Und unter dem Himmel die Sterne - Ellen Eckhardt - E-Book

Und unter dem Himmel die Sterne E-Book

Ellen Eckhardt

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Beschreibung

Als David Ariuna kennenlernt ahnt er nichts von den Geschichten, die sie sich erzählen werden. Von den Kulturen im fernen Asien und im Herzen Europas, von den Vorfahren, die mit den Ereignissen eines ganzen Jahrhunderts verwoben scheinen, von den Märchen, Mythen und Legenden. Vor allem können sie sich nicht vorstellen, dass schon wenige Jahre später ihre gemeinsame Tochter Helena, all diese Ereignisse erfahren möchte.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Und unter dem Himmel die Sterne

Ein autobiographischer Roman

Ellen Eckhardt

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar.

Zu diesem Roman:

So oder anders hätte alles gewesen sein können. Doch alle Figuren sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt, aber unvermeidlich.

Энэ романд:

Ингэж эсвэл өөрөөр бүх зүйл байж болох байсан. Гэхдээ бүх бие махбодууд бол бүхэлдээ төсөөллийнх. Амьд болон үхсэн хүмүүсийн хоорондох байж болох адил төстэй зүйлс нь урьдаас төлөвлөгдсөн бус, мөн бултах боломжгүй юм.

© 2022 Coortext -Verlag, Altheim

Buchcover: Germencreative

Lektor: Marc Mandel

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin  

Für Helena

In diesem Buch findest du deine Eltern, die Eltern deiner Eltern und so immer

weiter zurück. Sie sind ein Teil von dir.

»Du hast Glück,

dass du noch zu uns gefunden hast!«

Eine mongolische Begrüßung

Prolog

Deutschland 2014

Helenas Eltern Ariuna und David

War das ein Traum? David vergaß weiterzugehen. Da saß eine asiatische Fee. Bezaubernd.

Vierzehn Tage war es her. Zwei Mandelaugen strahlten auf Davids Bildschirm. Ariunbileg war ihr Name. Sechsundzwanzig Jahre alt. Sie wollte ihn kennenlernen. Ariunbileg arbeitete in Wiesbaden als Au-pair-Mädchen. Aber geboren war sie in der Mongolei.

David trieb seit sieben Jahren asiatischen Kampfsport. Letztes Jahr, zu seinem Fünfundzwanzigsten, gönnte er sich einen Urlaub im Land der aufgehenden Sonne. Seither fand er Manga-Mädchen faszinierend.

***

Letzte Nacht, im Traum, schwang David sich an Lianen durch den Urwald und rettete die blumengeschmückte Schönheit aus den Fängen eines mongolischen Tigers.

Heute trafen sie sich in Wiesbaden.

Wie in einem Maizauber verteilten sich die Blütenblätter auf den Tischen des asiatischen Restaurants. David hielt den Atem an. Gleich am ersten Tisch saß sie, Ariunbileg Byambaragchaa. Die Ärmel ihres Kleides wehten sanft im Wind.

Ob ihr die rosa Rosen gefielen? Was machte man mit der anderen Hand? Sich durchs Haar fahren? Saß die Frisur? Müsste eigentlich; so frisch vom Friseur: den Nacken kurz, das Deckhaar etwas länger.

Er gab sich einen Ruck. „Hallo. David Eckhardt. Du bist Ariunbileg?“

Mit einem betörenden Lächeln nahm sie den Strauß entgegen. David fühlte, wie er dahin schmolz.

„Ich heiße Ariuna!“

„Ariuna? Ich dachte Ariunbileg. Außergewöhnlich sind beide. Was bedeutet denn dein Name?“

„Ariuna bedeutet ‚die Heilige‘.“

„Da haben deine Eltern dir einen schönen Namen gegeben. Aber erstaunlich, wie gut du schon deutsch sprichst.“

„Ich habe schon in Ulaanbaatar Deutsch gelernt. Hier übe ich jeden Tag zu Hause und im Kurs.“

Ganz schön fleißig, das Mädchen.

„Wie lange würde ich wohl brauchen, um so gut mongolisch zu sprechen?“

„Ich könnte dir helfen, David.“

„Okay, ab morgen. Wollen wir am See spazieren gehen?“

***

Ihre roten Pumps klackerten leise auf den Pflastersteinen. Ein warmer Wind wehte Blütenduft von den Bäumen.

„Darf ich dich zu einer Kahnfahrt einladen?“ David deutete auf die Boote, die am Steg schaukelten.

„Gern.“

Die Seerosen im Kurparkweiher leuchteten in der Sonne. David ruderte vorsichtig hindurch.

Ariuna saß am Bug und sah David an. „Das ist meine erste Bootsfahrt.“ Ihre Linke glitt durchs Wasser. Ihre rechte Hand umklammerte die Sitzbank. David sah die weißen Knöchel.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Gibt es in Ulaanbaatar auch Wasser?“

„Es gibt einen breiten Fluss. Doch meine Familie fuhr selten zum Tuul Gol.“

Wie schön sie war. Er sollte sie nicht ständig anstarren. Die kleinen Wasserpfützen im Boot bewegten sich im Rhythmus der Ruderschläge. Sie schwappten beim Einsteigen über die Bordwand.

Ariuna spähte ins Wasser. Fische umrundeten den Kahn.

Was machten denn die vier Jungen da vorne? Sie schubsten sich gegenseitig, brachten ihr Boot zum Schwanken. Die Jungen schienen Davids Kahn gar nicht zu bemerken.

„Steuern die auf uns zu?“ David versuchte auszuweichen.

