Nebelschwaden - Ellen Eckhardt - E-Book

Nebelschwaden E-Book

Ellen Eckhardt

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Beschreibung

Was geschieht am Ende aller Tage? Gibt es Menschen, die von Grund auf böse sind? Sind wir fähig, eine Gefahr zu erahnen? Haben Tiere Träume? Erscheinen Geister Verstorbener in verwunschenen Schlössern? Spuken sie an besonderen Tagen an verzauberten Seen? Können dadurch Ruinen in prachtvolle Gebäude verwandelt werden? Müssen Kinder an der Liebe verzweifeln? Enden Blind-Dates mit Internetbekanntschaften gelegentlich auf dem Polizeirevier? Dürfen sich Kollegen ineinander verlieben? Befinden sich an Halloween nur verkleidete Kinder auf den Straßen, oder stecken manchmal Kriminelle hinter den Masken? Sollten wir immer eindeutig entscheiden, ob wir wach sind oder träumen? Bleibt der Geist eines Bewohners im Haus, wenn er verstirbt? Hat Musik die Macht, Materie zu verändern? Was ist Kunst? Und was ist Wahrheit? Auf all diese Fragen geben die Geschichten in diesem Buch Antworten. Geheimnisse werden gelüftet, Verborgenes enthüllt. Aber vielleicht ist auch alles ganz anders.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Nebelschwaden

Herausgegeben von Marc Mandel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

© 2024 Coortext-Verlag Altheim

Das Copyright der einzelnen Texte liegt bei den

jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Titelfoto: Diana Tietze

Zeichnungen: Klaus Pfeifer, Rosa Pfeifer (S. 89)

Buchcover: Germancreative

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Vorwort des Herausgebers

Dr. Hermann Schefers ist ein Experte karolingischer Geschichte. Der Leiter des UNESCO-Weltkulturerbes Kloster Lorsch kennt sozusagen jeden Stein ‚seiner‘ Anlage beim Vornamen. Doch befragt nach dem Zweck des prächtigsten Gebäudes der Zeit Karls des Großen, der Torhalle, hält er sich zurück und verweist auf verschiedene Hypothesen. Offensichtlich gibt es auch für ihn keine eindeutige Erklärung.

Das ist erstaunlich. Erwarten doch die meisten von uns genaue Auskünfte der Wissenschaften, wenn der sogenannte gesunde Menschenverstand nicht weiterhilft.

Was geschieht am Ende aller Tage? Gibt es Menschen, die von Grund auf böse sind? Sind wir fähig, eine Gefahr zu erahnen? Haben Tiere Träume? Erscheinen Geister Verstorbener in verwunschenen Schlössern? Spuken sie an besonderen Tagen an verzauberten Seen? Können dadurch Ruinen in prachtvolle Gebäude verwandelt werden? Müssen Kinder an der Liebe verzweifeln? Enden Blind-Dates mit Internetbekanntschaften gelegentlich auf dem Polizeirevier? Dürfen sich Kollegen ineinander verlieben? Befinden sich an Halloween nur verkleidete Kinder auf den Straßen, oder stecken manchmal Kriminelle hinter den Masken? Sollten wir immer eindeutig entscheiden, ob wir wach sind oder träumen? Bleibt der Geist eines Bewohners im Haus, wenn er verstirbt? Hat Musik die Macht, Materie zu verändern? Was ist Kunst? Und was ist Wahrheit?

Auf all diese Fragen geben die Geschichten in diesem Buch Antworten. Geheimnisse werden gelüftet, Verborgenes enthüllt. Aber vielleicht ist auch alles ganz anders.

Diese Mystery-Storys entstanden durch Inspirationen beim Diskussions-Stammtisch des Griesheimer Literatur-Salons. Aber es handelt sich nicht um erfundene Geschichten – sie sind alle wahr.

Wozu allerdings die Königshalle in Lorsch gebaut wurde, das beantwortet auch dieses Buch nicht.

