlich der schmalen Tiara, welche sie am Haaransatz trug. Seltsamer Schmuck, und die Kleidung war auch ungewöhnlich. Vielleicht eine Uniform? Schwarzrot, lederartig und verstärkt. Eine leichte Rüstung? Das würde die eingelassenen Kupferstücke erklären.
Fast lautlos glitt der silbrige Drache durch das Lager und ließ sich zwischen den Büschen nieder. Der Elf sah ihm nach.
Das Mädchen murmelte etwas vor sich hin, und als er zu ihr sah, war sie dabei, Gemüse auf ihr filigranes Schwert zu spießen.
»Du grillst doch wohl kein Gemüse auf so einem Schwert?«, fragte er bestürzt. Die Klinge war so fein, dass es nur Silber sein konnte. Wahrscheinlich magisch legiert. Das durfte sie nicht tun! Zu seiner Überraschung lachte sie. »Keine Sorge! Elfische Handwerkskunst, absolut unzerstörbar!«, beruhigte sie ihn lächelnd, griff in die Tasche und warf ihm ein Bündel Karotten zu.
Die waren ganz frisch. Ob sie die mitgebracht hatte? Wenn man der Magierin Glauben schenkte, gab es hier kein Gemüse. »Woher habt ihr das?« Gegen seinen Willen klang der Elf alarmiert.
»Wie woher? Hier sind überall verlassene Höfe mit bestellten Feldern«, erwiderte Matilda verständnislos. So, wie es hier aussah, war er schon länger hier. Warum also die Frage? Sie streckte das Schwert ins Feuer und wechselte das Thema: »Wie heißt du eigentlich? Ich bin Matilda und sie heißt Yin.«
»Saî.«
Er starrte noch immer auf die Karotten. »Die Magierin sagte uns, wir müssten essen, was wir erjagen, und bisher haben wir keine Felder gesehen. Denkst du, du findest das wieder?«
»Sicher.« Was war das Gemüse doch interessant! »Also, was müssen wir tun, um hier wegzukommen?«, machte Matilda einen erneuten Versuch, das Thema zu wechseln.
»Ach, das ist ganz einfach. Du vertreibst die Invasoren, befreist die Bevölkerung und das am besten, bevor sie alle tot sind. Nicht der Rede wert, nicht wahr?« Er sprach leise, doch unüberhörbar enttäuscht.
Während Matilda ihr Gemüse verspeiste, erzählte Saî ihr von den fehlgeschlagenen Versuchen und von der Festung, in der sich das »Herz« befand, welches zerstört werden musste. Zu Beginn waren sie fünfzig gewesen, jetzt vier.
»Wir und die zwei von vorhin?«, fragte Matilda nachdenklich. Wenn dem so war, hatte Saî vollkommen recht; sie würden hier sterben!
»Nein. Ich, die zwei Volltrottel namens Reck und Magu. Und Rûn, ein Elf. Mit euch, sechs.«
»Ja, du hattest recht!«, brüllte Matilda über den Lagerplatz. »Wir sind geliefert. Lass dir was einfallen!«
Saî starrte sie an.
»Verzeihung. Sie ist ständig in meinen Gedanken. Und ich in ihren. Das nervt manchmal.«
»Darf ich fragen, wie das funktioniert?«
»Mentalmagie«, antwortete sie plump. »Sie beherrscht die Mentalmagie. So kommunizieren sie mit ihren Reitern.«
»Aber du bist ein Mensch«, warf er ein.
Seufzend erhob Matilda sich, das glatte Haar fiel in ihr Gesicht. »Stimmt. Ich bin ein Mensch. Absolut magielos. Aber wir sind trotzdem verbunden!« Damit ließ sie ihn allein und verkroch sich unter Yins Flügel. »Halt die Klappe!«, flüsterte sie Yin zu. Die grummelte leise und schloss den Flügel um ihre Reiterin.
Matilda hatte das Gefühl, sie sei gerade erst eingeschlafen, als Yin sie weckte. »Ein Wächter? Bist du sicher?«
Sie sprang auf, berührte die Armspangen und löste so die Rüstung aus; aus den dünnen Spangen wurden Unterarmschienen, aus der Tiara ein Helm, samt Gesichtsschutz. Auf Rücken, Bauch und an den Beinen breiteten sich kupferne Platten zu einer Rüstung aus.
Mit gezogenem Schwert stürzte sie nach vorn. Yin blieb hinter ihr.
Der Wächter zog sein Schwert genauso schnell wie Matilda, aber er griff nicht an. Wehrte die Schläge ab und ergab sich letztendlich. Mit Yins Schwanzspitze an seinem Hals, blickte er Matilda abwartend an.
»Wie hast du mich gefunden?«, schrie sie wütend. Er blieb ruhig.
»Ich habe dich nicht gesucht«, gab er zur Antwort. »Zwar weiß ich, wer du bist, aber hier hast du nichts von mir zu befürchten!«
»Wer ist sie denn?«, wollte das großmäulige Conandouble namens Reck wissen. Matilda setzte in Gedanken ein »-tum« an seinen Namen. »Und warum ist sie wieder hier?«, blaffte er in ihre Richtung.
»Sie ist hier, weil sie einen Handel mit der Göttin hat«, mischte Saî sich ein, nahm Matilda das Schwert aus der Hand und schob sie zur Seite.
»Und wer ist sie?«, wiederholte Reck seine Frage an Rûn. Der hob seine Waffe auf, verstaute sie und bedachte Matilda mit eindringlichen Blicken.
»Sie ist die meistgesuchte Person in meiner Welt. Sie tötete zuerst ihren Mann, dann die Königin.«
»Das ist nicht wahr!«, widersprach Matilda leise. »Ich habe Terû nicht getötet!« Yin schnaubte, trennte mit ihrem Schwanz Matilda vom Rest der Gruppe und blies heiße Luft zwischen den Zähnen heraus.
Rûn sah den Drachen erstaunt an, öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder. Er ging ohne ein weiteres Wort. Reck folgte ihm, nur die Amazone blieb stehen. »Willkommen bei uns. Auch, wenn die Begrüßung nicht allzu höflich war.« Ihre warme Stimme stand in krassem Gegensatz zu ihrem harten Äußeren. Sie neigte lächelnd den Kopf, dann ging auch sie.
»Was war das?« Saî hielt Matilda das Schwert hin, während er sie und dann Yin musterte. »Du kannst nicht kämpfen? Rûn kann kämpfen und er hatte kaum eine Chance! Also was war das?«
»Ich kann nicht kämpfen. Aber Yin. Seit … seit … wir sind verbunden. Auf eine nicht normale Weise. Okay?« Sie wollte nicht darüber sprechen. Rûns Bericht war genug. Mehr musste niemand wissen.
Es dauerte lange, bis Matilda einschlief. Und dann war ihr Schlaf unruhig. Yin hielt sie verdeckt, selbst dann noch, als die Sonne lange aufgegangen war. Sie wusste, was bevorstand. Niemand durfte etwas merken!
Saî sah immer wieder zu den Büschen hoch. Er konnte den Drachen nicht sehen, was nicht hieß, dass er nicht da war.
Reck wollte heute den letzten Teil des Weges bis zum Bergkamm zurücklegen. Sie hatten alles noch Brauchbare zusammengepackt. Von Matilda gab es immer noch keine Spur. Saî näherte sich den Büschen. Plötzlich erschien Yin vor ihm.