Zu spät.

Ein dumpfer Schlag – Holz gegen Holz.

Platsch – Ariuna landete mit dem Kopf voraus im Wasser. Sie schlug wild um sich. Konnte sie nicht schwimmen? Wahrscheinlich nicht. Schnell hinterher.

Überall Seerosen. Ein Gewirr von Wasserwurzeln und einer um sich schlagenden Ariuna. Er fasste nach ihr, zog sie hoch, nahm sie in den Arm.

„Keine Angst. Ich halte dich fest.“ Wie eine Nixe durch einen Vorhang von langen nassen Haaren schaute sie ihn erstaunt an. David lachte.

„Hier kann ich ja stehen.“ Ariuna lachte nun ebenfalls.

„Ja, der See ist nicht tief. Komm, ich trage dich zum Ufer.“

Das Boot mit den Jungen schwamm an ihnen vorüber. „Hallo ihr, wenn ihr schon nicht rudern könnt, dann entschuldigt euch wenigstens.“ Er hätte am liebsten alle vier ins Wasser gezogen. Aber mit einem Mädchen im Arm musste man sich zurückhalten. David schluckte den Ärger hinunter.

Ein Glück, dass der freundliche Kellner des Kur-Cafés ihnen so unkonventionell half. Zehn Minuten später wärmten sich David und Ariuna auf der Sonnenterrasse, in Decken gehüllt. So ließ es sich aushalten. Ariunas Blumenkleid, sein Hemd und seine Hose, baumelten am Geländer. Ihr Kleid würde bald trocken sein. Seine Hose nicht. „Möchtest du noch etwas trinken?“ wandte sich David an Ariuna.

„Bis meine Haare trocken sind, kann ich sicher eine weitere Schokolade vertragen.“ Ariuna zog ihre Decke enger. „Erzählst du mir von deiner Familie? Hast du Geschwister?“

„Ich habe einen älteren Bruder und eine kleine Schwester“, begann David. „Beide sind verheiratet. Meine Eltern sind geschieden. Mutter wohnt in der Nähe, mein Vater in einem Dorf im Schwabenland. Ich arbeite als Elektriker und wohne in einer WG in Darmstadt.“

Wie lebte man wohl in der Mongolei? Außer von Dschingis Khan und seinem Heer, wusste David nichts über das Land.

„Ich habe vier Schwestern. Meine Eltern wohnen in Ulaanbaatar“, erzählte Ariuna, „Meine älteren Schwestern sind verheiratet. Sie haben ihre eigene Jurte. Aber im Winter, wenn es draußen zu kalt ist, wohnen sie mit ihren Kindern bei meinen Eltern. Deshalb sind wir selten allein.“

„Jetzt bist du allein in Deutschland. Das finde ich mutig.“

„Deutschland ist für mich eine Chance für mehr Bildung. Die Mongolei ist im Umbruch vom Hirten- ins Technikzeitalter. Das Land wird viele Jahre dazu benötigen. Ob ich so viel Zeit habe, weiß ich nicht.“

„Du bist doch noch so jung. Aber ist das Leben in der Mongolei so schlecht?“

„Meiner Familie geht es gut. Meine Eltern hatten immer Arbeit. Aber es gibt viele Arme, vor allem in den Städten. Fremde Firmen holen unsere Bodenschätze. Sie haben das Wissen und die Technik. Wir Mongolen müssen noch viel lernen, wenn wir mehr Wohlstand wollen. Die Städte ersticken im Smog. Doch auf dem Land ist die Uhr stehen geblieben.“

„Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Wie lebten denn deine Vorfahren in der Mongolei? Waren sie Hirten? Die Mongolei ist für mich eine fremde Welt.“ David rückte seinen Stuhl näher an Ariunas. Er wollte alles erfahren.

Sie strahlte ihn an. „Und du erzählst mir von deiner Welt. Dann kann ich das Leben hier besser verstehen. Vieles ist für mich fremd. Die Menschen scheinen keine Achtung vor den Geistern zu haben. Habt ihr die alten Lehren vergessen? “

„Im Christentum wurden die Geister in die Märchen verbannt. Dafür schenkte uns die Kirche einen gütigen, manchmal auch strafenden Gott. Die modernen Christen glauben jedoch mehr an die Macht der Wirtschaft, die uns vorwärtsbringt. Im 18. Jahrhundert plädierte der Philosoph Immanuel Kant, dass der aufgeklärte und mündige Mensch den Mut haben soll, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Das ist sicher der richtige Weg, aber sehr mühsam. Dafür braucht es viel Wissen. Du siehst, auch wir in der westlichen Welt müssen lernen, um uns weiterzuentwickeln.

Aber willst du mir nicht vom Leben in der

Mongolei erzählen?“

„Sehr gerne. Ich beginne mit meiner Ur-Großmutter Zorigtoi im Westen der Mongolei.“

Vor über hundert Jahren

Mongolei 1887

Helenas Ur-Ur-Großmutter Zorigtoi

Warum Haareschneiden für Zorigtoi im Zavkhan Aimag so wichtig war

Zorigtoi, die Mutige. So nannten sie ihre Eltern. Viermal wurde das Gras grün. So alt war sie. Höchste Zeit zum Haareschneiden. Die Geister sollten nicht erkennen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen war.

Seit ihrer Geburt beschützte sie ihre Mutter Narantuyaa, denn Mutters Name bedeutete Sonnenstrahl. Sie wickelte Zorigtoi in Tücher und legte sie in das Bettchen. Es schaukelte sanft vom Jurtengeflecht an der Decke.