Griesheim, im Herbst 2023

Marc Mandel

Champollions Grab

Claudia Traser

Verwitterte Grabsteine, kahle Bäume, Trampelpfade im Mondlicht. Ich entdecke Malika am Eingang des Mausoleums. Ihr Blick huscht von meiner Designerjacke runter zu den neuen Sneakern.

Sie greift in den Ausschnitt ihres Hoodies. Zum Vorschein kommt ein Lederband mit einem Skarabäus. Zum Glück habe ich meinen Mistkäfer auch umgebunden.

»Du bist gekommen.«

Verwunderung klingt in ihrer Stimme. Sie dachte, ich kneife. Wie gut sie mich kennt.

In der Nacht vor Heiligabend hatten wir uns das letzte Mal getroffen. Hier, auf dem Friedhof, beim Obelisken.

Inzwischen ist es Frühling. Ungeachtet dessen schlafen die Toten unter einer leichten Decke Pulverschnee. Auf dem Cimetière du Père-Lachaise, mitten in Paris, liegen unzählige Promis zur letzten Ruhe gebettet. Malika aber interessiert sich nur für den einen. Jean-François Champollion, Entschlüssler der Hieroglyphen.

Gegenüber dem Mausoleum liegt sein Grab, gerahmt von einem kniehohen Zaun. Ein schmaler Obelisk sticht in den Nachthimmel, schmucklos bis auf eine kurze Zeile. Champollion le jeune. Auf der schwarzen Granitplatte eine weitere Gravur, Geburts- und Sterbedatum. Heute jährt sich sein Todestag.

Ich schlüpfe zu Malika in den Schatten. Unter ihrer Kapuze lugen blondierte Strähnen hervor. Dazu fahle Haut, Augenringe und rissige Lippen. Vor Weihnachten sah sie elend aus, jetzt wirkt sie regelrecht ausgezehrt. Erwähnte sie nicht eine Krankheit? Irgendetwas mit einem komplizierten Namen.

Ich habe ihn sofort vergessen.

Sie hebt ihr Kinn, die Lider geschlossen.

Mach‘ schon, ermahne ich mich. Ein flüchtiger Kuss, leicht und trocken. Trotzdem prickeln meine Lippen, etwas Bitteres beißt in meine Zungenspitze.

Schmeckt so ihr Medikament? Oder hat sie was eingeworfen?

Ich will nicht gleich Streit anfangen. Den gibt es später sowieso.

Sie öffnet die Augen, ihr Blick ist trüb. Ein Schauer läuft meinen Rücken hinunter.

Früher war sie nicht so unheimlich.

‚Ach was‘, denke ich mir. Das Mädchen ist einfach nur sonderbar.

Zum Beispiel glaubt sie, dass wir zusammen sind.

Dabei haben wir uns in den vergangenen drei Monaten kein einziges Mal gesehen. Obwohl sie in der Nähe wohnt. Eine Stunde braucht die Métro von Saint-Denis zum Friedhof.

Angefangen hat alles an diesem Abend im Herbst. Sie hatte ihrer Mutter die Erlaubnis abgerungen, mit mir eine Party zu besuchen.

Koks, Amphetamine und Pep. Voll Laser, wie das abging.

An den Rest der Nacht kann ich mich nicht erinnern.

Schade, denn offenbar haben wir es miteinander getrieben.

»Wir sind jetzt ein Paar«, erzählte sie am Morgen danach.

Ich war zu bequem, dagegen zu opponieren. Zumal ich sonst nix laufen hatte.

Tags darauf schnitzte sie die beiden Mistkäfer. Aus Speckstein glaube ich. Die Rückseiten verzierte sie mit Hieroglyphen. »Statt Verlobungsringen«, hauchte sie, als sie mir einen Skarabäus um den Hals hängte.

Meine kleine Orientalin. Seit der Oberstufe ging sie in meine Klasse. War mit der Mutter von Kairo in eine Trabantenstadt vor Paris gezogen. Zierlich, glutäugig, bisschen unbeholfen. Kann nicht mal ihre Wasserflasche zudrehen.