»Wir wollen los«, sagte er ruhig.
Yin knurrte leise, sah ihn abwartend an. Dann zog sie ruckartig den Kopf zurück und hob den Flügel, unter dem Matilda schlief. Schweißperlen bedeckten ihre Stirn, ihr Körper zitterte. Saî ging in die Knie, um Matilda zu berühren …
Das hell eingerichtete Zimmer ist von der Frühlingssonne erfüllt. Ein Junge springt auf Matildas Bett und versteckt sich unter ihrer Decke. »Guten Morgen, Mama!«
»Guten Morgen, mein Großer!« Verschlafen windet Matilda sich, bis sie die Uhr sehen kann: 8:59 Uhr. »Wir haben zu lange geschlafen. Terû wird gleich hier sein!« Eilig scheucht sie den Jungen aus dem Bett, sieht ihm schmunzelnd nach und folgt ihm in die Küche. Der Tisch ist gedeckt, zwei Mädchen sitzen auf der Bank. Auf der Anrichte steht Kaffee. Die Zwillinge kichern spitzbübisch, als sie ihre Mutter begrüßen. Die Uhr schlägt: Es ist neun Uhr. Matilda sieht zur Tür, lacht. »Zumindest sind wir nicht die Einzigen, die sich heute verspäten!«
Sie drückt den Toaster herunter, gießt Milch in die Tassen und rührt Schokopulver hinein. Ein Blick zur Uhr: 9:03 Uhr.
Der Junge greift nach seiner Tasse, verfehlt sie und verschüttet den Inhalt über den Tisch. Sein Shirt ist nass. »Ist nicht so schlimm«, beruhigt sie ihn, drückt ihm ein Küchentuch in die Hand und geht ins Bad, um einen feuchten Lappen zu holen. Das Wasser rauscht sprudelnd ins Waschbecken. Reifenquietschen. Rumpeln. Ein Knall. Zersplitterndes Glas.
Matilda lässt den Eimer fallen, rennt zurück in die Küche; wo noch Sekunden zuvor der Frühstückstisch mit ihren drei Kindern war, steht jetzt das Führerhaus eines Lkws, Glas, Holz, Mauerbrocken. Die Uhr fällt von der Wand: 9:07 Uhr.
Saî starrte Matilda an. »Was war das?«
»Das ist die Wahrheit!« Es war nicht Matildas Stimme, ihre Augen waren silbern und sie bewegte sich unnatürlich. Kontrollierte der Drache den Körper der Frau? »Sie hat ihn nicht getötet. Das waren die Schergen Ihrer Majestät. Sie wollte Matilda tot sehen. Deshalb starb mein Herr! Beschütze Matilda vor dem Wächter!«
Matildas Körper fiel auf den Boden. Saî starrte sie an, wandte sich dann dem Drachen zu. »Ich verstehe nicht, wie das möglich ist. Aber was immer ihr für ein Geheimnis habt, ich helfe euch, wenn ihr mich im Gegenzug nicht hier lasst!«
»Du hast es ihn sehen lassen?« Das war nun Matilda und sie klang zornig. Sie saß auf dem Boden und wischte sich den Lehm aus dem Gesicht »Ich sagte doch, es reicht, was sie wissen!«
Yin drängte ihren Kopf an Saî vorbei unter ihren Flügel, um Matilda anzusehen. »Nein, ich brauche keine Hilfe! Ich komme klar!«, zischte Matilda. »Außerdem, lass mich nicht einfach fallen, wenn du mich benutzt! Das tut weh!«
Saî wollte sich abwenden, als Matilda sich an Yins Maul vorbeidrängte.
»Und was willst du hier?«, blaffte sie ihn an.
»Ich will dich holen. Reck will aufbrechen«, antwortete er ruhig. »Bist du okay?«
»Ja.«
»Darf ich wissen …«
»Was?«, fauchte Matilda. »Warum ich eins bin mit meinem Drachen? Warum ich nicht einfach aufgab, nachdem man mir meine Kinder nahm? Warum ich versuchte, den Schuldigen zu finden und auf ihr falsches Spiel reinfiel? Warum ich nicht früher erkannt habe, dass meine sogenannte Freundin hinter allem steckt? Warum ich zuließ, dass auch Terû sterben musste? Und warum Yin mich nicht sterben ließ, nachdem ich meine Rache ausgekostet hatte …?«
Ihr wütender Ton wandelte sich in ein verzweifeltes Schluchzen.
»Ich sollte sterben. Der Lkw sollte mich töten. Als ich überlebte, konnte sie nicht zugeben, dass sie auf Gerüchte hereingefallen war, die mich in Misskredit brachten. Um ihr Gesicht zu wahren, tat sie unwissend. Terû und ich versuchten herauszufinden, wer es auf mich abgesehen hatte und gerieten in einen Hinterhalt …« Sie stockte, atmete tief durch und fuhr leise fort: »Ich wurde mit meinem Drachen verschüttet. Sie starb, schützte mich aber mit ihrem Körper. Beim Versuch mich zu retten, starb mein Mann … Yin erreichte mich. Zusammen wussten wir, was zu tun war. Ich bat um ein Gespräch bei der Königin, meiner Freundin. Sie hielt mich weiterhin für unwissend. Ich tötete sie, wurde überwältigt. Yin brach durch die Glaskuppel des Palastes, zog meinen Leichnam heraus und holte mich irgendwie zurück. Seitdem … seitdem sind wir auf der Flucht. Wechseln von einer Welt in die andere …«
Matilda starrte auf einen Fleck im Boden. Sie war vollkommen gefasst. Warum hatte sie Saî, einem Fremden, davon erzählt? Warum hatte Yin es getan? Yin glaubte, er könne Matilda helfen. Wobei helfen?
»Verstehe!« Saî fing ihren Blick, nickte in Richtung des Lagers und ging schweigend vor ihr her.
Am Feuerplatz warteten die Anderen bereits. »Wo wollt ihr hin?«, fragte Matilda grußlos.
Recks Gesichtsmuskulatur spannte sich grimmig, dann hielt er ihr eine Karte hin. »Zu diesem Talkessel. Es ist von drei Seiten aus durch steile Felswände geschützt. Nur frontal gibt es einen Eingang. Aber der ist befestigt und schwer bewacht.«
»Ihr wollt euch da durchkämpfen?« Sie musterte die Karte, verglich Markierungen und gab sie schließlich zurück. »Ist ‘ne doofe Idee. Warum fliegen wir nicht rein? Wenn die Festung so mittig steht, wie es abgebildet ist, können wir leicht von der anderen Seite herankommen.«
»Natürlich. Ganz leicht.« Magu verschränkte die Arme vor der Brust und schürzte die Lippen. Sie war ein gutes Stück größer als Matilda, sodass diese zu ihr aufsehen musste. »Ja, ganz einfach. Yin ist keine Schwalbe, sie ist ein Sturmdrache! Und fünf Leute sind nun wirklich keine Last für sie!«, gab Matilda patzig zurück. »Außerdem denke ich, dass die Hauptabwehr sich auf die Befestigung konzentriert.«
»Das denkst du? Und darauf sollen wir uns verlassen?«, fragte Reck überheblich. »Das ist der Weg, der uns vorgegeben wurde. Den werden wir gehen!« Sein Ton ließ keine Widerrede zu.