Mit einem Jahr stapfte Zorigtoi um die Jurte. Weil Mongolenkinder schon reiten, bevor sie richtig laufen können, setzte die Mutter Zorigtoi gleich aufs Pferd.

Im zweiten Jahr kletterte Zorigtoi schon allein auf den Zaun. „Komm‘ her, mein Pferdchen“, rief sie. Mit einem Schwung saß sie auf seinem Rücken und krallte sich mit beiden Händen in die Mähne ihres Pferdes. Gutes Pferdchen.

Zum Fest des Haareschneidens (Үс засах баяр) kamen alle Verwandten und Freunde zu Besuch.

„Haare bringen Glück“, sagte Mutter Narantuyaa.

Vorsichtig näherte sich Zorigtoi dem Ältesten der Gäste. Ihre Händchen umklammerten einen Beutel. Sie sah dem alten Mann in die Augen. „Das tut nicht weh“, beruhigte er sie, schnitt mit der Schere die erste Locke ab und steckte sie in ihr Säckchen. Er legte eine Münze dazu. Wie in einem Spiel ging Zorigtoi von einem Gast zum anderen. Jeder legte eine Locke mit einem Geschenk in den Beutel. Zum Schluss schnitt ihr der Vater die letzte Strähne ab. Zorigtoi sah, wie eine Adlerfeder auf ihre Schätze schwebte.

„Zorigtoi, die Mutige“, raunte der Vater ihr ins linke Ohr. Ihr Glücksohr.

„Bald wirst du ein eigenes Adlerküken holen. Dein Vogel wird lernen, wie man Hasen und Murmeltiere fängt. Wenn er groß ist, wird er sich auf Leoparden und Wölfe stürzen.“

„Werde ich dann beim großen Adlerfest in Ulgii dabei sein?“

Zorigtoi sah den Vater im letzten Winter mit der Jacke des Jägers. Die Jacke mit den vielen aufgenähten Fellen. Sie möchte auch so eine Jacke und auf dem Kopf einen wild verzierten Hut tragen.

„Wenn dein Adler viel gelernt hat, nehme ich dich mit“, versprach Vater Möngke.

Möngke heißt Ewigkeit, sagte er einmal. Ewig wie der blaue Himmel.

Zorigtoi fuhr mit den Fingerspitzen leicht über die Feder. Ein sanftes Braun mit weißem Flaum am Ansatz. So ein schönes Geschenk. Bald würde ihr Adler fliegen.

Warme Luft strich über Zorigtois Kopf ohne Haare. Nun war sie groß und konnte viel lernen.

Sie sah die Gäste nacheinander ins Freie wanken. Der Airag hatte wohl ihre Köpfe vernebelt. Sie suchten sicher ihre Pferde.

Müde sank Zorigtoi in Narantuyaas Arme. Gerade noch sah sie, wie Möngke einen buntbestickten Sattel vor sie hinlegte, da versank sie schon in einen wohligen Schlaf. 

Deutschland 1905

Helenas Ur-Ur-Großvater Jakob

Wie Jakob in Altheim in der Schmiedgasse zuerst Gaisburger Marsch und danach seinen ersten Sohn bekam

Die Haustür knarrte. Die Türangeln riefen nach Fett, dachte Jakob. Doch ihm knurrte der Magen. Er hielt den Kopf unter den Wasserhahn am Waschbecken in der Küche. Jakob konnte noch so vorsichtig sein, es spritzte immer Wasser auf den Boden.

Anna Maria störte das anscheinend nicht. „Feldarbeit macht schmutzig.“ Mit dem Fuß schob sie den Bodenlappen über die Wassertropfen. „Doch ich wollte Holz aus dem Schober holen und das fällt mir heute so schwer.“

Jakob staunte. Ob sie krank wurde? Anna Maria arbeitete sonst mit Freude im Haus oder im Garten. Er schüttelte den Kopf. Mit neunundzwanzig Jahren sollte er die Frauen langsam begreifen.

Seit ihrer Hochzeit vor einem Jahr wohnte das Paar in einer Kammer im Haus seiner Eltern. Er würde seine Anna Maria noch verstehen lernen.

Jakobs Blick fiel auf die Wiege in der Ecke.

„Vöglein auf der Wiege, singst so klare Züge.“

„Du weißt zu allem etwas Poetisches.“ Anna Maria sah ihn strahlend an.

Die Wiege stand in der warmen Küche bereit. Bald würde ihr Kind darin liegen. Die ersten Wochen schlief das Kleine in der Nacht mit ihnen im großen Bett, denn es war kalt in ihrer Kammer. Unter dem weichen Federbett konnten sie das Kind viel besser wärmen.

Mal sehen, was es zum Mittagessen gab. Mit dem Handtuch über der Schulter ging Jakob zum Herd. Er hob den Topfdeckel. „Mmmh, Gaisburger Marsch. Ist der fertig?“

Patsch - Anna Maria gab ihm einen Klaps auf den Po. Im gleichen Moment sah Jakob, wie es feucht unter Anna Marias Füßen wurde. Sie schaute an sich hinunter.

Seine Mutter stand am Herd und warf einen Blick auf Anna Marias Bauch. Sie entschied: „Jakob, du holst besser vor dem Essen die Hebamme.“

***

Jakob kam mit der Hebamme zurück. Er hörte Anna Maria schon von draußen schreien. Die Mutter stellte gerade den Wasserkessel auf den Herd.