Ich mag Frauen, die kein Problem damit haben, Männern unterlegen zu sein.

Und davon gibt es jede Menge.

Von einer will ich Malika heute erzählen. Bei unserem letzten Treffen hat es sich irgendwie nicht ergeben. Heute will ich reinen Tisch machen.

Wie wird sie es aufnehmen? Sicher macht sie eine Szene.

Sie war schon immer schräg drauf. Ägypterin hin oder her; welches normale Chick kennt tausend Götter und ist mit jedem Dämon auf du und du? Sie brachte sich bei, Hieroglyphen zu lesen. Macht Sinn. Ihr Lebensziel ist ja, Ägyptologie zu studieren. Fragt sich nur, womit sie es finanzieren will.

Ihr Geld reicht gerade mal für eine Jahreskarte des Louvre.

Sie schlingt ihren Arm um meine Hüfte.

Ich hätte sie nicht küssen dürfen.

Wir stehen, im Rücken das Mausoleum, den Blick auf Champollions Grab gerichtet. Hinter uns rascheln Mäuse.

Im letzten Schuljahr war ich kurz davor, Schluss zu machen. Zum Glück habe ich gezögert. Denn es zeigte sich, wie nützlich meine kleine Ägypterin ist.

Die Prüfung für das baccalauréat stand an. Mathematik. Ich wusste, dass es gegen ihre Prinzipien verstieß, den Zettel mit der Lösung ins Pissoir zu schmuggeln. Dabei war die Herrentoilette nicht das Problem. Betrug hingegen schon. Dennoch half sie mir aus der Patsche.

»Für dich würde ich alles tun«, gestand sie mir später.

Das bac hatte ich also in der Tasche. Während Malika auf die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis wartete, bewarb ich mich an der Kunsthochschule.

Ich weiß, dass mir jegliche Begabung fehlt. Doch ich brauchte einen Studienabschluss. Mein Alter verlangte einen akademischen Titel.

»Junge, merk dir eins. Wenn ich mal nicht mehr bin: Mahagonisarg und ein Grab auf dem Père-Lachaise. Und du studierst. Sonst erbst du nichts.«

Kunst also. Mit der Anmeldung war eine Arbeitsprobe einzureichen. Bei großformatigen Werken genügen Fotos, heißt es auf der Homepage.

Zum Glück hatte ich Malika. Wenn sie nicht in ihre Hieroglyphen vertieft war, stand sie im Keller ihres Hochhauses. In einem Verschlag hatte sie sich ein Atelier eingerichtet. Die Beschwerden der Nachbarn über den Gestank von Lack und Kleber beschwichtigte sie, indem sie Koshari verteilte, ein billiges Linsengericht.

Als ich das erste Mal in den Keller kam, verdeckten Bettlaken den Blick in die Werkstatt. »Sonst fürchten sich die Kinder«, erklärte Malika.

Ich quetschte mich hinter ihr ins Kabuff. Inmitten von Plastikbeuteln, Styroporblöcken und Spraydosen bastelte sie an einer lebensgroßen Göttin. Für die Flügel war sie durch die Parks gekrabbelt und hatte Taubenfedern aufgelesen. Voll peinlich.

Das Gesicht der Unsterblichen war grauenhaft und schön zugleich. Sie hatte die Arme um die Hüften gelegt, nur so passte sie in die Rumpelkammer. Die ganze Figur war mit Goldlack überzogen. Außer einer Straußenfeder, die aus ihrer Krone ragte. Der Kopfputz bog sich an der niedrigen Kellerdecke.

»Wer ist das?«

»Die Göttin Ma’at. Sie verkörpert Wahrheit und Gerechtigkeit.«

Malika schob einen Sack mit Federn in eine Ecke. »Ich habe zwar noch Material übrig, doch ich baue keine Götter mehr. Denn es gibt nur eine Wahrheit«, betonte Malika. Dabei sah sie mir direkt in die Augen. Ob sie etwas ahnte?

Sie hielt die Lampe, ich fotografierte. Im Hintergrund stapelten sich Blumensträuße, die sie der Göttin geopfert hatte.