Außer bei Matilda, die lachte. »Deshalb seid ihr ja auch nur noch zu viert! Macht, was ihr wollt. Ich fliege da hoch und sehe es mir an!«
Magu stellte sich demonstrativ hinter Reck. Die beiden gaben einen Anblick wie aus einem schlechten Abenteuerfilm ab. Matilda unterdrückte ein Lachen und wand sich Yin zu.
Rûn war seine Abneigung in Gesicht geschrieben. »Sie hat recht«, sagte er. »Es ist totaler Schwachsinn, sich dort durchkämpfen zu wollen. Beim ersten Angriff waren es nur zwei Kugeln und sie haben uns fünf Mann gekostet. Da werden weit mehr sein. Und nicht nur Kugeln. Erinnert euch an die Krieger!«
»Du bist Soldat! Du sollst deinem Anführer folgen!«, ranzte Reck ihn an.
Rûn blieb gelassen. »Ich bin Wächter, ich folge meinem Schwur! Der gilt hier nicht, also bin ich nur mir selbst verpflichtet.« Auch er musste zu Reck aufsehen, was ihn nicht daran hinderte, ihm den Rücken zuzudrehen und sich zu Saî und Matilda zu gesellen.
»Und?«, fragte Saî belustigt. »Wie möchtest du uns auf dem Drachen verteilen?«
Matilda antwortete nicht. Sie tauschte einen bedeutungsvollen Blick mit dem Wächter. »Du hast hier von mir nichts zu befürchten!«, wiederholte Rûn seine Aussage vom Abend. »Ich hatte keine Wahl, als ich hierher gebracht wurde. Aber jetzt habe ich sie. Ich kenne diesen Drachen, weiß, was er kann! Ich biete dir meine Loyalität und meine Kraft!«
Unterstreichend hielt er ihr die Innenseite seines rechten Handgelenks hin. Eine Geste, die Matilda sehr wohl kannte. Sie hatte unzählige Male gesehen, wie Teams zusammengestellt wurden und wie Wächter ihrem Kommandanten Gehorsam schworen. Sie berührte eine wulstige Narbe an seinem Handgelenk, wo sich zuvor das kristalline Implantat befunden hatte. Auch, wenn Rûns Implantat entfernt worden war, diesen Schwur konnte er nicht brechen.
Saî sah sie immer noch abwartend an. Matilda überlegte kurz, dann zeigte sie seufzend auf Yin. »Einer zwischen die Flügel, und einer kann hinter mir sitzen. Hat einer von euch offensive Kräfte?«
»Eismagie Stufe sechs.«
Matilda musterte Rûn erneut. »Stufe sechs«, murmelte sie nachdenklich. Die Magie in seiner und Yins Welt war in zwölf Stufen aufgeteilt, mit Stufe sechs lag er im guten Mittelfeld. Starke Magier kamen bis zur zehnten Stufe. »Dann gehst du besser nach hinten.«
Rûn nickte und stieg auf Yins Rücken.
»Und was kannst du?«, fragte Matilda Saî.
Der schmunzelte, ließ ihr den Vortritt und antwortete, als er hinter ihr Platz nahm: »Ich kann nicht mit Eiswürfeln schießen, aber durchaus andere spannende Dinge!«
Matilda spürte seinen Atem im Nacken und hob die Hand zur Stirn, wo sie die Tiara berührte und verschob. Kurz darauf hatte sich das magische Metall zu einem Helm ausgebreitet. Diesmal ohne Visier. Auf ihr Signal hin öffnete Yin die Schwingen und hob ab. Hinter sich bemerkte Matilda, wie Saî sich am Gurt des Sattels festhielt. Was hatte er gedacht? Natürlich brauchte ein so großes und schweres Wesen wie Yin enorm viel Kraft, um abzuheben! Schmunzelnd lehnte sie sich nach vorn, was für Yin das Zeichen war, schneller zu fliegen.
Unter ihnen zogen Felder, Flüsse und Hügel dahin. Nicht weit vor ihnen erhob sich eine Bergkette. »Die Berge überfliegen wir in sehr großer Höhe, damit Yin segeln kann und wir unentdeckt bleiben!«, brach sie das Schweigen.
»Verstanden!«
»Aye!«, stimmte auch Rûn zu. Er saß mit dem Rücken zu Matilda und Saî und beobachtete die Umgebung.
»Was weißt du über ihn?«, wollte Saî wissen.
»Über Rûn? Nichts. Ich denke, er ist Waldelf, hat als Wächterfähigkeit das Eis geerbt. Mit Stufe sechs ist er nicht unschlagbar, aber durchaus fähig.«
»Genau das meine ich. Wächterfähigkeit. Was ist ein Wächter?«
»Die Wächter sind eine Art militärische Einheit. Aber niemand anderem als dem Wächterrat unterstellt. In ihrer Welt gilt es als Fluch. Und die Wächterfähigkeit ist die Magie, die das neugeborene Kind von dem vorhergehenden Wächter erbt. Ein Wächter stirbt, das nächstgeborene Kind erbt die Fähigkeit. Sie gelten als unbestechlich und loyal. Vor allem aber können sie kämpfen. Deshalb habe ich ihn mitkommen lassen. Auch wenn es Yin nicht passt. Aber sie weiß, dass er den Schwur nicht brechen kann.«
»Warum nicht? Was willst du machen, wenn er es doch tut?«
»Nichts. Es gibt nichts, was ich tun könnte. Das ist so eine Sache von Ehre, Stolz und so. Sie tun es einfach nicht.« Matilda lachte über ihre Worte. »Das klingt ziemlich bekloppt, oder?«
»In der Tat.« Saî sah zu Rûn zurück, der sich im gleichen Moment zu ihm drehte.
»Seht ihr das?«, fragte Rûn alarmiert.
Unter ihnen lagen Hunderte der glänzenden Kugeln in Reih und Glied, wie ein überdimensionales Abalonespiel. Drum herum verteilte sich eine Armee aus humanoid wirkenden Wesen.
»Sind das die Krieger?«, fragte Matilda. Sie konnte aus der Höhe keine Einzelheiten erkennen, wohl aber, dass sie sich seltsam bewegten.
»Ja.« Rûn hatte sich nach vorn gewendet, ließ den Blick aber nicht von den Vorgängen unter ihnen. »Es sind absonderliche Wesen. Irgendwas zwischen einer Gottesanbeterin und einem Menschen. Sterblich. Brutal. Unnachgiebig. Und absolut in der Überzahl!«, erklärte er ruhig. Als Wächter musste er einiges gesehen haben, aber die Art und Weise, wie er die Armee beobachtete, machte Matilda klar, dass mit diesem Feind nicht zu spaßen war.
Sie zog etwas aus ihrer Tasche und fragte: »Rûn, wo ist dein Kristall?«
Der Angesprochene zuckte zusammen und berührte unbewusst die Stelle an seinem Handgelenk. »Er war weg, als ich hier zu mir kam.«
»Mist! Damit hätten wir eine Ablenkung programmieren können.« Vor sich hin grummelnd schob Matilda einen blauen Kristall zurück in ihre Tasche.
»Was ist das?« Saî streckte die Hand aus, um den Stein zu berühren, aber Matilda zog ihn weg.