Sollte er zu seiner Frau gehen? Die Hebamme schickte ihn wieder in die Küche. Hoffentlich ging alles gut. Jakob setzte sich an den Tisch, stützte seinen Kopf auf die Fäuste. Seine Gedanken kreisten, fanden keinen Halt.

Sein Vater kam aus dem Stall und setzte sich zu Jakob. Gemeinsam aßen sie den Eintopf.

„Geht das schon lange?“

„Erst seit dem Mittag.“

„Sie ist dreiundzwanzig und kräftig. Das ist ihr erstes Kind. Da kann es länger dauern.“

Der Vater wusste Bescheid. Er brachte vier Kinder mit und ohne Hebamme zur Welt.

Jakob löffelte weiter. Die Fettaugen auf dem Gaisburger Marsch schmeckten ihm besonders. Er holte sich die restlichen gebratenen Zwiebeln aus dem Schüsselchen.

Vater legte sich aufs Sofa. Der Glückliche. Sein Schnarchen bildete ein Duett mit den Schreien von Anna Maria.

Jakob schaute sich um. Sein Gedichtband lag auf der Anrichte. Er öffnete ihn, schlug ihn auf und las:

Es gibt so Schönes in der Welt,

Daran du nie dich satt erquickst

Und das dir immer Treue hält

Und das du immer neu erblickst.

Gedichte gaben Jakob eine innere Ruhe. Er warf einen Blick durchs Fenster. Im Hof pickten die Hühner.

Die Küchentür ging auf. Erstaunt bemerkte Jakob die Stille im Haus.

„Gratuliere dir zu deinem ersten Sohn. Er hatte es sehr eilig. Du kannst jetzt zu deiner Frau gehen.“

Die Hebamme wusch sich die Hände. Im Hinausgehen zog sie sich ihren Mantel an.

„Dann, bis zum nächsten Mal.“

Da lag er in Anna Marias Armen: ihr erster Sohn. Die Hebamme hatte ihn in frischgewaschene Tücher gewickelt.

Wilhelm sollte er heißen.

Es schmerzte Jakob, seine Anna Maria so müde zu sehen. Trotzdem lächelte sie ihn an. Vorsichtig streichelte er die Mutter. Dann sah er zum Kind und summte leise: „Es ruhen Schäfchen und Vögelein, schlafe beim silbernen Schein.“

Jahre später, bei Wilhelms Brüdern, Jakoble und Christian, fühlte sich Jakob bereits als erfahrener Vater. Christian brachte er sogar allein zur Welt, weil die Hebamme zu spät kam.

Mongolei 1911

Helenas Ur-Großvater Badambazar

Vom Kampf der Mongolen im Dornod Aimag gegen Chinesen, Geister und oft auch gegen die eigene Schwester

Badambazar war erst acht Jahre alt. Er wollte lesen und schreiben lernen. Vater Chimedbaljirs Freund Wang Tao erzählte ihm viel über die Welt hoch oben am Himmel, auf der Erde und vom Leben im Wasser. Das alles stand in großen Büchern in der Bibliothek des Klosters.

***

Naadam, das Sommerfest ging vorüber. Chimedbaljir hatte sich wie so oft über das Verhalten eines Chinesen aufgeregt. Da kam ihm sein chinesischer Freund Wang Tao gerade recht. Wie jedes Jahr war Wang Tao nach Naadam zu Besuch gekommen. Chimedbaljir liebte es, sich mit dem Freund zu streiten, und schimpfte: „Überall diese Chinesen. Solange die Mongolen denken können, regeln Chinesen die Geschäfte.“

„Nein, im Gegenteil“, entrüstete sich Wang Tao: „Im 13. und im 14. Jahrhundert regierten die

Mongolen sogar als Yuan-Dynastie über ganz China.“

***

Eine Woche später warteten sie vergebens auf Wang Tao. Mutter Narantsetseg kochte eine große Schüssel mit Buuz. Der Freund kam nicht. Vater sorgte sich sehr. Wang Tao ließ sich nie Mutters Buuz entgehen.

Bald wussten sie, warum Wang Tao ausblieb. Ganz aufgeregt stürzte der Nachbar in ihre Jurte. Die Mongolen hätten die Schwäche der Regierung in Peking ausgenutzt und alle Chinesen aus dem Land vertrieben. Wer nicht freiwillig ging, dem wurde nachgeholfen.

Vater ritt sofort in die Stadt. Von einem Klosterarbeiter erfuhr er, dass Wang Tao rechtzeitig über Nacht entkam.

Badambazar hörte den Vater schon von Weitem singen. Keine Chinesen mehr, die die Preise bestimmten. Endlich konnten sie ihre Felle und Milchprodukte frei an die Händler verkaufen.

Doch Badambazar vermisste Wang Tao.

Warum können die Menschen nicht friedlich miteinander leben? fragte sich Badambazar. Ständig kämpften sie. So wie er mit seiner Schwester Suvdaa.

Die Geister schenkten seiner Schwester glänzendes schwarzes Haar. Ihre Wangen zeichneten die Sichel des Mondes nach. Ihre Augen waren wie Mandelkerne. So flüsterte es ihr Cousin Yoldas zu. Aber Suvdaa war erst zwölf Jahre alt und leichtsinnig. Gestern, als sie sich am See ihre Haare kämmte, hörte sie nicht, wie die Mutter kam.

„Oh Unheil,“ rief die Mutter, „was machst du hier. Komm‘ rasch weg. Dir wird Übles geschehen. Die Geister der Spiegel sind böse.“

Suvdaa wehrte sich. Natürlich hätte sie keine Angst vor den Geistern, erzählte sie Badambazar.