Ich glaube, sie betet heimlich zu ihr. Zu einer Figur aus Styropor!

Die Entscheider der Akademie waren nicht dumm. Foto hin oder her; als sie meine Adresse sahen, kündigten sie ihren Besuch an. Sie wollten die Arbeitsprobe vor Ort in Augenschein nehmen.

Wir trafen uns in Malikas Keller. Den Blick gesenkt bestätigte sie den Herren, mir den Raum vermietet zu haben. Sie habe nicht mitgearbeitet, die Figur sei allein von mir gefertigt. Dabei verbarg sie ihre Hände in der Bauchtasche ihres Kapuzenshirts. Sie trugen noch goldene Lackspuren.

Tränen glänzten in ihren Augen, als die Männer ihre Göttin wegschleppten.

Diese Nacht ist ungewöhnlich kalt. Unser Atem weht weiße Wölkchen in die Luft. Auf der Spitze des Obelisken hat sich eine Schneehaube gebildet.

Der Eingang des Mausoleums bietet wenig Schutz. Ich trete von einem Bein aufs andere und schlinge die Arme um mich.

»Wann gehen wir endlich?«

»Zuerst müssen wir dem Toten die Ehre erweisen.«

Ich lecke mir über die Lippen. Meine Zungenspitze ist taub. Die Droge?

»Sag mal, Malika«, fange ich an.

»Heri ta en henut ef«, unterbricht sie mich. Jetzt fängt sie auch noch an zu beten. Vermutlich eine Beschwörung aus dem Totenbuch. Sie hat mir oft davon erzählt. Auf der Reise zu den Gefilden der Seligen nutzen die Verstorbenen eine Papyrusrolle mit Infos, die im Jenseits nützlich sind. Eine Landkarte der Unterwelt, Bannsprüche gegen Dämonen, Gebete an die Ma’at.

Malikas Singsang ermüdet, ich schließe die Lider.

Selbstverständlich wurde ich zum Kunststudium zugelassen. Ganz ohne Gebete. Und obendrein lernte ich Juliette kennen.

Sie ist so, wie Malika nicht ist. Lebhaft, sexy, willig. Seit unserem ersten Date schlafen wir täglich miteinander.

Heute will ich Malika von ihr erzählen.

»Nebet Ma’at,« deklamiert sie. Herrin der Wahrheit.

Meine Freundin hebt die Hände, als wolle sie etwas abwehren. Eine bizarre Gebetshaltung ist das. Ihre Geste zielt auf Champollions Grab.

Während sie weiter Beschwörungen leiert, muss ich an Vater denken. Er hat keine eigene Ruhestätte. Mit anderen Ungenannten teilt er sich ein Sammelgrab am Rand der Stadt. Er starb an Weihnachten, endlich. Ich erbte seine Häuser, auch ohne abgeschlossenes Studium. Denn entgegen seiner Drohung hat mein Alter kein Testament gemacht.

Er wurde eingeäschert, obwohl ich ihm am Sterbebett den Sarg versprochen habe.

Kam mich wesentlich günstiger.

Malika erzählte mal, wie wichtig den alten Ägyptern der Erhalt des Leichnams war. Deshalb die Mumifizierung. Ohne Körper kein ewiges Leben.

Was kümmern mich die Wünsche der Toten.

Während Vater beigesetzt wurde, leerte ich sein Konto und legte Julie flach.

Läuft alles mega. Nur Malika muss ich noch loswerden.

Plötzlich durchzuckt mich ein Geistesblitz. Warum Schluss machen? Meine beiden Frauen wissen nichts voneinander. Wenn ich will, kann ich sie mir eine Ewigkeit lang warmhalten.

Und steht nicht Schreibkram wegen des Erbes an? Malika wird das für mich erledigen.

»Unheilbar«, flüstert sie.

Ich sehe zu ihr hinunter. Sie hat wohl schon länger mit mir geredet.

Ein Knacken erspart mir eine Erwiderung. Das Geräusch kommt von Champollions Grab.