»Das ist ein Weltenstein. Mit ihm wechsle ich die Dimensionen oder Welten. Wie du es auch nennen magst. Mit dem Kristall aus Rûns Handgelenk hätte man eine Portalbrücke erzeugen und einen Schwung hässlicher Bestien ins Jenseits befördern können.«
»Tja, dann müssen wir wohl ohne eure Technik auskommen und uns auf unserer Hände Arbeit verlassen!«, zog Saî sie auf, wurde dann schlagartig ernst und deutete nach vorn. »Da ist der Talkessel!«
Vor ihnen erstreckten sich zerklüftete Felsen, die mehrere Hundert Meter steil abfielen. Nicht im Geringsten hatte dieses Tal Ähnlichkeit mit der Karte von Reck. Der Eingang des ovalen Tals war mit einem doppelten Wall befestigt. Der Vordere strotzte vor Schießtürmen und Brandschleudern. Tausende fremder Krieger lagerten darauf und davor. Reck hatte keine Chance, auf diesem Wege hineinzugelangen.
Die Festungsanlage lag einen guten Kilometer dahinter. Um Einzelheiten erkennen zu können, waren sie zu hoch. Matilda verließ sich darauf, dass zumindest Rûn das Gelände studierte. Was sie von Saî halten sollte, wusste sie nicht. Nie zuvor hatte sie einen solchen Elf gesehen. Sicher, es gab unzählige Welten und alle hatten verschiedene Einwohner. Aber er war vollkommen anders als alles, was Matilda je gesehen hatte.
Er gab sich nicht die geringste Mühe, etwas zu erkennen. Hin und wieder warf er einen Blick nach unten, während Yin ihre Runden zog.
»Du hattest recht. Im hinteren Bereich sind kaum Wachen und die Burg ist von dort angreifbar«, berichtete Rûn. »Die Frage ist nur, wie tief kann Yin fliegen, bis sie entdeckt wird?«
»Gegenfrage: Wie gut sind deine Illusionen?« In Matildas Kopf spielten sich verschiedene Szenarien ab. »Wenn du dort an dem Turm einen Angriff simulierst, werden sich erst einmal alle Wachen dorthin begeben. In der Zeit können wir landen und hoffentlich auch eindringen. Jetzt wäre es gut zu wissen, wo wir hin müssen!«
»Und da kann ich helfen!«, mischte Saî sich schmunzelnd ein. »Bin wohl doch nicht ganz nutzlos!« Frech grinsend erhob er sich und lief über Yins Rücken zu Rûn.
Matilda verzog das Gesicht. »Elfen!«, zischte sie. »Elende Angeber!« Yin knurrte zustimmend. »Ist mir völlig egal, was die bequatschen. Wir kriegen das hin!« Matilda starrte auf Yins Hinterkopf. Zwischen den nach hinten ausgerichteten, größeren Hörnern hatten sich dünne Weidenäste verfangen. »Stört dich das nicht? Ja. Mich würde es stören!« Ihr Lachen weckte sie Aufmerksamkeit ihrer Begleiter, aber nur kurz. »Aber klar. Und demnächst nisten da noch ein paar bunte Vögelchen!« Gurrend ging Yin in den Sinkflug. »Vielleicht da drüben?«, schlug Matilda ihr vor und zeigte auf eine Stelle oberhalb des Tals. Von da aus konnte Yin den Abhang herabsegeln. Das war am unauffälligsten. Außerdem gab es dort einen Bach und einige Büsche. Die Diskussion hinter ihr wurde kurz lauter und verstummte dann ganz.
»Hey!«, rief Rûn. »Was machst du?«
»Landen.«
»Denkst du nicht, dass wir das absprechen sollten?«
»Nein, denke ich tatsächlich nicht!«, antwortete sie giftig. »Das ist mein Drache, ich lande ihn dort, wo ich will. Wenn es euch nicht passt, könnt ihr gerne absteigen!«
»Ich meine ja nur …«
»Was? Dass ich nicht in der Lage bin, die Gefahr abzuschätzen? Ich bin seit zehn Jahren auf der Flucht und lebe immer noch! Und das, obwohl wir in den meisten Welten, dank euch, gesucht werden!«
Sichtlich amüsiert ließ Saî sich wieder hinter ihr nieder und schob die Hände unter den Sattelgurt. »Ich habe keinen Zweifel!«
»Schleimer!«
»Blödsinn! Warum hätte ich mich dir anschließen sollen, wenn ich von deinem Können nicht überzeugt wäre?« Seine sonore Stimme so dicht an ihrem Ohr, jagte ihr einen Schauer über den Körper. Yin ließ ein dumpfes Klappen vernehmen.
»Was war das?« Saî hatte von Matildas Reaktion nichts bemerkt und sah besorgt nach vorn.
»Bloß eine Warnung an mich«, erklärte Matilda leise. Es mochte für Yin kein Problem sein, aber sie war ein Mensch, und Emotionen sowie Erinnerungen gehörten zu ihrer Existenz. Auch diese unbewussten Reaktionen auf Zufälliges. Zehn Jahre waren eine lange Zeit. Durch das Drachenblut in ihren Adern würde Matilda noch unzählige Jahre alterungslos leben. Gebunden an ein Wesen, dem körperliche Nähe nichts bedeutete.
Unterschwellige Panik machte sich in ihr breit, die sie im Keim ersticken musste. Früher oder später würde Yin ihr den Gehorsam verweigern! Wenn die Mission gelang, würde Matilda in ihr altes, gutes Leben zurückversetzt. Und Yin? Yin wäre wieder Terûs Drache. Möglicherweise ohne Erinnerung an das, was in der Vergangenheit passiert war.
Matilda hoffte, die ungeheure Abneigung in Yin würde ihrer Loyalität Matilda gegenüber unterliegen! Ohne Yin hatte sie keine Chance. Aber Yin war nicht bereit, dieses Leben aufzugeben und in ihre alte Routine zurückzukehren. Eine Zerrissenheit, die Matilda nicht unbekannt war. Auch sie liebte den Drachen und mochte das Leben, welches sie führten. Meistens. Aber sie war auch Mutter und vermisste ihre Kinder. Jeden Tag, jede Stunde. Und dann war da noch die allmorgendliche Tortur … wenn sie den Tod ihrer geliebten Kinder nur nicht jeden Morgen aufs Neue erleben müsste …
Yin schlug die Zähne erneut hart aufeinander, sodass selbst Rûn bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Saî stupste Matilda an. Diese erwachte aus ihren Gedanken, sah mit zusammengebissenen Zähnen zu ihm zurück und erhob sich. Yin war bereits im Landeanflug, so sprang Matilda wortlos in die Tiefe.
Wie sie es erwartet hatte, verhinderte Yin Matildas Aufschlag mit einem Luftkissen. Eins mit dem Drachen. Unwirsch schüttelte sie den Kopf. Eigentum des Drachen!
Woher kam diese plötzliche Wut? In den vergangenen Jahren war sie harmonisch eins mit Yin gewesen. Aber jetzt, wo sich eine zweite Chance bot, wusste Matilda, dass Yin alles dafür tun würde, um das Gelingen zu verhindern. Wie lange würde der Drache noch mitspielen? Yin war stärker als Matilda. Stärker als die Elfen. Und Yin konnte Matilda steuern. Hatte sie überhaupt eine Chance?