Aber der Mutter musste man gehorchen.

Mongolei 1911

Helenas Ur-Großvater Badambazar

Wie Badambazar aus dem Fluss Cherlen im Dornod Aimag einen Riesenfisch angelte

Bevor sich die Sonne über die Berge schob, ritt Badambazar heute mit dem Vater zum Fischen. Schritt für Schritt wagten sie sich über die Sandbänke in den Cherlen.

„Du musst sicher stehen, ehe du dich weiter hineinwagst“, riet Vater.

Die Sandbank gab nach. Badambazars Fuß fühlte keinen Grund mehr. Er setzte ihn wieder zurück. Der Fluss zog an ihm.

Badambazar steckte seinen Köder an die Angel und schleuderte die Leine weit über das Wasser. Sein Vater suchte sich eine Sandbank flussaufwärts. Auch er warf seine Leine. Ruhig floss der Cherlen um sie herum. Die ersten Sonnenstrahlen blitzten über die Berge. Die Wolken schwammen in den Wellen. Badambazar dachte an seine Schwester.

Ein Himmelsspiegel wie bei Suvdaa am See. Dort kämmte sie sich ihre Haare, bis sie als Wasserfall über ihren Rücken flossen.

Heute schlug Suvdaa mit Mutter die Butter. Kein Haarkämmen am See.

Badambazar erschrak. Es zuckte, zog an seiner Leine. Sie zog ihn weiter in den Fluss. Er stemmte seine Füße fest in den Sand. Seine Hände krampften sich um die Angel. „Vater“, kam es aus ihm.

Vater Chimedbaljir sah auf und platschte durchs Wasser zu ihm. „Festhalten, Badam – festhalten – ich komme.”

Fast hätte der Riesenfisch Badambazar ins Wasser gezogen. Chimedbaljir schnappte sich seine Rute. Im letzten Augenblick. Dabei flog Chimedbaljirs Hut davon. Weg. Keine Chance, ihn zu fangen. Was der Fluss erwischte, gab er nicht mehr her. Badambazar sah den Hut um die Biegung verschwinden.

Das Fischmaul schnappte auf und zu. Der Köder verhakte sich immer tiefer in seinen Kiemen. Vaters Gesicht, dunkelrot. Wasser perlte ihm von der Stirn. Badambazar spürte Riesenkräfte in seinen dünnen Armen.

Zu zweit hielten sie die Angel. Nicht loslassen! Hoffentlich hielt die Leine. Stück für Stück gingen sie rückwärts, dem Ufer näher. Der Taimen kämpfte weiter, zog, schlug. Wurde sein Schwanzschlag schwächer?

Da bog sich die Rute bis unter die Wasseroberfläche. Der Fisch tauchte unter. Das unruhige Wasser ließ ihn nur schemenhaft erahnen.

Ein Schlag ins Wasser. Jetzt erst sah Badambazar den Stein in Vaters Hand. Der Kopf des Taimen tauchte auf. Der Riesenfisch hing noch an der Leine. Der ganze Körper bebte, als wollte er seine Schuppen abschütteln - und erstarrte.

Badambazars Arme begannen zu zittern. Er atmete tief ein. Auch Vater rang nach Luft.

Den Fisch, mit dem einen Arm umklammert, hob Vater Chimedbaljir mit dem Messer zuerst die rechte Kiemenplatte an. Mit einem Ruck schnitt er die Kiemenbögen durch. Danach dasselbe auf der linken Seite. Eine Blutspur ergoss sich in den Cherlen und folgte ihm flussabwärts.

Sie verrann zum schmalen Streifen, bevor sie verebbte. Gemeinsam zogen sie den Riesenfisch an Land.

Vater wickelte ihn sorgsam in feuchte Tücher. „Damit er schön frisch bleibt“, erklärte er. Sie banden ihn aufs Pferd.

Eine kalte Böe wehte den Fluss herab. Badambazar bemerkte erst jetzt, dass er fror. Er zitterte. Seine Zähne klapperten. Seine Haare hingen ihm nass ins Gesicht. In seinen Stiefeln gluckste Wasser. Die Hose klebte feucht an seinen Beinen. Sie hing schwer an ihm. Er versuchte, aufs Pferd zu steigen, rutschte ab. Kein Stein lag zum Aufsitzen da. Vater sah seine Not und hob ihn aufs Pferd. Jetzt nur schnell nach Hause.

***

„Oh, Badam. Du bist ja nass wie ein Fisch.“ Seine Schwester saß auf ihrem Bett. Sie entflocht gerade ihren Zopf. „Hast du im Fluss gebadet?“

Schwestern sind eine Last, dachte Badambazar. Er zog sich rasch seine nassen Kleider aus.

„Ich fing heute einen Taimen. Der reicht uns sicher für die ganze Woche“, erwiderte Badambazar. Er fühlte sich groß wie ein Mann.

„Du hast einen Fisch gefangen? Das war wohl Vater.“

„Der Taimen hing an meiner Angel. Frag doch Vater.“

„Das werde ich.“

„Hast du schon die Butter geschlagen, weil du deine Haare offen hast?“

„Es kann dir egal sein, ob ich meine Haare geflochten habe oder nicht.“

„Mich interessiert aber, weshalb du sie offen trägst.“

„Wenn du mich nicht verrätst.“

„Ich kann schweigen wie der Himmel.“

„Vielleicht kommt Vetter Yoldas zu Besuch“, flüsterte Suvdaa. Ihre Augen schimmerten dabei geheimnisvoll.