Obelisk, Zaun, Grabplatte, alles wie gehabt. Außer des Schabens. Stein schleift über Stein. Täusche ich mich oder hebt sich die Platte? Tatsächlich, da klafft ein handbreiter Spalt. Das Grab ist geöffnet. Lichtstrahlen kriechen aus der Tiefe.

Sollte ich mal zum Augenarzt? Oder wirkt so die Droge?

Inzwischen bin ich mir sicher. Malika hat was eingeworfen und ich habe es von ihren Lippen geküsst. Noch nie hat sie mich auf einen Trip mitgenommen, das ist völlig untypisch für sie. Aber ich will mich nicht anstellen. Solange sie cool bleibt, ziehe ich mit.

Plötzlich wird mir heiß, ich zerre den Reißverschluss meiner Jacke herunter. Malika schiebt ihre Kapuze in den Nacken. Mit der Wärme kehren die Gerüche wieder. Mein herbes Aftershave, ihr zitroniges Duschgel, verrottende Blumengestecke.

Malika steht vor mir und atmet gleichmäßig. Sieht sie das Gleiche? Ich will gerade fragen, da blendet mich ein Lichtstrahl.

Champollions Grab strahlt grell und greller. Ich blinzle hektisch und sehe – nichts.

Als ich mich an die Helligkeit gewöhnt habe, erkenne ich meine Freundin. Die Schatten um ihre Augen sind verschwunden, ihre hageren Züge aufgefüllt, die Lippen prall. Ihr Blick wandert den Obelisken hoch.

Auf der Spitze des Pfeilers schmilzt das Eis. Wasser fließt den Stein hinab, mehr, als das bisschen Schnee ergeben konnte.

Auf dem Gehweg schwindet der Schnee, schon bedeckt eine matschige Schicht den Boden.

Wo Schmelzwasser den Granit benetzt, erscheinen Hieroglyphen. Malika schnauft. Ihre Atemwolke passt nicht zur Hitze der Luft. Sie gibt einen erstaunten Laut von sich.

Zum Glück. Endlich reagiert sie angemessen.

Abrupt wendet sie sich ab, zum Hügel hin. Zehn Stufen führen hinauf zu einem Plateau.

Dort oben ist es düster. Die Schwärze wird tiefer, je heller das Grab strahlt.

Von rechts nähern sich Schritte. Harte Tritte auf der aufgeweichten Erde? Das Geräusch kommt auf uns zu.

Wie viele Leute mögen das sein? Sicherheitshalber drücke ich mich tiefer in den Schatten.

Malika dagegen tritt einen Meter vor. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Obelisken.

Über dem Pfeiler flimmert der Sternenhimmel. Aus dem Nichts materialisiert sich eine hölzerne Stange. Wie von einer Wasserwaage ausgerichtet senkt sie sich, bis sie mittig auf der Spitze des Obelisken landet. Von den Enden des Balkens baumeln Seile, daran hängt je eine Schale.

Die Stricke schwingen in der Brise, die Gefäße steigen auf und ab. Wie hypnotisiert verfolge ich ihren Flug.

Malika murmelt. »Psychostasie.«

Ihr Medikament? Die Droge?

Auf dem Pfad tut sich was. Eine Gestalt schwimmt in der Schwärze, die den Friedhof auf dieser Seite verhüllt.

Es ist ein Mann. An seiner Uniform erkenne ich den Friedhofswächter. Der Kerl hat sich neulich mit mir angelegt. Herumlungern, Kiffen und so.

Ich atme erleichtert auf. Hätte mir nie träumen lassen, mich über sein Erscheinen zu freuen.

Malika fällt auf die Knie, den Kopf gesenkt. Sie zischt »Nicht in die Augen sehen.«

»Ja gehts noch«, fauche ich.

Als der Besucher näherkommt, erkenne ich meinen Irrtum. Ich keuche, Atemwölkchen vernebeln mir die Sicht.

Ein Ungeheuer mit dem Kopf eines Schakals hat die Uniform des Aufsehers geklaut. Oder ist es der Wärter mit Tiermaske, der sich einen miesen Scherz erlaubt?