Matilda stand am Rande des Steilhangs und starrte in die Tiefe, als Saî neben sie trat. »Alles in Ordnung?«
»Sicher«, gab sie mürrisch zurück. Sie wollte nicht reden. Sie ignorierte den Elf neben sich und auch Yin, die zwar Abstand hielt, aber dennoch nach Antworten bohrte.
Mit geschlossenen Augen konzentrierte sie sich auf eine absolute Leere. In ihr wurde es ruhig. Sie wurde ruhig. Dann spürte Matilda, wie Yin aufgab. Als sich der Drache zurückzog, atmete Matilda auf. Nicht nur Yin konnte in ihren Gedanken stöbern, umgekehrt funktionierte es auch. Yin hatte Angst. Starke Angst. Um Matilda.
Irgendwann drehte Matilda sich wieder ihren Begleitern zu. Saî und Rûn hatten verschiedene Skizzen in den sandigen Boden gemalt und sprachen darüber.
Das Einzige, was an Saî elfisch wirkte, waren seine Ohren. Statur, Magie und nicht zuletzt seine seltsame Hautfarbe unterschieden sich von allen Elfen, die Matilda je gesehen hatte. Rûn dagegen war ein perfektes Musterexemplar für einen Waldelf: dunkelbraunes Haar, pudrigbrauner Teint und feingliedrig.
Sie beachteten Matilda nicht, und die interessierte sich nicht für deren Diskussion.
Ein Stück abseits lag Yin platt auf dem Boden und beobachtete Matilda. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie ihre Gedanken für sich. Die Abwesenheit des Drachen war, wie eine spürbare Leere. Gleichsam Einsamkeit. Hatte sie es übertrieben? Hatte der Wunsch, alles wieder wie früher sein zu lassen, sie rücksichtslos gemacht? Yin konnte allein überleben, so gut wie überall. Matilda nicht.
Während sie darüber nachdachte, erwartete sie Yin, doch die blieb still. Matilda war unsicher. Sollte sie einfach auf Yin zugehen und so tun, als wäre nichts geschehen? Yin war kein stumpfes Tier, auch wenn ihre Intelligenz grundverschieden von Matildas war.
»Du bist enttäuscht«, sagte sie leise. Yin starrte stumm vor sich hin. Die linke Kopfseite war von rotem Sand bedeckt. Anscheinend hatte sie versucht, die Äste von den Hörnern zu entfernen.
Matilda ging auf Yin zu und an ihr vorbei. Der Drache folgte ihr nur mit den Augen. Wortlos streckte Matilda sich hoch und zog die Äste zwischen den Schuppen heraus. Es waren weit mehr, als es auf den ersten Blick wirkte. Die Spitze eines der zwei nach vorn gerichteten Hörner war abgebrochen. Matilda seufzte. »Du kannst Leute mit deiner Schwanzspitze bedrohen, aber um ein läppisches Gestrüpp zu entfernen, brichst du dir die Hörner ab!«
Endlich grummelte Yin. Matilda lachte ebenfalls, kletterte auf Yins Kopf und schnitzte mit ihrem Schwert eine neue Spitze in das Horn. »Du hast Angst«, sagte sie ruhig. »Das ist in Ordnung. Die habe ich auch.« Yin war zurück, jedoch weitaus sanfter als zuvor. »Nein. Und wenn wir uns an nichts mehr erinnern, dann ist auch das so. Hör auf, Yin!« Matilda rutschte von Yins Kopf herab und stellte sich vor sie. »Du hattest ein gutes Leben bei Terû und du liebst ihn! Doch! Das kann ich spüren! Nein, das sind deine Gefühle und deine Erinnerungen! Ich kann das sehr wohl unterscheiden!« Eine Weile lauschte sie Yins Argumenten, dann drehte Matilda sich um. »Du wirst mich verraten, nicht wahr? Egal, was ich sage, du wirst versuchen, deinen Willen durchzusetzen. Auch wenn du mir damit das Einzige nimmst, was ich je wollte! Ja, das ist egoistisch von mir. Aber von dir auch!«
Saî sah auf. Er spürte den Grimm zwischen Yin und Matilda. Sicherlich hätte er ihnen zuhören können, aber entgegen seiner sonstigen Gewohnheit ließ er es. Matilda hatte dem Drachen den Rücken zugewandt und ging. Yin sah ihr nach und ließ den Kopf auf den Boden fallen, sobald Matilda außer Sicht war.
Mussten die beiden sich gerade jetzt zerstreiten? Konnten sie damit nicht warten, bis der Mist erledigt war und jeder seiner Wege ging? Frauen! Einfach unberechenbar und deshalb nutzlos! Rûn hatte kurz aufgesehen und sich dann wieder mit der Skizze beschäftigt, jetzt sah er Saî abwartend an.
»Was?«, blaffte Saî. Das Theater der Weiber machte ihn wütend. Was, wenn jetzt alles daran scheiterte?
»Drachen sind zänkisch. Es ist nicht einfach, mit ihnen klarzukommen. Vor allem, wenn man sie nicht kontrolliert«, antwortete Rûn ruhig. Schweigend musterte Saî ihn. Rûn hatte es bemerkt und ignorierte es? Warum? Uninteressant.
Saî stand auf und ging zurück zum Abgrund, von wo aus er die Festung betrachtete. Er müsste näher heran, um den Zauber auszuführen. Von hier aus konnte er die Position des »Herzens« nur erahnen. Es war eine mächtige Energiequelle, fühlte sich gleichzeitig lebendig an. Den insektenartigen Lebewesen nach mochte das »Herz« eine Art Königin sein. Die Frage war, ob sie magische Kräfte besaß oder nur physisch stark war, wie die Krieger. Das würden sie erst wissen, wenn sie in die Festung eingedrungen waren. Die Patrouillen folgten einer gleichbleibenden Route durch das Gelände. Wobei der hintere Abschnitt restlos vernachlässigt wurde. Anscheinend nahmen sie an, der Steilhang wäre unüberwindlich.
»Sie gehen immer den exakt selben Weg!«, bemerkte Matilda.
Woher war die denn gekommen? So, wie es aussah, saß sie schon länger neben dem Felsen. Hoffentlich hatte sie nicht wieder vor, zu springen. Er war sicher, der Drache würde sie diesmal nicht behüten. Sie sah weiter stur nach unten, ohne ihn zu beachten. Kurz erwog er, sie nach dem Problem zu fragen, verwarf die Idee aber wieder.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und je weiter sie sank, desto nebliger wurde es im Tal. »Was zum …!«
»Sumpf«, sagte Matilda. »Yin hat es gerochen. Diese Dinger haben kein Problem auf dem sumpfigen Grund zu laufen. Wir werden eins haben. Zumindest Yin und ich.« Wieder sah sie nach unten, wo der Nebel in Wallung geraten war und wie Wellen gegen die Berge brandete.
»Das ist doch kein gewöhnlicher Nebel!« Saî sollte mit Rûn über ihren Plan sprechen. Das da unten machte die Durchführung unmöglich.
»Doch, ist es. Ich kenne das aus meiner Welt. Hat mit Mikroklima und Luftströmungen zu tun. Ich nehme an, dass es da unten viel kälter ist, als hier oben in der Sonne.« Matilda stand auf, warf einen letzten Blick auf das faszinierende Schauspiel und wand sich Saî zu. »Der Sumpf macht einen Strich durch euren Plan, nicht?« Sie unterdrückte ein Lachen. Da hatten die beiden so lange an einem Plan gefeilt, ohne auch nur einen Blick in das Tal zu werfen? Was für Experten!