Deutschland 1916

Helenas Ur-Ur-Großmutter Anna Maria

Warum Anna Marias Sonntage in der Schmiedgasse in Altheim immer ein gutes Ende fanden

„Bekommen wir ein Stück Kartoffel mit Butter?“ Elf Kinder standen mit ihren hungrigen Augen zwischen ihren Müttern.

Wie jeden Sonntag nach dem Gottesdienst saß Anna Maria mit ihren drei Jungen in der Küche ihrer ältesten Schwester Apolonia. Wilhelm war mittlerweile elf Jahre alt, Jakoble zwei Jahre jünger. Der kleine Christian kam erst im letzten Winter vor dem Krieg zur Welt.

Apolonia kochte für die ganze Familie die Kartoffeln für den Salat. Zusammen mit ihren Schwestern Katarina und Maria half Anna Maria beim Schälen.

„Anna Maria, hat Jakob immer noch keinen Fronturlaub bekommen?“

„Nein – aber er hat mir einen wunderschönen Brief geschrieben. Mit der Feldpost.“ Ihr Mann Jakob war schon zwei Jahre im Krieg. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor. „Er hat sein Lieblingsbuch mitgenommen. Daraus hat er mir ein Gedicht abgeschrieben.“

„Ein Gedicht?“

„Die letzte Zeile habe ich auswendig gelernt: Und möge alles rings in nichts versinken, ich lebe und der Liebe Sterne winken!“

„Du bist zu beneiden, Schwester.“ Ob sie wirklich zu beneiden war? Anna Maria dachte an die Schwiegermutter zu Hause. Sie war seltsam geworden, seit Jakob weg war. Stundenlang saß die Großmutter in ihrem Sessel, ohne einen Finger zu rühren.

„Hat die Oma die Socken gestrickt?“ Vor ein paar Tagen brachte Katarina rot-grün melierte Wolle vom Krämer.

Wieder schüttelte Anna Maria den Kopf. „Sie hat das Strickzeug nicht einmal angerührt. Ich setze die Mutter morgens ans Fenster, löffele ihr den Brei und mittags die Suppe. Auch auf den Klo-Stuhl muss ich ihr helfen.“

***

Anna Marias Mutter starb vor acht Jahren. An Herzschwäche sagte der Arzt. Acht Kindern schenkte sie das Leben. Davon wurden mit ihr drei Mädchen und ein Junge groß.

Wenn Anna Maria nur eine Tochter hätte. Sie könnte im Haus Hilfe gebrauchen.

Gestern Abend ging der Hefeteig für den Zopf in der Schüssel hoch. Sie backte ihn mit der letzten Glut. Erschöpft fiel sie ins Bett. Die Schuhe für den Sonntag putzte sie erst am Morgen.

Sie stand stets als Erste auf und ging als Letzte schlafen.

***

„Wir holen am Dienstag das Öhmd, Anna Maria.“

„Ach, du hast das zweite Gras noch nicht in der Scheune?“

„Hast du denn deins zu Hause?“

Apolonia hatte gut reden. Ihr Mann war zu Hause; er hinkte nach einer Verletzung durch einen gefällten Baum.

„Sei froh. Dass dein Martin nicht in den Krieg musste, Apolonia.“

„Das bin ich. Und meine Kinder arbeiten bereits tüchtig mit.“

„Ich will morgen mit meinen Kindern im Tal das Gras für das Öhmd mähen“, erwiderte Anna Maria, „die Tiere brauchen ja im Winter zu fressen.“

„Hast du genügend Holz für den Winter?“

„Es wird bis zum nächsten Jahr reichen. Unser Bruder Johannes füllte mir den Holzschober auf.“ Im Anbau stapelte Anna Maria mit den Jungen die Holzscheite ordentlich bis zur Decke.

Sie band ihr Kopftuch fester. Eine Haarsträhne rutschte ständig heraus und ärgerte Anna Maria.

Endlich duftete der Kartoffelsalat fein nach Zwiebeln und Essig. Die Frauen füllten ihre Schüsseln, um nach Hause zu gehen und mit dem Kochen zu beginnen. Stühle rückten, Mütter riefen nach ihren Kindern. Rasch eilten alle in ihre eigenen Küchen. Anna Maria sah ihren Schwestern nach, drückte Apolonia zum Dank noch die Hand und eilte mit ihren Jungen hinterher.

Sie freute sich auf jeden Sonntag. Dann brauchte sie lediglich die Tiere zu versorgen. Die Schafe fütterte sie draußen. Die Kühe und die Ziegen blieben im Stall.

Nachher, nach dem Essen, würde sich Anna Maria auf das Sofa legen. Danach gab es den leckeren Hefekranz mit einer Tasse Milch. Die letzten Kranzreste noch im Mund begannen die Kinder schon zu zappeln, wie jeden Sonntag. Sie warteten auf das Sonntagnachmittags-Märchen:

Zwerg Kasimirs Weg

Kasimir hüpfte einen Hang hinunter. Der Zwerg sprang über einen großen Stein.

Doch was war das? Beinahe wäre er in der Luft mit einer Elfe zusammen gestoßen.

Ganz kurz sah er rote Augen glühen. Mit einer Flugrolle in die Erika-Sträucher, rettete sich Kasimir vor den scharfen Flügeln.

Er schaute sich um, schüttelte den Kopf. Was suchte eine Elfe hier? Und wohin verschwand sie? Elfen am lichten Tag bedeuteten nichts Gutes.

Das musste er den anderen erzählen. Kasimir spurtete los.