Da fällt die Montur von ihm ab. Zum Vorschein kommt ein muskulöser Männerkörper. Sonnengebräunte Haut, Lendenschurz, goldene Sandalen. Das Wesen wendet die Schnauze in unsere Richtung. Seine Nasenflügel beben.

Mir wird flau im Magen.

Malika wispert. »Anubis. Der Wächter der Toten.«

Im Zeitlupentempo sinke ich in die Hocke. »Was wird das hier?«

»Pscht.«

»Wie redest du eigentlich ...«, lege ich los, da unterbricht mich blechernes Scheppern. Metall klimpert, wie Schrauben in einem Werkzeugkasten. Aus dem Weg wabert Nebel, es duftet nach Weihrauch. Eine Brise verweht den Dunst, zwei junge Frauen tauchen auf. Die Schönen sind in durchsichtiges Leinen gewandet.

Wow. Ich recke den Hals, einen Blick auf ihre Brüste zu werfen.

Keine Chance. Ihre Arme verdecken die Sicht.

Eine schwingt den Weihrauchkessel, die andere schüttelt eine Bronzerassel. Mit wiegenden Hüften tänzeln sie heran.

Nice, really nice. Vielleicht ergibt sich später eine Gelegenheit, die Ladys anzusprechen. Malika lässt sich leicht ablenken, die ist in ihrem Element.

Den Damen bleiben am Grab stehen. Ihnen folgt ein hochgewachsener Jüngling. Auf seinem Hals sitzt ein Vogelkopf. Der lange Schnabel eines Ibisses ragt aus dem gefiederten Gesicht. Er stellt sich links neben den Obelisken.

Der Schakal hat an der rechten Waagschale Stellung bezogen.

Was kommt jetzt? Mehr Weiber? Auf jeden Fall ist es aufregend. Nachher muss ich Malika fragen, was sie eingeworfen hat.

Malika wispert. »Kopf runter«.

Selbst wenn sie high ist; so darf sie nicht mit mir reden. Ich werde auf dem Heimweg darauf zurückkommen. Vorerst aber genieße ich das Spektakel.

Wieder Malikas Stimme. »Thot und die Fresserin«.

What?

Etwas trampelt. Auf allen vieren galoppiert ein Monster auf uns zu. Groß wie ein Nashorn, gezackter Rücken, lange Schnauze, spitze Zähne, wie beim Krokodil. Vorderbeine vom Nilpferd, hinten Löwenpranken. Mir graut vor dem Vieh, doch Malika kniet unbewegt, also bleibe auch ich hocken. Will mich ja schließlich nicht blamieren.

An Malikas Atemwolke erkenne ich, dass sie aufgeregt ist. Jetzt bekommt sie doch Schiss. Mir geht es ähnlich.

‚Ach was Mann, alles cool‘, sage ich mir. ‚Ist doch sowieso nicht real. Das Vieh schaut eh nicht in meine Richtung. Es kann mich weder sehen noch wittern.‘

Das Scheusal schießt unter den Waagschalen hindurch, dass die Seile wackeln. Neben Anubis Sandale macht es eine Vollbremsung und plumpst auf sein Hinterteil.

Aufmerksam beobachtet es die Waage. Endlich stehen die Schalen im Gleichgewicht.

Ich blase die Luft seitlich aus. Keine Atemwolke soll meine Sicht vernebeln, ich will nicht eine Sekunde dieses Theaters verpassen.

In der Dunkelheit über dem Hügel blitzt es, wie von einer Discokugel. Auf dem Plateau steht ein Pavillon aus weißer Seide, darin ein Thron. Wo kommt der auf einmal her? Der Baldachin wird getragen von vier riesigen aufgerichteten Kobras. Lebenden Kobras.

Ihre Äuglein blitzen, ihr Schuppenkleid glänzt. Ich hasse Schlangen.