»Yin kann bis auf fünf Meter Höhe herabsegeln. Die Landung wird dann zwar hart, aber die Reaktionszeit der Kreaturen dürfte auch nicht bei Lichtgeschwindigkeit liegen. Wenn sie direkt an der Mauer landet, sind wir drin, bevor die uns bemerken.«
»Bleibt sie unsichtbar, wenn sie segelt?«
»Selbstverständlich. Jedes Mal, wenn sie unbeweglich ist, verschwindet sie für Magielose!« Das musste sie ihm einfach noch unter die Nase reiben! Er setzte ein schiefes Lächeln auf und ließ sie stehen.
»Mit Sturm und Feuer kann Yin die nähere Umgebung trocken legen, das sollte die Kreaturen schwächen!«, erklärte sie, als sie zu Rûn und Saî trat.
»Warum?«, fragte Rûn verdutzt.
»Wie warum? Hast du es ihm nicht erzählt?«, fuhr sie Saî an. Der erwiderte ihren Blick stumm. Matilda hielt sich nicht weiter mit ihm auf. »Der Sumpf da unten ist künstlich. Zu sehen an den sumpfuntypischen Pflanzen und zu riechen, da diese Pflanzen verrotten. Was bedeutet, dass die Typen den Sumpf angelegt haben, weil sie eine feuchte Umgebung brauchen! Theorien sind nicht so eure Stärke, oder?«, setzte sie hinzu, als beide Männer sie nur anstarrten. Rûn blickte wieder auf die Skizzen, Saî irgendwohin. Matilda schluckte eine fiese Bemerkung hinunter und wandte sich mürrisch ab. »Ist doch nicht wahr!«, maulte sie vor sich hin. »Statt die Fakten zu prüfen, heulen die ihrem unnützen Plan nach!«
Während Rûn Matildas Behauptung von der Klippenkante aus überprüfte, wurde es immer dunkler. Saî konnte von hier aus überhaupt nichts tun. Warum musste Matilda den Weiberzwist auf alle ausbreiten? Ihre schlechte Laune war ansteckend. Jetzt stand sie wie ein Mechaniker unter Yin und klappte nach und nach einige der glänzenden Schuppen hoch. Rûn war immer noch damit beschäftigt, sichtbare und unsichtbare Suchzauber ins Tal zu schicken. Der Nebel war mittlerweile so hoch gestiegen, dass er die Festung bis zu auf die Türme verbarg. Er schwappte an den Steilwänden hinauf, überschlug sich und wirbelte um die noch sichtbaren Turmspitzen herum.
Plötzlich stand Rûn neben ihm, nickte in Matildas Richtung und fragte: »Holst du sie?«
Was blieb ihm übrig? Geradezu widerwillig trat er an den Drachen heran.
»Versuch’s!«, klang Matildas Stimme von der anderen Seite. Yin spreizte die Flügel, stellte entlang der kleinen Zacken, die ihren Körper und Gliedmaßen nachzeichneten, die Schuppen auf und vibrierte sekundenlang. Ein Sirren lag in der Luft. Alarmiert sah Saî sich nach den angreifenden Kugeln um, aber es war nur Yin. Als sie sich schüttelte, verklang der Ton.
»Perfekt«, sagte Matilda zufrieden. »Gib besser acht! Ich muss dich wohl nicht daran erinnern, was passiert, wenn du nicht glatt im Wind liegst! Nein, da hilft dir auch kein erzeugter Sturm mehr! Und mir erst recht nicht!« Sie duckte sich unter Yins Bauch durch und sah Saî abwartend an.
»Willst du mitkommen?«, fragte er giftiger als beabsichtigt.
»Wie wollt ihr denn sonst da runter kommen? Mit der Kraft eurer Gedanken?«
Das wurde nichts mehr. Er könnte sich für seinen Tonfall entschuldigen, aber wofür eigentlich? Bisher hatten alle drei dasselbe Ziel. Was danach kam, musste jeder für sich entscheiden.
Yins Ausrüstung saß, ihre eigene war einsatzbereit. Auch Rûn hatte seine Wächterrüstung aktiviert. Saî trug nur eine Brustplatte. Hatte die Göttin ihm nicht mehr Schutz zugestanden? Matilda musste sich beherrschen. Warum fühlte sie sich dem seltsamen Elf so überlegen? Er wirkte viel kräftiger als sie. Dessen ungeachtet fehlte ihr jeglicher Respekt ihm gegenüber. Vielleicht eine Trotzreaktion, weil Yin ihm ihr Geheimnis verraten hatte? Sie brauchte seine Hilfe nicht. Bei ihrem Problem konnte er ihr nicht helfen. Wie auch?
Diesmal saß Rûn hinter ihr. Er hielt gebührenden Abstand, und als Yin in Kreisen herabsegelte, sprach er sie an: »Wo wird sie uns absetzen?«
Matilda lauschte einen Moment, dann antwortete sie: »Ihr Vorschlag lautet: Wir springen über dem freien Platz innerhalb der Festung ab, sie bremst uns mit einem Luftkissen und verödet anschließend den äußeren Bereich der Burg.«
»In Ordnung. Die Burg steht auch unter Wasser?«
»Teilweise, ja. Hast du das Herz lokalisieren können?«
»Nein, es ist von einem Bann geschützt. Ich weiß aber, dass nicht viele Kreaturen im Gebäude sind. Den Rest erledigt Saî, wenn wir drin sind!«
»Nicht viele. Toll! Hoffentlich konzentrieren die sich erst mal auf Yins Austrocknungsaktion und hoffentlich sind die nicht so schnell, dass die vom Wall uns in die Quere kommen!«
»Die Kreaturen sind nicht schneller als Menschen. Die Kugeln hingegen schon. Hoffen wir, dass sich davon keine in der Festung befindet!«
Ungläubig drehte sie sich zu ihm um. Hoffen? Sie kannte keinen Wächter, der sich bei einem Angriff auf Hoffnung verließ! Er schien genau denselben Gedanken zu haben und sah schnell nach unten.
»Ich hab da ein ganz mieses Gefühl …«, murmelte sie.
Yin drehte die Flügel und wurde abrupt langsamer.
»Jetzt!«, zischte Matilda. Saî sprang, Matilda und Rûn folgten ihm.
Der Innenhof war leer und dunkel. Erst Yins Feuersbrunst erhellte das Gebäude. Das konnte ja heiter werden! Die Elfen mochten in der Dunkelheit sehen können, Matilda konnte es nicht. Sie stolperte hinter den Männern her ins Innere, versuchte etwas Hilfreiches zu erkennen. Irgendetwas – nichts. Plötzlich glomm etwas Dunkelblaues vor ihr auf. In dem fahlen Licht konnte sie Saî ausmachen, der das Leuchten beschwor. Der Zauber waberte, dem Nebel gleich, auf der Stelle, begann zu wirbeln und schoss nach vorne aus dem Saal heraus. Die Elfen rannten los, Matilda blieb im Dunkeln zurück.
»Na toll!«, knurrte sie, unbeholfen hinterher stolpernd.