„Wie sehen die Elfen denn aus?“ Die jungen Zwerge streckten sich, um Kasimir zuzuhören:

„Zwei Halme sind die Elfen hoch. Ihre Nase ist wie ein Schwert, lang und scharf. Glasfedern bewegen sich auf ihrem Rücken, wie Schatten aus feinstem perforiertem Stahl mit Zackenrand. Wir Zwerge stören die Elfen besser nicht. Wenn sie zornig werden, trennen die Elfen mit einem Schlag einen Arm oder ein Bein ab; im schlimmsten Fall den Kopf. Dabei sind sie sehr klug. Das Elfenvolk sammelt Weisheiten. Ihre Paläste sind bis unter die Kuppeln mit Schriften gefüllt.“

So sprach Kasimir, stieg von der Kiste und setzte sich auf einen Stein. Sein Kopf sank so tief, dass er in seinem Bart verschwand.

Die jungen Zwerge ließen ihm keine Ruhe.

„Und was wollte die Elfe hier?“ Kasimir hob den Kopf.

„Das weiß ich nicht. Sie reden nicht mehr mit uns.“

„Warum nicht?“

Wenn er diese neugierigen jungen Zwerge ansah, witterte er Morgenluft. „Dann setzt euch und ich erzähle euch von den Tagen vor der großen Unruhe. Damals lebten alle Völker friedlich zusammen. Sie lachten miteinander, erzählten sich Geschichten und tauschten Waren. Jedes Volk half dem anderen. Wir Zwerge sprachen mit den Tieren im Stall und auf der Weide. Wir heilten sie, wenn sie krank waren. Manchmal wurden die Raubtiere zu übermächtig. Da holten wir Zwerge aus unserem Vorrat in Honig und Kräuter eingelegtes Gemüse und lockten die Raubtiere damit zurück in den Wald.“

„Und warum ist das nicht mehr so?“ Der jüngste Zwerg stand direkt vor Kasimir und stupfte ihn mit seinem spitzen kleinen Finger in seine Bauchkugel.

„Daran sind die Menschen schuld. Ihnen geht es besser und besser, aber sie begehren noch mehr. Sie wollen die ganze Welt. Dabei zerstören sie mit ihren Maschinen die Berge, die Täler, die Flüsse und Meere. Sogar sich selbst töten die Menschen.“

„Was ist das für ein übles Volk.“ Der junge Zwerg schüttelte den Kopf. „Wie kann man so dumm sein?“ Er lernte von seiner Mama, dass wer anderen Böses tut, sich selbst am meisten schadet. „Können wir etwas dagegen tun?“ Der Kleine ließ nicht locker.

„Ich weiß es nicht. Die Elfen und wir leben seither tief in den Bergen. Nur manchmal in der Nacht, wenn die Bäume sich leise im Wind bewegen und der Mond die Lichtung erhellt, sieht man die Elfen tanzen. Zu uns kommen sie seit vielen Jahren nicht mehr. Ich möchte wissen, wer die Elfen im Elfenhain störte.“

„Kann uns denn niemand helfen?“

Mit einem Ruck fuhr Kasimir hoch. „Der Einzige, der wüsste was zu tun ist, wäre Johann. Aber er lebt zurückgezogen und will allein sein.“

„Du musst es trotzdem versuchen. Geh‘ zu ihm.“

Er steckte sein Hämmerchen in den Gürtel. „Ich gehe zu ihm.“

Der Boden vibrierte unter ihm, als er losmarschierte. Der Maulwurf zog sich rasch ins Loch zurück.

***

„Was willst du?“ Johann saß am Küchentisch.

„Einen Rat.“

„Lass mich in Ruhe.“

„Es ist ernst. Hör mir zu. Jemand hat die Elfen gestört.“

„Ich weiß. Es sind die Menschen. Sie werden frecher und frecher.“

„Und was können wir dagegen tun?“ Erschöpft ließ sich Kasimir auf einen Stuhl sinken.

Johann wog seinen Kopf hin und her: „Wo die Menschen sind, ist Krieg und Lärm. Ihr Übermut ist grenzenlos.“

„Wer könnte sie zur Vernunft bringen?“

„Einer von uns. Einer mit Mut und Ausdauer müsste es tun. Ich denke, dass du der Elfe begegnet bist, ist ein Zeichen. Du Kasimir bist der Einzige, der die Menschen vor ihrem Untergang schützen kann.“

„Dazu bin ich der falsche Bote. Wer soll das Dorf vor Feinden warnen, wenn ich nicht da bin? Wer meine Familie versorgen?“

„Niemand sonst kann es tun.“

„Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte?“

„Am besten, du fängst dort an, wo du jetzt stehst. Erfolgreich sein, heißt beginnen. Also gehe zu den Menschen. Ergreife dein Hämmerchen. Seit die Welt besteht, gibt es den Zwergen einen besonders starken Willen. Damit kannst du alle überzeugen. Erzähle den Menschen von den alten Zeiten. Erinnere sie daran, dass sie Teil der Natur sind. Lauf los. Das Schicksal wird dich leiten.“

„Und wie soll ich die Menschen zur Vernunft bekehren?“

„Mache den Menschen klar, was ihnen wirklich fehlt. Sie wünschen sich ja keine nutzlosen Dinge, die sie nur kurz erfreuen. Sie suchen die Glückseligkeit. Zeige ihnen mit dem Hämmerchen den Weg, sie zu finden.“

„Ich kenne lediglich den Weg für uns Zwerge. Die Menschen werden mir nicht zuhören.“

„Erwecke ihre Neugier. Zeige ihnen den Brunnen. Sage ihnen, dass die Zwerge seit Generationen dort die Zufriedenheit finden.