Malika streckt einen Arm nach hinten aus, ihre Hand berührt meine Jacke. »Chepre.«

Was? »Dein Kommandoton geht mir langsam auf die Nerven.«

»Skarabäus.«

Sie will den Mistkäfer. Kann sie das nicht freundlich sagen?

»Wir reden später«, knurre ich, löse das Lederband von meiner Kehle und drücke es ihr in die Hand.

Sie hebt das Teil vor die Augen. An ihrem Stöhnen erkenne ich, dass sie es entdeckt hat. Ein Stück der Rückseite ist abgebrochen.

Na und. Nachher werde ich das olle Ding ohnehin in die Tonne werfen.

Malika fingert ihren eigenen Skarabäus aus dem Ausschnitt. Ich richte meine Aufmerksamkeit zurück auf den Pavillon.

Es rauscht, wie von großen Flügeln. Im Dunkel schimmert Gold.

Die Tänzerinnen beugen die Knie. Ibis, Schakal und Fresserin neigen die Häupter.

Eine junge Frau, in Federn gehüllt, erscheint unter dem Baldachin. Aus ihrem Scheitel wächst eine Straußenfeder.

Ma’at, Herrin der Gerechtigkeit, starrt mir direkt ins Gesicht.

Ihr Blick bohrt sich in meinen wie ein Schwert. Mein Magen ballt sich zusammen, meine Zähne schlagen aufeinander. Mein Herz springt gegen meine Rippen wie ein Rabe in einer Voliere.

Der Blick dieser Göttin ängstigt mich bis zum Grund meiner Seele. Nichts wie weg von hier.

Doch die Macht der Unsterblichen bezwingt mich. Wider meinen Willen erhebe ich mich, um zu ihr zu gehen. Dabei stoße ich an Malikas Schulter. Sie packt mein Handgelenk, ruckartig bleibe ich stehen.

Meine Freundin drückt mir etwas zwischen die Finger.

Ich sehe zu ihr hinunter. Kein Atemzug bewegt ihre Brust. Ihre Haut ist fahl, tiefe Furchen graben sich durch Stirn und Wangen. Mit toten Augen stiert sie mich an. Es ist die Fratze einer Greisin.

Ich kreische, will wegrennen. Meine Knie sind steif, ich komme nicht von der Stelle.

Ma’at wendet sich ab. Ich hechle, bis mein Puls sich beruhigt hat. Niemand nimmt Notiz von mir.

Außer Malika. Sie grinst. Die Lippen grau, der Schlund schwarz, ihr fehlen die Zähne.

Ich schnappe nach Luft. ‚Ruhig‘, sage ich mir. Das ist nicht real. Malika sieht schrecklich aus. Doch nicht so furchterregend wie die Göttin im Pavillon.

Die sehe ich einfach nicht mehr an.

Prompt spähe ich hinüber zu den Kobras.

Unter Schlangenschuppen pulsieren Muskeln, lidlose Augen glitzern.

Ihr seht mich nicht. Die Göttin sieht mich nicht. Niemand sieht mich, weil niemand hier ist. Außer Malika.

Die Ma’at faltet ihre Flügel zusammen und nimmt auf dem Thron Platz. Ein Wink ihrer goldenen Hand, schon steht Thot vor ihr. Die Göttin pflückt die Feder von ihrem Haupt und reicht sie dem Ibis.

Sie dreht den Kopf in meine Richtung. »Du zuerst.«

Jesus, steh mir bei. Jetzt hat sie mich gerufen!

Ich drehe mich nach hinten um, doch meine Sneaker sind wie festgeschraubt.

Vor mir erhebt sich Malika und verneigt sich. Den Skarabäus in der Faust strebt sie der Göttin entgegen. Hoodie, Jeans und Stiefel sind verschwunden. Sie geht nackt; ihre Haut ist durchscheinend, ihr Körper eine Skulptur aus Rauchglas, mit nichts darin als ihrem Herzen. Es pulsiert in ihrer Brust und glüht wie Lohe.

Das reicht. Ich muss raus aus diesem elenden Trip. Doch es gelingt mir nicht, den Blick abzuwenden.