Überall um sie herum knarrte, knackte oder knirschte etwas. Draußen jagte Yin einen Feuersturm nach dem anderen vor sich her. Matilda spürte, wie der Drache schwächer wurde. »Gib auf«, flüsterte sie. »Geh hoch und erhol dich! Wie willst du mir helfen, wenn du so schwach bist?«
Widerwillig gehorchte Yin, dennoch spürte Matilda ihre Anwesenheit. Der Geruch von brennendem Holz stieg ihr in die Nase. Wo waren die Elfen? Und was sollte sie gegen Wesen tun, die kein Licht zum Sehen brauchten? Das Schwert in die Hand zu nehmen war vielleicht kein schlechter Anfang. Kampflärm. Leise, nicht auszumachen, von wo er kam. Sollte sie dorthin gehen? Dumme Idee, aber wo gekämpft wurde, waren vermutlich die Elfen.
Einen Saal nach dem anderen durchquerte sie, immer achtsam lauschend. Die Richtung wechselnd, wenn der Aufruhr leiser wurde. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen; in der Dunkelheit vor ihr bewegte sich etwas. Hatte das Etwas sie schon bemerkt? Langsam ging sie rückwärts. Noch einen Schritt und sie hätte die Tür erreicht … das Wesen hob den Kopf, sah sie aus gelb glühenden Augen an. Ein unmenschliches Gurren ausstoßend, sprang es nach vorn, seine Kiefer schnappten nach Matilda, die rücklings hinfiel und reflexartig das Schwert hochriss. Das Wesen kreischte, eine warme Masse ergoss sich über Matildas Hand. Sie warf sich herum, sprang auf und rannte blindlings nach vorn. Hinter ihr die verletzte Kreatur.
An einem Kreuzgang glomm etwas Licht, aber das Einzige, was sie erkennen konnte, waren weitere Kreaturen in allen Richtungen. Ihr Herz überschlug sich schmerzhaft pochend. Schließlich gewann die Panik die Oberhand. Kaum eines klaren Gedanken mächtig, rannte sie zurück. Es war nur eines hinter ihr gewesen und das war verletzt. Bitte sei nur eins, flehte sie innerlich.
An der Kreuzung drängten sich zahllose Wesen in dem Gang. Es klirrte und rumpelte, während die Kreaturen sich selbst im Weg standen. Vor ihr tauchten die bekannten gelben Augen auf. Angriff ist die beste Verteidigung? Matilda stürzte sich frontal auf das Wesen, spürte ihre Klinge den Panzer des Wesens durchstoßen und warf sich zu Boden. Die Kreatur fiel nach vorn, über Matilda hinweg, sodass sie das Schwert herausziehen konnte.
Flugs war sie wieder auf den Beinen, rannte, bis ihre Lungen brannten. Hinter ihr brach das Dach; Feuer brandete durch den Gang, löschte die Angreifer aus. »Schön, dass du auch noch mitspielst!«, lobte Matilda keuchend. Sie hielt an, um sich zu orientieren und lief in die Richtung, aus der sie Rûns Stimme hörte.
An einem weiteren Kreuzgang stoppte sie. Rûn befand sich in dem Saal links von ihr, aber aus unerfindlichen Gründen drängte es Matilda nach rechts.
Sie machte einen Schritt vorwärts, blieb stehen und lauschte: Saî blaffte Rûn wegen irgendetwas an, Rûns Antwort verstand sie nicht. Aus dem dunklen Saal auf der rechten Seite klang ein tiefes, fast unhörbares Brummen. So tief, dass es spürbar war. Pochend, wie Herzschlag. Matilda konzentrierte sich allein darauf. Schritt für Schritt näherte sie sich dem Unbekannten, schob die schwere Flügeltür langsam auf und erblickte einen glutroten, pulsierenden Schimmer. Der Boden war eingebrochen. Vorsichtig ging sie darauf zu und blickte in die Tiefe; eine durchscheinende Masse wogte sanft an den Wänden des Abgrunds herauf. Aus ihrem Inneren liefen, Nervenimpulsen gleich, purpurrote Reflexe durch die Masse. Matilda spürte das Schlagen dieses seltsamen Herzens. Es war kein Herz im anatomischen Sinne, eher ein Gehirn. Eine organische Kommandostation!
»Jungs!«, rief sie, so laut sie konnte. »Ich hab hier was!«
Keine Reaktion von den Elfen, aber dafür von dem Ding unter ihr; das Schlagen beschleunigte, wurde lauter. Der Boden zitterte. Die zirpenden Schreie der Wesen kamen näher. Sie musste etwas tun! Warum war sie nicht einfach zurückgegangen und hatte es den Elfen gesagt? Im feindlichen Hauptquartier herumzuschreien war die dümmste Idee, die sie seit Langem gehabt hatte!
Die ersten Kreaturen erreichten den Korridor vor dem Saal. Sie musste handeln. Jetzt! Matildas Hände schlossen sich fest um den Schwertknauf, sie atmete tief durch und machte sich bereit, in das Loch zu springen … Plötzlich war Yin in ihrem Bewusstsein. »Nein!«, schrie Matilda. »Lass mich!« Sie wehrte sich mit aller Kraft, doch Yin gab nicht auf. Der Drache rang um die Kontrolle. »Nein!« Matilda sank zu Boden, der Schmerz in ihrem Kopf nahm betäubende Ausmaße an. Ihre Augen fühlten sich an, als wollten sie aus den Höhlen treten. Yin kämpfte, wie sie noch nie gekämpft hatte. Yins Angriff konnte nur bedeuten, dass Matilda auf dem richtigen Weg war! »Raus aus meinem Kopf!«
Saî hatte etwas gehört. Er ließ Rûn wortlos stehen und sprintete in den Flur. Insektenwesen drängelten sich in den Saal auf der gegenüberliegenden Seite. Was war das? Matildas Stimme?
Saî legte einen Brandzauber auf seine Klingenwaffe und mähte die mit dem Rücken zu ihm stehenden Kreaturen nieder. Dieses Pochen! Er hatte es schon zuvor gespürt, doch Rûn hatte darauf bestanden, erst die Wachen auszuschalten.
Matilda befand sich in der Mitte des Raumes, am Rand eines Kraters. Sie hielt ihr Schwert in den Händen, kämpfte aber nicht. »Nein!«, schrie sie verzweifelt. Die Kreaturen hatten sie noch nicht erreicht, von dem Pochen im Krater ging keine Magie aus. Was war mit ihr los? Saî streckte ein Insekt nach dem anderen nieder, während Matilda mit sich selbst zu kämpfen schien. Die Augen schreckgeweitet – und silbern!
Schütze sie vor dem Wächter! – Ich brauche keine Hilfe!
Die Worte vom Morgen schossen ihm ins Gedächtnis. Yin hatte Saî aufgefordert, Matilda vor dem Wächter zu schützen. Und sie hatte Matilda gesagt, dass Saî ihr helfen könne …! Er sollte sie nicht vor Rûn schützen! Yin war Matildas Wächter!
Einem Bumerang gleich warf Saî seine Waffe durch den Saal, zerteilte so einige Wesen. Dann kämpfte er sich, einen Bannzauber sprechend, zu Matilda durch. Ihre Augen flackerten. Silbern – braun. Sie hatte noch nicht aufgegeben.