„Aber werden sie mir folgen?“

„Du musst zu ihren Königen gehen. Für sie ist der Krieg ein Spiel. Im Frieden langweilen sie sich. Einzig im Streit und im Krieg wähnen sie sich glücklich. Aber danach ist das Glück stets sofort vorbei. Dort am Brunnen werden sie finden, was sie wirklich suchen.“

„So soll es geschehen.“

Kasimir machte sich auf, zu den Königen dieser Welt. Er wanderte weite Wege. Viele der Herrscher waren mitten in ihren Plänen für neue Kriege. Sie fühlten sich gestört.

Erst nach und nach konnte Kasimir sie überzeugen. Zuerst den einen, dann den anderen; mitunter ganz unerwartet, noch einen. Immer wenn Kasimir sein Hämmerchen hob, folgte ihm einer. Und den Königen folgten alle anderen. In langen Prozessionen zogen die Völker zum Brunnen.

Auch heute ist Kasimir noch unterwegs. Bisher fand er nicht den letzten König.

Doch was ist das Geheimnis des Brunnens der Glückseligkeit?

Für jeden Besucher hängt im Inneren des Brunnens ein Schöpfeimer bereit. Lassen die Menschen den Eimer hinab, hören sie in der Ferne das helle Jauchzen und Singen der Elfen. Dann streicht es über ihre Herzen wie ein Hauch. Allmählich ahnen sie etwas von der Schönheit des Lebens. Denn am Grund des Brunnens liegt das Glück und die Schöpfeimer haben keinen Boden.

Deutschland 1917

Helenas Ur-Großvater Christian

Warum Räuber aus der Schmiedgasse in Altheim auch mal eine Ohrfeige einsteckten

„Fertig.“ Jakoble packte seine Schulsachen in den Ranzen. Er war zehn Jahre alt und ging zu den Großen in die Klasse. Sein kleiner Bruder Christian war erst vier. Er trappelte schon von einem Bein aufs andere, so freute er sich auf den Nachmittag mit Jakoble. Mutter Anna Maria hatte heute keine Arbeit für sie, deshalb durften die Brüder draußen spielen.

Christian versuchte, so schnell wie Jakoble zu rennen. Der war auf dem Weg zu seinem Freund Werner. Werner spielte meist den Gendarm. Jakoble und Christian waren die Räuber.

„Ich sehe dich Christian“, rief Werner.

Stets wurde er zuerst gefunden. Christian verzog den Mund. Nein, heulen würde er nicht. Doch auch Jakoble konnte sich noch so gut verstecken; Werner fand ihn ebenso. Also noch mal verschwinden. Christian sah sich um. Er konnte Jakoble nicht entdecken. Wie es wohl hinter der Hecke weiterging?

Christian traute sich nicht nachzuschauen. Es dunkelte schon. Er setzte sich hinter den nächsten Baum. Werner suchte in der anderen Richtung. Aber Werner war ein guter Gendarm. Er fand sie beide.

Oh weh. Sie hatten wieder nicht bemerkt, dass es dunkelte. Bei Dunkelheit sollten sie daheim sein. Mutters Ohrfeigen kannte Jakoble. Er musste ein Vorbild für Christian sein. Mit einem roten Ohr schlurfte Jakoble ins Bett. Christian trabte gleich hinterher. Er wollte den Bruder trösten. Was half heulen? Es war schön im Wald gewesen. Das konnte Mutter nicht wissen. Sie schuftete den ganzen Tag.

Da fiel es Christian ein: „Sei nicht traurig, Jakoble. Übermorgen ist Sonntag. Da erzählt die Mutter wieder ein Märchen.“

Deutschland 1917

Helenas Ur-Großvater Christian

Von Sackmännchen auf einem Altheimer Acker, Strohhütchen auf dem Feld und einem Dreschertanz in der Schmiedgasse

„In den Sommerferien ist Erntezeit. Im Winter leben wir davon“, sagte Mutter Anna Maria. „Heute gehen wir aufs Feld und holen die Grumbeere.“

Auf dem Acker hackte die Mutter jede einzelne Staude um. Jakoble schleppte seinen Korb mit den großen Kartoffeln. „Hier liegen noch welche für dich, Christian.“ Schnell füllte Christian seinen Eimer und eilte Jakoble nach. Sie kippten die Kartoffeln in die Säcke. War einer bis oben hin gefüllt, band Jakoble ihn gut zu. Christian reichte ihm die Schnüre. Er blickte zum Ende des Ackers. Wie Männchen standen die Säcke schnurgerade in der Reihe. Nur noch zwei Köpfe lagen schlaff auf den kugeligen Bäuchen. Wilhelm holte die Ochsen von der Weide und spannte sie vor den Wagen.

Er hob mit Mutter die schweren Säcke auf die Ladefläche. Jakoble schob mit. Christian half ihm dabei.

***

Heute konnten Christian und Jakoble wieder nicht im Wald spielen. Dabei hatten sie sich schon mit ihrem Freund Werner verabredet. Mutter Anna Maria bestimmte, dass das Korn gemäht werden musste. Vater Jakob war immer noch im Krieg. Deshalb schnitt die Mutter mit Christians großem Bruder Wilhelm das Getreide. Denn Wilhelm war schon zwölf Jahre alt.

Jakoble band mit Christians Hilfe die Garben zusammen und stellte sie zum Trocknen aneinander. Die Bündel waren schwer. Christians Arme schmerzten.