Yin bot alle Kraft auf, sie hatte Matilda beinahe besiegt, aber Matilda widersetzte sich mit letzter Kraft. Plötzlich war es still in ihrem Kopf. Yin war fort. Um sie herum tobten blaue Funken. Saî stand nur wenige Meter vor ihr und beschwor etwas, während die Insekten in den Saal eindrangen. Irgendwo dazwischen kämpfte Rûn.
»Töte es!«, brüllte Saî. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ohne einen weiteren Gedanken zu fassen, warf sie sich instinktiv in das Loch. Das Schwert wie eine Lanze voraus, drang sie in das weiche, kalte Gewebe ein. Es umschloss sie wie Treibsand, zog sie ins Innere. Matilda schnappte nach Luft und tauchte unter, umschlossen von eisiger, roter Masse. Das Rot brannte sich in ihre Augen. Alles war rot. Alles war kalt. Sie stieß zu. Das Rot barst in einer grellen Explosion.
Warme Sonnenstrahlen wecken Matilda aus dem Schlaf. Oder war es das Öffnen der Schlafzimmertür? Jonas springt auf ihr Bett, flötet: »Guten Morgen, Mama!«, und kuschelt sich unter ihre Decke. Sie drückt ihn an sich. »Guten Morgen, mein Großer!«, dann streckt sie sich, um die Uhr zu sehen und erschrickt; 8:59 Uhr!
»Wir haben zu lange geschlafen. Terû wird gleich hier sein!«
Sie kitzelt Jonas, der springt aus dem Bett und flüchtet gibbelnd aus dem Zimmer. Schon wieder hat er die Hose verkehrt herum an, Matilda folgt ihm lächelnd. Kaffeeduft schlägt ihr schon im Flur entgegen. Thordis und Clara huschen kichernd auf ihre Plätze. »Guten Morgen, Mama. Es ist schon alles fertig!« Das tiefe Schlagen der antiken Standuhr im Wohnzimmer unterbricht die Mädchen, Matilda sieht auf die Küchenuhr: 9 Uhr. Erwartungsvoll sieht sie zur Tür. »Zumindest sind wir nicht die Einzigen, die sich heute verspäten!«, erklärt sie schmunzelnd.
Routiniert drückt sie den Toast herunter, gießt Milch in die Tassen und rührt Schokopulver hinein. Ein Blick zur Uhr: 9:03 Uhr. So unpünktlich kennt sie ihn gar nicht.
Jonas greift nach seiner Tasse, während er nach etwas auf dem Tisch sucht, der Kakao schwappt über den Tassenrand und verteilt sich auf Jonas’ Ärmel und dem Tisch. Nicht das erste und nicht das letzte Mal!
»Ist nicht so schlimm«, beruhigt Matilda ihn. Mit einem Küchentuch tupft sie das Malheur auf. Alles klebt. Da hilft nur noch Wasser! Etwas Kakao läuft ihre Hand hinab. Wie Blut! Nein, nicht schon wieder! Ihr Blick gleitet über die Uhr an der Wand 9:06 Uhr.
»Raus hier!«, brüllt sie. Die Kinder sehen sie erschreckt an, Matilda reißt an Jonas’ Arm, schleudert ihn zur Küchentür, Thordis ist aufgestanden, nur Clara sitzt noch bestürzt am Tisch. Panisch reißt Matilda auch sie vom Stuhl, schubst Thordis in Jonas’ Richtung, dann hört sie das Quietschen der Bremsen, undefinierbares Rumpeln und schließlich das Zersplittern der Glasfront. Mit ihrem Körper schützt sie Clara, die wie erstarrt auf dem Boden liegt. Trümmer regnen auf beide herab. Jonas schreit, Thordis versucht weinend, ihn zu beruhigen. Staub erfüllt den Raum, Matilda bekommt keine Luft, etwas trifft sie am Kopf. Heiß fließt das Blut ihre Schläfe herab, ihr Herz pocht. Clara schluchzt unter ihr. Dann setzt die Stille ein. Nur das leise Weinen von Jonas ist zu hören.
Matilda stemmt sich hoch, ihr Blut tropft auf Claras Stirn. Das Mädchen liegt zitternd, aber unverletzt mit weit aufgerissenen Augen auf dem Boden.
Kann es sein? Kann es wirklich sein? War das alles nur ein Traum?
Ein Geräusch lässt Matilda sich umsehen; die Wanduhr liegt auf den Trümmern: 9:07 Uhr!
(Restless Butterfly)
»Wieso führt er uns in den Tod?« Die Stimme des jungen Matrosen hallte verzweifelt durch den Sturm, als eine mächtige Welle über das Schiff schlug und ihn gegen die hölzerne Reling schleuderte. Warum nur hatte er sich von dem alten Mann anheuern lassen, der sich jetzt im Zucken gleißender Blitze herankämpfte, und ihm ein Tau um den Leib schlang?
»Das tut er nicht«, brüllte ihm der Maat entgegen, dem der tosende Wind die Worte entriss.
In Todesangst umklammerte der junge Mann das nasse Tau, das ihn am Hauptmast sicherte. Der Alte setzte sich neben ihn. »Ganz ruhig, keiner stirbt hier, wenn der Kapitän es nicht will.«
»Greiser Narr!«, mischte sich ein weiterer Seemann in das Gespräch. Selbst in der Finsternis des Sturms erkannte der Junge den Hünen aus der Hafenkneipe wieder, dem jeder zugetraut hätte, ein Fass mit bloßer Hand zu zertrümmern. Er hielt ein gewaltiges Entermesser in seiner Rechten. »Greiser Narr!«, schrie er erneut. »Du hast uns Schätze versprochen, nicht das Kommando eines Wahnsinnigen!«
»Pass auf, was du sagst. Das ist Meuterei!«
Der junge Matrose blickte unschlüssig zwischen beiden hin und her. Es war seine erste Fahrt auf hoher See. Was sollte er tun? Konnte er überhaupt etwas tun als sich am Mast festzuklammern und die Götter um Hilfe anzuflehen?
»Meuterei? Nein, ich rette unser aller Leben, wenn ich einem Kapitän den Wanst aufschlitze, der uns absichtlich mitten in ein Unwetter steuert.«
Ein Blitz ließ das Entermesser in seiner Hand erglänzen. Dann wandte er sich ab.
»Und jetzt schau genau zu, Kendrik!« Der Junge folgte dem Fingerzeig des betagten Maats. Unbeirrt hielt Kapitän Kogan das Steuer in Händen. In seinen Bart mischten sich die ersten weißen Strähnen, doch alles andere kündete von einem Mann in den besten Jahren. Langes, braunes Haar klebte durchnässt am Kopf und ließ ihn trotz seiner vielleicht vier Jahrzehnte wie einen abenteuerlustigen Burschen wirken.
Kendrik sah, wie der Hüne zum Schlag ausholte – und zuckte zusammen, als der Kapitän herumwirbelte und den Hieb mit einem Säbel parierte. Schwungvoll drehte sich das Steuerrad wie von selbst, als die Waffen aufeinanderprallten. Nichts war zu hören, da der Sturm jedes Geräusch mit wütendem Brüllen erstickte.
Wieder und wieder traf Klinge auf Klinge, doch dem jungen Matrosen schien, als ob Kogan über die Schläge seines Gegners nur lachte.
Mit einem Mal jedoch streckte er den Säbel zur Seite und breitete die Arme aus. Nun war Kendrik sicher, dass der Kapitän lachte.
